Burgtheater: Ingolstadt

September 5, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Die Wasserschlacht der jungen Wilden

Jan Bülow, Tilman Tuppy und Lukas Vogelsang. Bild: © Matthias Horn

„Ingolstadt“ in der Inszenierung von Ivo van Hove ist von den Salzburger Festspielen ans Burgtheater übersiedelt, und liest man die Rezensionen von der Perner-Insel, waren die KollegInnen entweder in einer anderen Aufführung oder es wurde an dieser im August noch intensiv gearbeitet. Selten jedenfalls sieht man scheinbar somnambule Schattengeschöpfe zu solch Scheusalen mutieren und derart unvermittelt in Gewalt ausbrechen, dass es beim Betrachtenden ein geradezu körperliches Unwohlsein auslöst. Ein enthemmter Totschlag, ein grausames Waterboarding, die unerbittlichen Vergewaltigungen – und das alles sehr sorgsam in Szene gesetzt.

Auf emotionale Implosion folgt die Explosion, man spürt die vom kalten, katholischen Generalgewissen diktierte Scham, die Sehnsucht, sich aus einer fatalen Herkunft emporzuziehen, spürt das vorprogrammierte Scheitern, die Wut im Bauch mit voller Wucht am eigenen Leib. Zur Wasserschlacht der jungen Wilden gilt es fünf neue Ensemblemitglieder zu begrüßen: Dagna Litzenberger Vinet als Alma, Maximilian Pulst als Korl, Jonas Hackmann als Fabian, Lukas

Vogelsang als Christian und Julian von Hansemann als Rosskopf – und wer fragt, wie sich dieser Figurenreigen ineinanderfügt: Nun, Koen Tachelet hat Marieluise Fleißers Stücke „Fegefeuer in Ingolstadt“ und „Pioniere in Ingolstadt“ zu einem gemacht, das erste aus dem Jahr 1924 von der Kritik hochgelobt, Fleißers Debütschauspiel über das Rudelgesetz unter Gymnasiasten und deren Umgang mit Ausgestoßenen, das zweite 1929 von Bert Brecht erzwungen und „bearbeitet“, weil sie den Ton hatte, den er nicht finden konnte, weil er sich via Theaterskandal einen Namen als Rebell und Erneuerer machen wollte.

Toxische Männlichkeit allüberall – von der Entstehungsgeschichte des Werks bis zum Inhalt der „Komödie“: Küstriner Soldaten sind für den Bau einer Holzbrücke in Ingolstadt stationiert, was die Dienstmädchen Berta und Alma auf Liebespfaden wandeln lässt, wobei die Almas durchaus ins Professionelle führen. Das Ineinander-Fließen-Lassen der beiden Texte wirkt dank Tachelet bemerkenswert selbstverständlich und vollkommen logisch. In dichten Dialogen erzählt er tatsächlich beide Stücke parallel. Szenen werden wechselweise gespielt und bleiben überwiegend im Original. Gelegentlich greift sogar das Personal des einen Stücks in das andere ein. Der harte Kerl Peps ist ein Kumpel vom mit seinem Vater hadernden Elegiebürscherl Fabian und beide per Outfit ausgewiesen als Provinz-Rocker, Olga kann sich nur mit letzter Kraft vor den sexhungrigen Pionieren retten, der sinistre, undurchschaubare Protasius taucht mal in der Gruppe auf, mal in jener unter.

Für diese dysfunktionale Gesellschaft, in der Verschlossenheit und Verstocktheit die Verletzlichkeit kaschieren, hat Bühnenbildner Jan Versweyveld eine Wasserlandschaft mit gefährlichen Tiefen zum Ertrinken und Ertränken erdacht („Fegefeuer“ sollte ursprünglich „Die Fußwaschung“ heißen), dazwischen kleine Inseln, darüber bunte Lichterketten wie beim immerwährenden Volksfest, an drei Seiten Weltspiegelwände, manchmal auch eine Leinwand für Videoprojektionen und giftgrüner Nebel, dazu Türme mit Megafonen, die unangenehm an Lager erinnern, ein Nährboden für Feinseligkeiten, ein Flickwerk aus Hindernissen und Abgründen. Zum Beginn im Sonnenuntergang sagen alle brav knieend das Glaubensbekenntnis auf, zum Schluss das Vater unser, dazu dezent irrlichternde Choräle.

Der Abend beginnt mit der von Peps schwangeren Olga, Marie-Luise Stockinger ruppig und Tilman Tuppy rabiat, die bei der Engelmacherin schnell das Weite gesucht hat. Das wiederum hat der, weil er einem Hund die Augen ausgestochen hat, von der Schule expedierte Roelle gesehen, der Love Interest Olga nun mit seinem Wissen über den „Widersacher“ in ihrem Uterus (so Olga über den Fötus) zu erpressen sucht. Roelle hält sich selbst für einen Heiligen, erzählt leider den falschen Leuten, dass ihn die Engel besuchen, weshalb er hier nicht von den Mitschülern, sondern von den Pionieren gefoltert wird – und Jan Bülow ist grandios als creepy Schmerzensmann, der die Augen bis zum nur noch Weißen verdreht, wenn die himmelschreiende Ungerechtigkeit ihn demütigt.

