Schauspielhaus Wien und brut starten durch

Oktober 8, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Programm von Tomas Schweigen und Kira Kirsch

Tomas Schweigen (Indendanz Schauspielhaus) und Kira Kirsch (Indendanz brut) Bild: © Rania Moslam

Tomas Schweigen (Indendanz Schauspielhaus) und Kira Kirsch (Indendanz brut)
Bild: © Rania Moslam

Auf dem Schauspielhaus-Plakat ist King Kong mit rosa Brille. Er erklimmt das Burgtheater. Man mixe eben Selbstvertrauen mit Selbstironie meint der neue Intendant Tomas Schweigen dazu. Und packt einen Küchenwecker aus. Man wolle hier weder Zeit noch Nerven der Anwesenden strapazieren, dies übrigens auch der Grund, warum man sich zu dieser gemeinsamen Pressekonferenz entschlossen habe. Ein Zeichen für gegenseitige Neugier statt Neid. Wien scheint zwei bemerkenswerte Theatermacher dazugewonnen zu haben: Donnerstagvormittag präsentierten Schauspielhaus-Chef Schweigen und die neue brut-Intendantin Kira Kirsch ihre Programme. Das brut eröffnet am 30. Oktober, das Schauspielhaus am 31. Oktober.

Schauspielhaus Wien

Gemeinsam mit dem neuen Leitenden Dramaturgen Tobias Schuster stellte der gebürtige Wiener Schweigen sein Team vor. Das siebenköpfige Ensemble besteht aus Simon Bauer, Vera von Gunten, Jesse Inman, Steffen Link, Sophia Löffler, Vassilissa Reznikoff und Sebastian Schindegger. Das Haus, nunmehr wegen flexiblerer Raumlösungen wieder ein Ensuite-Haus, bleibt bei seiner Kompetenz für Ur- und Erstaufführungen; mit sieben Eigenproduktionen will man die Vielfalt des Autorentheaters zeigen, auch als Work in Progress. Das neue Programm widmet sich politischen Fragestellungen zur Zeit, dies so Schweigen „ist die Aufgabe eines zeitgenössischen Theaters“. Das Hans-Gratzer-Stipendium bleibt bestehen, wird durch einen Workshop mit Falk Richter, der auch inszenieren wird, sogar aufgewertet.

Los geht es am 31. Oktober mit der von Schweigen selbst verantworteten Uraufführung von „Punk & Politik“. Der vom Ensemble erstellte Text, das sich bei dieser Gelegenheit in seiner Gesamtheit vorstellen wird, befasst sich mit dem isländischen Punk und Politiker Jón Gnarr, der 2008 „Die beste Partei“ gründete und entgegen aller Erwartungen dem Land Stabilität brachte. Schweigen: „Ein Aufzeigen von Reformperspektiven!“ Mit Chris Thorpes dichtem Theatertext „Möglicherweise gab es einen Zwischenfall“ (Premiere: 6. 11.) wird erstmals ein Werk des in Großbritannien bereits gefeierten Autors auf einer deutschsprachigen Bühne gespielt. Es geht um Schicksalssekunden im Leben von vier Menschen – und wie schön es wäre, für eine ausführliche Reflexion derselben die Zeit anzuhalten. Thorpe wird im November in „Confirmation“ selbst als Hauptdarsteller auf der Schauspielhausbühne stehen.

„Der Grüne Kakadu“ von Arthur Schnitzler wird in einer Version mit zeitgenössischen Texten von Bernhard Studlar uraufgeführt (Premiere: 14. 1.), „unsere Klassikerposition“ nennt Schweigen die Produktion; mit „Imperium“ (Premiere: 25. 2.) ist eine Romanbearbeitung im Programm: erstmals wird Christian Krachts Bestseller in Österreich zu sehen sein. Die Geschichte des Nürnberger Lebensreformers August Engelhardt soll in der Regie von Jan-Christoh Gockel zur schrillen Komödie über religiösen Wahn und Welthandel werden. Gockel gilt als theatraler Experte für Kolonialismus und seine Nachwirkungen. Mit der Uraufführung „Strotter“ am 1. April machen Thomas Köck – einer der vielversprechendsten jungen Dramatiker Österreichs – und Tomas Schweigen nicht nur die Wiener Unterwelt unsicher, sondern auch den Anfang mit einem Projekt, das den Theaterraum verlässt und sich hinaus in die Stadt begibt. Bei der Rauminstallation „Cellar Door“ (Premiere 14. 4.) des schwedischen Installationskünstlers Thomas Bo Nilsson wird das gesamte Schauspielhaus in einen Bühnenkosmos verwandeln. Dabei wird das sich aktuell vorwiegend in Hass-Postings äußernde Aggressionspotenzial einer schweigenden Mehrheit zum Ausgangspunkt räumlicher und szenischer Überlegungen. Man darf gespannt sein auf diese Arbeit eines „Größen-Wahnsinnigen“.

