John Banville/Benjamin Black: Alchimie einer Mordnacht

Oktober 27, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

In Prag geht ein perverser Mörder um

Vom deutschsprachigen Titel darf man sich nicht abschrecken lassen, im Original heißt das Buch „Wolf On A String“, dies einerseits als „Wolfston“ der heulende, flackernde Laut, den Streichinstrumente beim Spielen einer bestimmten Note machen, und der mit einer gewissen Schenke zu tun haben wird; andererseits wird sich im Verlauf der Ereignisse natürlich entschlüsseln, wer da als bestialisch mordendes Untier gleich einem Lykanthropen nächtens durch Prag schleicht.

John Banville hat unter seinem Krimi-Pseudonym Benjamin Black diesmal einen historischen Roman verfasst. Zwar wird an Leichen, Menschen wie Haustieren, nicht gespart, und doch besticht „Alchimie einer Mordnacht“ nicht in erster Linie durch eine Whodunit-Handlung, sondern durch das meisterliche Heraufbeschwören der Stadt an der Moldau um die Jahrhundertwende 1599/1600. Alles ist hier sinister und Unheil verheißend, allmächtig der Aberglaube, jeder setzt hier auf Maskierung und Verschleierungstaktik.

Black malt ein so düsteres Sprach- wie Sittengemälde, seine überbordende Erzählung strotzt vor blumigen Bildern, Beispiel: „Der Tisch war leer und glänzte auf eine seltsame Art unheilvoll, die großen Stühle standen reglos da, und doch schienen sie gespannt auf etwas zu warten, wie sprungbereite Jagdhunde auf den Pfiff ihres Herrn“, und kuriosen Charakteren. Ein Panoptikum an Alchemisten und Mystikern, Naturphilosophen und Astronomen bevölkert die Seiten, Tycho Brahe und Johannes Keppler haben selbstverständlich ihren Platz, aber auch der britische „Hexenmeister“ Edward Kelley und dessen Stieftochter Elizabeth Jane Weston werden wichtige Rollen spielen.

Unters Verbriefte mischt Black frei Erfundenes. Und so gelangt der junge Christian Stern, Bastard des Bischofs von Regensburg, nach Prag, in der Hoffnung, am Hof des exzentrischen und vom Okkultismus besessenen Habsburgers Rudolf II. Karriere zu machen. In seiner ersten – durchzechten – Nacht findet Stern im Schnee eine ziemlich übel zugerichtete Mädchenleiche, Magdalena, Tochter des Leibarztes Seiner Kaiserlichen Majestät, Ulrich Kroll. Erst verdächtigt und in den Gefängnisturm verbracht, wird Stern von Rudolf bald als Ermittler im Mordfall auserkoren, war die 16-Jährige doch des Herrschers „jüngstes Spielzeug“. Ihm vom Vater höchstpersönlich ins Bett gelegt. Doch da gab es auch einen Verlobten, und der ist nun logischerweise Hauptverdächtiger – bis sein zu Tode gefolterter Körper aus dem Fluss gefischt wird.

Bild: pixabay.com

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Black konfrontiert seinen Protagonisten nun mit der Phantasmagorie, der paranoid intriganten Welt des Hofes, die Höflinge allesamt von „nervöser Wachsamkeit“, und Stern, der als gealterter Mann und über die Distanz des Dreißigjährigen Krieges von seinem Prager Abenteuer berichtet, gesteht dem Leser ein, er hätte sich viel Kummer erspart, „hätte ich aufmerksamer darauf geachtet, was um mich herum in stillen Ecken und hinter halb geschlossenen Türen gesagt wurde“. So aber lässt er sich bedrohen, beunruhigen, beschwichtigen, wird, sagt er selber, zum „Spielzeug diverser Spaßvögel“.

Als da wären der misstrauische Hofmeister Felix Wenzel und der geschmeidige Kammerherr Philipp Lang, dieser konvertierter Jude und ebenfalls ein Geliebter des bisexuellen Rudolf, der elegante, hochnäsige Zwerg Jeppe Schenckel, der gönnerhafte Girolamo Malaspina, Nuntius des Heiligen Vaters in Rom, Rudolfs offizielle Mätresse und Mutter seiner sechs Kinder, Caterina Sardo, eigentlich Katharina Strada, eine „bleiche, weichhäutige Puppe, mit der zu viel gespielt worden war“ und mit der Christian Stern trotz besseren Wissens und ihrer „amüsierten Verachtung“ für ihn eine Affäre beginnt, und Rudolfs und Caterinas ältester Sohn Don Giulio d’Austria – über den in den Geschichtsbüchern nachzulesen sich lohnt.

