aktionstheater ensemble im Werk X: Bürgerliches Trauerspiel – Wann beginnt das Leben

September 30, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Hochkulturgift der heimkehrenden Witwe

Benjamin Vanyek und Thomas Kolle. Bild: Stefan Hauer

„… hat die Mama gesagt“, „… hat auch der Bundeskanzler gesagt“ – ein jedes hat hier seinen sakralen Satz. Ersterer von Thomas Kolle, zweiterer von Benjamin Vanyek wieder und wieder hergebetet. Die Eckpunkte, die Stützpfeiler, der Grundstein, damit klar: die liebe Familie und der heilige Sebastian, beide im Sinne ihrer Schutzbefohlenen bekanntlich Märtyrer, und ihr Hirtenspruch somit wie einer beim Wolfauslassen.

Ein „Bürgerliches Trauerspiel – Wann beginnt das Leben“ haben Martin Gruber und sein aktionstheater ensemble ihre aktuelle Performance genannt, die Uraufführung, durch den #Corona-Lockdown ausgebremst, jetzt endlich im Werk X zu sehen – und tatsächlich hat es die nicht umsonst schnelle Eingreif- genannte -truppe geschafft, ihre im März nahezu fertige Arbeit einen Twist weiterzudrehen. Nicht nur einer Überschuss-Überdruss-Besseren-Gesellschaft wird nun auf den Zahn gefühlt, sondern auch jenem aufkeimenden Quarantäne-Patriotismus, der sich so wenig ins Gute-Menschen-Bild fügen will.

Das aktionstheater ensemble zeigt sich mit diesem Text in würdiger Erbschaft eines Thomas Bernhard, dessen sarkastische Kaskaden die gestrenge Uni-Professorin weiland in die Nähe des bürgerlichen Lachtheaters rückte – „Des sittlichen Bürgers Abendschule“ samt Hausaufgaben. Was es allerdings im Weiteren mit dem Zahnfühlen auf sich hat, ist so schrecklich, dass man’s kaum wiedergeben mag.

Zwischen Sängerin Nadine Abado, Schlagzeuger Alexander Yannilos und Gitarrist Kristian Musser bleibt die Spielfläche leer, bis auf etliche von derart metallenen Gitterschränken, in denen im Orkus der Supermärkte der Zivilisationsmüll entsorgt wird. Auf ganzen Säcken davon, Plastik, schwarz, prallgefüllt, Müll, Gerümpel werden die Spielerin und die Spieler später herumturnen, eingepfercht zwischen den Wänden dessen, was einmal war, doch nicht länger von Wert ist.

Horst Heiss und Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Thomas Kolle und Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Erst aber zieht Thomas Kolle die #Covid19-Linie zum Publikum, zaghaft zunächst, als müsse er sich an die neue Situation herantasten, zwei Spieler sind schließlich Virus-bedingt aus der Produktion ausgestiegen, dann immer dreister: Es wird wieder in die Hände gespuckt, und in der Kalamität hat man s’aktionstheater ensemble selbstverständlich zu begünstigen. Auftritt, nein, es erscheint, nein, hereinschwebt Benjamin Vanyek und spricht:

„Die Bundesregierung hat gesagt, wir müssen gerade jetzt in diesen Zeiten der großen Not die österreichischen Künstler und Künstlerinnen sehr unterstützen. Und jetzt stellen Sie sich mich als Emilia Galotti vor, mit dieser leicht lakonischen Sprache, wie Goethe schon gemeint hat. Und das in dieser Krise jetzt.“ Nicht nur mit der Wunschmätresse des Prinzen Gonzaga will er dem deutschen Verfechter eines „Christentums der Vernunft“ seinen Respekt zollen, sondern auch als dessen Minna – Weihnachtseinkäufe als Gabriele wär‘ auch was.

Vanyek raunzt sich per Vokabeldehnung perfekt durch den Paula-Wessely-Tonfall: Gnääädige Frau, gnääädige Frau …! – Wie? … Ah, Sie sind’s! – Geben Sie mir doch Ihre Pakete! Und schade ist, dass die Nachgeborenen seine „Heimkehr“ zu wenig zu würdigen wissen. Welch ein Komödiant! Wie er ins Kurze Hörbiger’sche Wut-Video kippt. Wir werden froh und glücklich wieder zurückkommen! Da ist gut lachen, Vanyek im Tournürenkleid eine Schwarze Witwe, die ihr Hochkulturgift verspritzt. Doch wie jedem wahrhaft großen Schalk sitzt ihm die Tragik im Nacken. Der Moment wird so persönlich, dass man’s nicht aushält. Die Schneidezähne, beim Bundesheer, Vergewaltigung zum Oralsex, die Prothese als Beweis, die Zahnlücke unfassbare Realität.

Die emotionale Corona-Kurve steigt. Von Sentiment zu Verzweiflung zu Zorn. Vom „gesunden“ Egoismus zum empathischen Wunsch, in einem Wir aufzugehen. Das jedoch nicht jede und jeden mit einschließt. Irgendwo muss man Grenzen ziehen! Mit Liegestühlen bewehrt kreiseln die Sich-selbst-Darsteller um die eigene Achse, mit jeder Drehung mehr Richtung Orientierungslosigkeit, einsam, aufgerieben zwischen Selbstoptimierung – Stichwort: Haare im Hintern rasieren – und der vergeblichen Suche nach einem Gemeinsinn.