Lukas Zach, Julian von Hansemann, Oliver Nägele, Etienne Halsdorf und Marie-Luise Stockinger. Bild: © Matthias Horn

Der Schmerzensmann und seine Mater dolorosa: Jan Bülow und Elisabeth Augustin. Bild: © Matthias Horn

Jan Bülow, Rainer Galke als mysteriöser Protasius und Marie-Luise Stockinger. Bild: © Matthias Horn

Marie-Luise Stockinger, Pioniere (M.: Gunther Eckes) und Dagna Litzenberger Vinet. Bild: © Matthias Horn

Nicht weniger durchdringend die nächste Niedertracht, diesmal die von Maximilian Pulst als Pionier Korl Lettner, dem sich die Berta von Lilith Häßle an den Hals wirft, obwohl die jungfräuliche Hausgehilfen nach dem Willen des Hausherrn eigentlich Fabrikantensohn Fabian Unertl, so sensibel wie gereizt: Jonas Hackmann, zum Mann machen soll. Korl warnt Berta vor wahrer Liebe: „Da kann ich bös sein, wenn eine gut zu mir ist. Die Frau wird von mir am Boden zerstört, verstehst.“ Und so geschieht es auch.

In den Ingolstädter Stücken spielen drei Machtstrukturen eine Rolle: Hier die subtileren von Patriarchat und Kirche als Beschleuniger der Katastrophe, dort die durchschaubare, aber nicht minder wirkungsvolle Hierarchie des Militärs. Zwei Systeme, zwei Mal Zwangsjacken. Sie dominieren das soziale Leben und verlangen Unterwerfung für die sittliche Säuberung und den Schutz, den sie dadurch bieten. Im fliegenden Wechsel der Allianzen, zwischen all den imaginiert-seelischen und tatsächlich messerscharf gezückten Waffen findet niemand seinen Platz. Fleißer will das nicht analysieren, sie will zeigen, wie sogenannte moralische Richtlinien eine Gemeinschaft wie mit Säure zersetzen, wenn der einzelne den Geboten und Verboten nicht standhalten kann. Tachelet und van Hove folgen der Dramatikerin auf diesem Weg – oder um den ihr so unlieb gewordenen Brecht zu bemühen: der Vorhang zu und alle Fragen offen.

„Alma“ Dagna Litzenberger Vinet versucht sich als Nachwuchs-Prostituierte, um der modernen Sklaverei einer Dienstmagd in die fragwürdige „Freiheit“ zu entschlüpfen, wird vom großartig von Gunther Eckes verkörperten Münsterer und vom Rosskopf des Julian von Hansemann bedrängt, schließlich vom Feldwebel genommen und ausgenommen. Der Druck steige immer von oben nach unten, vom General zum Major zum Hauptmann, „je mehr nach unten, desto reißender wird der Zorn, desto mehr wirkt er sich aus“, hält der lapidar fest und kommandiert ein „Rechts um!“ Bierzeltstimmung, aktuelle Wahlkampf-Atmosphäre herrscht im Menschenzirkus der Monstrositäten, der Wutbürger und Verschwörungstheoretiker. Beunruhigend ist das: Der Wiedergänger Ingolstadt ist immer und überall – beim ersten Mal dauerte der Albtraum Jahre, binner derer man hierzulande und beim Nachbarn diese dreckig-gärende Brühe auschwitzen musste.

Lili Winderlich und Lukas Vogelsang. Bild: © Matthias Horn

Maximilian Pulst und Lilith Häßle. Bild: © Matthias Horn

Jonas Hackmann und Dagna Litzenberger Vinet. Bild: © Matthias Horn

Die Jungs, die Gang um Peps und Fabian, dabei auch Lukas Vogelsang als Olgas Bruder Christian, klaut der Armee Holz für die Ausbesserung des eigenen Badestegs, der Feldwebel beschuldigt Korl und seine Mannen, der will aus Roelle-Pendant Fabian ein Geständnis erpressen. „Das alles geht dich gar nichts an“, erläutert der brutal auftrumpfende Münsterer seinem Opfer. „Aber das wär grad für dich was, und dass lass ich jetzt an dir aus.“ Die einzige Funktion von Gewalt besteht darin, sie weiterzugeben. Alldieweil dämmert der auf Olga eifersüchtigen Clementine, Lili Winderlich mit Vernaderer-Gen, dass das Schicksal der Schwester nichts weniger als die Ächtung durch die Gemeinde bedeutet.

Währenddessen schauen die Pioniere dem verhassten, weil seine Macht missbrauchenden Feldwebel beim Untergang in den Donaufluten zu. Als dieser Kommisskopf brilliert Oliver Nägele, sowie als Olgas Vater Berotter, der sich vor den Befindlichkeiten seiner Kinder in Ohnmachten rettet, und als Geschäftsmann Unertl, der mit dem selber früher oft gehörten Satz, die neue Generation wisse gar nicht wie gut’s ihr gehe, die Meinung der Altvorderen in Ingolstadt zusammenfasst. Zu diesen gehört auch die famose Elisabeth Augustin als Roelles Mutter, eine ihn unterdrückende, ihn dirigieren wollende Mater dolorosa. Die Szenen zwischen Augustin und Bülow gehören mit zu den besten, ebenso die Erscheinungen von Rainer Galke als Agent Provocateur Protasius, der den „vom Teufel besessenen“ Roelle einem Doktor überantworten will – und honi soit, der da an einen mit den Initialen J.M. denkt.

