Benedict Cumberbatch in „The Power of the Dog“

Januar 20, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Spätwestern um Männlichkeitswahn und Schwulsein

Benedict Cumberbatch als Rancher Phil Burbank. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Aus dem Off hört man die Stimme von Peter: „Was wäre ich für ein Mann, wenn ich meiner Mutter nicht helfen würde?“ Ein Satz, der vorwegnimmt, was am Ende geschehen wird. Regisseurin und Drehbuchautorin Jane Campion hat US-Autors Thomas Savage 1967 erschienenen, von der Kritik gefeierten, beim Lesepublikum erfolglosen Roman „The Power of the Dog“ unter gleichem Titel verfilmt.

Savage, der ein gutes Dutzend Westernromane über schwule Cowboys und repressive Geschlechternormen in ländlichen Gegenden des frühen 20. Jahrhunderts schrieb, eine literarische Ahndung der Machomentalität in Montana, wo er zur Zeit der Great Depression aufwuchs, verarbeitet in seiner queeren Story tatsächlich die eigene Familiengeschichte: Es war seine Mutter, die in die Rancher-Familie Brenner einheiratete und zu trinken begann, er hatte tatsächlich einen Onkel, der in seiner Fiktion ein Fiesling und Frauenhasser war. Campion, bekannt durch ihre feministischen Psychodramen in historischen und unwirtlich ländlichen Settings, ist keine, die in Filmen auf entlastende Befunde setzt. Sie sucht nach Konflikten, die sich ins Pathos steigern und in die kleinsten Verästelungen menschlicher Motivation zergliedern lassen.

Sie hat das erforderliche Faible für die langsamen Fahrten von Kamerafrau Ari Wegner über einsame, unendlich scheinende Landschaften, wobei sie das Montana des Jahres 1925 kurzerhand in ihre Heimat Neuseeland verlegte, und aufrichtiges Interesse an den Genderstereotypen. Das macht ihre Figuren authentisch grobschlächtig, aber nie einfältig oder leicht durchschaubar. „The Power of the Dog“ ist ein Spätwestern der mit den Elementen dieses Genres einerseits entlarvend umgeht, sie andererseits aber auch feiert und hochhält. Zu den 14 bis dato erhalten Auszeichnungen zählen der Silberne Löwe für Campion, Golden Globes als bester Film, für Campion und Kodi Smit-McPhee (er übrigens weiland der dunkelblaue X-Men Nightcrawler), sowie der Premio Sebastiane für den besten Film im Bereich LGBTQ+.

Kodi Smit-McPhee als Peter Gordon und Benedict Cumberbatch als Viehzüchter Phil Burbank werden sich denn auch als die beiden Gegenspieler erweisen. Das erste Bild zeigt einen männlich-mürrischen Phil in einem düsteren Haus, der seinen Bruder George, der in der Badewanne sitzt, in der Phil noch nie war, in geschwisterlicher Hänselei einen „Fettkloß“ nennt. Brüder sind als Erzählung seit Kain und Abel ein Klassiker. Auch hier ist die Rollenverteilung klar: Phil ist der Mann fürs Grobe, zuständig für das Vieh und die Ranch – und das, obwohl in der geschliffenen Verächtlichkeit seiner Bemerkungen eine akademische Intelligenz durchscheint (später wird man erfahren, dass er mal klassische Philologie studiert hat, worauf Keith Carradine als zum Dinner eingeladener Gouverneur fragt: „Schnauzt er die Tiere auf Altgriechisch oder Latein an?“)

George, ein Gentleman mit besten Manieren, ein Mann, der vor Freude weinen kann, hat sich aufs Phlegma verlegt, die psychischen Folgen, die die Abscheulichkeiten seines Bruders für andere haben, taubblind auszublenden. Seit 25 Jahren betreiben die beiden die von den Eltern übernommene Ranch in trauter Bruderschaft, in ihrer Unterschiedlichkeit – der eine schaut nach vorne, fährt Auto, der andere zurück, als Männer noch richtige Männer waren – sind die beiden gut aufeinander eingespielt, und es wird sich herausstellen, dass es der großmäulige Phil ist, der ohne George nicht leben kann – Cumberbatch, dessen Gegeneinander von sensiblem, bis in die Seele durchscheinendem Gesicht und kantigem, ungepflegtem Körper faszinieren; Jesse Plemons, der den George nicht minder bravourös verkörpert.

Der Viehtrieb führt nach Beech zu Rose. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Phil Burbank und seine Männer. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Frostiger Empfang: Benedict Cumberbatch, Kirsten Dunst und Jesse Plemons. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Benedict Cumberbatch und Kodi Smit-McPhee als Peter. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Es kommt der Tag des Viehtriebs. Man will die Rinder im Kuhdorf Beech in die Eisenbahn verladen. Dort läuft der fiese Phil zur Höchstform auf. Mit George und den Cowboys hat man sich im Gasthaus der Selbstmörder-Witwe Rose Gordon eingemietet – ausdrucksstark und für einen Oscar als Best Supporting Actor gehandelt: Kirsten Dunst. Phil und seine Männer poltern durch die Wirtschaft und verschrecken die anderen Gäste. Phils Spott trifft vor allem Roses Sohn Peter, den androgynen jungen Mann, der Blumen aus Krepp-Papier bastelt. „Kleine Lady“, ruft ihn Phil. Bei Peter ist es Hass auf den ersten Blick, und Kodi Smit-McPhee kann nicht nur optisch als herangewachsener Damian Thorn durchgehen, sein Gesichtsausdruck allein ist ein böses Omen.

