Volksoper: Meine Schwester und ich

April 7, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Charme, Schuh und Millionen

Dolly, Prinzessin Saint-Labiche, hat ein Auge auf ihren Bibliothekar Dr. Roger Fleuriot geworfen: Lisa Habermann und Lukas Perman. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gerade als man dachte, mehr geht nicht, ging’s erst richtig los. Mit Tempo, Temperament und Tollheit, nach der Pause im zweiten Akt, was daran liegen mag, dass nun die beiden Hits zu hören sind, „Ich lade Sie ein, Fräulein“ und „Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin“, definitiv aber mit Herbert Steinböck zu tun hat, der als glückloser Schuhhändler Filosel ein kabarettistisches Kabinettstück liefert. Und mit Johanna Arrouas, die als seine von einer Karriere als Revuegirl träumende Angestellte Irma wohl die beste Leistung des Abends bietet.

An der Volksoper hatte in der Regie von Direktor Robert Meyer Ralph Benatzkys „Meine Schwester und ich“ Premiere, beinah muss man sagen, eine Neuentdeckung, ist die musikalische Klipp-Klapp-Komödie doch nicht nur erstmals am Haus zu sehen, sondern liegt die letzte Wiener Inszenierung mehr als vier Jahrzehnte zurück. Zur Zeit der Uraufführung 1930 war das Werk ein Riesenerfolg, was es nun – siehe Schlussapplaus – auch an der Volksoper zu werden verspricht, mit dem der Komponist gleichsam das Genre der Kammeroperette erfand. Ein feines Spiel im intimen Rahmen, kleines Orchester, weder Chor noch Ballett – wobei Robert Meyer und Dirigent Guido Mancusi diese Vorgabe auf ganz wunderbare Weise verwässern.

Im Gerichtssaal fängt es an. Das angedachte Traumpaar Dolly, Prinzessin Saint-Labiche, und der Musikwissenschaftler Dr. Roger Fleuriot begehren die Scheidung. Doch der Richter will erst die Geschichte der beiden hören, bevor er ein Urteil spricht. Und so findet sich die Justiz rückversetzt in der Pariser Bibliothek der Prinzessin wieder, wo Roger beauftragt ist, den Bestand neu zu ordnen. Längst hat die millionenschwere Dolly ein Auge auf den mittellosen Akademiker geworfen, aber der scheut die Standesunterschiede und hält an seinen Vorstellungen von einer „schicklichen Ordnung“ fest. Als Roger nach Nancy abreist, um dort eine Professur an der Universität anzutreten, erfindet Dolly in Panik eine Schwester, der er ein Päckchen mitbringen soll.

Lukas Perman mit dem fabelhaften Jugendchor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Schuhhändler Filosel und Kunde Monsieur Camembert bemühen sich eifrig um Dolly: Herbert Steinböck, Lisa Habermann und Georg Wacks. Bild: © Jenni Koller/Volksoper Wien

Eine beim Vater in Ungnade gefallene, nunmehrige Schuhverkäuferin, die Dolly selbstverständlich bis aufs Haar gleicht. Als Roger auf die in Geneviève verwandelte Dolly trifft, verliebt er sich im Moment, muss er dem vermutet einfachen Mädel gegenüber doch keine Minderwertigkeitskomplexe haben. In Filosels Laden kommt aber auch, schäumend vor Eifersucht, Dollys ungarischer Verehrer Graf Lacy de Nagyfaludi an – wie praktisch vom Plot, dass Dolly ihn Irma zuführen kann, deren Feuer der Magyar sofort erliegt. Die Paare finden sich, Champagner und Geld fließen, doch ist längst nicht alles Gold, was glänzt – und so erscheint erneut das Gericht, um eine Entscheidung über Dollys und Rogers Ehe zu treffen …

