Bronski & Grünberg: Familie Schroffenstein

Februar 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Purismus statt Budenzauber

Ljubiša Lupo Grujčić und Birgit Linauer. Bild: © Andrea Peller

Das Bronski & Grünberg, bis dato auffällig geworden als Spielort, der sich bierernst nehmenden Klassikern die Satire ins Gesicht grinst, beweist mit seiner jüngsten Produktion, dass es auch ganz anders kann. Und dies ausgerechnet bei einem Stück, das sich für Ironie und Parodie geradezu angeboten hätte: Kleists „Familie Schroffenstein“. Nun aber trat Regisseur Fabian Alder, und mit ihm eine Creme österreichische (Jung-)schauspieler, an, um dem Wegbereiter in die dramatische Moderne alle Ehre anzutun. Alder setzt in seiner Inszenierung auf Purismus statt auf Budenzauber. Herauskommt so ein sehr straighter Theaterabend, der Kleists Haudegen ohne Hau-drauf-Humor präsentiert, und in seiner klaren Tonart auf ganzer Linie reüssiert.

Haudegen, weil: Was sich in der „Familie Schroffenstein“ abspielt, ist eine Blutorgie à la Tarantino. Durch einen unseligen Erbschaftsvertrag sind zwei blaublütige Vettern samt Anhang zu erbitterten Feinden geworden. Man beschuldigt sich gegenseitig des Kindsmords, schreckt vor abgeschnittenen Leichenfingern, Folter und dergleichen nicht zurück, Vasallen und Boten fallen wie die Fliegen – und, wenn nichts mehr hilft, fällt einer in Ohnmacht. Das übliche Kleist’sche Ritter-Schauer-Mysterydrama halt.

Alldieweil das mörderische Treiben so geht, verlieben sich Agnes aus Zweig A und Ottokar aus Zweig B ineinander. Allerdings, dies kommt beziehungserschwerend hinzu, findet auch Ottokars psychisch labiler Halbbruder Johann Gefallen an der schönen Maid. Im Gebirge kommt es schließlich zu Kleidertausch und Doppelsprung über die Klinge. Am Ende sind alle Erben hin. Und Johann sagt: „Es ist ein Spaß zum Todlachen!“

Nicht so bei Alder. Der verzichtet auf alles Hexenwerk und lässt auf leerer Bühne mit Baumgerippe spielen. Zwei Öffnungen lässt er den goldbewandeten Burgen für die zahlreichen Auf- und Abtritte der Figuren, die Edelfarbe sozusagen der einzige Farbtupfer auch für einen Handschuh, sind im Weiteren die Schauspieler doch in Schwarz und Weiß gekleidet. Einzig der Grenzgänger zwischen den Familien, Jerome von Schroffenstein, trägt grau (Bühne: Kaja Dymnicki und Fabian Alder, Kostüme: Katharina Kappert).

Sophie Stockinger und Simon Morzé. Bild: © Andrea Peller

Wohl weil sich in den Familien alles wie spiegelgleich ereignet, hat Alder die Grafen Rupert und Sylvester sowie die Gattinnen Eustache und Gertrude mit jeweils Ljubiša Lupo Grujčić und Birgit Linauer besetzt. Besagter goldener Handschuh kennzeichnet, wer gerade das Sagen hat, und vor allem Grujčić ist großartig als mal unversöhnlicher Willkürherrscher, mal dessen versöhnlich einlenken wollender Cousin. Sophie Stockinger und Simon Morzé gestalten ein anrührend schüchternes Liebespaar Agnes und Ottokar, Benjamin Vanyek ist als Johann sehr schön irre. Florian Stohr gibt den Jerome als aufrechten, guten Menschen. Ursula Anna Baumgartner schließlich schlüpft gekonnt in diverse Rollen – vom frechen Herold Theistiner bis zur Totengräberstochter Barnabe.

Es macht Freude zu sehen, wie es dem Ensemble gelingt, die Kleist’schen Typschablonen in Charaktere aus Fleisch und Blut zu verwandeln, Alder versteht es, die Symbolhaftigkeit des Werks aufzugreifen und diese Parabel vom Untergang eines großen Hauses in eine aktuell gültige Aufführung zu verwandeln. Dies ohne mit tagespolitischen Schlagworten wie Fake News, roten Knöpfen, Waffenwahn und derlei mehr, was sich zwischen zwei Regierenden und deren Staaten ereignen kann, protzen zu müssen. Man versteht das bitterböse Finale auch so. Und Totengräberswitwe Ursula, in Wahrheit Urheberin des gesamten Grauens, sagt lapidar: „Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen …“

www.bronski-gruenberg.at

  1. 2. 2018

TAG: (Ein) Käthchen.Traum oder Der seltsame Fall aus Heilbronn

Februar 26, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gernot Plass hat Kleist in die Klapsmühle eingewiesen

Wetter Graf vom Strahl möchte das Käthchen schnell wieder los werden: Nancy Mensah-Offei und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Am Anfang, wird sich am Ende zeigen, erklärt sich schon die Idee: Da liegt ein Mensch im Fieberwahn, fantasiert seinem Sterben entgegen und deliriert sich einen „Käthchen.Traum“. So hat sich das Gernot Plass für sein TAG ausgedacht, einen Text entlang Heinrich von Kleists Ritterschauspiel geschrieben und nun auf die Bühne gebracht. Plass‘ Gedankenspiel hat sich nicht allzu weit von der Vorlage entfernt, geht’s doch darin ebenfalls viel um Schlaf und Traum, um Somnambulismus und nächtliche Trugbilder aus dem Unterbewusstsein. Doch ist er exakt um das entscheidende Stück abgerückt, das es ihm ermöglicht, Phänomene wie Cherubine, Cyborgfrauen und einen Kaiser ex machina verdachtsfrei zu erklären.

