Volkstheater: Der Kaufmann von Venedig

September 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Antisemitismus auch noch Sexismus

Vermögen weg, Tochter weg: Anja Herden überzeugt als hasserfüllte Jüdin Shylock. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In der Pause schwören Insider Stein und Bein, dass hier nichts gefakt sei, dass alles mit rechten Dingen zugehe, und Anja Herden augenscheinlich nicht damit gerechnet hätte, tatsächlich gewählt zu werden. Es sei. Für die Eröffnungsproduktion am Volkstheater hat sich Direktorin Anna Badora einen besonderen Kniff einfallen lassen: Das Publikum kann sich einen von drei Shylocks aussuchen; die Abstimmung wird per Applausometer überwacht. Jan Thümer, später der Lorenzo, der als Conférencier diese Abstimmung leitet, stellt eingangs die Kandidaten vor.

Ein Spiel mit Klischees hebt also an, bevor das Spiel überhaupt begonnen hat, die Frage, die sich stellt, lautet, was einen Juden ausmache – und so stehen zur Wahl: Shylock, der seriöse Banker, Rainer Galke, der traditionelle Wiener Jude, kenntlich gemacht durch seine Schläfenlocken, Sebastian Pass, und eben Anja Herden, die als Geschäftsfrau, noch dazu mit Migrationshintergrund, ausgewiesen wird. Thilo Reuther hat für Badoras Interpretation des Shakespeare’schen Stücks ein Casino auf die Bühne gestellt, man versteht: der Casino-Kapitalismus wird damit aufs Korn genommen, dieses Synonym für hoch risikoreiches Geschäftemachen, wie’s Antonio betreibt.

Beinah unablässig, wie die Roulettemaschine, dreht sich die Bühne, Schicksal ist gleich dem eingespielten Geräusch vom Fallen der Kugel in den Kessel. Und während die venezianische Schickeria mit Jetons um sich schmeißt, taucht die Shylock samt ihrem Geldverleiher-Kabäuschen aus dem Untergrund auf. Mit Anja Herdens Darstellung bekommt die geschichtlich angepatzte Figur eine unerwartet neue Dimension. Eine verdächtig freundliche Fassade hat sich die „Madam“ im Feindesland zurechtgelegt, hinter der brodeln Hass und Wut ob erlittener Demütigungen, und wenn sie mit sanfter Stimme von Antonio sein Pfund Fleisch verlangt, dann ist klar, dass sie sich dafür rächt, von ihm am Rialto angespuckt und als Hündin beschimpft worden zu sein.

Antonio will für Bassanio sein Pfund Fleisch geben: Evi Kehrstephan, Rainer Galke, Peter Fasching, Nils Hohenhövel und Lukas Watzl. Bild : © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bassanio öffnet Portias richtiges Kästchen: Peter Fasching und Isabella Knöll. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Für diese Shylock gibt es gleich drei Ausschließungsgründe aus der Gesellschaft: den Glauben, das Geschlecht, die Hautfarbe. Mehrmals wird darauf hingewiesen. Und so kommt diesmal zum Antisemitismus auch noch Sexismus. Die Männer sind allesamt Unsympathen und Machos. Rainer Galkes Antonio trieft vor ekelhaft verächtlichem Hochmut, Jan Thümers Lorenzo behandelt Evi Kehrstephans Jessica als würde er sie am Nasenring führen, Sebastian Kleins Gratiano ist so antisemitisch wie frauenfeindlich, Peter Faschings Bassanio würde seine frisch angetraute Portia jederzeit für Antonios Wohl opfern. So steht’s bei Shakespeare, und Badora lässt in der dekadenten Spaßpartie leicht homoerotische Tendenzen durchschimmern.

