Filmarchiv Austria digital: 125 Jahre Kino

März 20, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Magie, Erotik und die erste Reise zum Mond

Kinomagier Georges Méliès: Le voyage dans la lune, Star Film, F 1902. © Filmarchiv Austria

Am 20. März 1896 findet in Wien die erste Filmvorführung statt. Ratternd werfen imposante Apparaturen die ersten Laufbilder auf die Leinwand – lebendige Manifeste purer Schaulust und einer neuen Sehkultur, die in ihrer ungebremsten Kreativität und Fantastik den Pionier- und Erfindergeist dieser Zeit reflektieren. Sie rücken die Welt unmittelbar ins Gesichtsfeld der Menschen, Reisen zu den Niagarafällen oder gar zum Mond – nichts scheint mehr unmöglich im „Kino der Attraktionen“.

Selbst moralische Grenzen werden aufgesprengt, denn am Anfang ist natürlich auch: die Erotik. Das Filmarchiv Austria blickt von 18. März bis 21. April auf die wunderbaren ersten Jahre und lädt mit ausgewählten Sammlungsstücken zum Anschauen ein. Mit einem wöchentlich wechselnden Programm im digitalen Heimkino sowie dem Digitorial „125 Jahre Kino“ lassen sich die faszinierenden Anfänge des Kinos neu entdecken. Der Jubiläums-Schwerpunkt umfasst fünf Online-Kanäle mit 112 Filmen, die im digitalen Heimkino kostenlos auf www.filmarchiv.at präsentiert werden.

Kanal 1: Welt in Bewegung. Das Filmuniversum der Gebrüder Lumière. Als die ersten Bewegtbilder der Brüder Lumière vor 125 Jahren das Publikum in einem Pariser Café in Ekstase versetzen, verbreitet sich die Kunde vom „Cinématographe“ wie ein Lauffeuer: Die neuartige Maschine tritt ihren Siegeszug durch alle Kontinente an, und mit ihr auch deren Erfinder. Binnen weniger Monate gastieren die kinematografischen Botschafter der Lumières in allen großen Metropolen und verblüffen das Premierenpublikum immer wieder mit direkt vor Ort entstandenen Lokalaufnahmen. Am 20. März 1896 präsentieren Vertreter der Brüder Lumière in der k. k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie das erste Filmprogramm in Österreich. In Wien etwa wird der Eingang zum „Cinématographe Lumière“ Ecke Kärntnerstraße/ Krugerstraße festgehalten. Am 17. April besucht Kaiser Franz Joseph höchstselbst die Vorstellung. Augenblicke für die Ewigkeit.

Vienne: Entrée du Cinématographe, Sociéte Lumière, F 1896. © Filmarchiv A.

Le Thermomètre De L’Amour, Pathé Frères, F 1906, © Filmarchiv Austria

Vienne: Le Ring, Sociéte Lumière, F 1896. © Filmarchiv Austria

Kanal 2: Der Kinomagier. Das Kino von Georges Méliès. Schon die Brüder Lumière erzählen in ihren Filmaufnahmen kleine Geschichten. Der erste, der sein Publikum mit dem neuen Medium aber wahrlich zu verzaubern weiß, ist der Theaterillusionist Georges Méliès. In seinem Filmstudio, dem ersten Frankreichs, ersinnt er die tollkühnsten Szenerien und lässt Träume im wahrsten Sinne des Wortes Wirklichkeit werden: Spielkarten erwachen zum Leben, Köpfe werden abgenommen und wachsen wieder nach, und als Höhepunkt: Reisen zur Sonne und zum Mond!

Kanal 3: Wilde Bilder. Das frühe Kino der Attraktionen. Übermütig und voller kreativer Energie zeigt sich das Kino in seinen ersten Jahren auch von seiner anarchischen Seite. Im Zentrum stehen die Freude am Sehen und die Dynamik der Schaulust, gefilmt wird praktisch alles, was vor die Kamera kommt, und wird damit zur Sensation gesteigert. Auch in der Sammlung des Filmarchiv Austria nimmt die Frühgeschichte einen besonderen Schwerpunkt ein. Zu sehen sind erste Farbfilme, Akrobaten und Schausteller, Pioniere der Filmkomik, man lauscht anno dazumals populären Tonbildern – und staunt.

Les Fleurs animées, Pathé Frères, F 1906. © Filmarchiv Austria

Das eitle Stubenmädchen, Saturn-Film, A 1907. © Filmarchiv A.

Der Traum des Bildhauers, Saturn-Film, A 1907. © Filmarchiv A.

Poule Aux Ouefs D’Or, Pathé Frères, F 1905. © Filmarchiv A.

