Volksoper: Cabaret

September 15, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der ersten bis zur letzten Minute WOW!

Willkommen, Bienvenue, Welcome: Ruth Brauer-Kvam als Conférencier mit Ensemble. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Willkommen, Bienvenue, Welcome!“ hieß es gestern zum Saisonauftakt an der Volksoper. Zum ersten Mal zeigt das Haus das Musical „Cabaret“ von Komponist John Kander, Librettist Joe Masteroff und Liedtexter Fred Ebb, inszeniert von Gil Mehmert und mit Lorenz C. Aichner am Pult, und mit der Wirkung: von der ersten bis zur letzten Minute WOW! Es wird wenige geben, die bei dieser frivol-frechen Hommage ans Berlin der Goldenen Zwanziger nicht an Liza Minnelli in Bob Fosses 1972er-Film denken.

An der Volksoper singt und spielt Bettina Mönch die Sally Bowles, und begeistert mit einem Timbre und einem Temperament, die dem US-Superstar alle Ehre machen. Mit ihr brilliert Ruth Brauer-Kvam als androgyner Conférencier und BesitzerIn des Kit Kat Clubs. Erst im Juni sprach John Kander im Interview mit der Welt über ein „Cabaret“-Comeback, da ja Nationalismus, Populismus und Rassismus gerade Revival feiern. Gil Mehmert hat diesen Sager mit seiner Arbeit bereits vorweggenommen, verliert er doch in dieser keinen Moment die politische Dringlichkeit des Stücks aus den Augen. Die Volksopernfassung, teils in deutscher, teils in englischer Sprache, beinhaltet zu den Bühnensongs die drei für die Verfilmung geschriebenen Evergreens „Money“, „Mein Herr“ und „Maybe This Time“ – und so konnte Mehmert beispielsweise für „Money“ eine an Georg Grosz‘ Gemälde „Stützen der Gesellschaft“ erinnernde Figur erfinden, einen Banker mit Goldgehirn und Tresorbauch.

Ich hatte eine Freundin namens Elsie: Bettina Mönch als Sally Bowles mit den Kit Kat Girls and Boys. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Maybe This Time: Bettina Mönch als Sally Bowles und Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Auch die anderen Nummern im Kit Kat Club sind um diese gesellschaftliche Brisanz angereichert: Zu „Two Ladies“, ursprünglich ein schamloses Bekenntnis zur Ménage-à-trois, tanzt der Conférencier, angetan als „Führer“, mit einem deformiert-maskierten Mussolini und einem Stalin einen teuflischen Dreier. Das dem deutschen Kunstlied nachempfundene „Der morgige Tag ist mein“ intonieren erst ein urgermanischer Männerchor, dazu Fackelzug und eine HJ mit ihren Trommeln, bevor es das von Johanna Arrouas hinreißend biestig dargestellte Fräulein Kost als ihren neuen Gesinnungsgesang übernimmt.

Dass ausgerechnet das aufsässige Matrosenliebchen, das in Fräulein Schneiders Pension die Seemänner im Stundentakt aufmarschieren lässt, und der Obskurant Ernst Ludwig, Peter Lesiak gestaltet den Unsympath vom Nadelstreifanzug zum Braunhemd, vom illegalen Parteigänger zum SA-Mann, schlussendlich „an die Macht“ kommen, dient Mehmert zusätzlich als Metapher für aktuell Rechtsrückende in ihren aberwitzigsten Ausprägungen. Für all das hat Heike Meixner eine monumentale Drehbühne samt Showtreppe und riesiger Klaviatur entworfen.

Dies die Hälfte auf der Mönchs Sally Bowles als lasterhaft leicht geschürzte Nachtclubsängerin durchs Zwielicht der Bühne wirbelt – Kostüme: Falk Bauer, Choreografie: Melissa King –, während sich auf der anderen die Schneider’sche Pension, vier bieder eingerichtete Zimmer, befindet. Eine Welt wird, wie sie’s auch musikalisch tut, spiegeln sich doch die Pensions-Balladen im Kit-Kat-Uptempo-Jazz, so zur Kehrseite der anderen, Bohème und Hausbacken in trauter Eintracht im Makrokosmos der Stadt, deren Name in Leuchtbuchstaben über allem steht. Es ist Ruth Brauer-Kvams Conférencier, der die beiden Milieus verbindet, er laut Mehmerts Interpretation ein Narr, der wie eine lichttaumelnde Motte durchs seinesgleichen bald verbrennende Geschehen flirrt, wobei den nosferatanischen Glatzkopf wie jeden Faxenmacher die Gabe der Weitsicht plagt, mittels der er lang vor den übrigen den Millionentod am sich verdunklenden Horizont dräuen sieht.

