Theater in der Josefstadt: Radetzkymarsch

Mai 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die papierene Welt wird in der Luft zerrissen

Freunde im Feld: Florian Teichtmeister als Carl Joseph von Trotta und Alexander Absenger als Rittmeister Tattenbach. Bild: Moritz Schell

Dass man am Dramatisierungsversuch des Joseph-Roth-Romans „Radetzkymarsch“ nur in mal mehr, mal weniger Schönheit scheitern kann, haben schon andere bewiesen. Nun darf sich auch Regisseur Elmar Goerden in diese Riege durchaus illustrer Namen reihen, sein Zugriff auf den Stoff vom Theater in der Josefstadt stolz Uraufführung genannt und gestern ebendort über die Bühne gegangen, seine Inszenierung ein knapp zweistündiges Experiment.

Das lediglich an der Oberfläche des monumentalen Wunderwerks kratzt, aber nie wirklich unter die Haut geht. Was der Aufführung fehlt, ist diese gewisse Tanz-auf-dem-Vulkan-Atmosphäre, mittels der sich Untergang der Habsburger Monarchie und Niedergang der Trotta-Dynastie mischen, wenig weist hier auf den Seelenzwiespalt von dekadenter Lebensführung, Standesdünkel und devoter Pflichterfüllung hin, die der besseren k.u.k.-Gesellschaft schließlich zum Schicksal wurde. Nichts verweist ins Heute, da ein neuer Nationalismus die Länder Europas wie dereinst im Vielvölkerstaat gerade wieder auseinandertreibt.

Goerdens Arbeit ist, wiewohl Carl Joseph von Trotta dem Trunke ja nicht abgeneigt ist, allzu nüchtern. Florian Teichtmeister, den Hausherr Herbert Föttinger bei der Premierenfeier Richtung Burgtheater verabschiedete, zeigt ihn nicht als sensiblen, weichen Charakter, sondern von Beginn weg resignativ, müde, ohne Hoffnung auf ein – in jeder Bedeutung des Wortes – Fortkommen.

Peter Scholz, hier als Kapturak, mit Florian Teichtmeister und Alexander Absenger. Bild: Moritz Schell

Joseph Lorenz als Bezirkshauptmann Franz von Trotta und Florian Teichtmeister. Bild: Moritz Schell

Das mag daran liegen, dass ihm eine schwarzgewandete Parze gleich zu Anfang sein Ende vorhersagt, den tödlichen Treffer beim Wagnis, für seine Kameraden Wasser aus einem Brunnen zu schöpfen. Der Gedanke tut sich auf, ob das Ganze so etwas wie Carl Josephs Albtraum ist, dem er erstaunt zusieht, während ihn die Geister seiner Vergangenheit heimsuchen. Andrea Jonasson gibt die hier androgyn schillernde Figur des Grafen Chojnicki als eine Art mephistophelischen Conférencier, ein Chacun à son Goût umlächelt ihre Lippen, doch wie das Gros der Darsteller wechselt sie zwischen Erzählstimme und ihrer Rolle, beides in ausschließlich Originaltext.

Und in einem Tempo, das so rasch von der Totalen ins tiefste Innere der Figuren zoomt und wieder zurückschnellt, dass einem schwindlig werden könnte. Das ist einer der gelungenen Einfälle Goerdens, wenn auch nicht nagelneu, um die Diskrepanz zwischen Gedachtem und Gesagten zu verdeutlichen. So kommt‘s beispielsweise in einer Abschiedsszene zwischen Bezirkshauptmann und Leutnant Trotta aus dem Off: „Obwohl er sagen wollte: Ich liebe dich, mein Sohn!, sagte er lediglich: Halt dich gut.“

Andrea Jonasson als Graf Chojnicki. Bild: Moritz Schell

In diversen Rollen: Pauline Knof, Alexander Absenger, Alexandra Krismer, Michael König und Oliver Rosskopf. Bild: Moritz Schell

Diesen Franz von Trotta stattet Joseph Lorenz als erstem Leidenden am Mythos des Helden von Solferino mit steifer Oberlippe aus, seine Kaisertreue ist das verkrustete Korsett, das ihm die Atemluft aus dem Körper presst, und Lorenz, ein Meister in der Gestaltung des Altösterreichischen, gelingt es, diese Haltung zu wahren, obwohl er in der schnellen Szenenabfolge de facto nicht viel zum Spielen kommt. Mit Jonasson, Teichtmeister und Lorenz hat es sich auch schon mit der Ausführung nur einer Figur, andere stemmen bis zu fünf Rollen.

Michael König etwa alle Alten, vom verwichenen Stammvater Trotta, der sich per Blick durch seinen Gemälderahmen bemerkbar macht, bis zum sterbenden Diener Jacques, der ihm allerdings zur Nachthemd-Karikatur gerät. Gelungen dafür, apropos: Nachthemd, sein Sekundenauftritt als Kaiser Franz Joseph, den der König nicht als senilen Herrscher zeigt, sondern als einen, der in diskreter Audienz mit Trotta-Lorenz die Angelegenheiten für Trotta-Teichtmeister regelt. Nicht viel mehr als vorbeihuschen auch Pauline Knof als die Geliebten Katharina Slama und Eva Demant, mit beide Mal letalem Ausgang.

