Einen Abend mit Jonas Kaufmann ersteigern

Mai 19, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Künstler schenken sich her. Eine Auktion für Hemayat

Jonas Kaufmann. Bild: Julian Hargreaves/Sony Classical

Jonas Kaufmann. Bild: Julian Hargreaves/Sony Classical

Am 3. Juni ist das große Sommerfest für Hemayat im Palais Schönburg. Auch dieses Jahr gibt es wieder namhafte Unterstützer und Zeitspender für die bevorstehende Benefiz-Auktion zugunsten des Betreuungszentrums für Folter- und Kriegsüberlebende. Bundespräsident Heinz Fischer lädt zu Kaffee und Kuchen in die Präsidentschaftskanzlei, Karim El-Gawhary zu einem Gespräch über den Nahen Osten, Michael Niavarani erst in sein Globe Theatre zu einer Vorstellung, dann in die Theater-Bar.

Barbara Frischmuth bittet zu einer Jause in ihren Garten in Altaussee, Florian Scheuba zu einem gemütlichen Abendessen im „Petz im Gußhaus“, mit Andreas Vitasek darf man einen Tag auf Tour gehen. Julya Rabinowich kommt auf eine private Lesung vorbei. Und auch die Opernstars Angelika Kirschschlager und Jonas Kaufmann schenken den Meistbietern ihre Zeit und ein ganz persönliches Kennenlernen. Ab sofort kann man auf der Webseite des Dorotheum ein Gebot abgeben:

www.dorotheum.com/auktionen/aktuelle-auktionen/kataloge/list-lots/auktion/11845-charity-auktion-zeitspenden-und-kunstwerke-von-hemayat.html

Das Wort „Hemayat“ stammt aus dem arabischen Sprachraum und bedeutet Betreuung und Schutz. Das Betreuungszentrum Hemayat ermöglicht schwersttraumatisierten Flüchtlingen den Zugang zu psychotherapeutischer und medizinischer Hilfe. Nicht nur Erwachsene, auch viele Kinder und Jugendliche, die Folter und Krieg erlebt haben, finden hier Unterstützung. Im Jahr 2015 wurden 753 Menschen, davon 122 noch minderjährig, betreut. Alle Einnahmen aus dem diesjährigen Sommerfest und der Benefiz-Auktion werden der spezifischen Finanzierung von Einzeltherapieplätzen für traumatisierte Kinder und ihre Familien zweckgewidmet. Die Veranstaltung ist zur Gänze ehrenamtlich organisiert.

www.hemayat.org

Wien, 19. 5. 2016

Theater an der Wien: Dreigroschenoper

Januar 14, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Dieses Soho liegt am Neusiedlersee

Macheath "sitzt" im Gefängnis: Tobias Moretti mit Ensemble Bild: © Monika Rittershaus

Macheath „sitzt“ im Gefängnis: Tobias Moretti mit Ensemble
Bild: © Monika Rittershaus

Nach der Pause, wenn Nina Bernsteiner und Gan-ya Ben-gur Akselrod einander als Polly und Lucy beim Eifersuchtsduett den Barock von der Brust reißen, weiß man endlich, dass Weltklasseregisseur Keith Warner es wirklich so wollte – zwischendurch hatte man sich nämlich schon ernsthaft gefragt, ob das alles ernst gemeint sein kann. Das Theater an der Wien zeigt zum Zehn-Jahres-Jubiläum als Opernhaus seine Inszenierung der „Dreigroschenoper“.

Warner versuchte – ja, was? – eine Persiflage auf die eigene Zunft? Sicher auf Bert Brecht, wie ein paar zusammenhanglos platzierte Maoisten-Statisten vermuten lassen. Und Kurt Weill, der Arme? Die Satire allerdings entzieht sich der Karikatur. Und so geschieht das Schlimmste, was der „Dreigroschenoper“ mutmaßlich passieren kann: Die Inszenierung ist nicht sexy. Das haben sich der alte Erotomane und sein stilles Musikgenie nicht verdient. „Ich verlang‘ ja keine Oper hier“, sagt Macheath. Die hat er aber gekriegt.

Das ist natürlich eine Glaubensfrage. Und mehr Zeilen als die paar hier hingeschriebenen werden das Gegenteil behaupten. Man kennt das „Stück mit Musik“ vom Sprechtheater, wo es, wie dieser Abend eindrucksvoll bewiesen hat, auch hingehört, aber man war doch voller Hoffnung – Oper! Lasst endlich einmal die Fachmenschen ran! Schlussendlich konnte man sich kaum damit abfinden, dass da manche den heißen Erdapfel nicht und nicht aus dem Mund brachten, jedoch gar nicht daran gewöhnen, dass die Dialoge im Operettenjargon zum besten gegeben wurden. Im Theater an der Wien liegt Soho am Neusiedlersee, dafür gab es sogar einen Dialogcoach. Wobei das gegenüber vielen Kolleginnen und Kollegen der leichten Muse unfair ist. Die können’s nämlich. Singen und schauspielern. Hier hat der Arnold Schoenberg Chor, der zum Finale im Gefängnis als sinistre Streetgang auftritt, mehr darstellerische Präsenz als mancher Protagonist. „Sie spielen eben so gut sie können“, sagt Peachum. Meint damit aber nicht explizit Markus Butter als Tiger Brown.

