Michael Niavarani liest Nestroy: „Es glaubt kein Mensch, was ein jeder Mensch glaubt, was er für ein Mensch ist.“

Dezember 30, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Weltuntergang ist immer ein gutes Thema

Die Mutter ist schuld, das ist sie ja meistens, aber nicht nur Erziehung, auch Auszeichnung formt den Charakter. Und so war’s denn einerseits die Frau Mama, die den Buben ermahnte: „Spiel doch endlich wieder einmal Nestroy“, andererseits der eben errungene, nach dem großen Vorbild benamste Publikumspreis, der Michael Niavarani dazu bewog, sich seine erste Liebe aufs Neue ans Herz zu legen. „Es glaubt kein Mensch, was ein jeder Mensch glaubt, was er für ein Mensch ist“, steht auf dem Buch „mit CD!“-Button. Was so viel heißt wie: Niavarani liest Nestroy.

Eine Sprechplatte mit Booklet? Nein, für all die Feuerfüchse unter den Nia-Fans gewisslich mehr als das. Freilich ist hinreißend, wie auf dieser N & N nach- und ineinandergreifen, wie der Samtbariton wunderbar wandelbar vom Damian Stutzl zu Knieriem und Pfriem, vom Herrn von Lips zur Lucia Distel wird. Allein, ins Silber lassen sich kaum mehr als 70 Minuten stanzen, und der Nia will mehr als handverlesene Gustostückerl vorlesen. Er unterfüttert seinen Nestroy mit dem ganzen Niavarani, mit Erlebtem und Erdachtem, mit Geschichte und G’schichterln, diese zu drucken ja bekanntlich

eine Nia-Spezialität, und wollte jemals ein Werk der Leserin, dem Leser einen Dichter und sein Œuvre näherbringen, so tut es dieses gewitzt mal zwei. N & N als Menschen so vollkommen unvollkommen, das sie dieser Wesenszug zu makellosen Komödianten macht. Als Dreieinigkeit – mit Hochgefühl und Melancholie – unterwegs durch die nächtliche Stadt, so begegnet man nicht dem Alt Wiener, vielleicht grad von einem verlorenen Kartenspiel kommenden, sondern dem nachfahrigen Volkstheatermann. Sich heimwärts sinnierend, soeben hat ihm Harald Schmidt auf der Bühne seiner viralen Neugründung „Theater im Park“ den Nestroy-Publikumspreis überreicht, über Anti-#Corona-Maßnahmen-Demos, Grundrechte und die Sperrstund‘.

„Man kann mit einem Messer jemandem den Bauch aufschlitzen, um ihn umzubringen oder um den Blinddarm herauszunehmen“, denkt Niavarani. Und es fällt ihm – prophetisch: „falls Sie dieses Buch im dritten oder vierten Lockdown lesen“ – ein (deklamierend): „Mein einziger Trost ist die Verzweiflung“. „Machen Sie schon wieder Witze über unseren Bundeskanzler?“, giftet eine Gassi-Geh-Passantin. „Aber nein, gnädige Frau …“ Die Welt steht auf kan Fall mehr lang. Lumpazivagabundus. Weltuntergang ist immer ein gutes Thema, vom Saufen ganz zu schweigen. Sagt Niavarani. Und tauscht den Kometen gegen #Covid-19.

Derart anekdotet sich Michael Niavarani vom Vormärz ins Momentan tour-retour. Beginnend beim schlimmen Buben in der Schule. Eine Deutschprofessorin wie dessen Frau Professor Lazarus kannst nicht erfinden, doch immerhin betraut sie den pubertären Reclam-Rebellen mit der Rolle des Willibald. „Mich hab’n s’bilden wollen! – ’s is lächerlich!“, und aus und g’schehen war’s um den aufwieglerischen Gymnasiasten. Johann Nestroy, er ist ein guter Lehrmeister, ein Ratgeber für Gemüts- und Lebenslagen in beider Bedeutung des Wortes Untiefe, und Niavarani hat vom Zitate-Titan erfahren, dass Zynismus zwar einmal zwicken und ein andermal zuschnappen und sich festbeißen darf, doch dass es der Humor ist, der das Publikum packt und beutelt. Vor Lachen, versteht sich, aber mit etwas Geschick auch dessen Verstand. Der Applaus dafür ist die Butter aufs harte Brot des Künstlers.