Lange bleibt es Stern, und mit ihm dem Leser, rätselhaft, wer da mit wem Allianzen bildet, wer da mit wem in Gegnerschaft steht. Klar ist ihm nur, dass er sich zum eigenen Überleben für eine Seite entscheiden wird müssen, doch welche sind da überhaupt? Keine erscheint weniger gefährlich und mächtig als die andere. Dazu sitzt Caterina im Wortsinn wie ein Sukkubus auf Stern. „Wahnsinn! Wahnsinn, Begehren und angsterfüllte Wonne: Darin lag mein Problem“, weiß er. Und sagt beinah prophetisch an anderer Stelle: „Wir leben in der Überzeugung, dass wir in Sicherheit sind, dass das Eis unter uns nicht brechen wird, dass der Blitz den Baum nicht trifft, unter dem wir uns vor dem Unwetter schützen, dass die Tür nicht aufspringt und die Soldaten nicht die Treppe hinaufstapfen, um uns aus dem Bett zu zerren. Doch in unserem tiefsten Inneren wissen wir, dass das alles nur ein Irrglaube ist …“

Dass Blacks kunstvoll geknüpfte Verstrickungen – dies ein kleiner Spoiler – schlussendlich nach mehr als einem Täter und mehr als einem Motiv, sie reichen von Eifersucht bis zur staatspolitischen Angelegenheit, verlangen, ist klar. „Alchimie einer Mordnacht“ braucht zwar ein wenig, bis es in Schwung kommt, doch dann ist es ein wahrer Pageturner. Ein spannendes, historisch kenntnisreiches Lesevergnügen, mit dem John Banville einmal mehr beweist, dass er als Benjamin Black auch Krimiliteratur zu Gold veredeln kann.

Über den Autor: John Banville, geboren 1945 in Wexford, Irland, gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen literarischen Autoren. Sein umfangreiches Werk wurde mehrfach, auch international, ausgezeichnet, zuletzt mit dem Franz-Kafka-Literaturpreis, dem Man Booker Prize für „Die See“ und 2013 mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Banville lebt und arbeitet in Dublin und schreibt unter dem Pseudonym Benjamin Black Krimis und Thriller. Diese Geschichten spielen größtenteils im Irland der 1950er-Jahre, rund um den Pathologen und nicht immer trockenen Alkoholiker Quirke. Lediglich der Thriller „Der Lemur“ ist im New York der Gegenwart angesiedelt. Und auch Blacks letzter Krimi-Noir „Die Blonde mit den schwarzen Augen“ weicht von dieser Regel ab: Er ereignet sich in Kalifornien, und der ermittelnde Privatdetektiv ist die berühmte Figur des Schriftstellers Raymond Chandler – Philip Marlowe.

Kiepenheuer und Witsch, John Banville alias Benjamin Black: „Alchimie einer Mordnacht“, Roman, 384 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Elke Link.

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  1. 10. 2018

Maxim Biller: Sechs Koffer

Oktober 12, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Verwandtschaft macht sich mehr als verdächtig

Die Worte „fauliger Geruch“ sind zu übersetzen. Vom Tschechischen ins Russische. Blatt für Blatt spannt der Vater in die Schreibmaschine, tippt, verwirft, wirft weg. Der „faulige Geruch“ steigt aus einem Massengrab im Ersten Weltkrieg, steht in Jaroslav Hašeks „Schwejk“, der Vater sitzt 1965 in Prag. So beginnt Maxim Billers jüngster Roman „Sechs Koffer“. Einmal mehr schreibt der Autor seine Familiengeschichte, das heißt: mehr oder weniger, denn unklar bleibt meist, was Fakt und was Fiktion ist. Wer das ergründen will, muss schon querlesen.

Der gesamte Biller-Clan reflektiert sich literarisch selbst, Mutter Rada 2003 in „Melonenschale“, Schwester Jelena 2016 mit „In welcher Sprache träume ich?“, die Bücher zusammengesetzt sind eine große Saga über dessen selbst gewählte Diaspora, die auf die Flucht aus diversen Regimen folgt und in einige Demokratien führt. Von Moskau über Prag nach Hamburg, Rio de Janeiro, Montreal, Zürich … Auf diesen Wegen kann einem Sprache schon abhandenkommen. Genau darum geht’s Biller, um das Nichtgesagte, das Nichtübersetzte, um Geheimnisse und Lügen, um ausweichende Antworten, aber bedeutungsschwangere Blicke.