Dabei wäre die Künstlichkeit, die „Verfremdung“, auf die Warner setzt, durchaus angebracht. Die Art, wie er etliche Songs aus der Handlung nimmt und auf eine eigene Showbühne stellt, ist im Sinne der Erfinder. Auch der von Boris Kudlička erdachte Bühnenbildkubus, die gesamte Mischung aus Grind und Kitsch sind stimmig. Und doch scheint es, als hätte Warner bei Brecht nicht bis auf den Bodensatz geschaut. Er planscht durch Untiefen, wo sich Abgründe auftun. Das Verbrechen und die verlorenen Existenzen, die Arglist und die Armut, die Gemeinheit des gemeinen Volks und der gutbürgerlichen Gesellschaft, sie werden von der Opernattitüde im Wortsinn zer-schmettert. Differenziert geht anders. Freilich sollte Warner nicht mit dem altehrwürdig erhobenen Zeigefinger des epischen Theaters herumwedeln, aber zwischen Lehrstück und Leerstück müssen doch noch ein paar Positionen zu besetzen sein. So hat er Brecht nur „Revue“ passieren lassen. So wurde das scharfsinnige, zynische, mit der ganzen Wut und Wucht eines jungen Mannes geschriebene Original zum Musical – ups, das böse Wort im Theater an der Wien – weichgespült.

Und apropos Nuancen: Immer wieder die Musik. Das Klangforum Wien unter Johannes Kalitzke interpretiert Weill vom Feinsten, nur gesungen wird er wenig. Unter den Damen wagte es einzig Anne Sofie von Otter als Spelunken-Jenny sich vom Schöngesang abzuwenden – Salomonsong! -, sich als Diseuse zu erproben, auf die Weillness zu setzen. Weill, das ist Hässlichkeit, geschlürft bis zur Neige, ist Nachtclub-Timbre, ist Ironie und schrille Töne, und immer wieder auch jüdischer Trauergesang. Diese Disziplin beherrscht halt nicht jeder. Besonders laut hörte man Roma Bahn in ihrer letzten Ruhestätte rotieren. Dafür ist Otter darstellerisch so gut wie inexistent, jedenfalls keine abgetakelte Hure, der man abnimmt, dass sie noch genug Freier abbekommt, sondern eine schmerzgebeugte Elendsgestalt.

Einer, der’s definitiv beherrscht, ist Florian Boesch als Bettlerkönig Peachum. Er ist die finstere Lichtgestalt des Abends. Perfekt bigott und sehr schön straffällig. Er ist ganz ehrenwerter Kapitalist und ganz ehrloser Gauner. Er trifft die richtig „schnarrigen“ Töne beim Singen und Sprechen, interpretiert hinterlistig und sarkastisch, macht aus seinem Part beinah ein Kabarettstückchen. Wann immer er auf der Bühne ist, herrscht Freude. Mit Angelika Kirchschlager, die als seine Celia ein Hausfrauenalbtraum in Rosa sein darf, bildet er nicht nur beim Anstatt-dass-Song das Dreamteam der Aufführung; beide tanzen sich auch schwungvoll durch die großartige Choreografie von Anthony van Laast, dessen West-End-Tempo zum Glück aus der einen oder anderen szenischen Langatmigkeit die Luft rausnimmt. Der Kirchschlager kommt bei ihrer Darstellung gewiss zugute, dass die Mrs. Peachum die große Geste durchaus verträgt.

Tobias Moretti spielt einen unterkühlten Macheath. Doch unter der ruhigen Oberfläche ist sein Mackie Messer tatsächlich das in der Moritat besungene gefährliche Raubtier, der Menschenfresser und der Alphamann der Londoner Unterwelt. Moretti hat hart gearbeitet, das sieht man, das gilt es zu würdigen. Moretti hält mit den Stars des Musikdramas mehr als stand, weil er näher an Weills Musik und noch näher an Brechts Drama ist. Er bringt die nötige Lakonie für die Rolle auf. Ist körperlich – im Gefangenenkäfig -, in den Gesangs- und Tanzeinlagen auf der Höhe. Er hat sich eine Schaustellerstimme zugelegt: Kommen Sie näher, kommen Sie ran!, gibt einerseits mit rollendem R den Crooner, andererseits wie im Kanonensong den beinharten Killer. Ist weinerlich und wehleidig über sich selbst und brutal zu den anderen. Nur diese eine Farbe, den Womanizer, den erst Frauenverführer und dann -schänder nimmt man seiner ansonst schillernden Figur nicht ab. Aber wenn er „Man schlage ihnen ihre Fressen mit schweren Eisenhämmern ein“ droht, dann steht er endlich auf, der gute Geist der Gesellschaftskritik. Auf dem Friedhof von Highgate, den Mackie kurzfristig schon als neue Adresse ins Auge fassen muss, liegt auch Karl Marx. Und so altvaterisch ist Brecht nicht, dass die Gründung – oder in Österreich Kauf und Verkauf – einer Bank nicht immer noch …

Zusammenfassend? „Dreigroschenoper“ geht schwer. Aber sie so lange zur Oper zu zerquetschen, bis eine Operette rausrinnt, geht gar nicht. Da fallen ja dem Haifisch vor Schreck die Zähne aus.

