Werk X: Raststätte oder Sie machens alle

April 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Sex mit Stofftieren

Poledance ist auch nur ein Sport: Thomas Kamper, Arthur Werner, Sandra Bra, Sebastian Klinser und Markus Mariacher. Bild: Yasmina Haddad

Am Ende werden Teddybär und Plüschelch genüsslich zerlegt, in ihre Leckerlis zerfleischt und aufgefressen. Und siehe, hinter den ohnedies schon zu Stofftieren sich degradierenden Bestien auch nur der Mensch – im anatomischen Modellanzug. So schaut das aus, wenn Regisseurin Susanne Lietzow Elfriede-Jelinek’sche Figuren zum Striptease lädt. „Raststätte oder Sie machens alle“ hat die zweifache Nestroy-Preisträgerin nun im Werk X inszeniert.

Und am Satyrspiel zu Totenauberg das zotig Farcenhafte betont. Tatsächlich nennt Lietzow den Text im Gespräch einen „Porno-Feydeau“. Dessen Grundlage allerdings Mozarts „Così fan tutte“ ist: Zwei frustrierte Ehefrauen verabreden sich via Sexinserat auf einer Autobahntoilette mit zwei Tieren, von denen sie sich ebensolchen, triebhaft-zügellosen Beischlaf erhoffen. Inmitten einer zermüllt-desolaten, von Peter Laher erdachten Bühne setzt Lietzow ihre Handvoll Darsteller ab. Doch nichts geht, Potenz wird zum Problem, denn in den Kostümen treffen die Frauen unverhofft auf ihre eigenen Männer. Die Liebe ist, man sieht es gleich am ersten Bild, ein Überraschungsei …

Dass das nicht alles auf den ersten Blick verständlich ist, ist systemimmanent. Auch die mäandernden Sprachkaskaden der Nobelpreisträgerin sind nicht Wort für Wort zu nehmen, sondern als Komposition, als Klang. Und durch klingt – Lebensthemen – ihre Kritik an Geschlechterrollen, an versuchter seelenbodenloser Selbstoptimierung (dies gern durch Sport, in dessen Bekleidung bekanntlich „wenig Platz für Lebensgenuss“ ist) und ein scharfer Blick auf Entfremdungsursachen, auf hiesige und andernortige Neidgesellschaften, die auf der Suche nach einem ureigenen Zentrum sich selbst in die Randlagen verlieren.

Highlight des Abends: Gilbert Handler mit Arthur Werner und Thomas Kamper: Bild: Yasmina Haddad

Vor der Plakatwand: Arthur Werner, Sandra Bra, Thomas Kamper und Isabella Szendzielorz. Bild: Yasmina Haddad

Lietzow assoziiert da frank und frei. Pinnt Da Pontes „Fremdländer“ auf ein paar Heimatwahlplakate, die nicht weniger obszön sind als verwandte Originale, die Abart als aktuelles Schleuderblatt für alle, die Abgrenzung zum anderen brauchen. Steckt Klaus Huhle vom allmächtigen Wirtsmenschen zurück in den Baby-Fatsuit. Lässt Gilbert Handler begnadet singen, er der Höhepunkt des Abends, wenn er Liebeslieder bis hin zum Ave Maria interpretiert. Steigert ihre Arbeit mehr und mehr in albtraumhafte Szenen, während sie das Explizite aus der Jelinek kitzelt.

Dazwischen die vier, Isolde und Kurt, Claudia und Herbert, längst Negativspiegelflächen ihrer einmal gewählten Partner, die nun erwarten, dass sie „von anderen Menschen zum Klingen gebracht werden“: Arthur Werner, Sandra Bra, Thomas Kamper und Isabella Szendzielorz als die Durchschnittlichen, die so gerne einmal Über- wären. Sebastian Klinser und Markus Mariacher als die Kostümierten, die Bau- und Büromaschinenvertreter, die aus der fremden Haut schlüpfen, um in der eigenen gekillt zu werden. Wie die Schauspieler hier Lust auf Frust reimen, wie’s statt Körpertrost nur Trostlosigkeit gibt, ist sehenswert.