Kanal 4: Saturn. Wiener Filmerotik. Sie flackern höchst lebendig über die noch jungfräulichen Leinwände, wandern mit den Schaustellern quer durch die Monarchie. Johann Schwarzers „Herrenabend- Films“ sind frecher und freizügiger als vergleichbare Produktionen und kreisen mit demonstrativer Lässigkeit um eine offiziell verpönte Erotik, deren ironische, bisweilen offen gesellschaftskritische Inszenierung beim bigotten Habsbürgertum für multiple Höhepunkte der Entrüstung sorgt.

Kanal 5: Geschichten des Kinos. Eine Alltagsszene in der Wiener Innenstadt, aufgenommen von den Brüdern Lumière, markiert den Eintritt in ein neues Zeitalter. Ihr „Cinématographe“ lässt erstmals „lebende Photographien“ öffentlich über die Leinwand flimmern. Der Leiter der Filmsammlungen Nikolaus Wostry führt anhand ausgewählter Filmdokumente und Objekte aus der Sammlung des Filmarchiv Austria durch die frühe Kinogeschichte und beleuchtet insbesondere auch die faszinierende technische Seite der Laufbild-Urmaschinerie. Eine Spurensuche führt schließlich zurück an den Ort der ersten Filmvorführung.

Das Kino Klein im Prater, ca. 1905. © Filmarchiv Austria

Digitorial: 125 Jahre Kino. Begleitend zum Jubiläumsprogramm im Heimkino vermittelt die Online-Ausstellung, das Digitorial „125 Jahre Kino“ auf www.filmarchiv.at spannende Einblicke in die Pionierphase der Kinematografie in Österreich und aller Welt. Prunkstücke der Sammlung sind etwa der Cinématographe Lumière, ein Apparat aus dem Jahr 1897, der Kamera, Kopiergerät und Filmprojektor in einem ist, der Wanderkinoprojektor „Came Demy“ von circa 1899, der um 1900 entwickelte Messter’s Projection oder Heinrich Ernemanns „Modell Imperator“ von 1909.

Mit großer Neugier beobachten die Prater-Schausteller die Aktivitäten der Lumières, und bald schon setzte ein Wettlauf um die Projektoren und Filme ein. Gabor Steiner, Leiter des Prater-Megaspektakels „Venedig in Wien“, schafft es bereits im August 1896, mit einem auf abenteuerliche Weise aus Paris besorgten Projektor Filmvorführungen zu organisieren. Ebenfalls im August werden im sogenannten „Thiergarten“ kinematografische Vorstellungen gegeben.

Eine der ersten Frauen im Kinogeschäft war Theresia Klein, die 1905 im Prater ihr Kino Klein eröffnete. Davor wurde in der Praterhütte Nr. 40 die elektrische „Reinprechtsche Riesenschaukel“, eine populäre Attraktion, sowie das Wursteltheater, eine Freakshow mit „Frau ohne Unterleib“, dem „stärksten Kettensprenger“ oder „dem kleinsten Menschen aller Zeiten“, betrieben. „Theresia Klein zeigt allwöchentlich Neues und Sehenswertes“, berichtete 1908 das Ilustrierte Wiener Wochenblatt. 1945  wurde das in „Kristall-Palast“ umbenannte, beliebte Kino bei den alliierten Bombenangriffen zerstört. Heute steht an seiner Stelle die Prateruhr …

Das komplette Filmprogramm: www.filmarchiv.at/digitale-sammlung/film           www.filmarchiv.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Z5aaWnvlkyk             www.youtube.com/watch?v=YrW0zwqSeMs           www.youtube.com/watch?v=ABGHuwpxkno           www.youtube.com/watch?v=9-I1qEv9vXI

20. 3. 2021

Kino und Home Cinema: Die besten Filme fürs Frühjahr

Januar 1, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Neues von Tom Hanks, Naomi Watts & Kevin Kostner

Der Rausch: Mads Mikkelsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3 ApS, Zentropa Sweden AB, Topkapi Films B.V. & Zentropa Netherlands B.V.

Das alte Jahr war #Corona-bedingt ein Kinojahr zum Vergessen. Nun liegen alle Hoffnungen auf 2021, und tatsächlich warten etliche sehenswerte Filme nur auf das Lockdown-Ende. Neues gibt es etwa von Tom Hanks, Frances McDormand, Naomi Watts, Mark Wahlberg und Kevin Kostner. Für Österreich gehen Evi Romen mit ihrem Debütfilm „Hochwald“ und Arman T. Riahi mit dem Diagonale-Eröffner „Fuchs im Bau“ an den Start. Ein Überblick:

Kinovorschau: Jänner

Der Rausch. Martin ist Lehrer an einer Schule. Er fühlt sich alt und müde. Seine Schüler und ihre Eltern wollen, dass er gekündigt wird, weil sie mit der Qualität seines Unterrichts nicht zufrieden sind. Ermutigt durch eine abstruse Theorie stürzen sich Martin und drei Kollegen in ein Experiment: Sie wollen durch Alkoholkonsum ihren Blutalkoholwert konstant bei 0,5 Promille halten. Anfangs ist das Ergebnis positiv. Martin hat wieder Spaß am Unterrichten und auch die Liebe zu seiner Frau Trine entflammt neu. Doch die negativen Auswirkungen lassen nicht lange auf sich warten… In der bereits zehnfach ausgezeichneten Sozialsatire von Regisseur Thomas Vinterberg geht Mads Mikkelsen jeder Flasche auf den Grund. Ab 29. Jänner. Trailer: www.youtube.com/watch?v=oJwlO6vcsm0&t=16s