George, der die Rechnung begleichen will, hört Rose in der Küche schluchzend. Da hat Phil einen Fehler gemacht! Denn George geht nicht nur zu ihr, um sich für seinen Bruder zu entschuldigen, er hilft auch beim Abwasch und beim Servieren, und sehr bald sieht Phil „die schäbige Intrigantin“ Rose wieder, als Georges Frau – Kirsten Dunst und Jesse Plemons sind auch privat ein Paar. Vorbei ist es mit der Zweisamkeit. Klar, dass George aus dem Brüderschlafzimmer auszieht, Phil hört sie beim Liebe machen durch die Wand. Diese Veränderungen im Familienleben triggern etwas in Phil, er beginnt Rose mit sadistischen Mindgames das Leben zur Hölle zu machen, startet die systematische Zerstörung von Rose, die sich zwischen ihn und George gedrängt hat. Dass ihr so deutlich anzumerken ist, wie viel Angst Phil ihr einflößt, stiftet diesen erst recht zu Gemeinheiten an.

Von ihrem konfliktscheuen Ehemann alleingelassen, flüchtet Rose ins Hochprozentige. Peter ist zum Medizinstudium in die Stadt gezogen, der Alkoholikerin in Schränken und unter der Bettdecke versteckte Schnapsflaschen werden vom harmoniesüchtigen George (und dem jeder Schwäche auflauerndem Phil) zwar bemerkt, aber verdrängt. All das schildert Campion aus der Sprachlosigkeit und dem Schweigen ihrer Figuren. Die Spannung entsteht aus dem, was diese nicht oder nur andeutungsweise zueinander sagen. Die Atmosphäre ist unergründlich wie in einem Krimi Noir. Am bemerkenswertesten ist freilich, wie Campion die Balance zwischen Antipathie und Empathie für ihre Figuren meistert. Wenige Filme haben bis dato das inflationär gebrauchte Schlagwort „toxische Männlichkeit“ so scharfsinnig und ausgewogen behandelt wie „The Power of the Dog“.

In all dem Unausgesprochenem hütet ausgerechnet der ganze Kerl Phil das „skandalöseste“ Geheimnis, auf dessen Spur die Zuschauerin, der Zuschauer eigentlich von Anfang gebracht werden. Im Beech-Saloon, wo Phil kein Interesse an den Bordell-Ladys hat, während er aber seine Arbeiter beim Nacktbaden im Fluss beobachtet. Sein persönlicher Held ist das archaische Mannsbild Bronco Henry, dessen Weisheiten er bei jeder Gelegenheit verkündet wie die Offenbarung, und der ihn wohl allerlei gelehrt hat. Von der großen Liebe seines Lebens hat Phil eine Kiste mit pornografischen Männerfotos und ein Halstuch aufbewahrt, mit dem er sich am liebsten an einen versteckten Teich zurückzieht.

Cumberbatch gestaltet Phils vielschichtigen und widersprüchlichen Charakter zwischen Idealisierung maskuliner Härte und der Tabuisierung von Homosexualität, wobei Zweitere mutmaßlich Erstere evoziert hat. Hinter der mit aller Kraft aufrechterhaltenen Fassade lässt Cumberbatch einen neurotischen Mann erkennen, der sein Schwulsein unterdrückt und deshalb keine Nähe, Emotionalität oder Zärtlichkeit zulässt. Sein aufgeblasenes Gehabe ist nichts als ein Abwehrverhalten. Diese Erkenntnis macht Phil nicht sympathischer, aber doch zu einer tragischen, weil ausweglos einsamen Gestalt. Dies also die Widersacher: Phil, der sich hinter einer vorgetäuschten Identität verschanzt, und Peter, der nichts anders sein kann und sein will, als er selbst.

Kirsten Dunst als frisch angetraute Rose in einsamer Umgebung. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Rose versucht vergeblich alles richtig zu machen: Kirsten Dunst. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

George pflegt die volltrunkene Rose: Jesse Plemons und Kirsten Dunst. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Peter bastelt aus Passion Papierblumen: Kodi Smit-McPhee. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Als Peter in den Ferien nach Hause kommt, Kodi Smit-McPhee vorher schon seltsam, jetzt noch stranger und mit sinistrem Blick, findet er Rose in schrecklichem Zustand vor. Phil versucht ihn mit homophoben Beleidigungen zu demütigen, doch Peter bleibt erstaunlich unbeeindruckt. Da ändert Phil seine Gangart gegenüber dem queeren jungen Mann und bietet an ihm ein Mentor in Sachen Wilder Westen zu sein. Als dieser erfreut zusagt, vermutet man, anders als die ob dieser Entwicklung aufgebrachte und besorgte Rose, sofort eine Falle. Bald folgt Peter Phil wie ein Welpe überallhin, um die „Männersachen“ zu lernen: ein Lasso flechten, ein Pferd reiten, rauchen …

„Lass‘ dich von deiner Mutter nicht zum Schwächling machen“, sagt Phil zu Peter, der danach zu seiner Mutter: „Ich sorge dafür, dass sich dein Leben ändert.“ Campion lässt Cumberbatch und Smit-McPhee viel Raum, um die Beziehung ihrer Charaktere zu entwickeln. Sie hält die Verbindung auf fesselnde Weise ambivalent. Auf seinen allein unternommenen Streifzügen fängt Peter einen Feldhasen, den der angehende Arzt sehr zum Schrecken von Köchin Mrs. Lewis, Genevieve Lemon, und Dienstmagd Lola, Thomasin McKenzie, die beiden Verbündete der zunehmend vom Wahnsinn umzingelten Rose, in seinem Zimmer seziert.

