Ein Ärzteroman-Lesemarathon aus den Homeoffices

April 16, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTINGER

Kabarettisten fordern „Noch eine Chance für Bettina“

Bild: © Ronny Tekal

Nach der virtuellen Lesung von Albert Camus‘ „Die Pest“ mit den Rabenhof-Allstars (siehe: www.mottingers-meinung.at/?p=39026) folgt nun ein weiterer Klassiker der Weltliteratur – der im Jahr 1970 im Bastei-Lübbe-Verlag erschienen ist. Für all jene, denen Camus zu schwer und die Pest zu schwarz ist, stellt Autorin Gitta von Bergen ihre Protagonistin Bettina ins Zentrum ihres kleinen Romans voll Liebe, Schmerz und – vielleicht– auch einem Happy End. Ronny Tekal und Norbert Peter aka die Medizinkabarettisten Peter&Tekal haben befreundete Kolleginnen und Kollegen zum Vortrag gebeten, und das Line-up der Mitwirkenden kann sich sehen lassen.

Mit dabei sind: Lukas Resetarits, Mike Supancic, Paul Pizzera, Klaus Eckel, Stefan Jürgens, Joesi Prokopetz, Ludwig Müller, Nadja Maleh, Fifi Pissecker, Angelika Niedetzky, Pepi Hopf, Günther Lainer, Werner Brix, Fredi Jirkal, Gerold Rudle, Monica Weinzettl, Sabine Petzl, Tini Kainrath, Omar Sarsam, Dieter Chmelar, Birgit und Nicole Radeschnig, Gerald Fleischhacker, Robert Blöchl von Blözinger, die Gebrüder Moped Martin Strecha und Franz Stanzl, Kernölamazone Caro Athanasiadis, Tricky Niki

Sedlak, Markus Hauptmann, Andy Woerz, Harry Lucas, Clinic-Clown-Gründer Roman Szeliga, Robert Mohor, Markus Richter, Uschi Nocchieri, Patricia Simpson, Norbert Peter, Ronny Tekal und Frau Kratochwill, Lydia Prenner-Kasper, Christoph Fälbl, Anja Kaller, Alex Kröll, Martin Kosch, Stefan Haider, Alexander Sedivy, Barbara Balldini und Guido Tartarotti.

Bild: © Ronny Tekal

Bild: © Ronny Tekal

Zu hören kostenlos ab 17. April, 17 Uhr. Dass sich ein gewisser Humor aus der Schere zwischen vortragender Ernsthaftigkeit und Inhalt ergibt, liegt in der Natur der Sache Groschenroman. Die Einblicke, die ein erster Trailer bietet, sind jedenfalls Weltklasse.

Trailer: youtu.be/6_Wo7STW8bg          Mehr Infos: www.facebook.com/petertekal               www.medizinkabarett.at

16. 4. 2020

Der Rabenhof auf fm4 – Lesemarathon: Albert Camus‘ „Die Pest“ ab Karfreitag als Videostream

April 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

120 Stimmen in zehn Stunden

Bild: pixabay.com

„Ein monumentales Projekt in Tagen des Ausnahme- zustands“ plant der Rabenhof am Karfreitag ab 12 Uhr
auf fm4.orf.at: „Die Pest“ des französischen Nobelpreis- trägers Albert Camus als Videostream, als Marathonlesung von 120 Stimmen in zehn Stunden. Nach einer Idee von Claus Philipp und Thomas Gratzer sind unter anderem zu sehen und zu hören:

