Volksoper: Kiss me, Kate

September 4, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Shakespeare wie er swingt und lacht

Peter Lesiak, Juliette Khalil, Martin Bermoser, Ursula Pfitzner, Andreas Lichtenberger, Wolfgang Gratschmaier, Oliver Liebl und Sulie Girardi. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Premierenfieber ist ein Gefühl“, das kann man dieser Tage laut sagen, scharren doch sowohl Künstlerinnen und Künstler als auch ihr Publikum in den Startlöchern zur neuen Saison. Endlich wieder Theater! Und die Volksoper begann dieses vor der ersten Premiere, „Sweet Charity“ am 13. September, mit der Wiederaufnahme ihres Klassikers „Kiss me, Kate“ in der schnittigen Inszenierung von Bernd Mottl aus dem Jahr 2012 – und mit allerhand Rollendebütanten.

Shakespeare wie er swingt und lacht, möchte man den Abend übertiteln, auch wenn Mezzosopranistin Sulie Girardi als Garderobiere Hattie das „Premierenfieber“ einmal mehr in wundersam schönen Operntönen erklingen lässt, und damit das Screwball-Musical in Gang setzt, eine Aufführung, die rundum ausschließlich Erfreuliches zu bieten hat. Fred-Graham-Urgestein Andreas Lichtenberger duelliert sich diesmal mit Ursula Pfitzner als Lilli Vanessi, die beiden Rosenkrieger par excellence.

Und wenn Lilli ihren Quasi-Verlobten Harrison Howell zu Hilfe ruft, der aber nicht kann, weil’s in Baltimore #blacklivesmatter-Unruhen gibt, weshalb der Präsident das nunmehrige Notstandsgebiet als Sicherheitsrisiko für Leib und Leben einstuft, dann ist dieses Käthchen definitiv im Jahr 2020 angekommen. Von Newcomern bis alten Hasen ist diese Produktion gesanglich und schauspielerisch vom Feinsten, Dirigent Guido Mancusi hat das richtige Händchen für die Cole-Porter-Hits, die Choreografie ist schwungvoll, der Volksopernchor sowieso.

Ursula Pfitzner und Andreas Lichtenberger. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ursula Pfitzner. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ursula Pfitzner und Andreas Lichtenberger. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Besagter Fred Graham also ist Produzent und Regisseur eines „Der Widerspenstigen Zähmung“-Projekts, in dem er die Rolle des Petruchio mit sich selbst besetzte, für die Rolle der Kate aber seine Ex-Frau Lilly engagierte. Obwohl es zwischen ihnen nach wie vor knistert, sind die beiden stückkonform auf Krawall gebürstet, Liebe und Hiebe auf und hinter der Bühne – das ergibt eine tollkühne Parodie aufs Showbusiness, großartig, wenn Fred bedauert, eine „Musicalhupfdohle“ für einen Shakespearedarsteller gehalten zu haben, und Bernd Mottl erweiterte den Spaß um eine Schmierentheater-Satire, in der statt des britischen Barden das Chaos herrscht.

Freds kreischbuntes Bauklötzchen-Bühnenbild, das verzweifelt italienische Renaissance imitiert, und die grellen Kostüme mit der unübersehbaren Herrenausstattung verdeutlichen, dass hier nicht die erste Liga spielt – siehe der mittelschwer überkandidelte Fred Graham, der selbsternannt „ernsthafte Mime“, den Andreas Lichtenberger zu Outrage-Höchstleistungen bringt.

Wo ein Star, da ein Sternchen, Juliette Khalil gefällt als Freds frech-frivoles Nachtclubliebchen Lois Lane, die er als Bianca einsetzt, die ihrerseits aber mit dem Bill Calhoun aka Lucentio des Peter Lesiak kokettiert. Was sie zwar prinzipiell mit jedem tut. Ursula Pfitzners brillant bissiges „Nur kein Mann“ konterkarieren Khalil und Lesiak mit einem temperamentvollen „Aber treu bin ich nur dir Schatz auf meine Weise“ – und apropos Bill Calhoun: Da der es geschafft hat, den Schuldschein für seine Spielschulden als Fred Graham zu unterschreiben, erwarten diesen bald zwei zwielichtige Gestalten in der Garderobe.