Endlich steht da der Name Johann Hüttner. Der eigene Uniprofessor, durch dessen in Hellblau gehaltene historisch-kritische Gesamtausgabe man persönlich sich auch studiert hat (durch die in Fraktur geschriebene konnte dem Nia und mir nur die jeweilige kurrentschriftkundige Kagraner Oma helfen), mit dem meinerseitigen Effet, die Nestroy’sche Sitte zu übernehmen, am besten bei sich selber abzuschreiben. „Dieser wilde Ritt durch Nestroys Stücke endet schließlich doch noch im Bett. Aber ich kann nicht schlafen. Oder träume ich schon? In meinem Kopf treten betrunkene Schuster auf, kichern ,Nähterinnen‘ in der Vorstadt, verlieben sich junge ,G’schwufen‘ in fesche Köchinnen und alte Männer in ihre Mündel.“

Beim Nia ist es mittlerweile vier Uhr früh, und apropos: da geht ma des G’impfte auf, dieser Tage politisch topaktuell – Niavarani erläutert auf dem Weg vom Kamin zum berühmten Kühlschrank, warum der zwölfte Passagier im Gloggnitzer Omnibus zu sein weiland eine Mörderwuchtel war, über welche Ecken die Message Control mit der Metternich-Zensur verwandt ist, und dass der verehrte Nestroy, seinerzeit wegen seiner Zoten mit Kerkerhaft belegt, heute ein Delinquent des #MeToo wäre.

Geendigt sei das Ganze mit etwas Märchenhaftem. Einer Geschichtsstunde à la Niavarani über das Jahr 1857, Nestroy sitzt wegen der „Zwölf Mädchen in Uniform“ im Häfn: „Österreich wird von einem Kanzler regiert, der sich nur mit Menschen umgibt, die ihm treu ergeben sind – man möchte fast sagen, die ihm hörig sind. Österreich wird von einem Kanzler regiert – einem unumschränkten Herrscher, einem absolutistischen Kanzler. Dieser Kanzler regiert die Koalition mit einem Trottel. Wobei der Trottel gar kein Trottel ist, er hat einfach nichts zu sagen, und seine Aufgabe besteht einzig darin, alles gutzuheißen, was ihm der Kanzler vorschlägt.“ Und wenn oder weil sie nicht ausgestorben sind …, für morgen hat der Nia via Facebook eine Silvesterüberraschung angekündigt!

Harald Schmidt überreicht den Nestroy-Preis. Bild: © ORF III / produktionsraum

Über den Autor: Geboren 1968 in Wien als Sohn einer Österreicherin und eines Persers begann Michael Niavarani 1986 seine Karriere als Schauspieler im Graumann Theater und wechselte 1989 ins Kabarett Simpl, dessen künstlerische Leitung er 1993 übernahm. Michael Niavarani ist in zahlreichen österreichischen Fernsehserien, in Kinofilmen und natürlich auch mit seinen Kabarett-Programmen zu sehen. Seine Bücher führen in der Regel wochenlang die österreichischen Bestsellerlisten an.

Nach einem Roman, vielen Kurzgeschichten und unzähligen Sketches für den Simpl begann Niavarani auch Theaterstücke zu schreiben. Eigens für seine Shakespeare-Komödien „Die unglaubliche Tragödie von Richard III.“ und „Die höchst beklagenswerte und gänzlich unbekannte Ehetragödie von Romeo & Julia – Ohne Tod kein Happy End“ gründete er 2014 ein Shakespeare-Theater: das Globe Wien. Im Sommer 2019 erwarb Niavarani das Kabarett Simpl, das er seit der Saison 2019/20 auch bespielt. Im Sommer eröffnete er das Theater im Park. Michael Niavarani wurde mit dem Nestroy-Publikumspreis 2020 ausgezeichnet.

