Werk X-Petersplatz streamt: Feed the Troll

April 23, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Radikalfeministische Rückeroberung der Datenwelt

Sonja Kreibich, Aline-Sarah Kunisch und Anna-Eva Köck. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

„Tausend Mal addiert, tausend Mal ist nix passiert“, uminterpretieren die Performerinnen Anna-Eva Köck, Sonja Kreibich und Aline-Sarah Kunisch den alten Klaus-Lage-Song. Jahaha, von wegen! „Irgendwo im Schatten zwischen Null und Eins haben wir den Fokus verloren“, mag sich Regisseurin Klara Rabl eingestehen. Was kein Wunder wäre, wurde doch die Premiere von „Feed the Troll“ Kulturlockdown-bedingt gleich zweimal verschoben.

[Von Mai 2020 auf April 2021, bis das Projekt mit der gestrigen Premiere zum One-Shot-Bühnenfilm wurde. Vom Verein für gewagte Bühnenformen in Kooperation mit WERK X-Petersplatz, nunmehr koproduziert und uraufgeführt von Okto TV – und in der Oktothek sowie auf der Werk-X-Webseite werk-x.at kostenlos zu streamen.]

Was also kein Wunder wäre, tatsächlich aber das erste satirische Augenwinkern dieser Produktion ist. Den Fokus verloren, das haben die Protagonistinnen wohl auf ihrem Weg vom Theater vor die Kamera, auf ihrer Irrfahrt zwischen Skylla Fake News und Charybdis Filterblase. Dabei wollten die drei doch dastehen wie die Erinnyen des Internets, die Augen rotumrandet vom vielen Bildschirmschauen und als sozusagen Kriegsbemalung. Lang war man im finstren Darknet unterwegs, hatte alle Breit- und Schmalband- und Mobilverbindungen gekappt, um:

Eine cyberfeministische Geheimwaffe zur radikal digitalen (Rück-)eroberung der world wide Datenwelt zu entwickeln, ein hypermediales Kampfstück zur Gründung einer neuen aktionistischen Counter Speech-Bewegung – und was ist daraus geworden? Ein kaleidoskopisches Mäandern durch die Untiefen des Virtuellen Raum und Zeit. Letztere soll zwar bekanntlich alle Stückentwicklungen heilen, aber hier geht’s erst einmal heiß her: „Hat denn niemand meinen Text fürs Programmheft gelesen?“ – „Tschuldigung, Sie hatten sich das sicher spannender vorgestellt …“ – „Keine Textflächen, nichts Chorisches? Das ist kein gutes Stück!“

Zwischen Sarkasmus und Selbstironie schwankt der ans Publikum herangetragene Disput der denkbar Unvorbereiteten, wenn einem Aline-Sarah Kunisch tief in die Augen schaut, wenn pseudo-interaktiv Schrifttafeln abzulesen sind, wenn Sonja Kreibich den Nestroy-Preis in der Kategorie „zweimal fix nicht aufgeführt“ fordert. „Das Internet ist ein breites Thema!“ und „Das ist aber schon performbar!“, beschwichtigt Kunisch. Bis Anna-Eva Köck den überhitzten, überstrapazierten Diskurs mit ihrer Coolness löscht.

Kamerafrau Alexandra Braschel. Bild: © Apollonia T. Bitzan

Aline-Sarah Kunisch als Rudy Stadler. Bild: © A. T. Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Die bedeutsamen Nicknames Hopper/Kreibich, Lava/Kunisch und Meta/Köck haben sich die Darstellerinnen gegeben, in deren wildem Wechsel von cypertheoretischer Prosa und Fehlercode-Poesie ein Chipchen Wahrheit steckt. Nämlich, dass es gelte, die soziodigitalen Machtstrukturen zu verändern, da sich „die alten Hierarchien nicht in Clouds auflösen“ würden – das world wide Sagen haben „reiche, weiße Cis-Männer und Mansplainer“.

„Früher gab es diese Idee unter Feministinnen, den Cyberspace als utopischen Raum zu denken, in dem Gender, Sexualität und Geschlechterrollen gelöscht werden könnten. In der Realität ist er ein Kampfplatz der Geschlechter geworden, in dem der Frauenhass sogar ansteigt“, sagt Kyoungmi Oh von der Seoul National University of Science and Technology (Rezension „Robolove“: www.mottingers-meinung.at/?p=41806)

Und auch dem Kapitalismus geht man spielend leicht auf den Online-Leim. Einen „Wertschöpfungskreislauf ohne Wertschöpfung“ rechnet die süffisante Zynikerin Meta vor: Von Amazon degradiert zur „Userin“ gibst du aus, was allein Jeff Bezos verdient, denn die Fabrikarbeiterinnen in China, die ihre Arbeitskraft in deine Jogging-App stecken, sind nicht mehr als ausgebeutete Internet-Ressourcen.