In dieser von den Premierenzuschauern gewünschten Fassung spielt Isabella Knöll die Portia. Auch ihr vom verstorbenen Vater verordnetes Kästchenrätsel ist ein Glücksspiel. Im Glitzerkleid lädt die ganz auf Girlie gepolte Knöll die Werber zum Drehen eines Glücksrads ein, sie moderiert deren Fortune als wär’s eine Fernsehgameshow. In Anlehnung an das berühmte Zitat sagt sie: „All the world’s a game and I am the prize.“

Jan Thümer stellt die drei Shylocks zur Wahl: Rainer Galke, Sebastian Pass und Anja Herden. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Elisabeth Plessens Textfassung lässt einiges weg. So ist etwa Sebastian Pass‘ Rolle als Lanzelot Gobbo reduziert, Günter Franzmeier, der ein möglicher Antonio wäre, fallen diesmal nur die kleinen Parts von Tubal und dem Dogen zu. Marius Huth treibt als Dienerin Nerissa Badoras Spiel um Geschlechterrollen auf die Spitze. Am Ende wird Shylock in einer Fast-Vergewaltigungsszene buchstäblich zu Boden gerungen, während Antonio sich diesmal natürlich standhaft weigert, seine Hälfte von deren Vermögen zurückzugeben. Die schlimme Schmach Shylocks währt aber nur kurz, weil Jan Thümer das Publikum schnell in die Nacht hinaus verabschiedet.

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  1. 9. 2018

Volkstheater: Komödie im Dunkeln

April 12, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Lachen, bis der Elektriker kommt

An Stunts wird nicht gespart: Steffi Krautz, Thomas Frank, Nadine Quittner, Sebastian Pass und Sebastian Klein. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mit der „Komödie im Dunkeln“ kann das Volkstheater einen garantierten Publikumserfolg einfahren. Regisseur Christian Brey hat Peter Shaffers Erfolgsstück auf den Punkt inszeniert, und schon bei der Premiere am Mittwoch jubelten die Zuschauer darüber lang und ausgiebig. Die fulminant komischen Darsteller wurden beinah länger beklatscht, als diese vorhatten, noch einmal auf die Bühne zu kommen. Licht wurd’s schon im Saal. Bis zum Schluss galt es also zu lachen, bis der Elektriker kommt.

Wobei der hier auch noch ein Kabinettstückchen zu bietet hat … Entstanden ist die „Komödie im Dunkeln“ Mitte der 1960er-Jahre, und Brey und seine Bühnen- und Kostümbildnerin Anette Hachmann belassen sie optisch in ihrer Zeit. Im Zentrum der Turbulenzen befindet sich der noch erfolglose Bildhauer Brindsley Miller, der am Abend den russischen Kunstsammler Godunow zum Kauf eines seiner Werke überreden will. Dazu hat er sich nicht nur unerlaubter Weise die – besseren als die eigenen – Möbel seines begüterten Nachbarn Harold ausgeborgt, sondern auch seine Verlobte Carol vergattert.

Die wiederum hat ihren gestrengen Vater im Schlepptau, doch noch bevor die beiden Gäste eintreffen, gibt es einen Kurzschluss und damit Stromausfall. Man tappt durch die Finsternis. Als unerwartet Harold in der Tür steht, eine Nachbarin durch Alkohol hochprozentig indisponiert ihren Scharfblick verliert und die noch keineswegs ausrangierte Exfreundin von Brindsley auf den Plan tritt, nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Zu guter (?) Letzt kommt auch noch der Mann vom E-Werk, Schupanski, ein russischer Emigrant. Klar, für wen er gehalten wird …

Bei vollem Licht kann’s ganz schön finster sein: Thomas Frank und Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Exfreundin Clea neigt zu Handgreiflichkeiten: Thomas Frank, Birgit Stöger und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater wird sich in all diesen Irrungen und Wirrungen nicht geschont. Da wird gegen Wände gelaufen und über Stühle gestolpert, aneinander vorbeigehastet und -geredet. Shaffers Komik entsteht, weil man selber bei Licht sieht, wo die Schauspieler vorgeben ebendieses nicht zu tun. So entsteht Slapstick vom Feinsten. Tempo und Timing stimmen. Allen voran hat Thomas Frank als Brindsley den Turbomotor angeworfen, spielt sich außer Atem und legt regelrechte Stunts hin, sogar einen Sturz über die Treppe. Auch das übrige Ensemble agiert entfesselt, so überdreht die Handlung, so auch dessen Mimik und Gestik.