Christian Graf, Andreas Lichtenberger und Jakob Semotan. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Martin Bermoser mit Ensemble und Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wolfgang Gratschmaier, Juliette Khalil, Sulie Girardi und Martin Bermoser. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jeffrey Treganza, Juliette Khalil, Peter Lesiak und Oliver Liebl. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Christian Graf und Jakob Semotan erstmals als Ganovenpaar mit schönstem Jargon, das die Vanessi zwecks Füllen der Theaterkasse daran hindern muss, die Show zu verlassen, was die beiden unter großartigen Kapriolen als „Diener“ auf die Bühne treibt, worauf sie – „Schlag nach bei Shakespeare“, einmal Theaterblut geleckt, nicht mehr zu bremsen sind. Als Laurel und Hardy der Volksoper fliegen ihnen die Herzen der Zuschauer nur so zu, dies deutlich zu merken am Szenen- wie Schlussapplaus. Auch ihnen ist mit dem „Nicht die Waffe tötet Menschen …“-Zitat Tagesaktuelles in den Mund gelegt.

Martin Bermoser singt und tanzt als Garderobier Paul ein sehr laszives „Viel zu heiß“. Thomas Sigwald ist nicht wie weiland Kurt Schreibmayer ein würdig-eleganter Harrison Howell, sondern hat als Geschäftsmann mit bester Vernetzung zum Weißen Haus etwas Mafiöses an sich. Wolfgang Gratschmaiers Harry Trevor muss sich als Baptista herrlich komisch mit seinen beiden ungleichen Töchtern plagen. Oliver Liebl und Jeffrey Treganza als Bianca-Verehrer Gremio und Hortensio sowie Georg Wacks als überforderter Inspizient Ralph runden den fabelhaften Cast ab.

Bernd Mottls „Kiss me, Kate“ ist alles andere als ein Nostalgieabend, vielmehr von einer Rasanz und Souveränität, die auch diese 48. Vorstellung hell strahlen lässt. In der Zähmung der Widerspenstigen folgt er dem Weg den Elizabeth Taylor und Richard Burton vorbereitet haben, Lillys Kate ironisiert ihre Unterwerfung auf schmerzhafte Weise, indem sie dem Macho mit ihren High Heels zu Boden ringt … Dafür viel Jubel und Beifallklatschen!

www.volksoper.at

  1. 9. 2020

Belvedere: Klimt & Warhol

April 22, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Kuss & Kiss

Andy Warhol (Amerikaner, 1928-1987), Kiss, 1963, 16 mm Film, schwarz-weiß, stumm, 54 Minuten, 16 Bilder pro Sekunde Bild: © 2013 The Andy Warhol Museum, Pittsburgh, PA, ein Museum des Carnegie Institute. Alle Rechte vorbehalten.  Film still courtesy The Andy Warhol Museum

Andy Warhol (Amerikaner, 1928-1987), Kiss, 1963, 16 mm Film, schwarz-weiß, stumm, 54 Minuten, 16 Bilder pro Sekunde Bild: © 2013 The Andy Warhol Museum, Pittsburgh, PA, ein Museum des Carnegie Institute.Alle Rechte vorbehalten. Film still courtesy The Andy Warhol Museum

Einen Dialog der besonderen Art zeigt das Projekt Klimt & Warhol – Kuss & Kiss  im Klimt-Saal des Oberen Belvedere und im anschließenden Oktogon, führt es doch mit Gustav Klimt und Andy Warhol zwei zentrale Größen der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zusammen, die auf den ersten Blick gänzlich konträr erscheinen. Es ist die Auseinandersetzung mit dem Thema Kuss, die, geleitet von jeweils unterschiedlichen Implikationen, eine spannende Verbindung und Neubetrachtung der beiden Positionen und ihres historischen wie auch gesellschaftlichen Bezugsrahmens zulässt. Der 50. Jahrestag der Fertigstellung von Warhols Experimentalfilm Kiss gibt den Anlass, diesem Film das Liebespaar (auch bekannt unter dem Titel Kuss) – eines von Klimts berühmtesten Werken – gegenüberzustellen. Während Klimt sich explizit auf die Schilderung des erotisch aufgeladenen Moments der Annährung zwischen Mann und Frau konzentriert und so die Darstellung des Kusses als Sinnbild der Erfüllung sexuellen Begehrens bewusst umgeht, wird der Kuss bei Warhol experimentell überhöht und somit zum Symbol einer revolutionären Position im Kontext einer gesellschaftlich tief verankerten reaktionären Geisteshaltung. Beide Arbeiten beeinflussten auf ihre Weise das jeweilige Umfeld der Künstler, zugleich erweiterten sie aber auch das gesellschaftspolitische Bewusstsein ihrer Zeit.