Thomas Kolle, Michaela Bilgeri und Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Thomas Kolle, Alexander Yannilos, Horst Heiss, Michaela Bilgeri und Kristian Musser. Bild: Gerhard Breitwieser

Thomas Kolle, Alexander Yannilos, Benjamin Vanyek, Horst Heiss und Michaela Bilgeri. Bild: Gerhard Breitwieser

Thomas Kolle, Alexander Yannilos, Michaela Bilgeri, Benjamin Vanyek und Horst Heiss. Bild: Stefan Hauer

Wie gewohnt und geliebt lässt Martin Gruber banale Alltagssorgen mit den Weltproblemen kollidieren, wie stets schneidet er choreografische Elemente und rauschhafte Musik zwischen die Texte. Nadine Abadas Stimme dabei die der Sehnsucht, Alexander Yannilos verantwortlich für Thomas Kolles Herzschlag-Furor. Er isst keine Tomaten mehr, sagt er, nur noch Saisonales, wegen der Paradeisermafia und der Flüchtlinge, die in Italien als Pflücker ausgebeutet werden. „Gemüse, Heimat, Österreich!“, skandiert Horst Heiss.

Die Leihgabe vom Koproduzenten Landestheater Linz ist in höchstem Maße verantwortlich für den Thomas-Bernhard-Sound. Wie er die Grade des Faschismus in der Regierung misst, das ist Robert-Schuster‘ische Reinkultur. „Die Kunst wird uns retten“, meint einer der Akteure. Alldieweil „die letzte verbliebene Frau“ im High-Speed-Reigen Vollgas gibt, Michaela Bilgeri, einmal mehr entfesselt, über Isolationskochen, ihre Corona-Alkoholliste, und mutmaßlich nie wurde theatralischer ein Rezept für Rindsgulasch dargeboten.

Man tanzt zum Beat, man geht einander auf die Nerven. Die Bilgeri muss zugeben, ihre Seifen-„Sharing forward“-Strategie im Kuba-Urlaub ist obschon exzessiven Rumkonsums gescheitert. Die bürgerliche Trauergemeinde versinkt trotz Fleiß, Verlässlichkeit, Talent und nacktem Kolle-Popo im sozialistischen Nichts. Welch eine Ironie, dass die Heilige Corona, per Foltertod von Diokletian ums Leben gebracht, die Schutzpatronin gegen Seuchen ist. Schwer ist’s, den Gruber’schen freien Assoziationen zu folgen, doch ist man fasziniert von der Fülle an Denkbarem und Weiter-Denkbarem.

Die Generation Zukunftsglauben wird den Wertekatalog der Eltern relaunchen, eine sich als „gerecht“ ausgebende Gesellschaft gegen nationalistische Populisten aufstehen müssen. Doch wer kann, wenn er sich ernsthaft einlässt, weiterspielen? Das aktionstheater ensemble mit seinem gleichzeitig berührenden und lustvoll-kurzweiligen Gesamtkunstwerk! Und die Schwarze Witwe streut Sternenstaub auf die Seelen aller …

aktionstheater.at           werk-x.at

  1. 9. 2020

Werk X: Die Arbeitersaga (Folge 1 & 2)

Dezember 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Drama der Sozialdemokratie als Seniorengroteske

Kämpferische Politaktivistin trifft auf sangesfreudige Gewerkschaftsjugend: Michaela Bilgeri und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Die Sätze, wie sie zum Teil fallen, könnten treffender nicht sein. Ins Herz treffender, denn trotz aller Hetz, die man hat, drängt doch im Hinterkopf der Grant darüber, wie groß sie einmal war, und wie klein sie gehandelt wurde und geredet wird – die „Bewegung“. Dieser sich anzunehmen, der Sozialdemokratie nämlich, hat sich das Werk X anlässlich des Hundert-Jahr-Jubiläums des Roten Wien auf die Fahnen geschrieben. In Tagen, in denen nicht wenige Türkis-Grün als Fake der ersteren und

deren ruckzuck Zappen auf Blau prophezeien, sobald der Strache-Weg bereitet ist, scheint eine Zeitgeschichtsstunde durchaus sinnvoll. Und so nimmt man sich in Meidling, alldieweil die SPÖ trotz Ärztin als Parteichefin auf der ideologischen Intensivstation liegt, Peter Turrinis und Rudi Pallas „Die Arbeitersaga“ vor. Die ORF-Serie der späten Achtzigerjahre als theatrales Mammutprojekt, der Vierteiler auf zwei Abende aufgeteilt, von denen Folge 1 & 2 gestern Premiere hatten. Das sind, fürs Fernsehen führte weiland Dieter Berner Regie, „Das Plakat“ und „Die Verlockung“, ein Streifzug auf roten Spuren von 1945 in die 1960er, dessen Episode eins Helmut Köpping und Episode zwei Kurt Palm in Szene gesetzt haben. Ästhetisch beide Male vollkommen anders gedacht, bleiben doch gemeinsame Eckpunkte.

