Wiener Festwochen: Die Selbstmord-Schwestern

Juni 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geduldsspiel mit Mangagirls

Bild: Judith Buss

SMI²LE heißt das Prinzip, in dem Timothy Leary die weitere Entwicklung der Menschheit sah. Viel mehr kann man bei Susanne Kennedys Debüt bei den Wiener Festwochen im Theater Akzent auch nicht tun. Lächeln und aussitzen. Ihre Überprüfung, ab welchem Zeitpunkt Installation die Grenzen des Theaters sprengt, ist weniger – wie angekündigt – „herausfordernd“, sondern entpuppt sich auf die Dauer als Gedulds-Spiel. In langen 90 Minuten präsentiert Kennedy, was in ihrer Hand von Jeffrey Eugenides‘ Roman „Die Selbstmord-Schwestern / The Virgin Suicides“ übriggeblieben ist.

Dazu mixt sie munter Leary und seine Entwicklungstheorie der acht Bewusstseinsstufen – sie verwendet den US-Psychologen, der einst den Gebrauch von psychedelischen Drogen als Freiflughilfe propagierte, in Form einer glatzköpfigen Avatarin als Tripsitter, und das Bardo Thödröl, das tibetische Totenbuch, in dem die Erlebnisse der menschlichen Seele beim Sterben geschildert werden und das Verstorbenen als Führer zum Licht der Erlösung / zur Wiedergeburt dienen soll.

Gestorben wird bei Eugenides nämlich eine Menge. Fünf Schwestern begehen nacheinander Selbstmord, die Gründe dafür sind unklar, diffus scheint es mit der Verweigerung des letzten Abschnitts der Adoleszenz zu tun zu haben. Nachbarsjungen beobachten begierig die Mädchen, einmal richtig fummeln dürfen!, und sie werden es sein, die als erwachsene Männer erzählen und immer noch spekulieren, warum die kleinstädtische Lisbon-Nachkommenschaft samt und sonders den Freitod wählte.

Dieses Männermotiv fließt in Kennedys Arbeit ebenso ein, wie der beschriebene Umstand, dass die Jungen einen veritablen Schrein für die Mädchen errichteten, in dem sie aus dem Müll gefischte Devotionalien deponierten – von Haarbürsten bis Tampons. Was Kennedy und ihre Bühnenbildnerin Lena Newton zeigen ist ebendieser Schrein als Hightech-Verherrlichungsapparat. Auf x-en Monitoren blinkt und flimmert es, Youtube-Girlies, die ihre pubertären Lebensweisheiten zum Besten geben, Kirsten Dunst in Sofia Coppolas Selbstmord-Schwestern-Verfilmung, die Jungfrau Maria mit blutendem Herzen …, hinten ein nacktes Schneewittchen in gläsernem Sarg, in Vitrinen sind Donuts aufgespießt, stehen Coca-Cola-Flaschen, hurra, wir machen hier Popkultur.

Dazu passt die Aufmachung der Schauspieler Hassan Akkouch, Walter Hess, Christian Löber und Damian Rebgetz, die sich dem japanischen Cosplay-Trend folgend, als Mangamädchen verkleidet haben (Kostüme: Teresa Vergho). Einzig Figurentheatermacher Ingmar Thilo darf sich maskenlos als jüngste Lisbon-Tochter und erster Todesfall das graue Greisenhaar bürsten lassen. Und weil bei Kennedy Verfremdung bis zur Unverständlichkeit Trumpf ist, ist der Text vorab eingesprochen, Voice over: Çiğdem Teke. Wer an dieser kitschigen Illusionsmaschine etwas deuten möchte, hat von vorne herein verloren.