Und schließlich von der durchaus auch zeitpolitisch zu nehmenden Erkenntnis: „Man kann sich wie ein großes Tier anziehen, deshalb ist man es noch nicht.“

werk-x.at/

  1. 4. 2018

Murer – Anatomie eines Prozesses

März 13, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Freispruch für den Schlächter von Vilnius

Karl Fischer (Mitte) als Franz Murer. Bild: © Ricardo Vaz Palma / Prisma Film

„Schreiten in die neuen Zeiten, Hand in Hand mit alten Nazis“, sagt der Journalist zum Politiker. Ein Satz, der klarstellt, was Regisseur Christian Frosch am Thema interessierte, nämlich „weniger, zum wiederholten Male die Verbrechen des NS-Regimes nachzuerzählen, sondern genau hinzusehen und zu verstehen, wie sich die Täter und die Opfer in der Republik Österreich darstellten und darstellen. Das Spannende ist, wie das österreichische Nationalnarrativ funktioniert“,

so der Filmemacher. „Es basiert keineswegs auf Verdrängung. Es wurde bewusst gelogen, verschleiert, verbogen und gesteuert. Nur so konnte man Täter zu Opfern machen und die Opfer zu den eigentlich Schuldigen erklären …“ Ein brisanter Gerichtsthriller eröffnet heute Abend die diesjährige Diagonale, landesweiter Kinostart ist am Freitag. Graz 1963. Der angesehene steirische Lokalpolitiker und Großbauer Franz Murer steht wegen schwerer Kriegsverbrechen vor Gericht. Die Beweislage ist erdrückend. Doch in den Zentren der Macht will man die dunklen Kapitel der eigenen Geschichte endgültig abschließen. Der braune Bodensatz klebt fest in der Politik, in den Ministerien, latenter und offener Antisemitismus regiert. Murer wird schließlich auf Intervention, aufgrund einer „Weisung aus Wien“, so stellt es der Film dar, freigesprochen werden.

Anhand der originalen Gerichtsprotokolle eines der wohl größten Justizskandale der Zweiten Republik zeichnet Frosch den Fall Murer nach, eines Mannes, der von 1941 bis 1943 als „Schlächter von Vilnius“ einer der Hauptverantwortlichen für die Vernichtung der Juden in der heutigen litauischen Hauptstadt war. Simon Wiesenthal stolperte bei seiner Suche nach Adolf Eichmann fast zufällig über den mit Frau und Kindern unbehelligt in Gaishorn lebenden, als Sadist verschrieenen Verbrecher. Unzählige Überlebende der Shoah reisten an, um auszusagen und späte Gerechtigkeit zu erwirken – vergebens.

„Ich habe nur meine Pflicht erfüllt“, sagt Schauspieler Karl Fischer als Franz Murer. Dazu fährt die Kamera von Frank Amann über die Gesichter der Geschworenen und des Publikums. Da lacht der eine oder andere, nickt zustimmend, skeptisch, ungläubig, erschrocken wird auf die Zeugenaussagen reagiert. Kaum einer im Saal will mehr wahrhaben, was nicht gewesen sein darf. Was Wunder, hat man doch selbst „dem Herrn Mandelbaum günstig das Geschäft abgekauft“. Dazu eine Geräuschkulisse, die einen erschaudern lässt. Ein Orchester beim Einstimmen, Kakophonie und dazu – Schreie, Schüsse? Frosch ist ein atmosphärisch dichter, ein intensiver Film gelungen, seine protokollarische Vorgehensweise ändert nichts daran, wie hochemotional die Sache wird.

