Volkstheater: Erniedrigte und Beleidigte

September 16, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Exzellentes Ensemble spielt einen Dostojewski-Exzess

Der genialische Uwe Schmieder spielt einen der drei Wanjas, aber auch den betrogenen, verarmten Gutsbesitzer Ichmenew. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Im gegenüberliegenden Café hat man Sorge sowohl ums Volkstheater als auch um sich selbst. Das Stammpublikum bleibe dort ergo auch da aus, und die Jungen, die wüssten das Traditionslokal nicht zu schätzen: „Die stehen lieber mit der Bierdose vorm Haus.“ So beginnt der Abend zur zweiten Herbstpremiere der Intendanz Kay Voges. Mit erschreckend spärlich besetzten Reihen, und dies durchaus unverdient, denn ein exzellentes Ensemble spielt sich die Seele aus dem Leib.

In Sascha Hawemanns Bühnenfassung und Inszenierung von „Erniedrigte und Beleidigte“ – Dostojewskis Roman reloaded. Der ostdeutsch-jugoslawische Regisseur ergänzt den alten Russen um aktuelle Themen. Klimakrise, Diversität, Gleichstellung, davon war vor 160 Jahren noch nicht die Rede, doch wenn Fürst Walkowski und der Schriftsteller Wanja derlei zur Sprache bringen, gelingt Hawemann die Übung dies nicht als aufgesetzt-modernen Fremdkörper stehen zu lassen. Und apropos, Körper: Dostojewskis Personal nennt er „Splittermenschen“, wozu überaus stimmig passt, dass der Iwan Petrowitsch aka Wanja von den drei Darstellern Frank Genser, Samouil Stoyanov und Uwe Schmieder gestaltet wird (die beiden letzteren auch großartig in „Die Politiker“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47410).

Als noch überschwänglich junges, revolutionär mittleres und resigniertes altes Ich, die „Erniedrigte und Beleidigte“ eben erst zu Papier bringen, während sich das Bühnengeschehen darob schon entspinnt, Genser darin auch eingesetzt als nicht-die-hellste-Kerze-am-Kronleuchter Fürstensohn Aljoscha, während Schmieder als zweiten Part den, da vom Fürst betrogenen, verarmten, verhärmten Gutsbesitzer Ichmenew gibt. Der Rest ist schnell erzählt: Wanja liebt Ichmenews Tochter Natascha, Friederike Tiefenbacher, Natascha liebt Wanjas besten Freund Aljoscha, kurz lässt Hawemann sie enthusiasmiert von einer Ménage à Trois träumen. Doch der Fürst hat andere Pläne für seinen Adelsspross, nämlich die Heirat mit der vermögenden Gräfin Katja Fjodorowna, Evi Kehrstephan.

Um die Damenriege zu komplettieren, nimmt sich Wanja des Waisenkindes Nelly, Lavinia Nowak, an, eigentlich des Fürsten Tochter und ihre verstorbene Mutter dessen erstes Opfer bei seinem Jagdsport auf reiche Erbinnen. Kapitalistische Gier und Menschenverachtung, Hawemann zeigt sie als zentrale Krankheiten einer Gesellschaft ohne Utopien. Seine Wanjas sind nicht nur auktoriale Erzähler ihrer Geschichte und gleichzeitig Figuren in dieser, Berichterstatter, Bote und Personage, heißt: allwissend und unwissend in einem, sondern auch Alter Egos des Autors Dostojewski. Wie der Schriftsteller Wanja ums psychische wie physische Überleben kämpft, wie der Epilepsie-Kranke an Krampfanfällen leidet, das gemahnt doch sehr an seinen Schöpfer.