Gernot Plass hat Kleist also kurzerhand in die Klapsmühle eingewiesen, dessen Dichterdasein ins Stück eingewoben, ist der Rabiateste unter den Romantikern doch ein Mörder und Selbstmörder, und sich an der Diagnose schizoide Persönlichkeitsstörung ebenso abgearbeitet, wie an der Frage, ob Leben und Liebe vorbestimmt göttliches und selbst zu bestimmendes Schicksal sind.

In der Heilanstalt zu Heilbronn wird der Fall von Käthchens ominösem Fenstersturz nicht mehr gerichtlich ver-, sondern nun psychiatrisch behandelt. Eine(r) ist hier viele, und die „Stimme von oben“ könnte von einem Engel oder Arzt oder genauso gut aus dem eigenen Inneren sein, jedenfalls taugt sie zum Zwie- wie zum Selbstgespräch. Was sich in weiterer Folge abspielt, ereignet sich in einer Art mafiös-groteskem Gangstermilieu. Der alte Friedeborn hat Wetter vom Strahls Revolver repariert, dabei hat sich diesem das Käthchen an die Waden geheftet, weil sie nach einem surrealen Silvestertreffen davon überzeugt ist, er wäre The One and Only. Vom Stein und Maximilian rittern derweil um die Gunst der Kunigunde, das heißt: die rivalisierende Bande des einen entführt sie dem anderen. Vom Strahl rettet, Blut fließt aus zerschossenen Gedärmen und kocht in heißen Herzen, das Schönheits-OP-Monster becirct auch den letzten Edelmann – da kommt Käthchen, und die Hütte brennt …

Das künstliche Geschöpf Kunigunde entschlüpft von einem Lover zum nächsten: Elisabeth Veit. Bild: © Anna Stöcher

Darüber ist der Rheingraf natürlich nicht erfreut: Georg Schubert, Alexander Braunshör und Sven Kaschte Bild: © Anna Stöcher

Es gehört Chuzpe dazu, Kleists wortgewaltigem Kunstwerk auf den Leib zu rücken. Doch Plass ist ein erfahrener Neuschreiber, er hat sich für eine Sprache entschieden, die moderat modern ist, und in dieser bleibt er seinem ausgeprägten Sinn für Ironie treu. Wenn etwa die hohen Herren durchgängig über die richtige Reihung der Worte im Namen Wetter/Graf/vom/Strahl stolpern (und ihnen der „Strahl“ für Sex- und Toilettenwitzchen herhalten muss) oder der Burg- beständig mit dem Rheingrafen verwechselt wird, ist Kleists Schauergeschichte mit Augenzwinkern von ihrer Schwüle befreit.

Raphael Nicholas ist ein exzellenter Wetter vom Strahl, arrogant, affektiert und schwer psychotisch. Er demontiert den gesinnungssicheren Adeligen/Bandenboss genussvoll und stellt unter der Minnemiene jenen Herrenmenschen bloß, der nach dem Käthchen tritt und sie mit der Reitgerte schlägt. Nancy Mensah-Offei spielt das verliebte Fräulein als würde sie einen Exorzisten brauchen, und wenn dieser trotzige, nach dem doppelten Beinbruch hinkende Teenager seinen Traum-Prinzen mit „Hoher Herr! Gebieter!“ anspricht, wenn sie sagt „Ich will deine Sklavin sein“, bekommen die Worte eine beunruhigende Doppeldeutigkeit.

Ergo wird der Burggraf erschossen: Elisabeth Veit, Jens Claßen und Alexander Braunshör. Bild: © Anna Stöcher

Und Käthchen rüstet sich für die letzte Schlacht: Nancy Mensah-Offei Bild: © Anna Stöcher

Erscheinen Kunigunde, die erst als Mullbindenmumie hereingeschleppt wird, bevor sie sich in einen rothaarigen Vamp verwandelt. Kleists „Nixe“ ist ein zügelloses Geschöpf, doch sind Teile von ihr längst nicht mehr aus Fleisch und Blut. Weshalb Elisabeth Veit mit viel Akrobatik und durchgeknallter Künstlichkeit eine maschinell betriebene Megäre darstellt, für die Männer in erster Linie Lustobjekt sind und Landgewinn bedeuten. Georg Schubert ist nicht nur Friedeborn und Eginhardt und der unglückliche Gastwirt Pech, sondern auch die Gräfin vom Strahl, eine eiskalte Beschützerin ihres Sprösslings – und wie gewohnt gestaltet er die Rolle im Rock mit besonderer Hingabe. Er ist die Elegance im kleinen Schwarzen.

Jens Claßen spielt unter anderem den Burg-, Alexander Braunshör den Rheingrafen, Sven Kaschte den Gottschalk, und alle sind sie auch Richter/Psychiater und die ganz reizenden alten Tanten des Grafen. Die Spielfreude des Ensembles ist wie immer voll aufgedreht, die ganze Inszenierung fährt Vollgas. Plass gelingt das Kunststück, aus Kleist die Komik zu kitzeln, ohne seinen Abend zur Persiflage von dessen Werk zu machen. Am Ende ist man wieder am Anfang, in einem rätselhaften Innenraum, in dem – wer weiß? – die Psyche wohnt. Die Seele ist ein Land, so weit, dass darin Güte und Grausamkeit, Verzückung und Vulgarität, Hass und ein Hoffnungs-Strahl Platz haben, sagt Plass. Erlösung, Herauslösung aus dem irdischen Leiden kann die Liebe bringen. Und der Tod. Wer wissen will, wer hier träumt: Ins TAG gehen!