Und Alexandra Krismer, die Carl Josephs Nummer drei, Valerie von Taußig, wenigstens etwas groteske Exaltiertheit anzuhaften vermag. Mit Alexander Absenger und Oliver Rosskopf ist sie auch auf diverse Offiziere abonniert, wobei das Trio das militärische Personal in unterschiedlichen Schattierungen von schrill anlegt. Peter Scholz ist erst der jüdische Regimentsarzt Doktor Max Demant, dann Kasinobetreiber Kapturak, bleibt aber in Goerdens Versuchsanordnung in beiden Rollen blass.

Zum papierenen Gesamteindruck passt das Setting von Silvia Merlo und Ulf Stengl, ein mit dem empfindlichen Material ausgekleidetes Gerüst, Stelen einer steril-weißen Welt, die mit Ausbruch des Krieges vom Ensemble in der Luft zerrissen wird. Als wär’s das Synonym einer strahlenden Fassade, die längst am seidenen Faden hing. Immerhin: Ein stimmiges Schlussbild für einen Abend, der den Weitblick in den Abgrund zwar verweigert, aber vom Publikum mit freundlichem Applaus bedankt wurde.

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  1. 5. 2019

Theater in der Josefstadt: Jacobowsky und der Oberst

April 21, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit einem Lachen den Leidensweg entlang

Je länger die Flucht, je größer die Verzweiflung: Johannes Silberschneider, Matthias Franz Stein, Herbert Föttinger und Pauline Knof. Bild: Sepp Gallauer

Die Bühne ist so dunkel, wie die Aussichten duster. Im Pariser Hotel „Mon Repos et de la Rose“, dieses wegen nächtlicher Flugangriffe der Nazis in Finsternis getaucht, lernen einander der jüdische Kaufmann Jacobowsky und der polnische Oberst Tadeusz Boleslav Stjerbinsky kennen. Man wird zur Schicksals- gemeinschaft, weil ersterer ein Fluchtauto kaufen, das zweiterer fahren kann – zumindest sährrr gut geradeaus. Beide wollen zu den Schiffen, die an der Atlantikküste ablegen.

Der eine, um dem Konzentrationslager zu entgehen, der andere, weil er seiner Exilregierung in London wichtige Papiere zu überbringen hat. Doch da die Charaktere unterschiedlicher kaum sein könnten, wird die Stimmung während der Reise zunehmend angespannter. Aus diesem Umstand bezieht Franz Werfels von ihm so genannte Komödie einer Tragödie „Jacobowsky und der Oberst“, 1941/42 im amerikanischen Exil verfasst und eine Verarbeitung eigener Fluchterlebnisse, sowie derer des polnischen Bankiers Jakobowicz, ihren Witz. Am Theater in der Josefstadt hat nun Janusz Kica das Stück inszeniert, schnörkellos, ganz auf die Kraft des Textes und der grandiosen Darsteller setzend, wobei er die Figur Jacobowsky zusätzlich von ihrem allegorischen Charakter befreit. Der in allen Aspekten geglückte Abend ist ein weiterer starker Beitrag zum Spielzeitmotto des Hauses: „Flucht und Heimatlosigkeit“.

Johannes Silberschneider und Herbert Föttinger gestalten das Gegensatzpaar. Silberschneider füllt seine Rolle mit jener verschmitzten Ironie, die einem das Lachen entlang ihres Leidenswegs erst ermöglicht. Jacobowsky hat gelernt, dem Schrecken mit Galgenhumor zu begegnen, also macht Silberschneider Werfels überidealisiertes Geschöpf zum menschlichen Wesen, durch die Art, wie er deren Aperçus in höchster Abgeklärtheit zum besten gibt. Man glaubt diesem lebenslang Vertriebenen, der sich zwischen weltlichem Zweckoptimismus und biblischem Todesrealismus eingerichtet hat, dass er, wie er sagt, will, dass sich alle wohlfühlen, damit er sich selber wohlfühlen kann. Jacobowskys Leitsatz von den stets vorhandenen zwei Möglichkeiten, ist gleichsam das Motto des Stücks, und Silberschneider spielt ihn als feinsinnigen, überlegten Logiker, der es mit Finesse versteht, sogar der Wehrmacht einen Kanister Benzin abzuluchsen.

Dass so einer vom entfesselten Temperament Stjerbinskys gefordert ist, versteht sich. Herbert Föttinger ist als Silberschneiders Antagonist ein kongenialer Widerpart, zunächst eitler Haudegen und charmanter Womanizer, der für jede Dame „in der Kathedrale seines Herzens“ eine Kerze brennen hat, latent antisemitisch und ein arroganter Anschaffer. Föttinger zieht als grantiger, auf Jacobowsky immer eifersüchtigerer Offizier alle Komödienregister, sein polnischer Kunstakzent trägt zum Gaudium bei, doch während Stjerbinsky erst noch wehleidig jammert sährrr schwärmüttig zu sein, gibt Föttinger der Figur mehr und mehr Kontur, als Stjerbinsky tatsächlich am Verlust seines Status und seiner Uniform, muss er sich doch als Zivilist tarnen, zu kranken beginnt. Dieser Stjerbinsky berührt in seinem seelischen Abstieg so, dass Föttinger am Ende dessen Katharsis plausibel vermitteln kann.