Meyer hat ein Ensemble versammelt, das punkto Gesang, Schauspiel und Tanz kaum Wünsche offen lässt, das sich mit Verve ins verrückte Treiben wirft, und dabei niemals die Komödiantik Richtung Klamauk überdreht. Ausstatter Christof Cremer stellt erst einen eleganten Art-déco-Salon auf die Bühne, später ein pastelliges Schuhgeschäft, alles atmet 1930er-Jahre, auch die ebenfalls in der Farbskala Rosé bis Magenta gehaltenen Kostüme. In diesem Setting brillieren die Darsteller, die freilich den von Benatzky verlangten „Singschauspielern“ stimmlich meist weit überlegen sind. Hausgast Lukas Perman, derzeit auch am Raimund Theater in „I Am From Austria“ zu sehen, überzeugt mit seinem Charme und seinem angenehmen Kavaliertenor, interpretiert eine Walzermelodie wunderschön Wienerisch, und meistert mit Witz die Wandlung Rogers vom tollpatschigen Gelehrten zum liebestrunkenen Draufgänger.

Lisa Habermann ist eine bemerkenswert quirlige Dolly/Geneviève, die wiewohl ohne Standesdünkel, sehr wohl weiß, wie man unter Einsatz von Geld seinen Kopf durchsetzt. Julia Koci legt ihre Gesellschafterin Henriette als kokettes Geschöpf an. Guido Mancusi führt das Orchester von Slowfox über Tango bis Shimmy zur Hochform, Andrea Heil hat dafür schwungvolle Choreografien ausgearbeitet, doch Benatzky wäre nicht Benatzky, hätte er nicht mit Augenzwinkern die Kollegen der Zunft aufs Korn genommen. So finden sich in „Meine Schwester und ich“ nicht nur parodistisch-opernhafte Passagen wie Irmas „Aber Filosel …“, sondern wird auch die große Silberne Operette persifliert, vor allem die damals beliebte Ungarntümelei – in der Figur des Lacy-bácsi.

Schuhverkäuferin Irma schockiert Filosel mit ihren Revuegirl-Allüren: Herbert Steinböck und Johanna Arrouas. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Doch der heißblütige Graf Lacy de Nagyfaludi verfällt ihr sofort: Carsten Süss und Johanna Arrouas. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Carsten Süss gestaltet das heißblütige Blaublut großkariert und mit dezentem Akzent, und hat mit Lisa Habermann und „Um ein bisschen Liebe dreht sich das Leben“ und Johanna Arrouas und „Ach, wie süß ist die Liebe“ zwei der hervorragendsten Auftritte der Aufführung. Gemeinsam mit Herbert Steinböck als atemlos-schusseligem Filosel entzündet sich ein Feuerwerk an guter Laune. Alles an diesem Abend ist, um im Französischen zu bleiben, super sympathique. Nicolaus Hagg wird vom Gerichtspräsidenten zu Dollys treuem Faktotum Charly, Georg Wacks ist als Monsieur Camembert ein Kunde, den man ungern – nomen est omen – Fußbekleidung anprobieren lässt.

Bleibt, die vier Damen und vier Herren des Jugendchors zu erwähnen, um deren kleine Rollen als Beisitzer, Bedienstete, Revuetänzer das Benatzky-Personal aufgepeppt wurde, und deren Namen sträflicherweise nicht auf dem Programmzettel ausgewiesen sind. Wenn sich so der Nachwuchs des Hauses präsentiert, braucht man sich um die künstlerische Zukunft der Volksoper keine Sorgen zu machen. Bravo!

Leading Team und Darsteller im Gespräch; www.youtube.com/watch?v=F5_WXlFaruw  www.youtube.com/watch?v=DpToLeKwei8        www.volksoper.at

  1. 4. 2019

Volksoper: Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit

Juni 13, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Hohepriester des Glamrock

Drew Sarich als Antonio Vivaldi und Morten Frank Larsen als Kardinal Ruffo mit dem Jugendchor der Volksoper. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Es ist schwer, etwas zu schreiben, wenn ringsum alles ständig in frenetischen Jubel ausbricht. Aber ehrlich, „Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit“, das ist, als wäre die Wallgasse explodiert, und große Brocken davon hätten die Währinger Straße applaniert. Die Neuerfindung BaRock-Oper ist nicht einmal ein One-Hit-Wonder, einfach, weil nicht einer drin ist. Christian Kolonovits hat einen wabernden Soundteppich komponiert.