I Don’t Care Much: Ruth Brauer-Kvam als Conférencier. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Two Ladies: Ruth Brauer-Kvam als Conférencier mit den Kit Kat Girls and Boys. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dass Bettina Mönch und Ruth Brauer-Kvam vom Publikum mit Riesenjubel bedankt wurden, bevor’s am Ende sogar Standing Ovations gab, versteht sich, doch stehen die weiteren Solistinnen und Solisten, die Kit Kat Girls und Boys, unterstützt vom Volksopernorchester, das Dirigent Lorenz C. Aichner mit Verve durch die revueartigen Nummern aus Ragtime, Swing und Big-Band-Sound führt, den beiden in nichts nach. Und so überzeugt Hausdebütant Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw mit angenehmer Stimme und viel Spiellust, sich vom homosexuelle Erfahrungen gemacht habenden Schriftsteller, ein Alter Ego von Autor Christopher Isherwood, auf dessen „Berlin-Stories“ das Musical basiert, zum Sally-Lover zu entwickeln.

Womit er die – von Anfang an zum Scheitern verurteilte – selbstauferlegte Aufgabe übernimmt, der exaltiert-erotischen Realitätsverweigerin die Augen über den Zustand der Weimarer Republik zu öffnen. Sein Schlager „Wer will schon wach sein?“ markiert denn auch den Schlusspunkt der Aufführung. Dem verrückt verliebten Paar Sally und Cliff stehen mit sozusagen selbem Leitmotiv die gutbürgerlichen Fräulein Schneider und Herr Schultz gegenüber, die Pensionswirtin und der Obsthändler, die in Mehmerts Regie einen wichtigen Platz einnehmen, ans Herz rührend verkörpert von Dagmar Hellberg, die mit „Berliner Schnauze“ und einer gehörigen Portion Resoltsein ihre Gutmütigkeit zu verbergen versucht, und einem Süßholz raspelnden Robert Meyer, der zu den Klezmer-Anklängen von Herrn Schultzens großem Song „Mieskeit“ sogar eine „Solo-Hora“ wagt.

Und dann steht man da, sagt beseligt Ja: Dagmar Hellberg als Fräulein Schneider und Robert Meyer als Herr Schultz, rechts oben: Peter Lesiak als Ernst Ludwig. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der morgige Tag ist mein: Johanna Arrouas als Fräulein Kost und Peter Lesiak als Ernst Ludwig. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dies beim Verlobungsfest der beiden in ihrer späten Liebe Schwelgenden, von denen er Jude ist, was eingangs kurz erwähnt wird, wo’s noch keine Rolle spielt, und wo Schulz‘ Aber-was?-Motto noch lautet: „Das geht vorbei. Regierungen kommen und gehen“. Doch so, wie überall mehr und mehr Hakenkreuzbinden und Totenkopfabzeichen aufblitzen, der aufkeimende Nationalsozialismus stärker und stärker das ausschweifende Nachtleben unterminiert, so fliegt der erste Pflasterschein durchs Schaufenster von Schultz‘ Obstgeschäft, so flieht Fräulein Schneider in das ihr sicher scheinende Deutschtum

Sie ist der Charakter, an dem sich verdeutlicht, wie schnell Gesinnung von rechts in der Mitte der Menschen ankommen kann. Herr Schultz wird indessen bei seiner Flucht ins Ausland, denunziert von Fräulein Kost, aufgegriffen und abgeführt, und Berlin verabschiedet sich für „1000 Jahre“ von seiner Weltoffenheit … „Cabaret“ an der Volksoper kann einfach alles. Gil Mehmert versteht es, die Atmosphäre des Abends von sinnlich, lustvoll, verrucht in Angst und Schrecken kippen zu lassen. Und Ensemble wie Orchester sind meisterlich darin, diese Stimmungen in den Zuschauerraum zu tragen. „I Don’t Care Much“ singt der Conféren- cier noch. Doch genau das gilt es jetzt zu tun …

www.volksoper.at

  1. 9. 2019

Burgtheater: Die Bakchen

September 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aufmarsch von rechts außen

Der Chor der Bakchen marschiert durch Ulrich Rasches Maschinentheater; vorne: Markus Meyer als Chorführer. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Nahe am Abgrund marschieren, nein: eigentlich schleichen, sie im Gleichschritt über sechs den Raum durchmessende Laufbänder, dreieinhalb Stunden in ständiger Bewegung, in angeschrägter Hoch- und Tieflage geht‘s mal steil hinauf, mal abschüssig hinab, doch sind statt des Rhythmus‘ aufstampfender Kampfstiefel im Stakkato hervorgestoßene Sätze zu hören – von Protagonisten wie Chor, schwarzgewandet allesamt.

Nicht mehr als Schemen sind sie, im schwefeligen Gegenlicht, im Infight mit der Macht der Maschine, die ganze Aufführung ein körperlicher Akt … Die Neuerfindung des Burgtheaters hat gestern Abend begonnen. Ulrich Rasche bescherte dem Publikum zum Auftakt der Direktion Martin Kušej eine Inszenierung der Extraklasse. Seit etwa einem Jahrzehnt feiert der Regisseur und Bühnenbildner mit seinem monumentalen Maschinentheater Triumphe, zelebriert bildgewaltig und textkonzentriert die Sinnlichkeit des Abstrakten, und erzählt des Themas nimmermüde von der Selbstentfremdung des Menschen im Wechselfall von exzessivem Individualismus und gewissenloser Konformität.