Elfriede Jelinek, Martin Kušej, Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Klaus Maria Brandauer, Andrea Breth, Karl Markovics, Michael Heltau, Branko Samarowski, Peter Simonischek, Erwin Steinhauer, Josef Hader, Cornelius Obonya, Wolfgang Ambros, EsRAP, Martin Grubinger, Heinz Fischer, Christoph Schönborn, Herbert Föttinger, Dirk Stermann und Christoph Grissemann, Daniel Kehlmann, Michael Köhlmeier, Stefanie Sargnagel, David Schalko, Clemens J. Setz, Ruth Beckermann, Arik Brauer, Ruth Brauer-Kvam, Adele Neuhauser, Robert Palfrader, Willi Resetarits, Sophie Rois, Manuel Rubey, Robert Stachel und Peter Hörmannseder, Werner Gruber, Gerhard Haderer, Christoph Krutzler, Paulus Manker, Ernst Molden, Katharina Strasser, Ursula Strauss, Oliver Welter und Armin Wolf. „Die Pest“-Marathonlesung wird einen Monat lang abrufbar sein.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

1947 verfasst, schildert Camus den Verlauf der Pest in der algerischen Küstenstadt Oran aus Sicht seines Protagonisten Dr. Bernard Rieux, der sich jedoch erst am Ende des Romans als „Verfasser der Chronik“ zu erkennen gibt. Die Geschichte beginnt im Jahre „194…“. Einige tote Ratten und ein paar harmlose Fälle einer unbekannten Krankheit sind die Anfänge einer schrecklichen Epidemie, die die Stadt in den Ausnahmezustand bringt, die Bewohner von der Außenwelt abschottet und unter ihnen mehrere tausend Todesopfer fordert. Die Pest bedroht das Menschssein der Bevölkerung und wird so zum gemeinsamen Gegner. Jeder nimmt den schier ausweglosen Kampf gegen den Schwarzen Tod auf seine Weise in Angriff.

Rieux ringt als Arzt gleich einem Sisyphos mit der Krankheit und gerät darüber in Disput mit Pater Paneloux, der die Pest als Strafe Gottes deutet. Camus entwickelt dies alles als politische Allegorie, als existenzialistische Parabel. Er seziert hellsichtig das menschliche Handeln im Angesicht der Katastrophe und zeichnet dabei ein erstaunlich vergleichbares Bild der derzeitigen, einer „neuen Normalität“. Das Absurde bleibt dabei sein steter Begleiter. Unschuldige Kinder sterben genauso wie Menschen, die es „verdient hätten“, obwohl sich insgesamt das Prinzip erkennen lässt, dass die Pest bevorzugt solche ohne Solidarität tötet …

Nikolaus Habjan mit Berti Blockwardt. Bild: Screenshot/w24-Rabenhof Theater/Abgesagt?-Angesagt!

Auf www.w24.at zeigt das Rabenhof-TV-Studio unter dem Titel „Abgesagt? Angesagt!“ und moderiert von Manuel Rubey eine Auswahl aktuell gecancelter Produktionen – als Appetizer auf die Acts, sobald Performer und Publikum wieder live zusammen- kommen können. Die jüngste Folge mit unter anderem Nikolaus Habjans „Berti Blockwardt“, Marius Zernatto als „#Werther“ (mehr zu diesem großartigen Goethe-Konzept: www.mottingers-meinung.at/?p=24657), Poetry-Slammerin Yasmo und – abgesagt bei der Biennale, angesagt in Erdberg – Doris Uhlich mit dem „Pudertanz“: www.w24.at/Sendungen-A-Z/Abgesagt-Angesagt/Alle-Folgen?video=17879

www.rabenhoftheater.com           fm4.orf.at           www.w24.at

7. 4. 2020

Werk X: Dunkel lockende Welt

Oktober 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Creepy Zirkus um einen kleinen Zeh

Als wär‘ die dunkel lockende eine unter der realen liegende, ins Irreale verzerrte Welt: Constanze Passin als Kieferchirurgin Corinna Schneider. Bild: © Matthias Heschl

Pianola, Salonflügel, Akkordeon. Wojo van Brouwer tastet sich an die Tasteninstrumente heran, rangiert und arrangiert sie auf der Spielfläche, positioniert sich erst als Klavier- falschspieler, bevor er zur Quetschkasten-Kakophonie übergeht. Das Gesicht gekalkt, die Lippen blutrot, um die Augen einen Hauch Blau, heißt so viel wie – Manege frei für die Händl-Klaus-Clowns! Diese allerdings sind nicht die von der heiteren, sondern von der horriblen Sorte, also: mehr Pennywise als Pierrot.