Kinovorschau: Februar

Lass ihn gehen. Was weit gehen Menschen, um ihre Liebsten zu schützen? USA, 1951: Der Sohn des pensionierten Sheriffs George Blackledge und seiner Frau Margaret kam vor ein paar Jahren bei einem Unfall ums Leben. Dessen nunmehrige Witwe ließ sich mit einem zwielichtigen Tagedieb ein. Als die entsetzte Margaret sieht, wie dieser „Stiefvater“ Donnie Weboy ihren Enkel in aller Öffentlichkeit prügelt, will sie das Kind retten. Doch Jimmy und seine Mutter leben auf der Farm des gefährlichen Weboy-Clans. Matriarchin Blanche führt ihre Familie mit eiserner Hand und denkt gar nicht daran, Jimmy gehen zu lassen. George und Margaret müssen um ihren Enkel kämpfen … Supermans Adoptiveltern Diane Lane und der für derlei Rollen wie geschaffene Kevin Kostner brillieren in diesem aufwühlenden Neo-Western nach dem gleichnamigen Roman von Larry Watson. Ab 19. Februar. Trailer: www.youtube.com/watch?v=bE8pwEF-3TI

Kinovorschau: März

Nomadland. Auf der Viennale 2020 bereits gezeigt, wartet „Nomadland“ nun auf den regulären Kinostart. Frances McDormand spielt als Fern einen jener Menschen, die nach der großen Rezession von 2008 alles verloren haben. Gezwungen in ihrem Van zu leben, hält sie sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Mal zusammen mit Gleichgesinnten, die wie sie in der Welt keinen Platz mehr finden, dann wieder ist sie allein unterwegs in den schier unendlichen Weiten Nordamerikas. Begleitet von der Schönheit der Landschaft. Dicht gefolgt von der Einsamkeit. Und all jenen Problemen, die ein Leben auf der Straße mit sich bringt. Das Drama von Regisseurin und Drehbuchautorin Chloé Zhao, Gewinner des Goldenen Löwen 2020, gilt als eines der Highlights des kommenden Kinojahres. Ab 19. März. Trailer: www.youtube.com/watch?v=iEcIDpnv3qQ

Lass ihn gehen. © Universal Pictures

Fuchs im Bau. © Golden Girls Film

Falling. © Filmladen Filmverleih

Good Joe Bell. © Solstice Studios

Fuchs im Bau. Der neue Spielfilm von Regisseur Arman T. Riahi ist zugleich der Eröffnungsfilm der Diagonale’21. Die neue Arbeitsstelle des ehrgeizigen Mittelschullehrers Hannes Fuchs ist ungewöhnlich: Es ist die Gefängnisschule im Jugendtrakt einer großen Wiener Haftanstalt. Dort trifft Fuchs auf die eigenwillige Elisabeth Berger, die mit ihren unkonventionellen Lehrmethoden nicht nur die Untersuchungshäftlinge in Schach, sondern auch die Justizwache auf Trab hält. Dem obersten Wachebeamten ist Bergers Kunststunde ein Dorn im Auge, da er sie als Sicherheitsrisiko sieht. Doch genau auf diese legt Berger besonderen Wert, da sich während des Malens sogar die hartgesottensten Insassen erweichen lassen. Mit Aleksandar Petrović, Maria Hofstätter, Andreas Lust, Sibel Kekilli und Karl Fischer. Ab 19. März. Trailer: www.facebook.com/fuchsimbau

Hochwald. Das Spielfilmdebüt der Autorin und Editorin Evi Romen schildert die Berg- und Talfahrt eines jungen Mannes, der völlig orientierungslos ist, aber dennoch spürt, dass es irgendwo auch für ihn einen Platz geben muss. Das Leben des sensiblen und etwas schrägen Mario gerät aus den Fugen, als sein Jugendfreund Lenz auftaucht. Mario und Lenz kennen einander seit Kindertagen. Nun sind sie Zwanzig und auf dem Sprung, die Enge ihres Dorfes hinter sich zu lassen. Lenz, der Winzersohn, hat dafür eindeutig die besseren Karten in der Hand als der Träumer Mario. Doch plötzlich wird alles anders…. Ein kühnes Queering-Drama vor Bergkulisse, und somit ein großartiger Heimatfilm über Sex, Religion, Tod und Befreiung. Mit Thomas Prenn, Noah Saavedra und Josef Mohamed. Ab 31. März. Trailer: www.youtube.com/watch?v=J-BwyK0IY74