www.theater-wien.at

Wien, 14. 1. 2016

10 Jahre Theater a.d. Wien: José Carreras singt „El Juez“

September 22, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

„Dreigroschenoper“ mit Angelika Kirchschlager und Tobias Moretti, Nikolaus Harnoncourt dirigiert „Fidelio“

Bild: Theater an der Wien

Bild: Theater an der Wien

Im Jänner 2016 feiert das Theater an der Wien mit drei hochkarätig besetzten Opernaufführungen sein zehnjähriges Bestehen als Opernhaus. Intendant Roland Geyer präsentierte am Dienstag das Programm: Den Auftakt macht die Premiere von Bert Brechts und Kurt Weills „Die Dreigroschenoper“ am 13. Jänner in einer Inszenierung von Keith Warner mit Tobias Moretti als Mackie Messer, Angelika Kirchschlager und Florian Boesch als Ehepaar Peachum und Anne Sofie von Otter als Spelunkenjenny. Es folgen zwei Festkonzerte: Am 17. Jänner steht Beethovens „Fidelio“ unter der musikalischen Leitung von Nikolaus Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus Wien und den Solisten Michael Schade, Juliane Banse und Anna Prohaska auf dem Jubiläumsspielplan. Mozarts Oper „Idomeneo“ gelangt am 22. Jänner unter der musikalischen Leitung von René Jacobs mit dem Freiburger Barockorchester zur Aufführung.

Mit einem außergewöhnlichen szenischen Sonderprojekt, der Oper „El Juez“ von Christian Kolonovits mit Opernsuperstar José Carreras in der Titelpartie, wird der Jubiläumsspielplan des Theater an der Wien am 2. und 5. Juli 2016 erweitert. Kolonovits behandelt in seiner Oper ein dunkles Kapitel spanischer Geschichte: Zur Zeit der Franco-Diktatur wurden nicht regimetreuen Eltern ihre Kinder weggenommen, um sie in Klöstern und anderen Einrichtungen umzuerziehen. Die Kirche, die federführend an der Entführung der Kinder beteiligt war, weigert sich bis heute, Aufzeichnungen und Informationen über die wahre Identität der „verlorenen Kinder“ preiszugeben – ein Konflikt, der die spanische Gesellschaft immer noch spaltet. Zwei Jahre war Kolonovits mit der Komposition seiner Oper beschäftigt, in der er mit der Librettistin Angelika Messner der Frage nach Recht und Unrecht und nach persönlicher Entscheidungsfreiheit nachgeht. Die bejubelte Uraufführung von „El Juez“ fand im April 2014 in Bilbao statt.

Die Rolle des Richters Federico Ribas wurde José Carreras, der mit ihr nach achtjähriger Absenz auf die Opernbühne zurückkehrte, auf den Leib geschrieben: „Meine Familie war stets gegen General Franco. Sie waren Republikaner und alles andere als rechts gerichtet. Zu Hause hörte ich meinen Vater und meinen Großvater über den Krieg sprechen und wie es in der Zeit vor Franco war. Deshalb ist dieses Thema so wichtig für mich“, sagt Carreras im Pressegespräch und erklärt über seine Rolle: „,El Juez‘ ist zwar eine zeitgenössische Oper, sie ist aber alles andere als atonal – es gibt wundervolle Melodien zu singen, Soli und Duette, und tolle Szenen zu spielen. Ich bin überglücklich, dass ich in ‚meinem‘ Wien in dieser Oper auf der Bühne stehen kann!“

Der Kartenverkauf für „El Juez“ startet am 22. September um 12 Uhr an der Tageskasse des Theater an der Wien, zeitgleich mit dem Onlineverkauf auf der Website

www.theater-wien.at

„El Juez“ zum Reinhören: Premiere im Mariinsky: www.youtube.com/watch?v=GWQ8Osqcmbs

Wien, 22. 9. 2015

Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf im Gespräch

September 16, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ganymed Dreaming“ im Kunsthistorischen Museum

Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf Bild: wennessoweitist

Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf
Bild: wennessoweitist

Mit „Ganymed Dreaming“ startet das Theaterkollektiv wennessoweitist ab 23. September das nächste große Projekt im Kunsthistorischen Museum. Regisseurin Jacqueline Kornmüller und Lebens- wie Bühnenpartner Peter Wolf setzen diesmal den besonderen Schwerpunkt auf Musik. Sieben musikalische Kompositionen und sechs literarische Texte, inspiriert von Meisterwerken der Gemäldegalerie, werden direkt vor den Gemälden aufgeführt und eröffnen so neue Sichtweisen auf Alte Meister. Schauspieler, Musiker und Tänzer erwecken die Bilder zum Leben. Mit dabei: Star-Sopranistin Angelika Kirchschlager, Burgtheaterschauspielerin Sylvie Rohrer, Pianist Marino Formenti und Die Strottern. Ein Gespräch mit Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf über „Ganymed“, Flüchtlinge und Theater, das politischer Widerstand ist:

MM: Nach „Ganymed Boarding“ und „Ganymed goes Europe“ ist „Ganymed Dreaming“ das dritte Projekt der Reihe. Entwickelt sich „Ganymed“ zur Marke?