Karl Markovics als Simon Wiesenthal. Bild: © Katharina F. Roßboth / Prisma Film

Inge Maux tritt als Zeugin auf. Bild: © Patricia Peribanez / Prisma Film

Erschreckend, wie schlecht mit den Zeugen umgegangen wurde, wie Murers Verteidiger sie unglaubwürdig macht, nur weil sie sich an die kleinste Kleinigkeit nach so langer Zeit nicht mehr erinnern können. Erschreckend auch die Scham und Verzweiflung der Überlebenden. Im Zeugenstand können sie ihre Rage kaum verbergen, wenn sie in Murer den Mörder von früher erkennen, brechen in Tränen aus, als sie berichten müssen, was er ihnen und ihren Nächsten angetan hat – und werden abgekanzelt, weil sie nicht die genaue Farbe von Murers Uniform wissen.

Mit Hintergrundsequenzen und parallelen Handlungssträngen im Umfeld des Prozesses, etwa, wenn die Zeugen mit den Mitläufern gemeinsam mit Gasthaus sitzen müssen, kombiniert Frosch die Szenen im Gerichtssaal zu einem erschütternden postnazistischen Zeitbild. Zum miefigen Sozialpanorama eines 190er-Jahre-Österreich. Samt (damals also auch) „Lügenpresse“-Paranoia. „Österreich hat keine Seele und keinen Charakter. Österreich besteht aus Tätern, Zuschauern und Opfern“, zieht Frosch ein düsteres Resümee aus seiner Arbeit am Film.

„Wir müssen uns endgültig von der Vorstellung verabschieden, dass der Patient Österreich nur die Fakten in sein Bewusstsein integrieren muss, um den Heilungsprozess einzuleiten. Die Tatsachen waren und sind bekannt.“ Neben Karl Fischer, der Murer beinah regungslos, mit angespannter Zurückhaltung verkörpert, mehr Floskel und Fassade als tatsächlicher Mensch, brilliert eine Riege österreichischer Schauspieler: Klaus Rott, Susi Stach, Inge Maux, Robert Reinagl, Franz Buchrieser, Erni Mangold, Christoph F. Krutzler … Karl Markovics spielt den als Aggressor verunglimpften Simon Wiesenthal. Am Schluss noch einmal ein Zitat, diesmal der Politiker zum Journalisten über dessen Berichterstattung zum Prozess: „Das Bravo der linksgerichteten Intellektuellen bringt uns im Gemeindebau keinen Meter weiter.“ Wie furchtbar zeitnah dieser Film doch ist.

www.murer-film.com

  1. 3. 2018

Rabenhof: Viel gut essen

Oktober 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kreisky rocken Sibylle Berg

Franz Adrian Wenzl performt den verbalen Rundumschlag von Typ Mittelschicht. Bild: © Rabenhof / Nikolaus Ostermann

Sein altes Wohnviertel wird zu einem Mix aus Bobo-Behausungen und Asylantenheim umgebaut. Seinen Vorgesetztenjobtraum hat er an Frau Hüdüczü verloren, den Arbeitsplatz gleich dazu, hat er ihr doch ihren „doppelten Quotenanspruch – weiblich und Migrationshintergrund“ ins Gesicht gekotzt. Frau Claudia und Sohn Anselm haben das Weite gesucht. Nun steht er in seiner nicht abbezahlten Fast-Profi-Küche und brutzelt, was das Zeug hält.

Denn heute Abend sollen, werden sie, hofft er … heimkommen? Der arme „kleine Mann“, er könnte einem fast leid tun. Bevor er seinen Verbalrundumschlag beginnt. Auf alles und jeden, das und die ihm fremd sind – und das ist zu allererst einmal er selbst. „Ich weiß, dass ich ich bin, weil ich eine Wohnung habe, zu der mein Schlüssel passt“, singt Kreisky-Frontmann Franz Adrian Wenzl. Die Wienerwut-Rocker haben Teile von Sibylle Bergs Texttirade „Viel gut essen“ zu sechs neuen Songs vertont, den großen Rest spricht „Austrofred“ Wenzl bei diesem, seinem quasi Debüt als Schauspieler.