Weder Tachelet noch van Hove haben aus dem Blick verloren, dass Fleißer aus weiblicher Perspektive erzählt – und sie haben dafür die richtigen Mitstreiterinnen. Dagna Litzenberger Vinet, Lilith Häßle, Lili Winderlich und Marie-Luise Stockinger fegen mit ihrem psychischen wie physischem Leid, ihrer Verachtung, ihrer Wucht, ihrem Trotz, ihrer sprachlichen Präzision alle an die Wand. Und doch finden sie kein Glück. Das ist die bitter-ernüchternde Wahrheit von „Ingolstadt“. Zum Ende seiner emphatisch-energetischen Schauspielleistungen stellt sich das Ensemble im Gegenlicht zum Chor auf. „Ein Lied!“ fordert der nächste Feldwebel, der in Gestalt von Oliver Nägele der alte ist. Und die Meute singt:

Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel
Weil wir so brav sind, weil wir so brav sind
Das sieht selbst der Petrus ein
Er sagt: „Ich lass‘ gern euch rein“
Ihr ward auf Erden schon die reinsten Engelein …

Teaser: www.youtube.com/watch?v=K4mJ5AM7Pqo           www.burgtheater.at

5. 9. 2022

Der Mann, der seine Haut verkaufte

März 4, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Syrien-Krieg und die Wimmerl-Katastrophe

Trägt das für ihn unerreichbar gewesene Schengen-Visum als Tattoo-Kunstwerk: Yahya Mahayni als Sam Ali. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die Welt huldigt dem Mammon, die Kunstwelt errichtet ihm Altäre, und dies System als wertschöpfend statt schöpferisch bloßzustellen, geht selbst für die Großen unter den Kritikerinnen und Kritikern meist in die Binsen. Ein Beispiel: Als der Street Artist Banksy sein bei Sotheby’s London zur Versteigerung freigegebenes „The Girl with Balloon“ schredderte, um ein Zeichen gegen den Kunst- kommerz zu setzen, hielt sich das Entsetzen der Bieterinnen und Bieter nur kurz.

Neu zusammengesetzt als „Love is in the Bin“ brachte das Werk nämlich 18,5 statt 1,04 Millionen Pfund ein. Tja. Der tunesischen Regisseurin und Drehbuchautorin Kaouther Ben Hania gelingt es mit ihrem Film „Der Mann, der seine Haut verkaufte“, derzeit im Kino, diese Realsatire mit bitterbösem Sarkasmus und einem Hauch Melancholie zu toppen. Sage keiner, die beiden Begriffe würden sich ausschließen, Ben Hania schafft den tragikomödiantischen Kniff, der ihr bereits den Friedenspreis des Deutschen Films, eine Auszeichnung bei den Prix Lumières, zwei in Venedig, eine davon der Darstellerpreis für Yahya Mahayni, und – als erstem tunesischen – eine Oscar-Nominierung als Bester internationaler Film einbrachte.

Die Story basiert auf der Geschichte eines menschlichen Kunstwerks namens „Tim“ des belgischen Konzeptkünstlers Wim Delvoye, der 2008 eine aufwendige Punk-Kreuzigungsszene auf den Rücken des Zürcher Tattoo-Studio-Besitzers Tim Steiner tätowierte. Der sich gegen Bezahlung dazu bereit erklärte, sich in Galerien zu präsentieren und nach seinem Tod die tätowierte Haut entfernen und ausstellen zu lassen. „Der Mann, der seine Haut verkaufte“ erzählt nun von einem faustischen Pakt, der Delvoyes umstrittene Arbeit um eine politische Dimension erweitert, verwebt Ben Hania für ihren Film doch den Syrien-Krieg mit den Fallstricken der europäischen Migrationspolitik.

Weil der Syrer Sam Ali im Zug beim spontanen Verlobungstanz mit seiner Geliebten Abeer ruft: „Ich bin die Revolution, wir wollen Freiheit!“, wird er verhaftet und kann nur mit knapper Not nach Beirut entkommen. Dort sitzt er fest, während Abeer (zart und grazil, aber ein wenig zu passiv angelegt: die französische Theaterschauspielerin Dea Liane) von ihrer Familie gezwungen wird, den in sie verliebten Botschaftsangestellten Zaid zu heiraten und mit ihm nach Brüssel zu gehen. Klar, dass auch Sam nach Belgien will, aber vorerst schmuggelt er sich in Vernissagen ein, um ein Abendessen in Form von Häppchen und ja, auch Champagner, zu stibitzen.

Sam und Abeer feiern Verlobung im Zug: Yahya Mahayni und Dea Liane. Bild: © Filmladen Filmverleih

Fotosession mit Künstler Jeffrey Godefroi: Yahya Mahayni und Koen De Bouw. Bild: © Filmladen Filmverleih

Ausstellungsobjekt in den Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique: Yahya Mahayni als Sam. Bild: © Filmladen Filmverleih

Sam wird versteigert und geht für fünf Millionen Pfund an einen Kunstsammler: Yahya Mahayni. Bild: © Filmladen Filmverleih

Da entdeckt ihn am „Gratisbuffet“ die Händlerin des ausstellenden Künstlers, Soraya Waldy, Monica Bellucci bravourös als manipulativer, aalglatter Kultursnob, und erkennt Sams Notlage – die sie und ihren Konzeptkünstler Jeffrey Godefroi auf eine Idee bringt: Sie offerieren Sam einen „fliegenden Teppich“, das unerreichbare Schengen-Visum, an, so er sich ein solches von Godefroi auf den Rücken tätowieren und sich als Kunstobjekt auf einer Museumstour durch Europa ausstellen lässt, Start in Godefrois Heimatstadt Brüssel. Als „Leinwand“, so die zwei mit diabolischem Charme, könne Sam problemlos durch die Welt reisen. Waren und Kunstobjekte, sagt Godefroi, bewegen sich heutzutage freier als das Subjekt Mensch.