Nadine Quittner gibt eine naive Carol, Stefan Suske ihren militärisch zackigen Vater Colonel Melkett. Brillant auch Steffi Krautz als Nachbarin Miss Furnival und Sebastian Pass als mehr oder minder geheimer Brindsley-Liebhaber Harold. Mit Birgit Stöger als durchgeknallter Exfreundin Clea nimmt der Komödienkarren noch einmal mehr Fahrt auf, nun wird sich nicht nur gezankt, sondern auch gerauft, bis Sebastian Klein endlich als unerwartet kunstsinniger Schupanski auftritt. Den Cast komplettiert Mario Schober als Godunow. Unter den vielen witzigen Einfällen von Christian Brey ist der mit dem Hula Hoop Reifen besonders gelungen. Was es damit auf sich hat? Hingehen, anschauen!

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  1. 4. 2018

Volkstheater: Gutmenschen

Februar 12, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Moment, an dem einem das Lachen vergeht

Yousef (Yousif Ahmad auf der Leinwand) liest im Haus der Barmherzigkeit Thomas Bernhard. Am Tisch: Sebastian Klein, Katharina Klar, Knut Berger, Paul Spittler und Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Inmitten all der Fröhlichkeit die beklemmend gespielte Szene. Der Moment, an dem einem das Lachen vergeht. Yousif Ahmad, Asylwerber mit bereits negativem Bescheid, darf nicht auf die Bühne des Volkstheaters. Er hat keine Arbeitserlaubnis und wird deshalb in der Garderobe festgehalten. Eine Dreißig-Sekunden-Überquerung der Spielfläche wird ihm schließlich gestattet, unter der Voraussetzung, dass niemand mit ihm interagiert. Er tritt auf – und die anderen Darsteller schweigen und wenden sich (beschämt) ab.

Ein starkes Bild über die Aus- und Abgrenzung von Menschen …

Yousif Ahmad spielt Yousef, heißt: er spielt seine eigene Geschichte. Deren zweiten Teil, mit – aufgrund Einspruchs – noch ungewissem Ausgang. Volkstheater-Schauspielerin Birgit Stöger hat bei der Nestroypreis-Verleihung in einer flammenden, die Medien und den mittlerweile Ex-Kulturminister aufscheuchenden Rede seine geplante Abschiebung angeprangert. Nichts ist seither besser geworden. Den ersten Teil, die Ankunft des Irak-Flüchtlings in Österreich, kennt man aus „Lost and Found“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16723), nun haben Regisseurin Yael Ronen und Ensemble eine Fortsetzung erarbeitet. Fürs Theater wohl eine ziemlich einmalige Sache.

Auftreten bekannte Personen. Man erinnere sich: Da ist Maryam, Yousefs Cousine, die sich vom schwulen Schnute künstlich befruchten ließ. Die Tochter ist mittlerweile da, und wird von Oma Ute umhegt. Maryams Bruder Elias hat es mittlerweile geschafft von seiner Freundin Klara einen Heiratsantrag zu bekommen. Schnute lebt mit Partner Moritz, der wiederum bei Menschenrechtsanwalt Nachmann arbeitet. Ihn kennt man auch aus der Ronen-Produktion „Niemandsland“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23326). Maryams Ex Jochen ist diesmal via Video dabei, ebenso der gemeinsame Sohn Jim Pepe.

Der Plot: Maryam, hauptberuflich ja Bloggerin, hat einen Deal mit Red Bull abgeschlossen. Weil die Energydrink-Giganten jetzt auf Bio setzen, sollen „Gutmenschen“ – Maryam samt Familie – in einer Art Reality Show quasi Werbung fürs neue Produkt machen. (Warum die Marke ausgewählt wurde, erfährt man im Programmheft, der rote Plastikstier auf der Bühne sicherlich nicht nur deren Symbol, sondern auch eines für den Turbokapitalismus, der aus Eigennutz so gern glauben machen möchte, dass „das Boot voll ist“. Die Zimmergrundrisse im Bühnenbild von Wolfgang Menardi wohl ein Hinweis auf den zitierten Mateschitz-Sager, nicht jeder, der „Wir schaffen das“ gerufen hätte, hätte sein Gästezimmer frei gemacht.) Doch bevor’s losgehen kann – und man die hausgemachte Verarschung erkennt, öffnet Maryam den Brief über Yousefs geplante Abschiebung, und man hat plötzlich natürlich Wichtigeres zu erörtern. Man macht sich auf einen langen Instanzenweg gefasst, der letztlich nur Zeit, Geld und Nerven kostet, und ackert mögliche Ehekonstellationen für Yousef durch …