Von der über jede Timeline erhabenen Ada Lovelace und ihrer Anwendung der „Analytical Engine“ im Jahr 1843 – die Mathematikerin war der erste Programmierer und die Informatikpionierin – geht’s zur „industriellen Revolution“, der ersten ohne echte Machtverschiebung, zur digitalen Zivilisation, in der das eigene Selbst aufhört und das hyperreale Ich anfängt, zur Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace von Perry Barlow anno 1996, die nicht weniger als den digitalen Garten Eden versprochen hatte.

Anna-Eva Köck beherrscht’s Rickrolling – „Never Gonna Give You Up“, und philosophiert wird über vogelfreie Memes und jene Internetunkultur, die die Wikinger zum Sturm aufs Kapitol blasen ließ. Die Schauspielerinnen spielen Tweet und Instagram, ihre kämpferische Ansage an die digitale Niedertracht ist eine irrwitzige Fantasie ohne Schnitt und Aber, in der sich vor der Kamera um Kopf und Kragen geredet wird. Das geht so weit, dass die Webkriegerinnen ihre eigene Agenda gleich mitverarschen und die abgegriffenen Phrasen ihrer cybercriminellen Fight-Club-Regeln bissig runterbeten. Eine Schelmin, die da an Anonymous denkt.

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Highlight des Ganzen ist die Verwandlung von Lava/Kunisch in den Troll „Rudy Stadler“, der im Standard-Forum sein Unwesen treibt – und jede, die schon mal mit Hate-Speech konfrontiert war, kann bei dieser Persiflage hoffentlich herzhaft lachen. Bei Posts über „die ach so aufgeklärten Emanzen, die mit konstruktiver Kritik nicht umgehen können“, die am „Patriarchat in ihren Köpfen“ leiden, denn: „Ich bin für Gleichberechtigung, glaube aber, dass es wichtigere Themen als das Gendern gibt …“ – Das ist: „Voll die Zumutung!“

Kamerafrau Alexandra Brasche von C’QUENCE bannt das Stück übers Internet fürs Internet auf Film. Das symbolträchtige Bühnenbild aus Jalousien und Müllsäcken, die Grafiken und Projektionen sind von Sophie Tautorus, fürs Musikvideo Apollonia Theresa Bitzan, Laura Stromberger, Nadine Auris Kunisch verantwortlich – Klara Rabl hat ein komplett weibliches Team zusammengestellt, wie sie im Anschluss an den Film im Gespräch mit Werk X-Petersplatz-Leiterin Cornelia Anhaus und Moderatorin Mascha Mölkner schmunzelnd sagt: „Als Beweis, dass wir Frauen uns formieren können.“

Den Abend als abgefilmtes Diskurstheater, als Ab- und Verhandlung übers Internet zu begreifen, greift zu kurz, dazu ist zu viel Spaß an der Sache. Im Gigabyte-Tempo fliegen einem die Kalauer um die Ohren, manches aus diesem Netzjargon/Leetspeak, der Buchstaben und Ziffern scheint’s willkürlich zu Abkürzungen mixt, muss man hernach nachschlagen: 1337 = 2F4U, A/N

Im plotlosen Wortgedränge kulminiert’s, als Hopper/Kreibich ankündigt, ihr wäre der Einsatz der Geheimwaffe bereits geglückt, mittels Generalmobilisierung aller Onlinerinnen hätte sie „die Bot“ entwickelt, die alle männlich-hässlichen Chatbots per permanenter Counter Speech ihrer Argumente beraube. Test, Test … funktioniert! Oder war’s nur ein Fake unter Frauen? Aus Euphorie wird Eskalation. „Und ihr sitzt alle da, als wär‘ überhaupt nichts passiert.“ – „Ja, so ist das im Internet …“ „Feed the Troll“, welch eine 6r0ß4r716 digitale (Selbst)-Inszenierung!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=igi8BaGUzkY

Bis 30. April  ist „Feed The Troll“ als Video-on-Demand auf werk-x.at/premieren/feed-the-troll/ kostenlos verfügbar sowie in der Oktothek zu finden. TV-Wiederholung Film & Gespräch auf Okto am 24. 4. um 21.10 Uhr.

werk-x.at           feedthetroll.at            www.okto.tv           www.okto.tv/de/oktothek/episode/607fe7ed8012a

  1. 4. 2021

Theater zum Fürchten: Wrestling Rita!