Ein Coup ist in Koproduktion mit den Wiener Festwochen ist gelungen: Falk Richter und Choreograf Nir de Volff werden sich der „Cittá del Vaticano“ annähern. Eine Arbeit, die sich mit dem prägenden Einfluss von Religion und Kirche befasst, aus Workshops in mehreren Ländern entstehen soll, und auch nach der Uraufführung im Mai Work in Progress bleiben wird.

brut

„brut bleibt ein Ort für künstlerisches Abenteuer und Forschung und ein Heimathafen für die freie Szene“, versicherte Kira Kirsch. „Das Haus soll zum Experiment werden und in Diskussion mit der Stadt und seinen Bewohnern treten“. Das brut macht am 30. Oktober seinen Neu-Anfang: Für „We ’ve only just begun – Un-mapping the beginning“ werden „mehr als zwanzig Positionen aus Wien zum Thema Neubeginn und Neustart komponiert“. Mit dabei sind unter anderem Claudia Bosse, toxic dreams, Thomas Edlinger, die Rabtaldirndln, Doris Uhlich, das Grazer Theater im Bahnhof und das Schauspielhaus-Team. Kirsch: „Ein flexibles Format, mit dem Künstler auch auf die Wien-Wahl reagieren können, so sie das wollen.“ Außerdem richtet das rennweg no collective ein performatives Fest unter dem Titel „Part ay“ aus. Parallel dazu lädt am Eröffnungswochenende das Schweizer Theaterkollektiv mercimax in einem „Autoballett“ das Publikum auf die Beifahrersitze von Wiener Autofahrern. „Zu hören sind dabei die Geschichten der Autofahrer, die ihr Verhältnis zum Auto und zur Stadt reflektieren“, so Kirsch, die zuletzt leitende Dramaturgin beim steirischen herbst war.

Dieses und andere Projekte im Stadtraum erhalten das Label „brut+“. So bespielen die New Yorker Performerin Ann Liv Young und der Pianist Marino Formenti ab 16. November in dieser Reihe vier Wochen lang ein leer stehendes Wiener Geschäft mit zweistündigen Performances für jeweils einen Zuschauer, dem sie „auf Augenhöhe“ begegnen wollen. Diese Einzelbegegnungen münden in eine „Revue“ am 12. Dezember. Als erste genreübergreifende Kooperation realisiert das Hamburger Kollektiv geheimagentur ein Wettbüro zwischen brut und der Wiener Kunsthalle Exnergasse.

Uraufführungen und Kollaborationen mit lokalen Künstlern und Institutionen bilden den Schwerpunkt im brut-Programm. Unter anderem entstehen die Musikkomödie „Dr. Kawis Erforschung des Einstellungsinventars der Liebesstile“ des Wiener Künstlers und Queer-Theoretikers Gin Müller mit Barbara Kaiser und Tamara Wilhelm für Dezember sowie ein gemeinsames Weltraumstück der Wiener Autorin Gerhild Steinbuch mit dem Schauspieler Sebastian Straub und der Bühnenbildnerin Philine Rinnert für Jänner. Auch die Wiener Künstler Anne Juren und Michikazu Matsune arbeiten an neuen Projekten für brut. Das Grazer Theater im Bahnhof startet die regelmäßige Reihe „Zu Gast im brut“, moderiert von Pia Hierzegger. Die Präsentation internationaler Produktionen ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil des Programms. So konnte für das zweite Wochenende der Spielzeit der argentinische Theater- und Filmregisseur Federico León für ein Gastspiel mit dem Titel „Las ideas“ gewonnen werden. Außerdem wird das Debütstück des jungen Choreografen Julian Weber gezeigt, in dem  Meg Stuart, Nik Haffner und Peter Pleyer zu sehen sind.

Neu sind die Küchenstammtische „Bring your own booze“ – Getränk ist mitzubringen, das brut wird die Gäste mit Essen versorgen. Die Bar trägt ab sofort den Namen „burt“, DJs machen hier Party.

Die Finanzen

Das brut sei von Thomas Frank schuldenfrei übergeben worden, sagte Geschäftsführer Richard Schweitzer. Der Spielort im Konzerthaus-Keller wurde aus inhaltlichen und finanziellen Überlegungen aufgegeben. Etwa 100.000 Euro jährlich könnten dadurch gespart werden. Die Förderung der Stadt Wien beträgt unverändert 1,6 Mio. Euro jährlich, Anträge für Bundes- und EU-Förderungen, diese im Juni  allerdings abgeschmettert, wurden erneut abgegeben oder werden vorbereitet. Das Schauspielhaus wurde laut seiner kaufmännischen Leiterin Rita Kelemen von Vorgänger Andreas Beck mit einem Plus von 25.000 Euro übernommen, die Subventionshöhe (1,9 Mio. Euro von Bund und Stadt) ist unverändert geblieben.

www.schauspielhaus.at

brut-wien.at

Wien, 8. 9. 2015

Schauspielhaus Wien: Johnny Breitwieser

November 29, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Verbrecher-Ballade aus Wien

Martin Vischer, Thiemo Strutzenberger Bild: © Robert Polster / Schauspielhaus

Martin Vischer, Thiemo Strutzenberger
Bild: © Robert Polster / Schauspielhaus

Es ist der Text des Jahres. Dramatiker Thomas Arzt hat mit „Johnny Breitwieser. Eine Verbrecher-Ballade aus Wien“ schon einen spannenden Lesestoff erdacht. Wiewohl das Ganze auf einer wahren Geschichte beruht. Ein Glück für das Publikum im Schauspielhaus Wien, das das Stück zur Uraufführung brachte, dass noch niemand an eine Verfilmung dieser Unglaublichkeit dachte. Nun wäre die Zeit dafür. Nachdem Komponist Jherek Bischoff und Regisseur Alexander Charim Arzts Vorlage noch spannender gemacht haben.