Maryam (Birgit Stöger) ist erschüttert über Yousefs negativen Asylbescheid. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Oma Ute erklärt Sohn Schnute was über sichere Herkunftsländer: Jutta Schwarz und Knut Berger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bei Yael Ronen wird das wie immer rotzfrech witzig und politisch brisant abgehandelt. „Gutmenschen“ ist eine überdrehte Farce, die, wie sich’s fürs Genre gehört, die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit entstellt. Dabei werden Vorurteile, Vorverurteilungen und Fehleinschätzungen über Flüchtlinge und deren „sichere Herkunftsländer“ ebenso durchdekliniert, wie die Alltagsrassismen, die offenbar noch im Bestmeinenden zu sitzen scheinen. Menschlichkeit und Toleranz zu reden und zu leben, das sind mitunter zwei Paar Schuhe. Ein diesbezügliches Kabinettstück liefert Jutta Schwarz als Oma Ute, entsetzt darüber, dass Yousef ihrer Enkelin Arabisch beibringt: Er ist ja wirklich ein feiner Kerl, aber …

Die Königin des Patchwork-Wahnsinns ist wieder Birgit Stöger als Maryam, eine hippelige, hypernervöse Stadtneurotikerin. Sebastian Kleins Elias versucht sich als Mann zu emanzipieren, während Katharina Klar als queere Klara mit ihrem Anti-Rechts-Lovesong einen der besten Auftritte des Abends hat (eine Überschreibung von Hubert von Goiserns „Du bist so weit, weit weg“ mit langem Zwischenapplaus, als sie singt, wie sehr ihr Österreichs Rechtsruck „schiach tuat“). Knut Berger spielt den Schnute, Jan Thümer wieder Jochen, Julius Feldmeier wieder Lukas Nachmann. Als Moritz ist Paul Spittler zu sehen, als Jim Pepe Jermolaj Klein.

Die schönste Szene des Abends ist, wenn Yousef, er macht zwecks Integrationsnachweis ehrenamtlich Dienst im Haus der Barmherzigkeit, den alten Leuten aus Thomas Bernhards „Alte Meister“ vorliest. Und einem so schlagartig wieder einmal vorführt, wie die hiesige Mentalität eben ist. Yael Ronen trifft mit „Gutmenschen“ den Nerv der Zeit: Auf „Willkommenskultur“ und freundliche Aufnahme folgte zumindest versuchte Eingliederung, jetzt: alles egal, es geht ans Zurückschicken … Ach ja, Gutmensch(en): War schon einmal eines der Unwörter des Jahres. Wird mittlerweile von Rechts als Kampfbegriff verwendet. Gegen Personen oder Gruppen, die gesellschaftlich integer handeln wollen. Andererseits, wer will schon ein Schlechtmensch sein?

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  1. 2. 2018

Volkstheater: 1984

November 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Wirklichkeit ist ein Nagelbrett

Die Nachbarn bespitzeln Winston Smith mit Kameras: Birgit Stöger, Rainer Galke, Kaspar Locher, Steffi Krautz und Sebastian Klein. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Was wäre die Welt ohne Donald Trump? Etliche Theaterabende könnten ohne ihn gar nicht mehr stattfinden, so auch nicht die Freitag-Premiere am Volkstheater. Auch Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer hat sich nämlich die Brandreden, vor allem die Antrittsrede – „Wir haben uns in einer großen nationalen Kraftan- strengung zusammengeschlossen, um unser Land wiederaufzubauen und seine Verheißung für alle Menschen …“ – als Folie genommen, um darunter sein Spiel von George Orwells „1984“ zu legen.

Dabei folgt er in seiner Inszenierung dessen dystopischem Roman ziemlich exakt; dort wo Schmidt-Rahmer die Narration verlässt, holt er mit den Mitteln eines politisch-performativen Diskurstheaters Orwells von den Gräueln Hitlers und Stalins beeinflusstes Werk an die Jetztzeit heran. In seinen besten Momenten geht es Schmidt-Rahmer um die Verschiebung von Wahrheit durch „Fake News“ und sogenannte alternative Fakten, um die Vernichtung von Faktizität. Dabei hilft ihm der vom Autor erfundene „Neusprech“, eine vereinfachte Sprache, die Denken einschränkt und Widerstand verhindern soll, tadellos.