Belgiens Film- und Fernsehstar Koen De Bouw gibt Jeffrey Godefroi, den „teuersten lebenden Künstler“, mit Kajal und schwarzlackierten Fingernägeln als charismatischen, exaltierten Businessman, der den Markt, den er bedient, genau kennt und daher weiß, wie er mit Provokationen für Aufruhr und Einnahmen sorgt. Ihm gegenüber steht der syrische Schauspieler und Schriftsteller Yahya Mahayni, als Sam Ali ein muslimischer Schmerzensmann, in dessen sensiblem, ausdrucksstarkem Gesicht sich tausend Emotionen spiegeln.

Zum Unmut der Museumsdirektoren, denn ein selbstständig denkendes Ausstellungsstück war nach deren spätkolonialistischem Ansinnen nicht gewünscht, erweist sich Sam alsbald als äußerst eigensinniges, auch zorniges Artefakt, das sich nicht widerstandslos zum Objekt degradieren lässt. Mahayni gelingt es, Sam einen Panzer aus trotziger und impulsiver Sturheit anzulegen, unter dem Ohnmacht und Hilflosigkeit trotzdem erkennbar bleiben. Er will die Frau, die er liebt, vorm ungeliebten Ehemann retten, und verzettelt sich nicht besonders sympathisch in nebensächlichen Scharmützeln. Mahayni spielt das mit einer sehr eigenen Maskulinität, die dem Klischee vom arabischen Männlichkeitskult zuwiderläuft.

Ben Hanias parabelhafte Erzählung, die Christopher Aouns Kamera in teils gemäldeartigen Kompositionen festhält – etwa, wenn Sam im seidenblauen Morgenmantel durchs Museum eilt, vorbei an den Alten Meistern, bis er selbst auf seinem Sockel und auf seinen Rücken reduziert von den Betrachtenden fotografiert und von Schulklassen analysiert wird -, trifft zielsicher manch gesellschaftspolitische Schieflage dieser Tage. Pointiert ist besonders Ben Hanias Blick auf den westlichen Kunstmarkt, den die Virtuosen der Selbstinszenierung regieren und Aufmerksamkeit dem zuteilwird, der sich am lautesten geriert.

Muslimischer Schmerzensmann: Yahya Mahayni spiegelt 1000 Emotionen in seinem ausdrucksstarken Gesicht. Bild: © Filmladen Filmverleih

Im Kontrast zu dieser im Wortsinn Kunstwelt zeigen Ben Hania und Aoun um nichts weniger symbolische Bilder: Sam, der sich auf der Flucht in den Libanon auf einem Pickup versteckt, getarnt mit einem Hemd im gleichen Muster wie die ihn umringenden Ikea-Tragetaschen. Sam, der in Beirut in einer Hühnerfabrik die männlichen Küken aussortiert und per Stromschlag tötet – kaum etwas wirkt erbarmungswürdiger als ein gerupfter

Hühnertorso auf dem Förderband. Schließlich die syrische Hilfsorganisation in Brüssel, deren Leiter Sam vorwirft, er führe sich auf wie im Zoo oder Zirkus – und der wegen Sams „Verletzung der Würde und Menschenrechte des syrischen Volks“ einen Shitstorm im Internet entfacht. Und apropos, Zirkus: Einen solchen veranstaltet Godefroi als sich in seinem Kunstwerk aka Sams Rücken ein Pickel bildet – was ist ein Bürgerkrieg gegen eine Wimmerlkatastrophe? Ein Spezialist für das konservatorische Problem muss her! – dies gleichsam der Höhepunkt des Affentanzes rund um Sam. Im Museum entschuldigt derweil ein Schild seine Abwesenheit: „Wegen Restaurierung geschlossen“.

Ben Hanias Verzicht auf den moralischen Zeigefinger zugunsten von Zwischentönen und einer wohldosierten Prise Humor machen „Der Mann, der seine Haut verkaufte“ zu einer gelungenen Groteske an der verschwimmenden Grenze von Kunst- und Menschenhandel, die durch ihre Überspitzung einen seltsamen Sog entwickelt. Denn so absurd die vorgeführten Akte der Entmenschlichung auch seien mögen, die Realität liegt gleich ums Eck.