Johann Breitwieser wurde in die stad schauende Welt vor dem Ersten Weltkrieg geboren. 1891, als sechstes von 16 Kindern. Der vorstädtischen Elendsbevölkerung diente der „Eisenschlitzer“, heißt: Tresorknacker, bald für Mythen und Legenden. Einer der ihren war zum König von Wien aufgestiegen, nahm’s den Reichen (deren Frauen er’s auch besorgte) und gab’s den Armen. Filzschuhe hat er gestohlen und Brot. Aber nicht nur. Er, der sich um den Frontdienst drückte, lieber als einer mit nervösem Tick nach Steinhof ging – und natürlich ausbrach (16 Mal soll ihm das insgesamt gelungen sein), nahm sich auch der Nobelvillen und Ringstraßenwohnungen an. Nach einem Coup in der Hirtenberger Waffen- und Munitionsfabrik, bei dem er eine halbe Million Goldkronen erbeutete, zog er sich samt Familie ins Landleben zurück. Gemüsebeete in St. Andrä-Wördern. Er wurde verraten und 1919 erschossen. Je nach Quelle sollen 8000 bis 40.000 Menschen seinem Leichenzug durch Wien gefolgt sein.

Arzt und Charim verbieten sich nun jede Sozialromantik. Der eine hat einen Kunstdialekt aufgeschrieben, auch ohne Meidlinger Llll eine desaströse Sprache. Hat zwei allegorische Figuren eingeführt, die verkrüppelte Luise (Nicola Kirsch) als Johnnys „Volk“, Greta (Katja Jung) als wohlhabende In-regelmäßigen-Abständen-Witwe, als deren Tröster sich Breitwieser immer wieder gerne einfindet. Selbst bei ihrer späteren Erwürgung kann sie noch ganz Zicke sein. Als könne dem Kapital keiner die Luft abschnüren. Charim ließ von Ivan Bazak dazu kein Bühnenbild bauen, sondern eine bewegliche Schnürlvorhangwand, ein „Shimmering Beast“ wie von Nicolas Field, die Töne spuckt. Für die aber tatsächlich das Streichquarett Ensemble Lux und Schlagzeuger Mathias Koch unter der Leitung von Belush Korenyi zuständig sind. Moderne Moritaten und Protestgesänge, Weill es so schön zum Thema passt, lässt Bischoff die Schauspieler anstimmen. Aber auch lateinamerikanische Rhythmen und ein von Gideon Maoz vorgetragenes sehr wienerisches Lied vom Leichenzug. Und einen Ersten-Welt-Krieg-Song à la ancestors of The Andrews Sisters. Und bei wem sich bei Franziska Hackls (als Johnnys große Liebe Hure Anne) flehendlichem „Gib‘ mir dein Herz“  innerlich kein Taschentuchalarm auslöst, der hat eins aus Erz. Das Schauspielhausensemble spielt und singt – Martin Vischer als Johnny hat diesbezüglich die schönste Stimme – mit einer Intensität, dass es weh tut.

Doch Johnny entsagt sich jeder Sentimentalität. Wie soll man Einbrecher sein, in einer Welt, die einbricht? Wie ein Räuber, wenn die viel größeren Verbrecher an viel höherer Stelle sitzen? Mancher aufgeschweißte Tresor ist leer, das immerwährende Geld anderswo in Sicherheit. Charim arbeitet aus dem Arzt’schen Konvolut einige Konflikte großartig heraus. Da ist der der Brüder im Moor-ast. „Carl“ Thiemo Stutzenberger, Engelmacher, um den Frauen Selbstentscheidung über ihre Körper zu geben, und Marxist verübt die Taten unter dem Überbau einer politischen Theorie. Johnny-Vischer will „im Moment“ leben. Denn mehr gibt es in dieser unsicheren Zeit nicht. Stark ist das, der eine Bruder Gauner mit Herz, der andere Bruder nur Herz. Blutendes Herz. Carl wird im Krieg ein Bein verlieren. Johnny stilisiert sich zum Rächer, der das Leid ins Gute wendet. Er arbeitet hart an seinem Dandy-Image (im Original gibt es ein Polizeifoto, auf dem er sich im edlen Mantel mit aufgestelltem Pelzkragen ablichten lässt). Er will Bobo, Bourgeoisbohemian, sein, lange bevor der Begriff erfunden wurde. Anne flüchtet sich ob aller höchsten Versprechungen längst in Sarkasmus. Höhepunkt ist ein Ball bei Greta, der von Exstase zum Überfall führt. Ein wunderbarer Moment als Polizeioberkommissar Schödl den als Dame der Gesellschaft verkleideten Carl nicht als Mann erkennt und angetrunkene Avancen macht.