In Wien nun ließ Rasche die hypnotische Sogwirkung seiner Arbeiten sich via „Die Bakchen“ entfalten, Euripides‘ letztem Meisterwerk, geschrieben nach 30 Jahren Krieg mit Sparta und kurz vor der Niederlage Athens, uraufgeführt posthum, 405 v. Chr. bei den Tragödienwettbewerben der Polis, und deren Siegerstück. Diverses wurde über das Drama schon gedeutelt, in dem Dionysos in seiner Geburtsstadt Theben einfällt, um sich an deren Bewohnern zu rächen, weil diese die Göttlichkeit des Sohns von Zeus und König Kadmos‘ Tochter Semele nicht anerkennen. Lang stand bei den Theatermacherinnen und -machern der Schutzherr der Ekstase hoch im Kurs, doch scheint’s sind dieser Zeiten die ethischen Anliegen andere.

Rasche hat auf die Ambiguität der verstörenden Vorlage gepfiffen. Er blendet Problematiken, die sich durch die Gegenüberstellung von Ratio und Raserei stellen, blendet die Frage, ob tatsächlich der Rigorose oder der Wilde Despot ist, aus. Seine Sympathien gelten, sein Brennglasblick konsequent auf die Gegenwart gerichtet, eindeutig Thebens Herrscher Pentheus, für Rasche ein Verteidiger demokratischer Errungenschaften, dem zur Verdeutlichung seiner politischen Haltung eine Perikles-Rede und ein Fragment des Kritias in den Mund gelegen wurden, und der den dionysischen Ausschreitungen mit den Mitteln des Rechtsstaats den Garaus machen will. Er ist der Gegenpol zum grausamen, gewalttätigen Gott, der in dieser Aufführung ganz klar Anthroporrhaistes, der Menschenzerschmetterer, und nicht Lysios, der Sorgenbrecher, ist.

Franz Pätzold brilliert als wütender Gott Dionysos. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Martin Schwab als Kadmos, Felix Rech als Pentheus und Hans Dieter Knebel als Teiresias. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Auftritt der famose, mit Gänsehautstimme gesegnete Franz Pätzold als Dionysos, um seine bösen Absichten kundzutun, ein Hass sprühender, manipulativer, wenn man‘s so lesen will: „rechtspopulistischer“ Demagoge, der seine Anhängerschar, die fanatische Armee der Bakchen, Motto: Gehorsam sein anstatt sich eigene Gedanken machen, zu Mord, Totschlag, Gräueltat anführt. Und wie diese ihren totalitären Anspruch auf Land und Leute skandieren: „Wir holen uns unser Land zurück. Diese Stadt gehört uns. Wie haben kein Recht zu scheitern“, später: „Wir werden immer mehr. Unsere Erregung steigert sich zur Raserei!“

Derart bekundet Rasche sein Bestreben das griechische Theater als Vehikel für Äußerungen zur aktuellen Lage der Nation zu nutzen, ohne groß zu verschleiern, auf wen diese abzielen. Euripides wird zur Schablone für Rasches gesellschaftspolitisches Statement. Sein Schattenspiel in Slow Motion begleitet Minimalmusic von Nico van Wersch, dargeboten von einem Streichquintett, Tenor und Bariton und der großartigen Schlagwerkerin Katelyn King, die mit ihrer Batterie an Trommeln und Pauken nicht nur den Rhythmus fürs Geschehen vorgibt, sondern mit ihrem Sound eine archaisch anmutende Atmosphäre schafft.

Ihr Taktschlagen besiegelt sozusagen den Untergang der Zivilisation. Pätzolds charismatischem Dionysos entgegen stellt sich aber Pentheus, dargestellt von Felix Rech, um nichts weniger „lärmend“ als sein Widerpart, ein starker Machthaber, der nicht an einen Führer, sondern an Verfassung und Gesetze, freie Bürger und den Schutz für Unterdrückte glaubt. Wie Raubtiere lässt Rasche Rech und Pätzold nebeneinander her gleiten, ohne, dass sie einander auch nur einmal eines Blickes würdigen. Pentheus lässt den in Menschengestalt erschienenen Gott verhaften, was dem freilich kein Hindernis ist, die Thebanerinnen – und bei Rasche auch – Thebaner in seinen Bann zu ziehen und auf den Berg Kithairon zu locken. Unter den frisch rekrutierten Bakchen ist auch Pentheus‘ Mutter Agaue, Kadmos zweite Tochter, was Dionysos und Pentheus de facto zu Cousins macht.