Trailer:  vimeo.com/204573620

dastag.at

Wien, 26. 2. 2017

Jessica Hausner im Gespräch

Oktober 17, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Amour fou“ eröffnet die Viennale

Birte Schnöink, Christian Friedel Bild: © Stadtkino Filmverleih

Birte Schnöink, Christian Friedel
Bild: © Stadtkino Filmverleih

Nach der Weltpremiere im Rahmen der Un certain Regard Sektion beim Filmfestival in Cannes und erfolgreicher Tournee durch die Festivals dieser Erde kommt Jessica Hausners (Hotel, Lourdes) neuester Film Amour Fou auch nach Österreich. Er ist am 23. Oktober Eröffnungsfilm der Viennale. Im Anschluss an die Viennale wird der Film am 7. November regulär in den Kinos starten. In den Hauptrollen sind Christian Friedel (Das weiße Band) und Birte Schnöink (eben ausgezeichnet mit dem Boy-Gobert-Preis für Nachwuchsschauspieler) zu sehen; für die exzellente Kameraarbeit zeichnet Martin Gschlacht (Lourdes, Im Keller) verantwortlich. Inhalt: Berlin zur Zeit der Romantik. Der Dichter Heinrich hat den Wunsch, durch die Liebe den unausweichlichen Tod zu überwinden: seine ihm nahe stehende Cousine Marie lässt sich aber partout nicht davon überzeugen, zu zweit dem übermächtigen Schicksal entgegenzutreten, und gemeinsam mit Heinrich den eigenen Tod zu bestimmen. Doch die junge Ehefrau eines Bekannten, Henriette – als sie erfährt, dass sie sterbenskrank sei – findet Gefallen an dem Angebot. Eine romantische Komödie, frei inspiriert durch den Suizid des Dichters Heinrich von Kleist 1811.

Jessica Hausner im Gespräch:

MM: “Amour Fou“ hatte Weltpremiere in der Reihe „Un certain Regard“ in Cannes, wurde auf neun Internationalen Filmfestivals von Toronto bis Melbourne gezeigt, ist Eröffnungsfilm der diesjährigen Viennale. Hätten Sie Ihrem Werk, diesem leisen Kammerspiel,  vorab diese Strahlkraft zugetraut?

Jessica Hausner: Warum nicht? Wenn der Film spannend ist. Ich gehe immer davon aus, dass, wenn ich etwas erzähle, es so mache, dass es jemanden interessiert. Also hoffe ich immer darauf, dass meine Filme erfolgreich sein werden und Leute das gut finden.

MM: Ihre Geschichte ist frei inspiriert von der Heinrich von Kleists. Was war Ihr Interesse an diesem Stoff?

Hausner: Weniger die Doppelselbstmordgeschichte, als man glauben möchte. Das statt am Anfang der Arbeit: Doppelselbstmord aus Liebe. Das war der Aufhänger. Was mich daran interessiert hat, bis ich letztlich auch auf Heinrich von Kleists Biografie gestoßen bin, war, die Absurdität, die so einem Plan inne wohnt. Wieso wollen zwei Menschen miteinander sterben, wenn der Tod einen doch sicher von einander trennt? Das war ein Widerspruch in sich, der mich interessiert hat. Welchen seiner Wünsche projiziert man auf einen anderen? Und mit welchem Ausgang? Ich habe verschiedene Stoffe recherchiert, etwa „Norway today“, die waren mir alle zu wenig lustig, zu theatralisch, zu tragisch, und das liegt mir nicht. Ich bin da nicht weiter gekommen.

MM: Und bei Kleist …

Hausner: … hat mich dann interessiert, dass er auf der Suche nach einem Sterbepartner verschiedene Leute gefragt hat: zuerst seinen besten Freund, dann seine Cousine, die wollten beide nicht. Dann hat er endlich Henriette Vogel gefunden, die dachte, dass sie sterbenskrank ist, und sowieso sterben muss. Ich fand das in sich so unromantisch, so banal, dass es mich interessiert hat: Das romantische Bild einer Liebe wird hier in Frage gestellt.

MM: Es ist also Ihre Ironie, dass Sie den Film „romantische Komödie“ genannt haben.

Hausner: Ja. Es ist damit gemeint, dass der Film keine Tragödie ist. Deshalb ist die Sprache meiner Figuren auch sehr lakonisch. Sie sagen endgültige Sätze einfach so vor sich hin. Das untragische Sprechen von tragischen Inhalten ist berührender als umgekehrt. Und manchmal sogar komisch.

MM: Wie sehen Sie Heinrich? Ich finde ihn egoistisch, überspannt, von dieser damals en voguen Schwermut, einer der die Kant-Krise durchleidet … Christian Friedel spielt ihn fast zu sympathisch 😉

Hausner: Deshalb wurde er ja besetzt. (Sie lacht.) Er spielt die Szenen ganz untragisch, er bringt die richtige Leichtigkeit, den passenden Humor für den Film mit. Was den echten Kleist betrifft, habe ich keine Ansprüche, zu spekulieren, was in ihm vorgegangen ist. Die Figur in meinem Film ist auf eine Weise egoistisch, aber dieser Egoismus ist sehr allgemeinmenschlich, der ist nicht schlimmer als bei jedem anderen Menschen. Heinrich sucht jemanden, dem er wichtiger ist, als das eigene Leben. Das ist fast kindlich. Er meint’s nicht böse, er kann nur nicht aus seiner Haut, er möchte sein Bedürfnis verwirklichen: nicht alleine zu sterben. Henriette agiert kaum anders: Wenn sie denkt, dass sie sterben muss, sagt sie zu; wenn sie denkt, dass sie geheilt werden kann, macht sie einen Rückzieher.

MM: Henriette spielt Birte Schnöink …

Hausner: Birte übertreibt diese weibliche Schüchternheit, die im 19. Jahrhundert von Frauen gefragt war, nicht. Sie spielt sehr natürlich, so dass sie diese damals anerzogene Zurückhaltung gut darstellen kann.

MM: Als Henriette einmal in einer ihrer Stimmungsschwankungen ist, sagt sie zu Heinrich: „Es gibt kein anderes Leben als dieses hier“. Haben Sie dazu eine Privatmeinung?