Nach Aufführungen in Deutschland und der Schweiz ist die in ihren beiden Heimatländern hassgeliebte Autorin mit ihrem Monolog nun im Rabenhof angekommen, und wirkte beim tosenden Schlussapplaus und den Standing Ovations sichtlich gerührt, ja sogar ein wenig schüchtern. Vater-Land/Mutter-Sprache, vielmehr: der empfundene Verlust derselben an neue Verhältnisse, das ist auch Thema von „Viel gut essen“.

Da steht er nämlich, der Repräsentant der sogenannten, von allen politischen Couleurs heiß umbuhlten Mittelschicht, weiß, hetero, xenophob, homophob, frauenfeindlich und ein Feind moderner Kunst, früher beruflich sogar erfolgreich, und sieht die Fassade bröckeln. Das Fundament seiner Existenz ist brüchig geworden. Das erzeugt Frust. Der erzeugt Gewaltbereitschaft. Aber noch ist er ruhig, der „kleine Mann“ und will nur kochen und die Geschichte seines Scheiterns erzählen. „Ich war immer angestellt, meinem Bedürfnis nach Planungssicherheit geschuldet“, sagt er. „Ich hatte nie das Bedürfnis nach Regelunkonformität. Ich wollte nicht aufbegehren“, sagt er.

Kreisky: Klaus Mitter, Martin Max Offenhuber, Lelo Brossmann und Franz Adrian Wenzl. Bild: © Rabenhof / Nikolaus Ostermann

Bernd Supper und Willi Landl: Bild: © Rabenhof / Nikolaus Ostermann

Und wie er das sagt. Wenzl trifft einen Ton zwischen bekanntem Politikertypus und sozialfaschistischem Prediger, ausgerechnet sein Protagonist doppeldeutig ein „Europe“-Fan, und der Eindruck bewahrheitet sich mit Fortschreiten des Abends, wenn Wenzl seine Sätze zunehmend als Parolen formuliert, diese immer öfter ins Mikrophon donnert. Oder sich in Glencheckanzug und Schwarzer-Kontinent-Shirt darüber wundert, dass „in Afrika eine Familie ein Monat von einem Stück Topfenstrudel leben“ kann. Die Musik erhöht den Druck, die Dynamik der Eskalation steigert sich stetig. Bald fehlt hinter ihm nur noch das Heimatplakat.

Berg und die Band wollten der Rabenhof-Aufführung etwas Wienerisches geben, und dazu gehört wohl, dass Wenzls Auftritt was Kabarettistisches hat. Die Kreiskys sind halt Kreisler-Kinder. Im Gemeindebautheater (wo die, die hier, eh immer eines Geistes sind) wurde jedenfalls gejohlt und gelacht (im Unterschied zur deutschschweizerischen Publikumsschreckstarre), da versteht man sich aufs Hinterfotzige, das Knallharte wird Kleinkunst, das Grausliche grotesk. Wie sich Wenzl so von Geschmacklosigkeit zu Geschmacklosigkeit zetert, das ist scham- und schonungslos, zynisch und provokant, und es ist melancholisch. Es ist wahnwitzig komisch und zum Brüllen traurig. Wenzl balanciert über Bergs Klischeeberg auf dem schmalen Grat von So was sagt man nicht! und Das wird man doch noch sagen dürfen!

Dort also, wo‘s die einen für den endlich notwendigen Tabubruch halten und die anderen für Rassismus. Früher hatte die politisch korrekte Mehrheitsgesellschaft beim Reden das Sagen, die anderen schwiegen, jetzt wächst der „kleine Mann“ über sich hinaus. Der Einzelne ist gar nicht mehr so anonyme Masse, das Schweigen wird laut, deshalb wird Wenzl außer von Klaus Mitter am Schlagzeug, Gitarrist Martin Max Offenhuber und Lelo Brossmann am Bass von einem Chor begleitet. Man hat sich dafür Bernd Supper von The Scarabeusdream, Maximilian Atteneder von Catastrophe & Cure und den oberösterreichischen Jazzsänger Willi Landl ausgeborgt.