Schultz & Schirm Bühnenverlag, Michael Niavarani liest Nestroy: „Es glaubt kein Mensch, was ein jeder Mensch glaubt, was er für ein Mensch ist“, 154 Seiten. Mit CD, 71 Minuten, und Code zur Audiodatei auf player.globe.wien/nestroy

Bild: @M+M

Bild: @M+M

TIPP: Noch bis 6. Jänner ist auf player.globe.wien Michael Niavaranis Krippenspiel „Jössasmarandjosef“ kostenlos abrufbar. Der Globe-Chef hat die Weihnachtsgeschichte historisch genau und wissenschaftlich präzise recherchiert und musste feststellen, dass eine Version kursiert, die nichts mit der Realität zu tun hat. Stille Nacht, heilige Nacht? Klischees, die der Ernsthaftigkeit der Situation nicht gerecht werden. Vor Christi Geburt lag die Welt im Argen. Die Menschen mussten sich mit Dummheit, Aggression, Gier und Römern herumschlagen. Und dann noch diese Pandemien und geschlossenen Herbergen … Das Simpl-Ensemble und die Globe-All-Stars, Musiker Christian Frank und vier Stuntmen der ape connection sorgen nun für eine Richtigstellung.

Mit Katharina Dorian, Julia Edtmeier, Caroline Stranka-Frank, Jennifer Frankl, Stefan Altenhofer, Stefano Bernardin, Joachim Brandl, Georg Leskovich, Peter Lesiak, Julian Loidl, Matthias Mamedof, Reinhold Moritz, Bernhard Murg und Michael Niavarani.

www.schultzundschirm.com         www.niavarani.at         www.globe.wien          simpl.at         theaterimpark.at

  1. 12. 2020

Max Porter: Trauer ist das Ding mit Federn

Mai 31, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Manchmal ist die Seele ein schwarzer Vogel

Schmerzlich vermissen ein Mann und seine beiden kleinen Söhne die vor wenigen Tagen bei einem Unfall ums Leben gekommene Mutter. Nichts geht mehr in dieser zurückgebliebenen Familie. Bis endlich eine überdimensionale Krähe an der Tür läutet. „Ich gehe erst wieder, wenn ihr mich nicht mehr braucht“, verkündet das Tier und zieht in die Wohnung ein. So beginnt Max Porters unvergleichlicher Roman über einen ungebetenen Gast. „Trauer ist das Ding mit Federn“ ist das bewegendste, verwegendste, was einem dazu in die Hände fallen kann.

In poetischer Sprache und mit herzzerreißender Genauigkeit schreibt Porter über den Verlust eines nahen Menschen. „Allmählich war ich Experte für Verhalten im Trauerfall“, denkt Dad da beispielsweise. „Im Epizentrum zu sitzen erlaubt ein merkwürdig gesteigertes anthropologisches Bewusstsein für andere: die Überwältigten, die Unsensiblen, die Weg- und die Ewigbleiber …“ Dann geht’s ans Aufräumen: „Sie wird nichts mehr brauchen (Make-up, Kurkuma, Haarbürsten, Thesaurus) … Sie wird nichts mehr auskosten (Highsmith-Krimi, Erdnussbutte, Lippenbalsam).“ Manchmal ist die Seele ein schwarzer Vogel.

Die Krähe – erzählt wird aus drei Perspektiven: ihrer, Dad, Jungs – bringt die Familie auf Vordermann. Schlichtet Streitereien, vernichtet Alkoholdepots, kümmert sich um den Haushalt, verscheucht ungebetene Gäste. Dass sie dabei lyrisch-grausame Töne anschlägt, auch derb-fluchend den Parasit Trauer verprügeln darf, ist durch einen Kunstgriff Porters zu verstehen. Sein Totemtier ist bei seinem persönlichen literarischen Fixstern Ted Hughes ausgeborgt. Die tricksterartige, mythologische Krähe ersann der britische Poet in den 1960er-Jahren für sein nie vollendetes Hauptwerk „Crow, ihr Gekrächze half dem Witwer der Schriftstellerin Sylvia Plath damals durch die Lebenskrise. Plath hatte Selbstmord begangen.