Hausner: Man kann nicht wählen. Der Lebensweg, den man geht, ist eigentlich wenig veränderbar. Auch in unserer Zeit, in der Freiheit suggeriert wird, habe ich den Eindruck, dass man sehr wenig wirklich wählen kann. Viel mehr folgt man bestimmten Möglichkeiten, die sich einem bieten. Eine sehr beschränkte freie Wahl..

MM: Meine Lieblingsfigur ist die Mutter, die völlig realitätsbezogen in der Geschichte sitzt, und verbale Ohrfeigen verteilt.

Hausner: Ich fand die Mutter-Henriette-Henriettes-Tochter-Konstellation interessant. Wie da Lebensgrundsätze weitergegeben werden. Henriette ist eine Opferfigur, hat eine Passivität, die die Mutter nicht hat. Am Ende bleibt als Hoffnungsträger das Mädchen, das sich vielleicht vom Frauenbild ihrer Zeit emanzipieren wird.

 MM: Ist der Moment, wo unsere Existenzen an „Amour fou“ andocken, das ruhelose Streben nach dem idealen Glück?

Hausner: Ja, ich glaube schon. Jeder hat seine Sehnsucht im Kopf, manch einer geht daran kaputt. Was das Streben im Leben ist, kann man sich aber oft nicht aussuchen.

 MM: Die Bilder von Kameramann Martin Gschlacht sind sehr ruhig, in sehr gesetzten Farben. Wie arbeiten sie in punkto Bildgestaltung und Optik zusammen?

Hausner: Wenn ich das Drehbuch geschrieben habe, zeichne ich ein Storyboard. Da zeige ich Bild für Bild, welche Einstellungen ich machen möchte. Das ist eine sehr langwierige Arbeit, definiert aber schon die Bildgestaltung. Diese Komposition kann auch dazu führen, dass ich Szenen aus dem Drehbuch wieder streiche, weil das Bild mehr erzählt als der Dialog. Wenn das Storyboard fertig ist, verabrede ich mich mit Martin Gschlacht und wir besprechen es. Dann reden wir über die Farbigkeit des Films. Er ist ja auch für die Lichtgestaltung verantwortlich. In diesem Fall wollte ich die Konvention der „Kerzenbeleuchtung“ der herkömmlichen Filme, die im 19. Jahrhundert spielen, vermeiden. Er hat dann eben vorgeschlagen, dass man Licht von oben setzt, wie einen Kerzenleuchter an der Decke. So ergab sich ein sehr sanftes Oberlicht, das dem Film, glaube ich, einen sehr ungewöhnlichen Look verleiht.

 MM: Sie waren zuletzt Ende August beim Filmfestival von Venedig Jurymitglied. Wie  war der Seitenwechsel? Wie ist das, einmal zu bewerten, wenn man weiß, wie es ist, selbst mit seiner Arbeit bewertet zu werden?

Hausner: Ich fand’s eine angenehme Abwechslung, mal auf der anderen Seite zu stehen. Und es war auch interessant, in einem so konzentrierten Zeitraum zwanzig Filme anzuschauen und darüber zu diskutieren. Es war sehr interessant, die Jurykollegen waren sehr interessant. Ich hab’s wirklich genossen. Es war ganz gut, wieder einmal darüber zu reflektieren, was man selber gut und schlecht findet, und wie Filme auf andere wirken. Ich persönlich mag ja Filme, die etwas Seltsames an sich haben, etwas Irritierendes. Ich interessiere mich für die unlösbaren Rätsel des Menschseins.

MM: Sie arbeiten an Ihren Projekten länger als andere Filmemacher. Was geht in diesem Prozess wie vor? Wovon lassen Sie sich inspirieren?

Hausner: Ich sammle, trage Ideen mit mir herum, schreibe eine Seite darüber auf. Wenn ich in der Fertigstellung eines Films bin, hab’ ich meistens schon etwas Neues im Kopf. Dann drängt sich eine Idee in den Vordergrund, an der ich lange recherchiere, spreche im Fall von „Amour Fou“ mit Historikern, die mir über die Zeit an sich erzählt haben, Kleist-Forschern, Medizinhistorikern, wegen Henriettes Krankheit, lese Literatur von und über Kleist … schreibe dann noch einmal zwei Seiten Kurzinhalt – und wenn ich das habe, fange ich an, es auszuarbeiten. Das Ganze dauert so ein, zwei Jahre.

MM: Wenn Sie sagen „was Neues im Kopf“, darf ich nachfragen?

Hausner: Es gibt schon was, aber es ist noch nicht ganz spruchreif. Es könnte sein, dass es ein Mystery-Genre-Film wird. Ich bin noch nicht ganz sicher: Außerirdische oder Psychose. Es geht auf jeden Fall um ein seltsames Rätsel, das sich bedrohlich auf bestimmte Menschen auswirkt.

www.amourfoufilm.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=y8F37hJIf70

www.viennale.at

Wien, 17. 10. 2014

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Das Käthchen von Heilbronn

Juli 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mach‘ mir den Hengst, Liebster!

Anna Unterberger und Nikolaus Barton Bild: Lalo Jodlbauer

Anna Unterberger und Nikolaus Barton
Bild: Lalo Jodlbauer

Das erste von einigen Komplimenten, die man Regisseurin Maria Happel und ihren Schauspielern machen muss, ist, wie sie die Sprachgewalt Kleists wortmächtig und dennoch ungekünstelt umgesetzt haben. Chapeau! bei einem Text, wo’s beispielsweise heißt: Und wo der Zeisig sich das Nest gebaut, der zwitschernde, in dem Hollunderstrauch, soll sich ein Sommersitz dir auferbaun … Da verlangt Natur nach Natürlichkeit. Die Sommerspiele Perchtoldsdorf haben sich für das erste Jahr der Intendanz Michael Sturminger was „Leichtes“ ausgesucht: Heinrich von Kleists „Das Käthchen von Heilbronn“. Und unter Happel wird dieses Schauermärchen, die Ritterromanze tatsächlich leicht. Wie dem darin auftretenden Cherub wachsen dem Abend in der Dämmerung Flügel. Happel inszeniert nicht unkomisch, trotzdem ohne an Kleist Verrat zu begehen. Der hat nämlich sein ganzes Sein in diesen Stoff verwoben. Den steten Kampf von Instinkt gegen Intellekt. Seinen verlorenen gegen die Depression. Kleist ist hier Teil all seiner Figuren.