Und die drei sind nun die Perversions- und Percussiongruppe, gestalten das schlechte und das böse Gewissen, die schlechten und die bösen Kindheitserinnerungen – die Mutter ging dem lieblos schweigsamen Vater mit „Jeff aus Eritrea“ durch: „Die armen Asylanten. Aber tanzen tun sie so anmutig. Sie haben so elegante, unterprivilegierte Gliedmaßen, da staunt die Frau auf ihrem Tretroller, da beben ihre roten Unterarme. Und schon gab es sie nicht mehr.“ Das Trio mimt auch Gourmetküchen-Aficionadas, es feiert als Herrn Jedermanns Kopfdruckkochtopf dessen Rezepte. „Kapern sind die Krönung des Fischfonds“, psalmodiert es. Oder: „Die Tomaten glänzen wie Halbedelsteine.“ – „Paradeiser heißt das bei uns“, kontert Wenzl.

Tänzeln in Starschnitt-Attitüde:Franz Adrian Wenzl. Bild: © Rabenhof / Nikolaus Ostermann

Martin Max Offenhuber, Franz Wenzl, Sibylle Berg, Klaus Mitter und Lelo Brossmann: Bild: © Rabenhof / Ingo Pertramer

Auch, wenn der Chor über Claudia und Anselm singt, klingt’s oft wie Kirchenchoral. Die heilige Institution Familie. Heißt, wenn die Frau Blumen will, soll sie einen Fleurop-Lieferanten heiraten; will sie sich selbstverwirklichen, „irgendwas aus Ton oder Schmuck gestalten“. Dass andere von ihm abhängig sind, findet der Ex-Alleinverdiener „sinnstiftend“. Und will der Sohn zum Ballett, ist er ent-***, also jedenfalls aus der Art geraten. The Final Countdown. Franz Adrian Wenzl performt seinen Bühnenfreak mittlerweile mit Rebellenattitüde, tanzt über die Bühne wie ein Fred-Starschnitt. Unter seinen Posts erbeben Internetforen, seine Leserbriefe sind im mehrfachen Wortsinn Reaktion.

Der Kampf an allen Fronten hat längst begonnen. Musikalisch als die „Mobilmachung des gesunden Menschenverstands“: „Wir sind keine dumpfe braune Horde/wir sind das Volk/wir sind Bürger mit Bürgerrechten/und die holen wir uns./Stillgestanden./In einer Reihe./Die Ausgabe der Waffen erfolgt jetzt -“

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=8&v=12sFvR-KeFE

www.rabenhoftheater.com

  1. 10. 2017

Kammerspiele: Lenya Story – Ein Liebeslied

März 31, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Standing Ovations für Sona MacDonald

Psychogramm einiger komplizierter Künstlerbeziehungen: Sona MacDonald als Lotte Lenya und Tonio Arango als alle ihre Männer. Bild: Moritz Schell

Sona MacDonald in ihrem Element, dafür gab’s Donnerstagnacht in den Kammerspielen der Josefstadt Standing Ovations. Nach Marlene Dietrich und Billie Holiday widmet die wunderbare Schauspielerin und Sängerin all ihre Talente nun der Weill-Gattin und Brecht-Muse Lotto Lenya. „Lenya Story – Ein Liebeslied“ heißt der Abend, den auch diesmal Torsten Fischer und Herbert Schäfer für die Ausnahmekünstlerin geschaffen haben.

Und wieder versteht es MacDonald, ihre Sprache, ihre Stimme einer großen Diseuse anzuverwandeln, erneut gelingt es ihr, tief in deren Seele abtauchen – und nicht als Kopie, sondern als ein eigenständiger „Klangkörper“ ihre Geschichte zu erzählen. Dass Timbre und Temperament stimmen, versteht sich. MacDonald „kann“ die Lenya mit ihren eigenwilligen Tönen, die mal hell klirren wie zerstoßenes Glas, mal wund und rau sind, wie mit Sandpapier geschmirgelt. Sie kann ihren unbändigen Elan und den puren, rohen Sex-Appeal, sie changiert zwischen Schutz suchendem Mädchen und rotzfrecher Straßengöre. Wie sie da auf der Bühne steht, scheint auch sie eigens geschaffen zur Heldin der Brecht-Weillschen Gossenwelt mit ihren Lumpen, Gaunern und leichten Madämchens. „Sie kennen ja die berühmten Zwanzigerjahre. Jede Frau war eine femme fatale, und alle schliefen miteinander“, sagt Lenya launig.