Die drei Wanjas Frank Genser, Samouil Stoyanov und Uwe Schmieder mit Friederike Tiefenbacher und Lavinia Nowak Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Der von Liebesqualen angekränkelte Wanja und Fürst Walkowski: Uwe Schmieder und Andreas Beck. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

● In der ersten Hälfte der 1840er-Jahre stand Dostojewski dem Frühsozialismus nahe, was dem damals 28-Jährigen ein Todesurteil, eine Scheinhinrichtung und schließlich Zuchthaus in Sibirien einbrachte. Vier Jahre verbrachte er in Ketten in Omsk, darauf Jahre im Militärdienst in Semipalatinsk. Erst 1857 erhielt er seine Bürgerrechte wieder. Mit 38 Jahren beginnt Dostojewski seine Arbeit als Seismograph des Zeitgeschehens. Getrieben von Geldnot und um „Erniedrigte und Beleidigte“ veröffentlichen zu können, gründen sein Bruder Michail und er die Monatszeitschrift „Wremja“, in der Dostojewski seinen Roman in Fortsetzungen veröffentlicht. Eine Geschichte voll Daseinsdruck, Lebens- und Liebesdruck in St. Petersburg, der Stadt, die alle auffrisst.

Derart zwischen des Autors Kopfgefängnis und den verheißungsvollen Lichtern der Großstadt wechselt das Bühnenbild von Wolf Gutjahr, mal ein weißer Kubus, in dem lautloser Schnee fällt, mal zwei Riesenleuchtbuchstaben: das kyrillische Я, gesprochen als „ja/ich“ und das ж, erste Letter des Wortes Leben. Das dritte Bühnenobjekt, ein ausgehöhltes Kartonkreuz als mit den Romanseiten tapezierte Wohnstatt, Ikonen-geschmückte Kirche, abgründiger Gulag, zitiert Malewitschs „Schwarzes Kreuz“ aus dem Jahr 1923.

Und so beginnt die Aufführung im Schneeschauer, Schmieder wild um sich schreibend, Genser als Flagellant, Stoyanov, der die Christuspose übt – und abwinkt. Als Schmieder mittendrin zum Gutsbesitzer mutiert, bescheidet er die anderen Wanjas: „Ich bin jetzt der Vater, mach‘ du.“ Andreas Beck zieht vorüber als magerer Smith, dies naturgemäß ein Lacher, Nellys Großvater. Als den ihn Tragikomiker Stoyanov entlarvt, liegend im sich schneller drehenden und Schmieders Schreibtempo beschleunigenden Krankenhausbett. Stoyanov diktiert Schmieder die Zeilen, zu denen er befriedigt feststellt: „Das ist wirklich super.“ Während nebenan Wanja-Genser skurrilsinnig am Feindesnamen in Liebesdingen – Aljoscha – fast erstickt. Ja, das Volkstheater um Kay Voges und seinen Regie-Gästen hat eine expressiv eigene Art zu agieren, doch an dieser Stelle hat man entschieden dies erstmal zu mögen …

Friederike Tiefenbacher als Natascha Nikolajewna und Uwe Schmieder als von der Liebe zu Boden gerungener Wanja. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Im roten Kreuz: Friederike Tiefenbacher, Andreas Beck und Evi Kehrstephan als Gräfin Katja Fjodorowna. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Zum russisch-melancholischen Klavier- und Gitarrensound von Multiinstrumentalist Xell. entwickeln sich die Generationen-/Konflikte parallel, Schmieder gegen Tiefenbacher, Beck gegen Nowak, die Spielerinnen und Spieler oft nur Schatten im gleißenden Gegenlicht, die Konzentration ganz auf die Sprache gerichtet. Intensiv ist die Begegnung zwischen Wanja-Schmieder und Nelly-Nowak, der Engel mit der Erinnerung des Schmerzes und Aljoschas nervös tänzelnder Liebesplatzhalter. Nowak, die mit sexualisierten Gesten für die pädophile Kundschaft Nellys Strumpfhose bis zu den Knöcheln abstreift. Ein Symbol für deren Ausbeutung als Kinderprostituierte, wie Hawemann generell mehr auf symbolhafte Handlungen denn auf fein ziselierte Charakterstudien setzt.