Womit man beim Psychoduell der Angelegenheit wäre. Breitwieser hat Schödl (von Arzt genannt „sein Mörder“) einst die Hand zerschossen. Florian von Manteuffel gibt ergo einen Fanatiker auf der Suche nach dem Täter – und den Polizeihund gleich mit. Eine fabelhafte Leistung eines Zerrissenen, der brutal sein will, aber es in der Seele nicht kann. Der im Gefängnis die Nähe, fast die Absolution seines Häftlings sucht. Eine schauspielerische Glanzvorstellung. Wie stets bei Manteuffel mit viel Ironie für die eigene Figur. Er, der nicht zu den „Gründervätern“ des Schauspielhauses gehört, ist so ein Gewinn für die Truppe. Und wird, nachdem ihm Wenzl-Maoz das Versteck verraten hat, Johnnys Kleinbürgerglück – laut Greta reaktionäre Idiotie – mit einer Kugel zerschießen. Der Knall bleibt ungehört. Breitwieser stirbt als Video-Leich‘. Auch das ein kluger Einfall, die Systemgegner nicht auf offener Bühne abknallen zu lassen. Bravo!

Und eine unbedingte Empfehlung. Viel zu wenig hat die Wiener Kultur in all ihren Sparten aus der Perspektive der Armut erzählt. Im Vergleich zu Émile  Zola oder Toulouse-Lautrec oder Jack London oder Horatio Alger. Schnell, es ist Zeit, dass die Funken wieder fliegen. Bevor das Proletariat endgültig tot ist – und nur noch die Proleten übrig sind!

www.mottingers-meinung.at/thomas-arzt-im-gespraech

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Wien, 29. 11. 2014

Schauspielhaus Wien: Hunde Gottes

Oktober 12, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Who killed Bambi?

Gideon Maoz, Florian von Manteuffel, Nicola Kirsch, Katja Jung, Steffen Höld, Simon Zagermann Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Gideon Maoz, Florian von Manteuffel, Nicola Kirsch, Katja Jung, Steffen Höld, Simon Zagermann
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Um die Persistẹnz österreichischer Dramatik muss man sich keine Gedanken machen. Thiemo Strutzenberger etwa, der das Schauspielhaus Wien schon mit einem Emily-Dickinson-Stück beschenkte www.mottingers-meinung.at/schauspielhaus-wien-queen-recluse/, lud nun zur Uraufführung seines neuen: „Hunde Gottes“. Hollywood und sein Meisterregisseur der 1950er-Jahre, Douglas Sirk, stehen diesmal im Mittelpunkt seines Interesses. Der gebürtige Hamburger, der Rock Hudson groß und Jane Wyman noch größer machte, war DER Magier des Melodrams. Alles larger than life. Mit Taschentuchalarm. Gefühlvoll geschilderte Frauenschicksale. An der Kinokasse wie bei den Kritikern geliebt. Rock Hudson als Gärtner, der die reiche Witwe vergöttert, oder „Solange es Menschen gibt“, eine zurückhaltende Studie über Rassenvorurteile und die Unfähigkeit, Gefühle und Karriere zu vereinen, „Zeit zu leben und Zeit zu sterben“, das war’s, was die Leute sehen wollten.

Stutzenberger wäre aber nicht Thiemo, würden seine Figuren einfach Dick, Tom und Harry heißen. So begibt er sich namenstechnisch ins italienische Frühmittelalter und nennt die Rollen:

Dante Alighieri (Dichter und Philosoph, Verfasser der „Göttlichen Komödie“ /angestellter Architekt, der, weil er im Krieg Himmel und Hölle durchwanderte, einen Kameraden, mit dem ihn eine besondere Art Liebe verband, in Fetzen gerissen sah, die Kleider einer italienischen Witwe – eigentlich gehört die schwarze Abendgarderobe seiner Frau – trägt). Betty Alighieri (Beatrice / Schauspielstar, liebte in Abwesenheit des Gatten den Gärtner). Leonardo (da Vinci / Sohn des Hauses, der sich neben seinem Collegestudium im Rotlichtmilieu halbnackt um Stangen schlängelt. Er wird im Laufe des Stücks erfahren, dass er der Sohn des Gärtners ist.). Francesco Petrarca (Dichter und Mitbegründer des Humanismus / Architekt und Dantes Vorgesetzter. Er will Laura, sein Pygmalion-Projekt, heiraten.) Laura (verheiratete Liebe Petrarcas, Quelle seiner Inspiration, starb an der Pest / Tochter des Gärtners, Prostituierte, will bei Petrarca an Bildung abgreifen, was geht.) Mr. Deagan (Gärtner, von Dante im Wahn für seinen doch noch heimgekehrten Kameraden gehalten / der einzige historisch greifbare war ein William Francis, Army-Major und Architekt, Demokrat in New York unterm korrupten Bürgermeister „Beau“ Jimmy Walker, für den er Stadtumgestaltungen vornahm / weiterführende sachdienliche Hinweise erbeten.)  Auf diese erquickende Verqickung von „U“ und „E“ sei er gekommen, sagt Strutzenberger im Interview, weil in Florenz auf jedem Bierdeckel Dante stehe.