Den gemeinsamen Großvater Kadmos gestaltet der Doyen der Produktion, Martin Schwab, wie einen modernen Altpolitiker. Schwabs Kadmos hat genug Wissen und Erfahrung, um die Vorgänge rund um Dionysos zu durchschauen, doch rät er aus opportunistischen Gründen dazu, sich ihnen nicht entgegenzustellen, sondern sie für die eigenen Zwecke einzusetzen. Er selbst erhofft sich durch die Verwandtschaft zum numinosen Enkel einiges: Ruhm und Ehre für die Sippe. Wie Schwab seinen alten Freund Teiresias, Hans Dieter Knebel als Hüter der Religion, dazu anstiftet, ihm zu zeigen, wie man tanzt, wollen sich die beiden Greise doch mit den Bakchen im Wald vergnügen, wie er einen kleinen Hüftschwung probiert, da menschelt es plötzlich an diesem ansonsten durchchoreografierten Abend.

Zu spät kommt über Agaue die Erkenntnis: Katja Bürkle, hinten: Martin Schwab als Kadmos. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Markus Meyer macht den Chorführer und hat als solcher auch einige Solostellen. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Dionysos lockt alldieweil Pentheus auf den Berg, vorgeblich, damit er die Bakchen-Briganten in ihrem kollektiven Rausch beobachten kann, doch er wird entdeckt und von der wütenden Meute in Stücke gerissen. Pätzold zitiert darüber im Hacksprech Nietzsches Zarathustra: “Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: – ihr – habt – noch – Chaos – in – euch!“ Die Masse hat über die Macht gesiegt. Zum Ende erklärt Kadmos seiner Tochter Agaue in quälerisch langsamer Behutsamkeit, dass der Kopf, den sie in der schwarzblutigen Hand hält, nicht der eines Berglöwen ist.

Sondern der ihres Sohnes, den ihr Toben tötete. Da entfährt Schwab ein so tiefer, grässlicher Klagelaut aus der Brust, dass es einen schaudern macht. Nach der ihren Gipfelpunkt erreicht habenden Gewalt-Orgie ist dies der unerwartete Antiklimax der Aufführung: Katja Bürkle überzeugt als Schmerzensmutter aus eigenem Verschulden, sie ist die gramgebeugte Menschin, die Verliererin im Kräftemessen der Männer, und wie die Bürkle das spielt, von Erstaunen zu Erkenntnis zu Entsetzen, beinhaltet mehr Emotionspsychologie, als die alten Griechen je zugelassen hätten.

Markus Meyer ist ein ausgezeichneter Chorführer, dem ein paar Solostellen überantwortet wurden, der aber auch in der Gruppe dank seiner besonderen Ausstrahlung jederzeit zu erkennen ist. Und während die Figur mit dem absoluten Machtanspruch, Dionysos, weiter zieht und die Zuschauer gleichsam durch die Zeitgeschichte führt, versuchen die Restthebaner, im Bewusstsein, wie steinig dieser Weg sein wird, zu einer geordneten Gesellschaft zurückzukehren. „Die Bakchen“ präsentiert Ulrich Rasche als „Ritualhandlung“, als im Wortsinn „schwarze Messe“. Hervorragend gelungen sind bei dieser Einstiegsproduktion des neuen Burgtheater-Teams außerdem die martialischen, viel Haut zeigenden Kostüme von Sara Schwartz und die – um den Einsatz einer Livekamera erweiterten – Videos von Sophie Lux.

Rasche indes hat es geschafft, bewährte und neue Ensemblemitglieder des Hauses nahtlos zusammenzufügen, alle miteinander Ausnahmeschauspieler, was Präzision und Präsenz betrifft, allesamt imstande gemeinsam mit der Laufbandhydraulik in höhere Sphären abzuheben – und dass Pätzold und Rech einander vom Typ, von der Körpersprache und der Stimmführung her ähnlich sind, ist ein zusätzlich prickelndes Moment. Man darf’s ruhig sagen: Diese „Bakchen“ sind ein Gesamtkunstwerk, anhand dessen Rasche gekonnt den Widerstreit zweier Weltsichten, den Kampf demokratischer vs. antidemokratischer Kräfte durchdekliniert. Auf welcher Seite Kušejs Burgtheater steht, ist logisch, auch, dass das Haus sich in dieser Stadt, in diesem Land politisch einmischen wird. Der Applaus dafür war laut und lang.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2019

Beale Street

März 7, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Liebesfilm als Statement gegen Rassismus

Tish (KiKi Layne) und Fonny (Stephan James) sind verliebt, doch der junge Bildhauer muss bald ins Gefängnis. Bild: © Tatum Mangus Annapurna Pictures

Nicht allüberall war Freude darüber, dass die so genannte Antirassismus-Komödie „Green Book“ den Oscar für den besten Film bekam, ungeteilt war hingegen jene für Regina King, die als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde – nachdem sie für ihre Rolle als Sharon Rivers bereits bei den Golden Globes und den Independent Spirit Awards zur Preisträgerin auserkoren worden war. „Beale Street“ heißt der Film, in dem sie spielt, ab 8. März im Kino.