Peter Wolf: „Ganymed“ hat eine bestimmte Bekanntheit erreicht, ja. Aber es ist keine Marke, denn Coca Cola schmeckt seit 40 Jahren gleich. Wir versuchen immer etwas Neues zu entwickeln, es soll sich immer weiter streuen. In alle Richtungen. Entstanden ist die Idee in Hamburg. Wir haben ein Buch des Dichters Mark Strand in die Hand bekommen, der über die Gemälde von Edward Hopper geschrieben hat. Wir haben damit herumexperimentiert – und sind so auf die Idee gekommen: Wenn man über Bilder assoziiert, erschließt sich das Gemälde neu. Wir haben dann ein Museum gesucht, das mit uns arbeiten würde. Es war in Wien das Kunsthistorische Museum. Sabine Haag hat es ermöglicht – nun schon zum dritten Mal. Die Ausformulierung erfolgt diesmal mit Musik, Tanz und Schauspiel. Es gibt 13 Stationen.

MM: Diesmal geht es um die Schönheit und Gewalt der Träume. Es ist mehr Musiktheater als bisher. Inwieweit haben die Künstler Mitsprache- und Auswahlrecht?

Wolf: Das Thema Träume ist inspiriert von einem Film Akira Kurosawas, „Yume“, der die ganze Bandbreite an Träumen zeigt. Die Tänzerin Maria Teresa Tanzarella führt seit drei Monaten Traumtagebuch und wird danach ihren Beitrag gestalten, erzählen und tanzen. Der Künstler hat volle Verantwortung für seine Station. Beispielsweise Angelika Kirchschlager geht mit Jacqueline Kornmüller durch die Gemäldegalerie, schaut sich mal grundsätzlich die Bilder an, sieht ein Frauenporträt und sagt: Die sieht ja aus, wie Putin. Das nimmt Jacqueline Kornmüller auf, fragt Martin Pollak, ob er eine Art Rede für Putin schreiben könnte. Johanna Doderer vertont das Ganze. Und weil Angelika Kirchschlager einmal Schlagwerk studiert hat, hängen wir ihr einen großen chinesischen Gong dazu. Um das einmal zu beschreiben: So entwickelt sich eine Station.

MM: Sie selbst machen „Der beste Ort auf Erden“, ein Text von Viktor Martinowitsch vor „Alter Mann am Fenster“ von Hoogstraten.

Wolf: Martin Pollak hat uns bekannt gemacht. Martinowitsch ist ein außergewöhnlicher Mensch, eine große Begabung in der europäischen Literatur. Er hat eine sehr schwierige Situation ist Weißrussland, wo ihm das veröffentlichen verboten ist. Er hat das fantastische, überbordende Buch „Paranoia“ geschrieben, das ich in einem Atemzug mit Houellebecqs „Unterwerfung“ nennen möchte. Wir haben ihn gefragt, ob er für „Ganymed“ einen Text beisteuern möchte. Es ist eine wahnsinnig schöne Geschichte geworden, in der er seine Lebenssituation, seine Ängste umlegt auf ein Glücksthema. So eine schöne Arbeit habe ich seit Längerem nicht gemacht.

MM: Dann gibt es die „Lampedusa“-Station von Esther Balfe und Emmanuel Obeya zum „Traum des Hl. Josef“ von Daniele Crespi …

Wolf: Jacqueline hat sich diese Station ausgedacht. Es geht um Flucht. Das Thema verfolgt uns künstlerisch seit fünf, sechs Jahren. Aber es wird sehr anders, als man sich es vielleicht denken möchte.

Jacqueline Kornmüller: Es war mir ganz wichtig, dass das Thema Flucht hier vorkommt. Von sich aus ist keiner der Künstler auf das Thema zugegangen, so habe ich den heiligen Josef ausgesucht und Emanuel Obeya kennen gelernt. Er ist ein fantastischer Tänzer und Leadsänger der Sofa Surfers. Er hat ein Lied geschrieben über das Gefühl der Scham eines Flüchtlings, ein Gefühl, das ganz schwer abzuschütteln ist. Es geht um die Frage, wann hört ein Flüchtling auf, Flüchtling zu sein und wird Einwanderer und wird sogar Mitbürger. Wann darf er den Flüchtlingsstatus abschütteln? Seine Frau tanzt daneben in einem goldenen Kleid – sie ist der Blick des Westens auf das, was da auf uns zurollt.

MM: „Das was da auf uns zurollt“ haben Sie in anderen Projekten wie „Die Reise“ (www.mottingers-meinung.at/?p=1313) und „fly ganymed“ (www.mottingers-meinung.at/?p=860) schon vorweggenommen. Haben Sie prophetische Eingebungen?

Kornmüller: Mir erschien die Situation eben damals schon sehr brisant. Heute ist es viel schlimmer, heute würde ich ein Stück machen über die Menschen, die auf der Flucht sterben, eine verschärfte Form, die von den Toten erzählt. Denn viele lassen wir im Stich. Natürlich kommen auch viele zu uns durch – und da finde ich es fantastisch, wie ihnen geholfen wird. Es gibt das andere Europa, ganz viele Menschen, die ihre Türen öffnen, die dringend Notwendiges zum Westbahnhof tragen …

Wolf: Ich bin überzeugt davon, dass „Die Reise“ einen Teil der Stimmung in der Stadt verändert hat. Aber der künstlerische Weg läuft nicht gleich mit politischen Entwicklungen. Manchmal sieht man etwas voraus, manchmal bewegt man sich auch fernab der politischen Diskussion, weil einem das die Intuition sagt.