Kinovorschau: April

Falling. John lebt mit der Wut seines Vaters, seit er denken kann. Willis macht kein Hehl daraus, dass er den Lebensstil seines offen homosexuell lebenden Sohnes zutiefst verabscheut. Einst versuchte der Patriarch aus dem Mittleren Westen seinen Sohn zu einem „echten Mann“ zu erziehen – doch der weltoffene John distanzierte sich von dessen männlichem Rollenbild, das sich durch Aggressivität und Engstirnigkeit auszeichnet. Als Willis mit einer beginnenden Demenz kämpft, nimmt ihn John trotz der schmerzhaften Erinnerungen auf – und Willis lässt seinen homo- wie xenophoben Ausbrüchen gegenüber Johns Ehemann Eric und der gemeinsamen, aus Mexiko stammenden Adoptivtochter Monica freien Lauf. Doch John trägt nun die Verantwortung für jenen Mann, der ihm im Leben am meisten weh tut … Ausnahmeschauspieler Viggo Mortensen präsentiert mit „Falling“ seine erste Regiearbeit nach einem eigenen Drehbuch. Das Resultat ist gefühlvoll, packend und durchaus experimentell. Ab 9. April. Trailer: www.youtube.com/watch?v=-rZ5DSeUb00

Neues aus der Welt. © Universal Pictures

Penguin Bloom. © Hugh Stewart

Billie. © Polyfilm/ Getty / Michael Ochs Archives / REP Documentary / Marina Amaral

Anfang 2021 / ohne konkreten Starttermin

Penguin Bloom. Die Krankenschwester Sam Bloom verletzt sich während eines Urlaubes mit Ehemann Cameron und ihren drei Söhnen in Thailand schwer, als sie von einem Balkon stürzt. Von da an ist sie von der Hüfte abwärts gelähmt, was die gesamte Familie auf eine harte Belastungsprobe stellt. Nach ihrer Reha fällt Sam in eine tiefe Depression, doch dann bringt eines Tages einer ihrer Söhne einen verletzten Flötenvogel mit nach Hause. Sie nennen ihn wegen seines schwarz-weißen Gefieders Penguin. Immer mehr lässt der Vogel, der dringend aufgepäppelt werden muss, und der seiner neuen Mama bis ins Bett und unter die Dusche folgt, Sam ihren eigenen Schmerz vergessen und gibt ihr neuen Lebensmut. Naomi Watts in einem Film von Regisseurin Glendyn Ivin nach der wahren Geschichte der Familie Bloom und ihres Magpie-Kükens. Trailer: www.youtube.com/watch?v=q7eZEZHRrVg

Good Joe Bell. Noch eine True Story. Joe Bell ist der Inbegriff von Männlichkeit, und als Ehemann und Vater gewohnt zu brüllen und zu kommandieren, bis er bekommt, was er will. Sein 15-jähriger Sohn Jadin allerdings wird an der High School als schwul geoutet und fortan schikaniert, bis er Selbstmord begeht. Statt sich nach dessen Suizid in seiner Trauer zu verlieren, beschließt Joe durch die gesamten USA zu wandern und auf Mobbing und die möglichen Auswirkungen aufmerksam zu machen. Das Original ist an der Gründung von Faces for Change beteiligt, einer Anti-Mobbing-Stiftung, die das Engagement von Menschen an Schulen ehrt, die sich für Diversität und die Förderung von Toleranz einsetzen. Mark Wahlberg überzeugt in der Titelrolle, das Drehbuch stammt vom „Brokeback Mountain“-Duo Diana Ossana und Larry McMurtry. Trailer: solstice-studios.com

Billie. Ihre ungewöhnliche Stimme und ihre Lieder voll emotionaler Strahlkraft machten sie weltberühmt. Jahrzehnte vor der #BlackLivesMatter-Bewegung lieferte Billie Holiday mit ihrem Song „Strange Fruit“ den Soundtrack für die Bürgerrechtsbewegung der amerikanischen People of Colour. Eine selbstbewusste, politisch denkende Frau, ein musikalisches Genie. Und die erste schwarze Frau in einer weißen Band. In den späten 1960er-Jahren sprach die Journalistin Linda Lipnack Kuehl mit Musikgrößen wie Charles Mingus, Tony Bennett und Count Basie über die Jazz-Legende, aber auch mit Billies Cousin und Schulfreunden, sowie einem FBI-Agenten, der die Diva einst verhaftete. Ihre Biografie über die Sängerin konnte die Autorin jedoch nie veröffentlichen. In seinem Dokumentarfilm verknüpft James Erskine nun aufwändig restauriertes Archivmaterial und die bisher ungehörten Tonbandaufnahmen von Kuehl mit den wichtigsten Auftritten von Billie Holiday. Er zeichnet das bewegende, vielschichtige Porträt einer Sängerin, deren kurzes Leben durch ihre spektakulären Shows, Exzesse und den Willen zur Rebellion gekennzeichnet war. Ein grandioses filmisches Denkmal. Trailer: www.youtube.com/watch?v=qTpMaxBw2aA