Mai 28, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die blauen Flecken sind nicht nur auf der Seele

Ronny Hein, Klara Steinhauser und Tino Führer. Bild: Bettina Frenzel

Der Kampf der Geschlechter: „Schiri“ Ronny Hein mit „Rita“ Klara Steinhauser und Tino „The Rock“ Führer. Bild: Bettina Frenzel

Das Publikum johlt und pfeift und tobt, Schauspieler werden gnadenlos ausgebuht oder frenetisch akklamiert. Zu geht’s wie in der Oper zu Franco-Bonisolli-Zeiten, und es ist ja auch die Scala, die Wiener Scala, in der das Theater zum Fürchten seine Version von Claire Luckhams Bühnenringkampf „Wrestling Rita!“ zeigt.

Regisseur Marcus Ganser – von ihm ist auch die Textfassung und die Raumgestaltung – hat das Stück der britischen Dramatikerin an den Heumarkt verlegt, zumindest ist das Idiom, das die Darsteller anklingen lassen, Extrem-Wienerisch. Doch nicht nur punkto Wortwahl wird sich nicht geschont, auch körperlich geht’s zur Sache, muss das Ensemble doch zehn Runden in einem Wrestlingring durchstehen. Zehn Episoden aus Ritas Leben, in denen an Ankle Locks und Backbreakers nicht gespart wird, während die Zuschauer Popcorn und Brezel mampfen.

Und so ist man mittendrin statt nur dabei, wenn Rita „vom klanen Schwammerl zum unschlogbaren Champion“ wird. Mit ihrem Supergriff, der „Venusfliegenfalle“. Vorher muss sie aber, wie bei jedem guten Sportlerdrama üblich, durch ein Tal der Tränen. Sich der Mutter stellen, die sich einen Sohn wünschte, die Hoppa-Reiter-Spiele des Vaters ertragen, die beste Schulfeindin überleben, und schließlich den Mann ihrer Träume als den erkennen, der er ist, ein depperter Mucki-Macho. Das Leben ist ein Ringkampf, aber selbst angezählt muss man immer wieder aufstehen, das ist die Botschaft des Stücks, und: wo die Sitten rau sind, muss man die Regeln eben aushebeln. Luckham hat nicht nur einen Fun-, sondern einen Feminismustext geschrieben, der in den 38 Jahren seiner Existenz bedauerlicherweise nichts an Aktualität eingebüßt hat, der es einem aber mit seiner Kasperl-schlägt-Krokodil-Attitüde nicht leicht macht.

Der Abend ist zu lustig, um abgründig zu sein, und zu brutal, um wirklich Spaß zu machen. Klar ist die gezeigte Gewalt stückimmanent, aber deswegen mitunter trotzdem schwer auszuhalten, und damit’s einem so richtig heiß-kalt runterläuft, wird zwischendurch als Kontrastprogramm in heiteres Hitparadensingen ausgebrochen. Nach der Pause werden alle ausgeknockt, die Rita vorher zu Boden gedrückt haben. Subtilität ist nicht die Stärke des Stücks, seine Dramaturgie ergo übersichtlich. Irgendwie hätte man sich doch gewünscht, dass Rita aus ihrem Emanzipationscatchen in ein neues Leben aufbricht, aber der Inhalt bleibt beim Ehe-Ringen um die Frage, wer abends das Essen kocht, stecken. Vielleicht war es das, was die working class heroes anno X in Liverpool und Manchester sehen wollten, vielleicht hätte man daran ein wenig schrauben können. Rita hat ja diese Sehnsucht nach Weiterbildung, die sich aber irgendwie im Sandsack verläuft …