Nurkan Erpulat hat im Werk X die „Dunkel lockende Welt“ des Tiroler Dramatikers inszeniert, und der Zirkus, der im Text um einen kleinen Zeh gemacht wird, ist bei ihm definitiv creepy. Changiert das Stück, 2006 von Theater heute zu dem des Jahres gewählt, zwischen bestialischer Lakonie und banaler Abgründigkeit, so trifft der Regisseur diesen Ton genau. Das Stafettenspiel dreier Zweierbegegnungen gerät ihm großartig – monströs, morbid, makaber. Erpulat entwickelt die kuriose Komödie zur Krimigroteske, formt aus den Händl-Klaus’schen Charakteren Kunstfiguren, scheut weder Kaugummi-Slapstick noch Plattitüden-Smalltalk.

Im gleichen Geiste erkunden die Darsteller Constanze Passin, Wiltrud Schreiner und Woja van Brouwer die Grenzen zum Outrieren, genussvoll loten sie die Untiefen ihrer Rollen aus, Passin als fahrige Kieferchirurgin Corinna Schneider, die ihren ersten Auftritt als saubermach‘-süchtige Bodenturnerin absolviert; van Brouwer als schrecklich schrulliger Vermieter Joachim Hufschmied, der jederfrau Mutters abgetragene Garderobe aufzwingen will, diese tot und eingeäschert, die Urne irgendwo in den Kartons mit dem guten Porzellan, gegen die er so gern tritt; Wiltrud Schreiner als Corinnas Mutter Mechtild, eine ans Anpacken gewöhnte Biologin, deren Stärke nicht das aktive Zuhören ist.

Es erklingt Kakophonie auf dem Akkordeon: Wojo van Brouwer als Vermieter Joachim Hufschmied. Bild: © Matthias Heschl

Ein sehr großes Gerüst für nur einen kleinen Zeh: Constanze Passin. Bild: © Matthias Heschl

Suada über Photosynthese: Wiltrud Schreiner als Mutter Mechtild mit Constanze Passin. Bild: © Matthias Heschl

Späte Erkenntnis über ein Kennen von früher: Wiltrud Schreiner und Wojo van Brouwer. Bild: © Matthias Heschl

Unfassbares könnte passiert sein. Corinna, vorgeblich auf dem Weg in den peruanischen Dschungel, um dort „Hasenscharten auszumerzen“, will ihre Leipziger Wohnung Herrn Hufschmied übergeben, doch findet der in einer Ecke einen abgehackten kleinen Zeh, eindeutig menschlich, sie sagt von Anatomiestudien, aber – Fingerzeig: Freund Marcel ist schon die Wildnis vorausgeflogen. Das an sich schon schräge Gespräch mit dem Hausherrn wird für die Putzteufelin zum Spießrutenlauf durch immer abstrusere Ausreden. Man findet sie, tatsächlich job- wie obdachlos, bei Mutter in München wieder, die sie beauftragt, vom südlichen in den östlichen Freistaat zu reisen, um „einen Gegenstand“ zu holen.

Eintreffen Mechtilds bei Joachim, die beide zu spät erkennen, dass man einander von früher kennt. Noch ein schauriges Geheimnis, und weil das Ganze eben vom Händl Klaus ist, kommt am Ende natürlich ein Kater vor. Carlos, der dem Konflikt-Zeh kotzend den Garaus macht. Diesen hat Turgut Kocaman in gigantischen Ausmaßen designt, ein riesiges, schwarzweißes Kunstwerk, das auf zwei übermannsgroße Gerüste montiert ist, auf denen – siehe Szene drei – ein Koitus zur Schwerstarbeit wird. Die Bühne hat Ausstatter Renato Uz mit glänzender Folie ausgeschlagen, in der sich die allesamt weiß gewandten Schauspieler wiederspiegeln, als wär‘ die dunkel lockende eine unter der realen liegende, ins Irreale verzerrte Welt. Van Brouwers Vermieter trägt selbstverständlich auch Tania Blixens Buch unter den Arm geklemmt.