MM: Sind die Menschen den Politikern im Kopf voraus?

Kornmüller: Empathisch auf jeden Fall. Die Grenzen dicht machen, das sind für mich hilflose Schritte. Man muss nach vorne losgehen, man muss seine Fantasie anstrengen, überlegen, was man jetzt machen kann. Ich glaube, da gibt es ganz viele Lösungen, auf die man gemeinsam kommen kann. Das Letzte, was man machen sollte, ist sich abschotten. Das geht nach hinten los. Das wird uns auch auf Dauer nichts bringen. Nein, wir müssen uns öffnen. Juncker muss sich durchsetzen und Europa überzeugen, Flüchtlinge in viel größerem Maße aufzunehmen, als es bisher passiert. Ich glaube, er schafft das.

MM: Ihr Engagement entstand auch durch die Begegnung mit Ute Bock.

Wolf: Wir haben direkt im Haus daneben gewohnt, haben täglich die Traube von Menschen gesehen, die in ihr Büro wollten, haben uns gewundert was das ist – und sind reingegangen. Ute Bock ist ja sehr erzählfreudig und hat uns alles genau erklärt. Das hat sich uns ein Thema, das uns bis dato nicht so sehr nahe gegangen ist, erschlossen. Wir haben drei Jahre bei ihr Postdienst gemacht und erkannt, wie wichtig die Arbeit ist und wie weit sie geht. So ging das los.

MM: Sie haben so Menschen, die in Österreich Zuflucht gesucht haben, kennengelernt. Was kann unsere Gesellschaft von ihnen annehmen, was können sie uns geben?

Kornmüller: Ich habe mit Menschen aus Somalia und Syrien in drei Werkstätten gearbeitet: Fahrrad, Tischlerei, Nähen. Da kam ein unglaublicher Reichtum, Ideen, auf die wir nie gekommen wären. Die Menschen sind liebevoll, bringen neue Geschichten mit zu uns – und sie können Partys feiern. Ich bin am Ende des Tages immer glücklich nach Hause gegangen. Flüchtlinge sind nicht so „unglaublich fremd“. Sie haben die gleichen Sorgen wie wir, sie wollen ihre Familien ernähren und ein gesellschaftliches Leben führen. Sie müssen sich in Österreich immer wieder gegen eine Form von Rassismus wehren, aber momentan habe ich ein gutes Gefühl. Es ist alles auf einem guten Weg. Die Politiker, die auf diese Angstschiene setzen, deren Wahlkampf wird als Schuss nach hinten losgehen. Diese Politiker stemmen sich gegen etwas, das derzeit in der Bevölkerung passiert – Solidarität.

Wolf: Das ist ein Projekt, dass Jacqueline in der VinziRast von Cecily Corti entwickelt hat, es nennt sich VinziChance. Die Arbeit hatte Pole. Es war auch emotional sehr aufwühlend. Es wurde uns da so klar, wie das attische Ideal von Theater ist. Die Theater, die wir haben, sind, bei aller großer Qualität der Aufführungen, Amüsierbuden für Großbürgerliche. Das Theater meint aber auch etwas anderes, es ist auch eine pädagogische Lehranstalt, ein Ort, wo Gesellschaft sich bespricht. Theater ist die große Chance der Gesellschaft, sich zu bewegen. Wir haben in Lunz gearbeitet, das Projekt „Die Wahl“ gemacht. Fünf Jahre war es ein Hin- und Herziehen, die Lunzer waren sehr zögerlich, aber dann haben alle mitgemacht, sich besprochen, ob ein Asylwerber sich eine Wohnung nehmen darf oder nicht. Tatsache ist, dass nun, fünf Wochen nach dem Projekt, die erste syrische Familie eine Bleibe gefunden hat. Das ist das Wesentliche: Theater ist der Besprechungsort des Volkes.

MM: Theater als Ort der gesellschaftspolitischen Veränderung?

Kornmüller: Das ist ganz wichtig und es wird mir immer wichtiger. Meine Inszenierungen waren nie unpolitisch, aber je älter ich werde, desto wichtiger wird mir Theater als Ort, an dem es um politische Statements geht. Ich finde, es ist wichtig, dass Künstler politisch Stellung beziehen. Es gibt so viele Angsthasen unter den Künstlern und das nervt mich eigentlich. Da verschanzt man sich hinter einem Stück und hinter einem Text und sagt, die Interpretation allein muss uns schon genügen, und im Publikum weiß keiner, was gemeint ist. Das ist mir nicht deutlich genug. Kultur muss konkret werden, unsere Welt braucht konkrete Lösungsansätze. Beim Film schafft man das schon lange, beim Theater ist es höchste Eisenbahn. Beim „Weltdorf“ beim Forum Alpbach hatte ich wieder einmal das Gefühl, wir sind am Kern. Wir haben die Teilnehmer körperlich, als prozentuale Masse, erfahren zu lassen, wie ungleich Geld auf dieser Welt verteilt ist, was es heißt, Analphabet zu sein. Das haben wir mit ihnen gespielt.