Nomadland. © Searchlight Pictures

Hochwald. ©Amour Fou – Flo Rainer

Virtues. © Channel 4

Neues aus der Welt. Eigentlich sollte Paul Greengrass‘ Westerndrama mit Tom Hanks Ende 2020 in den Kinos starten. Ob es nun dazu kommt oder der Film nach dem Roman von Paulette Jiles doch am 7. Jänner auf Netflix anläuft, ist nach wie vor nicht zu eruieren. Im mutmaßlichen Oscar-Nominee spielt Tom Hanks den abgehalfterten Bürgerkriegs-Captain Jefferson Kyle Kidd, der seit dessen Ende als Nachrichtenüberbringer und Zeitungsvorleser durch das Land zieht. Er erzählt den Menschen von einer neuen Pandemie (!), der Tuberkulose, und von der Eisenbahn, die bald auch Süd-Texas an den Rest des Landes anschließt. In Texas erhält er einen ungewöhnlichen Auftrag: Er soll die zehnjährige Johanna Leonberger, die vor vier Jahren von den Kiowa entführt wurde, nachdem sie ihre Familie getötet hatten, zu ihrer Tante und ihrem Onkel bringen. Hunderte Meilen soll der Mann mit dem traumatisierten Kind zurücklegen, während die gefährliche Wildnis und noch gefährlichere Menschen nach ihnen trachten. Doch die größte Herausforderung stellt Johanna selbst dar, die kein Wort Englisch, sondern nur ein paar Brocken Deutsch und Kiowa spricht. Mit Tom Hanks spielt Helena Zengel aus „Systemsprenger“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34792)! Trailer: www.youtube.com/watch?v=zTZDb_iKooI

Home Cinema

Der weiße Tiger. Balram Halwai erzählt seinen düster humorvollen Aufstieg vom armen Dorfbewohner zum erfolgreichen Unternehmer im modernen Indien. Die Gesellschaft hat ihn einzig und allein für eine Sache ausgebildet: Diener zu sein. Also macht er sich für seine reichen Herren, als Fahrer für die eben aus Amerika heimgekehrten Ashok und Pinky, unentbehrlich. Aber nach einer Nacht des Verrats erkennt er das korrupte und zu Gunsten weniger manipulierte System, und Balram beschließt eine neue Art von „Meister“ zu werden. Ein Film von Ramin Bahrani nach dem Debütroman des indischen Journalisten Aravind Adiga, der dafür mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde. Auf Netflix ab 22. Jänner. Trailer: www.youtube.com/watch?v=HuFypwQQEAA

Ein guter Mensch. Alzheimer im Frühstadium, diese Diagnose verändert das Leben des 65-jährigen Agâh Beyoğlu von einer Sekunde auf die andere. Doch der pensionierte Gerichtsangestellte hat andere Pläne, als sich dem Schicksalsschlag zu ergeben. Vor Jahren wurde in seinem Heimatort ein Verbrechen begangen und im großen Stil verschleiert. Nun beginnt Agâh einen blutigen Feldzug, eine Mordserie, die die Istanbuler Mordkommission bald alt aussehen lässt. Die von Onur Saylak inszenierte Miniserie ist ein hintergründiges Thrillerdrama mit klarem politischen Unterton gegen Erdogan und die AKP. Als rachsüchtiger Rentner wurde Haluk Bilginer 2019 vollkommen zu Recht als bester Schauspieler mit dem International Emmy ausgezeichnet. Bereits zu sehen auf Magenta TV und auf DVD. Trailer: www.youtube.com/watch?v=8sEcx8SX0lU

Der weiße Tiger. © Netflix Originals

Ein guter Mensch. © Magenta TV

Kampf um den Halbmond. © Arte TV

Des. © Lions Gate Entertainment

The Virtues. Joseph in einem Pub in Liverpool. Hier will er all die hinter sich lassen, die ihn verlassen haben, allen voran seine geschiedene Frau, die mit ihrem Sohn und „dem Neuen“ nach Australien ausgewandert ist. Joseph ist ein Wrack, psychisch und physisch, er kauft sich Freunde mit Lokalrunden, um am Ende allein daheim in seinem Erbrochenen aufzuwachen. Die Zuschauerin, der Zuschauer ahnt, dass der Anfang von Shane Meadows‘ Miniserie dies Ende ist. Vier Episoden lang verarbeitet der Regisseur derart die traumatischen Ereignisse seiner eigenen Jugend, und ebenso lang dauert Josephs Martyrium, das einem in nahezu jeder Szene die Kehle zuschnürt – vor Wut, Mitleid, Fassungslosigkeit. Mutig und gesegnet mit der Gabe, in die Verletzlichkeit dieses verlorenen Charakters einzutauchen, spiegelt Stephen Graham dessen Seelenqualen mit Gesicht und ganzer Körperhaltung wider. Warum Graham nicht schon längst zur ersten Liga der internationalen Schauspielerzunft zählt, es ist ein Rätsel … Auf DVD. Trailer: www.youtube.com/watch?v=DOons8oVsmE