Der Inhalt: Der Heilbronner Waffenschmied Theobald Friedeborn klagt vor einem heimlichen Femegericht den Grafen Wetter vom Strahl an, seine Tochter Käthchen durch Teufelskünste entführt zu haben. Käthchen, vom ersten Anblick des Ritters wie gebannt, ist ihm überallhin gefolgt. Der Graf, von jeglichem Verdacht im Femegericht frei gesprochen, befiehlt dem Mädchen, mit seinem Vater nachhause zurückzukehren. Seine Zuneigung zu dem nicht adeligen Käthchen unterdrückt er. Kurz darauf befreit der Graf in einer einsamen Hütte die gefesselte Kunigunde von Thurneck aus einem Kidnapping-Versuch ihres früheren Verlobten und bringt sie auf sein Schloss. Der Graf glaubt, in ihr die Kaisertochter zu erkennen, die ihm in einem prophetischen Fiebertraum zu Silvester angekündigt wurde und verlobt sich mit ihr. Käthchen, auf dem Weg ins Kloster, erfährt durch Zufall von einem Anschlag, den der Rheingraf, ein weiterer verflossener Liebhaber der Kunigunde, auf die Burg Thurneck und das mittlerweile verlobte Paar plant. Käthchen eilt zur Burg, um ihren geliebten Grafen zu warnen. Aus Angst vor den eigenen Gefühlen will der Graf sie davonjagen, aber der Angriff beginnt. In kurzer Zeit steht die Burg in Flammen. Kunigunde, die das seltsame Verhältnis ihres Verlobten mit dem jungen Mädchen misstrauisch beargwöhnt, schickt Käthchen mitten ins Feuer, um aus ihrem Zimmer ein wertvolles Futteral zu holen. Auf wundersame Weise von einem lichtumflossenen Engel gerettet, gelingt es Käthchen samt Futteral aus dem einstürzenden Schloss zu entkommen. Von diesem Moment an sind die Gefühle des Grafen für das Mädchen nicht mehr zu unterdrücken. Unter dem Holunderbusch spricht Käthchen im Schlaf und bekennt dabei dem Grafen, dass auch sie einer geheimnisvollen Traumweissagung folgt, die nun Schlag auf Schlag in Erfüllung geht. Käthchen entpuppt sich als die verheißene Kaisertochter und somit steht einem Happy End nichts mehr im Wege.

Vor der Perchtoldsdorfer Burg spielt sich das Geschehen in terrassenförmigen, halb durchsichtigen, steilen Spielfächen aus schwarzem Plexiglas ab (Bühne: Andreas Donhauser, Sebastian Eckl, Paul Sturminger). Die Darsteller agieren sozusagen immer am Abgrund, immer absturzgefährdet. Die Kostüme (Renate Martin, Marie Sturminger) sind angedacht historisch. An Special effects wurde nicht gespart: Die Burg brennt tatsächlich! Einen Wasserfall gibt es auch. Ansonsten kommt Happel weitestgehend ohne Requisiten aus. Keine Schwerter (außer in der Schlussszene), keine Briefe, Dokumente, Depeschen, nicht Pfeil und Bogen noch Pferde. Alles muss man sich imaginieren. Wobei Imagination klarerweise eines der Schlagwörter des Kleist’schen Werks ist. Aber das Publikum bringt’s schon zum Lachen, wenn die edlen Herren wiehernd und schnaubend über die Bühne traben. Die Ritter ohne Kokosnuss. Mach‘ mir den Hengst, Liebster! Selten hat Kleist so viel Spaß gemacht – ein Umstand, an dem sich in den Pausengesprächen die Geister scheiden …

Das Ensemble wird exzellent angeführt von Dirk Nocker als Theobald Friedeborn, Käthchens Vater. Er spielt alle Facetten seines Könnens aus, vom Berserker zum Besorgten zum Betroffenen, der erkennen muss, dass sein Kind des Kaisers (Seine Majestät Wolfgang Hübsch) ist, weil die Gattin sich einst seitenspringend in den Garten verführte, äh, verfügte. Eigentlich die darstellerische Leistung des Abends. Doch stehen die anderen nicht nach. Anna Unterberger gibt das Käthchen mit der Hingabe eines Groupies, so flehendlich selbstlos, dass man dem Grafen zurufen möchte: Jetzt nimm’s endlich! Hollunderblütentrunken ist sie – Baum ist entsprechend aufgestellt. Und bis fast 23 Uhr muss sie warten, bis ihr Graf auch den „Joint des Mittelalters“ inhaliert hat. Im damaligen Volksglauben wurde ein Kranker schon dadurch geheilt, dass er unter einem Hollunder ein Schläfchen machte. Und Heilung braucht der von Nikolaus Barton gespielte Friedrich Wetter Graf vom Strahl dringend. Edel ist er, doch gerade erst von einer unerklärlichen Schwermut geheilt (?), ein Zer- und Vergrübler. Allerdings viel weniger Elegiebürscherl als der „Prinz von Homburg“ in der einen oder anderen Regiearbeit. Bleibt als weitere Hauptrolle Kunigunde von Thurneck, von Veronika Glatzner einwandfrei großartig als berechnendes Kunstgeschöpf verkörpert – wenn man da noch von Körper reden kann. Ein Geist, der, würde man heute sagen, über eine Schönheits-OP-Katastrophe regiert. Kleist wollte Kunigunde ursprünglich als Nixe haben. Happel nimmt in einer Badeszene, in der die äußere Hülle wieder Form annehmen soll, Bezug darauf. Ein Moment für Connaisseurs. Dennoch, und damit ist die Nadel im Heuhaufen gefunden, wäre in der Kunigunde mehr drin gewesen. Mehr Buhu, mehr Spuk, mehr Argh!