Kunsthistorische Bedeutung erlangte Warhols Kiss durch seine kritische Reflexion der strikten Zensur sexueller Inhalte in amerikanischen Filmproduktionen. Bezugnehmend auf den Hays Code, der bis 1967 Richtlinien vorgab, wie moralisch akzeptable Darstellungen von sexuellen Inhalten filmisch umgesetzt werden mussten, liest sich Kiss wie eine emanzipatorische Parodie auf die kommerziellen Hollywoodfilme jener Zeit. Durch den Hays Code war die maximale Dauer einer Kussszene auf drei Sekunden begrenzt, Warhol hingegen reihte unterschiedliche Sequenzen sich küssender Paare – darunter auch gleichgeschlechtliche – zu einer 50-minütigen Kussszene aneinander.

Gustav Klimt, Kuss

Schon zu Lebzeiten war Gustav Klimt ein hoch angesehener Künstler, auch wenn er sich nach dem Skandal um seine Fakultätsbilder ab 1905 aus der Öffentlichkeit zurückzog, um fortan ausschließlich für das liberale Großbürgertum zu arbeiten. Bis zu seinem Tod im Jahr 1918 wurden bereits einige seiner Werke für die Moderne Galerie (die Vorläuferinstitution des heutigen Belvedere) angekauft, darunter die weltbekannte Jugendstilikone Kuss. Das Gemälde wurde im Entstehungsjahr 1908 auf der Kunstschau im Auftrag des Ministeriums erworben und gilt bis heute als bedeutendstes Werk der Sammlung des Belvedere. Die Meisterwerke Gustav Klimts werden dauerhaft innerhalb der Sammlungspräsentation im Oberen Belvedere ausgestellt. Anhand des umfassenden Bestandes kann die künstlerische Entwicklung Klimts von den ersten Auseinandersetzungen mit dem Historismus über die Secessionskunst bis hin zu seinem Spätwerk nachvollzogen werden.

Andy Warhol, Kiss

Mitte der 1960er-Jahre begann Andy Warhol sich verstärkt dem Multimedia-Bereich zuzuwenden. Auch wenn ihn weiterhin hauptsächlich die Auseinandersetzung mit dem Medium Film beschäftigen sollte, machte er sich als Protegé und Produzent des Debütalbums der experimentellen Rockband The Velvet Underground verdient. Kiss zählt zu den ersten Filmen, die Warhol in seiner Factory gedreht hat. Zwischen 1964 und 1966 produzierte der Pop-Art-Künstler mit Freunden, Models und Prominenten wie Lou Reed, Nico, Edie Sedgwick, oder Dennis Hopper an die 500 Kurzfilme, sogenannte screen tests. In seinen längeren anti-films, zu denen auch Kiss zählt, äußerte er seine Kritik unter anderem an der amerikanischen Filmindustrie. Andy Warhols Schwarz-Weiß-Stummfilm Kiss, entstanden 1963/64, gilt heute als einer seiner bekanntesten Filme und zählt zu den ersten, die der Künstler öffentlich präsentiert hat. 50 Minuten lang werden sich küssende Paare aus unterschiedlicher Entfernung und in wechselnder Zusammensetzung gezeigt. Geschlecht und sexuelle Orientierung spielen dabei keine Rolle. Darsteller sind Naomi Levine, Ed Sanders, Gerard Malanga, Baby Jane Holzer, Freddie Herko, Robert Indiana und Marisol. In seiner Konzeption ließ Andy Warhol sich von Greta Garbos letztem Stummfilm Der Kuss (1929) inspirieren, die Dreharbeiten fanden im August und im November/Dezember 1963 in The Factory statt. Gedreht wurde im 16-mm-Format. Die erste Filmrolle gelangte im September 1963 im Gramercy Arts Theatre zur Uraufführung, ein vierminütiger Auszug wurde (gemeinsam mit Kurzfassungen von Haircut, Eat und Sleep) zu einer Komposition von La Monte Young im September 1964 auf dem New York  Film Festival gezeigt.

www.belvedere.at

Andy Warhol – Kiss (1963): www.youtube.com/watch?v=FmzqNUaCGQU

Wien, 22. 4. 2014