Matthias Franz Stein und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Pauline Knof und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Herbert Föttinger und Johannes Silberschneider. Bild: Sepp Gallauer

So wie zwischen Silberschneider und Föttinger die Pointen sitzen, so verstehen auch Matthias Franz Stein als Szabuniewicz und Pauline Knof als des Obersts Geliebte Marianne diese zu setzen. Stein gelingt als ergebenem Pfeifendeckel perfekte Sidekick-Komik. Dass er sich auf der Flucht „nur keine Weiber“ wünscht, ist allerdings zwecklos, holt sein Befehlshaber doch auf der Fahrt zum Meer seine Liebste Marianne ab, und Pauline Knof ist ganz wunderbar als lieblich-naive Tagträumerin, bevor sie ihre Marianne zur einzig noch handlungsfähigen Person entwickelt. Je verzagter Jacobowsky wird, je schwächer der Oberst, umso stärker sie.

Nicht umsonst hat Werfel für sie den Namen der Nationalfigur der Franzosen gewählt, und so ist es nur folgerichtig, dass Knofs Marianne das Schlussbild gehört, in dem sie sich, schwarz gekleidet und mit Pistole im Anschlag, als Mitglied der Résistance ausgibt. Kica gelingen großartige Szenen, komisch, wenn sich Marianne und Stjerbinsky beim Wiedersehen ein hochtheatralisches Drama liefern, das Jacobowsky ob des lebensgefährlichen Zeitverlusts fassungslos kommentiert, tragisch, wenn der Oberst wegen einer Gestapo-Kontrolle zum Geisteskranken mutieren muss, den die „Gattin“ mithilfe des Aushilfsirrenwärters Szabuniewicz in die nächste Klinik zu bringen gedenkt. Auch diese Farce natürlich ein Trick, der Jacobowsky eingefallen ist.

Wie Janusz Kica mit Silberschneider, Föttinger, Knof und Stein detailreiche Charakterstudien erarbeitet hat, so tat er das ebenso in den zwei Dutzend Miniaturen. Wie es ein Markenzeichen des Ensembletheaters Josefstadt ist, ist die Produktion durchwegs luxuriös besetzt: mit Ulli Maier als resoluter Hotel-Chefin Madame Bouffier, Alma Hasun als leidenschaftlicher „leichter Person“ oder Gerhard Kasal als gutgläubigem deutschen Oberleutnant. Alexander Absenger ist als zynischer „tragischer Herr“ zu sehen, Johannes Seilern als sich unantastbar glaubender Membre de l’Académie Française, Siegfried Walther als um Ruhe bemühter Wirt Clairon, Therese Lohner als unnachgiebiges Mädchen Mariannes, Ginette, Patrick Seletzky als grausamer Gestapo-Mann.

Ulli Fessls „alte Dame aus Arras“ wird nicht umsonst ein „Kraftwerk an Panik“ genannt, Ulrich Reinthaller überzeugt als zwiespältiger britischer Agent, Michael Schönborn als Flic, der erst nach Dienstschluss mitfühlend werden darf. Ihnen allen bietet die Aufführung dank Kicas kluger Regie einiges an Entfaltungsmöglichkeit. Kica zeigt all das ohne krampfhaften Dreh ins Heute, sind Werfels Themen von Zukunft, die aus Zusammenhalt entsteht, und Vertrauen, das alle Feindseligkeiten überwindet, doch ohnedies zeitlos. Dass sich ohne viel geistigen Aufwand dennoch Assoziationen zur Gegenwart herstellen lassen, liest sich auch in einem Text Georg Stefan Trollers im Programmheft. Wenn der Autor dort über den Emigranten als, von den Staaten, in die er flieht, „Illegalen“, „Störfaktor“, „Parasiten“ gesehenen schreibt, kann man nicht anders, als an ein Österreich zu denken, dass es seit Kurzem wieder gibt.

Video: www.youtube.com/watch?v=nnlEZf2lC7g          www.josefstadt.org

  1. 4. 2019

Kammerspiele: Acht Frauen

November 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Tod steht ihnen gut

Die Damen werden handgreiflich: Isabella Gregor, Marianne Nentwich, Susa Meyer, Silvia Meisterle, Swintha Gersthofer und Sandra Cervik. Bild: Sepp Gallauer

Suspense so geschmeidig in Chansons umzusetzen, das muss einem erst einmal gelingen. Franz Wittenbrink führt nun an den Kammerspielen der Josefstadt très français vor, wie’s geht. Er hat für Herbert Föttingers Neuinszenierung der Krimikomödie „Acht Frauen“ die Bühnenmusik komponiert. Mal darf frech gejazzt werden, mal eine zum Tango sinnlich sein, immer psychogrammatisch entlang des jeweiligen Typus und seiner besonderen Charakterzüge.

Die Damen des Ensembles beweisen solcherart nicht nur ihr schauspielerisches Können, sondern entpuppen sich als wahre Showtalente. Pauline Knof als ungebetener Gast Pierrette legt eine sexy Einlage hin, von der man nicht ahnte, dass derlei in der Charakterdarstellerin schlummert.

Der Inhalt von Robert Thomas‘ Text ist bekannt: Auf einem französischen Landsitz, abgelegen und eingeschneit, findet die Vorweihnachtsstimmung ein jähes Ende, als der Hausherr mit einem Messer im Rücken tot aufgefunden wird. Den „Acht Frauen“, Verwandten wie Bediensteten, erschließt sich bald, dass die Mörderin unter ihnen zu suchen ist. Jede hatte ein Sträußchen mit dem Verstorbenen auszufechten, Motive gibt es ergo genug, aber keine Alibis. So beginnt ein scheinheiliges Intrigenspiel, in dem scheinbar aufgeschreckte Hühner sich als skrupellose Erbschleicherinnen erweisen, tablettensüchtige Dramaqueens gegen eiskalte Königinnen der Nacht antreten, und mehr dunkle Geheimnisse ans Licht kommen, als der Mischpoche lieb sein kann.