Er sucht und findet ein an Milzbrand verendetes Rind – Achtung: Spoiler! -, zieht Chirurgenhandschuhe an und schneidet den Kadaver auf. Beim Aufstellen eines neuen Zauns verletzt sich Phil ziemlich heftig an der Hand, was er naturgemäß ignorieren muss. Da er jedoch versprochen hat, Peter ein Lasso zu flechten, schneidet der das Rohleder in Streifen und Phil taucht seine lädierte Hand tief in das Wasser, dass die Tierhaut geschmeidig machen soll. Am nächsten Morgen findet ihn George schwerkrank im Bett, seine Hand ist stark entzündet. George bringt seinen Bruder ins Krankenhaus, wo er wenig später verstirbt. Bei Phils Beerdigung erklärt der Arzt George, dass sein Bruder an Milzbrand gestorben sei, was George verwirrt, da Phil kranke Rinder stets gemieden hatte, er dies entsprechend seines Naturells aber nicht weiter hinterfragt.

Es scheint ein Albdruck von der Familie Burbank genommen. Frances Conroy und Peter Carroll als Phils und Georges Eltern, beim Dinner mit dem Gouverneur noch versnobt und distanziert, umarmen nun endlich die Schwiegertochter. Peter, der nicht beim Begräbnis war, sieht die heimkommenden Rose und George sich vor dem Haus lächelnd herzen. Er schlägt die Bibel auf und liest laut Psalm 22: „Befreie meine Seele von dem Schwert, mein Leben von der Macht des Hundes …“

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20. 1. 2022

 

Akademietheater: Ein europäisches Abendmahl

Februar 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Stier zum Schlachtvieh gemacht

Da-Vinci-Tableau-Vivant mit Damen: Catrin Striebeck, Maria Happel, Sylvie Rohrer, Kirsten Dene, Frida-Lovisa Hamann und Katharina Lorenz. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Am Ende des Abends im Akademietheater erklärt sich sein Titel, „Ein europäisches Abendmahl“, erklärt sich, warum immer wieder eine überdimensionale Holzplatte über die Bühne getragen wurde. Die Schauspielerinnen machen sie zum Tisch, machen daraus ein Da-Vinci-Tableau-Vivant mit Damen. Erstmals nun nach neunzig Minuten sprechen sie miteinander, wenden sie sich einander zu, statt wie davor zu monologisieren. Auf seiner Homepage schreibt das Burgtheater vorsorglich, „das ‚europäische Abendmahl‘ ist kein mageres pseudofeministisches Manifest“, stimmt!, denn hier wird in einem starken Bild festgehalten, wie sich Frauen männlich besetzten Bedeutungsraum erobern.

Fünf Autorinnen aus fünf Ländern, Jenny Erpenbeck, Nino Haratischwili, Elfriede Jelinek, Terézia Mora und Sofi Oksanen, haben Frauenfiguren für diese Uraufführung erdacht, Barbara Frey hat sie inszeniert. Das Ergebnis ist ein Fest für sechs Schauspielerinnen, von der Regie kaum in ihren Reden unterbrochen, sondern in ihrer Darstellung subtil unterstützt, die Frey weiß halt, was sie tut, sie vertraut zu Recht der literarischen Qualität der Vorlagen. Gespielt wird in einer Art abgefackeltem, abgefucktem Prunksaal, der Rauch eines schwelenden Brands hängt in der Luft. In der Traumdeutung steht dieses untergründig Verheerende für innere Unsicherheit und falsche Zielsetzung – und genau darum geht’s:

Um Angstszenarien, die die Realität ins Absurde kippen. Um ein Wir-Sein, das im Wirr-Sein versinkt. Um die Anrufung von Werten und vor allem Sitten, Moralgesabbere, aber Anstand nirgendwo. Um Identität und Identitäre, Ideologie und Idiotie, Integrität und Integration, und Heimat als Begriff, nicht begriffen. Die Frauen in diesem Szenario sind keine Siegerinnen, die stehen an der Hintertür des gesellschaftlichen Spektrums, das Heilsversprechen einer besseren Existenz ist Utopie geblieben, und so meistern diese Anti-Heldinnen ihre missliche Lage im täglichen Überlebenskampf mit tapferer Selbstironie. Botschaften haben sie keine, keinen mahnend erhobenen Zeigefinger, nur Geschichten ihres Lebens. Und das sind nicht immer sympathische.

Kirsten Dene tritt als Erste auf, als „Mari“, Terézia Moras Debüt als Dramatikerin. „Frieden ist, wenn jeder bleiben kann, wo er ist“, erklärt sie. Ihr selbst war das nicht vergönnt. Ihre Flucht, mutmaßlich aus Ungarn, führte sie durch vieler Herren Länder, sie war Illegale und Schwarzarbeiterin, sie hat ihre Entwurzelung akzeptiert. Neckisch, in heiterem Ton erzählt das die Dene und lässt kokett die silbernen Löckchen tanzen. Ihre Angst vorm Fliegen und vor Bettlern und vorm Fremden bezwingt sie, indem sie einem syrischen Flüchtling hilft, dem Fremden also ein Gesicht gibt. Und doch wird auch dieser Schritt keiner aus der Isolation sein.

Neckisch bis in die Löckchen: Kirsten Dene spricht Terézia Moras Monolog „Mari“, ein Flüchtlingsschicksal im Rückblick. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Autorinnen-Look-Alikes: Sylvie Rohrer und Frida-Lovisa Hamann spielen Elfriede Jelineks „Frau aus Österreich“. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Ganz anders die „Frau aus Österreich“, Elfriede Jelineks Beitrag zur Aufführung und der einzige, der für das Projekt nicht aktuell geschrieben wurde, sondern zu den Zusatztexten der „Schutzbefohlenen“ gehört. Hier will man „unter sich“ bleiben. Sylvie Rohrer und Frida-Lovisa Hamann fungieren als Autorinnen-Look-Alikes und sozusagen „Synchronsprecherinnen“. Mit weit aufgerissenen Augen berichten sie im Duett von der Festung Europa, die ein Kartenhaus ist, ihr Stier zum Schlachtvieh gemacht. Werte gilt es, wie Grenzsteine zu setzen, sagen sie, bevor sie in einem Erdloch in Deckung gehen.