Wie sich „Crow“ in den Gedichten mit aller Brutalität als Tier und gleichzeitig Dämon darstellt, so heißt es bei Porter: „Bei Krähe gibt es ein faszinierendes Wechselspiel zwischen Natur- und Kulturwesen, zwischen Aasfresser und Philosoph, Ganzheitsgott und schwarzem Fleck …“ Bald wird klar, dass Dad ein Ted-Hughes-Forscher ist und an einem wissenschaftlichen Buch über diesen arbeitet. In Porters dichter, prägnanter Sprache hat diese Wendung gar keine Chance ein selbstgefälliger literarischer Insider-Witz zu werden. Die Grenzen zwischen Fantasiewelt und realer fließen, auch das Schriftbild passt sich an:

„Kein Schlaf.

Scharfe Kanten.

Schlechter Atem.“

Und es gibt nur einen Wunsch: Wieder haben. Bitte wieder haben. „Nach-vorne-Schauen als Konzept ist für Deppen, denn jeder vernünftige Mensch weiß, dass Trauer ein Langzeitprojekt ist. Ich werde nichts überstürzen. Es bremse, beschleunige oder nehme niemand den Schmerz, den wir leiden.“ – „Trauer ist das Ding mit Federn“ ist anders als alles, was man bisher gelesen hat.

Porter gelingt es meisterhaft Trauerklischees zu umschiffen, er setzt auf echten Schmerz, wo falsches Sentiment möglich gewesen wäre, und wiewohl er die Innenschau vor allem Dads nur andeutet, gelingen ihm Figuren aus Fleisch und Blut. Selbst die verstorbene Mutter gewinnt in den Erinnerungen Kontur. Am Ende wird der skurrile Schutzgeist Wort gehalten haben und die Familie wieder verlassen. Doch nicht ohne einen letzten Rat mit auf den Weg zu geben: „Seid brav und hört auf die Vögel.“

Über den Autor: Max Porter, 1981 geboren, studierte Kunstgeschichte und arbeitete jahrelang als unabhängiger Buchhändler, was ihm den Young Bookseller of the Year Award einbrachte. Seit 2012 ist er Lektor bei Granta Books. „Trauer ist das Ding mit Federn“ ist sein schriftstellerisches Debüt. Der Roman erhielt den International Dylan Thomas Prize und avancierte in Großbritannien zum Bestseller. Max Porter lebt mit seiner Familie in London.

Kein & Aber Pocket, Max Porter: „Trauer ist das Ding mit Federn“, Roman, 126 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Göritz, Matthias Götz, Uda Strätling.

keinundaber.ch

  1. 5. 2018

Ayelet Gundar-Goshen: Lügnerin

Februar 7, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Mauerblümchen erblüht an seiner Missbrauchsstory

Noch bevor einen die Handlung in Bann schlagen kann, tut es bereits die Sprache. Die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen malt mit Worten wunderschöne Bilder. Über ein Mädchen etwa schreibt sie: „Ihre jüngere Schwester bewegte sich so bezaubernd frei und ungezwungen, dass die Ampel der Stadt jedes Mal freudig erröteten, wenn sie sich näherte. Die ohnehin verstopften Straßen verstopften noch mehr, denn die Ampeln lieferten eine solche Welle von Rot, dass der gesamte Verkehr zum Erliegen kam. Nur Maya wandelte durch liebliche Auen grünen Lichts …“

Maya ist nicht die Protagonistin dieses Buchs. Die „Lügnerin“ ist ihre ältere Schwester Nuphar Schalev, in den Schulferien Eisverkäuferin, und von der Göttin Schönheit nicht ganz so intensiv geküsst, wie sie’s gern hätte. Kurz, Nuphar ist ein Mauerblümchen. Und dann ereignet sich das Schicksal. Ein abgehalfteter Showstar, Avischai Milner, betrifft das Geschäft, missgelaunt, weil er soeben erfahren hat, dass sein Comebackversuch scheitern wird. Also pöbelt er Nuphar an, die läuft weinend in den Hinterhof, der Sänger hinterher, sie schreit –