Achtziger-Jahre-Glamrock-Bombast, aus dem ab und zu ein Stückl Vivaldi hervorlugt. Die vier Jahreszeiten, meist der – Achtung, doch ein Ohrwurm – Frühling, weil der ja aus Werbung und Fahrstühlen bestens bekannt. Dazu hat Angelika Messner ein Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Libretto verfasst. Es ist ein Glück, dass es in Brocken oft edle Einschlüsse gibt, und als ein solcher entstieg Drew Sarich der musikalischen Tonnenlast und brachte die Volksoper zum Funkeln.

Die Handlung von „Vivaldi“ ist nicht nur ein Mix aus Fakt und Fiktion, sondern gleichsam die Skript gewordene Matrjoschka-Puppe: Es gibt nicht eine Klammer, sondern zwei. Eine venezianische Girl Group kommt nach Wien, wo Vivaldi 1741 gestorben ist, um die Partitur zur mysteriösen „Fünfen Jahreszeit“ zu suchen. Stattdessen findet sich ein Tagebuch von Paolina Girò, Vivaldis Haushälterin und Schwester seiner Muse und großen Liebe Annina. Die Mädchen lesen – und treffen auf einen gealterten Vivaldi, der Goldoni seine Lebensgeschichte erzählt, damit der daraus ein Theaterstück macht. Wirklich war Goldoni zwei Mal Librettist für Vivaldi – und beide Male ging’s nicht ohne Reibereien ab.

Vivaldis Lebensbericht beginnt bei seinen Jahren als Wunderknabe, Priesterweihe, Leitung des Mädchenorchesters des Ospedale della Pietà, die Girò-Schwestern, Ruhm, Hochmut, Fall – weil seine Musik im Laufe der Jahre aus der Mode kam, Rom, Demütigung, Wien in Hoffnung auf den Kaiser, der stirbt erst, dann Vivaldi. Goldoni ist dem Geschehen zu diesem Zeitpunkt bereits irgendwie abhanden gekommen. Aber die Mädchen! Haben erkannt! „Die fünfte Jahreszeit“ sind … na? na? – genau! Dass sich das Ganze allem Anschein nach bierernst nimmt, macht die Sache nicht besser, eine tatsächlich witzige Szene von halbnackten römischen Kardinalen in der Sauna (in der sich „heiß“ sehr günstig auf „Schweiß“ reimt) wirkt dadurch wie ein Fremdkörper.

Rebecca Nelsen (Annina Girò), Drew Sarich (Antonio Vivaldi). Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Boris Pfeifer (Carlo Goldoni / Kaiser), Drew Sarich (Antonio Vivaldi), Rebecca Nelsen (Annina Girò), Julia Koci (Toni / Paolina Girò), Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Drew Sarich (Antonio Vivaldi), Komparserie. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der historisch belegte Umstand, dass da ein geweihter Priester jahrelang eine ménage à trois lebte, wird als Reibefläche verschenkt. Ebenso die – nicht belegten – pädophilen Neigungen von Vivaldis Mentor Kardinal Ruffo. Auch der in Rom verlangte Sangeswettstreit Koloratursopran vs Kastrat wird nicht ausgereizt. Seufz. Mehr Steilvorlagen hat der Stoff nicht. Vivaldis Leben, lucky him, ist ungefähr so konfliktbelastet wie eine gutbelegte Quattro Stagioni. Um das wenige, das da ist zu unterstreichen, stürzt sich die Regie auf greifbare Stereotype:

Drew Sarich steigt direkt aus dem Totenkopf-Tank-Top in die Soutane. Huch, welch ein Rebel! Christoph Cremers weitere Kostüme schwelgen in grellen Pink-Gelb-Kombinationen von Minirock und Krinoline, dazu schrille Falco/Amadeus-Perücken.

Wer’s tatsächlich rausreißt, sind die Darsteller. Drew Sarich ist ein sexy Priester-Punk, der sich, wenn recht gehört, bis zum Hohen H emporschraubt. Sein spitzbübischer Charme, mit dem er den Prete Rosso ausstattet, sein Bühnencharisma sind wie immer unübertroffen. Boris Pfeifer brilliert als pfiffiger Goldoni, ein Spielmacher, der über die Bühne turnt – und in Ermangelung des echten, die Persiflage eines Kaisers gibt. Rebecca Nelson und Julia Koci sind schön stimmgewaltig als Annina und Paolina, Koci rockt als Toni auch noch als Teil der Girl Group.