Die nicht nur Karl und später dessen Sohn Rudi Blaha sind, sondern auch die stete Verzweiflung der „Revolutionären Sozialisten“, sie nach den Februarkämpfen von 1934 tatsächlich und als illegale Gruppe gebildet, mit den bedingungslos kompromissbereiten „Parteireformern“. Die‘s wenig bekümmerte, sich mit Gerade-erst-Gestrigen gemein zu machen – siehe eine Stadt, in der von den Karls zwar der Lueger, nicht aber der Renner vom Ring geräumt wurde. Und so verwandelt sich die Frage des Volks von „Wann hat das alles angefangen, schief zu gehen?“ zu einem „Wer hat uns verraten? Szldmkrtn!“ Das Sozialdrama wird zur skurrilen Groteske, weil wie Marx schrieb, sich alles Weltbedeutende einmal als Tragödie, einmal als Farce ereignet, weshalb Palm die Köppinger’sche Fassung zur schmierenkomödiantischen Farce dreht – im Sinne von: ein Trauerspiel ist der Zustand der SPÖ ohnedies in jedem Fall.

Susi Stach als Trude, Peter Pertusini, Julia Schranz, Johnny Mhanna und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Karl Blaha ist aus dem Krieg zurück: Johnny Mhanna, Peter Pertusini und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Karl mit Olga: Julia Schranz, Peter Pertusini, Susi Stach, Johnny Mhanna und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Thomas Kolle als Projektion, vorne: Julia Schranz, Susi Stach, Peter Pertusini und Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Wie sich die Bilder gleichen, wird dem Publikum mal mittels TV-Ausschnitten vom Maiaufmarsch, mal mit Quizfotos höchst amüsant vor Augen geführt, die Kanzlerparade Vranitzky, Klima, Gusenbauer, Faymann, Kern, und daneben immer: es-kann-nur-einen-geben Michael Häupl. Die Saga beginnt im April 1945, Olga Blaha ist hochschwanger, ihr Mann Karl nach wie vor, da illegaler Sozialist, mit einer Strafkolonne verschollen. Julia Schranz spielt Olga, Peter Pertusini Karl. Susi Stach ist Trude Fiala, die ebenfalls auf die Rückkehr ihres Mannes hofft, während ihr Johnny Mhanna als politisch uninteressierter Albin Roemer den Hof macht, und weil Thomas Kolle in die Rolle von Olgas im Krieg einbeinig geschossenen Bruder Kurt Swoboda schlüpft, ist klar, dass das Ganze sehr körperlich ist.

Die Schauspieler nähern sich der Bewegung über die Bewegung, das Bühnenbild von Daniel Sommergruber gilt es für sie erst zusammenzubasteln, und von Sakkos bis Sporthosen ist rot, rot, rot ihre liebste Farbe. Köpping zeigt das Politische im Privaten wie umgekehrt, die vor kurzem noch Widerstandskämpferin Trude Susi Stachs rechtet mit Kolles Kurt, dem gesinnungsmäßig geweglichen Parteifunktionär, Kolle, der im behänden Tanzschritt „harte Standpunkte“ auflösen will. Zu Recht fühlt sich die Basis gefoppt, „Koalitionen mit rechts werden immer rechts“, sagt Trude. In der Geräuschkulisse von Maschinengewehrsalven läuft Karl ohne vom Fleck zu kommen, aber am Ende doch nach Hause. Mit ihm hat der Flügel der Revolutionären Sozialisten eine Stimme mehr gegen die Sozialdemokraten. „Es sind ja noch gar nicht alle da, viele von uns sind noch im Exil oder im KZ, die müssen wir zurückholen“, sagt die Schranz wieder und wieder.

Ohne gehört zu werden. Zu Karls Fronttrauma kommt Trudes Sicht auf den Tod als Trost, Zukunftsangst wird mit Euphorie übertüncht, Filmszenen werden mit dem Bühnengeschehen überschnitten, etwa, wenn Schranz und Pertusini die Zigarettenreichung von Annette Uhlen an Helmut Berger mitgestalten, da wird die intime Filmsequenz zur kunstreichen Geste. Schön auch, wie das Anfragen bei den Sowjets um Plakatpapier in einer babylonischen Sprachverwirrung gipfelt, Johnny Mhanna, der sich zwischen den Alliiertensprachen Russisch, Englisch, Französisch verrennt – und kein Ausweg nirgendwo. So wird’s nichts mit dem Sozialismus, merkt man bald. Köpping hat den Konflikt der revolutionären und der reformistischen Kräfte in den Mittelpunkt seiner Handlung gerückt, mit heutigen Kommentaren kontrastiert, und um Specials wie eine Live-Kamera aufgepeppt.

Marx‘ Werke wiegen schwer: Michaela Bilgeri, Martina Spitzer und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Mandi und Rudi Blaha studieren die „Bravo“: Florentin Groll und Karl Ferdinand Kratzl. Bild: © Alexander Gotter

Endlich bei Brigitte Bardot: Erika Deutinger, Martina Spitzer, Karl Ferdinand Kratzl und Michaela Bilgeri. Bild: © Alexander Gotter

Tanzen statt debattieren: Bilgeri, Kratzl, Spitzer, Deutinger, Groll und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Sie projiziert die Streitereien überlebensgroß auf die Hinterwand, der „gesunde Opportunist“ Kurt wird als Paktierer mit dem Klassenfeind aus dem Freundeskreis vertrieben, Trude und Albin finden einander beim „Wiener-Blut“-Walzer, und zum Schluss, wenn fertig gewerktätigt ist, werden die überdimensionalen 1.-Mai-Lettern aufgestellt und „Aufmarsch“ nachgeahmt. In alten Wochenschau-Aufnahmen marschiert Schärf samt Gefolge vor Menschenmassen, der Achtstundentag wurde von links eingeführt, von rechts ohne Gegenwehr abgeschafft, und Kurt Palm lässt seine Protagonisten nun polemisieren, die rote Zukunft sei eine tote Zukunft.