Womit auch schon viel von der Handlung erklärt ist. Es geht um Sodomie. Jenes christliche Konstrukt für sündiges, angeblich widernatürliches Sexualverhalten, das nicht der Fortpflanzung dient, nicht zu verwechseln mit Zoophilie, sondern einfach verbotene, weil von der Gesellschaft nicht akzeptierte Liebe, die in manchen Ländern bis in die Neuzeit mit dem Tode bestraft wurde. Es geht um die Suche nach dem Selbst und das Nicht-mehr-bei-sich-Sein, wenn man es nicht findet. Oder doch findet. Es geht um die wie Leonardo gefallene kosmische Ordnung und – haha, der vitruvianische Mensch – um die Architektur des Leibes und der Seele, wenn Eros alle Grenzen wegwischt. Es geht darum, dass die große Tragödie nicht für die Mittelklasse erfunden wurde, sondern für sie das Melodram. Mit all seiner Aufrichtigkeit und all seinem Sentiment; nur die Ernsthaftigkeit zum letzten Schritt bleibt ihm unter Geigengewimmere versagt. Am Ende und am Ende, es gibt nämlich einen Schluss und einen Filmschluss, liegt ein Ermordeter auf der Bühne. Und weil das jetzt nun mal wirklich nicht sein muss, verkleidet er sich schnell als Reh – eine Re­mi­nis­zenz an Sirks „Was der Himmel erlaubt“.

Nach Ende des Einführungsunterrichts kann nun gesagt werden: „Hunde Gottes“ ist ein Abend zum Lachen. Von einer zeitgereisten Ironie, die sich Sirk stets verbeten hat. Ganz großes Kino. Gefühlsecht. Im Bühnenbild von Johannes Weckl – ein Garten mit diesen unbequemen 50er-Jahre-Gartenstühlen, durch deren kunterbunte Schnürungen meist früher als später der Popo rutschte, mit halbem Davidshaupt, mit angedeutetem Innenraum, dessen Vorhang als Leinwand dient – inszeniert Barbara Weber temporeich, mit Sinn für Slapstick in dem Sinne, dass ihr die Situationskomik immer in den tragischsten Momenten auskommt. Wie’s einem eben so geht, wenn man die alten Schinken wiedersieht. Da leidet der Held, während man schon vom Sofa fällt, weil so heute niemand mehr … Strutzenberger legt seinen Geschöpfen Halbsätze in den Mund. Die ganze Wahrheit wäre wahrscheinlich zu schwer auszusprechen. So mäandern sie von Handrücken-an-die-Stirn-haltend zu trivial-lakonisch. Größte Peinlichkeiten werden zu Allgemeinplätzchen verkleinert. Ein großartiger Text, der aber erst durchs Spiel des wie immer hervorragenden Schauspielhaus-Ensembles seine volle Kraft entfaltet.

Katja Jung ist als Betty ganz Hollywood-Diva. Visconti will mit ihr drehen, da kann rundherum die Welt aus den Fugen geraten. Die Jung „schmiert“ und outriert, dass es eine Freude ist. Gibt einerseits die Egomanin, andererseits die mit dem größten Besen zum Unter-den-Teppich-Kehren. Nur kein Skandal, der dem Image schadet. Und doch wird sie sich später als die beste Mutter erweisen, als wär’s die Rolle ihres Lebens. An Überkandideltheit kann ihr nur Steffen Höld als Dante das Wasser reichen. Noch „normal“, als er seinen Vorgesetzten zum Dinner lädt, obwohl ihm vor dessen Architekturausführungen graut, steigert er sich in einen Furor, der seinesgleichen sucht. Und ist als vedova ernsthafte Konkurrenz für Silvana Mangano in Camerinis „Ulisse“. Gideon Maoz als missratener Sohn ist ein eiskalter Todesengel. Es gilt Leonardos Gesetz. Die Reibungskraft ist unabhängig von der Grösse der Auflage. Der Gärtner muss weg. Florian von Manteuffel spielt einen jovialen Petrarca, der nicht versteht, warum rund um ihn alle so … aber wirklich interessiert es ihn nicht, so lange er darüber philosophschwafeln kann, BevHills in ein Neo-Florenz umzugestalten; dabei ist er optisch vom Stetson über die protzige Gürtelschnalle bis zu den Stiefeln der Parade-Ami. Nicola Kirschs „Laura“ hält alles und jeden auf Distanz. Das Misstrauen in Person. Um nichts gefühlswärmer als Leonardo. Ihr Vater Deagan (Simon Zagermann) hingegen ist die gutmütige Seele, ja Ma’am, danke Ma’am, wie es sich für einen Bediensteten anno anno gehört.