Der Mädchenchor der Volksoper ist musikalisch hinreißend und teenagerzickig sympathisch. Und Countertenor Thomas Lichtenecker als Paradiesvogel-Kastrat Cafarelli holt einen im Wortsinn aus dem Sitz. Schade, dass er nur einen Song hat. Morton Frank Larsen ist als Kardinal Ruffo der sinistre Bösewicht des Stücks, allerdings erscheint die Partie für ihn ein wenig zu tief.

Der vielleicht schönste Auftritt in „Vivaldi“ ist der von Annina beim Vorsingen. Da kommt sie „verkleidet“ als große Diva, bis Vivaldi ihr sagt, sie solle die Perücke runterräumen und aus dem Fummel steigen: „Du musst dich von allen Klischees befreien!“ Was soll man sagen? Annina hat’s getan …

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Wien, 13. 6. 2017

Volksoper: Wie man Karriere macht, ohne sich anzustrengen

Februar 25, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Show wie aus den Swinging Sixties

Diese Rezension bezieht sich auf die Vorpremiere am 21. Februar.

Chuzpe! J. Pierrepont Finch wickelt den Chef mit Verve um den Finger: Peter Lesiak und Robert Meyer als J. B. Biggley. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Und wieder einmal ist es Volksoperndirektor Robert Meyer gelungen, im abgegrasten Musikfeld Musical eine Rarität zu entdecken, in der sein Ensemble glänzen kann. „Wie man Karriere macht, ohne sich anzustrengen“ heißt das gute Stück. Und weil man als Frau ja gern drübersteht, wenn die Protagonistin über ihre Ehepläne ohne emanzipatorisches Augenzwinkern preisgibt: „Ich halt‘ ihm gern sein Essen warm“ – und zwar mit „Küchencharme“, ist ein Guter-Laune-Abend garantiert.

Dafür verantwortlich ist ein Team, das dem Haus schon mit „Sweeney Todd“ eine Erfolgsproduktion beschert hat: Dirigent Joseph R. Olefirowicz, Regisseur Matthias Davids und Bühnenbildner Mathias Fischer-Dieskau. Entstanden ist eine schmissige Show, die ganz dem Geist der Swinging Sixties verpflichtet ist. Die Musik schwappt zwischen jazzig bis schnulzig, Olefirowicz lässt das Volksopernorchester dafür wie eine Big Band klingen, die Kostüme von Judith Peter kreischen in knalligen Grafikdesigns oder sind von einem betulichen Doris-Day-Pastell, Melissa Kings fabelhafte Choreografie zitiert Modetänze anno Chubby Checker. Die Inszenierung atmet wie ein ganzes Jahrzehnt.

Die Story ist die vom amerikanischen Traum. Der Fensterputzer J. Pierrepont Finch steigt dank eines Karriereratgebers bis in die höchste Etage eines „Wobbel“ erzeugenden Unternehmens auf, deren Sinn und Zweck sich bis zum Ende nicht entschlüsselt. Den Leitfaden zum Lebenslauf hat es tatsächlich gegeben: Shepherd Mead veröffentlichte 1952 das Büchlein „How to Succeed in Business Without Really Trying“ Der Verfasser hatte wie der spätere Musicalheld ganz unten in einer großen Firma angefangen und sich zu deren Vizepräsidenten hochgearbeitet.

Knapp zehn Jahre später nahm sich Broadwaykomponist Frank Loesser des Werks an und schuf gemeinsam mit seinen Buchautoren Abe Burrows, Jack Weinstock und Willie Gilbert eine brillante Parodie, die in Folge mit acht Tony-Awards und dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. In Wien war der Kassenschlager einmal zu sehen – 1965 mit Harald Juhnke und Theo Lingen, in deren Fußstapfen nun Peter Lesiak als Finch und Robert Meyer als Big Boss J. B. Biggley treten.