Wie es in den Sätzen populistischer Politiker und ihren einschlägigen Medien passiert, zeigt Schmidt-Rahmer auf, wie Sprachverkappung zu Verdummung führt. Und wie es im Ministerium für Liebe geschieht, hält er das schamlose Ändern von Sachverhalten fest, bis Behauptungen keiner Überprüfung mehr standhalten. Bis das „gesunde Volksempfinden“ zum von oben gesteuerten Volkszorn wird. „Die Wirklichkeit ist ein Nagelbrett“, sagt O’Brien an einer Stelle zu Winston Smith. Was heißen soll, eine schmerzliche Unwahrheit spüre man gerade noch, aber über tausende könne man unbeschadet hinweggehen.

Als dies ist sehr spannend, dieses In-den-Kopf-der-Menschen-Gelangen bis zur letzten Konsequenz durchdacht. Schade nur, dass es die Inszenierung nicht schafft, wirken zu lassen, ohne darauf zu pochen. O’Briens Folter-Frage an Winston, wie viele Finger er sehe, lässt sich also durchaus ohne zu lügen mit „Fünf“ beantworten. Der überzählige, der moralisch mahnend dauererigierte des Regisseurs …

O’Brien und Handlanger im Ministerium für Liebe: Birgit Stöger mit Sebastian Klein und Katharina Klar als umgepolter Julia. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Vidiwallfolter: Nach der Pause braucht es gute Magennerven – Rainer Galke und Ensemble. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Eine Schwarzes-Loch-Vidiwall und sieben „Teleschirm“-Videoboxen benötigt der, um die totale Technisierung seiner Bühnenwelt zu zeigen. Auch etliche Handkameras kommen zum Einsatz, jeder kann hier Big Brother sein, die Darsteller allesamt angetan wie Nordkoreas Führer Kim Jong Un, einer von Trumps unzähligen Staatsfeinden Nr. 1.

Die charakteristische Frisur samt khakifarbenem Anzug begründet Schmidt-Rahmer im Interview mit seiner „Suche nach dem Nordkorea in uns allen“. Nicht um die aktuell schlimmste Diktatur der Welt ist es ihm also zu tun, sondern um die obligate Schelte von Google, Facebook, Twitter und Co.

Mit ihrem jeweiligen Lieblingsemoji in der Hand skandieren die Schauspieler denn auch gegen Selbstauslieferung ans Social-Media-Spionagesystem, dem noch Biggeren Brother, der via Auskundschaftung des Konsumverhaltens die Weltherrschaft an sich reißen wird. So lässt sich’s interpretieren.

Im sonst sehr stringenten Bühnengeschehen wirkt dieser Moment allerdings als Überfrachtung des Orwell’schen Themas der von einer Gedankenpolizei gesuchten Gedankenverbrechen. Tatsächlich sei dahingestellt, ob der Konnex von Orwell zu Larry Page und Sergey Brin den Abend nicht sogar beschädigt. Bessere Beispiele allgegenwärtiger staatlicher Überwachung, Stichwort: Maßnahmen im Kampf gegen den internationalen Terrorismus, hätten sich da finden lassen. „George Orwell würde sich im Grab umdrehen“, heißt es in dieser Sequenz.

In Lektionen, von eins: „Doppeldenk“ bis 173: „Wir können Verbrechen identifizieren, bevor sie überhaupt begangen wurden“, läuft die Aufführung ab. Rainer Galke, wenn auch nicht alt und ausgemergelt, ist herausragend als Winston Smith, ebenso Birgit Stöger als O’Brien. Katharina Klar überzeugt als Winstons verbotene Geliebte Julia. Sebastian Klein, Steffi Krautz, Kaspar Locher und Sebastian Pass geben bespitzelnde Nachbarn, Schergen des Systems und auch dessen Opfer.

Statt im Zimmerchen treffen einander Julia und Winston im Hänsel-Gretel-Knusperhaus: Katharina Klar und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Galke mimt einen erst ruhelosen, ängstlichen, später fatalistisch um die Gesellschaft als Ganzes besorgten Winston; Klars Julia ist da ganz klar pragmatischer und bedacht darauf, den Augenblick zu genießen. Das geheime Zimmerchen, in dem die beiden im Roman sich lieben und lesen, wird im Bühnenbild von Thilo Reuther zu einem Hänsel-Gretel-Knusperhäuschen. Stögers O’Brien ist mit einem Wort gespenstisch. Mit großer Eleganz und zur Schau gestellter überragender Klugheit gestaltet sie einen vermeintlichen Mitverschwörer.