Kampf um den Halbmond. Paris, 2014. Antoine ist ein junger und begabter Ingenieur, der erfolgreich in der Baufirma seines Vaters arbeitet. Doch in der Familie gibt es ein Drama: Vor zwei Jahren kam Antoines Schwester Anna, eine junge Archäologin, bei einem terroristischen Attentat in Kairo ums Leben. Antoine versucht, die Trauer zu überwinden und loszulassen, seine Partnerin Loraine und er wollen eine Familie gründen und ein Kind bekommen. Doch eines Tages sieht Antoine in einer Fernsehreportage über kurdische Kämpferinnen in Syrien eine Frau, die Anna sein könnte. Lebt sie und kämpft mit dem Frauenbataillon YPJ gegen den IS? Antoine macht sich auf die Suche nach Anna und gerät in Syrien zwischen die Fronten. Die franko-israelische Serie von Oded Ruskin, Staffel eins mit Félix Moati und Mélanie Thierry aus dem Jahr 2020, mischt Elemente von Thriller, Spionagefilm und Familiendrama und beweist sich als intensiver und informativer Einblick in einen Konflikt, der schwer zu verstehen ist. Eine zweite Staffel ist in Planung. Bereits zu sehen in der ARTE-Mediathek. Trailer: www.arte.tv/de/videos/RC-019886/kampf-um-den-halbmond

Des. Februar 1983. Ein Installateur findet im Abflussrohr eines Londoner Wohnhauses menschliche Knochen. Die Ermittlungen führen schnell zu Dennis Andrew Nilsen, „Des“, der im Verhör angibt, ab 1978 an die fünfzehn junge Männer getötet zu haben. Doch wer sind sie, und warum mussten sie ihre Begegnung mit Des mit dem Leben bezahlen? Auf diese Frage antwortet der von David Tennant verkörperte schottische Serienkiller schlicht: „Ich hatte gehofft, Sie könnten mir das sagen.“ Somit zeigt die von Lewis Arnold in Szene gesetzte dreiteilige True-Crime-Serie nicht die Suche nach dem Täter, sondern nach den Opfern, an deren Namen er sich nicht einmal mehr erinnert. Die größte Fahndung in der Geschichte Großbritanniens wird nicht nur aus der Sicht des Mörders, sondern auch aus der unter Druck geratener und rivalisierender Detectives und seines Biografen Brian Masters geschildert. Blut fließt nur im Kopf der Betrachterin, des Betrachters, doch dank der schnörkellosen Tennant-Performance ist das Ganze trotzdem ziemlich grauslich. Bereits zu sehen auf Starzplay. Trailer: www.youtube.com/watch?v=EzXgIV-EJQE

  1. 1. 2021

Österreichisches Filmmuseum: Utopie und Korrektur

Oktober 9, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Sowjetisches Kino 1926 bis 1940 und 1956 bis 1977

„Wir stecken den Fuß in des Wunschtraums Bügel, Wir satteln das Pulver der Tage, Dem glanzvollen Bilde nachzufliegen, Unser Leuchten in zahllose Weiten zu tragen.“ Aus: „150 000 000“ (Vladimir Majakovskij, 1921)

General’naja linija / Staroe i novoe (Die Generallinie / Das Alte und das Neue) 1926–29, Sergei Eisenstein & Grigorij Aleksandrov. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Als der russische Dichter Vladimir Majakovskij diese Zeilen 1921 schrieb, befand sich Russland seit mehr als drei Jahren in einem blutigen Bürgerkrieg. Für den Futuristen Majakovskij jedoch markierte die Revolution 1917 die Umsetzung des Traumes von einer gerechteren Welt. Die Künstler trugen das ihre bei: Das „Leuchten“ von dem der Dichter schrieb, erhellte weltweit auch die Leinwände der Kinos.

Doch während die „Spritzer“ der sowjetischen Kinorevolution weit in der „Länder Runde stoben“ versanken daheim die aufmüpfigen Künste im Würgegriff des Stalinschen Totalitarismus. Die Utopie wurde „korrigiert“, die Filme verbogen, verboten, weggesperrt, ihre Macher mit Zensur, Berufsverbot bedacht, in einigen Fällen in die Verzweiflung, das Exil oder den Tod getrieben. Aus Anlass des Jubiläums der Revolution von 1917 zeigt das Österreischische Filmmuseum mit „Utopie und Korrektur. Sowjetisches Kino 1926–1940 und 1956–1977“,die erste Retrospektive, die Michael Loebenstein als Direktor des Hauses verantwortet. Beginn ist am 13. Oktober.