Sein Erzähler/Ich berichtet retrospektiv, allerdings wie aus der Perspektive und mit dem Wissensstand von sechs anderen Mitgliedern dieser jüdischen Intellektuellen-Mischpoche. Der Protagonist macht sich so selbst zur Nebenfigur, ein Anti-Held-Teenager ist er, der aber alles über die geheimsten Gedanken seiner Sippe weiß, und das ist schriftstellerisch so ungeheuerlich, wie der Verrat, der passiert ist, und den das Ich aufklären will. Der Tate, Großvater Schmil, wurde in der Sowjetunion hingerichtet, denunziert als der Schmuggler und Schwarzhändler, der er war. Und die gesamte geldgierige – ein gewagtes Motiv angesichts seines ewiggestrigen Klischees – Verwandtschaft macht sich diesbezüglich mehr als verdächtig.

Jeder hat jeden im Visier, die Söhne, Dima, gerade erst aus einem tschechoslowakischen Gefängnis entlassen, Übersetzer Sjoma, Lev in der Schweiz, Wladimir in Brasilien, Dimas mondäne Frau Natalia, die eigentlich Sjoma liebt, und dessen auf diese eifersüchtige Frau Rada. Der „faulige Geruch“ ist ergo Familienprogramm, Gerüchte entfalten ihre böse Kraft. „Alle für einen, aber nur einer für sich selbst“, steht geheimnisvoll auf dem einzigen Foto, das alle vier Brüder zusammen zeigt, und das der Erzähler, man ahnt es, er wird später in Berlin zum Schriftsteller werden, alsbald in Händen hält.

Derart entspinnt sich eine Art Krimi. Durch vom Erzähler beim Herumschnüffeln in Schreibtischen gefundene Dokumente und Briefe erfährt man, dass Dima vom KGB zum Spitzel umgedreht und von ihm gegen Lev die „Aktion Bruder“ eingeleitet wurde. Lev, der mit niemandem aus der Familie mehr redet, soll seinerseits vom Tate für Dima und Sjoma gedachte Westwährung für sich behalten haben. Natalia wiederum erpresst Dima mit dessen von ihr gekaufter Geheimdienstakte. Oder ist das alles gar nicht wahr? Jeder spielt hier sein Spiel, und niemandem kann man trauen.

Schon gar nicht Maxim Biller. Je länger man liest, umso diffuser wird, wer oder was hier ausgedacht ist. In einer Erinnerung ist einer Verschwörer, in einer anderen Verschwörungsopfer. In einer ein Frühlingstag zu warm, in einer anderen „für Ende Mai viel zu kalt“, in einer ein Eiskasten rot, in einer anderen blau. Ein eben noch abstoßend harter Charakter wird plötzlich anziehend und empfindsam. Im Kopf des Erzählers laufen die Widersprüche, die vielen Miniaturen, die Biller entwirft, wie von Zauberhand und wunderschön surreal zusammen.

Die Schuldfrage löst sich am Ende nicht. Biller entlässt seine lebenslang Flüchtenden, die Holocaust-Überlebenden und die Emigrierten, in Ausflüchte und Andeutungen. Wie er sich auch selbst aus der Affäre zieht. Denn nie liest sein Erzähler ein Schriftstück zu Ende, nie führt sein Erfinder eine Pointe zu ihrem Schluss. Dieser Bericht wie aus zweiter Hand hält die Familie auf angemessener Distanz. Wahrscheinlich ist es das, was Maxim Biller braucht. Und immer bevor’s ernst wird, heißt es: „Und dann lachten wir alle“. Kein Wunder, bei so viel eleganter Gewitztheit. Sein Ich lässt Biller Bert Brechts „Flüchtlingsgespräche“ lesen. „Sechs Koffer“ ist kein dickes Buch, aber sicher ein großes.

Über den Autor: Maxim Biller, geboren 1960 in Prag, lebt seit 1970 in Deutschland. Von ihm sind bisher unter anderem erschienen: der Roman „Die Tochter“, die Erzählbände „Wenn ich einmal reich und tot bin“, „Land der Väter und Verräter“ und „Bernsteintage“. Sein Roman „Esra“ wurde gerichtlich verboten und ist deshalb zurzeit nicht lieferbar. Sein Short-Story-Band „Liebe heute“ wurde unter dem Titel „Love Today“ in den USA veröffentlicht, seine Bücher sind insgesamt in sechzehn Sprachen übersetzt. Zuletzt erschienen ist Billers Roman „Biografie“, den die Süddeutsche Zeitung sein Opus Magnum nannte.

Kiepenheuer & Witsch, Maxim Biller: „Sechs Koffer“, Roman, 208 Seiten.

