Sin City 2: A Dame To Kill For

September 16, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Blutbad geht weiter …

Marv (Mickey Rourke)  Bild: © 2014 Sony Pictures Releasing GmbH

Marv (Mickey Rourke)
Bild: © 2014 Sony Pictures Releasing GmbH

Am 19. September startet in den Kinos „Sin City 2: A Dame To Kill For“: Seitdem Dwight (Josh Brolin) vor einigen Jahren das Leben von Miho (Jamie Chung) rettete, will er sich jeglichen Ärger vom Leib halten – bis ihn seine schöne Ex-Freundin Ava (Eva Green) kontaktiert, die ihm einst das Herz brach und mit einem anderen durchbrannte. Doch nun fleht Ava Dwight um Hilfe an, weil sie von ihrem Ehemann Damien Lord (Marton Csokas) brutal misshandelt und dem skrupellosen Chauffeur Manute (Dennis Haysbert) überwacht wird. Dwight beschließt, ihr zu helfen, muss aber nach kurzer Zeit feststellen, dass man in einer Stadt wie Sin City selbst einer Dame in Not nicht vertrauen kann… Gleichzeitig erwacht Marv (Mickey Rourke) eines Morgens zwischen mehreren toten Jugendlichen. Dabei wollte er in der vorherigen Nacht doch nur der schönen Stripperin Nancy (Jessica Alba) beim Tanzen zusehen. Marv begibt sich tief ins Herz des Molochs, um herauszufinden, was geschehen ist…

Für den „Film Noir“ wurden die Handlungsstränge von Frank Millers Graphic Novels „A Dame To Kill For“ und „Just Another Saturday Night“ virtuos miteinander verwoben. Regisseur Robert Rodriguez  landete abermals einen echten Besetzungscoup: Neben Josh Brolin, Eva Green  und Jessica Alba  betrügen, lügen und morden sich Mickey Rourke, Bruce Willis, Joseph Gordon-Levitt, Rosario Dawson und Dennis Haysbert  in stilistisch einmaliger Schwarzweiß-Ästhetik quer durch Sin City.

Beinah zehn Jahre hat sich Rodriguez für die „Sin City“-Fortsetzung Zeit gelassen. 2005 war seine filmische Umsetzung des Noir-Comics von US-Autor Miller eine kleine Sensation: innovativ, farblos bis aufs Blutrot und nichts für schwache Nerven. Allein für die Rache, die an „Perversling“ Elijah Wood genommen wird – Kettensäge, Arme und Beine weg, seine Lieblingshunde los von der Leine – wären Flugzeugsackerln gut gewesen. Filmschnitt auf Woods entsetzte Augen und Schwarzweißeffekt milderten die brutale Härte. Nun ist die Stadt der Sünde wieder bevölkert von einsamen, verzweifelten, verlorenen Seelen. An jeder Ecke lauert das Verbrechen, üble Gestalten, hässliche Mörder und sexy Prostituierten-Gangs. Und wieder geht’s um die ganz großen Themen: Liebe und Verrat. Rache. Nicht jeder der insgesamt vier Erzählstränge ist superspannend, aber Millers knallharte Dialoge sind ebenso treffsicher wie die Kugeln, die den Protagonisten – einer cooler als der andere – um die Ohren fliegen. Dass die Rechnung an der Kinokasse auch diesmal aufgehen dürfte, liegt einmal mehr am Schauwert. Atemberaubende Hell-Dunkel-Kontraste, deren Suggestivkraft durch wenige Farbbomben erhöht werden. So entwickeln Eva Greens wunderbar giftgrüne Augen erst im Kontrast zur Düsternis des restlichen Bildes ihre unheimliche Präsenz. Das gilt auch für diverse feuerrote Lippen und das wieder literweise verspritzte Blut der gemeuchelten Figuren. „Sin City 2“ ist ein zynischer, nihilistischer, erotisch aufgeladener Trip in 3D, den man erst einmal aushalten muss. Wer das kann, wird Spaß haben.

www.sincity2.de

Wien, 16. 9. 2014

Volksbühne Berlin: Kill your Darlings!