Was von dieser Aufführung (?) im Gedächtnis bleibt, ist nicht viel. Kennedy, die seit Beginn ihrer Regisseurinnen-Tätigkeit an der Reduktion von Handlung und Aktion arbeitet, hat’s diesmal auf die Spitze getrieben, hat ihre Arbeit hermetisch abgeriegelt. Was anfangs noch spannend und schön anzuschauen ist, wird mit der Zeit öde, der Erkenntnisgewinn – und ging’s Leary-Guru nicht schließlich darum? – tendiert gegen Null, die vielen auch im Programmzettel herbeizitierten Reverenzen verpuffen ins Nichts. „You may feel confused and bewildered“ / „Sie könnten sich jetzt verwirrt und perplex fühlen“, sagt Learys Stimme kurz vor dem Ende. Das Wiener Publikum hielt’s höflich aus und applaudierte kurz, bevor es schnell zum Ausgang drängte.

www.festwochen.at

  1. 6. 2018

I Am Not Your Negro

Juni 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Einer langen Nacht Reise in den Tag

James Baldwin bringt mit seinen Thesen einen TV-Moderator ins Schleudern. Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Ein Auto fährt über einen dieser halbseidenen, spärlich beleuchteten US-Boulevards, es ist dunkel draußen, und aus dem Off ertönt die Stimme von Hollywoodlegende Samuel L. Jackson. „Ich spreche als Angehöriger einer gewissen Demokratie und eines sehr komplexen Landes, das darauf besteht, sehr engstirnig zu sein“, sagt er. Und: „Ich bin kein Objekt, auch nicht für Wohltätigkeit, ich bin ein Bürger dieses Landes.“ Und: „Ich bin kein Neger, ihr habt den Neger erfunden.“

Diese Sätze sind aus dem Jahr 1979. Der hierzulande viel zu wenige bekannte Autor James Baldwin hat sie zu Papier gebracht. „Remember this House“ heißen die nur 30 Seiten umfassenden Notizen, die der Schriftsteller unter dem Eindruck der Ermordung seiner Freunde Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King jr. verfasst hat. Regisseur Raoul Peck, der heuer bereits mit seinem Spielfilm „Der junge Karl Marx“ erfreute (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24375), macht sie zum Ausgangspunkt seines Dokumentarfilms „I Am Not Your Negro“, der seit 15. Juni in den heimischen Kinos läuft. Jackson, wie erwähnt, spricht. Hypnotisch, eindringlich. Auf der Leinwand nachzulesen sind Briefwechsel von Baldwin mit seinem Literaturagenten Jay Acton.

Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Was Peck gelungen ist, ist ein eindrückliches Psychogramm eines Landes, das sich als Neuerfinder der Demokratie seit Athen verstanden wissen will – und dennoch tief in Vorurteilen gegenüber Hautfarbe, Herkunft, Religion steckt. Mit harten Schnitten montiert er die Unfassbarkeiten aneinander, die sich im land of the free ganz ohne Weiteres ereignet haben. Da wird Baldwin, immer auch ein „Medienmanager“, in einer Fernsehdiskussion gefragt, warum die „Neger“ (sic!) so hoffnungslos traurig wären.

Und als er dem TV-Moderator etwas von Verschleppung und Sklaverei und immer noch Chancenungleichheit erzählt, ist dieser ahnungslos fassungslos – und holt rasch den nächsten Studiogast. Da sagt eine Zeitzeugin: „Gott vergibt Mord und Ehebruch, aber er ist sehr böse auf alle, die für Integration sind.“ Dazu Fotocollagen und Filmausschnitte: Little Rock 1957, die Birmingham-Kampagne 1963, Oakland 1968 … King Kong, Tarzan, Onkel Tom’s Hütte. Es wird eine der besten Sequenzen sein, wenn Malcolm X in einer Talkrunde Martin Luther King jr. anklagt, er wäre ein „moderner Onkel Tom“.

James Baldwin steht in der Mitte. Er ist in seinen Auftritten weniger pastoral als King, weniger aggressiv als X. Er argumentiert. Sehr klug, sehr fundiert, sehr charismatisch. Ruhig und unaufgeregt. Das verunsichert die Weißen. Und während er sich schilt als Antirassist „the great black hope of the great white father“ zu sein, legt das FBI schon einen Akt an. Er kommt auf den Sicherheitsindex als gefährlich „berühmtes“ Subjekt – im Akt steht: Er wird gelesen. Von beiden Seiten. Skandal!