Föttinger dämpft in seiner Arbeit den Schenkelklopfimpuls, der durchaus als Gefahr im Stück lauert. Zu sagen, er hätte daraus eine subtile Satire gemacht, wäre für den amüsanten, doch – nicht zuletzt aufgrund Ece Anisoglus uninspiriertem Grauen-Haus-Bühnenbild und Birgit Hutters elegant gestrigen Kostümen – etwas antiquiert wirkenden Abend wohl etwas viel. Doch der Regisseur kann sich auf seine Komödiantinnen verlassen, die wissen, wie sarkastisch geht, wie man Zwischentöne und Spitzen setzt und so Zwietracht sät. Föttinger gibt ihnen den Raum, sich in allen Facetten schillernd zu entfalten. Dass in seiner Interpretation die Fallhöhe vom vermeintlichen Familienidyll zur lügendurchtränkten Täterinnensuche gering ist, ist eine Entscheidung, die es anzunehmen gilt.

Das Verhältnis der Frauen untereinander ist von Beginn an ein brüchiges, die Worte zwischen ihnen fallen streitsüchtig und gereizt, es kommt nicht nur einmal zu Handgreiflichkeiten. Man ärgert sich über die Hysterie und Hypochondrie der anderen, vor allem aber über Mamys „Wunderheilung“. Als diese glänzt Marianne Nentwich. Die langgediente Josefstädterin ist von der Gaby, die sie in einer Aufführung 2004 noch spielte, zur Gabys-Mutter-Rolle avanciert, und sie macht sich sichtlich einen Spaß daraus, immer dann aus dem Rollstuhl zu hüpfen, wenn es Spannenderes zu tun gibt, als auf den Nerven der anderen spazieren zu fahren. Die Gaby ist nun Susa Meyer, die von gutbürgerlicher Hausherrin blitzschnell auf bitterböse und bissig umzuschalten weiß.

Silvia Meisterle als kesses Kammerkätzchen Louise. Bild: Sepp Gallauer

Susa Meyer, Silvia Meisterle, Sandra Cervik und Swintha Gersthofer. Bild: Sepp Gallauer

Pauline Knof beweist als mondäne Pierrette ihr Showtalent. Bild: Sepp Gallauer

Swintha Gersthofer und Anna Laimanee, sie in ihrem ersten Engagement neu am Haus, gestalten die Töchter Susanne und Catherine zwischen teenageraufsässig und jungdamenhaft. Dass Sandra Cervik in die Figur von Gabys Schwester Augustine schlüpft, ist ein Glück. Cervik macht aus der altjüngferlichen, verbiesterten Giftspritze ein Kabinettstück, mit Hingabe tut sie deren Verdächtigungen und Vermutungen und Vorstellungen von korrektem Verhalten kund, bis sie mit Verve das Entlein in einen Schwan verwandelt. Pauline Knof schließlich als letztes Mitglied der skandalösen Sippe spielt Gabys Schwägerin Pierrette als mondäne Lebefrau.

Isabella Gregor und Silvia Meisterle sind als Köchin Madame Chanel und Dienstmädchen Louise zu sehen, nach außen hin resigniert-ergeben, aber durchaus mysteriös die eine, verführerisch kess und nur widerwillig gehorchend die andere. Insgesamt lässt sich über die Darstellerinnen sagen: Der Tod steht ihnen gut. Nach Drehungen und Wendungen, Manipulationen und unsauberen Machenschaften, und dem wahren Satzfragment „Wenn wir Frauen doch nur besser zusammenhielten“, wird die Tat zweieinhalb Stunden später enttarnt. Sollte es jemanden geben, der tatsächlich keine Ahnung hat, wie’s geschehen ist – anschauen …

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=2A9t_C2x54s

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  1. 11. 2018

Theater in der Josefstadt: In der Löwengrube

März 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

An der Stammeszugehörigkeit wächst die Schauspielerei

Muss die Bretter, die ihm die Welt bedeuten, nun putzen: Florian Teichtmeister als Arthur Kirsch und Alexander Absenger als Strassky. Bild: Moritz Schell

Es beginnt mit Shakespeares Shylock und Buhrufen und Pfiffen aus dem „Publikum“. Aufruhr im Zuschauerraum. Der angeheuerte Politpöbel kommt freilich vom Band, und obwohl man weiß, dass das schon dazugehört zur Theateraufführung, ist es unangenehm. So unangenehm, diese braune Bagage im Nacken, dass man aufspringen, ja, und was dagegen sagen möchte … Am Theater in der Josefstadt hatte anlässlich dessen 70. Geburtstags Felix Mitterers „In der Löwengrube“ Premiere, hatte Erstaufführung am Haus, womit das Stück dank Direktor Herbert Föttinger seiner ursprünglichen Bestimmung nun endlich zugeführt ist.

Denn der von Otto Schenk in den 1990er-Jahren initiierte, dann aber für die Bühne nicht umgesetzte Schreibauftrag an den nunmehrigen Jubilar ist eine Josefstädter Geschichte. Eine true story sozusagen. Mitterers Tragifarce erzählt vom Wiener jüdischen Schauspieler Leo Reuss, der sich im Dritten Reich als schauspielerisches Naturtalent aus den heimischen Bergen ausgab, um zu einem Engagement zu kommen. Im Sommer 1936 sprach der zünftige Bauer Kaspar Brandhofer bei Max Reinhardt in Salzburg vor. Der, enthusiasmiert ob des ungeschliffenen Diamants, vermittelte seine Entdeckung nach Wien.