Das Ensemble geht nicht bis an seine Grenzen, sondern weit darüber hinaus. Es ist mit vollem Körpereinsatz bei der Sache, die blauen Flecken, die ihre Figuren auf der Seele haben, sieht man bei den Darstellern im Laufe der zweistündigen Aufführung an der einen oder anderen Hautstelle wachsen. Gerhard „Humungus“ Hradil, der sehr stolz auf seine Schützlinge am Ring sitzt, hat mit ihnen eine Erste-Klasse-Kampfchoreografie erarbeitet, die laut Show, Schweiß und Schmerzen schreit. Allen voran brilliert Klara Steinhauser als Rita, die sich mit Schmäh und Charme von der ewigen Verliererin zur Gewinnerin mausert. Ihre erste Gegnerin ist „Mama“ Claudia Marold, eine Rockröhre mit Lockenwicklern, die Bonnie Tyler ernsthaft Konkurrenz in Sachen Stimme und – naja – Sexyness macht. Wie sie mit ihrem Kind umgeht, ist allerdings nicht ohne, und auch wenn es so ist, dass niemand seine Erziehung unversehrt verlässt, das ist schon arg. Die Buhs sind ihr dafür sicher, das Publikum wird quasi in die Position des Referees versetzt, weil der Schiedsrichter, Ronny Hein als ziemlich zynisches Springteuferl, Regelverstöße nur ahndet, wenn er sie sehen will.

Claudia Marold, Klara Steinhauser und Ronny Hein: Bild: Bettina Frenzel

Das ist es, was „Mama“ Claudia Marold unter Erziehung versteht. Bild: Bettina Frenzel

Ronny Hein, Klara Steinhauser und Rochus Millauer. Bild: Bettina Frenzel

„Bad Dad“ Rochus Millauer kämpft mit noch härteren Bandagen. Bild: Bettina Frenzel

Doch bald wird mit noch härteren Bandagen gekämpft, die illegalen Handlungen nehmen zu, wozu „Bad Dad“ Rochus Millauer und die „Platin Sabin“ Teresa Renner heftig beitragen. Die Platin Sabin ist schließlich Edel … stahl. Der Schulpsychologe – wieder Hein – macht Ritas Griff nach den Sternen zu einem ins Klo, und grad als einem der Kindesmissbrauch über den Kopf zu wachsen droht, kommt zum Glück Tino Führer, der in Runde fünf für ein paar Lockerungsübungen sorgt. Als Tino the Rock  spielt er einen Wrestling-King, persifliert sich selbst als Hamburger Einefetza, muss sich natürlich Piefke schimpfen lassen, und verschafft nicht nur Rita, sondern der gesamten weiblichen Hälfte im Saal endlich einen Grund um Jubeln. Er lässt erkennen, was er alles in der Hose hat, von Taschentuch bis Blumenstrauß – ein klassisches technisches Liebes-K.o. Der Schauspieler, der als Othello (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16804) seinen Einstand in Wien gab, zeigt sich diesmal von seiner komödiantischen Seite, und auch die gelingt ihm tadellos. Freilich entpuppt sich der Rock als harter Brocken, an dem nicht alles Gold ist, was glänzt. Was die Atmosphäre in der Arena weiter aufheizt …

Am Ende, als alle „Steig‘ eam ins Lebn“-Rufe verklungen sind, und die Bösen allesamt Prügel bezogen haben, siegt – eh kloar – das Herz. TzF-Prinzipal Bruno Max hatte diese Spielzeit als „Zeit für einen Mut-Ausbruch“ angekündigt und diesen Auftrag hat er in vielerlei Hinsicht erfüllt. Seine Schauspieler haben die Gebärdensprache gelernt (für „Sippschaft“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17385), haben ein sechsmonatiges Akrobatik- und Wrestlingtraining absolviert, haben gesungen und getanzt, zum Nachdenken und zum Spaßhaben animiert, und so eine Saison lang bestens unterhalten. Am Stadttheater Mödling folgt nun noch das Blasmusik-Projekt „Brassed Off“, im August im Bunker „Nacht.Stücke“ nach E.T.A. Hoffmann, dann darf man schon wieder gespannt sein, wie’s im Herbst weitergeht.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 28. 5. 2016

Theater zum Fürchten: Othello

Januar 10, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gegen die gängigen Klischees gespielt

Alexander Rossi, Tino Führer, Roman Binder, Selina Ströbele, Christina Saginth (v.l.n.r.) Bild: Bettina Frenzel

Alexander Rossi, Tino Führer, Roman Binder, Selina Ströbele und Christina Saginth (v.l.n.r.)
Bild: Bettina Frenzel

Bruno Max kann auf seiner Shakespeare-To-Do-Liste ein weiteres Projekt als erfolgreich abgeschlossen abhaken: „Othello“. Das Theater zum Fürchten zeigt die Tragödie des „Mohren von Venedig“ nach dem Stadttheater Mödling nun in seiner Wiener Spielstätte, der Scala. Und wie von Bruno Max und seiner Truppe nicht anders zu erwarten, bricht man mit den gängigen Klischees über den afrikanischen General.