Die übrigen teilen ihre Talente auf mehrere Rollen auf. So ist Maria Happel, wie so gern gesehen, das komische Element – von der Köhlersfrau bis zu Kunigundes Tante. Die Frau schont sich wirklich nicht, wenn es darum geht, sich in hautenge Catsuits zu zwängen. Wunderbar (tragi-)komisch ist auch Sebastian Edtbauer als Gottschalk, des Grafen ergebener, ständig Äpfel essender Knecht. Cornelia Köndgen überzeugt sowohl als des Grafen herrische Mutter wie als schrullige Haushälterin im Schloss. Michael Masula verleiht Grafen, Rittern, Nachtwächtern und einem Erzbischof Würde. Paula Nocker wechselt von Köhlerjunge zur Nichte der Gräfin, und Annemarie Nocker hat die überhaupt wichtigste Rolle: den Cherub, der alles zum Guten wendet.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

www.mottingers-meinung.at/maria-happel-und-michael-sturminger-im-gespraech/

Maria Happel und Michael Sturminger im Gespräch

Juni 10, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sommerspiele Perchtoldsdorf:

Das Käthchen von Heilbronn

Michael Sturminger, Anna Unterberger, Maria Happel, Nikolaus Barton Bild: Lalo Jodlbauer

Michael Sturminger, Anna Unterberger, Maria Happel, Nikolaus Barton
Bild: Lalo Jodlbauer

Die Sommerspiele Perchtoldsdorf stehen 2014 unter der neuen Intendanz von Schauspiel-, Musiktheater- und Filmregisseur Michael Sturminger. Mit dem „Käthchen von Heilbronn“ (ab 3. Juli), Heinrich von Kleists erfolgreichstem und geheimnisvollstem Stück, will Sturminger die Sommerspiele klar positionieren und bringt als Eröffnungspremiere einen großen Klassiker auf die Bühne. Regisseurin und Schauspielerin Maria Happel sucht mit ihrem jungen Ensemble in der Kulisse der Burg Perchtoldsdorf die Spuren des Stückes zu ergründen: Was ist Traum, was Wirklichkeit? Wo finden wir Wahrhaftigkeit? Und wem sollen wir folgen, dem Verstand oder dem Gefühl?

Der Inhalt: Der Heilbronner Waffenschmied Theobald Friedeborn klagt vor einem Femegericht den Grafen Wetter vom Strahl an, seine Tochter Käthchen durch Teufelskünste an sich gefesselt zu haben. Käthchen, vom ersten Anblick des Ritters wie gebannt, ist ihm überallhin gefolgt. Der Graf, von jeglichem Verdacht frei gesprochen, befiehlt dem Mädchen, zu seinem Vater zurückzukehren. Seine Zuneigung zu der schönen Bürgerstochter aus Heilbronn zeigt er nicht. Kurz darauf befreit der Graf die in einer einsamen Hütte festgehaltene Kunigunde von Thurneck aus einem Kidnapping-Versuch ihres früheren Verlobten und bringt sie auf sein Schloss. Der Graf glaubt, in ihr die Kaisertochter zu erkennen, die ihm in einem prophetischen Fiebertraum als Ehefrau angekündigt worden war. Käthchen, auf dem Weg ins Kloster, erfährt durch Zufall von einem Anschlag, den der Rheingraf, ein weiterer verflossener Liebhaber der Kunigunde, auf die Burg Thurneck und das mittlerweile verlobte Paar plant. Käthchen eilt zur Burg, um ihren geliebten Grafen zu warnen. Aus Angst vor den eigenen Gefühlen will der Graf sie davonjagen, aber der Angriff beginnt. In kurzer Zeit steht die Burg in Flammen. Kunigunde, die das seltsame Verhältnis ihres Verlobten zu dem jungen Mädchen misstrauisch beargwöhnt, schickt Käthchen mitten ins Feuer, um aus ihrem Zimmer ein wertvolles Futteral zu holen. Auf wundersame Weise von einem lichtumflossenen Engel gerettet, gelingt es Käthchen, samt Futteral aus dem einstürzenden Schloss zu entkommen. Von diesem Moment an sind die Gefühle des Grafen für das Mädchen nicht mehr zu unterdrücken. Unter dem Holunderbusch spricht Käthchen im Schlaf und bekennt dabei dem Grafen, dass auch sie einer geheimnisvollen Traumweissagung folgt, die nun  in Erfüllung geht. Und somit steht einem Happy End nichts  im Wege.

Es spielen Anna Unterberger (Käthchen), Nikolaus Barton (Graf Wetter vom Strahl), Wolfgang Hübsch (Der Kaiser),Veronika Glatzner (Kunigunde), Dirk Nocker, Maria Happel, Cornelia Köndgen, Michael Masula, Helmut Bohatsch, Alexander Tschernek, Helene Stupnicki, Sebastian Edtbauer, Thomas Kahry, Aaron Friesz, Paula Nocker (Eleonore/Köhlerbub), Annemarie Nocker (Cherub).

Michael Sturminger und Maria Happel im Gespräch:

MM: Herr Sturminger, warum wollten Sie Intendant der Sommerspiele Perchtoldsdorf werden? Ihnen ist doch auch ohne diese Aufgabe nicht fad.

Michael Sturminger: (Er lacht.) Das ist eine sehr gute Frage – im Augenblick. Ich finde gerade heraus, wie sehr meine Hauptarbeit ist, Geld aufzustellen, und wie schwer das ist. Aber ich wollt’s gerne werden, weil ich wissen wollte, ob ich so eine „kleine, überschaubare“ Aufgabe auf diesem Sektor bewältigen kann. Und merke jetzt, dass sie weniger klein und überschaubar ist, als angenommen. Gleichzeitig ist es ein fantastische Möglichkeit, weil ich kann mir das „Käthchen von Heilbronn“ und Maria Happel als Regisseurin wünschen. Was ist das für ein Privileg!