Für jede Episode hat Erpulat einen eigenen Dialogstil, anderes Temperament, anderes Tempo vorgegeben. Zwischen Corinna und Joachim ergießen sich Inhalte Über-Leben, er schwadroniert sich ins Elegische, sie antwortet gedrängt, und keine Übereinkunft nirgendwo, spricht sie von entzündetem Zahnfleisch, dann er von seiner ebensolchen Seele. Im spektralfarbenen Prismaschatten antwortet Corinna ihrer Mutter in Stakkato-Halbsätzen. Die monologisierende Mechtild ist nämlich kaum zu unterbrechen, für ihre akademische Suada über Photosynthese bekommt Wiltrud Schreiner sogar Szenenapplaus, alldieweil Frau Dr. im Vortragmodus die verzweifelten Hilferufe ihrer heimgeflüchteten Tochter geflissentlich ignoriert.

Morbid, makaber, alkoholisiert: Wojo van Brouwers Joachim und Constanze Passins Corinna geben sich per Hochprozentigem die Kante. Bild: © Matthias Heschl

„Dunkel lockende Welt“ ist ein fabelhaftes Totsein- oder Taubstellen-Stück, ein Text über die Abwesenheit von Geborgenheit, übers Fehlen von Gefühlen, diese zwei verwandten Wesen, deren Darbietung nicht als Kraft-, sondern Luftakrobatik – samt Lügennetz unterm Trapez – vonstatten geht. Die Artisten-Akteure turnen ohne Punkt und Komma von Satz zu Satz, Sätzen, in denen ein Bonmot das andere ergibt, wo man einander nach dem Mund redet, sich ins Wort fällt, ergänzt und unterbricht.

Hinter laut ausgesprochenen Unwahrheiten lauert die unausgesprochene Wahrheit, und diese ist zumindest für die Zuschauer nur schlecht versteckt. Händl Klaus und Nurkan Erpulat hantieren Wiederholungen wie drollige Requisiten. Die ständig aufs Neue malträtierten Klaviertasten. Das Abwarten und Alkoholtrinken. Die von Joachim als absonderlichen Schatz angebotene Altkleidersammlung seiner Mutter, ein Stoffhaufen von dem Mechtild knapp vor Sex kippt, was die Schreiner mittendrin zum Lachen bringt. Erpulat zieht Händl Klaus‘ durchdrehende Sprechschraube bis zum Anschlag an. Herrlich ist es, wie sich Wiltrud Schreiner und Wojo van Brouwer in der Schlussszene in die Höhe lizitieren. Allein ihr Exkurs über finnische Wintergräber, sie werden solange die Erde weich ist prophylaktisch ausgehoben, um Verstorbene später im hartgefrorenen Boden beerdigen zu können, ist den Besuch dieses Theaterabends wert.

„Ich schöpfe aus der Lücke“, sagt Joachim, und „Soll ich die Luke öffnen?“, wird Mechtild aufs improvisierte Kleiderlager gebettet rückfragen. Ringsum Schutt und Mutters Asche und ein bestens amüsiertes Publikum. Das mit viel Jubel und Applaus diesen skurrilen Schwank ums Sein oder Nichtsein und Nichtmehrsein bedankte.

werk-x.at

  1. 10. 2019

Akademietheater: In Ewigkeit Ameisen

April 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Apokalypse Blau

Die Ameisen fallen über Professor Schneling-Göbelitz und seinen Assistenten Müller her: Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Soundkulisse stammt von den Voyager Golden Records. Da grüßt die Menschheit in 55 Sprachen etwaige Außer- irdische als könne sie kein Wässerchen trüben. Im Programmheft sind die Bilder und Geräusche aufgelistet, die 1977 als Botschaften auf Datenplatten ins All befördert wurden, und das ist anrührend zu lesen, diese Vielfalt der Erde, bedroht durch die Hybris einer ihrer Bewohner. Einer Spezies, die sich, wo sie hin- und was sie angreift, durch die Zerstörung des Planeten und damit ihrer selbst hervortut.