Wie nebenbei gelingt es der Filmemacherin die ernsten Themen einzubringen: die gesellschaftliche Verantwortung von Kunst und KünstlerInnen, die Ware Mensch, das elitäre Wort Freiheit, Sams Sorgen und Schuldgefühle, weil er Mutter und Geschwister in Syrien zurückgelassen hat. Zum Schluss wird Sam auf einer Auktion von einem Schweizer Kunstsammler ersteigert. Da macht er, wie man’s vom Syrer und Muslim erwartet, einen auf „Selbstmordattentäter“. Gekreische, Gerenne der Protz-Society aus dem Prunksaal. Immerhin: Danach ist Sam fünf Millionen Pfund wert. Was Wunder, dass sich darob sogar der IS einschaltet …

Trailer Englisch/Arabisch mit Untertiteln: www.youtube.com/watch?v=lZ2-d_cWVq0

4. 3.  2022

Akademietheater: Woyzeck

April 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Manege frei für die Maniacs

Woyzeck kauft sich ein Messer, jedoch eines mit versenkbarer Klinge: Steven Scharf und Falk Rockstroh. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auf die rotweißgestreifte Zeltplane sind alte Filmaufnahmen projiziert. Raubtier- und Elefantennummern, die Tiere mühsam und nur mit Gewalt unter Kontrolle gehalten, kleine Hunde, die sich zum Affen machen müssen, Trapezkünstler in schwindelnden Höhen, menschliche Pyramiden und Kaskadeure. Gleich darauf, wenn Steven Scharf das Plastik heruntergerissen und die halbe Manege, vom Gittergang für die Großkatzen

bis zur Zuschauertribüne zerlegt haben, wenn nur noch eine armselige Handvoll Akrobaten übrig sein wird, enträtselt sich, worauf Regisseur Johan Simons abzielt. Das heißt, nicht zur Gänze. Denn ob Albtraum, Erbsenirrsinn oder einfach Ausflug in den Surrealismus, bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen. Simons, seit dieser Spielzeit Intendant des Schauspielhauses Bochum und die Aufführung ergo eine Koproduktion mit diesem, zeigt am Akademietheater seine Interpretation des „Woyzeck“. Es ist seine dritte Inszenierung des Dramenfragments, sein Zugriff auf Büchner diesmal als wäre dieser Beckett, der Verfechter eines Bühnenrealismus dargeboten, als wär’s ein Stück absurdes Theater.

Das Setting von Stéphane Laimé und die Kostüme von Greta Goiris verströmen Zirkusluft, wenn auch die eines ziemlich abgetakelten Etablissements, darin die sinnfreie Welt und der orientierungslose Mensch: Steven Scharf als Woyzeck, dressiert, gedemütigt, beglotzt, bestaunt und ob seiner Stärke gefürchtet – so wie’s Dompteure mit den von ihnen geknechteten Kreaturen tun. Und während er Wortfetzen vor sich hin murmelt, wimmert, brabbelt, Koen Tachelet geht in seiner Fassung mit dem Büchner-Text sehr sparsam um, sind die anderen prahlerische Ausrufer der eigenen Person. „Hepp!“ rufen sie, als wäre ihnen gerade ein besonderes Kunststück gelungen, mit großen Gesten wenden sie sich ans Publikum, wenn sie zu ihrer Vorführung wie wild geworden im Kreis herumtoben oder über diverse Gerüste turnen. Marie im zu großen Herrenanzug und überdimensionalen Clownsschuhen, der Tambourmajor als starker August im knappen Trikothöschen, der Hauptmann im grünen Trainingsanzug, der Doctor in Klinisch-weiß mit Gummistiefeln – es wird noch etliches an Regen fallen, darum.

Mit Marie und dem Drahtgestellsöhnchen: Anna Drexler und Steven Scharf. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Tanz um den Tambourmajor: Anna Drexler und Guy Clemens. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Simons also hat Büchners dritte Szene, „Buden, Lichter, Volk“, zum Programm erklärt, lässt überhaupt die Szenen wie Nummern ablaufen. Und in der nächsten Abteilung sehen Sie …! Im Mittelpunkt ein Steven Scharf auf dem Höhepunkt seiner Schauspielkunst, das geschundene Individuum, das seine einstudierten Tricks vorführen muss. Verstörend ist das, wie Scharfs zunehmend besessener Woyzeck in Momenten größter Beleidigung und tiefster Gebrochenheit seinen Stolz zu wahren oder in zahlreichen und langen Sekunden des Schweigens sich als Subjekt zu behaupten sucht, nur um sich dann wieder selbst aufs Korn zu nehmen. Etwa, wenn er sich mit Marie als „das astronomische Pferd“ und dessen Conférencier abwechselt. Das rote Granulat auf dem Boden, auf dem er sich wälzt, wird später auf nackter Haut wie Blutstropfen wirken.

Im expressiven Spiel steht ihm Anna Drexler als Marie in nichts nach. Sie jauchzt und quiekst und überbetont die Worte, als ihr der Tambourmajor ins Auge sticht. Sie produziert sich vor ihm und buhlt ums Publikum, will mit beiden Blickkontakt herstellen, wohingegen sie in der Zwiesprache mit Woyzeck klar und wahrhaftig ist, je mehr Wahnsinn, umso wahrhaftiger. Dass ihr Söhnchen ein fragiles Drahtgestell mit Kinderfüßchen ist, passt ins Bild dieser lieblosen Mutter, die den Kleinen mit allerhand Gruselgeschichten zum Einschlafen nötigt. Drexlers wie Scharfs Performance ist irritierend, irisierend und so, dass an ihren Figuren immer etwas bleibt, ein Dunkel, ein Geheimnis, das man nicht zu fassen bekommt.