Maria Happel ist Marusja, eine von der georgischen Autorin Nino Haratischwili zu Papier gebrachte Figur. Die Putzfrau, selbst Immigrantin und nun zu ihrer Schande dazu verdammt, in einem Flüchtlingsheim sauber zu machen, hat einen unbändigen Hass auf die „Hammelfresser“, die noch dazu von der Willkommenskultur der „Eingeborenen“ und ihrer „Armee von Freiwilligen“ verhätschelt werden. Eine Gunst, die sie nie erfahren hat! Wie die Happel zwischen Vorurteile dreschen, Tiraden schleudern, grotesk Grauslich sein und Mut zur Verzweiflung das Trauma dieser Marusja austariert, macht seine Mitte gleichsam zum Höhepunkt des Abends.

Maria Happel brilliert als ausländerfeindliche Immigrantin „Marusja“ von Nino Haratischwili. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Sofi Oksanen schreibt in „Darja und Mary“ über Elternglück im Sonderangebot: Katharina Lorenz und Catrin Striebeck. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Spricht Nino Haratischwili in ihrem Text das Ausspielen der sogenannten Wirtschafts- gegen die Kriegsflüchtlinge an, die Sorge um den längst angestammt geglaubten Platz, die Furcht und die Selbsterniedrigung vor denen, die das Sagen übers Kommen-Dürfen und Gehen-Müssen haben, zeigt Sofi Oksanen einen anderen Irrpfad ins vermeintliche Glück. In „Darja und Mary“ soll der Weg der Frau aus der Armut über den Verkauf des eigenen Körpers gehen, nicht Prostitution, sondern Eizellenspende. Katharina Lorenz und Catrin Striebeck gestalten diese Geschichte, die ein wenig aus der Reihe fällt, die vom kapitalistischen Prinzip von Angebot und Nachfrage erzählt, vom Fortpflanzungsdruck und Leistungsabfall in den Industriestaaten, während die, die nichts haben, „wie die Karnickel!“ … Skurril klingt, wie die Biografie der potenziellen Spenderin ins Positive geschönt wird. Alkoholismus und Freitod in der Familie passen nicht in den Warenkatalog der Babyagentur.

Bleibt als letzter Text Jenny Erpenbecks Szene „Frau im Bikini“, mit der noch einmal Frida-Lovisa Hamann auftritt. „Ich habe heute Nacht nicht geschlafen, ich habe die ganze Nacht gehasst“, zitiert sie Bismarck und zählt detailliert Waffenlieferungen deutscher Firmen in Krisengebiete auf. Wegen Terror und Tod traut sie sich nicht mehr nach Draußen, ihre Straßen-Flucht die nackte Neurose, so nackt, als müsse sie im Bikini gehen. Diese Inventur Europas aus dem Blickwinkel von Frauen, sie ist aufs Erste niederschmetternd, ist gekennzeichnet von Ausbeutung und Angst, Hetze und Hass. Gut tut da der Hoffnungsschimmer zum Schluss, die Tischgesellschaft, die von der Jelinek’schen Wortweberei bis zu Oksanens zartem Sprachgespinst alle eint. Ein Flachmann geht rum, Solidarität sollte als Chance gesehen werden. In weiblicher Hand wäre die Welt vielleicht nicht besser, aber mit Sicherheit … anders. Vorhang.

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Wien, 12. 2. 2017

Akademietheater: Bella Figura

April 14, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Unterhaltungswert der Langeweile

Der Abend gestaltet sich zäh: Sylvie Rohrer, Joachim Meyerhoff, Caroline Peters, Kirsten Dene und Roland Koch Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Der Abend gestaltet sich zäh: Sylvie Rohrer, Joachim Meyerhoff, Caroline Peters, Kirsten Dene und Roland Koch. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Es ist schon so. Wenn sich alle ein wenig mehr angestrengt hätten, hätte das eine runde Sache werden können. Eine berührende Tragikomödie, und das wäre aus der Feder der Yasmina Reza schon was gewesen. Doch der Ansatz verreckt im Ansatz. Dieter Giesing hat am Akademietheater „Bella Figura“ inszeniert, zweifellos eines der schwächeren Stücke der Erfolgsautorin.

Was weniger daran liegt, dass sie einmal mehr more of the same serviert, das war ja abzusehen, sondern daran, dass sich dieses same nicht entwickelt. Die Exposition ist gleichsam der Handlungshöhepunkt, danach herrscht Stillstand. Der Welt größte Dramatikerin hat sich diesmal zu sehr auf die Kraft ihrer geschliffen witzigen Dialoge verlassen, und in diesem Sinne ist der Abend doppelt zum Lachen, weil sich trotz der üblichen Perlenreihenkette an Bonmots die Langeweile ausbreitet. Über deren Unterhaltungswert kann man geteilter Meinung sein.

