Was hat uns bloß so ruiniert

September 19, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Marie Kreutzers behutsamer Blick in die Bobo-Seele

Drei Freundinnen, drei Mal schwanger: Vicky Krieps als Stella, Pheline Roggan als Mignon und Pia Hierzegger als Ines. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Drei Freundinnen, drei Mal schwanger: Vicky Krieps als Stella, Pheline Roggan als Mignon und Pia Hierzegger als Ines. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Drei Paare in gepflegt verwahrloster Altbauwohnung, ein Freundeskreis, in dem nur sorgfältigst gekelterter Rotwein die Runde macht, und dann die Ansage: Ich bin schwanger! Fast ein wenig beleidigt wird gratuliert, geteilte Freude ist halbe Freude, doch dann überlegt nachzuziehen. Bobos mit Babybauch. Das ist die Grundkonstellation von Marie Kreutzers drittem Spielfilm.

„Was hat uns bloß so ruiniert“ heißt er und läuft am Freitag in den heimischen Kinos an. Ein Schelm, der dabei denkt, die Filmemacherin habe eigene Erfahrungen einfließen lassen. Die werdende Mutter Nr. eins, Stella, hat nämlich auch die Filmakademie absolviert. Die Sextett-Erfahrung soll ergo zur Doku werden, immer wieder treten die Protagonisten aus der Handlung vor Stellas Schwarzweißkamera, um zu erzählen, was das Mutter- beziehungsweise Vaterwerden aus ihnen macht und „objektiv“ Selbst/Zweifel an der Situation anzubringen.

Kreutzers leiser und leise sarkastischer Die-Macht-der-Hormone-Humor macht aus dem Film eine hinreißend charmante Tragikomödie. Kreutzer hat die Schwierigkeiten und die Schönheit der Elternschaft pointiert durchdekliniert, Motto: das Beglückende ist immer auch das Anstrengende, sie spielt ein lustvolles Spiel mit Geschlechterklischees und Rollenbildern, das heißt: deren antrainierter Ablehnung – und dies Konstrukt platzt für ihre Figuren nun wie Seifenblasen. Cool sein und forever cellulitefrei, so hat man sich’s vorgenommen, während man sehenden Auges in die Verspießerung schlittert …

Nachdem der „Wellentanz“ beim Geburtsvorbereitungskurs absolviert und die Frage, ob die PDA mit einer biologisch-dynamischen Lebensführung konform geht, geklärt ist, geht’s auf in den Glaubenskrieg Kindererziehung. Die alltäglichste Grenzerfahrung der Welt. Die weich gezeichneten Bilder von Kamerafrau Leena Koppe und der visionäre Voice-Over werden schon bald durch die Realität eingeholt: Stella und Markus, dargestellt von Vicky Krieps und Marcel Mohab, regeln die Aufgaben rund um Nachwuchs Lola paarintern basisdemokratisch. Die unfreiwillig Mutter gewordene Ines, sie spielt Pia Hierzegger, laut ihrem Partner „Impfgegnerin aus Schleißigkeit“, überantwortet Töchterchen Elvis viel und gerne Manuel Rubeys Chris. Und Mignon alias Pheline Roggan will bei Aimèe alles natürlich halten– was etwa auch den Verzicht auf Windeln bedeutet. Andreas Kiendls Luis hat da nicht viel mitzureden.

 Ines, dargestellt von Pia Hierzegger, beschließt auf Solopfaden zu wandeln ... Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Ines, dargestellt von Pia Hierzegger, beschließt auf Solopfaden zu wandeln, … Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

... weshalb Chris versucht bei Stella anzudocken: Vicky Krieps und Manuel Rubey. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

… weshalb Chris versucht bei Stella anzudocken: Manuel Rubey und Vicky Krieps. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Marie Kreutzer blickt ihren Figuren behutsam in die geschundenen Seelen, „Was hat uns bloß so ruiniert“ ist wie die Poetik der Beziehungskisten. Mit geschliffenen, scharfzüngig das Authentische schrammenden Dialogen beschäftigt sie sich mit Elternschaft bis zur Selbstaufgabe, mit dem Aufreiben für eine „anspruchsvolle Drittperson“, wie Luis sein Paarcrasherkind nennt, mit Optimierungswahn und dem Verschieben von Wertigkeiten, kurz damit, wie plötzlich Angst um einen anderen, einem anvertrauten die jahrelange Alles-easy-Haltung aushebelt. Da war man doch eben noch … nicht?, und plötzlich ist man gezwungen erwachsen zu werden. Das Lebensgefühl einer Generation, deren schlimmste Schrammen von ein paar Studentendemos stammen. Und die sich nun plötzlich aus ihrem Lebensentwurf gewürfelt sieht.