Der sich alsbald als Oberfolterer entpuppt. Nach der Pause führt die Inszenierung in dessen klinisch-weißes Folterlabor. O’Brien und seine Helfer, nun kahlköpfig und auf einem Auge blind, haben Julia zu diesem Zeitpunkt schon „umgepolt“. Winston erweist sich als härterer Widersacher, nicht weil er will, sondern weil er nicht anders kann. Was sich in Raum 101 ereignet, ist nicht zu sehen. Es wird angesagt, und dass man dennoch gute (Magen-)Nerven braucht, um diese Szenen durchzustehen, beweist einmal mehr die grandiose Schauspielkraft des Rainer Galke.

Im Programmheft schließlich ist nachzulesen, dass das „Gewölbte Schweinemaul“ oder die „Geschmorte Weichschildkröte“ Methoden sind, die der chinesische Schriftsteller und Dissident Liao Yiwu in seinen Gefängnistagebüchern beschreibt. Wegen seiner Gedichts „Massaker“ und seines Films „Totenmesse“ über die Ereignisse am Tian’anmen-Platz wurde er zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt und häufig Opfer von Gewalt durch die Gefängnisleitung.

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  1. 11. 2017

KosmosTheater: Barbara Klein im Gespräch

Oktober 28, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Intendantin nimmt Abschied vom „Frauenraum“

Barbara Klein, Intendantin des KosmosTheater. Bild: Bettina Frenzel

Mit März verabschiedet sich Gründungsintendantin Barbara Klein vom KosmosTheater. Künstlerisch hat sie’s mit ihrer fulminanten Inszenierung von Juli Zehs „Good Morning, Boys and Girls“ schon getan (heute Abend: letzte Vorstellung!). Denn bereits kommenden Montag, am 30. Oktober, werden ihre beiden Nachfolgerinnen vorgestellt. Barbara Klein im Gespräch über Vergangenheit und Zukunft:

MM: „Good Morning, Boys and Girls“ ist Ihre Abschiedsinszenierung am KosmosTheater. Was werden Sie nun tun?

Barbara Klein: Bis Ende März Abschied feiern, dann reisen, lesen, was ich möchte, nicht was ich muss, und die Freiheit genießen. Und vielleicht inszenieren, wenn mich wer fragt. Ich werde sicher nichts „Freies“ auf die Beine stellen, nachdem ich nun 18 Jahre lang die Freiheit hatte, mir am eigenen Haus ab und an Inszenierungen zu gönnen. Aber es ist eine Erleichterung, dass ich die Verantwortung für ein Theater nicht mehr trage, in dieser politischen Situation bin ich darüber ganz froh.

MM: Sie sind im KosmosTheater seit der Hausbesetzung, Sie sind die Gründerin. Welche Entwicklung hat das Haus in den beinah zwei Jahrzehnten unter Ihnen genommen?

Klein: Ich war am Anfang sehr unsicher, wie sich Feminismus und Kunst in der Praxis ausgehen können, es gibt ja in ganz Europa kein Vorbild. Die Fragen waren, wie kann man arbeiten, ohne zu dick aufzutragen, so dass von der Kunst nur noch die Botschaft bleibt? Aber auch, brauche ich Feministinnen, die das Haus betreuen, oder brauche ich Theaterprofis. Das wusste ich alles noch nicht, und habe natürlich viele Fehler gemacht, aber letztlich, glaube ich, hat es sich genau dahin entwickelt, wie ich es erahnt habe: Besucherinnen und Besucher, die wissen, es handelt sich um Gendertheater, fokussieren das auch und denken darüber nach, und wenn sie’s nicht wissen, sind sie einfach auf die Themen konzentriert, wie in jedem anderen Theater auch.

MM: Und wie ging die Frage Feministinnen oder Theaterprofis aus?