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  1. 10. 2018

David Schalko: Schwere Knochen

Juni 11, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die „Erdberger Spedition“ räumt Wien aus

„Ferdinand Krutzler war damals der wichtigste Notwehrspezialist Wiens. Elfmal wurde er wegen tödlicher Notwehr freigesprochen. Nur am Schluss hat er es übertrieben. Da saß er inmitten des gefürchteten Bregovic-Clans. Bloß waren die sonst so lauten Jugoslawen ganz still. Das Einzige, was man hörte, war ihr Blut, das auf den Boden tropfte …“ So beginnt und, wie man sehen wird, endet David Schalkos Roman „Schwere Knochen“. Während der Autor gerade damit beschäftigt ist, Fritz Langs Filmklassiker „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ als Miniserie in die Gegenwart zu hieven, bleibt sein Buch dem Geist der 1930er- bis 1950-Jahre treu.

Schalko erzählt von der „Erdberger Spedition“, einem Kleinganovenquartett, das sich darauf spezialisiert hat, in Windeseile Wohnungen und Häuser zu „evakuieren“, heißt: leerzuräumen –  der Wessely, genannt „der Bleiche“, der „Zauberer“ Sikora, der Fleischhauersohn Praschak und der Krutzler, das ist der mit den schweren Knochen, weil ein Bulle von einem Mann, und alle vier von den alten Herren der „großen Galerie“, das sind laut Glossar die hochrangigsten Verbrecher, mutmaßlich so genannt nach dem Fotoalbum der Polizei, ob ihres Einfallsreichtums wohl gelitten.

Die jungen Unterweltler werden jedoch übermütig und brechen beim „Nazi-Huber“ ein, just an jenem 15. März 1938, als der auf dem Heldenplatz der Hitler-Rede lauscht – und ab geht’s ins KZ, die einen Dachau, der Krutzler Mauthausen, wo die vier in der Sadistenschule die Unmenschlichkeiten lernen, die sie noch nicht beherrschen. Beim Krutzler sind das sein später legendärer „Halsstich“ und die „Bußzeit“; in der Lagerhierarchie standen die wegen Kriminalität einsitzenden Häftlinge ganz oben, machten sie sich doch, manche freiwillig, manche gezwungen, anstelle der SS die Hände schmutzig.

Derart skrupellos gemacht übernimmt die „Erdberger Spedition“ nach der Befreiung durch die Alliierten das Nachkriegs-Wien, je einer sitzt in jedem Sektor der Stadt, verdingt sich vorgeblich als Handlanger der neuen Herren, doch bald wird der Schmuggel von amerikanischen Zigaretten und russischem Wodka auf den Betrieb von Bordellen, das Stoßspielen und Schutzgeldeinnahmen ausgeweitet, und die Erdberger erleben ihr ganz eigenes Wirtschaftswunder …

Für seinen Roman hat Schalko einen charmant-hinterfotzigen Ton entwickelt, sehr Wienerisch, wiewohl mehr Jargon als Dialekt, und ob der durchgehaltenen indirekten Rede so pointiert wie distanziert. „An der Fassade hing eine rot-weiß-rote Fahne. Man hatte einfach das Hakenkreuz herausgetrennt. Und schon war Österreich fertig“, heißt es da beispielsweise. Auf diese Weise Zeitgeschichte zu erzählen, ist ein typisch für „Schwere Knochen“, auch wird deutlich, wie viel Recherchearbeit Schalko in seinen originellen Mix aus Krimi, Beziehungstragödie und Gesellschaftssatire investiert hat.

„Die SPÖ forderte opportun, statt den Kriegsgefangenen die ehemaligen Nazis nach Sibirien zu deportieren. Ein Ansinnen, mit dem auch Stalin leben konnte. Das Hetzplakat der ÖVP, auf dem „Ur-Wiener statt Wiener ohne Uhr“ stand, hing man erst gar nicht auf. Der Russe hatte von jeher ein Faible für teure „Uhras“. Aber was verstand die alteingesessene Bourgeoisie schon vom progressiven Sowjetmenschen. Für das Bürgertum waren die Arbeiter nur Rohmaterial ihrer Gewinne“, schreibt Schalko über die erste Wien-Wahl nach dem Krieg. So blutrünstig-brutal der zwischenmenschliche wie der „berufliche“ Umgang miteinander veranschaulicht wird, so gefühlvoll und bildhaft geraten einzelne Szenen.