MacDonald atmet den Zeitgeist dieser Zwanziger- und Dreißigerjahre; Fischer, ein Experte für solcher Art Aufführungen, fügt geschickt die Zeitgeschichte hinzu. Entlang von Lenyas Biografie und der Weill-Musik macht er die politischen Machtverhältnisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts greifbar. Die Bühne zeigt eine Welt in Schieflage, der Schnee, der auf den Steilhang fällt, wird mehr und mehr zu Ruß und Asche. Man ringt buchstäblich wie bildlich um Widerstandskraft und Standhaftigkeit; jeder Song gilt dazu als Zitat über gesellschaftliche Zu- und Umstände: „Denn wie man sich bettet, so liegt man“, „Berlin im Licht“ und natürlich und vor allem „Wie lange noch“. Ein hervorragendes Musikerquartett, Christian Frank, Herbert Berger, Andy Mayerl und Klaus Pérez-Salado, interpretieren einiges an Neu- und Wiederentdeckungen so stimmig, wie die Gassenhauer aus der „Dreigroschenoper“, „Mahagonny“ oder „Happy End“.

Alter Bilbaomond! Wo noch die Liebe lohnt… Bild: Moritz Schell

Du hast kein Herz, und ich liebe dich so … Bild: Moritz Schell

Was dieses Sona-MacDonald-Fest aber vor allem anderen auszeichnet, ist ihr Bühnenpartner Tonio Arango. Mit ihm wird das Solo für Sona zum Psychogramm eines komplizierten Künstlerpaares. Er schlüpft in die Rollen aller Lenya-Männer, gibt mit Glatze und Nickelbrille den Lebensmenschen Kurt Weill, mit Schiebermütze und Zigarre kurz Bert Brecht, die Ehemänner zwei und drei, George Davis und Russel Detwiler, und diverse andere Liebhaber. Spielt einen James Bond, dem die Lenya als KGB-Offizierin Rosa Klebb „Liebesgrüße aus Moskau“ schickt. Dann wieder feiert Sie mit roter Federboa und Er mit Zylinder und Strapsen – die Exzellenz der Dekadenz. Kein Wunder, erscheint ihnen später New York langweilig und Hollywood als spießiges Nest.

Es ist ein pralles, fiebriges, mitunter arg anekdotisches Dasein, das die Inszenierung zeigt. Ein Dasein, das sich den öffentlichen Blicken fast nie entzogen hat. Ein Arbeiterkind aus den ärmlichsten Verhältnissen der Penzinger Ameisgasse ist die Lenya. Das Wienerische hätte ihr die Musik ins Blut geimpft, sagt sie auf Nachfrage gern. „Wenn ich mich nach dir sehne“, schreibt Weill einmal, „so denke ich am meisten an den Klang deiner Stimme, den ich wie eine Naturkraft, wie ein Element liebe. In diesem Klang bist Du für mich ganz enthalten, alles andere ist nur ein Teil von dir, und wenn ich mich in Deine Stimme einhülle, bist Du ganz bei mir.“ Den Briefwechsel der beiden haben Fischer und Schäfer als O-Ton-Grundlage für ihre Stückdialoge verwendet.

Im New Yorker Exil: Tonio Arango als Kurt Weill mit Sona MacDonald. Bild: Moritz Schell

Man erfährt, er wollte nicht mehr sein als ihr „Lustknabe“, und: Er nennt sie seine „Mistblume“. Was die beiden auch verbindet, ist ihr Hang zu sarkastischem Humor. Zwei Menschen, einer des anderen Schicksal, zwei Mal miteinander verheiratet, trotz unzähliger Seitensprünge eine ewige Treue – und als er stirbt, stürzt sie ins Bodenlose. In diesem Moment gibt MacDonald alles, gibt sich hin und verausgabt sich.