Am Abend von Bettys Filmpremiere sind die Pulverfässer längst an ihren Plätzen, die Lunte gezündet. Alle sind jetzt noch künstlicher, künstlerisch wertvoller. Die Geschichte läuft noch einmal ab. In Technicolor, Großleinwandformat. Wer dachte, mehr geht nicht, weiß nun: Mehr ist mehr. Und das wollen wir auch: Mehr Schauspielhaus, mehr Strutzenberger, mehr … Drama des Exzess‘. Ach ja, der Titel. „Hunde Gottes“ führt wieder ins Florenz des 15. Jahrhunderts zurück, ist wörtlich übernommen von den Dominikanern, die die Inquisition ein- und durchführten, weil sie sicher wussten, was falsch und was richtig ist, gottgefällig, und deshalb ihren heftigsten Bußprediger, Savonarola, auf den Scheiterhaufen schickten.

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Wien, 12. 10. 2014

Das Schauspielhaus Wien spielt Theresia Walser

April 11, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“

Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Der Satz, der Titel von Theresia Walsers Stück, das am Schauspielhaus Wien in der Regie von Sebastian Schug seine österreichische Erstaufführung erlebte, klingt schon nach Märchen: „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“. Das Zitat wird dem libyschen Revolutionsführer Muammar al Gaddafi zugeschrieben. Drei böse Königinnen hat die Autorin versammelt, sie vor die Vergrößerungsspiegel ihrer Schreckensbilder gestellt, das Publikum über sie lachen lassen, um das Bizarre, das Komische im doppelten Sinn ihrer Gedanken und Argumentationen zu verdeutlichen – und die Frage im Raum stehen zu lassen: Wie konnten solche Leute je an die Macht kommen? Die Bühne beschreibt die Walser als „Ort für Wahrnehmungsschärfe von gesellschaftlichen Witterungsverhältnissen“. Und obwohl ihr natürlich nicht an einem Dokutheater gelegen war, hat sie doch das biografische Material ihrer Protagonistinnen eingehend studiert. Das ist derart monströs, dass man zuweilen gar nicht viel dazu erfinden muss. Daher hier ein kurzer Abriss über die Damen der Gesellschaft:

Margot Honecker: Geboren 1927. War Ministerin für Volksbildung in der DDR und bestimmte die Einführung eines einheitlichen, sozialistischen Bildungssystems. Sie setzte Wehrkundeunterricht, praktische Übungen an der Waffe  und Zwangssport für „unbelehrbare Kinder“ durch. Wegen ihrer arbeiter- und bauernstaatlichen Haartönung wurde sie insgeheim als „blaue Eminenz“ oder „lila Drache“ verspottet. Bis heute versteht sie nicht, „wie manche so blöd sein konnten, über die Mauer zu klettern“. Am heutigen Deutschland – sie lebt bei ihrem Enkel in Chile und bezieht aus Deutschland eine Hinterbliebenen- und Altersrente – vermisst sie nur „die Wälder und die Pilze“. Und natürlich Erich.

Imelda Marcos: Geboren 1929. War nach der Wahl zur Miss Manila mit dem zweiten Platz nicht zufrieden und ließ sich vom Damals-noch-nicht-Gatten Ferdinand zur „Muse der Philippinen“ ausrufen. Sie erfreute Staatsgäste gern mit ihrer Gesangskunst, was nichts mit dem Attentat auf sie (zwölf Messerstiche; sie beschwerte sich später über die Hässlichkeit der Klinge) zu tun haben dürfte, aber vielleicht mit ihrem Spitznamen „The Iron Butterfly“. Sie besitzt 3000 Paar Schuhe und einen schussfesten BH, für die 1998 ein eigenes Museum errichtet wurden. Nach der Rückkehr aus dem Exil wurde sie 2010 und 2013 wieder ins Repräsentantenhaus gewählt. Ihr Sohn Ferdinand jr. ist Senator; viele Familienmitglieder bekleiden wichtige politische Ämter. Imeldas schönster Satz: „Das Volk lebt nicht vom Brot allein, es braucht auch sehr, sehr schöne Sachen.“ Von Kuchen war an dieser Stelle nicht die Rede.

Leïla Ben Ali: Geboren 1956. Gelernte Friseurin, obwohl sie im Stück mehrfach betont, „auch französische Literatur studiert“ zu haben. Zine el-Abidine Ben Ali, durch einen Putsch – er ließ seinen Vorgänger von Ärzten für regierungsunfähig erklären – in Tunesien an die Macht gekommen, ließ sich für sie scheiden. Die zehn Geschwister von Leïlas mafiösem Trabelsi-Clan stiegen in Spitzenpositionen vom Bankenwesen über die Tourismusbranche bis zum Immobilienmarkt auf. Die Menschen nannten sie verächtlich die „Königin von Karthago“. Zum Sturz Ben Alis 2011 kam es durch die Selbstverbrennung eines Gemüsehändlers in Tunis, was Massenproteste auslöste, die als Beginn des Arabischen Frühlings gelten. Leïla flüchtete mit 1,5 Tonnen Gold im Wert von 45 Millionen Euro. Sie soll angeblich in Dubai sein.