Solcherart sucht er scheint’s das Spezielle ins Universelle fortzuschrauben. Mit subtilem Humor, der tyrannische Patriarch, Achtung: doppelter Wortwert, Beck besucht Opferlamm Natascha im roten Kreuz: „Je tugendhafter eine Handlung ist, um so mehr Egoismus steckt dahinter“; dann wieder plakativem Sarkasmus, Aljoscha zu Wanja: „Pseudoschriftsteller! Du kriegst nicht mal eine Inhaltsangabe hin!“ – und Tschingderassabum. Den Slapstick nicht zu vergessen, wenn die drei Wanjas am Rande des Nervenzusammenbruchs balancieren oder sich ein Klavierkonzert Katjas für Aljoscha zum Orgasmusstück  auswächst, Evi Kehrstephan, eine von vier übernommenen Kräften, die allerdings jetzt erst im Volkstheater so richtig angekommen wirkt.

Friederike Tiefenbacher überzeugt als frühsozialistische Heldin, deren Beispiel Katja dazu bewegt, ihr Erbe fürs Gemeinwohl spenden zu wollen, Andreas Beck als ihr Gegenpol des jovialen Reaktionärs, der seinen Sohn für einen Trottel hält und Wanja vorwirft, sich schriftstellerisch nur für Elend, Revoluzzer und den Rand der Gesellschaft zu interessieren, statt ein Loblied auf Urbanisierung und Industrialisierung zu singen. Alldieweil Schmerzensmann Schmieder als von seinen Figuren heimgesuchter Wanja diese nach und nach entgleiten.

Bei der Bubnowa: Friederike Tiefenbacher mit Lavinia Nowak, Samouil Stoyanov als Wanja und Andreas Beck. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Führt Klage gegen ihre pädophilen Freier: Lavinia Nowak als des Fürsten Fehltritt Nelly und Frank Genser. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Es mag ein Seitenhieb aufs Was-bisher-Geschah sein, wenn er die Meinungsmacher und Verfasser schlechter Kritiken auffordert, den ersten Stein zu werfen, oder die Saalflüchtlinge, die es auch bei dieser Premiere gibt, rügt, erst „für die erste Reihe links“ zu zahlen, nur um sich dann „rechtschaffen“ aufregen zu können. Zitat Dostojewksi: „Diese Erneuerung des Schmerzes und der dadurch erzielte Genuss waren mir verständlich: diesen Genuss bereiten sich viele Erniedrigte und Beleidigte, die vom Schicksal niedergetreten sind und sich der Ungerechtigkeit desselben bewusst sind.“

Mit Dostojewskis Reiseskizze „Winterliche Aufzeichnungen von Sommereindrücken“ über seinen Weltausstellungsbesuch des Londoner Kristallpalasts 1862, ihm ein Turm zu Babel und wie eine Prophezeiung aus der Apokalypse, als welche er die nach Westen zu immer stärkere Zusammenballung der Industrie ansieht, die eine Aufhäufung von gewaltigen Reichtümern, aber auch von massenhafter Armut mit Kinderarbeit, Prostitution und Alkoholismus und dazu noch eine hemmungslose Zerstörung der Natur mit sich brachte – heute zu lesen als globale Kapitalismuskritik und jener am Glauben ans unendliche Wirtschaftswachstum, endet das Ganze.

David Bowie singt vom Band „Space Oddity“, man hat bildgewaltige, fieberträumerische Szenen gesehen, ein fabelhaftes Ensemble, das mit Verve durch Hawemanns Matrix aus Begehrlichkeiten, Gewalt und Selbst-/Aufgabe turnt. Einem Storytelling, das etwas Straffung vertragen könnte, in das man sich aber ohne Weiteres auch emotional involvieren darf. Der Applaus des bis zum Schluss verbliebenen Publikums war herzlich. Zugegeben, noch hat Kay Voges‘ Rakete nicht abgehoben, aber die Triebwerke sind schon mal gezündet. „And I’m floating in a most peculiar way / And the stars look very different today …“

www.volkstheater.at           Video: www.youtube.com/watch?v=_zPDiCmq4Pw

  1. 9. 2021

Volkstheater online: Schuld & Söhne

April 24, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Demonstration eines Dystopien-Durcheinanders

