Wiener Festwochen: Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz)

Juni 5, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Jonathan Meese und der Urknall im Universum Wagnerz

Die Gralsritter sind auf dem Mond gelandet und haben gleich einen Eiskasten (re.) aufgestellt: Wolfgang Bankl, Sven Hjörleifsson und Johanna von der Deken. Bild: 2017 © PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

Im Vorfeld hatte man sich zwei Mal versprochen und gemeint, man gehe in „Mondbasis Alpha 1“, für alle, die diese alte Science-Fiction-Serie noch kennen. Peinlich? War’s dann nicht mehr. Der österreichische Komponist Bernhard Lang und Universalkapazunder Jonathan Meese haben Wagners „Parsifal“ in der Tat auf den Mond geschossen. So kam bei den Festwochen „Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz)“ zur Uraufführung. Eine Überschreibung.

Der Grüne Hügel hatte eine ohnedies Light-Produktion des Originals nicht gewollt, Intendant Tomas Zierhofer-Kin schnell zugegriffen und das Projekt zu einem eigenständigen weiterentwickeln lassen – und man kann sich nun beruhigt zurücklehnen und sagen: Solange es einen Kulturmanager wie ihn in dieser Stadt gibt, wird Wien nicht Bayreuth werden.

Denn die Aufführung ist genialisch-großartig. Der Urknall im Universum Wagnerz sozusagen. Und wurde vom Publikum – das bis auf eine Handvoll Flüchtlinge bis zum Schluss gespannt und erwartungsfröhlich blieb – mit Riesenjubel und noch mehr Applaus bedankt. Jonathan Meese empfing es mit Standing Ovations, der, so sichtlich gerührt, dass er die (beschlagene?) Brille abnehmen musste, küsste sich durch seine Künstler und sein Leading Team. Es ist unwahrscheinlich, dass auch nur einer auf der Bühne seinem Schmatz entkam.

Tómas Tómasson leidet als irre gewordener Amfortas als wirbelnder Lollipopallergie. Bild: 2017 © PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

Wohnsitz der Ritter ist die Villa Wahnfried. In der Mitte Daniel Gloger als Parzifal-Zed mit Gralsholzgliederpuppe. Bild: 2017 © PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

„Mondparsifal Alpha 1-8“ ist erstaunlich viel Wagner, ist echt Oper, nicht Performance. Bernhard Lang, der auch das Libretto verfasste, hielt sich ziemlich exakt an die Handlung des Bühnenweihfestspiels. Bis auf einen Schlusspunkt: Kundry darf bei ihm leben. Ein Akt der Emanzipation, wäre doch auch ein noch so hehres Erlösungsfrauenopfer im 21. Jahrhundert irgendwie seltsam. In seiner Komposition fehlt keine Wagnernote, er hat sie neu arrangiert, dekonstruiert und wieder zusammengesetzt.

Und das Ergebnis sind teil lyrische Töne gleich Sphärenklängen, dann muten Passagen jazzig an, wobei verstärkt Schlagwerk und Synthesizer zum Einsatz kommen. Die persönlich liebste Stelle ist das Vorspiel zum zweiten Aufzug: eine Reverenz an die Musik von 1970-Jahre-Krimiserien, sehr suspense-ig und rasant.

Das korreliert naturgemäß mit Meeses Konzept. Der führt nämlich eine Menge neuer Figuren ein, beziehungsweise definiert er die vorhandenen neu. Der Individualmythologe – und in dieser Funktion ist er durchaus Wagner-Epigone – geht auch diesmal dieser seiner Lieblingsfunktion nach. In roter Schrift (in weißer darüber der gesungene Text) verkündet er sein Manifest, und das switcht zwischen Kunst conquers all und Mach‘ Kunst or die trying.

Sein Parsifal wird später auf der Bühne die Diktatur der Kunst ausrufen. Meese nimmt Richard Wagner so ernst, dass er an ihm Spaß haben kann – und das muss man mit dem Humor nehmen, den der Abend versprüht. Keine politische Kraft ist stärker als das Lachen, und Narren sind so frei, wie die Kunst es zu sein hat. Das hat das Premierenpublikum erkannt und amüsiert sich prächtig.