Der „Monster“-Autor (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34263) macht die jugendlichen Parteirevolutionäre zum Pensionistenverband, die Senioren im Clinch mit der Gewerkschaftsjugend, die im Klub die selben Räume belegt. Michaela Mandel hat zu den krachbunten Kostümen das Setting mit scheußlicher Siebziger-Jahre-Retrotapete ausgestattet, vom Wort Votivkirche an der Wand blieb nur das CHE, die roten Hoffnungsträger schlurfen mit Rollator oder Rollstuhl übers politische Parkett, und zwar zwecks Erhaltung von dessen Glattheit ausschließlich in „Filzdackerln“. Palm hat mit seiner Krückengroteske dies Biotop auf den Punkt genau getroffen: So geht Sektion! Was Palm vorführt, ist weniger Verballhornung der Wirklichkeit als etliche im Saal glauben, und kongenial sind Karl Ferdinand Kratzl und Florentin Groll als Rudi Blaha und Haberer Mandi.

Deren Liebesgeschichte, denn selbstverständlich gibt’s auch eine, sich um Brigitte Bardot dreht, deren Schwanken zwischen Konsum und Klassenkampf die Regie allerdings gestrichen hat – die Alten schwanken wohl so schon genug. Ein Kabinettstück ist es, wie Groll und Kratzl sich mit Hilfe eines Sexratgebers und der Bravo für die Bardot in Stellung bringen wollen, ein Bodenturnen zu dessen Wie-kommen-wir-wieder-hoch? man sich zu spät Gedanken macht. Die Figur des Fritz Anders hat Palm mit dessen neu erfundener Tochter Jenny überschrieben, Michaela Bilgeri als Phrasen dreschende Filmemacherin, die verbal zwischen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ und „Das sagt man nicht mehr“ changiert, die ergraute Partie darüber verwundert, dass man den „Neger“ Franz nicht mehr, weil böses N-Wort, bei seinem Nachnamen nennen darf.

Das 1.-Mai-Bühnenbild ist zusammengebastelt und steht: Johnny Mhanna, Susi Stach, Thomas Kolle, Peter Pertusini und Julia Schranz. Bild: © Alexander Gotter

„Das wird ja immer absurder“, sagt irgendwann irgendwer, da haben sich die Zuschauer schon schiefgelacht, das Beharren auf politischer Korrektheit wird als Pose entlarvt und zur Posse gemacht, dazu singt der Arbeitersaga-Chor ein gegendertes „Wir sind die ArbeiterInnen von Wien“ oder „Von nun an gings bergab“ oder säuselt „Je t’aime“. Immerhin rollt keine Geringere als Erika Deutinger als Brigitte Bardot durchs Szenario, die „Gitti“, geoutet als Front-National-

Sympathisantin und Islam-Hasserin, die hier Stofftiere füttert und ihren Ennui mit Champagner vertreiben will. Die Deutinger im Glitzerkleidchen ist vom Feinsten, und so auch Martina Spitzer als „Bienenkönigin“ Heddi Prießnitz. Die in ihrem Zitate-Quiz Aussagen von SPÖ-Kanzlern, Vranitzky, Klima, Gusenbauer, Faymann, Kern, als Unwahrheiten enttarnt, bis es nicht mehr verwundert, dass sich der Gemeindebau in FPÖ- und Nichtwähler gespalten hat. Der stolze Proletarier ist nur noch stumpfer Prolet, und während sich unheilige Allianzen bilden, ist jeder vierte Österreicher für einen starken Führer. Zustände sind im Land, die diese Doppelaufführung, diesen Mix aus Überprüfung und Persiflage, Defätismus und Zweckoptimismus dringend notwendig machen.

„Die Arbeitersaga (Folge 1 & 2)“ ist ein Workout für Lachmuskeln und Gehirnzellen. Gut so. Am 16. Jänner haben Folge 3 & 4 Premiere, Regie führen dann Martina Gredler und Bernd Liepold-Mosser.

werk-x.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=0n2zUo-Or6g

  1. 12. 2019

Kosmos Theater: Rule Of Thumb / Daumenregeln

Oktober 10, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Per Anhalter durch die Gesellschaftssatire

Daumen hoch! Claudia Kainberger, Thomas Kolle und Marie Noel. Bild: Bettina Frenzel

Gestartet wird von null auf hundert. Auf einer enorm großen Kinoleinwand überschlägt sich ein Fahrzeug, bis es als zerschundenes Autowrack liegen bleibt, und als müssten sie aus ebendiesem erst hervorkriechen robben nun drei Gestalten durch eine Öffnung in der Wellblechimitatwand. In Bikerhosen oder Mechanikeroverall, mit American-Football- oder Motorradhelm, ihre „Motorisierung“ allerdings nur noch Rollerskates.