Und, nachdem sich Regisseur Barry Jenkins 2016 mit „Moonlight“ von Null auf 100 als starke, schwarze Leinwandstimme etablierte, dessen aktuelle Adaption eines Romans der von der „Black Lives Matter“-Bewegung  der Vergessenheit entrissenen Schriftstellerikone James Baldwin. Baldwins Roman „If Beale Street Could Talk“ erschien im Jahr 1974. Darin schildert er die Geschichte des jungen Liebespaares Tish und Fonny aus Harlem, deren Glück grenzenlos scheint, bis Fonny der Vergewaltigung einer Frau aus Puerto Rico beschuldigt wird. Eine Tat, die der 22-jährige Bildhauer nicht begangen haben kann, weil er zu der Zeit gar nicht vor Ort war – doch Hauptsache, Polizei und Staatsanwaltschaft können einen Schuldigen präsentieren. Umso einfacher, wenn der schwarzer Hautfarbe ist. Als Fonny ins Gefängnis kommt, das vermeintliche Opfer ist längst nach Hause geflüchtet, stellt Tish fest, dass sie schwanger ist. So macht sich Tishs Mutter Sharon auf nach Puerto Rico, um die Fonny anklagende Frau zu suchen.

Tish gibt als Erzählerin den Ton vor, ihre Off-Kommentare passen sich gefühlvoll der subjektiven Prosa der literarischen Vorlage an. Die Atmosphäre ist der Blues, Original-Schwarzweiß-Bilder eines Gordon Parks oder Jack Garofalo aus dem Harlem der 1970er-Jahre kontrastieren mit den Filmaufnahmen, wobei die Kamera von James Laxton die bis zur Kindheit zurückreichenden Rückblenden in helleres Licht taucht, während er über die Gegenwart dunkle Schatten legt. Dies Hin und Her funktioniert perfekt, wenn Tish sich korrigiert oder etwas verdeutlichen möchte, etwas, das sie zuvor vergessen hatte, zu erwähnen.

Tishs Eltern tanzen in Vorfreude aufs Enkelkind: Sharon (Oscar-Preisträgerin Regina King) und Joseph (Colman Domingo). Bild: © Tatum Mangus Annapurna Pictures

Sharon (Regina King) fliegt nach Costa Rica, um das Vergewaltigungsopfer zu suchen und um eine neue Aussage zu bitten. Bild: © Tatum Mangus Annapurna Pictures

Barry Jenkins hat einen bedächtigen Film geschaffen, James Laxton die radikale Schönheit und die überbordende Musikalität Baldwins in hypnotische Bilder übertragen. Wie der Roman im Rhythmus an ein komplexes Jazzarrangement erinnert, so ist auch der Film subtil, eindringlich, konzentriert. Und ganz ohne gängige Empörungsmuster bedienen zu müssen, gibt Jenkins ein kraftvolles Bekenntnis gegen staatliche Willkür ab. Die Themen Rassenhass und Diskriminierung sind allgegenwärtig, auch in Nebenfiguren wie Daniel, der zwei Jahre wegen Autodiebstahls einsitzen muss, obwohl er nachweislich nicht fahren kann.

Dass diese Übung romantische Love Story vs gewaltbestimmte Realität gelingt, ist nicht nur dem Respekt des Regisseurs vor James Baldwin, sondern in hohem Maße den Darstellern zu danken. Vor allem KiKi Layne als Tish und Regina King als Sharon verleihen ihren Figuren jenseits jedes Abgleitens in den Pathos eine Integrität, einen stillen Stolz, eine Würde, die einen anrührt. Wenn die Mutter erahnt, was ihr die Tochter sagen will, nämlich, dass sie Fonnys Kind erwartet, genügen den beiden Blicken, um den Betrachter wissen zu lassen, dass sich hier keine Familienkatastrophe, sondern die Freude über ein großes Glück anbahnt.

Wenn Tish von ihrem Job als Parfüm-Mädchen in einem Nobelkaufhaus berichtet, sie sprüht sich den gewünschten Duft auf die Hand, weiße Männer schnüffeln daran, dann ist ihr wohl klar, dass man sie hier als Quotenschwarze angestellt hat. Doch Baldwin, und mit ihm Barry Jenkins, zeigen auch immer wieder Weiße mit Zivilcourage. Dave Franco als jüdischer Hausbesitzer Levy, der als einziger weit und breit bereit ist, an Schwarze zu vermieten. Finn Wittrock als Fonnys Rechtsanwalt Hayward, der den Fall erst gelangweilt übernimmt, bis er, entsetzt über das Fehlen jeglicher Gerechtigkeit, sich geradezu hinein verbeißt. Doris McCarthy als Besitzerin eines kleinen, italienischen Lebensmittelgeschäfts, die Fonny vor einer gefährlichen Rauferei bewahrt.

Fulminante schauspielerische Leistungen zeigen auch Colman Domingo als Tishs Vater, Michael Beach als Fonnys Vater – und selbstverständlich Stephan James als Fonny. Wie er leise verzweifelt die Zerstörung eines Mannes hinter Gittern zeigt, ist beklemmend gut gemacht, im Gesicht die Spuren von Schlägen, Jenkins auch in diesen Sequenzen so fein- wie scharfsinnig, denn darüber zu sprechen, erlauben sich die Protagonisten nicht.