Den Einsatz des weiteren Personals hat Simons wie die Handlung auf die Essenz konzentriert. Extrem körperlich legt Daniel Jesch den Hauptmann an, ein Kraft- und Machtmensch, der Woyzecks philosophische Versponnenheiten gar nicht mag. Im Gegensatz zu ihm ist Guy Clemens‘ Tambourmajor ein Möchtegern, der die Gewichte kaum stemmt, die Woyzeck mit einer Hand hebt, und sich lächerlich macht, als er hinter Marie her in Rösselsprüngen die Manege durchmisst. Falk Rockstroh ist als Doctor ein pragmatischer Wissenschaftler, der für sein Versuchsobjekt keine Empathie aufbringt. Und obwohl all diese nicht viel zu agieren haben, bleiben sie die ganze Zeit so bühnenpräsent, dass sei einem nie aus dem Fokus geraten. Bestes Beispiel dafür ist Martin Vischer, der als Großmutter der einzige Zirkusbesucher ist, und der über beinah zwei Stunden nur sitzt, schaut, tonlos gestikuliert, den Mund offen, wie’s bei sehr alten Menschen manchmal so ist, bevor er endlich das Märchen vom armen Waisenkind erzählen darf.

Der Wahnsinn der Erbsendiät: Steven Scharf und Falk Rockstroh. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Im Regen stehen lassen: Falk Rockstroh, Steven Scharf und Daniel Jesch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Schließlich tritt Steven Scharf mit Zirkusdirektorenzylinder und Regenschirmchen in die Arena, allein im Scheinwerferkegel sprechen Stimmen zu ihm, verlangen Maries Ermordung. Gespenstisch ist, was Scharf da mit minimalster Mimik und Gestik ausdrückt, an Psychose, an Schizophrenie, an Leid und Elend. Er wird ein Messer kaufen, und es wird ein Theatermesser mit versenkbarer Klinge sein. Denn in Woyzecks Wahn ist Marie nicht zu töten, sondern wird ihm übers Sterben hinaus noch Anweisungen geben. Damit ist der Realitätsverlust besiegelt, die Reise in Woyzecks Kopf am Ende. John Simons‘ Büchner-Umschreibung ist mit all den Fragen, die sie offen lässt, ein Abend, der nachwirkt. Wobei es gerade seine Auslassungen sind, die dies am gewaltigsten tun.

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  1. 4. 2019

Burgtheater: Hiob

Februar 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

… denn wir sind von gestern her und wissen nichts …

Herr, du schufst den Löwen und das Lamm: Peter Simonischek ist Mendel Singer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Als Schallplatte im Kopf läuft ständig dieses „Widiwidiwidi widiwidiwidi bum!“, was nicht verwunderlich ist, wandelt sich Mendel Singers „schreckliches Lied“ in der Regie von Christian Stückl doch zur klischeebehafteten Anatevka-Angelegenheit. Das Burgtheater hat den Oberammergauer Passionsspielleiter eingeladen, am Haus Joseph Roths Roman „Hiob“ auf die Bühne zu heben, und der Mann fürs Grob-Religiöse greift dermaßen in die Vollen, von Schläfenlocken über Kippa bis Tallit Katan, dass die Frage nicht ist, ob das sein muss, sondern, ob diese Karikatur ostjüdischen Lebens schlechterdings sein darf.

Dass ihm zur Textfassung von Koen Tachelet, die man in Wien schon inszeniert von Johan Simons bei den Wiener Festwochen und Michael Sturminger am Volkstheater gesehen hat, zu diesem so zeitlosen wie schon wieder an der Zeit-igen Weggehen-Müssen und nirgends mehr Ankommen-Können, nichts nennenswert Neues eingefallen ist, ist sträflich. In Stückls archaischer Aufführung suchen Spitzenkräfte der Burg nach ihrer Position, sie ist weder Archetyp noch Menschenwesen, sondern bestenfalls Schablone, holzschnittartig, geritzt mit je einer Eigenschaft.

Derart freilich ist einem Roth, der mit seinem mit Gott hadernden Thoralehrer eine der bewegendsten Figur der österreichischen Literaturgeschichte geschaffen hat, nicht beizukommen. Selbst, wenn ein Ausnahmeschauspieler wie Peter Simonischek all sein Herzblut in seine Rolle steckt – und dafür vom Publikum mit entsprechendem Applaus bedankt wird. Simonischeks Mendel Singer steht von Anbeginn in den Wogen des Schicksals, die Ausstatter Stefan Hageneier als Setting entworfen hat, hinten schon der für die einen Verheißungsschriftzug, für die anderen The Writing On The Wall – „AMERICA“, vorne der offenbar unvermeidliche Kofferhaufen der Diaspora; die Musik von Tom Wörndl natürlich Klezmer-Klänge mit klagender Klarinette. Und er betet, der selbstgerechte Rechtgläubige, memoriert die Heilige Schrift, während sich hinter ihm sein bevorstehender Exodus schon ankündigt. Ein Zeichen der Widduj, ein Schlagen auf die Brust, ein Emporrecken der Arme, ein wenig Schockeln im Takt der Psalmen – Stückl lässt auch punkto Bewegungsmuster kaum eine konnotierte Geste aus.