Sie sind das Team 47 der „Urban Anhalter“, zwei vom Trio darstellte Frauen aus EU-istan, die sich zwecks Teilnahme an einem Trampwettbewerb auf den gefahrenumwitterten Balkan begeben haben. Die Destination ist Strezimirovci, eine geteilte Stadt an der serbisch-bulgarischen Grenze. „Rule Of Thumb / Daumenregeln“ heißt das Stück der in Belgrad geborenen Dramatikerin Iva Brdar, das Film- und Bühnenregisseurin Nina Kusturica gestern im Kosmos Theater zur österreichischen Erstaufführung brachte, der Titel des Textes ein Hinweis auf die Fight-Club-mäßigen Regeln, die man sich für das Rennen gegeben hat. „Was im Auto passiert, bleibt im Auto“ und, dass es gelte, ohne Geld oder Telefon zu reisen, nur bei Personen einzusteigen, die auf das „Auswerfen“ des Daumens reagiert hätten – und als einzige Waffe ein entwaffnendes Lächeln einzusetzen. Oder einen Stein von der Straße. Diese Vorschrift wird später – siehe Car Crash – von Bedeutung sein.

Kusturicas hochtourige Inszenierung passt perfekt auf Brdars schräghumoriges Roadmovie, das durch die Virtuosität der Schauspieler im Rollkunstlauf eine nahezu sinnliche Körperlichkeit bekommt. Wie sie auf ihren Wheels tänzeln, ist wie von Axel und Rittberger erfunden, eine Bravourleistung zwischen anmutigem Angasen und verwegenem Fullstop. Claudia Kainberger, Thomas Kolle und Marie Noel spielen die Praktikantin aus der Fertigsuppenfabrik und die Youtube-Influencerin, Ana und Monika, und alle die mal mehr, mal weniger sinistren Typen, mit denen sie auf ihrem Trip zusammenstoßen. Wobei sie sozusagen im sechsten Gang von Figur zu Figur switchen.

Der Kaufzwang für Kochtöpfe wird mit Gewalt durchgesetzt: Thomas Kolle und Claudia Kainberger. Bild: Bettina Frenzel

Kidnapping eines Polizisten: Marie Noel, Claudia Kainberger und „im Kofferraum“ Thomas Kolle. Bild: Bettina Frenzel

Genregerecht besteht die Handlung zunächst aus den Begegnungen der Protagonistinnen mit ihren Mitfahrgelegenheiten. Da ist der in seinem Wagen hausende Sonderling/Kainberger, der Ana und Monika/Noel und Kolle mit der Route droht, sollten sie ihm nicht ein komplettes Kochgeschirr abnehmen. Eine brenzlige Situation, in der der Begriff Kaufzwang wörtlich zu nehmen ist. Da ist der vorgeblich freundliche Mann/Noel, der sich als Erfolgsrezept fürs Überwechseln in ein EU-Land das Heiraten auserkoren hat. Weshalb er „Gutmensch“ Monika/Kolle kurzentschlossen aufs Standesamt führt, bevor er sich für immer vertschüsst.

Zu den berührendsten Szenen des Abends gehört ein Stehblues auf Skates von Noel und Kolle, der fast schon Skating-Sex ist, zu den bissigsten, wie Ana/Kainberger dem Mann punkto gelungenem Bewerbungsgespräch auf die Sprünge hilft – „Wie sind Ihre Gehaltsvorstellungen?“ –„Ich habe keine.“ – „Bravo, so ist es richtig!“ Vom ersten Blick zum genauen Hinschauen verwandelt sich „Rule Of Thumb“ vom surrealen Spaß in eine hinterlistige Gesellschaftssatire, die topaktuell und schwer politisch Themen von Kapitalismus über Konsumrausch bis Krise des Gesundheitssystems, von Gentrifizierung über Erwerbslosigkeit bis neoliberaler Selbstoptimierung aufs Korn nimmt. Seine Fake-Braut Monika wolle, statt ständig auf das Greifen „globaler Lösungen“ zu warten, endlich „im Kleinen etwas bewirken“, also einem Migranten per Eheversprechen helfen, sagt Kolle an einer Stelle. Und man weiß nicht, ob Iva Brdar so einen Satz empathisch oder zynisch oder gar empazynisch meint.

Auf Anas und Monikas Etappen ereignen sich jedenfalls Dinge, so radikal jenseitig, dass sie jenseits ihrer Erwartungshaltungen an diese Expedition ins Unbekannte liegen. Als ideal gedachte Lebensentwürfe prallen auf die diese vernichtende Realität, aus Abenteuerlust wird Überlebenskampf. Der Schlagbaum zwischen dem „Ich“ und den „Anderen“ hebt sich bei dieser Odyssee durch Südosteuropa nicht. Zu den seltsam poetischen, eindringlich-suggestiven Filmbildern von staubigen Überlandstraßen, Einöden und endzeitlichen Industrieruinen singt Rana Farahani aka Fauna ihre Ohrenschmeichlersongs und Marie Noel Jacques Brels „Ne me quitte pas“ für einen von einem Lastwagen totgefahrenen, dennoch zu ihr sprechenden Hund.