Und so pittoresk die Schauplätze von Alliiertenpolitik und Exzessen aller Art – von Punschkrapferlwettessen in der „Aida“ bis zur Rauferei nach dem Damencatchen am Heumarkt – geschildert werden, so liebenswert-grotesk ist Schalkos Figurenpanoptikum aus rivalisierenden Verbrechern, korrupten Polizisten, skrupellosen Volksvertretern und gierigen Besatzungsoffizieren. Sehr plastisch geraten ihm „die Musch“, eine dragonerhafte Zuhälterin und langzeitgeliebtes „Wildvieh“ des Krutzler, der Podgorsky, der als Kommunist und Ex-KZler zum obersten Ordnungshüter der Stadt aufsteigt, der irre Arzt und Himmler-Feind Harlacher, der mit einem weiblichen Gorilla – siehe Buchcover – ein unsauberes Verhältnis pflegt, oder eben die Bregovic die Söhne zwecks Bildung einer Jungarmee zur Welt bringt, die dereinst die Erdberger an der Spitze ablösen soll.

Für viele seiner lokalen Legenden gebe es reale Vorbilder, sagt Schalko im Interview, natürlich auch für den Krutzler. So geht’s durch den Kalten Krieg und den Beginn der Ära Chruschtschow – „Endlich konnte man ungestört über das Wetter, Peter-Alexander-Filme und die herrlichen Kaiserzeiten parlieren. Endlich durfte man laut sagen, was man sich für die Nachkriegszeit zurechtgelegt hatte, was aber von den übereifrigen Russen zunichte gemacht worden war. Nämlich, dass man Hitler gehorchen musste, sonst wäre man zum Tode verurteilt worden. Die Russen hatten neuerdings Verständnis dafür.“  – bis zum Ungarnaufstand 1956.

Zu diesem sagt Bundeskanzler Raab, nachdem die politischen Flüchtlinge als Wohlstandsparasiten verunglimpft worden waren, man könne nicht Wohltäter für die ganze Welt spielen. Der Notwehr-Krutzler behauptet, „dass der Faschismus der Zukunft ein Notwehr-Faschismus sein werde. Er könne schon die Stimmen hören, die riefen, was hätten wir denn tun sollen, wir hatten Angst. Die Zukunft gehöre nicht den Angstfreien, sondern den Verängstigten. Mit Angst werde sich in Zukunft alles rechtfertigen lassen.“ Auch Absätze wie dieser machen „Schwere Knochen“ absolut lesenswert.

Über den Autor: David Schalko, geboren 1973 in Wien, lebt als Autor und Regisseur in Wien. Er begann mit 22 Jahren als Lyriker zu veröffentlichen. Bekannt wurde er mit revolutionären Fernsehformaten wie der „Sendung ohne Namen“. Seine Filme wie „Aufschneider“ mit Josef Hader und die Serien „Braunschlag“ und „Altes Geld“ genießen Kultstatus und wurden mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. „Schwere Knochen“ ist David Schalkos vierter Roman.

Kiepenheuer & Witsch, David Schalko: „Schwere Knochen“, Roman, 576 Seiten.

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  1. 6. 2018

Michael Chabon: Moonglow

März 10, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf der Jagd nach Wernher von Braun

„Moonglow“, das ist ein berühmter Jazzsong aus den 1930er-Jahren, interpretiert von vielen, Benny Goodman bis Doris Day, ein Liebeslied, und dass Michael Chabon ihn möglicherweise im Ohr hatte, als er sein aktuelles Buch ebenso nannte, macht Sinn. Sein „Moonglow“ ist ebenfalls eine Liebeserklärung, an seinen Großvater mütterlicherseits, dessen abenteuerliche Lebensgeschichte der Autor in der letzten Woche dieses Daseins erfahren haben will. Gesprächig gemacht von einem Medikament gegen den Krebs, beginnt der Hochbetagte seine Biografie darzulegen.

Chabon ist ein Meister im Ausloten von Fakt und Fiktion. Das hat er mit seinen bisherigen, darunter eins mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten, Büchern bewiesen. Anscheinend mühelos wechselt er Genres und Themen, von magischem Realismus zum Krimi, von der Comicheldensaga zum akademischen Künstlerroman. Nun also dies. Larger than live. Denn kaum ist zu glauben, nicht ist zu trauen, was dem Großvater in einem Leben alles passiert sein soll. Schildbürgerstreiche und berührende Episoden wechseln einander ab. Dieses Buch hat den Blues, die Tragi- schrammt an der -komödie. Einmal mehr betritt Chabon das für ihn literarisch so fruchtbare Hinterland von Sein und Schein.

Ein Ich-Erzähler, genannt der erfolgreiche Schriftsteller Michael Chabon, führt durch das Dickicht der einzelnen Episoden. Aus den weitverzweigten Handlungssträngen treten vielleicht vier deutlich hervor. Denn „Moonglow“ ist Familiensaga und ein Buch über den Zweiten Weltkrieg, ist ein Bericht über das US-Raumfahrtprogramm und über eine Holocaust-Überlebende: Letztere die Großmutter, auch wenn sich am Ende alles als anders entpuppt, ein psychisch zerstörter Mensch, die sich von einem „gehäuteten Pferd“ verfolgt sieht. Welch ein Bild für die Massenvernichtung durch die Nazis.