Es folgte ein Engagement an der Josefstadt unter Direktor Ernst Lothar und Schnitzlers „Fräulein Else“ in der Regie von Hans Thimig. Goebbels in seinem Kampf gegen „Kulturbolschewismus und jüdische Dekadenz“ war ganz im Glück – frische deutsche Höhenluft umwehte eine miefig-österreichische Bühne. Doch Schnitzler-Sohn Heinrich – oder der Akteur selbst, da gehen die Quellen nicht konform – ließ den Schwindel auffliegen: Brandhofer war in Wirklichkeit Leo Reuss. Er emigrierte 1937 nach Amerika, wo er in Hollywood wegen seines deutschsprachigen Akzents ausgerechnet in Nazi-Rollen besetzt wurde. Für ihre Inszenierung nun hat Regisseurin Stephanie Mohr ein feines Ensemble um sich versammelt, das einmal mehr sein ganzes Können ausspielt. Allen voran Florian Teichtmeister, der in der „Doppelrolle“ des jüdischen Schauspielers Arthur Kirsch und seiner Verkleidung als Tiroler Naturbursch Benedikt Höllrigl brilliert.

Mohr stellt ein Panoptikum seltsamer Gestalten auf die von Miriam Busch bis auf ein paar Stühle leergelassene Bühne. Mitläufer und Opportunisten, Antisemiten aus Leidenschaft und über diesen Ungeist Verzweifelte, Aufbegehrer und Durchlavierer, solche mit Rückgrat und Wirbellose. Das Theater, es ist stets ein Abbild der Gesellschaft, in guten wie in bösen Zeiten. Schauspieler tragen plötzlich Uniform, und wenn Peter Scholz als Direktor Meisel sagt: „Was ist Theater anderes als Weltanschauung?“, dann ist das kein Missverständnis, oder besser gesagt: nur seinerseits, denn die kulturpolitischen Soldaten sind längst in Stellung gegangen. Mohrs gewitzte Inszenierung entwickelt an diesen Stellen eine Ausdrücklichkeit, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt.

Der Meisel also muss Arthur Kirsch nach dem „Kaufmann von Venedig“ entlassen, er war dem Mob zu wenig „jiddelnd“, wenn man schon einmal „typgerecht“ besetzt. André Pohl wird als Kollege Polacek einspringen und eine Persiflage dessen hinlegen, was man sonst zum Glück nur noch von einschlägigen Filmaufnahmen kennt, aber wenig später wird der Höllrigl am Bühnentürl stehen und als Wilhelm Tell das Theater gleichsam neu erfinden. Teichtmeister gestaltet das erst extrem zurückgenommen, sozusagen sprachlos gegen die Schreihälse, ein feiner Mensch, den eine grobe Zeit überrollt. “Ich liebe diese Bretter, warum soll ich sie nicht zum Abschied putzen?“, sagt er leise, als er den Bühnenboden schrubben muss.

Der Tiroler Naturbursch Benedikt Höllrigl mischt das Theaterensemble auf: André Pohl, Florian Teichtmeister, Tobias Reinthaller und Peter Scholz. Bild: Moritz Schell

Die Diva denkt zuerst an die Karriere: Florian Teichtmeister, Pauline Knof als Kirsch-Ehefrau Helene Schwaiger und Alexander Absenger. Bild: Moritz Schell

Dann aber trumpft er auf. Aus Resignation und Angst entsteht Zorn – und eine Idee. Er wird die Unterweisung übertreffen und den Nazis ein Paradebeispiel ihrer eigenen Engstirnigkeit vorführen. Teichtmeister ist herrlich als „Reschpektsperson“, als Bauernphilosoph und Politpolterer für die Führergläubigen, die er mit seinem Fanatismus für den Faschismus in Furcht und Schrecken versetzt. Als blondes Anderl-Hofer-Lookalike, als einwandfreier Ötztaler gestaltet er schon das Vorsprechen als Kabinettstückl. Der beinharte Blut-und-Boden-Hund mit dem angeborenen „Rasseninstinkt“ gibt der Mörderbrut ihr eigenes Geistesgift zum Schlucken. Umso berührender dann, wenn Teichtmeister in sehr subtilen Szenen das echte „Ich“, den Kirsch aus dem Höllrigl hervorbrechen lässt, und wie er als solcher mit kleinen Gesten Verachtung darstellt.

Ihm gelingt eine wunderbar präzise Darstellung dieses Doppelcharakters: das Schaf im Wolfspelz. Teichtmeister spielt Kirschs Anstrengung diesen Höllrigl den ganzen Tag durchzuhalten, und er spielt dessen Seelenleere angesichts des Triumphs seines Tiroler Golems. Etwa, wenn er nicht nur Wahrheiten über die anderen austeilt, sondern auch solche über sich selbst einstecken muss. Denn mit der richtigen „Stammeszugeörigkeit“ wächst, scheint’s, die Schauspielkunst.