Ein „Fridays for Future“-Foto stellt sich diesem Tun symbolisch entgegen. So weit also die Folie, mit der Jan Bosse seine Inszenierung von Wolfram Lotz‘ „In Ewigkeit Ameisen“ am Akademietheater unterlegt hat. Das Stück zu dieser Uraufführung hat sich der Regisseur gemeinsam mit Dramaturgin Gabriella Bußacker zusammengezimmert, indem er Lotz‘ zehn Jahre alte Hörspiele „In Ewigkeit Ameisen“ und „Das Ende von Iflingen“ ineinander verschränkt. Das macht Sinn, geht es doch in beiden um nichts weniger als den Untergang von allem, und Bosse übersetzt Lotz‘ skurrile Endzeitstimmung in eine drollige, beinah kindlich-märchenhafte Katastrophenkomik. „In Ewigkeit Ameisen“ ist Nonsens mit erhöhtem Monthy-Python-Faktor, sowohl schreiberisch als auch szenisch, eine Dystopie mit Pointe, die Lotz‘ dramatischem Ideal vom „unmöglichen Theater“ den Weg weist.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Christiane von Poelnitz und Katharina Lorenz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auftreten erst Erzengel Michael und Hilfsengel Ludwig, um „Das Ende von Iflingen“ in Angriff zu nehmen, heißt: die Dorfbewohner zwecks Jüngstem Gericht per flammendem Schwert zu richten. Die Akte zum göttlichen Plan haben sie im Heftordner mit dabei, allein, die Häuser sind leer, die Iflinger nirgends zu finden. Alldieweil, die Szenen alternieren und werden zum Schluss parallel über die Bühne gehen, sucht der Formicidaeforscher Professor Schneling-Göbelitz, der sich, da im Rollstuhl sitzend, von seinem Assistenten Müller durch den Dschungel karren lässt, nach der bis dato unentdeckten blauen Ameise.

Durch deren Aufspüren will er sich zumindest akademische Unsterblichkeit sichern, raffen doch die Folgen eines globalen Atomkriegs gerade alles Leben dahin. Ein paar Stunden noch, verlautbart das Kofferradio, dann ist’s aus und vorbei. Apokalypse Blau. Und tatsächlich sieht das Setting von Stéphane Laimé nach einem Tag ohne Morgen aus. Ein leerer Raum, es ist duster, grauschattierte Schaumstofffliesen kacheln die Wände und geben überraschend immer wieder das eine oder andere Schlupfloch frei, die Darsteller schweben von der Decke herab oder erscheinen aus der Versenkung – das ist alles. Und großartig ist es, wie diese Aufführung beweist, dass es für einen außergewöhnlichen Abend nicht mehr braucht, als die überbordende Fantasie eines Regisseurs und eine Handvoll fabelhafter Schauspieler.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Katharina Lorenz und Christiane von Poelnitz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die in diesem Fall Christiane von Poelnitz, Katharina Lorenz, Peter Knaack und Klaus Brömmelmeier heißen, die, von Kostümbildnerin Kathrin Plath in Blaumänner oder DDR-blaue Trainingshosen gekleidet, jeweils in jeder Rolle agieren, und Aenne Schwarz, die als diverse Tierwesen, vom empörten, weil beim Laubwühlen unterbrochenen Igel bis zum schlachtungswilligen Schwein, ihren Sinn fürs Absurde demonstriert. Extrafein gelungen ist ihr der melancholische Mauersegler, für den sie nur den Kopf durch die Softplatten steckt, während ein Toneffekt simuliert, der Vogel flöge pfeilschnell über das Publikum hinweg. Sein Wunsch: Die Engel mögen das nach Fäulnis stinkende Ding da unten, die Welt, endlich wegräumen, damit das Elend ein Ende hat. Und während erst von Poelnitz und Lorenz als Überirdische an und in den Seilen hängen, ackern sich Knaack und Brömmelmeier als Professor Schneling-Göbelitz und Müller durchs irdische Unheil.