In einer erschreckenden Szene wollen die Geschwister Menuchim ertränken: Tino Hillebrand mit Stefanie Dvorak, Oleg Tikhomirov und Christoph Radakovits. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

In God’s Own Country wird gern getanzt: Regina Fritsch, Stefanie Dvorak, Oleg Tikhomirov und Christoph Radakovits. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Immerhin, Simonischek rettet seinen Mendel vorm Unerträglich-Sein, indem er aus ihm einen Unerträglichen macht, einen grantigen, gottergebenen, anderen gegenüber süffisanten Mann, dem man keiner Familie als Vater wünscht, später, von Amerika „zerschmettert“, irregeleitet in dem Hochmut, anzunehmen, er sei der einzige, den der Herr straft – und im nunmehrigen Unglauben so eifrig wie davor im Glauben, so dass er seinen persönlichen Messias gar nicht zu erkennen vermag.

Einiges hätte sich daraus zum Thema Fundamentalismus herleiten, hätte sich über Vaterland und Muttersprache oder übers Verhaftet-Bleiben im Altherbrachten sagen lassen, der Dramaturg Florian Hirsch schreibt im Programmheft unter dem Titel „Losing My Religion“ auch lesenswert über „Heimatverlust und Flucht, uferlose Einsamkeit und die vergebliche Suche nach Aufklärung über die letzten Dinge“, aber ach …

Rund um Simonischek hat man sich aufs Hersagen der Sätze als wären’s Bibelverse verlegt. Regina Fritsch gibt Mendels Frau Deborah als knarzige Alte mit Glasscherbenstimme, zänkisch aus Verzweiflung, Stephanie Dvorak die Tochter Mirjam als personifizierte Hysterie.

Deren psychischer Zusammenbruch schließlich gar nicht mehr verwundert. Christoph Radakovits und Oleg Tikhomirov sind als Söhne Schemarjah und Jonas beziehungsweise Amerikaner Mac – und Stückl hat hier weder auf Cowboystiefel noch Stetson vergessen – anwesend, Hans Dieter Knebel, Peter Matić und Stefan Wieland als diverses Volk und Freunde nicht einmal das. So bleibt es Tino Hillebrand als Menuchim überlassen, sich in Charaktergestaltung zu versuchen. Er tut es mit einigem Geschick, wie eine Puppe, die sich von den Mitspielern bewegen lässt, ein Sprachberaubter, der zu den Seelenverwerfungen der anderen nicht mehr als zucken kann.

Ausdrucksstarkes Spiel: Tino Hillebrand als Menuchim mit Regina Fritsch als Deborah. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mendel Singer schwört mit brennendem Eifer Gott ab: Peter Simonischek. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Es ist eine von drei nennenswerten Szenen, wenn Hillebrands Menuchim, als „Krüppel“ nicht in God’s Own Country gelassen, geheilt und zum berühmten Komponisten geworden, den Vater aufsucht – und statt Wiedersehensfreude die Distanz der Jahre, der Geschehnisse, der Kontinente zwischen den beiden steht, so dass man sich nicht einmal zu umarmen weiß. Auch am zweiten starken Bild hat Hillebrand Anteil, unerwartet und schockierend, als die Geschwister den behinderten Bruder ertränken wollen. Und schließlich Simonischek in einem Moment der Heiterkeit, wie er im Neuen Jerusalem – New York kurz à la Satchmo singt.

Joseph Roth schrieb seinen „Hiob“ 1929 in Paris, wo er sich zehn Jahre später zu Tode getrunken hatte. Und wenn er in seiner unsentimental-sublimen Sprache über bevorstehende Pogrome und Soldatenschrecken schreibt, dann hat der Pazifist, Moralist, Antifaschist die Zukunft Europas gewohnt luzide vorweggenommen. Von diesem Geist ist an der Burg kaum etwas zu spüren. Bleibt zum bitteren Ende, das Buch Hiob zu zitieren: „… denn wir sind von gestern her und wissen nichts …“

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  1. 2. 2019

Burgtheater: Radetzkymarsch

Dezember 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schwerelos über dem Abgrund schweben

Trotta und die Slamas beim Totentanz: Daniel Jesch, Philipp Hauß und Andrea Wenzl. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Nach gigantischen Gartenzwergen nun also riesige Luftballons. Sie sind Donnerstagabend am Burgtheater das Bestimmende. Gleiten, entgleiten, müssen ausgewichen, gejagt, gefangen, man von ihnen überrollt werden. Eine Choreografie des Augenblicks, denn einzuüben gibt es da wenig, die sich auf den Zuschauerraum überträgt. Wo die bunten Bälle neu angetippt über die Ränge schweben und seltsame Lichtspiele auf den Köpfen tanzen lassen.

Manch einer murmelt anfangs etwas von Irritation der Konzentration, doch einmal auf den Vorfall eingegroovt, lassen die Luftballons ein einzigartiges Fließen zwischen Bühne und Publikum zu, schaffen ein Einvernehmen über den folgenden Fast-Vier-Stunden-Abend: Johan Simons hat Joseph Roths „Radetzkymarsch“ inszeniert.

Und tatsächlich scheint es ihm mehr darum zu gehen, das Porträt einer Gesellschaft im Schwebezustand zu zeigen, eine Welt auszustellen, die wie schwerelos über dem Abgrund flackert, als die Roth’schen Charaktere psychologisierend durchzudeklinieren. Die nämlich bleiben Schemen und Schablonen, stehen mehr für Prinzipien denn für Eigenschaften. Die Schauspieler agieren entsprechend lapidar und prägnant, doch ohne die hierzuland so perfekt eingeübte hackenzusammenschlagende k.u.k.-Contenance, sobald entsprechende Autoren auf dem Spielzettel stehen.