Famos ist auch Scholz als Direktor Meisel, dem Theater als Diktatur keine Fortune bringt. Er ist ein Überlebens-Künstler zum Gotterbarmen, ein zappeliger Um-sein-Leben-Reder, ein Feigling auch, aber das mit einer Vehemenz, dass man ihm seine Ergebenheit, mit der er das System letztlich nur düpiert, ohnedies nicht glauben mag. Er durchschaut bald, was Sache ist. So wie der Bühnenmeister Eder, den Alexander Strobele als raubeinigen Wiener Hackler mit dem Herzen am linken Fleck anlegt. „Je klana da Künstler, umso greßa da Nazi“, hat ihn das Leben gelehrt, also ist auf seine Diskretion Verlass. Doch das Chaoskarussel dreht sich immer schneller und die Wadlbeißereien unter den hehren Mimen werden aggressiver. Die „Herrenmenschen“ mit den original-arischen Namen Strassky, Polacek und Jakschitz, gespielt von Alexander Absenger als seine Abgötter fürchtender „Bösewicht“, Pohl als letztlich übel zugerichteter Intrigant und Tobias Reinthaller als jugendlichem Liebhaber von Alma Hasuns Olga, verlieren zunehmend die Nerven. Pauline Knof gibt die Kirsch-Ehefrau Helene Schwaiger als eine, die alles für die Karriere opfert. Egal welches Regime, Hauptsache: im Rampenlicht. Dabei mangelt es ihrer Diva durchaus nicht an Selbsterkenntnis.

Claudius von Stolzmann hat als Goebbels einen kurzen, aber prägnanten Auftritt. Er zeigt keine – wie oft zu sehen – Karikatur des Reichsministers, sondern gestaltet einen Machtmenschen und verhinderten Theaterautor, der Höllrigl sogar zwei seiner Stücke aufzwingt. Von Stolzmann hat sich die Rolle einverleibt und entwickelt von der Stimme bis zur Gestik eine glänzende Studie des Dritten-Reichs-Architekten. Am Ende hat das Schelmenstück für Kirsch zwar kein Happy End, aber mutmaßlich eines in der Schweiz. Das Publikum hingegen wird mit dieser Produktion voll und ganz beglückt. Regisseurin Mohr findet für ihre Arbeit die Mitte zwischen Sarkasmus, Spannung und Sentiment, ihre Schauspieler treffen den von ihr vorgegebenen Ton zwischen komödiantischem Auftrumpfen und sensibler Nachdenklichkeit perfekt.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=j873Eo_rGRs

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  1. 3. 2018

 

Kammerspiele: Pauline Knof im Gespräch

November 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

In „Terror“ ist sie die Kampfpilotin

Pauline Knof (zweite von links) mit Gioia Osthoff, Martina Stilp-Scheifinger, Julia Stemberger, Susa Meyer, Alexandra Krismer und Silvia Meisterle. Bild: Jan Frankl/Background: Crown Copyright/www.defenceimagery.mod.uk

Am 23. November hat an den Kammerspielen der Josefstadt „Terror“ Premiere. Ferdinand von Schirachs Erfolgsstück behandelt ein moralisches Dilemma in erschreckend aktueller Form: Ein Terrorist entführt ein Flugzeug mit 164 Menschen an Bord. Sein Ziel ist ein mit 70.000 Menschen vollbesetztes Fußballstadion. Kampfpilotin Lara Koch trifft entgegen ihrer Befehle eine Entscheidung: Sie schießt das Flugzeug ab und wählt somit „das kleinere Übel“. Das bringt sie vor Gericht. Einem, bei dem das Publikum als Schöffen allabendlich entscheidet, ob sie falsch oder richtig gehandelt hat. Pauline Knof spielt die Kampfpilotin. Ein Gespräch:

MM: In den Kammerspielen wird „Terror“ ausschließlich von Frauen gespielt. Wie hat Regisseur Julian Pölsler Ihnen diese Entscheidung erklärt?

Pauline Knof: Im deutschsprachigen Raum wurde das Stück noch nie in einer anderen als der Original-Besetzung gespielt. Die erste Idee war, nur aus dem Kampfpiloten eine Frau zu machen, aber dann im Laufe der Vorbereitungen, kam Julian darauf, alles mit Frauen zu besetzen, um zu schauen, was dann mit dem Stück passiert, und ob sich die Wahrnehmung verändert.

MM: Julian Pölsler macht zum ersten Mal eine Theaterregie …

Knof: … und das sehr gut. Er ist vorbereitet, er weiß genau, was er will. Er ist lieb mit uns und legt großen Wert darauf, dass wir in der inhaltlichen Auseinandersetzung gemeinsam zu Entscheidungen kommen, er ist sehr darauf bedacht, unsere Meinung zu hören. Interessant für uns als Ensemble ist, dass Julian von Hause aus Filmregisseur ist und damit natürlich einen neuen Blickwinkel einbringt.

MM: Wie geht es Ihnen als Frau mit einer Rolle, die für Männer geschrieben worden ist?

Knof: Ich denke inzwischen nicht mehr darüber nach, dass es keine Frauenrolle ist. Ich wüsste auch gar nicht wie mir das helfen soll.  Ich habe die Verfilmung mit Florian David Fitz als Kampfpiloten gesehen, da wusste ich noch nicht, dass ich die Rolle spielen werde, und als ich es wusste, habe ich mir eine Aufführung in Frankfurt am Main angeschaut. Als ich den Text schlussendlich in der Hand hatte, dachte ich, dass das so aggressiv klingt, wenn ich das laut spreche, was mir nie aufgefallen ist, als die Männer gespielt haben. Ich glaube, Frauen formulieren mehr im Konjunktiv, weicher und verbindlicher. Frauen, auch wenn wir miteinander reden, wollen gemocht werden vom Gegenüber, suchen den Konsens. Ich selber, wenn ich um etwas bitte, mache sprachlich noch drei Schleifen drumherum. Männer reden so einfach nicht, die sprechen geradeaus und klar. Ausnahmen bestätigen die Regel natürlich, aber ich bin schon gespannt, wie das Publikum darauf reagieren wird.