Am Ende merkt man, sie braucht, um aus dieser intensiven Performance zu sich zu kommen. Da steht sie, Tränen glitzern in den Augen, das Makeup ist verschmiert – und wie schön ist sie so. Das Publikum hatte noch lange nicht vor, nach Hause zu gehen. Wie sich am Applaus zeigte. Grad, dass man sich’s verkniff, „Zugabe“ zu rufen …

Video: www.youtube.com/watch?v=NRzIOcGTtT0

www.josefstadt.org

Wien, 31. 3. 2017

Volkstheater: Klein Zaches – Operation Zinnober

Februar 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

E.T.A. Hoffmanns Politparabel als Gute-Laune-Grusical

Ein großartiger Klein Zaches: Gábor Biedermann, privat 1,87 Meter, spielt auf der Bühne den Zwerg. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Im Jahr 1819 schrieb E.T.A. Hoffmann sein Kunstmärchen vom Klein Zaches. Darin erklimmt ein körperlich wie geistig Verwachsener die Karriereleiter in einem Kleinstaat, indem er anderer Leistungen schlichtweg annektiert. Sein Erfolgsrezept lautet Frechheit, Fake und alternative Fakten. Je höher er steigt, desto mehr wird er brachialer Machtmensch, jede Pose eine Bedrohung, und doch von den abgesägten Honoratioren heftig beklatscht.

Die die Politiker mit Blindheit schlug, ist die Fee Rosabelverde. Sie und ihresgleichen wurden vom Großfürst nämlich aus dem Reich gejagt; der Herrscher setzt neuerdings auf abendländische Aufklärung statt auf das Wirken der Wesen aus dem von bösen Dschinns zerstörten Dschinnistan. Das Asylrecht gilt nicht mehr; Rosabelverde sinnt auf Rache – und platziert im Staat einen Schläfer. In zwanzig Jahren solle er wie eine Bombe platzen, dieser Klein Zaches, dem sie rote Zauberhaare gibt und ihn Zinnober nennt. Der Trug gelingt, nun hält ihn jeder für schön und klug …

Entsprungen ist diese pechschwarze Fantasie aus Hoffmanns Abscheu der Restauration, Spekulationen über Vorbilder für die Figuren gibt’s seit der Entstehungszeit. Erschreckend ist die Aktualität der Erzählung; auch heute findet man Ähnlichkeit mit lebenden Volksverdrehern und deren untoten Parolen, es existieren genug, die nur Zinnober reden. Fürs Volkstheater hat nun also der ungarische Autor Péter Kárpáti aus der literarischen Vorlage ein Theaterstück gemacht, auf Vorschlag von Landsmann Victor Bodo, der „Klein Zaches – Operation Zinnober“ zur Uraufführung brachte. Eine Idee, die so logisch wie reizvoll wie gefährlich war, zumal von zwei Theatermachern, die aus dem Orbán-System kommen. Doch siehe da: Wunder finden statt.

Die Staatsspitze wird im Waschzuber weichgekocht: Gábor Biedermann, Thomas Frank, Jan Thümer und Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein Volk auf Talfahrt: Anja Herden, Christoph Rothenbuchner, Evi Kehrstephan, Stefan Suske, Claudia Sabitzer und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Kárpáti und Bodo haben auf Zeigefinger wie Zaunpfahl verzichtet, nur einmal gibt es Elendsgestalten hinter Maschendraht; sie brauchen keine plumpen Annäherungsversuche ans Heute, um ihren Abend ebenda zu verorten. Bodo setzt ganz auf Märchen, seine Inszenierung ist ein Gute-Laune-Grusical, bitter, böse, provokant. Alles dreht sich, alles bewegt sich in diesem Kuriositätenkabinett, Kleider qualmen vor Wut, Köpfe rauchen unter der „Durchleuchtung Typ F“-Folter. Menschen werden zu Ratten und als solche erschlagen. Dazu gibt’s Live-Musik unter der Leitung von Klaus von Heydenaber und Live-Kamera von Pablo Leiva.