MM: Warum haben Sie sich für Kleists „Käthchen“ entschieden?

Sturminger: Nicht zuletzt wegen der schönen Burg, die das Zentrum der Sommerspiele bilden soll. In Perchtoldsdorf gab’s eine große Tradition für Klassiker und ich dachte mir, wenn wir schon neu beginnen, dann legen wir den Fokus auf die Klassiker, die ich liebe. Kleist stand an oberster Stelle, weil seine Stücke zu den interessantesten gehören, die ich an Theatertexten kenne. Ich glaube, dass das „Käthchen“ für uns ein gefundenes Fressen ist, denn Kleist traut sich alles, der scheut gar nichts. Das kann man an seinem Werkkatalog sehen. Wenn er schreibt, ist alles möglich – und wir leben in so wahnsinnig ängstlichen Zeiten, wo alles abgewogen und reproduziert wird, was das letzte Mal erfolgreich war; man will sich hauptsächlich versichern. Käthchen folgt einem Traum, einem inneren Auftrag, einer Berufung, keiner Marktanalyse. Um eine Intendanz zu beginnen, muss man wohl auch ein wenig so sein. Ich folge auch meiner inneren Stimme. Und jetzt gebe ich das Wort weiter an Maria.

MM: Gut. Ich will nur wissen, ob die Burg brennen wird.

Maria Happel: Das ist auch die Frage, die mich momentan am meisten beschäftigt. Ich will die Burg brennen sehen. Die Jungs, die jetzt dabei sind, die Bühne zu bauen, haben schon die eine oder andere Idee.

MM: Die ernsthafte Frage, die ich stellen wollte, war: Was hat Sie bewogen, die Inszenierung zu übernehmen?

Happel: Es ist schon auch eines meines Lieblingsstücke. Ich habe mich in den vergangenen Jahren über den „Zerbrochenen Krug“ mehr mit Kleist beschäftigt und diese Sprache ist eine der vollkommensten, eine, die einem Schauspieler wahnsinnig viel Futter bietet. Also macht es Spaß, da einzusteigen, auf die Suche zu gehen, Türen zu öffnen. Bei Kleist ist Sprache wie ein teures Parfum, das bei jedem Darsteller ein wenig anders duftet. Das macht die Schauspieler gerade sehr glücklich. Ein Traum. Der unter einem Hollunderbaum stattfindet.

MM: Wie bitte?

Happel: Ja, man war damals der Auffassung, dass Hollunderblüten Halluzinationen hervorrufen. Was vieles an der Handlung erklären würde. Kleist hat sich mit allerlei beschäftigt, zum Beispiel mit dem Zusammenwirken der linken und rechten Gehirnhälfte, die eine, die emotionale wird nicht mehr aktiv benutzt, sagen Forscher heute. Würden wir das tun, würden wir andere Dinge wahrnehmen. Den Cherub etwa. Das Theater als magischer Ort macht das alles möglich. In der großen Weltliteratur eben sind mehr Dinge verankert, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt. Käthchen kämpft mit der Pubertät, läuft einem Ideal, einem Idol hinterher. Heute wäre das vielleicht Justin Bieber. Graf Wetter von Strahl hatte eine „seltsame Schwermut“, heute würde man vielleicht sagen eine manische Depression – alles Dinge, die mit dem Verborgenen im Gehirn zusammenhängen.

MM: Nikolaus Barton spielt den Graf, Anna Unterberger das Käthchen. Wie sind Sie auf die beiden gekommen?

Sturminger: DerNick kommt aus einer Wiener Theaterdynastie und hat uns gleich beim ersten Vorsprechen überzeugt. Anna ist eine Südtirolerin, die gerade eine große Kinokarriere startet. Sie hat die Klarheit und Fähigkeit hochintelligent „naiv“ zu sein.

Happel: Sie ist klar, pur, unverstellt. Käthchen hat ein Ziel, eine Sehnsucht nach dem Gegenüber, das einem fehlt. Das verkörpert sie ganz wunderbar.

MM: Ich freue mich schon sehr auf Veronika Glatzner als Kunigunde. Primär, weil ich sie als Schauspielerin schätze. Aber wie wird das werden? Frankensteins Tochter? Kleist gibt vor: die Zähne aus München, die Haare aus Frankreich, das Korsett, das sie aufrecht hält aus Ungarn …

Happel: Ja, heute wären vielleicht die Zähne aus Ungarn (sie lacht). Wir denken gerade in verschiedenste Richtungen. Von Lady Gaga bis zur schönheitsoperierten Cher. Darauf würde ich’s aber nicht beschränken. Kunigunde hat viel mehr mit Kleist selbst zu tun, der auch da ein Suchender war. Es ist sicher ein Geschlechterproblem, es hat mit dem Unterleib zu tun, denn ursprünglich wollte Kleist Kunigunde als Nixe. Auch etwas Unerreichbares. Sie setzt sich aus allen drei Reichen der Natur zusammen: Pflanze, Mensch, Wasser. Aber sie ist sicher nicht Frankensteins Tochter. An dieser Figur arbeiten wir noch sehr.

MM: Ist es zu weit hergeholt, wenn ich sage, da hat sich Kleist an seinem Frauenbild abgearbeitet?

Happel: Ich glaube, er hat sich an sich selber abgearbeitet.

Sturminger: An diesem Nirgends-ganz-Dazugehören.

Happel: An diesem Sich-verstellen-müssen, nicht der Norm zu entsprechen.

Sturminger: Käthchen ist das Bild, das wir uns erträumen, Kunigunde ist, was wir wirklich sind. Kunigunde scheitert, weil sie sich verbiegt, Käthchen kann nicht scheitern, weil sie nichts will, außer ihrer Bestimmung zu folgen.