Jeder für sich, aber alle gegen alles: Dominik Warta, Claudia Sabitzer, Katharina Klar und Nils Hohenhövel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anna Badoras Volkstheater-Team verabschiedet sich #Corona-bedingt mit einem virtuellen Spielplan, den Highlights aus den vergangenen fünf Jahren (die Produktionen im Einzelnen: www.mottingers-meinung.at/?p=38809), und dieses Wochenende sind die drei Inszenierungen von Christine Eder dran. Heute noch bis 18 Uhr „Schuld & Söhne“, im Anschluss bis Samstagabend „Verteidigung der Demokratie“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30133).

Danach bis inklusive Sonntagabend und wieder am 1. Mai „Alles Walzer, alles brennt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23477) – kostenlos zu streamen auf www.volkstheater.at. „Klimatragödie mit Musik“ nennen Eder und Eva „Gustav“ Jantschitsch ihre dritte Kooperation, Thema ist ergo die bereits gewesene Katastrophe, nach der sich ein Trupp mitteleuropäischer Klimaflüchtlinge auf einer Farm verschanzt hat. Ihr Durchbrennen vor sengender Sonne, Rohstoffknappheit und Sauerstoffmangel passt zur überhitzten Spielweise des Ensembles – Nils Hohenhövel, Evi Kehrstephan, Katharina Klar, Christoph Rothenbuchner, Claudia Sabitzer und Dominik Warta gerieren sich als ideale Gesellschaft.

Und das nicht nur, was Energieverbrauch und Aufgabenteilung betrifft. Im Wortsinn „demonstriert“ wird eine Sozialidylle, in der Warta mit seinem Morgengebet an Göttin Gaia den „Teilen, Schützen, Wertschätzen, Schonen“-Sektenführer gibt, und die Sabitzer eine Art Urmutter Courage. Doch dass was faul ist im Öko-Staat, wird deutlich als sich Bernhard Dechant als „Neuer“ einstellt, und – einer mehr ist manchem einer zu viel – sofort Ressourcenpanik ausbricht. War bereits bisher das Duschen auf einmal wöchentlich und der Toilettengang auf gar nur einmal täglich beschränkt, wird Dechant nun zum sprichwörtlichen Zünglein an der Wasserwaage.

Das alles hätte einen hübschen Plot ergeben, die Migrantenflut aus den glühenden Metropolen ante portas, die Angst vor deren Rauben und Brandschatzen, die Selbstbewaffnung mit Knüppeln, die selbsternannte Erste als Zerrspiegelbild der von ihr so genannten Dritten Welt, und die Frage, wie man in unzivilisierten Zeiten zivilisiert bleiben kann. Aber Eder stülpt nicht nur ihrem Schutzhaus zur unsicheren Zukunft einen Plastiksturz über, sondern auch einem irgend Inhalt.

Bernhard Dechant. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Nils Hohenhövel und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Alles was geht an Sub und Meta wird an den Text gepappt, kein heißes Eisen ausgelassen, Geschlechterrollen, Klarnamenpflicht, Geschichtsklitterung, Social-Media-Bashing ist sowieso ein Must, Armut, Ausländer, Kritik an den Ärzten ohne Grenzen, global, legal, scheißegal … „Schuld & Söhne“ ist ein post-/apokalyptisches Allerlei, ein Dystopien-Durcheinander, ein More-of-the-same-Möbiusband, und harte Arbeit ist’s, bei dieser Assoziationsperlenkette den Faden nicht zu verlieren. Von vornherein klar war, dass sich Eder wie bei ihrer Politshow und der Untergangsrevue auch hier nicht fürs Ausagieren szenischer Konflikte interessieren wird.