Der Plot ist schnell erzählt. Zwei Seitenspringer rasen im gelben Sportwagen an: Andrea ist alleinerziehende Apotheken-Assistentin mit mittelschwerer Medikamentensucht und einem gerüttelt Maß an Maßlosigkeit, sobald Champagner perlt. Boris kämpft mit Firmenbankrott und Prozesswelle und will dieses Leid durch die Lust einer verbotenen Nacht lindern. Doch vorm Nobelrestaurant fährt er eine ältere Dame über den Haufen. Nix passiert, aber Aufregung. Der Sohn und dessen Lebensgefährtin rauschen an – und sie ist just die beste Freundin von Boris‘ Ehefrau. Der Rest ist Raus- und Rumreden. Mit jeder Sekunde schwindet die Hoffnung auf einen gepflegten Infight der Reza-Bourgeoisie, auf deren kuriose gegenseitige Ausbremsmanöver und ihre bekannt zielsichere Eskalationsdramaturgie mit den bekannt routinierten Tempiwechseln. Giesing setzt nicht mehr und nicht weniger in Szene, als die vorgegebenen dramaturgischen Anweisungen, als wäre seine Arbeit ein Klon der Schaubühnen-Ostermeier-Produktion aus dem Vorjahr – ein Regiereinfall.

Reza selbst setzt diesmal weniger auf skurrilen Krawall und lautstarkes Gedöns, als man’s von ihr sonst kennt, aber sie kann ihre diesbezüglichen Ideen nicht ausführen. Ein Beispiel: Die überrollte Yvonne, angelegt als verdrehte Alte vom Dienst, führt auch ein geheimes Alzheimer-Tagebuch, das zufällig von Andrea geborgen wird. Was hätte sich daraus entwickelt können an zart versteckter Verzweiflung, ein liebevoller Kommentar über das Menschsein und die damit verbundenen Sehnsüchte, über Werden, Wollen und Nicht-Vergehen-Wollen. Doch Reza lässt das Notizheftchen in die Restauranttoilette plumpsen, wohin sich Andrea und Boris zwecks Sex zurückgezogen haben. Beide begrinsen die unzusammenhängenden Einträge und geben ihr feuchtes Fundstück der Besitzerin zurück. Aus. Eine Enttäuschung.

Schon fließen die Nerventropfen: Joachim Meyerhoff und Caroline Peters Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Schon fließen die Nerventropfen: Joachim Meyerhoff und Caroline Peters. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Auch die Schauspieler machen nicht durchgängig gute Figur. Man hat sich zwar auf die gedrosselte Temperatur eingelassen, doch mit dem sinkenden darstellerischen Thermometer das für den Reza-Boulevard überlebensnotwendige Temperament eingebüßt. Die Bühne ist wie ein Kaltblüterterrarium kurz vor dem Winterkoma. Die Pointe bewegt sich träge vorwärts und, ja, werte Zuschauer, da kommt sie und trifft und sitzt und … uff … erledigt. Mitunter beschleicht einen das Gefühl, man befinde sich in einem Ibsen. Wobei das völlig falsch ist, weil man auf psychologische Feineinstellungen und ausgefeilte taktische Manöver im Geschlechtergrabenkampf vergeblich wartet.

Joachim Meyerhoff gibt den Boris, doch hat sich ihm die wie auch immer geartete „Sexyness“ eines Verkäufers von Veranden mit Seitenwänden nicht erschlossen. Der begnadete Mime hat sich am alterwürdigen Burgtheatervirus angesteckt, es ist mittlerweile wurst, ob er „Ist ein Arzt anwesend?“ nachfragt oder aus einem seiner Bücher vorträgt, er findet für alles Gesagte nur noch genau eine Tonlage. Ach, diese entsetzliche Lücke, auch wenn die militanten Verehrerinnen jetzt eine Fatwa verhängen, wahr muss wahr bleiben: Da ist einer von seiner eigenen Virtuosität besoffen. Joachim Meyerhoff spielt derzeit Joachim Meyerhoff wie er Joachim Meyerhoff spielt. Man glaubt ihm weder blankliegende Nerven noch andere Neurosen.

Caroline Peters hat als Andrea eigentlich den besten Part, das vulgäre Kontrastmittel zum dekadent Meeresfrüchte schmausenden Mittelstand, die einkommensschwache Guerrillera mit dem Herzen am rechten Fleck, und das gelingt ihr auch gut, dieser aufreizende Sarkasmus im Gegenteil zum selbstmitleidigen Mann. Doch, dass da auch eine Mutter ist, die ein Tränen trocknendes Telefonat mit ihrer Tochter führt, deren Teddy in der Waschmaschine ein Beinchen eingebüsst hat, verliert sich zwischen Gags um Schlampenkleidchen und Insektensprays. Trotzdem ist die Peters mit ihrem Gegeneinander-Ausspiel eine der Erfreulichkeiten des Abends.

Kirsten Denes Yvonne ist eine Kautzin, betulich nervig und tendenziell dement, doch versteht sie mehr, als die meisten ihr zutrauen wollen. Mit kleinen Spitzen und staubtrocken vorgetragenen Frechheiten würzt sie das Geschehen. „Ich ertappe mich oft dabei, dass ich so tue, als sei alles friedlich“, sagt sie neckisch ins Streitgespräch der anderen. Oder „Irgendwo lauert immer ein Happy End“, dies der Silberstreif fürs Publikum. Die Dene turnt mit alterskomödiantischer Leichtigkeit über die ihrer Rolle zugeschriebenen Peinlichkeiten hinweg, sie hat sich eine Kunstfigur geschaffen, die jeden Satz mit viel „Huch!“ und „Hach!“ seinem Ende entgegenschraubt. Das heißt: in lichte Höhen schraubt, denn alles Gesagte endet eine Oktave höher als begonnen und damit gleichsam als sei’s eigentlich eine Frage. Über Gott und die Welt und die Menschen darin. Welch eine Performance. Kirsten Dene zeigt märchenhaft schön, wie man Stroh zu Gold spinnen kann.