Panik! Der Kaffeeautomat ist leer: Julia Koci als Smitty, Marco Di Sapia als Bud Frump, Wiener Staatsballett und Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ärger! Zur Firmenfeier erscheinen alle im selben Kleid: Sulie Girardi als Miss Krumholtz, Ines Hengl-Pirker als Hedy LaRue, Julia Koci als Smitty. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Peter Lesiak ist ein ganz bezaubernder Blender, dessen Erfolgsrezept eine Mischung aus ehrlichem Interesse für seine Mitmenschen und ein bissl Einschleimen ist. Wie dieser Finch seine Kollegen und Vorgesetzten dusselig quasselt, um ans Ziel zu gelangen, das ist zu komisch. Dazu Robert Meyers Biggley, um nichts weniger Schlitzohr und noch dazu Seitenspringer, aber hilflos gegen die Chuzpe und die Charmeattacken seines neuen Angestellten. Vor allem, wenn dieser vorgibt, das gleiche Hobby zu haben: Biggley strickt gegen den Bürostress – Herrenpullover. Doch noch jemandem sticht Finch ins Auge: Vorzimmerdame Rosemary hört bei seinem Anblick die Hochzeitsglocken läuten, sie sieht sich schon als Heimchen an seinem Herd. Lisa Antoni präsentiert sich in dieser Rolle als patentes Mädl zum Pferdestehlen stimmlich und schauspielerisch stark.

Nicht ein Klischee aus der Arbeitswelt hat Loesser ausgelassen und Matthias Davids setzt sie in seiner Aufführung mit sichtlichem Spaß an der Sache und ohne Angst vor Stereotypen um: Die Sekretärinnen sind entweder Zerberusse oder Sexy-Hexys, die Abteilungsleiter allesamt von der Furcht um ihre Posten gebeutelte Wadlbeißer. Ist der Kaffeeautomat im Pausenraum leer, breitet sich unter den Mitarbeitern blitzschnell Panik aus; schlimmer ist es nur, als zur Firmenfeier alle Schreibkräfte im selben, natürlich als Einzelstück erstandenen Kleid erscheinen …

Lust! Biggley stellt sein Gspusi als Sekretärin ein: Robert Meyer und Ines Hengl-Pirker als Hedy LaRue. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Liebe! Sekretärin Rosemary angelt sich den ausgefuchsten Aufsteiger Finch: Peter Lesiak und Lisa Antoni. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das Ensemble sprüht in diesen skurrilen Szenen vor Witz – und auch ein wenig Wahnsinn. Allen voran Marco Di Sapia, der als intriganter Neffe vom Chef, als garstiger Bösewicht des Stücks, sein Komödiantentum voll ausspielen kann. Ines Hengl-Pirker ist Hedy LaRue, Biggleys Gspusi, dem er in der Firma einen Versorgungsposten verschafft. Nur leider sind Hedys einzigen Qualitäten 99-56-96 und ein Herz aus Gold; Hengl-Pirker gestaltet die Rolle hinreißend, als rothaarigen Blondinnenwitz mit Hüftschwung und Quietschstimmchen.

Julia Koci macht als Sekretärin Smitty auf resolut und burschikos. Nicolaus Hagg und Gernot Kranner schmieden als Finchs Kollegen eine Kabale, um den unliebsamen Konkurrenten zu Fall zu bringen. Der Fall tritt denn auch tatsächlich ein, Finch fliegt auf, doch tritt kurz bevor er rausfliegt Axel Herrig als Aufsichtsratsvorsitzender ex machina auf … Die Herren besorgen sich also ein Happy End und brechen vor Glück in einen Song über den Mann-hilft-Mann-Verein aus. Dies der traurige Moment, an dem der Abend endlich am Heute andockt. Denn an dieser tiefschürfenden Wahrheit über Männerseilschaften bis an die Bürospitze hat sich wenig bis gar nichts geändert. Was hat sich der Feminismus daran nicht schon wundgegendert. Und was macht die Frau 2017? Das Essen warm …

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Wien, 22. 2. 2017

Volksoper: Kurt Rydl in „Anatevka“

Mai 15, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Opernstar singt zum ersten Mal Musical