Was über weite Strecken dem Spiel von Tino Führer zuzuschreiben ist, der sich als Glücksfall für die Rolle und das Theater erweist. Der Hamburger Schauspieler ist zwar optisch ein wahrer schwarzer Feldherr, hat es aber dank seiner darstellerischen Kompetenz – und der Max’schen Regie – nicht nötig, „wüst“ oder „wild“ zu sein – was hat man nicht schon alles an zähnefletschenden und augenrollenden mehr oder weniger „edlen Wilden“ gesehen -, sondern er gestaltet einfach und sensibel das Leid eines Liebenden jenseits aller Fragen nach Hautfarbe und Herkunft. Die Klischees und Vorurteile, mit denen die anderen Figuren argumentieren, spielt Führer schlicht nicht. Mit Othellos „Rasse“ haben hier nur die Rassisten ein Problem; er selbst sieht sich nicht als Fremden, bis er immer wieder daraufhin gewiesen wird, dass er einer ist. Dann aber läuft „der Neger“ Amok, was wiederum die vorgefassten Meinungen bestätigt. Ein starkes Statement zur Zeit.

Die Handlung ist ebenfalls in die Gegenwart verlegt. Der Doge, Jörg Stelling, beruft seine Mannen in eine computergesteuerte Kommandozentrale ein, einen War Room, auf dessen Monitoren die Warnung DefCon 3 blinkt. Zypern ist eine Insel im Kriegszustand, die Bilder sind wie aus dem besetzten Bagdad, das Hauptquartier der Besatzungsmacht ist die mit Stacheldraht und Suchscheinwerfern und Scharfschützen gesicherte Green Zone. Man trägt Tarnfarbe Dessert, Klara Steinhausers Bianca ist Soldatin, Randolf Destallers Rodrigo verkleidet sich mit Fotoapparat als Embedded Journalist. Das alles geht gewaltfrei, ohne den britischen Barden in ein unsinniges Neu zu nötigen, wiewohl die Herren Schlegel-Baudissin-Tieck immer wieder schlüssig unterbrochen werden. Und wenn einmal zum Ruf, ein Schiff lege an, Hubschraubergeräusche zu hören sind, dann ist auch das charmant. Othello ist halt im Hafen in den Heli umgestiegen.

Diesen gibt Führer als selbstbewussten, professionellen Militär. Sein Othello ist ein Pragmatiker, selbst noch als Mörder und Selbstmörder. Souverän kann der Spezialist für heikle Einsätze über die Alltagsrassismen seiner Umgebung hinweghören, auch dass er als „Heid‘ und Sklav'“ bei Brabantio nicht vom gern gesehenen Gast zum gern gesehenen Schwiegersohn avancieren konnte, versucht er mit einer versöhnend hingestreckten Hand auszugleichen. Er hat sich nur einer Untat schuldig gemacht: Er will Liebe machen, statt Krieg treiben. Bierdosen gehen in der Runde, die Betten werden bereitet. Selten zuvor haben Inszenierungen so deutlich dargelegt, dass es dem Zypern-Kommando eklatant an Disziplin und Moral mangelt.

Was Jagos Plänen sehr entgegen kommt. Alexander Rossi brilliert in dieser Rolle; er ist der Spielmacher des Abends. Gemeinsam mit Georg Kusztrichs Brabantio vertritt er die zwei Gesichter von Xenophobie: der Senator die ängstliche gegenüber dem, was ihm andersartig scheint, der bei der Beförderung übergangene Fähnrich die aggressive, diese Ängste weiter schürende. Rossi spielt nicht den „Schurken“, sein Jago ist ein einwandfreier, schmieriger Intrigant, ein Meister der Zwischentöne, ein gewiefter Taktiker, der anderen seine Meinungen ins Hirn pflanzt, ohne dass sie es recht merken. Eine gelungene – ebenfalls klischeefrei aktuelle – Interpretation dieser Figur.