Das Alzheimer-Notizbuch ist in die Toilette gefallen: Caroline Peters, Kirsten Dene, Roland Koch und Joachim Meyerhoff Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Das Alzheimer-Notizbuch ist in die Toilette gefallen: Caroline Peters, Kirsten Dene, Roland Koch und Joachim Meyerhoff. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Sylvie Rohrer ist, als bessere Hälfte der biederen Paarung Françoise und Eric, dagegen seltsam inexistent. Ohne die Ausrede gelten zu lassen, dass ihre Rolle die konturloseste ist, hätte man von ihr mehr erwartet.

Mehr Widerstand, mehr Aufbegehren, mehr Emanzipation, eine Entwicklung dieses erst mutlosen Moralapostels. Doch auch ihre Françoise wurde von ihrer Schöpferin im Stich gelassen: an der einen Stelle, als sich die Frauen allein und unter zunehmendem Alkoholeinfluss, dieses ja das Reza-Motiv, an der Bar sammeln, und man denkt, Andrea setzt ihr nun den Kopf zurecht und Françoise erkennt die Vergeblichkeiten in ihrer vergeudeten Existenz – nichts. Und wieder nichts.

Der Typ gegen den sich Françoise endlich durchsetzen sollte, ist Eric. Und Roland Koch erweist sich einmal mehr als Ausnahmeschauspieler. Kaum einer ist im Burgensemble dieser Tage wandlungsfähiger als er. Er schlüpft, was prinzipiell Grundvoraussetzung wäre, für jede neue Aufgabe in eine neue Haut. Diesmal in die eines selbstgefälligen Klugschwätzers und obergescheiten Muttersöhnchens, das ist brillant und heiter anzuschauen, wie Koch aus der Zuschreibung der immer wieder Stecken-im-A**llerwertesten-Charaktere das Maximum herausholt. Wie er mit Andrea flirtet und bei Auftritt Françoise den Rückwärtsgang einlegt, wie er herumquängelt, weil keiner die sündteure Schneckenplatte aufessen mag, hat schließlich alles Geld, sein Geld gekostet, das ist der Kleingeistbürger, wie man ihn kennt und nicht liebt.

Ansonsten lotet Stéphane Laimé die Abgründe, die sich hier auftun hätten können, am besten aus. Sein hyperrealistisches Bühnenbild besticht mit einem Beinahe-echt-Aquarium und einem Beinahe-echt-Feuerwerk, und zeigt als letztes, als Boris das Wasser endgültig bis zum Hals steht, den Himmel in Unterwasserstimmung. Ein magischer Moment an einem geheimnislosen Abend, an dessen Ausgang man sich bereits beim Ausgang nicht mehr erinnern kann. Nur eines ist sicher: Das waren die längsten 90 Minuten dieser bisherigen Theatersaison.

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Wien, 14. 4. 2016

Im August in Osage County

Februar 28, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Meryl Streep und Julia Roberts im Duell der Diven

Julia Roberts und Meryl Streep Bild: Tobis Film

Julia Roberts und Meryl Streep
Bild: Tobis Film

Der Stoff ist bekannt. Alvis Hermanis inszenierte Tracy Letts‘ mit dem Pulitzer Preis (und fünf Tonys für die Broadway-Fassung) ausgezeichnetes Stück 2009 am Akademietheater. Unter dem Titel „Eine Familie“.  Und starbesetzt mit Kirsten Dene, Dorothee Hartinger, Dörte Lyssewski, Barbara Petritsch, Sylvie Rohrer, Martin Reinke, Falk Rockstroh, Dietmar König und Michael König. Nun zieht Hollywood nach. Regisseur John Wells bringt „Im August in Osage County“ – trotz Protesten des Dramatikers und Drehbuchautors nicht in der Original-US-Theaterbesetzung – auf die Leinwand. Als Kammerspiel, in meist abgedunkelten Räumen, ohne Chichi und Trara. Wells will die Bühnenherkunft der bitterbösen Tragikomödie gar nicht verschleiern. Das tut dem Ganzen gut. Er lässt den Vorarbeitern der Traumfabrik Raum. Und die entfalten sich prächtig. Allen voran Julia Roberts  als Barbara und Meryl Streep als Violet. Beide Damen waren für einen Golden Globe nominiert und sind es für einen Oscar.

Violet ist die Matriarchin einer Familie aus Oklahoma. Da ihr alkoholkranker Mann Beverly auf rätselhafte Weise ums Leben kam, finden sich die Familienmitglieder zur Beerdigung zusammen. Man hat einander lange nicht gesehen und diesen Zustand durchaus genossen. Violets herrische Art, ihr Zwang stets sofort auszusprechen, was sie  denkt, macht den Aufenthalt im Elternhaus zur Hölle. Für die Töchter Barbara und Karen, die erstmals mit ihren Lebenspartnern in ihre Heimatstadt reisen. Für Ivy, die bei Violet wohnen blieb. Außerdem kommt Violets Schwester Mattie Fae mit ihrem Mann und ihrem Sohn zur Trauerfeier. Obwohl alle Beteiligten das Ereignis möglichst schnell und friktionsfrei hinter sich bringen wollen, reizt Violets Zynismus schließlich alle zu Aussagen, die pünktlich zum Leichenschmaus allerlei dunkle Familiengeheimnisse ans Licht bringen …