Ihre akribisch aufgestellte Rechnung lautet Kapitalismus = Ressourcenvergeudung + Verteilungskampf = Klimakrieg, und gut ist, dass das in #Corona-Zeiten nicht aus den Augen verloren wird – doch was Thesenstück/ Frontaltheater betrifft, hat sie es diesmal ein wenig zu weit getrieben. Das pure Deklamieren von Recherche- material ist bedingt bühnentauglich, und auf dem Bildschirm wirkt die Aufführung bald wie eine Belangsendung.

Ein Glück. Zwischendurch hat der Abend seine Momente. Zu diesen zählt definitiv der zwanzigköpfige Tragödienchor, der jeder Seite Parolen brüllt und Phrasen drischt. Bernhard Dechant, der als Totschlagargument fürs Wählen rechter Populisten so lange „Islam!“ schreit, bis besagter Chor beseligt Österreich-Fähnchen schwenkt. Und Thomas Frank als ebendieser wohlbekannte Politikertyp, der begleitet von einer Fernsehkamera die Kolchisten mit dem bemerkenswerten Spruch besucht: „Wir brauchen mehr Menschen, die Unmenschliches leisten für unser Land und unsere Leut‘“.

Millenials vs Boomers: Der Tragödienchor. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Parole, Parole, Parole: Beim Stromsparen kommt’s zu Blackouts. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Das Schutzhaus zur unsicheren Zukunft liegt unterm Plastiksturz. Bild: © Monika Rovan / Volkstheater

Eva Jantschitsch aka Gustav performt ihren Anti-Song. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Um Sprüche ist man an keiner Stelle verlegen. Auf Bannern und Buttons zu lesen ist: „Wollt ihr das totale Nulldefizit?“, „Fridays for Hubraum“, „Ist SUV heilbar?“ oder – persönlicher Favorit –  „This planet is hotter than my boyfriend!“ Böse Witze kommen immer gut, dazu die geballte Zitaten-Ladung von den hässlichen Bildern, ohne die’s nicht gehen wird, übers Konzentrieren von Menschen bis zum „Wir schaffen das!“/“So sind wir nicht“.

Zum Schluss schließlich wieder Handlung, und zwar im Vollgasmodus. Auf Empörung folgt Entgleisung folgt Eskalation. Je mehr „andere“ draußen stehen, umso mehr Kommunenmitglieder wollen nicht teilen und, sondern allein herrschen. Statt alle gegen alles heißt es nun jeder gegen jeden, die Counterculture-Kinder Claudia Sabitzer und Dominik Warta stellen sich gegen den spätgeborenen Weltverbesserungsskeptiker Nils Hohenhövel, der Chor befetzt sich als Millennials vs Boomers. Auf einem goldenen Auto thronend singt Eva Jantschitsch ihren Anti-Song, die ersten – Evi Kehrstephan und Christoph Rothenbuchner – verlassen den vermeintlichen Garten Eden, bevor aus dem Berg Sinai der Mount Carmel wird. Hohenhövel und Katharina Klar erschlagen die Sabitzer-Figur.

Schade, dass Eder diese satirischen „When the going gets tough, the tough get going“-Situationen von Anfang bis Ausgang immer wieder platt tritt. Was bleibt sind Fragen über Fragen, und die einzige Antwort, die einmal über die schwarze Bühne, Stromsparen ist gleich Blackouts, flittert, lautet Douglas-Adams‘isch: 42. Die finale Message aus dem Schutzhaus: „Wenn dich diese Nachricht erreicht, sind wir vergessen und du bist der letzte Widerstand.“ Und der Chor, Echostimme dieser Endzeit, singt den Comedian-Harmonists-Hit „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück …“, bekanntlich das Lied zum Vorabend der Tausendjährigen Katastrophe.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=sz3mHFULAb8&feature=emb_logo

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  1. 4. 2020

Volkstheater: Peer Gynt

Dezember 8, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bizarres Treiben in der kleinen grauen Zelle