Meese zitiert alles, was nicht bei drei im dritten Rang ist. Er bedient sich aus der Trash- und Popkultur, aus Schundheftchen, bei alten Filmen und noch früheren Fernsehserien. Sein Bühnenbild ist erst eine explodierte Mondlandschaft (mit Rieseneiskasten, denn schließlich geht’s unter den Rittern sehr um Fressen und für Amfortas ums Gefressenwerden), er zeigt seine Version der Villa Wahnfried als Gralshort und einen Wicker Man, in der Menschenopferburg residiert Klingsor. Im dritten Aufzug lässt er zum Karfreitagszauber Fritz Langs „Die Nibelungen“ laufen. Der Meister selbst residiert in Loge eins und zeichnet, schreibt und collagiert live.

Die Figuren hat er sich auf seine Weise anverwandelt: Parsifal ist im heißen roten Höschen und mit Proletenschnäuzer der Zed aus „Zardoz“, ein Sean-Connery-Lookalike, und man muss sagen, dass der Sir nie einen schlechteren Film gemacht hat. Kundry ist Barbarella, und als sie Parsifal täuschen will und sich als Herzeleide ausgibt, kommt sie mit einem Indianerkanu aus den Ewigen Jagdgründen. Meese hat für eine Minute seiner Inszenierung mehr Ideen (und noch dazu lauter logische), als andere Regisseure im ganzen Leben.

The writing on the wall. In der Loge rechts der Chef beim Livezeichnen, -schreiben und collagieren. Bild: 2017 © PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

Und endlich Erlösung: Daniel Gloger als C3PO-Parzifal mit Zardoz-Maske lässt sich von den Mangamädchen feiern. Bild: 2017 © PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

Gurnemanz ist ein etwas beleibterer Meese-Klon, natürlich er der Spielmacher. Amfortas hat was von Captain Kirk und leidet an wirbelnder Lollipopallergie, nein, natürlich, die Wunde ist eine Hypnosescheibe. Klingsor schließlich schaut aus wie ein abgefuckter Elvis, und seine bösen Mädchen wie einem Mangamärchen entsprungen. Am Ende wird Parsifal ein goldener C3PO-König sein, mit Zardoz-Maske, auch diese Kombination stimmt: Der Sklave, der sich selbstermächtigt, der „Brutale“, der ein „Ewiger“ wird. Und, dass er mit der Frage „Würdest du Gott töten?“ konfrontiert wird, passt auf Meese wie hingespuckt, der durch Kunst alle Herrschaftssysteme und ergo auch Religionen vernichten will. „Entmitläufert euch!“ ist seine schönste Message.

Gesungen wird in Deutsch, Englisch, Französisch und einer Kunstsprache, die mit Hojotoho! und Wallala, weiala weia! ohne Weiteres mithalten kann. Die Solistinnen und Solisten sind in dieser exaltierten Arbeit allesamt auf der Höhe, getragen von der höchst inspirierten Dirigentin Simone Young, den wunderbaren Klangforum Wien und Arnold Schoenberg Chor.

Countertenor Daniel Gloger ist als Parsifal darstellerisch wie sängerisch eine Sensation, der Mann hat offenbar Kondition ohne Ende – und Improvisationstalent, als die Hynosewunde nicht am heiligen Speer haften bleiben will. Magdalena Anna Hofmann gibt der Kundry mit ihrem sicher geführten Sopran Kraft. Die Bassbaritone Wolfgang Bankl als Gurnemanz, Tómas Tómasson als Amfortas mit dem irren Blick und Martin Winkler als Klingsor überzeugen mit jedem Ton. Winkler, wie man ihn kennt und schätzt, bringt natürlich schauspielerisch eine komische Note ein.

Am Ende gibt’s für alle Eis. Vanille, Erdbeer und Schokolade retten die Welt als Quadrat, Kreis und Dreieck. Dramaturg Henning Nass hat’s in der Werkeinführung erklärt, eine Hommage an Fürst Hermann von Pückler-Muskau. Es folgt der Unendlichachter und Parsifals Aufforderung an Kundry: Ruf mich an! Weiter geht’s nun im Oktober in Berlin mit „Mondparsifal Beta 9-23 (Von einem, der auszog, den „Wagnerianern des Grauens“ das „Geilstgruseln“ zu erzlehren …)“. Thomas Oberender war schon spicken, und er wird wohl daheim berichten, dass man sich freuen kann.

www.festwochen.at

Wien, 5. 6. 2017

Theater an der Wien: Dreigroschenoper

Januar 14, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Dieses Soho liegt am Neusiedlersee

Macheath "sitzt" im Gefängnis: Tobias Moretti mit Ensemble Bild: © Monika Rittershaus

Macheath „sitzt“ im Gefängnis: Tobias Moretti mit Ensemble
Bild: © Monika Rittershaus

Nach der Pause, wenn Nina Bernsteiner und Gan-ya Ben-gur Akselrod einander als Polly und Lucy beim Eifersuchtsduett den Barock von der Brust reißen, weiß man endlich, dass Weltklasseregisseur Keith Warner es wirklich so wollte – zwischendurch hatte man sich nämlich schon ernsthaft gefragt, ob das alles ernst gemeint sein kann. Das Theater an der Wien zeigt zum Zehn-Jahres-Jubiläum als Opernhaus seine Inszenierung der „Dreigroschenoper“.