Kurt Rydl, Steffi Kalab, Paloma Siblik, Juliette Khalil, Elisabeth Schwarz, Julia Koci, Dagmar Hellberg, Franz Suhrada, Stefan Bischoff, Susanne Litschauer, Toni Slama, Chor der Volksoper Wien. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kurt Rydl, Steffi Kalab, Paloma Siblik, Juliette Khalil, Elisabeth Schwarz, Julia Koci, Dagmar Hellberg, Franz Suhrada, Stefan Bischoff, Susanne Litschauer, Toni Slama, Chor der Volksoper Wien. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wer Kurt Rydl tanzen sehen möchte, kann dieser Tage in die Volksoper gehen. Rydl hat sich den Tevje seit Langem gewünscht, und Hausherr Robert Meyer ihm diesen Wunsch gern erfüllt. Nun singt der Opernstar zum ersten Mal in seiner Karriere Musical – „Anatevka“, in der Wiederaufnahme der Inszenierung von Matthias Davids aus dem Jahr 2003.

Rydl wirft sich mit überbordender Spielfreude in seine neue Rolle. Er gestaltet den Milchmann als einen Schalk, dem auch das schlimmste Schicksal nicht sein großes Herz aus dem Leib schütteln kann; er zeigt sich als geborener Komödiant, der mit dem Publikum schäkert und es auf seine Seite zu ziehen weiß, er macht sich zum Mitglied des Balletts (!), und lässt in all diesen humorvollen Einlagen dennoch die Tragödie des jüdischen Volkes erkennen. Dem heiter-melancholischen Grundton seiner Darbietung folgt das Bühnenbild von Mathias Fischer-Dieskau, Wohnbaracken unter einem düsteren Himmel, als wär’s ein Blick in die politische Zukunft. Guido Mancusi am Pult ist ein präsenter, prägnanter Unterstützer von Rydls Intentionen, ob beim Musicalhit „Wenn ich einmal reich wär'“ oder beim lyrisch-leisen „Ist es Liebe?“ und natürlich beim gruseligen Traum über Oma Zeitel.

Rydl überzeugt mit nuancierungsfähiger Klarheit und fein dosierter, wunderbar eindringlicher Stimmführung. Ganz großartig harmoniert er diesbezüglich mit seiner Golde, Dagmar Hellberg, sie ebenfalls erstmals in ihrer Rolle; den beiden kauft man das alte Ehepaar gern ab, wie sie mit viel Witz und Warmherzigkeit miteinander umgehen und sich gegenseitig zu nehmen wissen. Diese Golde ist mindestens so ausgefuchst wie ihr Tevje. Hellberg spielt sie als Typ hantige Mutter, rauhe Schale, umso weicherer Kern, das ist eine schöne Interpretation dieser Figur. Über allen Einzelleistungen aber steht die des Volksopernchors, der einmal mehr sowohl sängerisch als auch schauspielerisch aufs Feinste agiert, das hat bei diesem harmonischen Klangkörper ja „Tradition“.

Kurt Rydl alsTevje. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kurt Rydl alsTevje. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stefan Moser, Juliette Khalil, Kurt Rydl, Steffi Kalab, Paloma Siblik und Dagmar Hellberg. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stefan Moser, Juliette Khalil, Kurt Rydl, Steffi Kalab, Paloma Siblik und Dagmar Hellberg. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Frisch und neu wirkt die zuletzt 2008 auf dem Spielplan gewesene Aufführung auch deshalb, weil beinah alle Solisten hier ihr Rollendebüt geben. Julia Koci, Elisabeth Schwarz und Juliette Khalil sind als Tevjes Töchter Zeitel, Hodel und Chava ein quirrliges Mädchentrio, das die Köpfe durchzusetzen weiß. Stimmlich gefallen sie alle drei, Koci noch zusätzlich in einer kleinen Jente-, heißt: Guggi-Löwinger-Parodie. Jeffrey Treganza ist ein schüchterner Schneider Mottel, Peter Lesiak fällt als leidenschaftlicher Student Perchik mit seiner temperamentvollen Art auf, Stefan Moser, zum ersten Mal an der Volksoper zu sehen, ist ein feiner Fedja.