Happel: Kunigunde ist eine Kunstfigur. Sie ist Vernunft, Käthchen das Gefühl.

MM: Aber ein bisschen leid tut mir der Graf schon zwischen diesen beiden irren Weibern.

Happel: Ja, und die Mutter nicht zu vergessen. Da ist die Schwermut kein Wunder.

MM: Apropos, Mutter: Dirk Nocker spielt mit und Ihre beiden Töchter Paula und Annemarie. In einer „Zirkusfamilie“ muss wohl jeder einmal rauf aufs Trapez?

Happel: So früh wie möglich. Paula ist 17 und hat schon einiges an Film- und Fernseherfahrung. Annemarie ist 12. Mein Mann und ich sagen, sie sollen den Beruf mit allen positiven und negativen Seiten kennen lernen. Am liebsten wäre mir, sie würden auch Karten abreißen. Wer weiß, vielleicht machen sie dann ganz was anderes, vielleicht fangen sie Feuer, aber sie wissen, was auf sie zukommt. Paula beispielsweise interessiert sich im Moment sehr für Psychologie. Aber jetzt ist es mal toll für uns, dass wir im Sommer als Familie auf der Bühne Zeit miteinander verbringen.

Sturminger: Und das mit dem Familienunternehmen geht noch viel weiter: Mein Sohn Paul baut am Bühnenbild mit, meine Frau Renate und meine Tochter Marie machen die Kostüme. Meine Kinder werden sehr streng abgeklopft, aber sie müssen auf den Weg. Sie müssen zeigen, was sie können, da kann man als Eltern nicht helfen, egal ob Schauspieler, Bühnen- oder Kostümbildern.

MM: Sie haben beide schon Sommertheater/Freilufttheater gemacht. Flirrt da die Luft anders?

Sturminger: Im Freien gibt’s immer das große Zittern, ob überhaupt gespielt wird. Das ist grauenvoll und großartig. In Perchtoldsdorf haben wir ja einen schönen unterirdischen Theatersaal. Da sitzen wir also in jedem Fall auf dem Trockenen.

Happel: Die Zuschauer kommen zu uns freiwillig, die haben ja kein Abo geerbt. Natürlich nehmen’s viele als Ausflug, waren vorher schön essen, genießen die schöne Region. Aber die Konstellation auf der Bühne ist das Wichtige, das hat man das ganze Jahr über an keinem Theater: Kräfte aus jedem Haus. Das genießt das Publikum – und die Kollegen, die einander bei solchen Gelegenheiten oft erst kennen lernen. Das macht es aus, glaube ich.

Sturminger: Man kann im Sommer den Leuten nichts Schlechteres vorsetzen als im Rest des Jahres. Natürlich gibt es Vieles in verschiedenster Qualität. Wir wollen auf einer Linie sein mit Reichenau, Salzburg und Bregenz. Wir wollen bestmöglichstes Theater machen. Und wir behaupten, wir können das, weil’s uns nur unter der Prämisse, erstklassig zu sein, Freude macht.

MM: Apropos, Bregenz: Auch da haben Sie Pläne.

Sturminger: Ich mache „Geschichten aus dem Wiener Wald“ als Oper, eine Uraufführung HK Gruber, Libretto von mir und ich weine bei jedem Horváth-Satz, der aus Zeit- oder anderen Gründen nicht bleiben kann. Premiere ist am 23. Juli. Angelika Kirchschlager singt die Valerie, Anja Silja die Großmutter … Kommt im Frühjahr ans Theater an der Wien.

MM: Und nun die unvermeidliche John-Malkovichs-Frage. „The Giacomo Variations“ – der Film ist fertig. Mit Malkovich als Casanova.

Sturminger: Kommt im Herbst bei einem internationalen Festival heraus. Und so wie’s ausschaut, gibt’s einen großen Kinostart im Dezember inWien. Es ist ein großes Gemisch von Genres, ein Pseusodokumentarfilm über eine Opernaufführung, die zugleich ein historischer Spielfilm ist. Das geht immer mehr ineinander über. Es spielen Veronica Ferres, Fanny Ardant, Jonas Kaufmann, Anna Prochaska und und und

MM: Ich habe John Malkovichs zwei Mal bei Pressekonferenzen erlebt, da war er eher grummelig. Aber Sie scheinen sein Herz erobert zu haben.

Sturminger: Johnny ist der netteste Mensch der Welt – außer zu Journalisten. Er mag zwei Dinge nicht: Immer die gleichen Fragen gestellt zu bekommen – „Und wie haben Sie sich als Serienkiller gefühlt, hat das mit Ihnen persönlich zu tun?“ Und er antwortet: „Yes, I want to kill you.“ – und wenn man ihm Fragen stellt, die seine Antwort implizieren. Beides machen Journalisten leider oft – und habe ihn auf Pressekonferenzen rund um die Welt begleitet. Da kann man schon einmal grummelig sein. Im Ensemble ist er ein Übervater, bringt der Maskenbildnerin Erkältungstee, scherzt mit Hotelangestellten, spürt, wenn’s jemandem nicht gut geht, kümmert sich. Johnny ist ein ganz Lieber und Liebenswerter.

TIPP: Matinée/Stückeinführung, Sonntag 22. 6.,  11 Uhr, Burg Perchtoldsdorf. Eintritt frei!
Das Sommerspiele Team um Maria Happel und Michael Sturminger lädt am 22. Juni,  11 Uhr, zur Matinée und Stückeinführung mit Musik, Lesung und Diskussion zum „Käthchen von Heilbronn“ auf die Burg Perchtoldsdorf ein. Mit dabei: Dramaturgin Angelika Messner und u. a. die SchauspielerInnen Anna Unterberger, Nikolaus Barton, Dirk Nocker und Wolfgang Hübsch.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at