Roman Binder darf als Cassio der gute Mensch, der Held der Geschichte sein, eine leichte Übung für den Schauspieler, der schon als Person so sympathisch rüberkommt. Dass hier die Bianca aber weder Kurtisane, noch „Äffchen“ ist, kratzt doch an seinem rechtschaffenen Image. Noch eine von Bruno Max in dieses Schwarzweiß-Spiel eingefügte Grauschattierung. In diesem Sinne deutet auch Christina Saginth Jagos Ehefrau Emilia: als enttäuscht und verletzt über die abgekühlte Leidenschaft ihres Mannes, als loyal bis zum äußersten, aber als es dazu kommt, als reine Seele, die – wenn auch zu spät – das Richtige tut. Hat man Emilia auch schon als Mitintrigantin gesehen, diese hier ist es definitiv nicht. Selina Ströbele ist als Desdemona ein Society-Girlie ohne Falsch und Arg, zu kindlich, um die Veränderungen, die um sie stattfinden zu begreifen. Als ihr Multikultiglück platzt, legt sie sich fast wie ein Opferlamm auf die Schlachtbank.

Und der „Mohr“? Will an seinem Ende nur noch eines, und das ist epochenübergreifend gültig: Gesehen werden, als das, was er ist. Ohne, dass die Patriotrischen Europäer etwas skandalisieren oder die Willkommenskulturschaffenden etwas schönreden. Mehr kann man über „Othello“ dieser Tage nicht sagen.

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Wien, 10. 1. 2016

Theater zum Fürchten: Diese Bretter sollen brennen!

September 27, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Theaterarzt ist nur einen Lacher entfernt

Loriots "An der Opernkasse": Julian Schneider, Jörg Stelling, Gabi Stomprowski, Bernie Feit und Hermann J. Kogler Bild: Bettina Frenzel

Loriots „An der Opernkasse“: Julian Schneider, Jörg Stelling, Gabi Stomprowski, Bernie Feit und Hermann J. Kogler. Bild: Bettina Frenzel

„Wie legen Sie ihn an?“ – „Hintergründig.“ Es darf an diesem Abend auch der vierte Zwerg nicht fehlen. Helmut Qualtingers „Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben …“ ist einer der Texte, die Bruno Max und Marcus Ganser für ihre Revue „Diese Bretter sollen brennen!“ rausgesucht haben. Hassgesänge und Liebeslieder auf das Theater aus zweitausendfünfhundert Jahren, die das Theater zum Fürchten nun an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, zum Besten gibt. Zum Allerbesten.

Herr Prinzipal und sein Leib- und Magenregisseur präsentieren ein Panoptikum der Bühnenverrückten. Die Diva und die Rampensau, die Selbstdarsteller und die Entleiber, im Unterschied zu denen, die über Leichen gehen, selbst wenn das Stück keine vorschreibt, die Autoenthusiasten und die Publikumslieblinge. Große Satiregaranten und Berufszyniker wie Erich Kästner, Thomas „Was hier, in dieser muffigen Atmosphäre?“ Bernhard und Daniil Charms verschaffen sich gewaltig Theaterluft, aber auch köstliche Kleindarsteller ballen ohnmächtig die unterbeschäftigten Fäuste. Dargeboten werden Wahrheit und inszenierter Wahnsinn, die Qualen der Quälgeister, die Nöte der Nutzlosen, Kämpfe, Krämpfe, die ganz großen Gefühle sowieso, sowie Bestechungsversuche beim Beleuchter. Wenn’s Zwerchfell reißt, ist das Programm. Der Theaterarzt ist nur einen Lacher entfernt.

Ganser und Max gelingt naturgemäß viel mehr als dramaturgische Nummernreihung, sie verknüpfen die Nummern zu einem Reigen, „Putting it Together“ à la Stephen Sondheim. Den Reigen haben sie ganz reizend verwienerischt, er hat seine schönsten Momente, wenn die Schauspieler vermeintlich etwas von sich erzählen. Ach, das liebt man als Publikum, diesen Schlüssellochblick in die Kulissen. Auch wenn die Gaukler einem was vorgaukeln, ist der frische Wind ums Auge doch die Bindehaut, an der sich die Begeisterung fürs Dramatische entzündet. So darf Irene Halenka im heimischen Seewinkel vom Schauspielerdasein träumen, doch auch ein Besuch von Mr. Karps Method-Acting-Kurs brachte sie nicht in Marvin Hamlischs „Chorus Line“. Klara Steinhauser versucht mit ihrer beeindruckenden Musicalstimme die Klippen eines Vorsingens zu umschiffen. Laut Jason Robert Brown tut sie das schon „Die letzten fünf Jahre“ und glaubt: „Es geht was voran!“ Leider wird der Spagat, den der Beruf einem oft ab-, hier tatsächlich verlangt. Ja, in dieser Produktion wird sich auch körperlich nicht geschont. Und (fast) keine Kosten gescheut. Für Monty Python’s Tortenwurf- und Brett-vorm-Kopf-Szenen wurde mit Kathleer Bauer sogar eine Choreografin verpflichtet.