Warner versuchte – ja, was? – eine Persiflage auf die eigene Zunft? Sicher auf Bert Brecht, wie ein paar zusammenhanglos platzierte Maoisten-Statisten vermuten lassen. Und Kurt Weill, der Arme? Die Satire allerdings entzieht sich der Karikatur. Und so geschieht das Schlimmste, was der „Dreigroschenoper“ mutmaßlich passieren kann: Die Inszenierung ist nicht sexy. Das haben sich der alte Erotomane und sein stilles Musikgenie nicht verdient. „Ich verlang‘ ja keine Oper hier“, sagt Macheath. Die hat er aber gekriegt.

Das ist natürlich eine Glaubensfrage. Und mehr Zeilen als die paar hier hingeschriebenen werden das Gegenteil behaupten. Man kennt das „Stück mit Musik“ vom Sprechtheater, wo es, wie dieser Abend eindrucksvoll bewiesen hat, auch hingehört, aber man war doch voller Hoffnung – Oper! Lasst endlich einmal die Fachmenschen ran! Schlussendlich konnte man sich kaum damit abfinden, dass da manche den heißen Erdapfel nicht und nicht aus dem Mund brachten, jedoch gar nicht daran gewöhnen, dass die Dialoge im Operettenjargon zum besten gegeben wurden. Im Theater an der Wien liegt Soho am Neusiedlersee, dafür gab es sogar einen Dialogcoach. Wobei das gegenüber vielen Kolleginnen und Kollegen der leichten Muse unfair ist. Die können’s nämlich. Singen und schauspielern. Hier hat der Arnold Schoenberg Chor, der zum Finale im Gefängnis als sinistre Streetgang auftritt, mehr darstellerische Präsenz als mancher Protagonist. „Sie spielen eben so gut sie können“, sagt Peachum. Meint damit aber nicht explizit Markus Butter als Tiger Brown.

Dabei wäre die Künstlichkeit, die „Verfremdung“, auf die Warner setzt, durchaus angebracht. Die Art, wie er etliche Songs aus der Handlung nimmt und auf eine eigene Showbühne stellt, ist im Sinne der Erfinder. Auch der von Boris Kudlička erdachte Bühnenbildkubus, die gesamte Mischung aus Grind und Kitsch sind stimmig. Und doch scheint es, als hätte Warner bei Brecht nicht bis auf den Bodensatz geschaut. Er planscht durch Untiefen, wo sich Abgründe auftun. Das Verbrechen und die verlorenen Existenzen, die Arglist und die Armut, die Gemeinheit des gemeinen Volks und der gutbürgerlichen Gesellschaft, sie werden von der Opernattitüde im Wortsinn zer-schmettert. Differenziert geht anders. Freilich sollte Warner nicht mit dem altehrwürdig erhobenen Zeigefinger des epischen Theaters herumwedeln, aber zwischen Lehrstück und Leerstück müssen doch noch ein paar Positionen zu besetzen sein. So hat er Brecht nur „Revue“ passieren lassen. So wurde das scharfsinnige, zynische, mit der ganzen Wut und Wucht eines jungen Mannes geschriebene Original zum Musical – ups, das böse Wort im Theater an der Wien – weichgespült.

Und apropos Nuancen: Immer wieder die Musik. Das Klangforum Wien unter Johannes Kalitzke interpretiert Weill vom Feinsten, nur gesungen wird er wenig. Unter den Damen wagte es einzig Anne Sofie von Otter als Spelunken-Jenny sich vom Schöngesang abzuwenden – Salomonsong! -, sich als Diseuse zu erproben, auf die Weillness zu setzen. Weill, das ist Hässlichkeit, geschlürft bis zur Neige, ist Nachtclub-Timbre, ist Ironie und schrille Töne, und immer wieder auch jüdischer Trauergesang. Diese Disziplin beherrscht halt nicht jeder. Besonders laut hörte man Roma Bahn in ihrer letzten Ruhestätte rotieren. Dafür ist Otter darstellerisch so gut wie inexistent, jedenfalls keine abgetakelte Hure, der man abnimmt, dass sie noch genug Freier abbekommt, sondern eine schmerzgebeugte Elendsgestalt.