Am Set – Levy will Tish und Fonny ein Loft vermieten: Dave Franco, Stephen James, Regisseur Barry Jenkins und KiKi Layne. Bild: © Tatum Mangus/Annapurna Pictures

James Baldwin liebte das Kino. Und John Wayne. „Auch, wenn mir klar ist, dass die Indianer, die er in seinen Filmen hinmetzelt, in Wahrheit ich sind.“ Dieses Zitat stammt aus Raoul Pecks Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25378), der als Ergänzung zu „Beale Street“ sehr zu empfehlen ist. Zeigt Peck doch den kämpferischen Autor, dessen klarsichtige Gesellschaftsanalysen seine Gegner regelmäßig verstummen ließen.

Zeigt den Vorkämpfer der 1970er-Bürgerrechtsbewegung, der seine Homosexualität erstaunlich offen lebte, und wegen beider „Vergehen“ ins Visier des FBI geriet. Bei dtv macht man sich um Baldwin-Neuübersetzungen samt aktueller Begleittexte verdient, die Romane „Von dieser Welt“ und „Beale Street Blues“ sind bereits erschienen, ebenso der Essayband „Nach der Flut das Feuer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32270), für 2020 ist „Giovanni’s Room“ in Planung, ein Buch, in dem Baldwin in unverschlüsselter Deutlichkeit einen schwulen Hauptcharakter etabliert.

Während Raoul Peck seiner Doku aktuelle Fakten beifügt, Rodney King 1991, Tamir Rice 2014, Alton Sterling und Philando Castile 2016, Ferguson, Baltimore, Charleston …, bleibt dieses Mittel der Fiktion natürlich verwehrt. Und dennoch versteht es auch Barry Jenkins, klarzustellen, woher der Wind immer noch weht. Wenn er als weißer Sturm die Schicksale derer in Trümmer legt, deren einziges Verbrechen es ist, schwarzer Hautfarbe zu sein.

bealestreet.movie

7. 3. 2019

Volksoper: Wonderful Town

Dezember 10, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Sarah Schütz rockt die Show

In Greenwich Village geht es hoch her: Olivia Delauré als Eileen, Sarah Schütz als Ruth, Peter Lesiak als „The Wreck“ Loomis, Ines Hengl-Pirker als Violet, Cedric Lee Bradley als Speedy Valenti und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Mit Standing Ovations endete gestern Abend die Premiere von „Wonderful Town“ an der Volksoper. Zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein wollte Hausherr Robert Meyer dem Publikum etwas Besonderes bieten, und das ist mit dieser Musical-Rarität hervorragend gelungen. Stimmt an der Aufführung, die Inszenierung eine Koproduktion mit der Staatsoperette Dresden, doch einfach alles – von der gewitzten Regie Matthias Davids‘ über das schwungvolle Dirigat von James Holmes.

Bis zu den darstellerischen Leistungen, allen voran die von der Elbstadt nach Wien übersiedelten Volksopern-Debütantinnen Sarah Schütz und Olivia Delauré als Schwesternpaar Ruth und Eileen Sherwood. Sarah Schütz rockt die Show! Inhaltlich ist „Wonderful Town“ keine große Sache: Die beiden Landpomeranzen Ruth und Eileen kommen aus Ohio in den Big Apple, um dort ihre unbegrenzten Möglichkeiten auszuloten. Die eine ist klug, aber ungeküsst, die andere eine Schönheit, erstere will Schriftstellerin werden, zweitere Schauspielerin. Man mietet eine schäbige Unterkunft in Greenwich Village – und schon geht das Spiel um viele Verehrer und ein paar Troubles los, Happy End absehbar. Joseph Fields und Jerome Chodorov schrieben das Libretto entlang ihres Theaterstücks „My Sister Eileen“, Betty Comden und Adolph Green die Liedtexte, und erst diese in Kombination mit Bernsteins famoser Musik machen das Musical aus dem Jahr 1953 einzigartig.

Die brasilianischen Seekadetten interessiert nur die Conga: Olivia Delauré als Eileen und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Ruth überzeugt die Gäste im Village Vortex vom Swing: Sarah Schütz und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Bernstein lässt den Rhythmus New Yorks in all seinen Facetten pulsieren. Rasant reiht sich Broadwaysound an Jazzelemente an Swing, dann wieder wird’s statt stürmisch smooth. James Holmes führt das Volksopernorchester mit viel Drive wie eine Big Band, er folgt Bernsteins Einfallsreichtum punktgenau, kann’s etwa bei der Conga der brasilianischen Seekadetten witzig-spritzig, beim Schwesternduett „Ohio“ auf Country-&-Western-Art oder bei Robert Bakers „Ein stilles Girl“ elegisch lyrisch. Matthias Davids belässt die Handlung in den 1930er-Jahren, er hat sich mit seiner wirbelwindigen Arbeit am Stil der Screwball-Comedys orientiert, setzt auf Tempo, Temperament und Timing, und setzt auf den Wortwitz der für Wien von Christoph Wagner-Trenkwitz angepassten Vorlage.