Dazwischen Werbebilder von steppenden, fröhlichen, glubschäugigen, breit grinsenden Afroamerikanern. Alltagsrassismus. Am besten: runde, gesunde „Negermama“. Dazwischen Filmkritik. Peck zeigt den latenten Rassismus in Klassikern wie „Flucht in Ketten“ oder „Rat mal, wer zum Essen kommt“. Und die bahnbrechende Szene in „In der Hitze der Nacht“, als Sheriff Rod Steiger am Filmende zu Detective Sidney Poitier sagt: „Passen Sie gut auf sich auf.“ Es ist schier unglaublich, was Baldwin alles in 30 Seiten packen konnte. Er selbst war übrigens lebenslänglich John-Wayne-Fan: „Auch, wenn mir klar ist, dass die Indianer, die er in seinen Filmen hinmetzelt, in Wahrheit ich sind.“

Malcolm X umringt von der Presse. Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Sehr schön auch ein Aufklärungsfilm des Wirtschaftsministeriums aus den 1970er-Jahren, in dem der Handel darüber informiert wird, er möge sich die neu erworbene Kaufkraft der Schwarzen, die 15 Milliarden Dollar „Negermarkt“ doch nicht entgehen lassen. Dazwischen Politik, Reden, Aufmärsche „Weiße Viertel den Weißen“ mit Hakenkreuzfahne, Segregation, Rosa Louise Parks, eine schwarze Schülerin, 15, die auf dem Schulweg bespuckt wird, und die strange fruit hanging from the poplar trees.

Bob Dylan singt „Only a Pawn in Their Game“. X spricht mit erhobener Faust, King spricht mit hingehaltener Wange, James Baldwin wie er immer und immer wieder auf sein Amerikanertum pocht, Sammy Davis jr., Harry Belafonte – beide in einer spannenden Runde mit Marlon Brando und Charlton Heston. Weibliche Stimme: nur eine. Lorraine Hansberry. Die Autorin starb mit 34 Jahren an Krebs.

Spärlich fügt Peck Aktuelles ein. Rodney King 1991, Tamir Rice 2014, Alton Sterling und Philando Castile 2016, andere Bilder vom System getöteter – ja – Kinder seit den 1990er-Jahren, Ferguson, Baltimore, Charleston …

James Baldwin trifft Bobby Kennedy. Der soll ein schwarzes Mädchen an seinem ersten Schultag begleiten. Baldwin nennt es politisches Engagement, Kennedy eine sinnlose moralische Geste. Dann die Rede, 1965: In 40 Jahren werde es in den USA einen schwarzen Präsidenten geben, prophezeit Kennedy. Ja, lacht Baldwin, „wenn wir uns nach 400 Jahren, nachdem wir in dieses Land verschleppt wurden, immer noch brav benehmen. Schnitt. Die Obamas. Aber ach.

www.not-your-negro.de

Wien, 23. 6. 2017

Berliner Theatertreffen: Fegefeuer in Ingolstadt

Mai 13, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Messias als Dorftrottel

Bild: Berliner Theaterfestspiele

Bild: Berliner Theaterfestspiele

Die Berliner Theaterfestspiele hatten Marieluise Fleißers „Fegefeuer in Ingolstadt“ von den Münchner Kammerspielen zum Treffen der Besten eingeladen. Und siehe da: Die Inszenierung der jungen Regisseurin Susanne Kennedy erhielt den 3sat-Preis beim diesjährigen Theatertreffen in Berlin. Kennedy zeigt ein Sammelsurium am Figuren, solche, bei denen man aufstehen würde, würden sie sich in den Öffis neben einen setzen. Sie wirft sie in einen kalten, kahlen Bühnenraum, der durch Schrägen  in seinen Proportionen verrutscht ist, beengt, eine Puppenstube des Grauens oder ein Krankenzimmer. Das Kruzifix an der Wand. Blackouts unterbrechen die kurzen Szenen. Und Störgeräusche. Ohrenlähmend wie ein Sendeausfall. Den haben die Figuren hier sowieso. Und einander zu sagen auch nichts. Tun sie’s, tun sie’s als Playback. Alles und jeder ist hier „falsch“, fremd, verfremdet und „kaputt“ – auf die eine oder andere Weise. Und nicht immer sychron in der Lippenbewegung, darf ganz aufs Spielen konzentriert sein. Steif in den Bewegungen, ungelenk wie die Puppen, die in dieses Haus gehören. Sie wurden von der Regisseurin „eingerichtet“ wie die Knetfiguren von Nick Park.