Loebenstein und Alexander Horwath luden noch gemeinsam mit Viennale-Direktor Hans Hurch zwei Kollegen aus Moskau ein, einen „russischen“ Blick auf das Jahrhundertereignis und sein Nachwirken im Kino zu werfen. Naum Kleiman, geboren 1937, Gründer des Sergej Eisenstein-Archivs und langjähriger Leiter des Moskauer Filmmuseums, und Artiom Sopin, geboren 1988, Lektor an der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität, wählten 30 Filme aus, die von den Träumen und ihren Umarbeitungen durch die Wirklichkeit zeugen. Ein Dialog zwischen zwei Experten der sowjetischen Kinematografie unterschiedlicher Generationen, aber auch ein Dialog zwischen Filmen aus mehreren Jahrzehnten. Nicht zuletzt ist „Utopie und Korrektur“ eine Schau, welche die ästhetische Vielfalt und anhaltende Strahlkraft des sowjetischen Kinos verdeutlicht.

Timur i ego komanda (Timur und sein Trupp) 1940, Aleksandr Razumnyj . Bild: Österreichisches Filmmuseum

Beregis‘ avtomobilja (Vorsicht, Autodieb!) 1966, Ėl’dar Rjazanov. Bild: Österreichisches Filmmuseum

„Unsere Retrospektive besteht nicht aus mythologisierten ,Rekonstruktionen‘ der Ereignisse auf der Leinwand, sondern aus 15 Filmpaaren, von denen jedes Paar auf die eine oder andere Weise von den utopischen Ideen der Russischen Revolution und ihren ,Korrekturen‘ im Lauf der Geschichte zeugt. Ebenso wie Revolutionen nicht ohne Utopien beginnen – dem Bild eines Zustands allgemeinen Glücks und totaler Harmonie –, so vollziehen sich auch die sozialen Veränderungen nicht ohne Umarbeitungen des ursprünglichen Traums durch die Realität“, so Naum Kleiman und Artiom Sopin. „Die Ursachen und Bedingungen für diese ,Korrekturen‘ sind vielgestaltig: der Konflikt zwischen lebendiger Vielfalt und dem Schematismus der Konzeptionen; die Trägheit der Geschichte und der Gewohnheiten; ethnische Vorurteile und soziale Rückständigkeit; die Machtliebe der Führer und die Korruption der Beamten; die Ängste der treu Ergebenen und die Paranoia der Zensur.“

Odna (Allein) 1931, Grigorij Kozincev & Leonid Trauberg. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Freiwillig oder unfreiwillig folgt das sowjetische Kino seither den Zickzackbewegungen und mannigfaltigen Transformationen der Utopie. Im Reagieren auf historische Verschiebungen decken die Filme der Schau indirekt oder direkt die „Entstellungen“ der Utopie auf; anderswo konnten Filmemacherinnen und Filmemacher zu bestimmten Zeiten die Ideale oft kritisch korrigieren oder widerlegen.

Nicht zuletzt sprechen viele der Filme von den „Korrekturen“ der Zensur, der alle Künste unterworfen waren. In diesem Sinne stellen die zu sehenden Filme eine Geschichte der Konflikte dar, denen sowjetische Filmemacherinnen und Filmemacher sich aussetzten: mal mit der Macht, mal mit der Realität, mal mit der Utopie selbst. Etliche der gezeigten Filme waren selten oder noch nie in Österreich im Kino zu sehen und sind nur in 35mm-Archivkopien, hauptsächlich in Russland, vorhanden. Die Kuratoren Kleiman und Sopin werden von 13. bis 15. Oktober in Wien zu Gast sein und Einführungen zu den Filmen halten.

9. 10. 2017

21er Haus: Blickle Kino

April 16, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Arab#Film#Revolution

Bild: A World of Maps / West meets East

Bild: A World of Maps / West meets East

Im Monat April widmet sich das Blickle Kino – im Rahmen einer Kooperation mit dem Festival Capalbio Cinema – dem internationalen Kurzfilm und präsentiert an zwei Abenden ausgewählte Filme aus Programmen des namhaften Kurzfilmfestivals. Das Festival, 1994 unter der Patronanz des italienischen Starregisseurs Michelangelo Antonioni gegründet, fördert seit nunmehr 20 Jahren den italienischen und internationalen Autorenkurzfilm.

 

 

CAPALBIO CINEMA #1 A World of Maps / West meets East

Mittwoch, 16. April 2014 | 19 Uhr |

Mit dem Programm A World of Maps unternimmt das Festival seit einigen Jahren den Versuch die Geografie des von enormen Umbrüchen geprägten Planeten zu wiederkartieren, wie auch innovative Talente hervorzuheben und zu fördern, die diese Veränderungen filmisch zu erfassen vermögen. Gezeigte Filme u. a.:

Miguel Clara Vasconcelo, Universo de Mya (Portugal, 2010)
Johannes Nyholm, Las palmas (Schweden, 2011).