„Im August in Osage County“ ist ein Frauenfilm. Streep, Roberts und Juliette Lewis als Karen sind derart brillant, dass die Kollegen Ewan McGregor (Barbaras Nochehemann Bill; man ist schon mitten drin in der Scheidung, will aber darüber schweigen, was natürlich nicht gelingt), Benedict Cumberbatch (als Mattie Faes problematischerSohn) und Sam Sheperd, ein Rückblenden-Beverly, schwer dagegen ankommen. Wiewohl auch sie fantastisch sind. Meryl Streep gestaltet die tablettensüchtige Violet – die Dene-Rolle – hart am Rande des Abgrunds. Und mit jenem Mut zur „Hässlichkeit“ (im Guck-mal,-nur-schöne-Leute-Business heißt das ja was), den man an der großen Schauspielerin immer wieder bewundern darf. Mit bröckelnder Fassade, Make-up und Perücke gehen im Laufe der Entgleisung verloren, lebt sie ihre seelischen Qualen, lang unterdrückte Begierden aus. Ist immer auf der Suche nach einem neuen Opfer für einen Schlagabtausch. Will verletzen – und verletzt vor allem ihre älteste, Barbara. Die spielt Julia Roberts zunächst noch mit hart erarbeiteter, hochdisziplinierter Zurückhaltung. Doch man merkt schon: Da brodelt’s unter der Oberfläche. Die angestauten Aggressionen brechen sich am Esstisch Bahn; wie Furien fallen die Frauen übereinander her.

Das ist großes Kino. Ein Familienk(r)ampf auf höchstem Niveau. Wie sich hier alles ums Geliebtwerdenwollen und Ungeliebtsein dreht, ist fast wie echt. Verwandte sind eben eine ererbte Krankheit. Mit den übrigen Leuten identifiziert man sich per Zufall.

Zu sehen ab 7. März.

www.augustosagecountyfilm.com

www.imaugustinosagecounty.de

Wien, 28. 2. 2014

Wiener Festwochen: Die Kinder von Wien

April 29, 2013 in Bühne

Ein Gespräch (und mehr) mit Regisseurin

und Rechercheurin Anna Maria Krassnigg

„Howeverstillalive“ ist nicht nur der Untertitel der literarischen Entdeckung von Chef-Salo5istin Anna Maria Krassnigg (Rechte: Thomas Sessler Verlag). Der große streitbare Satiriker Robert Neumann hat sich selbst so genannt – wie auch immer: noch am Leben. 1946, so vermeldete der New Yorker Herald Tribune schrieb er „a violent, gentle story“. „Children of Vienna“ führt in den Winter 1945/46, in ein fiktives Nachkriegswien. Zwischen Ruinen und Bombentrichter. Zu Schleichhändlern, Amts-Alliierten, einem schwarzen Nichts-Erlöser-USA-Missionar – dem kindlichsten Kind in dieser kinderfeindlichen Umgebung. Führt zu Läusen, Dreck und Wanzen. Fünf irgendwie überlebende Jugendliche hausen in einem Keller. Eine Wohngemeinschaft des Mangels, aber auch einer anarchischen Freiheit. Sie begegnen dem Leben ohne Moral, aber mit tierischer Zähheit und einem Witz, der beißt. 1948 schimpfte das „Neue Österreich“ gegen die „Überfülle von Widerwärtigem“. „Es geht nicht an, dass Österreich widerspruchslos ein Buch akzeptiert, das für das Land, für die Stadt, ihr millionenfaches Blutopfer und die jahrelange Bitterkeit gequälter Menschen nichts anderes übrig hat als ein zynisches Kaleidoskop.“ Neumanns geniale Parabel hat die Jahre überlebt (sie wurde in 18 Sprachen übersetzt, nicht aber ins Deutsche. Fast drei Jahrzehnte nach Kriegsende, 1974 veröffentlichte Neumann sie erstmals in Deutschland in eigener Übersetzung. 1979 erschien eine Ausgabe mit einer Einführung von Christine Nöstlinger), hat die Wegstrecke zum Heute mühelos eingeholt, ein Zeitstück über „displaced persons“.

Foto Christian Mair

Foto Christian Mair

2013 kommen sie von allen Kontinenten. Versuchen sich mit ihrem „displaced slang“ ein neues Leben aufzubauen, doch da bleibt die Wut im Bauch und das Lachen im Hals stecken … „Flüchtlinge in der Votivkirche, an den Euro-Randzonen, wir können nicht so tun, als hätte das nichts mit uns zu tun“, empört sich Anna Maria Krassnigg. Ab 15. Mai will die Theatermacherin in der Expedithalle der ehemaligen Ankerbrotfabrik ihr Projekt stemmen. Es spielen Werner Brix, Petra Gstrein, Daniel Frantisek Kamen, Jens Ole Schmieder, Kirstin Schwab, Martin Schwanda und David Wurawa. „Trüffelschweine“, liebevoll, nennt Krassnigg ihren Bekanntenkreis, der ihr half, diesen „originär-originellen, nicht zurückgeholten, unglaublichen Wiener Literaturschatz“ ausgegraben zu haben. „Dieser schnelle, böse Humor!“ Acht große Romane hat Neumann geschrieben; Krassniggs „Überziel“ wäre eine Neuauflage des Werks zu initiieren. „Wobei“, sagt sie, „man das parabel-, märchenhafte, fantastische der ,Kinder von Wien‘ sofort erkennen muss. Das Buch ist keine dokumentierte Wahrheit, es ist seelische Wahrheit, und die ist stärker als jedes Dokument. ,Ich muss ein Märchen schreiben, denn nur Märchen sind wahr'“ meinte Neumann. Die Saturday Review of Literature nannte es dann „a nightmarish fairy tale.“ Eine Story über den Menschen durch Krieg und Faschismus. Krude, radikal, verzweifelt, beklemmend. Alles ist kaputt und verdorben.