Diese Drahtzieherinnen hinter ihren Diktatorenmännern holt Walser nun in die erste Reihe. Vor den roten Vorhang. Es soll ein Film – Imelda hätte lieber eine Oper; Leïla sieht kaum mehr Chancen, hätten sie doch nur Liz Taylor oder die junge Sophia Loren darstellen können – über sie gedreht werden. Und das sollen sie auf einer Pressekonferenz nun erzählen. Wunderbar schon Optik und Gehabe der drei: Katja Jung als Frau Imelda dominiert das Bühnengeschehen. Plump, vulgär, aber zäh, weil, wenn schon einmal ein Messerstecher vor einem stand („Zu jedem bedeutenden Leben gehört ein Attentäter!“) …, ständig in ihrer Handtasche verstaute Makronen fressend. Nicola Kirsch ist als Frau Leïla mondän-modebewusst, manieriert, arrogant; Angst hat sie nur vor dem  uah! Trinkwasser. Da wohnen doch Asseln drin und scheißen rein, oder? Franziska Hackl ist als Frau Margot kalt, streng, emotionslos, alte Kaderschmiede. Sentimental ist sie nur in Bezug auf die Urne, in der sie ihren SED-Schatz spazieren trägt. Und weil man einander sprachlich ja fremd ist, gibt es Gottfried, den Übersetzer, Florian von Manteuffel in seiner besten, heitersten Schauspielhaus-Performance bisher.

Es herrscht natürlich Zickenkrieg. Man schenkt einander nichts, sondern sich ganz schön ein. Bösartig, sarkastisch. Na, wie simma denn dort hingekommen, wo wir heute nicht mehr sind? Vor allem Jung ist eine Meisterin des Makabren. Dieses Kammerspiel des Grauens erinnert irgendwie an den – Sie wissen schon – Herrenduschgelwerbespot. Die gute, alte Zeit. Als sich Fingernägel, zwar unter Geschrei, aber doch wie von selbst gelöst haben. Unbequeme einfach verschwanden. So wie Mauerblümchen. Mit Stalin in Erinnerungen schwelgen, mit Castro Autocruisen, Maos „Pappel“-Gedichte („Bei dem war doch jede Frau eine Pappel.“) Der Staat krisenlos, das Volk kritiklos, gängelsüchtig und aufstandsdesinteressiert. So wollmas haben! Und nun: die großen Helden tot oder vor irgendeinem obskuren holländischem Gericht. Jung, Hackl und Kirsch sind sagenhaft in ihrer Solidarität der Schlächterinnen.

Doch in jedem guten Spiel gibt es einen Joker. Manteuffel, der sich als großer Komödiant entpuppt, die Rampenheulsuse aus Jena – die ergo mit Margot Extra-Hühnchen zu rupfen hat -, der normalerweise bei Fischereiverbandskongressen simultandolmetscht, aber da geht’s ja auch ums Ausnehmen, und mehr und mehr vom Wahnsinn umzingelt wird, ob der Grauenhaftigkeiten, die er hört. Also erst ganz was anderes als das tatsächlich Gesagte – zuspitzt, verharmlost, jedenfalls manipuliert, dreht und wendet, wie er will –   und später gar nicht mehr übersetzt. In einer Ecke sitzt und schmollt. Der Knecht kann nicht mehr. Aus dieser Sprachlosigkeit schaffen Schug/Walser einen grandiosen Spielraum für Situationskomik. Ein raffiniertes Lustspiel. Denn ohne Worte bleibt den Ex-First-Ladies nur Fuchteln und Deuteln. Kirsch verwandelt sich in eine kafkaeske Frau Samsa, um die Assel-Gefahr zu verdeutlichen. Ein Prachtstück! Das geht so lange gut, bis Erichs Asche fliegt und sich der Vorhang doch noch zu einer Spiegelwand öffnet …

Das ist nicht neu, dass sich das Publikum auf reflektierendem Glas sieht. Aber hier gibt’s Anlass zu reflektieren:   www.youtube.com/watch?v=pnmGTENBrzM Ein fantastischer Theaterabend mit vier formidablen Darstellern!

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Wien, 11. 4. 2014

Schauspielhaus Wien: Allerwelt

März 26, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Jeder flüchtet in seine Wirklichkeit

Steffen Höld Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Steffen Höld
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Phillipp Weiss, in dieser Spielzeit Hausautor am Schauspielhaus Wien, ist kein Dramatiker für den Elfenbeinturm. Er ging hinaus in die Simmeringer Pampa, Macondo, eine Flüchtlingssiedlung, die 1956 auf dem Grundstück eines Kasernenbaus aus dem Ersten Weltkrieg errichtet wurde und in der derzeit fast 3000 Flüchtlinge aus 22 Nationen leben. Viele, die diesen Ort nur als Zwischenstation sahen, sind bis heute dort geblieben. Flüchtlinge von aktuellen Kriegsschauplätzen treffen hier auf Menschen, die in Macondo seit den 1950er Jahren leben. Phillipp Weiss hat sich dorthin auf Recherche begeben.