Klein: Zuerst haben hier Frauen gewirkt, die damals das Haus auch besetzt haben, die ehrenamtliche Arbeit für den Verein gemacht haben. Das war eine Fehlentscheidung, da wären wir nach zweieinhalb Jahren fast in Konkurs gegangen. Das waren gutmeinende, engagierte Frauen, aber  keine Theaterprofis. Andererseits hatten wir wunderbare feministische Künstlerinnen im künstlerischen Leitungsgremium. Da sind wir dann auf unsere Themen gekommen, „Das Gelächter der Geschlechter“ oder damals schon Queer-Fragen, ganz zentrierte Felder, die von wissenschaftlicher und künstlerischer Seite bearbeitet worden sind. Dazu hatten wir eine schöne Zeitschrift, die wir leider nicht fortführen konnten, weil sie nicht gefördert worden ist.

Bild: Bettina Frenzel

Good Morning, Boys and Girls. Bild: Bettina Frenzel

MM: Sind Sie in 18 Jahren KosmosTheater milder oder vehementer geworden? Sie haben irgendwann das Wort „Frauenraum“ aus dem Titel gestrichen. Damit ging die Einladung mehr auch an Männer zu kommen und zu schauen und zu staunen?

Klein: Das war eine ganz pragmatische Entscheidung. Die Männerwelt war immer angesprochen, aber der Begriff „Frauenraum“ hat zu Missverständnissen geführt. Manche dachten, wir machen nur Kultur von Frauen für Frauen – tatsächlich gab es damals oft exklusive Frauenräume. Mir war’s das Missverständnis nicht wert, auf knapp unter 50 Prozent des Publikums zu verzichten. Sehr stolz war ich auf meine Idee mit den unterschiedlichen Eintrittspreisen, wobei Frauen um das Drittel, das sie weniger verdient haben, weniger bezahlt haben. Das hat unheimlich Furore gemacht, das ist ohne Erklärung verstanden worden und war sehr lustig. An der Kassa, am Telefon hat’s tolle Diskussionen gegeben. Bis der Falter und der Augustin zeitgleich schrieben: Männer zahlen mehr. Und auf einmal war der Neidkomplex da.

MM: Weil Sie sagten, früher hätte es mehr Frauenräume gegeben: Sind die Feministinnen schon wieder auf dem Rückzug? Es hat sich doch für Frauen wenig geändert?

Klein: Es hat sich gar nichts geändert. Der Backlash wird immer größer. Doch die Feministinnen sind noch da. Es gibt ganz junge Frauen, die das von ganz anderer Seite anpacken. Nur – die Stefanie Sargnagel und die Barbara Ungepflegt machen’s halt nicht aus, das sind super Performances, großartige Künstlerinnen, aber das ist zu wenig. Wir am Theater können mit Podiumsdiskussionen und anderen Informationsveranstaltungen, Publikumsabenden etc. auch viel explizierter sein, als die Kunst und die Literatur, die oft aufpassen muss, dass die Botschaft  nicht zu dicke kommt, weil wir zum Dialog einladen können. Was aber total fehlt, ist der Feminismus der Männer, die immer noch nicht kapiert haben, dass man keine dunkle Hautfarbe haben muss, um gegen Rassismus zu sein. Das stehen wir total an, bei Männern, die sich für unsere Anliegen einsetzen würden.

MM: Stella Kadmon, Emmy Werner und Sie waren so ziemlich die ersten Intendantinnen. Nun gibt’s am Burgtheater und am Volkstheater Direktorinnen. Haben es Frauen im Kulturbetrieb heute leichter, in Führungspositionen zu kommen?

Klein: Nein! Die Bergmann wird nicht durch eine Frau nachbesetzt, Sabine Haag im KHM auch nicht, die Tage von Anna Badora, denke ich, sind abzählbar. In der kommenden politischen Situation wird nichts besser werden, der Backlash wird noch größer werden, also ich sehe keine rosigen Zeiten auf die Frauen zukommen.

MM: Was müsste geschehen?