So ist auch die Konstellation der Protagonisten: Da ist der gerissene Schleichhändler Jid aus dem KZ, der blonde Goy aus einem Kinderverschickungslager und „Curls“, Besitzer der Kellerruine. Ewa, 15 Jahre alt, ist Prostituierte; ihre Freundin Ate war beim „Bund deutscher Mädchen“ und hat den Stechschrittsprech auch noch drauf. Im Babywagen liegt ein „Kindl“ mit Wasserbauch, um das sich alle kümmern. Eine todkomische, mitreißende, schonungslose Sprachfantasie soll da im zehnten Bezirk uraufgeführt werden, die Halle eine imaginär-zerstörte Stadt, ein wienerisch-gemütliches Inferno aus der radikal Neubeginn wachsen soll. Die Amis und ihre Preachers sind ja da. „Die Expedithalle wird unser Vienna“, bestätigt Krassnigg. „Eine Nachkriegsgeisterstadt, in der’s dort nobel zugeht, wo das Schiebergeld locker sitzt.“ Erni Mangold, Zeitzeugin, und unsentimental wie man sie kennt und liebt, war Krassnigg eine große Hilfe. Sie stellte lapidar fest: „Die Leut‘ werden a Sach ned verstehen: Das es so war! Wie willst anarchistische Freiheit vermitteln? Des is schwer. Da musst ned nur a Lehrstunde über Hitler, sondern auch über Dollfuß und Schuschnigg abhalten.“

„Thomas Bernhard hätte die ganze Sache wahrscheinlich ,Die Kinder von Wien. Eine Anstrengung‘ genannt“, lacht Krassnigg. Und ist sich eines weiteren Problems bewusst: Wie peinlich es sein kann, wenn Erwachsene Heranwachsende verkörpern.“ Sie hofft bei ihren Darstellern auf das von ihnen schon oft bewiesene „Gretchengen“ beziehungsweise eine „parsifalekse“ Spielweise. Auch Neumanns Sprache ist eine „Klischeefalle“, eine Mischung aus jiddisch, gaunerrotwelsch, wienerisch, US-Slang, ein Sprachbabylon, eine bewusst-ironische Kunstsprache, ein „displaced person“-Idiom. „Aber in Traiskirchen ist es auch nicht anders“, so Krassnigg. Und außerdem habe jeder der Schauspieler Unterstützer gefunden. Kamen, der den Jid gibt, etwa „zwei entzückende jüdische Damen, die Neumann noch kannten, und mit Daniel üben.“ Auf einer zweiten Spielebene findet ein „Maturatreffen der Geister“, eine Verfremdung, eine Zeitreise, eine Kommentarebene, „was typisch Krassnigg’sches eben“ statt. Die Kinder scheinen einander nach Jahrzehnten wieder zu treffen. Aber ohne konkrete Erinnerung. „Waren wir nicht gemeinsam auf Landverschickung?“, fragt BDM-Ate beim Tee in der Konditorei die KZ-Ewa.

Damit niemals vergessen wird, hat der Abend einen zweiten Teil: Von 12. bis 14. Juni werden im Salon 5 Zeitzeugen zu Wort kommen und sich der Diskussion stellen. „Da wird der ehemalige Schuster aus Ottakring genauso dabei sein, wie berühmte Forscher oder Künstler.“ Erni Mangold, Franz Stadler, Helmut Schüller oder Zukunftsforscher Peter Zellmann sind eingeladen. Am 23. und 24. Oktober gastieren „Die Kinder von Wien“ dann im Posthof Linz.

Zur Person Robert Neumann: 1897 in Wien geboren, Studium der Medizin, Chemie und Germanistik, danach unter anderem Bankangestellter, Effektenkassierer, Schwimmtrainer und Matrose. Mit seinen Parodien „Mit fremden Federn“ (1927) und „Unter falscher Flagge“ (1932) erreichte er literarische Bekanntheit. Manche nannten ihne wegen seiner Mischung aus Witz, Spott, Angriffslust sogar einen heimlichen Moralisten, versteckt hinter der Maske des Spachvirtuosen. Freund Erich Kästner – und Neumann hatte nicht viele Freunde – schrieb über ihn: „Halb ein Bürgerschreck und halb ein erschrockener Bürger dichtet er sich leicht frierend durch das Menschengewühl.“ 1934 Emigration nach England, wo er weiter als Autor arbeitete; ab 1939 Tätigkeit für den österreichischen und internationalen P.E.N., dessen Vizepräsident er 1950 wurde. Neumann veröffentlichte mehr als 100 Bücher, Theaterstücke, Hörspiele und Drehbücher, zählt heute jedoch zu den großen unterschätzten Romanciers Österreichs, dessen Wiederentdeckung und literarische Neueinschätzung noch aussteht. Er starb 1975 in München.

Wieder zu entdecken wären: „An den Wassern von Babylon“, „Ein leichtes Leben“ (Geschichten aus dem Internierungslager, in das die Briten „feindliche“ Emigranten steckten), „Die Parodien“.

www.festwochen.at

www.kindervonwien.at

Ein „Wienerlied“ zum Reinhören: kindervonwien.at/?p=328  
Werner Brix und David Wurawa singen ein Update ((Musik: Christian Mair) des legendären Wienerliedes vom „Lieben Augustin“ über Pest und Überlebenswillen. Alle Vertriebseinnahmen werden der Gruft, dem Caritas-Betreuungszentrum für Obdachlose, zur Verfügung gestellt. 30 Käufer, die je 0,99 Euro bezahlen, finanzieren bereits eine warme Mahlzeit, eine Woche lang. „Howeverstillalive“ wurde unter eigenem Label (saucybark) verlegt und kann ab sofort online über iTunes, Google Play und zahlreiche andere Musikplattformen erworben werden.

www.salon5.at

www.ifflandundsoehne.com

www.dramashop.eu