Gabi Stomprowski fragt sich zwar mit Eric Idle „Was ist mit meiner Rolle los?“, weiß aber, dass es keine schlechten, sondern nur schlechtes Licht gibt. Als Vollblut kann sie schließlich auch aus einer Ein-Satz-Rolle alles und zwar wirklich alles raus holen. Und sollte man hier nicht verstehen sie schätzen zu wissen, wirft sie trotzig den Kopf zurück, dann eben Deutschland. Bitte keine gefährlichen Drohungen. Was „die Piefke“ dem Theaterbetrieb mit ihrer Betriebsamkeit angetan haben, erklärt niemand besser als Jörg „Maria“ Schelling mit Ephraim Kishon. Seit 38 Jahren die Stütze des Hauses – an dieser Stelle leichtes Oskar-Werner-Näseln mitdenken – lässt sich der Kammerschauspieler von einem Deutschen mit Doppelnamen doch kein X für ein U, nicht wahr, schließlich wäre auch Gert Voss kein Gegner, nicht wahr. Julian Schneider stimmt das „Lamento für einen jungen Schauspieler“ an.

Die Zunft nimmt sich auch an den Randzonen herzerwärmend unernst. Theaterleiter und Theaterkritiker werden, letztere von Mel Brooks, als ebenbürtig ahnungslos enttarnt. Das Publikum weiß nach Loriot nicht, was es will, aber das will es unbedingt. Billeteurinnen wissen, was sie wollen, kriegen’s aber nicht. Einzig die seltsame Spezies der Bühnenportiere entgeht hier der E-Loge. Dabei hat man noch keinen kennengelernt, der nicht Herr übers Haus war. Hermann J. Kogler ist als „Der Souffleur“ der wahre Auskenner; aus André Hellers Chanson ist die titelgebende Textzeile. Der großartige Bernie Feit groovt sich mit Christian Tschirners „Dramaturgen-Rap“ ein. Eine Ironie. Heute ist der Dramaturg vielerorts nur noch der Assi von Regieassi. Apropos, grooven: Feit, mit britischer Bardenperücke, und Kogler führen an Stelle von Rowan Atkinson und Hugh Laurie auch noch vor, wie es zu Shakespeares „Sein oder Nichtsein“ kam – ein paar kleine Striche. Musikalisch begleitet werden Bruno Max‘ glorreiche Bühnen-Sieben von Andreas Brencic am Klavier, Julius Chitta am Bass und Fritz Rainer am Schlagzeug. Schneider und Feit greifen zum Schluss auch noch selbst in die Saiten. Für etwaige p. t. Sponsoren. Bei der Kunst geht’s eben immer um die Wurscht.

„Wenn Sie einen Schauspieler sehen, sagen Sie ihm etwas nettes“, heißt es an einer Stelle. Nun, die Wahrheit wird’s wohl auch tun: Sie waren glänzend!

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Wien, 27. 9. 2015

Berliner Theatertreffen: Zement

Mai 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Vermächtnis des Dimiter Gotscheff