April 29, 2014 in Bühne, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

René Polleschs Meistermonolog auf DVD

Bild: Volksbühne/Thomas Aurin www.theateredition.com

Bild: Volksbühne/Thomas Aurin
www.theateredition.com

„Achtung, wir springen jetzt!“, schreien sie am Anfang. Und dann lassen sie sich am Seilen herunter, Fabian Hinrichs und sein Turnerchor. Dazu Bruce Springsteen. Doch hier sind es die Streets of Berladelphia, die besungen werden. Fernsehregisseur Hannes Rossacher folgt den Darstellern, holt sie mit der Kamera nahe heran, zeigt sie in der Totalen des großen Bühnenraums, läuft mit dem singenden Hinrichs und begibt sich bei Regen in die Vogelperspektive. „Es fehlt etwas, es reicht uns nicht“, schreit der Protagonist. Nicht bei dieser Inszenierung. Auch, wenn das Motto von René Pollesch lautet: „Die besten Szenen werden wir heute Abend nicht zeigen, denn die könnten wir alle nicht ertragen.“ Fabian Hinrichs erhielt soeben von „Theater heute“ den Ulrich-Wildgruber-Preis 2014. Der Preis fördert „eigenwillige Begabungen“, die „auf besondere Weise in den Medien Film und Theater auf sich aufmerksam gemacht haben“, so die Laudatio von Thomas Oberender. Nun ist die Inszenierung der Volksbühne Berlin auf DVD erhältlich.

Worum’s geht? Äh, ja … Um das hinreißend spitzbübische Lächeln Hinrichs‘. Um die Art, wie er das Publikum liebt und es ihn. Ja, um Liebe geht es tatsächlich. Pollesch wird weich auf seine mittelalterlichen Tage 😉 Das Projekt – eine Koproduktion mit dem Turiner Teatro Stabile – bezieht sich auf das Lehrstück von Bertold Brecht „Der Untergang des Egoisten Fatzer“. In der Inszenierung von Pollesch wird aus dem Deserteur Fatzer, der seine Kameraden verrät, ein kapitalismusversierter Monologisierer (75 Minuten lang, furios), den ein ganz anderes Kollektiv in die Bredouille bringt. Da gibt’s nämlich diesen Kapitalismuschor, diese Turner, diese Netzwerker, die Hinrichs auf den Leib rücken, Menschen-Pyramiden, Menschen-Sofas, Menschen-Treppen, Beziehungsskupturen bilden. Und er will und will mit ihnen nicht in die Kiste steigen. Mit einem Kollektiv ja, mit einem Netzwerk NEIN! Keine Ahnung, liegt es am funkensprühenden, in eine regenbogenbunte Glitzerturnhose gekleideten Hinrichs – oder warum macht einen diese Inszenierung so gut gelaunt? Man ist selbst via DVD (heißt: nicht live) nach drei Minuten im reinsten Theaterglück. Glitzer-Fabian flirtet, schmust, schimpft, lässt sich auf Händen tragen, ringt mit den Akrobatinnen und Akrobaten. Ein Individuum auf der Suche nach Nähe, dem letztlich einsame Exklusivität aber lieber ist als Uniformität – sehr schön illustriert durch ein Michael-Jackson-mit-Tänzern-Video; diese Performances hatten ja oft etwas Pseudomilitantes. Dazu kann Pollesch gut seine Missionspredigten gegen das Kapital ablassen. Und selten seit Langem tat er es so poetisch.

Der kongeniale Bert Neumann schuf dazu zwei Brecht-Vorhänge, einen Mutter-Courage-Wagen und einen niedlichen Bagger, mit dem die Assoziationsbausteine zusammengesetzt werden können. Oder auch nicht. Denn Hinrichs‘ Faxenmacherei, kühn, verrückt, selbstbewusst, zerstört den Diskurs sowieso. Also setzt Regen ein, in dem die stumme Turnfraumannschaft zur Rutschpirouette ansetzt. Der charismatische Schauspieler selbst wirft sich ins hautenge Krakenkostüm. Da weiß man: Das hat Mehrwert. Auf der DVD etwa durch ein Interview mit Fabian Hinrichs. Ganz nah, ganz herzlich.

PS.: Eine Antwort auf alle Fragen, die der Abend aufwirft, hätte es auch gegeben. Aber, eh schon wissen: Sie musste rausgeschnitten werden. Wir hätten sie nicht ertragen.

www.theateredition.com

Regie: René Pollesch, Bühne und Kostüme: Bert Neumann.
Mit: Fabian Hinrichs und Chor (Eduard Anselm, Johanna Berger, Christin Fust, Hannes Hirsch, Emma Laule, Ronny Lorenz, Martina Marti, Fynn Neb, Rudolph Perry, Simone Riccio, Nicola Rietmann, Paula Schöne, Anna Smith, Lukas Vernaldi und Claudia Vila Peremiquel).

www.volksbuehne-berlin.de

Wien, 29. 4. 2014