Günter Franzmeier, Nils Hohenhövel, Jan Thümer, Stefan Suske, Evi Kehrstephan, Andreas Grötzinger und Günther Wiederschwinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Die Welt in meinem Kopf, durch die ich Ich bin“, weist Peer im vierten Akt gegenüber der illustren Runde Master Cotton, Monsieur Ballon nebst Frau von Eberkopf und dem Trumpeterstraale als das „Gyntsche Prinzip“ aus – die ihn darob zum Dichter und Denker küren, bevor sie den skrupellosen Schweinskerl im nunmehr Ex-Geschäftspartner entdecken. Auf diese Innen- schau fokussiert Viktor Bodó bei seiner Interpretation des dramatischen Gedichts von Henrik Ibsen: „Peer Gynt“ als vorerst letzte Inszenierung des

Budapester Regisseurs am Volkstheater. Der sich, von Anna Badora über Düsseldorf und Graz nach Wien mitgebracht, am Premierenabend sichtlich gerührt für die stets freundliche Aufnahme seiner Szputnyik Shipping Company bedankte – und es steht zu hoffen, dass einem irgend Verantwortlichen eine Eingebung kommt, wie dieser Ausnahmekünstler in der Stadt zu halten ist. Bodó selbst ist um Ideen nie verlegen, sind andere, auch höchst renommierte Regisseure oft genug One-Trick Ponys, hat man von ihm noch keine zwei Arbeiten gesehen, die sich auch nur annähernd ähneln. Und so hat Bodó auch diesmal eine völlig neue Gedankenwelt erfunden, eben die von Peers Gehirn, so ist zu deuten.

Dieses ist eine am Haus natürlich nicht so kleine graue Zelle, das Bühnenbild von Ágnes Bobor, ein in seiner Schlichtheit – mit sozusagen in der Unendlichkeit liegendem Fluchtpunkt – spektakulärer Raum, dessen Perspektiven sich zu immer wieder ungeahnten Öffnungen verschieben, um den ganzen Kosmos des Selbst-, nicht Sinnsuchers zu illustrieren. Deren drei in drei Lebensaltern sind Bodós Peers. Nils Hohenhövel, Jan Thümer und Günter Franzmeier gleich dem alten, dem jungen und dem kleinen Stanislaus – und es ist erstaunlich bei zugegeben physiognomisch perfekter Passform, wie sehr das Darsteller-Trio ein Geist und Körper ist, in brillanter Interaktion, im Infight mit sich selbst, wie sie da mit Gesten oder aus voller Kehle das eigene Tun zu anderer Zeit kommentieren, einander in Schreckmomenten im Stich lassen, sich auch im Zwiegespräch selbst entlarven.

Jan Thümer, Nils Hohenhövel und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dorka Gryllus als Ingrid und ihr Entführer Nils Hohenhövel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Schiffbruch im Schlauchboot: Günter Franzmeier als Peer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Jedem sind dabei seine Momente geschenkt. Hohenhövel, als er Braut Ingrid auf den zweiten Rang entführt und sie dort zum Gaudium des Publikums lautstark liebt, und anrührend bei der Himmelskutschenfahrt mit der sterbenden Mutter Aase. Thümer im Aufeinanderprallen mit der Grüngekleideten, samt Sex und versuchtem Augenausstechen im Troll-OP, und großartig als reicher Sklavenhändler in Marokko, wo er mit seinem hochmütigen Geschwätz die ganze Hohlheit der Figur Peer Gynt ausstellt. Franzmeier unter anderem beim schlussendlichen Schiffbruch, und freilich darf der Schauspielstar einmal mehr mit seinem Können als E-Gitarrero glänzen. Die Peers werden nämlich zu Rockband-Propheten, der jüngste am Schlagzeug, der mittlere sich immerhin tapfer an der Six-String festhaltend.