Wolf: Das war eine schöne Anregung, man könnte auch sagen: Provokation. Wir wollen Leute anpieksen. Immer mehr. Das Spielen ist schön, ich habe in Deutschland viele große Rollen gespielt, aber Leben bedeutet, dass man Einfluss nimmt. Ob ich jetzt Schauspieler, Musiker oder Gärtner bin, man muss es versuchen. Das ist auf jeden Fall wichtiger, als den 500. Hamlet zu spielen.

MM: Hauptberuflich Denkanstoßgeber?

Kornmüller: Naja, das machen viele. Wir versuchen es halt auch.

MM: Wie weit ist „Ganymed Dreaming“ die Möglichkeit, in hochkulturellem Rahmen mit den hochkulturellen Mitteln klassischer Musik und Tanz die Themen zu transportieren, die Ihnen wichtig sind?

Kornmüller: Die sind in den Bildern eingeschrieben: Lynchjustiz, Mord, Totschlag. Das ist in fast jedem Bild drin. Und die familiären Themen, die Liebe. Die Künstler nähern sich den Bildern schon auf radikale Weise. Nicht jedem ist das Recht. Manche sagen, das Kunsthistorische Museum ist eine Kirche, hier sollte so etwas nicht passieren. Unser Ansatz ist, dass durch das Projekt eine Lebendigkeit, eine Forschheit, eine Inhaltstiefe reinkommt, die dem Raum eigentlich gut tut. Wir haben gemerkt, dass das Projekt sich sehr verändern kann. Das ist toll. Wir bauen mit den Strottern eine Szene, die mit Musik beginnt und fast clownesk endet. Mit einem Sprung ins Nichts. Klemens Lendl und David Müller machen das eins zu eins auf sich bezogen und sind doch ganz beim Bild „Opfertod des Marcus Curtius“ von Veronese. Da ergeben sich sehr schöne Konstellationen. Das Bläserensemble Federspiel hat sich die „Hirschjagd“ von Lucas Cranach vorgenommen, die treiben die Zuschauer durch den Saal und schlachten musikalisch einen Hirsch. Was wir diesmal präsentieren können, eröffnet dem Publikum ganz neue Sichtweisen auf die Bilder.

MM: Haben Sie Berührungsängste?

Wolf: Nein, das gesellschaftliche Leben, das wir haben, ist auch das, das wir verdienen. Wie Cecily Corti sagt, ich kann sehr wohl als einzelner einwirken, dann wird sich auch was ändern. Bis dahin ist das, was an Gesellschaft vorhanden ist auch das, womit ich leben muss.

Kornmüller: Ich habe keine Berührungsängste. Ein Mensch ist ein Mensch. Wir haben ein sehr unterschiedliches Publikum. Zu uns kommen Leute aus den unterschiedlichsten Ecken, Studenten, Kinder, viele, die einen Pass von „Hunger auf Kunst und Kultur“ haben, viele, die Stammbesucher des Kunsthistorischen Museums sind. Das ist eine gute Mischung. Die Leute haben viel Freude miteinander und aneinander. Die Leute kommen gerne in unsere Projekte, weil sie da auf andere treffen, mit denen sie sonst keinen Abend teilen. Es sind die kleinen Schritte, die kleinen Gesten, die uns zusammenführen. Ich finde es gut, wenn Bundespräsident Heinz Fischer nach Traiskirchen fährt, traurig nur, dass es dazu eines Amnesty-International-Berichts bedurft hat. Da wundert man sich schon, warum von sich aus keiner nachschauen geht. In Traiskirchen ist eine private Sicherheitsfirma schwer überfordert. Die scheinen’s nicht zu packen. Man müsste sie von ihrer Verantwortung entbinden. Wäre das bei Siemens oder am Burgtheater, dass jemand einen schlechten Job macht, dann wird er rausgeschmissen. In Traiskirchen müssen neue Lösungsansätze her, so wie es ist, kann’s nicht bleiben.

MM: Ist die Würde des Menschen antastbar?

Wolf: Das ist eine der Fragen, über die jeder einmal nachdenken sollte. Grundsätzlich, ja. Aber ich bin immer für das positive Bild. Und daher sehr dankbar für die derzeit so positive Stimmung der Menschen. Ich wusste gar nicht, dass es so viele vernünftige Menschen in Österreich gibt. Da hört man plötzlich im Fernsehen einen Polizeihauptmann, der „normale“ Sätze sagt! Ich finde, das straft alle anderen Lügen. Das wird sich auch schnell wieder ändern, fürchte ich. Wenn es so bliebe, könnten wir vielleicht aufhören, Theater zu machen.

MM: Bis es soweit ist 😉 : Wo wollen Sie sich als nächstes einmischen?

Kornmüller: Da geht uns einiges im Kopf um. Auch darüber, wie wir uns als Kollektiv verändern müssen. Für mich ist wichtig, dass wir nicht festfahren, dass wir nicht wieder in die konventionelle Schiene reinkommen. So gerne ich manchmal an einem festen Theater arbeiten würde, so sehr muss ich mir dann immer wieder sagen, lass’ es bleiben, bleib’ auf diesem freien Feld, auch wenn es schwer ist, dafür Finanzierungen aufzustellen. Was Themen betrifft, gehen sie uns nicht aus. Ganz vorne natürlich, dass Europa Einwanderungsland wird. Die Begegnung mit der Angst wäre für mich auch ein großes Thema.