Einen von deren prominentesten jagt der Großvater quer durchs besetzte Deutschland: Wernher von Braun. Beide Männer sind in der Raketenforschung tätig, der Großvater baute unter anderem Modelle für die NASA. Und dann ist da noch Sally Sichel, eine späte Liebe des Großvaters in einer Seniorenresidenz in Florida, und die Familienaufstellung, die der Autor mit seiner Mutter betreibt, der Onkel, der vom Rabbi zum professionellen Billard- und Pokerspieler wird, und wie der Großvater seinen Arbeitgeber fast ermordete und im Gefängnis war und und … Chabon springt zwischen den Jahrzehnten und den Ereignissen. Immer auf dem Höhepunkt der Spannung wechselt er in eine andere Story. Wie das Gedächtnis, das Erinnern einem eben seine Streiche spielt.

Bild: pixabay.com

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Das ist nicht (nur) gemein von Chabon, das treibt einen lustvoll durch die fast 500 Seiten, immer auf der Suche nach dem, wo’s weitergeht, von dem man mehr erfahren will. Leerstellen gibt es natürlich, kein Leben, und sei es noch so schön erfunden, kann auserzählt werden. In Fußnoten ergänzt Chabon wofür er in seiner Erzählung keinen Platz zu haben glaubt, die Ereignisse des 20. Jahrhunderts in großer sprachlicher Eleganz serviert. „Moonglow“ besticht durch seine poetische Prosa. „Bei ihr drohte es immer zu regnen; er war mit einem Schirm unterm Arm zur Welt gekommen“, schreibt Chabon etwa über die Ehe der Großeltern.

Sehr plastisch sind die Schrecken des Krieges dargestellt. „Moonglow“ berichtet ausführlich darüber, „was in Nordhausen passiert ist“, über das Konzentrationslager Dora-Mittelbau, in der Häftlinge für die ortsansässige Raketenfabrik schufteten und starben. Unfassbare 60.000 Menschen kostete die Anlage das Leben. Es war das erste KZ, das US-Truppen je sahen, die Bilder gingen um die Welt. Kein Wunder, dass Chabon seine heutige Leserschaft darauf aufmerksam machen will, „dass die Wurzeln der technologischen Entwicklung Amerikas nach dem Krieg, insbesondere im Bereich der biologischen Kriegsführung, der Luftfahrt und der Raumfahrt, in den abscheulichen Kriegsverbrechen der Nazis und der systematischen Vertuschung dieser Verbrechen durch die Amerikaner lagen“.

Über den Autor: Michael Chabon wurde 1963 in Washington, D.C., geboren und wuchs in Columbia, Maryland, auf. Er besuchte die Carnegie Mellon University und wechselte bald zur University of Pittsburgh, wo er 1984 den Bachelor of Arts erlangte. Für den Master of Fine Arts im Fach Creative Writing ging er an die University of California, Irvine. Er erhielt für sein umfangreiches Werk zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Pulitzer-Preis für „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“. Er lebt heute mit seiner Frau, der Schriftstellerin Ayelet Waldman, und den vier Kindern in Berkeley, Kalifornien.

Kiepenheuer & Witsch, Michael Chabon: „Moonglow“, Roman, 496 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Fischer.

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  1. 3. 2018

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit

Juli 3, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der perfekte Dreiklang entsteht mit Wodkagläsern

„Schicksal“, schreibt Julian Barnes. „Das ist nur ein großes Wort für etwas, was man nicht ändern konnte. Wenn das Leben ,Also‘ sagte, dann nickte man und nannte es Schicksal.“

Es ist das Jahr 1937, Leningrad. Allabendlich steht ein Mann vor seiner Wohnung neben dem Fahrstuhl und wartet darauf, dass die Geheimpolizei ihn auf Nimmerwiedersehen abholt. Dies will er in Anzug und Krawatte erledigt wissen, nicht im Nachtgewand – und vor allem nicht unter Wehklagen seiner Frau und seiner kleinen Tochter. Der Mann, der da steht, ist der weltberühmte Komponist Dmitri Schostakowitsch. Sein Vergehen: Genosse Stalin verließ vorzeitig eine Repertoirevorstellung seiner „Lady Macbeth von Mzensk“. Samt Molotow, Mikojan und Schdanow.