Wortgewandt wirft man einander Flunkereien und Lügengeschichten zu, um die große, die des Lebens zu übertünchen, wann immer den einen seine Verkommenheit in eine Sackgasse führt, wissen die anderen beiden einen Fluchtweg. Bodó erzählt ein surreales Lügen-Märchen. „Peer Gynt“ ist in dieser Aufführung buchstäblich ein Schelmen-Stück, ein bizarr-poetischer Albtraum, und Ibsens Anti-Held, wiewohl eine Ur-Ich-AG von derart überheblicher Arroganz und Selbstgefälligkeit, dass ihn diese Egomanie zu einem sehr heutigen Charakter macht, ein durchaus nicht unsympathischer Protagonist.

Begleitet wird dieser von drei Akteurinnen und drei Akteuren, die mit überbordender Spiellust jeweils mehrere der zum Narren gehaltenen Narren verkörpern: Steffi Krautz ist unter anderem eine resolute Mutter Aase, im Rollstuhl zwischen Festnetztelefon und Röhrenfernseher, deren lapidares „Läg‘ ich doch im schwarzen Sarg“ auf Peers Bocksritt-Schwindel der erste Lacher des Abends ist, und macht ihr Erscheinen als ägyptische Säule zum dadaistischen Kabinettstück. Evi Kehrstephan ist vor allem eine kesse, Wind und Wetter beherrschende Grüngekleidete, ein Monsterauftritt, den nicht einmal Stefan Suske als deren Vater und verbeamteter Trollkönig, der Dovre-Alte, toppt. Suske macht auch den lautmalerisch parlierenden Haegstadbauer, der seinem Bräutigam/ Sohn auf die Sprünge, heißt: ins Hochzeitsbett helfen will – Günther Wiederschwinger, der, ob Eheaspirant, Troll oder Master Cotton, beständig über dasselbe, selbstverständlich nicht vorhandene Hindernis stolpert.

Tête-à-Tête mit des Trollkönigs Tochter: Evi Kehrstephan, Günter Franzmeier, Nils Hohenhövel und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Im Troll-OP: Grötzinger, Kehrstephan, Suske, Thümer, Wiederschwinger, Hohenhövel und Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Habgierige Handelspartner aus aller Welt: Suske, Steffi Krautz, Thümer, Grötzinger und Wiederschwinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Für mich soll’s schwarze Bälle regnen: Günter Franzmeier, Stefan Suske und Nils Hohenhövel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Was Bodó zeigt, ist im besten Sinne Absurdes Theater, seine konzise Spielfassung irr witzig, detailverliebt und ausgestattet mit einer ausgeklügelten Bewegungschoreografie, besonders für die drei Peers, die die stets nur flüchtige Begegnung mit Kehrstephans Solvejg auf der Stelle tretend, den Messerkampf mit der Troll-Prinzessin in Zeitlupe absolvieren. Dorka Gryllus lässt sich als Braut Ingrid allzu bereitwillig vom ersten Peer verführen, und raubt als exotisch-erotisches Groupie Anitra den dritten bis zu den Hi-Hats aus. Sollte jemals Ibsens Intention die Satire gewesen sein, so erfüllt Andreas Grötzinger diese Vorgabe vom Feinsten. Egal, ob als Haudrauf-Schmied Aslak, Peers hässlicher Troll-Sohn oder bärbeißiger Schiffskapitän, er ist in jeder Szene ein Gewinn. Und ein Hauptgarant fürs Gelingen des Bodó’schen Slapstick – herrlich allein schon sein Strickmützentrick.

Schwarze Bälle regnet’s vom Himmel, gegen die Suske flugs einen Regenschirm aufspannt, die profitgierigen Businessmenschen, nicht die Trolle tanzen zu Edvard Griegs entsprechendem Marsch, im Nebel schälen sich die Peers aus der Zwiebel, legen Schicht für Schicht ihre Kleidung ab, bis sie im Halbdunkel nackt dastehen, als wär’s ein Ecce homo des Homo mendax. Im Kairoer Irrenhaus wird dem Selbstsuchtkaiser Peer eine Zahnkrone aufgesetzt. In dieser Groteske nämlich lässt Bodó die Reise enden, beim Tod der absoluten Vernunft, ein Wiedersehen mit, die Erlösung durch Solvejg gönnt er Peer nicht. Das Ensemble schleppt sich erst wie wiedergängerische Geisteskranke an die Rampe, dann starten Kehrstephan und Krautz die Psychoanalyse. Suske gibt einen schusseligen Doktor Begriffenfeldt. Die kleine graue Zelle, Peer muss nicht dem Knopfkönig, sondern seinen Alter-Egos Rechenschaft ablegen, hier schließt sich der Kreis. Der Premierenjubel war groß.