Wolf: Wenn wir theatrale Kunst machen, dann soll es immer mehr Richtung politischer Widerstand gehen. Es ist nicht in Ordnung, wie wir uns in Europa verhalten. Wir haben Möglichkeiten und man muss daran arbeiten, dass diese Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Das ist der Motor aus dem heraus wir Theater machen. Wir versuchen immer wieder Formen zu finden – und „Ganymed“ ist dafür eben ein wunderbar bewegliches Tool.

MM: Wie würden Sie dem Publikum empfehlen, „Ganymed Dreaming“ anzugehen?

Wolf: Wir haben diesmal sehr darauf geachtet, dass man alle 13 Stationen an einem Abend sehen kann. Meine Empfehlung ist, sich für den Eindruck Zeit zu nehmen.

MM: Sie waren mit „Ganymed“ auch in Ungarn, haben sogar einen Kritikerpreis bekommen.

Wolf: Ich bin sehr froh, dass wir dort waren, weil ich nun weiß, dass es auch das andere Ungarn gibt. Nicht nur das des Herrn Orbán. Es gibt ein wundervolles, reiches Ungarn, das voll innerer Schönheit ist. Jetzt hätte es keinen Sinn, ein Projekt wie unseres zu machen. Die Sache hat sich zu verroht. Wir haben viele Freunde in Ungarn, die darüber sehr unglücklich sind.

www.khm.at/ganymed-dreaming/

www.wennessoweitist.com/

Wien, 16. 9. 2015

Wiener Festwochen: Programmvorschau

April 25, 2013 in Bühne

Martin Kusej, Bruno Ganz, Edith Clever, Johan Simons

Nicolas Stemann und Robert Lepage sind zu Gast

Ein Tränlein hatte er schon im Blick, als Wiener-Festwochen-Intendant Luc Bondy am 25. April im MuseumsQuartier das letzte von ihm verantwortete Festival (10. Mai bis 16. Juni) in Österreichs Hauptstadt ansagte. „Ich bin kein wehmütiger Mensch, vor allem keiner, der das Geschehen in seiner Vergangenheit preist“, so Bondy, der seiner Mitstreiter Klaus Michael Grüber, Peter Zadek, Frank Castorf, Christoph Marthaler, Patrice Chéreau, Luca Ronconi, Alvis Hermanis, Johan Simons, Peter Stein, Peter Sellars, Simon McBurney, Krystian Lupa, Deborah Warner, William Kentridge …. gedachte. Und Marie Zimmermann als Schauspielchefin. „Wir vermissen sie. Es war mitten in der Festwochen-Zeit, als ich Lear an der Burg probte, als sie sich das Leben nahm. Es war ein riesiger Schock.“

Le Retour / Die Heimkehr Bruno Ganz Bild: Ruth Walz

Le Retour / Die Heimkehr
Bruno Ganz
Bild: Ruth Walz

Mehr oder weniger Tränlein wischten sich auf dem Podium des Achitekturzentrums auch ihre Nachfolgerin als Schauspieldirektorin, Stefanie Carp, aus den Augenwinkeln. Welch ein Verlust für Wien! Eine Garantin für „Aufwind“ und Innovationswillen, die Überschreitung von Grenzen zwischen Genres und in viele weitere Länder und Kontinente, hin zu neuen Formaten und Ästhetiken. Und der (meist durch Abwesenheit) glänzende Musikdirektor Stephane Lissner. Die Wiener Festwochen 2013 bieten 41 Produktionen – darunter zehn Uraufführungen und vier Neuinszenierungen aus 36 Ländern.

Die Eröffnung findet am 10. Mai auf dem Wiener Rathausplatz unter dem Motto „Wien, Wien, nur du allein?“ statt  und ist -no na – dem Wienerlied gewidmet. Als Moderator wird Nicholas Ofczarek durch die Nacht führen. Mitwirkende: Die Strottern, Angelika Kirchschlager, Ernst Molden, Philharmonia Schrammeln Wien, Willi Resetarits & Stubnblues, Michael Schade, Walther Soyka, Fatima Spar und Ursula Strauss.