Einer, der’s definitiv beherrscht, ist Florian Boesch als Bettlerkönig Peachum. Er ist die finstere Lichtgestalt des Abends. Perfekt bigott und sehr schön straffällig. Er ist ganz ehrenwerter Kapitalist und ganz ehrloser Gauner. Er trifft die richtig „schnarrigen“ Töne beim Singen und Sprechen, interpretiert hinterlistig und sarkastisch, macht aus seinem Part beinah ein Kabarettstückchen. Wann immer er auf der Bühne ist, herrscht Freude. Mit Angelika Kirchschlager, die als seine Celia ein Hausfrauenalbtraum in Rosa sein darf, bildet er nicht nur beim Anstatt-dass-Song das Dreamteam der Aufführung; beide tanzen sich auch schwungvoll durch die großartige Choreografie von Anthony van Laast, dessen West-End-Tempo zum Glück aus der einen oder anderen szenischen Langatmigkeit die Luft rausnimmt. Der Kirchschlager kommt bei ihrer Darstellung gewiss zugute, dass die Mrs. Peachum die große Geste durchaus verträgt.

Tobias Moretti spielt einen unterkühlten Macheath. Doch unter der ruhigen Oberfläche ist sein Mackie Messer tatsächlich das in der Moritat besungene gefährliche Raubtier, der Menschenfresser und der Alphamann der Londoner Unterwelt. Moretti hat hart gearbeitet, das sieht man, das gilt es zu würdigen. Moretti hält mit den Stars des Musikdramas mehr als stand, weil er näher an Weills Musik und noch näher an Brechts Drama ist. Er bringt die nötige Lakonie für die Rolle auf. Ist körperlich – im Gefangenenkäfig -, in den Gesangs- und Tanzeinlagen auf der Höhe. Er hat sich eine Schaustellerstimme zugelegt: Kommen Sie näher, kommen Sie ran!, gibt einerseits mit rollendem R den Crooner, andererseits wie im Kanonensong den beinharten Killer. Ist weinerlich und wehleidig über sich selbst und brutal zu den anderen. Nur diese eine Farbe, den Womanizer, den erst Frauenverführer und dann -schänder nimmt man seiner ansonst schillernden Figur nicht ab. Aber wenn er „Man schlage ihnen ihre Fressen mit schweren Eisenhämmern ein“ droht, dann steht er endlich auf, der gute Geist der Gesellschaftskritik. Auf dem Friedhof von Highgate, den Mackie kurzfristig schon als neue Adresse ins Auge fassen muss, liegt auch Karl Marx. Und so altvaterisch ist Brecht nicht, dass die Gründung – oder in Österreich Kauf und Verkauf – einer Bank nicht immer noch …

Zusammenfassend? „Dreigroschenoper“ geht schwer. Aber sie so lange zur Oper zu zerquetschen, bis eine Operette rausrinnt, geht gar nicht. Da fallen ja dem Haifisch vor Schreck die Zähne aus.

www.theater-wien.at

Wien, 14. 1. 2016

Klangraum Krems: Osterfestival IMAGO DEI

März 27, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

„Sehnsucht. Paradies“

Das Herz der Sufis vom Nil Bild: Promo

Das Herz der Sufis vom Nil
Bild: Promo

Das Kremser Osterfestival IMAGO DEI reflektiert ab 29. März  im mittelalterlichen Klangraum Krems Minoritenkirche und mit einem Gastspiel in Stift Melk die ewige Sehnsucht des Menschen nach einer Vervollkommnung des Lebens und die unterschiedlichen Vorstellungen vom Paradies verschiedener Glaubensrichtungen und Epochen:  ob als verlorene Urheimat, ob als diesseitiger Garten Eden, als imaginärer Zukunftsort im Jenseits oder als der Versuch, das Paradies in sich selbst zu finden. Bis Ostermontag stehen Chorwerke aus Estland, spirituelle Musik aus Ägypten und Indien, Werke aus uralten Codices und von zeitgenössischen Komponisten, Uraufführungen und Auftragswerke sowie eine künstlerische Interpretation des traditionellen Osterfeuers, Podiumsgespräche, Lesungen und  Filme auf dem Programm.