Der Tonfall ist neu, Koen Tachelets Textbearbeitung ist sprachlich schlank, dennoch eine gültige Version, auch, wenn man freilich an der einen oder anderen Stelle die genialische Schönheit, die eingängige Melodie von Roths Formulierungen vermisst. Unterstützt wird das Ensemble von einer Gruppe Schauspielstudierender, die als Volk, Arbeiter, Diener, Kutscher, Soldaten, Erzählerchor … fungieren. Und alle sind immer auf der Bühne, sie sitzen im Wortsinn auf der langen Bank …

Chojnicki bereitet sein Fest vor: Steven Scharf, Philipp Hauß, Peter Rahmani und Ferdinand Nowitzky. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Der Arzt Skowronnek und der Bezirkshauptmann: Merlin Sandmeyer und Falk Rockstroh. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

1932 erschien Joseph Roths Opus Magnum, in dem er den Zerfall der Donaumonarchie am Beispiel der Familie Trotta darstellt. Drei Generationen werden gezeigt, der Großvater, als Retter des kaiserlichen Lebens zum Helden von Solferino geadelt, der Vater ein treuer Beamter, ein Bezirkshauptmann, der Sohn wieder Militär, doch bereits angekränkelt von den heraufdämmernden neuen Zeiten. Mehr dem Alkohol als dem Ethos der Pflichterfüllung verfallen, wird er sich am Ende im Ersten Weltkrieg doch ermannen – und fallen. Er ausgerechnet, als er für die Kameraden Wasser holen will.

Simons entblößt seine Spieler bis auf fast die nackte Haut. In vergilbter Unterwäsche stehen sie da, entkleidet damit symbolisch auch ihrer Würde oder eines möglichen Würdevoll-Seinwollen, dazu nur ein bezeichnendes Stück Kostüm, wie einen Uniformrock oder einen Zylinder, turnen sie sich durch die Luftballons, Andrea Wenzl einmal auch durch die Herren im Publikum. Der letzte anständig gekleidete ist der Bürokrat, Vater Bezirkshauptmann, der aufrechtstehend wie ein stur insistierender Kapitän sein k.u.k.-Schiff untergehen sieht, an Bord des Narrendampfers seinen Sohn, der sich durchs Leben wie über Wellen treiben lässt. Falk Rockstroh gestaltet ersteren ganz fabelhaft.

Philipp Hauß ist als Sohn Carl Joseph von Trotta gerade Elegiebürschchen genug, um noch erotischer Abenteurer zu sein. Er trägt den Abend in seiner gewohnten Großartigkeit, gibt einen überhitzten, neurotischen, die Schultern hängenlassenden Trotta, den nur der „Neunziggrädige“ abzukühlen vermag. Mit Hauß im Zentrum, wie er vom Zaudern ins fast Hysterische kippt, dabei das Roth’sche „Ich-hab‘-wollen-sagen“ beherrscht, nimmt die Aufführung alsbald Fahrt auf, schnelle Szenenwechsel, Schauspielertheater ohne viel Chichi. Dazwischen verströmen Simons und Tachelet den An-/Schein des Heraufdämmernden. Das rote Wien steht auf, genauso wie der Nationalismus immer stärker wird. Roth schrieb sein Werk nicht nur retrospektiv, sondern erschrocken weise vorausblickend.

Bilder prägen sich ein. Johann Adam Oest als ein Franz Joseph, der an seinem Alter (ver)zweifelt. In starken Momenten macht er klar, dass sich hier ein halber Kontinent in den Fängen eines greisen Kaisers windet, dann wieder stammelt er hilflos „An meine Völker!“, die Kriegserklärung im Nachthemd dargebracht. Hauß als Trotta, der sich mit Kapellmeister Slama, Daniel Jesch, und dessen Frau, seiner Geliebten, bei einem Totentanz umringt (denn sie stirbt bei der Geburt ihres/seines? Kindes). Schließlich Steven Scharf als Graf Chojnicki, beim großen Schlussfest fröhlich den Untergang herbeisehnend, herbeifeierend. Das Gespenst der Monarchie geht da um, und mit ihm die Geister seiner Untergebenen.

Bis auf weniger schlüpfen alle in mehrere Rollen. Andrea Wenzl verkörpert alle Frauenfiguren mehr oder weniger oversexed. Jesch gibt außer dem Kapellmeister auch noch diverse resche Militärs, den Zoglauer und den antisemitischen Tattenbach. Scharf ist außerdem als dessen Feindbild, Regimentsarzt Demant, exzellent, Merlin Sandmeyer als Diener Jacques und Onufrij und als Skowronnek.

Johann Adam Oest als Kaiser. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Der Krieg ist endlich ausgebrochen: Die Schauspielstudierenden sind in Aktion. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Fazit: Johan Simons „Radetzkymarsch“-Interpretation ist eine der anderen, der ungewohnten Art. Sie ist die neue Spielart von etwas altösterreichisch gut Bekanntem. Darauf muss man sich einlassen wollen. Dann kann man genießen. Einigen, natürlich, werden die Haare zu Berge stehen – und das wird nicht nur mit der von den Luftballons erzeugten Reibungselektrizität zu tun haben.

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  1. 12. 2017