Und schon hat die Welt eine neue Story: „Versuchte Vergewaltigung einer Minderjährigen – Ex-Star verdächtigt … Für einen kurzen Augenblick verharrt die neugeborene Geschichte an ihrem Geburtsort, atmet die würzige Abendluft, dann hält sie es keine Minute länger im Hinterhof aus.“ Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht. Polizei, Feuerwehr, Soldaten, Passanten sammeln sich um Nuphar, die Medien sowieso. Und siehe, das Mädchen blüht an seiner aufgebauschten Missbrauchsstory auf. Ein völlig neues Selbstbewusstsein durchfährt die 17-Jährige. Plötzlich ist sie die Wichtige in der Familie, nicht mehr Maya.

Gundar-Goshen erzählt all dies mit viel Humor. „Lügnerin“ ist, man würde es bei diesem Thema kaum glauben, ein großes Lesevergnügen. Die Autorin weiß nicht nur alles Teenagerelend dieser Welt zu verpacken, sondern schildert auch Alltag in Israel, ein Leben zwischen Friede und immer wieder neuen Kriegen, daran entrollt sie ganze Familiengeschichten. Über einen Vater heißt es: „Arie Maimon kannte die Karte des Libanon in- und auswendig, aber auf den verborgenen Pfaden vom Sofa zum Zimmer seines Sohnes, in den Wadis zwischen Flur und Küche, irrte er hilflos herum.“ Avischai Milner wiederum wurde als Straßensänger entdeckt, als das Land um Schimon Peres trauerte …

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Dazu kommt ein Lustigmachen über die Käuflichkeit einer Gesellschaft, die aus Sensationsgier und Mediengeilheit alles tut. Nuphar wird auf einmal von den feinsten Boutiquen für ihre Fernsehauftritte eingekleidet. Sie muss nur die Namen der Kaufhäuser nennen. Und seinen. Nuphar bleibt im Buch nicht die einzige, die sich die Wahrheit zurechtbiegt. Lavie Maimon, Aries Sohn, hat die Szene mit Milner vom vierten Stock aus beobachtet – und durchschaut. Also beginnt der schmächtige Bursche, der dem Vater vorgaukelt, er hätte sich bei einer Eliteeinheit beworben, das Mädchen zu erpressen, sie muss ihn öffentlich „mein Freund“ nennen. Doch was kann man gegen eine Lüge sagen, die das eigene Leben zumindest besser macht? Dies die großen Fragen, die Gundar-Goshen immer wieder stellt: Wieviel Wahrheit verträgt der Mensch?

Maya wird immer misstrauischer, und auch Nuphars Mutter, als sie ein umgeschriebenes Tagebuch entdeckt. Ein Bettler weiß ebenfalls Bescheid, erfährt man, die Kommissarin will nicht aufhören nachzuforschen, der Vater ist befangen, und Nuphars Lügenspirale dreht und dreht sich. „Die ganze Nacht spann sie Handlungsfäden und Ereigniskurven, und als die ersten Sonnenstrahlen in ihr Zimmer fielen, sank sie erschöpft aufs Bett …“ Es kommt zum Showdown mit Milner …

Und schließlich, im zweiten Teil des Buches, die einnehmendste aller Lügnerinnen: Die Altersheimbewohnerin Raymonde, die sich für ihre verstorbene Freundin Rivka ausgibt, deren Biografie annimmt, um der Einsamkeit zu entfliehen und mit Schülern als Zeitzeugin nach Polen reisen zu können. Wie sie Jiddisch lernt und Kibbuz-Hebräisch, wie sie an einem Internetkurs teilnimmt, um dort etwas über Auschwitz zu erfahren, das sie später erzählen wird können. Sie lernt den alten Ahrale kennen, er tatsächlich Holocaustüberlebender. Ihm muss sie die Wahrheit gestehen, doch darauf angesprochen sagt er später nur: „Ich kann mich nicht erinnern!“ Denn wieviel Wahrheit verträgt der Mensch?