MM: Wie haben Sie Text und Figur nun für sich erarbeitet?

Knof: Da ich mich weder mit Militär noch mit Gerichtsverhandlungen auskannte, bin ich in die Recherche gegangen. Ich habe also endlos gelesen und mir Dokumentationen angeschaut über die  Kampfpilotenausbildung, den Eurofighter und alle technischen Begriffe, die im Stück fallen. Den Piloten scheint es in erster Linie ums Fliegen zu gehen, und die zivile Luftfahrt reicht nicht aus um diese Adrenalinsucht zu befriedigen. Allein im Eurofighter zu sitzen, diese Wahnsinnsmaschine zu beherrschen, diese Manöver zu fliegen, das scheint das Größte für sie zu sein. Ich habe den Eindruck bekommen, dass der Kampfeinsatz als notwendiges Übel gesehen wird, um auf diesem Niveau fliegen zu können.

MM: Die Ausbildung gehört ja zu den härtesten der Welt, nur einer von 10.000 Bewerbern wird am Ende den Eurofighter fliegen, heißt es im Stück.

Knof: Das ist Hochleistungssport, so eine Maschine zu fliegen, die sind mit Mitte Dreißig, Anfang Vierzig durch. Im Cockpit wirken G-Kräfte, das heißt das Vielfache des eigenen Körpergewichts, eine extreme Belastung vor allem für die Wirbelsäule. In Deutschland gibt es zwei Frauen, die Kampfpilotinnen sind, eine von ihnen, Nicola Baumann, wurde gerade bei der NASA aufgenommen und wird hoffentlich die erste deutsche Frau im All.

MM: Diese Lara Koch, die Sie gestalten werden, wie ist die? Beim Lesen des Textes nicht unbedingt sympathisch, die spricht Sätze, da dreht sich einem der Magen um …

Knof: Ich muss die Figur verteidigen. Ich darf nicht den Hauch eines Zweifels haben, dass ich das Richtige getan habe, wenn ich in diese Gerichtsverhandlungen gehe. Ich habe eine rationale, keine emotionale Entscheidung in der Luft getroffen.  Für mich stellt sich die Frage der Sympathie also nicht. Ich muss als Figur der Lara Koch inhaltlich überzeugen, eine bestimmte Geisteshaltung aufzeigen. Ich möchte in der Aufführung nicht damit punkten, dass ich eine Frau bin, oder dass Lara Mutter eines Sohnes ist. So möchte ich nicht gewinnen.

MM: Es geht Ihnen ums Gewinnen?

Knof: Als Pilotin auf jeden Fall. Als Schauspielerin nicht. Im Stück geht es um das Ausloten des kleineren Übels. Ein Zivilflugzeug wird entführt, die Eurofighter steigen auf, um das Flugzeug zu begleiten und zur Landung zu zwingen. Doch der Terrorist lässt sich nicht abdrängen und gibt sein Vorhaben nicht auf, die Maschine in ein vollbesetztes Stadion zu lenken. Die Kampfpiloten kommen in eine Lose-Lose-Situation. In dem Moment ist Lara Kochs Schicksal schon entschieden, denn wenn sie schießt, tötet sie Zivilisten, und wenn sie die Maschine ins Stadion krachen lässt, auch. Dazu kommt, dass, sobald sie schießt und gegen den Befehl der Vorgesetzten verstößt, ihre Karriere vorbei ist, sie wird wahrscheinlich nie wieder auch nur eine Zivilmaschine fliegen dürfen.

MM: Ist sie so rational in dem Moment, in dem sie abdrückt, dass ihr das durch den Kopf geht?

Knof: Ja. Dazu gibt es Anhaltspunkte im Verlauf des Abends, über die ich noch nichts verraten will. Der Text ist ja relativ emotionslos, bis auf eine Reaktion von Lara, die die Staatsanwältin aus ihr herausholt. Das Problem ist, dass der Krieg zu uns kommt, dass wir nicht mehr nur nach Afghanistan fahren und dort, weit weg, einen Krieg führen. Sondern wir kommen in unserem eigenen, vermeintlich friedlichen Land in die Situation, solche Entscheidungen treffen zu müssen. Daher finde ich, dass der Titel „Terror“ in zwei Richtungen geht, denn es ist nicht nur der Terror der Terroristen, sondern auch der Terror, den wir unserer eigenen Bevölkerung eventuell antun müssen. Wie kann der Staat seine Zivilisten schützen, müssen die Gesetze sich ändern, weil sich die Art der Kriegsführung geändert hat? Was wird aus unserer Freiheit, wie kann man sie schützen, wieviel ist sie uns wert? Das sind auch die Fragen des Abends.

MM: Das Publikum fungiert gleichsam als Schöffen und fällt am Schluss das Urteil. „Terror“ ist kein typisches Kammerspiele-Stück. Fiel die Entscheidung fürs Haus, weil der Raum intimer ist, und man Abstimmungen besser vornehmen kann?