Vater werden ist nicht schwer: Andreas Kiendl als Luis mit Amanda Seyfried beim Regalausräummassaker im Supermarkt. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Vater werden ist nicht schwer: Andreas Kiendl als Luis mit Amanda Seyfried beim Regalausräummassaker im Supermarkt. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Verkörpert wird das alles vom Feinsten. Vor allem Pia Hierzegger als Scheiß-mi-nix-Ines und Manuel Rubey als diese Haltung überkompensierender und beständig im Clinch mit dem aufklappbaren Kinderwagen liegender Übervater Chris sind großartig.

Andreas Kiendl wiederum versucht als Luis in das antiautoritäre Chaos seines Familienidylls ein wenig Ordnung zu bringen, was seine Lebenspartnerin fast schon als faschistoid empfindet. Kiendl kippt dabei gekonnt vom Netten von nebenan ins Ang’speistsein. Höhepunkt der Handlung ist ein Elternabend in der „Kindergrupp Kartoffelsupp“ – mit den herrlich frauenversteherischen Christian Dolezal, Till Firit und David Oberkogler, der zuletzt im Sommer bei den Festspielen Reichenau in „Doderers Dämonen“ gefiel (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21181) -, an dem die Giftigkeit von Rosinen und der ökologische Aspekt von Reiswaffeln diskutiert werden.

Von Selbstgefälligkeit und Schuldgefühlen, von Eitelkeit und Eifersucht geht’s zum Seitensprung. Auf Gleichgültigkeit folgt Katastrophe, die freilich zur Katharsis führen muss. Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles und hält allem stand. Steht schon in der Bibel. Also gibt es ein Happy End. Ein dreifaches. Bei so viel kindischem Verhalten im Vorfeld ist es aber schön, dass in Stellas Doku den Kindern das Schlusswort gegeben wird. Das letzte Wort haben sie ohnedies schon längst.

www.washatunsbloss.at

Wien, 19. 9. 2016

Alexander Pschill inszeniert

Mai 29, 2013 in Tipps

„Das weite Land“

Bild: Kaja Dymnicki

Bild: Kaja Dymnicki

Was haben Jim Morrison, Brian Jones, Kurt Cobain und Jimi Hendrix gemeinsam? Sie alle starben im Alter von 27 Jahren. Selbstmord wird in keinem der Fälle ausgeschlossen. Zu diesem traurigen Grüppchen gesellt sich die geisterhafte Hauptfigur unserer Geschichte: der Society-Virtuose Alexei Korsakow. Ebenfalls Musiker, ebenfalls 27, ebenfalls tot. Ja, die Seele ist ein weites Land. Und diese nimmt sich nun Josefstadt-Schauspieler Alexander Pschill (er spielt dort kommende Saison in Theo von Goghs „Das Interview“) an. Gemeinsam mit Kaja Dymnicki präsentiert er ab 29. Mai seine erste Regiearbeit: Arthur Schnitzlers „Das weite Land“, gespielt von einem blutjungen Ensemble in einem ehemaligen Architekturbüro in Wien-Mariahilf.
Dymnicki und Pschill wagen den Versuch, einen von Tradition und Trends befreiten, ausschließlich aus den Seelen des Textes und der Mitwirkenden geborenen „Schnitzler“ auf die Beine zu stellen: „Was wir machen ist ein Experiment. Wir hatten das Bedürfnis, unser Lieblingsstück mit Referenzen zu einem unserer Lieblingsfilme (der zu erraten sein wird) zu versetzen. In unserer Version wird es um zwischenmenschliche Überlebenskämpfe gehen. Das zeigen wir in einer Abfolge konfliktgeladener Szenen, in denen unsere Figuren emotional völlig unvorbereitet aufeinander prallen. Die Charaktere werden wenig Zeit mit Sinnieren und Philosophieren verbringen  – wie so oft in heimischen Schnitzler-Inszenierungen -, denn die Hofreiters jagen wie zwei Raubfische durch das Stück und den anderen Figuren hinterher. Zu Live-Musik sollen sie die Texte durch den Raum schleudern, ihn in die Stille stottern oder mit angehaltenem Atem verweigern.“ Das Ehepaar Natter ist zu einer Figur verschmolzen, statt in die Alpen fährt man ans Meer.
Pro Vorstellung wird jeweils ein Star-Auftritt stattfinden: Kollegen und Kolleginnen haben sich bereit erklärt , an je einem der Vorstellungsabende zu erscheinen und den Satz „Die Seele ist ein weites Land…“ zu sprechen: Ruth Brauer, Hilde Dalik, Reinhard Nowak, Michael Ostrowski, Franziska Weisz, Heribert Sasse, Elke Winkens, Martin Zauner, Andreas Kiendl, Hubsi Kramar… Den Hofreiter spielt Ljubiša Lupo Grujčić, ebenfalls Josefstädter und dort zurzeit in Peter Turrinis „Aus Liebe“ auf der Bühne.

Zu sehen bis 25. Juni.

www.dasweiteland.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 29. 5. 2013