Damit die zahlreichen Szenenwechsel ruckzuck funktionieren, hat Mathias Fischer-Dieskau ein Bühnenbild aus einer drehbaren Skyline und verschiebbaren Skyscrapern, inklusive Flat Iron und Chrysler Building, erdacht, das den American Dream im Reich und Arm zwischen dem abgewohnten Souterrain der Sherwood-Schwestern und von Neonreklame beschienenen Nachtklubs ansiedelt. Als Kostüme gibt es dazu von Judith Peter stilgerecht schwingende Glockenkleider, Trenchcoats samt kecken Hütchen und Marlenehosen.

Peter Lesiak als „The Wreck“ Loomis und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Cedric Lee Bradley als Speedy Valenti und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

In diesem Setting dreht sich das Großstadtkarussell um Sarah Schütz und Olivia Delauré. Und die beiden erweisen sich nicht nur als sängerisch wunderbares Sopran-Alt-Duo, sondern auch als großartige Komödiantinnen, die herb Nüchterne und die flirty Naive, die es verstehen, mit trockenem Humor ihre Pointen zu setzen. Delauré gibt die Eileen mit Charme und jener unschuldigen Mädchenhaftigkeit, in der ihr gar nicht bewusst zu sein scheint, dass die Männer um sie kreisen, wie die Motten ums Licht. Das Bühnengeschehen allerdings dominiert Sarah Schütz, die ihre Ruth mit einer gepfefferten Portion Sarkasmus ob ihres Nicht-so-hübsch-wie-die-Schwester-Seins ausstattet. Schütz hat Stimme, Spielfreude und Showtalent – und sorgt für etliche starke Momente. Etwa, wenn sie ihre „Hundert gold’nen Tipps, einen Mann zu verlier’n“ zum Besten gibt. Oder, wenn sie, als der Zeitungsredakteur Robert Baker endlich ihre melodramatischen Kurzgeschichten liest, diese für ihn auch gleich visualisiert.

Die Herren haben es neben so viel Frauenpower nicht leicht, zu bestehen. Hervorragend gelingt das Drew Sarich als verkopftem Bob Baker, der erst einen Schubs in die richtige Richtung Liebe braucht, ein gelungenes Rollenporträt von Sarich, wie Bob vom beruflichen Verlierer zum Gewinner im Leben wird, und Peter Lesiak als abgehalftertem Footballhelden „The Wreck“ Loomis. Trotz von Direktor Meyer angekündigter Verletzung und ergo Knieschiene tanzt und tobt Lesiak über die Bühne, dass man mitunter nicht umhin kann, um sein Wohlergehen zu fürchten … Christian Graf gefällt in mehreren Rollen, darunter als Schmierfink Chick Clark, Christian Dolezal als unfreundlicher Vermieter und untalentierter Maler Appopolous, Oliver Liebl unter anderem als verhuschter Feinkost-Filialleiter Frank Lippencott, Cedric Lee Bradley als geschmeidiger Speedy Valenti.

Vorstellungsgespräch in der Zeitungsredaktion: Oliver Liebl als Redakteur, Drew Sarich als Robert Baker, Jakob Semotan als Redakteur und Sarah Schütz als Ruth Sherwood. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der begnadete Tänzer dominiert auch immer wieder die handlungstragenden, revueartigen Choreografien von Melissa King. In riesigen Chor- und Ballettszenen zeigen der Volksopernchor, der sich nicht nur in der Figurengestaltung perfekt, sondern auch in kleinen Solonummern präsentiert, und das Wiener Staatsballett die ganze Bandbreite ihres Könnens. „Wonderful Town“ an der Volksoper ist ein rundum gelungener Gute-Laune-Abend. Kein Wunder, dass es die Zuschauer zum Schluss nicht mehr auf ihren Sitzen hielt.

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=LhKenAg3pw0

www.volksoper.at

  1. 12. 2018

I Am Not Your Negro

Juni 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Einer langen Nacht Reise in den Tag

James Baldwin bringt mit seinen Thesen einen TV-Moderator ins Schleudern. Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Ein Auto fährt über einen dieser halbseidenen, spärlich beleuchteten US-Boulevards, es ist dunkel draußen, und aus dem Off ertönt die Stimme von Hollywoodlegende Samuel L. Jackson. „Ich spreche als Angehöriger einer gewissen Demokratie und eines sehr komplexen Landes, das darauf besteht, sehr engstirnig zu sein“, sagt er. Und: „Ich bin kein Objekt, auch nicht für Wohltätigkeit, ich bin ein Bürger dieses Landes.“ Und: „Ich bin kein Neger, ihr habt den Neger erfunden.“

Diese Sätze sind aus dem Jahr 1979. Der hierzulande viel zu wenige bekannte Autor James Baldwin hat sie zu Papier gebracht. „Remember this House“ heißen die nur 30 Seiten umfassenden Notizen, die der Schriftsteller unter dem Eindruck der Ermordung seiner Freunde Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King jr. verfasst hat. Regisseur Raoul Peck, der heuer bereits mit seinem Spielfilm „Der junge Karl Marx“ erfreute (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24375), macht sie zum Ausgangspunkt seines Dokumentarfilms „I Am Not Your Negro“, der seit 15. Juni in den heimischen Kinos läuft. Jackson, wie erwähnt, spricht. Hypnotisch, eindringlich. Auf der Leinwand nachzulesen sind Briefwechsel von Baldwin mit seinem Literaturagenten Jay Acton.

Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Was Peck gelungen ist, ist ein eindrückliches Psychogramm eines Landes, das sich als Neuerfinder der Demokratie seit Athen verstanden wissen will – und dennoch tief in Vorurteilen gegenüber Hautfarbe, Herkunft, Religion steckt. Mit harten Schnitten montiert er die Unfassbarkeiten aneinander, die sich im land of the free ganz ohne Weiteres ereignet haben. Da wird Baldwin, immer auch ein „Medienmanager“, in einer Fernsehdiskussion gefragt, warum die „Neger“ (sic!) so hoffnungslos traurig wären.

Und als er dem TV-Moderator etwas von Verschleppung und Sklaverei und immer noch Chancenungleichheit erzählt, ist dieser ahnungslos fassungslos – und holt rasch den nächsten Studiogast. Da sagt eine Zeitzeugin: „Gott vergibt Mord und Ehebruch, aber er ist sehr böse auf alle, die für Integration sind.“ Dazu Fotocollagen und Filmausschnitte: Little Rock 1957, die Birmingham-Kampagne 1963, Oakland 1968 … King Kong, Tarzan, Onkel Tom’s Hütte. Es wird eine der besten Sequenzen sein, wenn Malcolm X in einer Talkrunde Martin Luther King jr. anklagt, er wäre ein „moderner Onkel Tom“.

James Baldwin steht in der Mitte. Er ist in seinen Auftritten weniger pastoral als King, weniger aggressiv als X. Er argumentiert. Sehr klug, sehr fundiert, sehr charismatisch. Ruhig und unaufgeregt. Das verunsichert die Weißen. Und während er sich schilt als Antirassist „the great black hope of the great white father“ zu sein, legt das FBI schon einen Akt an. Er kommt auf den Sicherheitsindex als gefährlich „berühmtes“ Subjekt – im Akt steht: Er wird gelesen. Von beiden Seiten. Skandal!

Dazwischen Werbebilder von steppenden, fröhlichen, glubschäugigen, breit grinsenden Afroamerikanern. Alltagsrassismus. Am besten: runde, gesunde „Negermama“. Dazwischen Filmkritik. Peck zeigt den latenten Rassismus in Klassikern wie „Flucht in Ketten“ oder „Rat mal, wer zum Essen kommt“. Und die bahnbrechende Szene in „In der Hitze der Nacht“, als Sheriff Rod Steiger am Filmende zu Detective Sidney Poitier sagt: „Passen Sie gut auf sich auf.“ Es ist schier unglaublich, was Baldwin alles in 30 Seiten packen konnte. Er selbst war übrigens lebenslänglich John-Wayne-Fan: „Auch, wenn mir klar ist, dass die Indianer, die er in seinen Filmen hinmetzelt, in Wahrheit ich sind.“

Malcolm X umringt von der Presse. Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Sehr schön auch ein Aufklärungsfilm des Wirtschaftsministeriums aus den 1970er-Jahren, in dem der Handel darüber informiert wird, er möge sich die neu erworbene Kaufkraft der Schwarzen, die 15 Milliarden Dollar „Negermarkt“ doch nicht entgehen lassen. Dazwischen Politik, Reden, Aufmärsche „Weiße Viertel den Weißen“ mit Hakenkreuzfahne, Segregation, Rosa Louise Parks, eine schwarze Schülerin, 15, die auf dem Schulweg bespuckt wird, und die strange fruit hanging from the poplar trees.

Bob Dylan singt „Only a Pawn in Their Game“. X spricht mit erhobener Faust, King spricht mit hingehaltener Wange, James Baldwin wie er immer und immer wieder auf sein Amerikanertum pocht, Sammy Davis jr., Harry Belafonte – beide in einer spannenden Runde mit Marlon Brando und Charlton Heston. Weibliche Stimme: nur eine. Lorraine Hansberry. Die Autorin starb mit 34 Jahren an Krebs.

Spärlich fügt Peck Aktuelles ein. Rodney King 1991, Tamir Rice 2014, Alton Sterling und Philando Castile 2016, andere Bilder vom System getöteter – ja – Kinder seit den 1990er-Jahren, Ferguson, Baltimore, Charleston …

James Baldwin trifft Bobby Kennedy. Der soll ein schwarzes Mädchen an seinem ersten Schultag begleiten. Baldwin nennt es politisches Engagement, Kennedy eine sinnlose moralische Geste. Dann die Rede, 1965: In 40 Jahren werde es in den USA einen schwarzen Präsidenten geben, prophezeit Kennedy. Ja, lacht Baldwin, „wenn wir uns nach 400 Jahren, nachdem wir in dieses Land verschleppt wurden, immer noch brav benehmen. Schnitt. Die Obamas. Aber ach.

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Wien, 23. 6. 2017