Hoffmann wird nicht durchdekliniert, Bodo hat lieber frei assoziativ gearbeitet, da kann man schon einmal den Überblick verlieren, da hört man ab und an im Publikum einen Geduldsfaden reißen, wenn sich auf der Bühne der narrative verliert. Kurz, die Aufführung dient der Aufklärung nicht, macht aber Spaß. Bodo hat in der Minute mehr Einfälle, als andere in einem ganzen Regieleben, und das aufgekratzt agierende Ensemble setzt sich in seinen vor Absurditäten strotzenden Albtraumbilder astrein in Szene.

Die Arbeit, die es hier leistet, ist Körperarbeit. Es wird geturnt, getanzt, gefochten, das alles auch in Zeitlupe – und in einem der schönsten Momente sogar die Schwerkraft ausgetrickst. Dazu gilt es das Bühnenmobiliar von Lörinc Boros zu bewegen, Auto, Waschzuber, Gewächshaus, selbst die Wände, ein Darsteller macht den hoppelnden Hasen, ein anderer mit drei Palmwedeln den Wald. Es ist der große Reiz dieser Inszenierung, dass das Publikum das Entstehen des Theaterzaubers wie ein Working in Progress mitverfolgen kann. Die Kamera zoomt noch den kleinsten Schweißtropfen, Stirnrunzeln, ein Verziehen der Mundwinkel, ein angstvoller Seitenblick, hingeworfen auf die Leinwand, dazu „Special Effects“, etwa, wenn bewusstseinsverändernde Substanzen eingenommen und Gesichter rot und blau werden. Ein Höhepunkt des Abends ist ein Zauberduell, als wären Merlin und Mim neuerdings in der „Matrix“.

Ihr Name war nicht Olympia: Aus Candida wird eine gespenstische Maschinenbraut für Zinnober – Evi Kehrstephan und Gábor Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der geheimnisvolle Egon mit den Studenten Balthasar und Fabian: Günter Franzmeier mit Hirschkopf, Christoph Rothenbuchner und Luka Vlatkovic. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gábor Biedermann gibt den Zaches/Zinnober. Der 1,87-Meter-Mann verzwergt sich allein durch Mimik und Gestik, das ist große Kunst, wie er aus dem unflätigen Unhold einen ordinären Aufsteiger macht, die Schläge, die er bisher fürchtete nun selber austeilend. Das Triumvirat aus Staatssekretärin (Claudia Sabitzer), Minister (Thomas Frank) und Großfürst (Jan Thümer) ist rasch aufgerollt, einen Widerpart immerhin findet Zinnober im Studenten Balthasar, den Christoph Rothenbuchner als sich ständig selbst über den Haufen werfenden, verzweifelt Liebenden spielt. Das Objekt – im Wortsinn – seiner Hingabe ist Candida, die von ihrem Vater in einen Automaten verwandelt wurde. Evi Kehrstephan spielt mit weißen Horroraugen die Gespensterbaut, Stefan Suske den zwielichtigen Wissenschaftler. Spuk verbreitet auch Anja Herden als Fee Rosabelverde, die Menschen meist von der Leinwand aus überwachend, eine übergroße Big Mother – zum Fürchten, wenn sie Gift und Galle speit. Luka Vlatkovic spielt Balthasars Gefährten Fabian.

Und dann ist da noch Günter Franzmeier als Egon. Angetan wie ein postkommunistischer Hausmeister schlurft er über die Bühne, und doch ist klar, dass er ein Geheimnis birgt. Er kann nämlich nicht nur E-Gitarre spielen, wie schön, dass man den Franzmeier endlich wieder einmal lässt!, sondern auch die Erde kippen. Und Offenbach singen. Am Ende gibt’s einen Attentatsversuch mit Schere und viel Applaus für Schauspieler und Leading Team; ein Extradank ging an die Bühnenarbeiter, die hier Enormes leisten.

www.volkstheater.at

Wien, 13. 2. 2017