Wie im Himmel so auf Erden, die Dopplung ist deutlich, hie ist man unterwegs im Auftrag des Herrn, da hat ein Herr einen Auftrag. Hie ein regeltreuer, durchaus blutrünstiger Routinier und sein zartbesaiteter Tollpatsch von Azubi, da ein egomanischer Wissenschaftler und sein ängstlich bemühter Mitarbeiter, Zyniker treffen auf Schwärmer, und derart sind die ungeduldigen Chefs der Überzeugung, dass bei ihren im Wortsinn Nacht-und-Nebel-Aktionen nichts gelingt, eben wegen der Kraftlosigkeit ihrer unfähigen Hilfskräfte. So entstehen wunderbar witzige Momente. Mit Christiane von Poelnitz als martialischem Erzengel Michael und despotischem Schneling-Göbelitz. Mit Katharina Lorenz und Klaus Brömmelmeier, die als Müller die leise Poesie des Texts, als Ludwig die Schlotterknie für sich gepachtet haben. Mit Peter Knaack als kauzigem Gelehrten, später als Michael, der, so dass einem das Lachen im Hals fast steckenbleibt, dem begriffsstutzigen Ludwig Gottes verquere Logik zum Thema Sünde und die Willkür Seiner Schöpfung erklärt. Aenne Schwarz ist sowieso das Highlight des Abends.

Aenne Schwarz als Igel … Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

… und als Mauersegler. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bosse erschafft ästhetisch abstrakte Bilder. Etwa, wenn er den Professor und den bis zur Erschöpfung schiebenden Müller auf ein sich anhebendes Laufband stellt, um einen Berg vorzugaukeln. Oder, wenn aus dem Nichts eine beleuchtete Telefonzelle auftaucht, weil Müller doch so dringend seine Frau anrufen möchte. Schließlich wird der Mensch zur Ameise, der Staat fällt über Schneling-Göbelitz her. Da ist’s aus mit dem possierlichen Possenspiel und die grausame Groteske hat das Schlusswort. Ludwig malträtiert seine Posaune, die Iflinger werden schließlich gefunden, in der Kirche, aber in welchem Zustand!, das Publikum, das ausgiebig gelacht hat, ist nun bereit ebenso zu applaudieren.

Mutmaßlich nicht in Wolfram Lotz‘ Sinne wäre es, „In Ewigkeit Ameisen“ mit Bedeutung zu überfrachten, aber dass der Autor damit sein Statement zum Ist-Zustand von Gott und der Welt abgegeben hat, wird man wohl annehmen dürfen. In seiner Golden-Record-Grußbotschaft an die Sternenwesen sagte Jimmy Carter, damals US-Präsident: „Wir versuchen, unser Zeitalter zu überleben, um so bis in Eure Zeit hinein leben zu dürfen.“

www.burgtheater.at

  1. 4. 2019

Theater zum Fürchten: Troilus und Cressida

Januar 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Soldateska aufs Korn genommen

Die Griechen bedrängen Cressida: Jürgen Hirsch als Achilles, Max Kolodej als Patroklus, Samantha Steppan als Cressida, Alexander Rossi als Ulysses, Max Spielmann als Ajax und Christoph Prückner als Nestor. Bild: Bettina Frenzel

Dass Bruno Max‘ Shakespeare-Inszenierung zu den besten gehören, braucht eigentlich nicht extra erwähnt zu werden. Seit Donnerstag zeigt der Prinzipal des Theaters zum Fürchten an dessen Wiener Spielstätte, der Scala, vom britischen Barden „Troilus und Cressida“. Ein selten gespieltes, weil schwieriges Stück, nicht Heldendrama, nicht Liebestragödie, nicht Komödie, mit dem sich schon Regisseure von Stefan Bachmann bis Luk Perceval ziemlich vergeblich abgemüht haben.