Marie Noel singt Jacques Brels „Ne me quitte pas“. Bild: Bettina Frenzel

Die Gewaltspirale dreht sich schneller und schneller. Aus Ana und Monika werden eine Art „Thelma & Louise“, wenn sie schließlich in Ermangelung eines brauchbareren fahrbaren Untersatzes ein Polizeiauto klauen, und den dazugehörigen Gesetzeshüter im Kofferraum verstauen. Und weil in Brdars Hitchhikerinnen auch eine Spur Hitchcock steckt, kulminiert „Rule Of Thumb“ in einer spooky Schusssequenz. Auf Film sind die beiden Frauen/Noel und Kainberger im PKW eines daumenlosen

(Achtung: symbolträchtig!) Mannes/Kolle zu sehen, der sich den Finger aus Protest gegen schlechte Arbeitsbedingungen abgeschnitten hat. Bald werden Ana und Monika vergeblich versuchen, aus dem Wagen dieses offenbar Wahnsinnigen wieder auszusteigen, bald wird Milch und Blut durchs Auto schwappen – und laut Regelwerk ein Stein seinen Einsatz haben. Womit das Ende gleichzeitig der Anfang wäre.

In Nina Kusturicas gewitzter Arbeit wird Iva Brdars Tortour durch Serbien zum Fanal wegen Ignoranz, Intoleranz, EU-Arroganz und selbstverliehenes Elitentum. Schließlich im Ziel eingelangt, erwartet die Siegerinnen – nichts … Dass der Autorin durchaus ernstzunehmendes Bild eines Europas, dessen West und Ost unter Schmerzen am Zusammenhalt laborieren, nicht zu gewichtig, eindrücklich, aber nicht drückend daherkommt, ist maßgeblich auch den Darstellern zu danken, die mit Verve und Leichtigkeit und Mut zu Rollentausch wie Rollerskates ins Spiel gehen. „Rule Of Thumb“ im Kosmos Theater ist ein gelungener Auftakt der Jubiläumssaison zum zwanzigjährigen Bestehen des „Frauenraums“.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=yVlvfvfqi9k           kosmostheater.at

  1. 10. 2019

aktionstheater ensemble: Wie geht es weiter – Die gelähmte Zivilgesellschaft

Juni 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alles ein Riesenthema bei uns

Michaela Bilgeri als professionelle Pflegeheimstreichlerin; mit Andreas Jähnert, Fabian Schiffkorn, Benjamin Vanyek, Thomas Kolle und Maria Fliri. Bild: Gerhard Breitwieser

Genug ist genug. Das muss Michaela Bilgeri eingangs kurz festhalten. Und mit dem nächsten Atemzug zugeben, dass, wann immer sie sich das sagt, sie denkt – ein bissl was ginge noch … Mit derart viel Verve, Wahnsinn und Wollust, wie hier die Bilgeri, muss man sich erst einmal auf eine Spielfläche stellen und „davon“ erzählen, denn, nein, ihr geht es nicht etwa um Innenpolitik, sondern eher Innenschau, sprich: Selbstbefriedigung. „Bis ich 23 war, habe ich nie masturbiert,“ erklärt sie.

Und auch den nützlichen Ersatzeinsatz des Turnseils in der Schulsporthalle. Die schnelle Eingreiftruppe für so messerscharfe wie amüsante wie empathische Daseinsanalysen macht dieser Tage Station im Wiener Werk X. Zum sagenhaften 30-Jahr-Jubiläum hat Martin Gruber mit seinem aktionstheater ensemble die Inszenierung „Wie geht es weiter – Die gelähmte Zivilgesellschaft“ erarbeitet, zustande gekommen wie stets als die Essenz von Erlebtem und Erfühltem seiner Darsteller, diesmal Michaela Bilgeri, Maria Fliri, Andreas Jähnert, Thomas Kolle, Fabian Schiffkorn und Benjamin Vanyek. Die nun da stehen, die weiße Weste, äh Wäsche, nicht ganz sauber, darüber können auch die Spitzenshirts und die Sneakersöckchen nicht hinwegtäuschen, um zu berichten, dass es gegen ein übermächtiges, unübersichtliches Draußen wohl besser sei, man bleibe ganz drin bei sich.

So wohl lässt sich der aktionstheater’sche Ansatz interpretieren, die Generation nach BoBo zu zeigen, die Bohemian Bourgeois, die ihren Kindern wenig mitgegeben hat, außer Sinn für Stil und reflektierten Spaß am Konsum. Wenn auch die Fridays For Future Hoffnung schöpfen lassen, aber wie Bilgeri, die professionelle Pflegeheimstreichlerin, die gern zeigt, wie’s geht, aufzählt, was alles anliegt, „Umweltschutz ist ein Riesenthema bei uns. Soziale Gerechtigkeit ist ein Riesenthema bei uns. Afrika ist ein Riesenthema bei uns …“, ist nur menschlich, dass aus dem Schöpfen allzu schnell ein Erschöpfen werden kann. Zwischen diesen Polen mäandert die Produktion. Den Stimmungen nachzuspüren, die zum Status Quo geführt haben, und als solche eine Metapher mit hohem Wieder- und Selbsterkennungswert, mit Übertragungsmöglichkeit auf die EU, das Nord-Süd-Gefälle und den Culture Clash zu sein.