Kennedy hat ein Dorfantiidyll geschaffen. Grausam-klinisch-katholisch. Eine Fleißer’sche Familienaufstellung. Das Geschehen spielt  während der Schulferien. Olga erwartet ein Kind von Peps, doch der ignoriert sie nun. Da wendet sich der übelriechende Außenseiter Roelle Olga zu, weshalb Olgas Schwester Clementine eifersüchtig wird. Roelle fühlt sich als Heiliger, den Engel aufsuchen, eine Idee, in der ihn seine bigotte Mutter noch bestärkt. Er gibt sich als Vater von Olgas Kind aus, um sich Respekt zu verschaffen, erreicht damit aber nur, dass nun auch Olga geächtet wird. Beide sind dem Fegefeuer der Mitschüler, Mitbürger, Eltern, Ministranten und der undurchsichtigen Agenten Protasius und Gervasius ausgesetzt. Um ihr Außenseiterdasein zu überwinden, diffamieren sie sich gegenseitig: Als Roelle sein Verhalten rechtfertigt, behauptet Olga, er habe sie zu sich „heruntergezogen“. Schließlich glaubt Roelle sich wirklich im Zustand einer Todsünde und will beichten. Da er sich aber eine korrekte Beichte nicht zutraut, isst er den Beichtzettel auf …

Kennedy Interpretation, mehr szenische Installation als Inszenierung, lebt vor allem vom hervorragenden Ensemble. Skurril und anrührend zugleich. Besonders Cigdem Teke als schwangere Olga kann unglaublich ungläubig schauen. Sie verkörpert eine solche Sehnsucht nach Geborgenheit, dass es schmerzt. Die Paarung Protasius und Gervasius, Marc Benjamin und Edmund Telgenkämper,  befeuern einander mit harmonischer Grausamkeit, sardonischem Lächeln und schwuler Zärtlichkeit. Walter Hess als Vater verfällt alle paar Minuten in herzinfarktischen Epileptikmodus, Heidy Forster als Mutter Roelle füttert ihr Kind aus dem Reindl, bis ihm die Soße aus den Mundwinkeln läuft. Überhaupt scheint sich Kennedy am meisten für Christian Löber, das heißt seinen Roelle, zu interessieren. Der Mutterhörige ist ja eigentlich ein Feschak mit langen Haaren und kurzer Hose. Tommy, The Who, summt er immer wieder: You’ll feel me coming, A new vibration, From afar you’ll see me, I’m a sensation, I’m a sensation. Doch der Messias ist gleichsam auch der Dorftrottel. So sehen es die anderen. Wie er schon dasteht, diese bizarre Körperhaltung, die Beine gekrümmt wie der Herr am Kreuz, wie er schon spricht, wie in Bibelzitaten. Da wird aus dem, der der Anfang ist (wie Protasius und Gervasius ihn einmal aufziehen) ganz schnell ein vom Teufel Besessener. Es ist beeindruckend, wie Löber den mehr und mehr überhandnehmenden Wahnsinn spielt, schließlich „in mehreren Stimmen“ spricht

Am Ende brabbelt das Ensemble ein Gebet. Wieder und wieder und wieder. Zwölf Mal? Zehn Minuten lang? Nein, das reicht nicht. Unruhe macht sich breit, ein paar Buhs müssen sich Luft machen. Die Darsteller werden immer schriller. Eine Endlosschleife, die alle in den gleichen Erhitzungsgrad des Fegefeuers wirft. Auch das Publikum. „Blut Christi tränke mich. Wasser aus der Seite Christi wasche mich. Verbirg in deinen Wunden mich.“ Fleißer selbst nannte „Fegefeuer“ 1924 ein Stück über „das Rudelgesetz und über die Ausgestoßenen“. In Kennedys Händen merkt man, wie viel die Fleißer heute noch zu sagen hat, wie untot der „Schafft sie weg!“-Reflex noch ist. Chapeau vor dieser mutigen Arbeit.

www.berlinerfestspiele.de

www.muenchner-kammerspiele.de

Trailer: www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=43537

www.mottingers-meinung.at/berliner-theatertreffen-zement/

Wien, 13. 5. 2014