Nun also Bruno Max, der sich dem Fünfakter in wohlaustarierter Balance von bitterböser Satire, Sentiment, Schlachtenszenen und Schelmentum nähert. Er nimmt die von Shakespeare beschriebene Soldateska aufs Korn, und macht aus ihnen, weil ohnedies pausenlos geballert wird, gleich komplett Schießbudenfiguren. Jedoch nicht ohne auf den Verweis zu vergessen, wie gefährlich diese Meute, wenn erst losgelassen, sein wird. Der Schauplatz ist Troja, das Jahr das siebente im Stillstand dieses Krieges, und in der Scala dörrt die Sonne Libyens die Armeen mittels Drehbühne zwischen umkämpften Häuserruinen und ödem Schlachtfeld, in Schützengräben und Frontstellungen aus. Nichts könnte heutiger sein, als dies: Ein despotischer Familienclan herrscht über eine kleinasiatische Nation, eine Allianz aus 69 selbsternannten Weltgendarmen, hat sich aufgemacht, dem ein Ende zu setzen.

Der offizielle Anlass ist, dem Hahnrei seine Hure zurückzuerobern, dafür wird doch gern gestorben!, und mittendrin lieben sich Troilus und Cressida. Zumindest anfangs. Zum grausame Gegenwart atmenden Bühnenbild von Marcus Ganser gesellt Alexandra Fitzinger die passenden Kostüme, Tarnanzüge und traditionell muslimische Gewänder. Sechzehn Schauspieler gestalten Shakespeares üppiges Personal, die meisten davon in je einer Rolle auf je einer Seite, womit Bruno Max die Austauschbarkeit der Kontrahenten auf gelungene Art ausstellt. Zur opulenten Optik passt ebensolche Akustik, los geht’s mit Gefechtslärm und Geschützdonner und Tom Jones, der unterm rotleuchtenden Plastikherz „It’s Not Unusual“ singt.

Achilles stellt Hector während einer Kampfpause: András Sosko und Jürgen Hirsch. Bild: Bettina Frenzel

Thersites verspottet Achilles und Patroklus: Leonhard Srajer, Max Kolodej und Jürgen Hirsch. Bild: Bettina Frenzel

Da will Onkel Pandarus seine Nichte Cressida, sie die Tochter des Calchas, noch dem trojanischen Königssohn Troilus andrehen, eine Kuppelei, die gelingt, bis der zum Feind übergelaufene Priester bei einem Gefangenenaustausch verlangt, sein Kind ins Griechenlager zu bringen. Dort wird die bis dahin Tugendhafte auf Ulysses‘ Wink reihrund „geküsst“, eine „Untreue“, die der Listenreiche dem Troilus nicht vorenthält, als sich dieser zwecks Zweikampf zwischen Hector und Ajax unter den attischen Kampfmaschinen aufhält. Das Ende ist desaströs, Ehre, Vernunft und Anstand haben ihre Daseinsberechtigung eingebüßt, Liebe ist zur Illusion verkommen, ein sinnloser Krieg geht weiter, die Hurrapatrioten haben weiterhin das Sagen, und Shakespeare lässt seinem Publikum nicht einen Sympathieträger. Nirgendwo.