Knof: Das weiß ich tatsächlich nicht. Ich nehme es an. Eine Durchmischung ist sicher nicht schlecht, so dass man nicht oben im 8. Bezirk nur die ernsten Stücke und unten im 1.  ausschließlich die Komödien spielt. Wir haben ja auch eine klassische Komödie „Wie man Hasen jagt“ im großen Haus und das läuft sehr gut. Außerdem glaube ich, auch wenn wir in „Terror“ ein ernstes Thema ansprechen, dass der Abend unterhaltsam wird. Unsere Aufgabe ist es, die Aufführung so spannend zu machen, dass die Leute an der Stuhlkante sitzen und der Entscheidung, die sie selbst treffen müssen, entgegenfiebern. In Frankfurt musste ich selber im Publikum entscheiden, ob schuldig oder unschuldig und das macht schon was mit einem.

MM: So gut wie Sie spielen, wird die Entscheidung ausfallen.

Knof: Ich glaube fest daran, dass beide Sichtweisen auf die Problematik gute Argumente liefern. Persönlich finde ich unbedingt, dass die Verfassung geschützt werden muss. Es hat zwei Weltkriege und Millionen von Opfern erfordert, dass wir heute diese Verfassungen haben und die gilt es 100-prozentig zu verteidigen. Die Würde des Menschen wird ständig angetastet, aber die Unantastbarkeit steht am Anfang unserer Verfassung, das ist der Leitsatz, das Ideal, das wir uns als Gesellschaft gegeben haben. Mord ist Mord – egal, ob an 164 oder an 10.000 Menschen. Was im Stück allerdings gar nicht diskutiert wird, ist das Strafmaß im Falle einer Verurteilung.

MM: Stimmt. Es geht nur eine ultimative Entscheidung, um Ja oder Nein.

Knof: … und so funktioniert unser Rechtssystem nicht. Beweggründe zur Tat werden in den Schuldspruch einbezogen. Bei so einem Fall würden auch nicht Schöffen, sondern Richter entscheiden, es ginge ja auch um einen Präzedenzfall. Das Urteil hätte in der Realität eine enorme Reichweite und Bedeutung. Die „Höchststrafe“ für mich auf der Bühne ist nur, dass man mich die ganze Zeit sitzen lässt, mein Körper hält dieses Nicht-Bewegen fast nicht aus. Mein Spieltrieb ist völlig ausgebremst. Aber es ist eine interessante Erfahrung, viel darstellen zu wollen mit minimaler Gestik. Die Uniform unterstützt mich darin natürlich sehr.

MM: In der Fiktion, welche Entscheidung wünschen Sie sich, welche Diskussion möchten Sie auslösen?

Knof: Es gibt eine interaktive Weltkarte (terror.theater/), auf der man nachschauen kann, wo in der Welt wie abgestimmt wurde in den verschiedenen Inszenierungen. Da ist auffällig, dass es im deutschsprachigen Raum meistens sehr deutlich Freispruch ist, in den asiatischen Ländern ist meistens schuldig. Ich finde ein Abend ist ein guter Abend, wenn die beiden Lager gleich stark sind, mein Ehrgeiz ist es, näher an die 50:50 ranzukommen. Ich will, dass die Zuschauer die ganze Zeit mental in Bewegung sind, bis sie die beiden Plädoyers gehört haben, und dass Ihnen dann die Entscheidung erst recht schwerfällt. Außerdem bin ich gespannt, wie die Männer im Publikum reagieren, wenn eine Frau so sachlich, direkt und unemotional spricht. Und ich freue mich auf die anstehenden Publikumsgespräche.

MM: Sie sind als Schauspielerin sehr breit aufgestellt. Sie spielen an der Josefstadt die Komödie, „Wie man Hasen jagt“, im Mitterer-Abend „Galápagos“ eine Pionierin und Bäuerin, jetzt „Terror“ … Ist das eine Qualität der Josefstadt, dass man so vielfältig arbeiten kann?

Knof: Die Josefstadt und die Kammerspiele haben tatsächlich eine große Bandbreite. Es gibt viele Uraufführungen, österreichische Autoren, Klassiker, Komödien und Musicals. Es ist tatsächlich das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich so unterschiedlich zeigen kann. Als Anfängerin ist man oft das „junge Mädl“, also: hoffen und bangen und weinen. Nun bin ich 15 Jahre im Beruf und die Rollen werden vielfältiger und interessanter. Ich bin da der Josefstadt und Herbert Föttinger sehr dankbar, dass man mir zutraut die Kampfpilotin zu sein. Ich liebe diese Abwechslung in der aktuellen Spielzeit. Wir sind ein tolles Ensemble, wir spielen alle sehr viele Vorstellungen miteinander, das ist ja auch Lebenszeit und die wird mir von Jahr zu Jahr teurer. Also abgesehen von „Terror“ welches ein interessantes Stück ist, bin ich dankbar, von sechs starken Frauen am Abend umgeben zu sein und dieses Stück mit ihnen durch die Spielzeit zu bringen. Als nächstes kommt Mitte März „In der Löwengrube“, das ist wieder eine ganz andere Thematik. Steffi Mohr macht wieder ein Felix Mitterer Stück, und wir führen unsere Zusammenarbeit nach „Galápagos“ fort. Ich spiele die „Diva der Josefstadt“, denn der Fall hat sich in der NS-Zeit ja tatsächlich hier ereignet. Das wird das Kontrastprogramm zur Kampfpilotin und zur Leontine in der „Hasenjagd“.

MM: Also wunschlos und glücklich?

Knof: Ich bin da einfach gestrickt. Ich hoffe, wir bleiben alle gesund, haben schöne Arbeit und das Publikum mag, was wir tun.

www.josefstadt.org

18. 11. 2017