Wut im Wohnungsamt: Benjamin Vanyek; mit Andreas Jähnert, Fabian Schiffkorn, Thomas Kolle und Michaela Bilgeri. Bild: Gerhard Breitwieser

Über Selbstbefriedigung am Turnseil: Michaela Bilgeri mit Benjamin Vanyek und Thomas Kolle. Bild: Gerhard Breitwieser

Verhandelt werden: Der Groll aufs weltverbesserische Kaufverhalten, weil Noisetteschokolade allemal besser schmeckt als Fairtrade, wie Benjamin Vanyek erbittert kauend unter Beweis stellt. Die schöne österreichische Kultur, für die sich sogar die Söckchen in Ballettschuhe verzaubern. Die Vorteile des Ballen- gegenüber des Fersengangs, den Andreas Jähnert vorführt. Versus Maria Fliris kämpferischem Ruf nach „Jetzt erst recht! Neuer Stil! Hula Hoop!“ und Fabian Schiffkorns ängstlicher Frage nach dem Verbleib der Mitte.

Das träge Volk, wie’s neuerdings gern genannt wird, in Hinblick auf das Wahl- davor, hat sich scheint’s auf Nebenschauplätzen eingerichtet. Setzt auf Selbstbespiegelung statt Zivilcourage, und wunderbar ist es, wie Thomas Kolle staubt, klopft ihm einer auf den Rücken. Zack! Zack! Zack! hat er Lösungen parat. Ein spitzbübisches Rich Kid, das seine Eltern zu immensen Ausgaben veranlasst. Im gewollten Dunkel bleibt der fulminante Sänger Pete Simpson, eine Fleisch gewordene Paraphrase aufs Gesagte, einer durchkomponierten Textcollage, die Sprache zu Melodie und Rhythmus eint, Simpson, der mit seiner R’n’B-Stimme Schuberts „Nacht und Träume“ interpretiert.

Und der in den Höhen betörend sphärisch nach Jimmy Somerville klingt. Definitiv ist der gebürtige Brite ein Highlight des Ganzen. „Alle tun so, als würden sie etwas tun, aber sie tun es nicht“, ist der Fazitsatz der Uraufführung. Für die Gruber auch diesmal minimalistische Bewegungschoreographien erdacht hat, angedeutete Tanzschritte, unterstützt durch ein Spiel mit Autoreifen, das die insistierende Wiederholung von Phrasen und Behauptungen begleitet. „Wie geht es weiter“ ist nach den Worten Martin Grubers „der Versuch, eine Gesellschaft zwischen Saturiertheit und Prekariat zu skizzieren, deren Leidensdruck noch zu gering ist, um gegen gefährlich infantilen Rechtspopulismus und Nationalismus aufzubegehren“. Im Gespräch mit mottingers-meinung.at fordert er den „Mut, ein Drittes zu denken“: „Nicht Ideologien, sondern Haltung wird uns weiterbringen“ (das ganze Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=30322).

Reifenchoreografie mit Noisettegeschmack: Thomas Kolle, Andreas Jähnert, Fabian Schiffkorn, Maria Fliri, Michaela Bilgeri und Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

In diese Atmosphäre versetzt Gruber mit der eindrücklichsten Szene des Abends, Stichwort: heißes Eisen Immobilienmarkt. Während also Maria Fliri als Hausbesitzerin über das Unbill eines solchen jammert, ihr Scheitern an unbeschädigt weißen Sockelleisten eine einzige linksliberale Wohlstandsverirrung, versucht Benjamin Vanyek seiner Delogierung dadurch zu entrinnen, dass er ihr den Mietvertrag für eine ihrer leerstehenden Wohnungen abschwatzt. Vergebens.

Da wandelt sich der Akteur in einer Erinnerungssequenz in seine Mutter und anverwandelt sich deren breites Wienerisch. Auch sie war in der Situation, und es folgt ein Wutausbruch auf dem Wohnungsamt: „Waun Sie mi mit meine vier Kinda aussehaun, daun …“ Übers eigene Prosperitätstrauma und das „Wie geht es weiter“ lässt sich hernach bei einem Glas Wein trefflich philosophieren. Im Sinne von: sich mit Gott und der Welt, aber nicht mit wirklich Wichtigem beschäftigen. Weil sich die Bilder gleichen.

aktionstheater.at           werk-x.at

  1. 6. 2019

Theater Nestroyhof Hamakom: Falsch

März 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dämonischer Totentanz im dichten Theaternebel

Im Wortsinn eine Familienaufstellung: Barbara Gassner, Jakob Schneider, Florentin Groll, Katalin Zsigmondy, Thomas Kolle, Franz Xaver Zach und Marlene Hauser. Bild: © Marcel Köhler

Die Atmosphäre beim Eintritt in den Spielort – gespenstisch. Finsternis, die Schauspieler nur Schemen, dichte Nebelschwaden wabern durch den Raum, so dass die Zuschauertribüne fast nicht zu finden ist, also auf!, unsicheren Schrittes, denn der symbolisch ausgebreitete Ascheboden ist weich und uneben … Später werden Neonstäbe das Spiel erhellen, doch kein Licht ins Dunkel bringen, denn die Geschichte, die hier erzählt wird, hat sich vorgenommen, enigmatisch zu bleiben.