Guggi Löwinger, die die Heiratsvermittlerin Jente zu einer kauzigen Klatschtante macht, Toni Slama als erst beleidigter, dann doch gutmütiger Fleischer Lazar Wolf, und Franz Suhrada als Rabbi runden den fabelhaften Cast ab. Und natürlich Gregory Rogers als der Fiedler auf dem Dach. JunHo You gibt als Fedjas Freund Sacha eine beeindruckende Kostprobe seines gesanglichen Könnens. Nicolaus Hagg gestaltet einen ehrbaren Wachtmeister.

Er sagt den vielleicht wichtigsten Satz im Stück: „Ich persönlich halte nichts davon, dass zwischen Menschen Unruhe gestiftet werden muss.“ Am Ende, wenn er die Dorfbewohner aus ihrem Schtetl vertreiben muss, wenn die Diaspora weitergeht, ist es je nach Fluchtort grauenhaft zu wissen, wer überlebt haben wird und wer … Der Volksoper ist in diesem Sinne zum Saisonschluss ein schöner, durchaus nachdenklich machender Ensembleabend gelungen. Das Haus glänzt – mit einem Star an der Spitze.

Trailer – Kurt Rydl im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=IjG5ALoMQ28

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Wien, 15. 5. 2016

Volksoper: Onkel Präsident

Oktober 6, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Friedrich Cerhas nagelneue Farce nach Ferenc Molnár

Onkel Präsident Foto der UA_Renatus Mészár (c) Jochen Klenk„Die Gattung Komische Oper wird von Komponisten schon seit geraumer Weile vernachlässigt.“ Also sprach der große alte Herr der neuen Musik, Friedrich Cerha, und schuf Abhilfe: Gemeinsam mit dem Textdichter Peter Wolf machte sich Cerha an die „Musikalische Farce“, die unter dem Titel „Onkel Präsident“ im Vorjahr am Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz in der Regie von Josef Ernst Köpplinger uraufgeführt wurde und nun an der Volksoper am 11. Oktober zur Österreichischen Erstaufführung gelangt. Auf der Basis von Ferenc Molnárs Bühnenstück „Eins, zwei drei“, das 1961 von Billy Wilder verfilmt wurde, zeichnet Cerha die Wandlung des Fahrradboten Josef Powolny zum Spitzenmanager mit Adelsprädikat. Der „Onkel“ Präsident, allmächtiger Chef eines Stahlkonzerns, zieht die Fäden, um einen präsentablen Ehemann für die Millionenerbin Melody Moneymaker zu „erfinden“. Friedrich Cerha hat eine an Tempo und musikalischen Anspielungen reiche Komödie geschaffen, die immer wieder die Kunstform Oper durch witzige Extempores auf die Schaufel nimmt. Eingerahmt wird die turbulente Handlung von der Zwiesprache des Präsidenten mit einem bejahrten Komponisten über Sinn und Unsinn der Oper. „In Ihrem Alter hatte Verdi den ,Falstaff‘ schon fertig“, meint der Präsident zu Anfang vorwurfsvoll, um schließlich zu resümieren: „Der ,Falstaff‘ ist ja doch nicht zu übertreffen.“ Da mag was dran sein, doch mit „Onkel Präsident“ ist dem mittlerweile 88-jährigen Siemens-Musikpreisträger Cerha ein vitales Lebenszeichen nicht nur seiner Kunst, sondern der verblasst geglaubten „Komischen Oper“ überhaupt gelungen. „Wie in allen meinen Opern geht es grundsätzlich um den Umgang mit Macht, um die Mechanismen ihres Funktionierens und darum, wie das Einzelindividuum darauf regiert“, sagt der Doyen der neuen Musik über seine musikalische Farce.

Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Alfred Eschwé. Renatus Mészár, der bereits bei der Uraufführung die Titelrolle sang, zieht auch an der Volksoper alle Register, um einen präsentablen Ehemann für die Millionenerbin Melody Moneymaker (Julia Koci) zu kreiieren. Den Komponisten gibt Walter Fink.

Friedrich Cerhas wird bei der Österreichische Erstaufführung seiner neuen Oper „Onkel Präsident“ an der Volksoper anwesend sein.

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Wien, 6. 10. 2014