Die 15. Ausgabe steht heuer unter dem Motto SEHNSUCHT. PARADIES und versucht damit die Utopie einer menschlichen Existenz ohne Beschwerlichkeiten, Missstände und Nöte in den Mittelpunkt des Programms zu stellen. Seit Menschengedenken existiert der ewige Wunsch nach einer Vervollkommnung des Lebens, welcher im christlichen Abendland erstmals in der alttestamentarischen Geschichte von Adam und Eva dargestellt ist. Die Vorstellungen vom Paradies – ob als verlorene Urheimat, ob als diesseitiger Garten Eden, als imaginärer Zukunftsort im Jenseits oder im eigenen inneren Erleben – werden an sieben Abenden im Klangraum Krems Minoritenkirche und an einem Abend im Kolomanisaal des Stifts Melk in mehreren Uraufführungen, in spiritueller Musik aus Ägypten und Indien, in Kompositionen aus jahrhundertealten Codices und von zeitgenössischen Komponisten, in Tanzperformances, Lesungen und Filmprogrammen, Podiumsgesprächen sowie in einer künstlerischen Interpretation des traditionellen Osterfeuer reflektiert.
Der renommierte estnische philharmonische Kammerchor und das Tallinn Kammerorchester eröffnen das Programm  mit Arvo Pärts Vertonungen von Texten des Mönchs Siluan vom Berg Athos, in denen Adam den Verlust des Paradieses und der Verbindung zu Gott beklagt. Vor dem Konzert stellt sich Filmemacher Ulrich Seidl einem philosophisch-theologischen Diskurs über unterschiedliche Paradiesesvorstellungen. Das Paradies in sich selbst zu finden, es durch Kontemplation als etwas realistisch zu Erreichendes zu betrachten ist nicht nur spiritueller Hintergrund des indischen Dhrupad-Gesangs Ritwik Sanyals (4.4.), sondern auch des ihm verwandten Sufismus, wie ihn die Sufis vom Nil praktizieren (11.4.). Gesang und Tanz werden so zu Techniken, die Wahrheit, also die Verbindung zu Gott, im Diesseits wiederzufinden.
Peter  Simonischek erzählt mit Jean Gionos Kurzgeschichte „Der Mann mit den Bäumen“ von den Möglichkeiten der Menschen, ein irdisches Paradies zu schaffen (5.4./Stift Melk) – musikalisch umrahmt von sechs herausragenden Solisten des Klangforums Wien und der Camerata Salzburg mit Werken von Olivier Messiaen und Krzysztof Penderecki.
Das belgische Vokal-Ensemble Graindelavoix singt am 12.4. in mittelalterlichen Motetten aus den Musikhandschriften von Montpellier von den Gärten aus dem verlorenen Paradies. Am Karfreitag (18.4.) führt „Towards Silence“ eine Meditation für vier Streichquartette und eine tibetische Klangschale des erst im November 2013 verstorben britischen Komponisten John Tavener, auf den Weg zur Vereinigung des wahren Selbst mit der Weltseele, zur Einheit des Menschlichen und des Göttlichen (mit Medici Quartet, Koehne Quartett, Ensemble Lux, Minetti Quartett). Zuvor spielt jedes der vier Quartett ein Werk für Streichquartett, darunter die Uraufführung einer Auftragsarbeit des Festivals von John Tavener. Zum Höhepunkt des Osterfests, in der Osternacht am Karsamstag (19.4.), wird das Ritual des Osterfeuers vom japanischen Klangkünstler Akio Suzuki und der Tänzerin Hiromi Miyakita neu interpretiert, umrahmt von einem Reigen aus englischen Madrigalen, zeitgenössischen Kompositionen und den schwebenden Klängen des archaischen Semantrons und die orgelgleichen Sphärentöne der Paetzodflöten. Das Licht ist der Welt wiedergegeben. Kompositionen von William Byrd, Anthony Holborne, Michael Gordon sowie drei Uraufführungen von Werken von Burkhard Stangl, Pauline Oliveros und Gunter Schneider (mit Plenum, Paetzold Bassblockflöten Ensemble, Anna Clare Hauf, Mezzosopran, und Slagwerk Den Haag).

Zum Abschluss des Festivals erinnert lateinamerikanische Musik aus dem 17. und 18. Jhdt. an einen Versuch, das Paradies auf Erden zu errichten: Das chilenische Alte-Musik-Ensemble Capilla de Indias wird  am Ostermontag (21.4.) mit Kompositionen voll Lebensfreude aus dem Archiv der Kathedrale von Santiago de Chile, aus Missionen in Paraguay, Peru und Bolivien in die Utopien des Heiligen Experiments der Jesuiten führen.

www.klangraum.at  (Hier findet sich auch Info zu den neuen Shuttlebussen.)

Wien, 27. 3. 2014