„Falsch“ heißt das Stück des jüdisch-belgischen Autors René Kalisky, geschrieben 1980, ein Jahr bevor er jung an Lungenkrebs starb, und es ist das unschätzbare Verdienst von Hausherr Frederic Lion diese wichtige Stimme für Wien wiederentdeckt zu haben. Dass er „Falsch“ im Theater Nestroyhof Hamakom als österreichische Erstaufführung zeigt, ist kaum zu glauben, und dennoch; in Frankreich haben die Brüder Dardenne den Stoff bereits 1986 verfilmt. Kalisky, Sohn eines in Auschwitz ermordeten Vaters, entwirft hier ein surreales Szenario, Untote, die im Hamakom durch den von Andreas Braito geschaffenen Raum geistern, um das letzte gelebt habende Familienmitglied in ihren Kreis aufzunehmen.

Dieses heimgekehrte „Kind“, Josef, Joe, stürzt in New York aufs harte Pflaster, ob das Folgende Komatraum oder schon das Sterben ist, entschlüsselt sich nicht, hält Kalisky in seinen hybriden Welten doch an der Nichtendgültigkeit des Todes fest, ein Trauma erleidet Joe jedenfalls – denn als er aufwacht, in einer Nicht-Zeit, an einem Nicht-Ort, ist er umringt von der Verwandtschaft, die ihm bescheidet, es sei Berlin 1938. In einer dämonischen Tanzbar, mit Tomas Kolle an den Turntables, entwickelt sich nun eine erbarmungslose Generalabrechnung über Schuld und den Schutt verblasster Erinnerungen und die Realitätsverweigerung derer, die „vergessen, was sie vergessen wollen“.

Die Tante als Vaters Geliebte, die Mutter hat’s immer gewusst: Barbara Gassner und Florentin Groll. Bild: © Marcel Köhler

Die Brüder Joe und Gustav sind sich uneins in ihren Erinnerungen: Franz Xaver Zach und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

Frederic Lion, zurückhaltend im szenischen Zugriff, hat Kaliskys großangelegtes Werk klug auf seine Essenz reduziert, hat den poetisch-brutalen Text in der ihm typischen Sprödheit inszeniert, ohne Schmus, ohne Sentiment, weil er immer dort, wo dies möglich gewesen wäre, auf Distanz zum Geschehen geht – doch gerade dadurch schafft er Momente einer Zerbrechlichkeit, eine Dünnhäutigkeit, ein Erspüren-Können von Vernichtung, das berührt und betroffen macht. Die sich versammelt haben, und nomen est omen, sind „die Falschs, die in die Geschichte des Jahrhunderts mehr tot als lebend eingegangen sind“:

Vater Jakob (Florentin Groll), Mutter Rachel (Katalin Zsigmondy), Tante Minna (Barbara Gassner), die in den Konzentrationslagern gestorben sind. Die beiden Brüder Georg und Gustav (Jakob Schneider und Thomas Kamper), die 1938 mit Joe (Franz Xaver Zach) nach New York emigriert waren, der jüngste, Benjamin (Thomas Kolle), der ebenfalls ermordet wurde. Und auch Lilli (Marlene Hauser) hat sich eingefunden, Joes Jugendliebe, die bei der Bombardierung Berlins umgekommen ist. Im Zwischenreich des Nachtlokals hat man nun beschlossen, einander die Wahrheiten – oder was man dafür hält – zu sagen.

Übers „Desertieren“ aus Deutschland, übers Überleben in Tagen, als in Berlin statt der Linden die Wachtürme die Schatten geworfen haben, übers Nicht-Leben-Können zwischen judenrein und „Juden raus!“. Zentraler Vorwurf: Warum hat der Vater damals nicht zum Aufbruch gedrängt? Warum wurden daher so viele in der Familie Opfer des Holocausts? „Das Kind liebte eine Deutsche. Der Vater liebte Deutschland“, ist die schlichte Begründung, einer der zahlreichen bemerkenswerten Sätze, die sich in „Falsch“ finden. „Wenn man den Kopf verliert, kommt die Seele zum Vorschein“, lautet ein anderer. Minnas Liebesaffäre zu Jakob wird aufgedeckt, die immer noch währende Eifersucht Rachels, Bens Verbitterung, wenn er den Brüdern aus den USA entgegenschreit „Ihr stinkt nach Leben!“, die Tatsache, dass Gustav, der so gern ein Broadway-Star geworden wäre, nur Wehrmachtsoffizier im Film sein durfte. Dies dafür 45 Mal.

Das letzte gemeinsame Sabbatfest eskaliert auch in der Wiederholung: Thomas Kolle, Marlene Hauser, Jakob Schneider und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

Und während das letzte gemeinsame Sabbatfest wiederholt wird, Rachel Lilly als Nazi-Kind beschimpft und sogar posthum von der Tafel verstößt, die Existenzen in Übersee sind als mit Kokain und im Hudson River beendet entpuppen, hält das großartige Ensemble bei seiner Darstellung der Falschs wunderbar die Waage zwischen absurd, abstrakt und abgrundtief zärtlich zueinander. Gewalt und deren Schilderung folgt auf grausame Vorwürfe folgen auf grenzenlose Liebe.

In ihrem Nachruf schrieb LeMonde über Kalisky „alles ist Ironie, clownesk, großes metaphysisches Konzert in dieser unvollendeten Arbeit, die er uns hinterlässt“. Dem ist angesichts des Abends im Hamakom nichts hinzuzufügen, außer, wie beeindruckend er ist, zu Zeiten, da der Begriff Erinnerungskultur immer mehr zum bizarr-populistischen Modewort wird.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=dCBtQl8nGz0

www.hamakom.at

  1. 3. 2019