Über die Autorin: Ayelet Gundar-Goshen, geboren 1982, lebt und arbeitet als Autorin und Psychologin in Tel Aviv. Für ihre Kurzgeschichten, Drehbücher und Kurzfilme wurde sie bereits vielfach ausgezeichnet. Ihr erster Roman, „Eine Nacht, Markowitz“ (2013), dem der renommierte Sapir-Preis für das beste Debüt Israels zugesprochen wurde, wird derzeit von der BBC verfilmt. 2015 folgte mit „Löwen wecken“ ihr zweiter Roman, den sich NBC für eine TV-Serie vorgenommen hat.

Kein & Aber, Ayelet Gundar-Goshen: „Lügnerin“, Roman, 336 Seiten

keinundaber.ch

  1. 2. 2018

Servus TV: Kein Betriebsrat, keine Kündigungen

Mai 3, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Mateschitz lässt den Sender weiterleben

In der Causa Servus TV war in diesen Minuten unter dem Titel „Positive Wendung bei Servus TV“ Folgendes per Aussendung zu erfahren: „Mittwochnachmittag trafen sich die Verantwortlichen von Arbeiterkammer, Gewerkschaft und Red Bull. Basierend auf gegenseitiger Akzeptanz und Respekt sowie dem Verständnis der jeweiligen Positionen und Standpunkte kam es zu einem konstruktiven Gespräch betreffend Servus TV. Nicht überraschend für einen Betrieb, der für seine hohen sozialen Standards bekannt ist, lehnt die überwiegende Mehrheit der Mitarbeiter einen Betriebsrat ab. Im Gespräch mit AK und ÖGB wurde diese Haltung der Belegschaft respektiert und damit bestehende Vorbehalte beseitigt. Die Fortsetzung der partei-politischen unabhängigen Linie wird von allen Beteiligten begrüßt. Red Bull führt daher den Sender weiter, und die Kündigungen werden zurückgenommen. Die Verantwortlichen glauben, dass sie dadurch eine gute Basis und Strategie gefunden haben, um die jeweiligen Ziele – die überwiegend gemeinsame und im Weiteren ähnliche Ziele sind – zu erreichen.“

Wien, 4. 5. 2016

Was bisher geschah:

Mateschitz will keinen Betriebsrat: Servus TV wird eingestellt. Das ist auch das Aus für Holenders „kulTour“

Bald nicht mehr auf "kulTour": Ioan Holender mit Opernstar Heinz Zednik. Bild: mottingers-meinung.at

Bald nicht mehr auf „kulTour“: Ioan Holender auf dem Bild mit Opernstar Heinz Zednik. Bild: mottingers-meinung.at

Dietrich Mateschitz‘ Servus TV stellt voraussichtlich noch im Juni den Betrieb ein. „Obwohl wir Jahr für Jahr einen nahezu dreistelligen Millionenbetrag in Servus TV investiert haben, lässt sieben Jahre nach Einführung die aktuelle Markt- und Wettbewerbssituation keine wirklich positive Entwicklung erwarten. Der Sender ist daher für unser Unternehmen wirtschaftlich untragbar geworden“, ließ das Haus heute via Aussendung wissen.

Der in den Red-Bull-Milliardenkonzern eingebettete Privatsender war 2009 mit hohem Anspruch an Qualität und Unterhaltung gestartet. Er überraschte mit dem naturwissenschaftlichen „Terra Mater“ und „Moderne Wunder“, mit Theater- und Opernübertragungen oder mit Ioan Holenders so tief- wie hintergründigem Kulturmagazin „kulTour“.