Das Musikprogramm dominiert der 200. Geburtstag von Wagner und Verdi. So wird die Verdi-Trilogie der Festwochen mit einer Neuinszenierung von „Il Trovatore“ abgeschlossen. Film- und Opernregisseur Philipp Stölzl wird zum ersten Mal in Wien inszenieren; es dirigierit der Israeli Omer Meir Wellber. Mit der Sensation der diesjährigen Opernsaison, dem im Sommer beim Festival d’Aix-en-Provence uraufgeführten „Written on Skin“ von George Benjamin mit einem Text von Martin Crimp, kommt eine Oper nach Wien, der das schier Unmögliche gelungen ist, die Erwartungen der unterschiedlichsten Publikumskreise zu erfüllen – von den vom hohen Können des Komponisten begeisterten Liebhabern der klassisch-romantischen Oper bis zu den Fans des zeitgenössischen Theaters, die der „poetische Realismus“ des Librettos und seine eindrucksvolle dramatische Umsetzung in der Inszenierung von Katie Mitchell faszinierten. Die Uraufführungen der Musiktheaterprojekte JOIN! (Oper von Franz Koglmann nach einem Libretto von Alfred Zellinger) und „Die Ballade von El Muerto“ (Musiktheater von Diego Collatti mit einem Text von Juan Tafur im Rahmen der Programmschiene Into the City), koproduziert mit den Ensembles netzzeit und progetto semiserio, demonstrieren den Willen der Wiener Festwochen, der innovativen zeitgenössischen Wiener Szene jene Bühne zu bieten, auf der diese im Blickfeld der Welt den Blick auf die Welt richten kann.
Die Reihe Into the City widmet sich dem Thema music and politics und stellt in unterschiedlichen Formaten und Zusammenhängen die gesellschaftliche Bedeutung von Musik in unserer Zeit heraus. Workshops und Konzerte in verschiedenen Einrichtungen und Örtlichkeiten verbinden das diesjährige Into the City Festivalzentrum im Wien Museum Karlsplatz mit der Stadt.

Im Schauspielprogramm finden acht Uraufführungen statt: „Todo el cielo sobre la tierra. El sindrome de Wendy“ von Angelica Lidell und Swamp Clup von Philippe Quesne erkunden im Grenzbereich von Performance, Tanz und Schauspiel die Beziehungen zwischen privatem Erlebtem und politschem Raum. Eine Auftragsarbeit ist Christoph Marthalers neues Projekt „Letzte Tage. Ein Vorabend“. Im Mittelpunkt der Aufführung im historischen Sitzungssaal des Parlaments stehen Kompositionen aus Wien vertriebener Komponisten und Texte, die sich mit der nationalen Aufrüstung vor dem Ersten Weltkrieg und rassistischen wie nationalsozialistischen Tendenzen in Europa auseinandersetzen. In „Kommune der Wahrheit. Wirklichkeitsmaschine“ versuchen Regisseur Nicolas Stemann und eine Gruppe von Künstlern aktuelle Geschehnisse in einen Theaterabend umzuwandeln. Jeden Abend ist so etwas Neues zu sehen.

Die Stars: Als Koproduktion mit dem Münchner Residenztheater führt der dortige Intendant Martin Kusej bei der Schauspieltrilogie „In Agonie“. Eine Neuinszenierung für Wien. Autor Miroslav Krležas beschreibt den Zerfall des Habsburgerreichs von Kroatien aus. Es spielen Manfred Zapatka, Sophie von Kessel und  Johannes Zirner. Luc Bondy selbst inszeniert Molieres „Tartuffe“ am Burgtheater mit Edith Clever, Johanna Wokalek, Joachim Meyerhoff und Gert Voss. Aus seiner neuen Wirkungsstätte in Paris, dem Odéon-Théâtre de l’Europe, bringt er seine Harold-Pinter-Arbeit „Le Retour“ (Die Heimkehr) mit Bruno Ganz und Emmanuelle Seigner mit.

Die junge brasilianische Regisseurin Christiane Jatahy erzählt in der teils theatralischen, teils filmischen Arbeit „Julia“ (nach Strindbergs „Fräulein Julie“, dass überkommene patriarchale Machtstrukturen in einer segregierten Gesellschaft stärker sind als die Gefühle. Der junge australische und gerade zu entdeckende Regisseur Simon Stone verhandelt in einer heutigen Ibsen-Wildente „The Wild Duck“ die private und soziale Krise der abstürzenden Middle Class.

Neu im Programm ist Johan Simons Regiearbeit von Lot Vekemans Stück „Gift. Eine Ehegeschichte“, die Story eines Ehepaares, das sich nach dem Tod ihres einzigen Kindes getrennt hat. Sechs Jahre nach der Scheidung treffen sie einander wieder am Grab des Kindes und sprechen über ihren Schmerz. Simons inszeniert dieses ergreifend. Mit Elsie de Brauw, Steven van Watermeulen und dem Countertenor Steve Dugardin. Robert Lepage kehrt mit seiner neuen Idee „Playing Cards 1: Spades“ ebenso zurück nach Wien wie Romeo Castelluci mit seinem berühmten „Sul concetto di volto nel Figlio di Dio / Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn“, bei dem sich ein Mann um seinen greisen Vater kümmert.

Neuentdeckung: Die Wiener Regisseurin, Salon-5-Prinzipalin und Reinhardt-Seminar-Professorin wird Robert Neumanns Roman „Die Kinder von Wien oder oder HOWEVERSTILLALIVE“ für die Bühne adaptieren. In seinem satirischen Roman führt uns Neumann, nach London emigrierter jüdischer Romancier aus Wien, in einen Keller im Nachkriegsjahr 1946. Fünf Kinder hausen hier in einer Wohngemeinschaft des Schreckens, aber auch der anarchischen Freiheit. Eine Geschichte über die „Trotzdemimmernochlebendigen“, die den Krieg, jeden Krieg überstehen …

Gesamtprogramm und Termine: www.festwochen.at

Interviews zu den wichtigsten Produktionen und Rezensionen: www.mottingers-meinung.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 25. 4. 2013