Den Troilus spielt Thomas Marchart als schon durch die Körpersprache dem Willen seiner im Wortsinn größeren Brüder ausgelieferten Verlierer. Wie er sich dauernd tätscheln lassen muss, versucht ein ganzer Mann zu sein, und doch nur als Schürzenkind wahrgenommen wird, das ist so berührend und Marchart dabei so präsent, dass, wenn schon jemandem die Zuschauergunst gilt, dann ihm. Gefolgt von András Sosko, der als hünenhafter Hector den einzig aufrechten und anständigen Charakter verkörpert. Sosko ist es auch, der mit Maximilian Spielmann als hinreißend einfältigem Kraftlackel Ajax gewaltige Kampfszenen gestaltet. Georg Kusztrich gibt sowohl den Tattergreis Priamus als auch den so planlosen wie großsprecherischen Agamemnon ganz großartig.

Samantha Steppan wird als Cressida von der Feldsanitäterin zum Lagerflittchen. In ihren Gefühlen unsicher, lässt ihr Bruno Max die darstellerische Möglichkeit offen, sich aus Angst vor dem Schlimmsten ihrem einzigen Beschützer unter den Griechen, Johannes Sautner als auf den eigenen Vorteil bedachter Diomedes, hinzugeben. Steppans Seherin Cassandra ist geistig nicht ganz beisammen, weshalb die Familie die Verrückte auch immer wieder aus dem Verkehr zieht, statt auf ihre Warnungen zu hören. Ein schöner Regieeinfall, dass Cassandra mit einem Stoffpferdchen spielt. Johanna Rehm ist als besorgte Andromache ganz Tragödin, als – vormals Schöne – Helena die sturzbetrunkene, ständig „Sorry!“ oder Liebeslieder in ein Mikrofon stammelnde Peinlichkeit des Hofs. Beide Schauspielerinnen beweisen in der Darstellung dieser so unterschiedlichen Frauenfiguren ihre enorme Wandelbarkeit.

Die – vormals Schöne – Helena singt für Pandarus: Johanna Rehm und Hermann J. Kogler. Bild: Bettina Frenzel

Cassandra hat eine Vision: Georg Kusztrich als Priamus, Samantha Steppan als Cassandra, Leopold Selinger als Aeneas und Leonhard Srajer als Paris. Bild: Bettina Frenzel

Hermann J. Kogler nützt die Prachtrolle des gewieften Schlitzohrs Pandarus für humorige Auftritte, er der mit Wortwitz ausgestattete weise Narr Shakespeares, dem zum Schluss doch der Schmäh ausgeht, und übernimmt auch den Part des Calchas. Jürgen Hirsch ist ganz fabelhaft als erst bauchiger, bierseliger Achilles, dieser eine um große Gesten nie verlegene, ansonsten aber beleidigte Diva. Bevor er rasend vor Wut und mit Irrsinn im Blick Rache für seinen gefallenen Geliebten Patroklus, Max Kolodej zusammen mit Hirsch ein zu Herzen gehendes Liebespaar, fordert.

Alexander Rossi spielt einen intriganten, die anderen gängelnden, an Snackwürstchen kauenden Ulysses, Leopold Seliger den Aeneas als Realpolitiker, Christoph Prückner einen trotteligen Nestor, der definitiv schon bessere Tage gesehen hat, Klaus Schwarz den unfähigen, hinter Bruder Agamemnon herdackelnden Menelaus. Scheinbar mühelos wechselt Leonhard Srajer zwischen dem koksenden Partyprinz Paris und dem, weil beinamputierten, im Rollstuhl sitzenden Zyniker Thersites, er Shakespeares böser Narr, der unzähmbar die ungeschönten Wahrheiten ausspricht. (Nicht nur) vom ihm möchte man im Theater zum Fürchten gern mehr sehen.

Mit „Troilus und Cressida“ ist der längstdienenden freien Theaterkompagnie Österreichs jedenfalls wieder ein großer Wurf gelungen. Ein Abend, der nicht nur vorzüglich unterhält, sondern auch zum Nachdenken darüber anregt, wie eine Welt beschaffen sein müsste, in der Krieg unnötig und Liebe ein Menschenrecht wäre.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 1. 2019