Sebastian Blomberg, Bibiana Beglau Bild: Armin Smailovic/Residenztheater München

Sebastian Blomberg, Bibiana Beglau
Bild: Armin Smailovic/Residenztheater München

Festspielintendant Thomas Oberender eröffnete  das 51. Berliner Theatertreffen mit einer Inszenierung aus dem Münchner Residenztheater: Dimiter Gotscheff hatte Heiner Müllers „Zement“ inszeniert – es war seine erste Arbeit am Haus und seine letzte bevor der Regisseur verstarb. Und wenn man eines von Beginn des dreistündigen Abend (der in München übrigens höchst kontrovers aufgenommen worden war) an sagen konnte, dann: Er fehlt. Dieser Theaterberserker, der vor Archaik und Pathos nicht zurückschreckte, der Herz und Hirn in Gleichklang bringt, der es schafft ein Publikum zu berühren und anzurempeln – der „seinen“ Heiner Müller so auf die Bühne bringt, dass man versteht, was einen der Große „von damals“ noch angeht. Und dabei die Schönheit seiner Sprache in den Mittelpunkt stellt. Gotscheff zeigt Müllers dystopisches Revolutionsstück „Zement“ aus dem Jahr 1972, geschickt verpackt zwischen Zeilen und Szenen des Autors und des Regisseurs zwiespältiges Verhältnis zum Arbeiter- und Bauernstaat. Den Sowjet im Sinn, kommt man auf die DDR hin. Müllers Dramatisierung eines Romans von Fjodor Gladkow aus dem Jahr 1925 behandelt die Geschichte der russischen Revolution. Gleb Tschumalow (Sebastian Blomberg), Schlosser und kommunistischer Bürgerkriegsheld gegen die weißen Garden, kehrt heim. Das Zementwerk ist stillgelegt, seine traumatisierte und fanatisierte Frau Dascha (Bibiana Beglau) ist erkaltet wie der heimische Herd. Seine Tochter wird im Kinderheim verhungern, sie derweil die Frauenbewegung anführen. Die Revolution frißt ihre Kinder.

Das Ganze: Eine Tragödie griechischen Ausmaßes. Gespielt in einem grauen Betonwürfel, desssen Boden/Podium sich steiler und steiler aufrichtet. Die Kostüme schmutziggrauweiß, ein Chor mit Gesichtsmasken aus Strümpfen, Mützen – die er für einen kurzen Moment, da das Werk wieder läuft, abnehmen wird. Doch dann siegt das Kollektiv über das Individuum. Und sie vermummen sich wieder zur anonymen Masse. Einmal müssen sie sogar die Schreibmaschine sein. Auch Revolution braucht Bürokratie. Sie erschlägt sich mit Papier. Valery Tscheplanowa, das tote Kind, klein und allein, erzählt, singt dazu. Vom an den Felsen geschmiedeten Prometheus, vom trojanischen Krieg, von der Kindsmörderin Medea. Von Gleb und Dascha. Er, ein russigschwarzes Gespenst, dem die Maschinen zuschreien: Mach‘, dass unser Zementwerk läuft. Sie, Frau Oberbolschewikin, hart wie Stein. Vom Feind gefoltert und missbraucht, um den Aufenthaltsort ihres Mannes preiszugeben – der jetzt nach drei Jahren Absenz Sex will. Man ist sich fremd geworden. Und wird sich auch nicht mehr finden. Mit kleinsten Gesten erzählen die Gotscheff-Vertrauten Beglau und Blomberg das. Das Ende der Zwischenmenschlichkeit, den Beginn des Sowjetmenschen. Ein neues Land steht auf in diesem Infight der Protagonisten. Man hat nicht mehr die selben Lebensziele, so endet diese Liebesgeschichte. Beide spielen sie das gestochen scharf und trotzdem mit gebrochenem Herzen. Zwei Verletzte, die sich ihre Wunden nicht zeigen wollen oder können. Beide umkreisen sich mit atemberaubender Körperspannung. Eine großartige schauspielerische Leistung. Ebenso großartig, wie Gotscheff den Chor einsetzt, der einerseits von Politfunktionär, vom Apparatschik bis zum Bürger alle nachahmt, gleichzeitig jederzeit Lynchmob ist. Hauptsache, es gibt jemanden, an den man sich klammern kann. Das Feuer der Revolution hat ihnen die Köpfe enteignet. „Keine Sklaven mehr und keine Herren“, skandieren sie. Ob sie schon wissen, dass es nicht stimmen wird?

Gotscheff schuf großes, wuchtiges Theater. Dargeboten als Weihespiel. Es geht um Politik vs Wirtschaft. Den kategorische Imperativ. Die kampfverliebte Polja (Leitsatz: „An den Gewehren war die beste Zeit!“) und der anerkennungssüchtige, weil aus bourgeoiser Familie stammender Iwagin (Lukas Turtur) – das Gegenpaar zu Gleb und Dascha – stecken sich nach ihrem Parteiausschluss ihre zu Pistolen gekrümmten Zeigefinger in den Mund und versinken im Boden. Gewalt regiert und geschrieen wird viel. Der Kommunismus ist kein Traum, sondern Arbeit. Zeit und Welt sind bei Müller/Gotscheff aus den Fugen. Das ist der Stoff aus dem politisches Theater von und für Heute ist. Ein Menschheitsalbtraumtraumadrama.

www.berlinerfestspiele.de

www.residenztheater.de

Wien, 5. 5. 2014