Man weiß bis heute nicht, was am 26. Jänner 1936 im Bolschoi Theater geschah. Das Orchester jedenfalls hypernervös. Und am nächsten Tag eine vernichtende Kritik in der Prawda – über eine Oper „ohne Sittsamkeit und Bescheidenheit“. Vernichtend, das war zu Zeiten des Großen Führers der Sowjetunion im Wortsinn zu nehmen. Die Rezension, sagt die mangelnde Orthografie, soll Stalin selbst geschrieben haben …

Entlang dieser für ein Menschenleben alles entscheidenden Begebenheit führt Barnes seinen Roman „Der Lärm der Zeit“. Es ist ein dicht komponierter Text, von meisterhafter Knappheit und spartanisch in der Wortwahl, der hier Auskunft über Kunst in Zeiten der Repression gibt. Er ist, viel mehr als eine Künstlerbiografie, die Analyse eines Regimes, in dem Arroganz, Heuchelei und Ignoranz gegen alles, das irgend „anders“/entartet ist, gebündelt werden. Er ist sowohl das Psychogramm eines Menschen als auch eines politischen Systems. Er entlarvt den Irrwitz des Apparats wie der Apparatschiks.

Es ist der Stoff, der Tragödien im Rückblick zu Farcen macht. Schostakowitsch, der sich von diesem Schlag nie wieder erholen wird, sieht sein Leben fortan nicht mehr als große Dichtung, sondern als Gogol’sche Satire, die Realität erscheint ihm schrecklicher als sein Gedankenchaos. Er legt ein Album an, in dem er Schmähartikel sammelt, er geht regelmäßig zu den Verhören ins Große Haus am Liteiny-Prospekt, bis sein dortiger Peiniger selbst verhaftet wird und verschwindet. Schostakowitsch, man weiß es, wurde nicht ermordet, und dennoch zum Opfer des Stalinismus. Er starb 1975 am dritten Herzinfarkt. Nach sehr viel Wodka, die der vorherige Abstinenzler ab 1937 seine Kehle hinunter laufen ließ.

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Dazwischen liegen Jahrzehnte des Dauerzitterns, drei Ehen, zwei Kinder. Stalin in seiner Paranoia des Heute-Freund-morgen-Feind verheert die Sowejtunion. Seine Macht lässt sich nie in die Karten schauen, das Nichtvorhersehbare ist ihr Prinzip. Vom Volkshelden zu dessen Verräter ist es nur ein kleiner Schritt. Und Schostakowitsch galt in diesem Konstrukt als „parteiloser Bolschewik“.

Im Zwölf-Jahres-Rhythmus, so will es ihm erscheinen, wird gegen ihn vorgegangen. Seine Fünfte Symphonie nennt die Zensur eine „optimistische Tragödie“ – und erkennt nicht, dass er sich längst in die musikalische Satire gerettet hat: „Sie merkten nichts von der gellenden Ironie des letzten Satzes, diesem Hohn auf den Triumph. Sie hörten nur den Triumph selbst, ein Treuebekenntnis zur sowjetischen Musik, zum Leben unter der Sonne der Stalin’schen Verfassung. Er hatte die Symphonie fortissimo und in Dur ausklingen lassen. Und wenn er sie pianissimo und in Moll hätte ausklingen lassen? Von so etwas konnte ein Leben abhängen.“

Schostakowitsch wird überschwemmt von Selbstekel. Der Komponist ist zum Helden nicht gemacht, er ist mehr Ducker und Anpasser – und Barnes stellt dies dar, ohne jemals den Zeigefinger eines Nachgeborenen zu heben. „Der Lärm der Zeit“ liest sich auch als Parabel über die Unfreiheit der Kunst aufgrund ihrer Vereinnahmung durch Gönner, hieße heute: Sponsoren. Stalins verqueres Verhältnis zu seinen Künstlern ist bekannt – siehe etwa Michail Bulgakow, den er nicht publizieren, aber per wöchentlichem Fresspaket auch nicht verhungern ließ. Auch über Schostakowitsch Überleben gibt es ein Ondit: „Stalin sagt, man soll ihn nicht anfassen.“

Schostakowitsch wird er erst zu einer desaströsen „Friedens“-Konferenz in den USA drängen, wo er – ganz Parteilinie – seinem Idol Strawinsky abschwören muss, dies der Sündenfall, den er sich lebenslang nicht verzeihen wird, später Chruschtschow ihn in die Position des Vorsitzenden des Komponistenverbandes zwingen. Der zweite Frevel. Noch mehr Grauen, noch mehr Alkohol. „Früher hatten sie ausgelotet, wie weit sein Mut reichte. Jetzt loteten sie aus, wie weit seine Feigheit reichte.“ Barnes zoomt sich in die Befindlichkeiten seines Protagonisten, er dreht an dessen geistigem Lautstärkenregler, wenn’s im Hirn gellt: Selbstverrat! „Nun ja, er lügt wie ein Augenzeuge, wie das Sprichwort sagt“, notiert der Autor über den Seelenslalom seiner Hauptfigur. Diese Innen-im-Er-Perspektive ist reizvoll, man muss sie als Leser aber auch aushalten, und wo Barnes Daten und Fakten einfügen muss, hatscht sie ein wenig.