Klein: Wir müssen wieder auf die Straße gehen. Wir müssen raus aus dem virtuellen Raum. Der bringt’s nicht, das sind kleine Strohfeuer, die aufflackern, die aber nichts bewirken. Präsenz ist das Wesentliche. Wir hätten das KosmosTheater nie durchgesetzt, ohne die Kraft der körperlichen Präsenz. Wir sind mit Jausensackerl im Vorzimmer des Kunstministers gesessen, und haben gesagt: Nein, wir haben keinen Termin, wir warten auf ihn, auch drei Tage. Das muss wiederkommen. Man muss den Leuten in die Augen schauen können. Wobei es seit 9/11 natürlich schwieriger ist. Die Mächtigen und Wichtigen haben den Terrorismus genutzt um sich total abzuschotten. Die sitzen alle hinter Gittern, zu ihnen durchzudringen und der Politik nahe zu rücken ist kaum noch möglich. Diese Männer in ihren „Männerbünden“, die wissen gar nicht, welche Anliegen wir haben, welche Probleme es gibt. Die leben auf einem anderen Stern …

Bild: Bettina Frenzel

MM: Nun geben Sie das KosmosTheater in neue Hände, in die von zwei Frauen. Wie wurden die ausgewählt?

Klein: Wir haben vor zwei Jahren begonnen, an dem Ausschreibungsprozess zu arbeiten. Wir haben erst der Stadt angeboten, dass sie das macht oder teilnimmt bei uns, aber es wurde abgewunken. So viel zur Transparenz! Wir haben dann einmal um Subventionen gekämpft, die sind seit sechs Jahren gleich, 600.000 € von der Stadt und 110.000 € vom Bund, denn ohne Zusage können wir  nicht ausschreiben. Danach haben wir ein Auswahlgremium gebildet, mit mir nur als beratender Stimme, und aus den Bewerbungen haben wir eine künstlerische und eine kaufmännische Leiterin gewählt. Die beiden werden am 30. Oktober präsentiert.

MM: Was geben Sie mit auf den Weg?

Klein: Ich werde in den nächsten fünf Monaten meine Erfahrung und mein Wissen mitgeben, so sie darauf rekurrieren. Sie kommen natürlich auch nicht unbeleckt, und wir werden schön langsam und gemeinsam die Übergabe organisieren. Danach können sie umstrukturieren, planen, ganz wie sie wollen.

MM: Welche Entwicklung wünschen Sie sich für das Haus?

Klein: Ich wünsche mir vor allem von der Politik die Beendigung der Ignoranz, denn das KosmosTheater wird ja nicht schlechtgemacht, sondern einfach ignoriert. Wir sind nicht einmal das Feigenblatt, dass eh was für Frauen gemacht wird. Wenn es eine Rede von Mailath-Pokorny über die Szene gibt, wir werden nie vorkommen. Wenn er nicht direkt drauf angesprochen wird, tut er nichts, um das Haus zu präsentieren, dabei könnte er auf diese Alleinstellung wahnsinnig stolz sein.

MM: Kommt er denn ins Haus, um überhaupt zu sehen, was geboten wird?

Klein: Der Kulturstadtrat hat die letzte Vorstellung 2002 besucht.

MM: Lassen Sie uns noch über die Bundespolitik sprechen und über einen Wahlkampf ohne Frauenthemen außer dem Burkaverbot.

Klein: Ja, Zuschreibungen das funktioniert. Da können sich die Herren austoben. Auf dem Körper der Frau kann man immer noch seine Macht spielen lassen. Es ist unglaublich. Kultur war ja auch kein Thema. Dabei: Wofür ist Österreich bekannt in der Welt …?

MM: Was erwarten Sie diesbezüglich?

Klein: Ich glaube, ich werde die Augen zu machen und durch. Und viel reisen. Ich hatte das alles ja schon. Uns hat Schwarz-Blau erwischt mitten im Umbau vom Kino zum Theater, und was war? Ein sofortiger Geldstopp und eine finanzielle Überprüfung. Dabei war das alles doppelt und dreifach abgeklärt, mit dem Frauenministerium und dem Kulturministerium, mit Frauenstadträtin und Kulturstadtrat – das muss man erst einmal zusammenbringen. Es steht zu befürchten,  dass es fürs Haus wieder schlechter wird. Das KosmosTheater hat aber jetzt auch die Chance, der Raum zu werden für subversive Treffen und für Gegenreaktion.

MM: Wird es ein Fest zu Ihrem Abschied geben?

Klein: Im März. Aber ich habe keine Ahnung, was passieren wird, ich lasse mich wie alle, die kommen wollen, überraschen.

Rezension „Good Morning, Boys and Girls“: www.mottingers-meinung.at/?p=26842

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28. 10. 2017