West meets East präsentiert sich mit einem Asien-Schwerpunkt und schildert neueste Entwicklungen sowie Hoffnungen und Ängste der Menschen dieses Erdteils. Der Ausschreibung des Festivals folgten bis dato über 100 Einreichungen von Filmemachern aus Japan, Singapur, Korea, Vietnam, Indonesien und China. Gezeigte Filme u. a.:

Lisa Takeba, The World’s Most Beautiful Dictionary (Japan, 2011)
Alexej Tchernyl und Why Zi, Doctor Rao (Japan, 2011)

CAPALBIO CINEMA #2 Arab#Film#Revolution / Capalbio Choice

Mittwoch, 23. April 2014 | 19 Uhr |

Die arabischen Revolutionen rücken sowohl Zorn als auch Energien und Hoffnungen einer neuen Generation in den internationalen Fokus. Angesicht der vielen Veränderungen welche das Profil einer neuen arabischen Gesellschaft formen, führt das Festival mit dem Programm Arab#Film#Revolution deren Filmemacher zusammen, und zeichnet die vielfältigen filmischen Auseinandersetzungen angesichts der großen politischen Unruhen dieser Länder auf. Gezeigte Filme u. a.:

Ahmad Saleh, House (Jordanien, 2010)
Heraize, Adam (Ägypten, 2011)

Capalbio Choice versteht sich als Sammlung von prämierten Filmen sowie Publikumslieblingen der vergangenen Jahre.
Gezeigte Filme u. a.:

Richard Garcia, Taboulé (Spanien, 2012)
Davis Villeneuve, Next Floor (Kanada, 2008)

www.ursulablicklevideoarchiv.com

www.21erhaus.at

Wien, 16. 4. 2014

Mord an einer Romafamilie

April 3, 2013 in Film

„Just the Wind“ von Bence Fliegauf

im Künstlerhaus Kino

Ab 5. April läuft im Wiener Künstlerhaus Kino „Just the Wind“ vom ungarischen Regisseur Bence Fliegauf, bei der Berlinale 2012 ausgezeichnet mit dem Silbernen Bären, dem Großen Preis der Jury.

Just the Wind/Bence Fliegauf Bild: Stadtkino Filmverleih

Just the Wind/Bence Fliegauf
Bild: Stadtkino Filmverleih

Die Nachricht verbreitet sich in Windeseile: In einem ungarischen Dorf wurde eine Roma-Familie ermordet. Die Täter sind entkommen, niemand will eine Ahnung davon haben, wer das Verbrechen begangen hat. Eine andere Roma-Familie, die nahe dem Tatort lebt, sieht sich in ihrer latenten, mühsam verdrängten Angst bestätigt. Der Vater ist weit weg in Kanada; er möchte seine Frau, die Kinder und den Großvater nachholen, sobald es ihm möglich ist. Die Familie, von rassistischem Terror bedroht und von einer schweigenden Mehrheit im Stich gelassen, versucht den Tag nach der Tat zu überstehen. Die Mutter, die Tochter und der Sohn tun alles, um nicht aufzufallen. Aber Bedrohung und Angst sind ihre ständigen Begleiter. Und abends, als die Dunkelheit über das Dorf hereinbricht, rückt man im Bett noch enger zusammen als sonst. Doch die Hoffnung, dem Wahnsinn zu entkommen, erweist sich als trügerisch. Ausgehend von einer realen Mordserie, der in Ungarn in wenig mehr als einem Jahr acht Menschen zum Opfer fielen, schildert Fliegauf die Pogromstimmung, aus der Gewalt gegen Minderheiten entsteht.

Ein hochpolitischer Film, der auf die Grausamkeit der Wirklichkeit baut. Roma-Familien, die nachts von Milizen ermordet werden, sind heute in Ungarn Realität. Hintergrund dieser Morde: Wut auf die Roma, weil diese „auf Kosten des Staates leben“. Fliegauf macht diese Spannung und Bedrohung spürbar. Seine Kamera heftet sich eng an die Fersen der Figuren und macht ihre zunehmende Atemlosigkeit physisch miterlebbar. Auch die sommerliche Hitze und drückende Schwüle nimmt einem im Kinosessel fast die Luft. Eine beklemmende Metapher für Angst der Roma. Fliegauf will so den Zerfall seines Landes zeigen, in dem keiner mehr versucht, zu handeln. Die Polizei bleibt tatenlos, Teile der Bevölkerung nähren den Hass. Eine hoffnungslose Feststellung hinter der der Regisseur seine Hoffnung verbirgt: Das Entstehen eines neuen Bewusstseins, um der Barbarei ein Ende zu setzen.

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Trailer: www.youtube.com/watch?v=SbEIsireE2I

Interview mit Bence Fliegauf: www.youtube.com/watch?v=u9ItHK6_gjM

Von Rudolf Mottinger

Wien, 3. 4. 2013