Und nannte das Stück, das daraus entstand „Allerwelt“. Eine Collage an Geschichten, an Weltentwürfen, an Gedankenkosmen. Jede Figur lebt hier in ihrem eigenen. Die Schicksale hat er zeitlich verortet. Ungarn 1956. Prag 1968. Chile 1969. Somalia 1974. Kabul 1984. Ein Vater von sechs Töchtern wollte ein besseres Leben für sie. Bagdad 2003. Durch die Siedlung geht die Figur Mila Katz (Nicola Kirsch), eine Art Alice in Allerwelt, begleitet von einer Katze. Inmitten der Menschen, die ihre Identität auf dem Weg liegen gelassen haben, sucht sie die ihre. Sucht ihre Wurzeln, Heldenhaftes und Tragisches ihrer Ahnen – und wird natürlich nicht fündig werden. Logisch, den die Bewohner unterscheiden sich durch Schicksal, Sprache, Herkunft, Kultur, Ideologie. Sie teilen nichts, außer der Erfahrung Flüchtling zu sein, am äußersten Stadtrand des elften Hiebs, umschlossen von Wellblechmauern, vergleichbar einem Gefängnis. Oder einer Nervenheilanstalt (Bühnenbild: Janina Audick – ein Drehwürfel mit Einblicken und Livekamera). Denn es gibt einen Gerichtspsychiater – zu ihm später …

Regisseur Pedro Martins Beja hat für Weiss‘ Fantasie viele Sprachen gefunden. Für diese biblischen Biografien, für diese alttestamentarischen Ahnenreihen. Da ist zunächst Gaspar (Steffen Höld wie immer fantastisch), der Grenzer, der mit bärbeißigem Akzent erzählt, wie er nach einem Saufgelage in Österreich nicht mehr nach Hause konnte. Er kennt Allerwelt noch als malerische Auenlandschaft, grub Brunnen, pflanzte Gemüse und Bäume. Heute ist er arbeitslos, die Brauerei hat ihm immerhin noch ein paar Kisten Bier spendiert. Die wunderbare Katja Jung sitzt als Tereza wie eine tschechische Carmen im knisternden Abendkleid an der Holzhüttenwand. Sie war mal Gaspars Geliebte. Der Iraker Naseer (Gideon Maoz) hat den Jugendslang darauf und verachtet den aus Istanbul verprügelten transsexuellen Yasar (Simon Zagermann). Fatima (Veronika Glatzner) ist mit ihren Zwillingen aus Somalia geflohen und steht nun in Allerwelt wieder auf der Straße: „Wenn heute genauso Probleme sind, wenn alles erinnert, wenn wir einen Fluchtvirus haben. Wie soll einer weiterleben?“ Der chilenische Revolutionär Guillermo (Florian von Manteuffel) reagiert auf diese Erfahrung, indem er die alte, längst nicht mehr existierende Wirklichkeit glorifiziert. Er geht ins zweite, ins innere Exil. Ebenso wie die geheimnisvolle Malalai (Barbara Horvath), die ein Schild um den Hals trägt: Ich habe Angst vor Uniformen. Und deren Glieder im Maschinentakt der Band Portishead zucken. Tatatata. Tatatata. Eine tadellose Ensembleleistung.

Einen roten Schmetterling wählte Beja als Symbol für Freiheit. Fürs Fliegen. Doch Schmetterlinge haben ein kurzes Leben. So ist Allerwelt träge Realität, eine Kommune mit allem Für und Wider. Organisierte Anarchie. Weiss/Beja zeigen, wie unter Flüchtlingen Feindbilder entstehen, wie Arbeitslosigkeit, Not zu Illegalität führt. Und rechten Parolen (das zeigen sie nicht, das ist nicht ihr Auftrag). Die Langeweile wird mit Überlebensspielen totgeschlagen. Und damit, dass man sich wieder und wieder die gleiche, eigene Story erzählt. Und Würde. Die gilt es zu bewahren. Denn der Psychiater will’s ganz genau wissen: Wie oft wurden Sie missbraucht? Können Sie die Wunden zeigen? (Zu Yasar:) Wann haben Sie entdeckt, dass Sie abnormal sind? Geht da nicht die Fantasie mit Ihnen durch? Wo man den Fuß hinsetzt, tritt man auf ein Stück Geschichte. Doch der Gutachter ist ein Abschieber. Der Blick von außen ist Gewalt.

Philipp Weiss: „Unter Innenministerin Maria Fekter wurde das frühere, zu diesem Zeitpunkt aber bereits leerstehende „Integrationshaus“ im Inneren der Siedlung Macondo umfunktioniert. Aus dem „Integrationshaus“ wurde ein „Abschiebezentrum“. Eine zynische Wendung. „Flüchtlinge“, so die brachiale Logik, sollten zu „Flüchtlingen“ kommen, dann habe alles seine Ordnung. An diesem isolierten Ort muss niemand die unbeliebten Abschiebungen mit ansehen. Besser gesagt. Allein diejenigen, die selbst oftmals durch ihre Flucht traumatisiert sind und nun tagtäglich vor Augen  haben, wie es ihnen ergehen könnte. Die Nähe zum Flughafen spricht klar für den Standort.“

In „Allerwelt“ wölbt sich der Himmel noch über alle. Man hätte es niemals vergessen sollen, manche haben’s getan. Philipp Weiss weißt wieder daraufhin: Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch …

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Wien, 26. 3. 2014