„Insgesamt hatte er den Stalinpreis sechs Mal bekommen, auch den Leninorden erhielt er in regelmäßigen Zehnjahresabständen: 1946, 1956 und 1966. Er schwamm in Ehrungen wie eine Garnele in Garnelen-Cocktailsoße. Und bis 1976 hoffte er, tot zu sein.“ Barnes mag das Garnelen-Cocktailsoßen-Zitat. Er verwendet es mehrmals. Auch Anekdoten und Witze recycelt er bis zum Formalismus. Wie das Gleichnis von der Katze, die den Papagei am Schwanz hinter sich herzieht. Sein Kopf knallt gegen jede Stufe, aber der Papagei sagt … Flaubert lässt grüßen. Barnes zeichnet jenseits des Musikalischen einen Mann, der solche Witze mochte, der Fußballfan war und sich zum Volleyballschiedsrichter ausbilden ließ, der Kandelaber liebte und große Standuhren.

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Der Komponist wird zum System-Schulbub. Ihm wird ein Tutor zur Seite gestellt, er muss Zusammenfassungen über Stalins schwülstige Weisheiten verfassen. 1959 entsteht sein 8. Streichquartett; mit der Widmung „Im Gedenken an die Opfer des Faschismus und des Krieges“ meint Schostakowitsch sich selbst. 1. Wegen Stalin. 2. Wegen Hitler. Bei der Belagerung durch reichsdeutsche Truppen war Schostakowitsch von einem Schrapnell im Kopf getroffen worden, das nie entfernt werden konnte. Er, der Sohn aus gutbürgerlichem Hause, verabscheut beider Seiten „Rassenwahn“: Den kommunistischen, dem die proletarische Reinheit ebenso wichtig ist, wie dem nationalsozialistischem die arische Reinheit.

„Der Lärm der Zeit“, das sind die Abtransporte während der stalinistischen Säuberungswellen, das ist politisches Krakeelen, die gehobelten Späne des Sowjetsozialismus, und das sind seine Opfer in ihrem letzten Aufseufzen. Schostakowitsch wäre lieber von ihm verschont geblieben. Im Gegenzug – „Kunst“, schreibt Julian Barnes, „ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist.“ Es ist nur konsequent, dass diese Kunst, die Musik, nicht aber ihre Überlebenskraft, die große unbesprochene Leerstelle des Romans bleibt. Nur an einer Stelle analysiert Schostakowitsch sein Metier: einen perfekten Dreiklang. Da geht’s um einen Bahnsteig, einen weltkriegsversehrten, beinamputierten Bettler und drei Wodkagläser beim endgültigen Anstoßen. Welch ein Abschlussbild für dieses abgründige, tiefgründige Buch.

Über den Autor:
Julian Barnes, geboren 1946 in Leicester, England, ist einer der wichtigsten zeitgenössischen britischen Autoren. Er wuchs in London und Northwood auf. Bis 1968 studierte er am Magdalen College in Oxford Moderne Sprachen und schloss das Studium mit Auszeichnung ab. Drei Jahre lang arbeitete er als Lexikograph für das Oxford English Dictionary supplement, trat dann eine Stelle als Redakteur bei der New Review und dem New Statesman an, bevor er von 1979 bis 1986 erst als Fernsehkritiker für den New Statesman und den Observer tätig war. 1979 heiratete Barnes seine Agentin Patricia Olive Kavanagh, die 2008 den Folgen eines Gehirntumors erlag. Julian Barnes setzt sich mit dem plötzlichen Tod seiner Frau in seinem Buch „Lebensstufen“ auseinander. Er widmet ihr den Großteil seiner Werke. Schon 1980 veröffentlichte Julian Barnes mit „Metroland“ seinen ersten Roman. Mit „Flauberts Papagei, seinem dritten Roman, gelang Barnes 1984 der internationale Durchbruch, mit diesem Titel stand er zum ersten Mal auf der Shortlist des Man Booker Prize, den er 2011 für „Vom Ende einer Geschichte“ erhielt. Julian Barnes lebt und arbeitet in London.

Kiepenheuer & Witsch, Julian Barnes: „Der Lärm der Zeit“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Gertraude Krueger.

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  1. 7. 2017