Ernst Swoboda, Vorstandsvorsitzender des Verbands Österreichischer Privatsender, reagiert schockiert: „Die Entscheidung des Eigentümers, den Sender aus wirtschaftlichen Gründen einzustellen, muss natürlich respektiert werden. Aber diese Entscheidung ist ein scharfes Alarmsignal für die österreichische Medienpolitik. Denn die derzeitigen Rahmenbedingungen behindern nach wie vor massiv die Entwicklung eines wirtschaftlich tragbaren, privaten Rundfunkmarkts. Das Ende von ServusTV ist die bittere Konsequenz, wenn ein Sender hochqualitative, teilweise öffentlich-rechtliche Inhalte privat finanzieren muss, während die öffentlich-rechtliche TV-Anstalt mit Gebühren Kommerz-TV betreibt.“ Auch Kultur- und Medienminister Josef Ostermayer zeigt sich „betroffen“. Mit dem Ende von Servus TV verlieren 264 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz. Sie sind bereits beim AMS angemeldet worden. Das Printmagazin Servus in Stadt und Land ist von der Maßnahme nicht betroffen.

Nachdem laut Standard „am Dienstag hartnäckig das Gerücht die Runde machte, dass Mateschitz wegen eines Rundmails, das von einer externen Mail-Adresse gekommen sei, empört gewesen sei. Darin sei vorgeschlagen worden, online über die Gründung eines Betriebsrats abzustimmen – was neue, bessere Verträge zur Folge gehabt und den Konzern mehr Geld gekostet hätte. Deshalb soll es dem Red-Bull-Boss gereicht haben, berichteten Mitarbeiter“ (mehr: derstandard.at/2000036231337/Schock-bei-Mitarbeiter-Viele-Redakteure-stehen-vor-dem-Nichts), erklärte Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz den Salzburger Nachrichten, dass für ihn die beabsichtigte Gründung eines Betriebsrats der Hauptgrund war, um Servus TV einzustellen.

„Unabhängigkeit, Eigenständigkeit und Unbeeinflussbarkeit insbesondere durch politische Parteien, egal welcher Richtung, war von Anfang an ein tragender Pfeiler von Servus TV, so Mateschitz. Die Betriebsratsgründung hätte diese Werte insbesondere durch die Art und Weise ihres Zustandekommens – anonym, unterstützt von Gewerkschaft und Arbeiterkammer – nachhaltig beschädigt. Dass diese Vorgehensweise bei der Entscheidung in der aktuellen Situation des Senders nicht gerade dienlich war, ist evident.“

Ein Statement des Verbands Österreichischer Privatsender dazu steht noch aus.

www.servustv.com/at

Wien, 3. 5. 2016

aktionstheater ensemble: Kein Stück über Syrien

Februar 2, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Dabei sein beim größten Event des Jahres

Bild: © Stefan Hauer

Bild: © Stefan Hauer

Nach der Trilogie „Riot Dancer“  begibt sich das aktionstheater ensemble mit der Uraufführung „Kein Stück über Syrien“ auf eine zeitgenössische Herbergssuche. Regisseur Martin Gruber bringt für diese aktuelle Produktion die realen Erlebnisse einer Helferin vom Wiener Westbahnhof auf die Bühne und setzt die Not derer entgegen, die nicht geholfen haben. Premiere ist am 9. Februar im Werk X-Eldorado.

Man hilft. Schließlich ist man gut, edel und hilfsbereit und will dabei sein beim größten Event des Jahres. Und eine Welle der Solidarität geht durch das Ensemble: Michaela nimmt jeden Tag Flüchtlinge vom Wiener Westbahnhof mit nach Hause, Susanne erzählt Märchen – und attraktiv sind sie ja schon, diese jungen Ärzte, Architekten und Wissenschaftler aus Syrien, die auch mit älteren, europäischen Frauen so gar kein Problem haben.

Andererseits dauert das Ganze nun schon recht lange und es wird langsam langweilig – jeden Tag die gleichen Flüchtlingsbilder, die gleichen Zaundiskussionen. Man hat schließlich noch ein Leben im Hier und Jetzt …

Es spielen Michaela Bilgeri, Susanne Brandt, Robert Finster, Alexander Meile, Live-Band: Panda Pirate.

www.aktionstheater.at

www.werk-x.at 

Video: vimeo.com/107226863

Wien, 2. 2. 2016