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  1. 12. 2019

Volkstheater: Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss

September 23, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein tieferer Sinn erschließt sich nicht

Die Bühne dient den Tänzern als – gähnend leerer – Ruheraum: Lukas Watzl, Isabella Knöll, Nils Hohenhövel, Katharina Klar, Sebastian Klein, Birgit Stöger, Claudia Sabitzer und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dem sitznachbarlich Wienerischen „Zerwos?“/wozu kann man sich zum Schluss nur anschließen. Regisseur Miloš Lolić hat am Volkstheater „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ inszeniert, dabei aber seiner selbst getroffenen Stoffauswahl offenbar miss-, heißt: weder der theatralen Kraft von Horace McCoys 1935er-Roman „They Shoot Horses, Don’t They?“ noch der kongenialen Verfilmung von Sydney Pollack aus dem Jahr 1969 vertraut.

Seltsam ist das, wäre doch die Vorlage, deren Story sich um einen der damals beliebt-berüchtigten Tanzmarathons in den USA der 1930er-Jahre dreht, Events, die McCoy aus persönlicher Erfahrung kannte, da er bei solchen als Rausschmeißer arbeitete, für zweifachen Konnex zur Gegenwart gut. Einem gesellschaftspolitischen Kapitalismus-auf-der-Kippe-Bezug mittels Rückblicks auf die Große Depression, die Verzweifelte wie Glücksritter mit der Aussicht auf 1000 Dollar Preisgeld und bis zu sieben Mahlzeiten täglich, die allerdings um den Esstisch tanzend eingenommen werden mussten, zu diesen Folter-Veranstaltungen lockten – und anhand deren archaischer Spielregeln sich mühelos Themen wie schwindender Sozialstaat, daher erstarkender Sozialdarwinismus, daher Existenzkampf für die von der Gemeinschaft Abgehängten bei gesteigertem Wettbewerb für die Systemgewinner, verhandeln hätten lassen.

Oder einem medienkritischen Seitenhieb, sind doch diese auf „real life“ gestylten Contests gleichsam als Vorläufer von Fernsehformaten wie dem „Dschungelcamp“ oder derzeit „Love Island“ zu betrachten, in denen die Kandidaten für den Sieg alles über sich ergehen lassen, und den Voyeurismus der Zuschauer mit – oft genug gefaktem – Herzschmerz, Streitereien und Skandälchen befriedigen. Schon in den 1930igern war es üblich, dass das Publikum die Tanzteilnehmer bis unter die Dusche verfolgte, deren halbkomatösen Minutenschlaf, ihr Kollabieren, ihr ob der körperlichen Verausgabung sogar Halluzinieren miterleben konnte, und müssen die Mitwirkenden heute unappetitliche Teile von Tieren essen, so gab es damals Sondermatches im Dauerlächeln, Boxrunden – und das gefürchtete „Derby“, ein Laufen bis zum Umfallen, das sprachlich nicht zufällig Menschen mit Rennpferden gleichsetzt.

Getanzt wird – live gefilmt – in der Roten Bar: Isabella Knöll unad Lukas Watzl als Alice LeBlanc und Joel Girard. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Filmstatistin Gloria Beatty und der gescheiterte Regisseur Robert Syverton hoffen, „entdeckt“ zu werden: Sebastian Klein und Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Immer in Bewegung bleiben: Nils Hohenhövel und Katharina Klar als Jimmy Bates und dessen hochschwangere Frau Ruby. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Shirley Clayton, Lillian Bacon und Harry Klein spielen eine Szene aus „Mutter Courage“: Claudia Sabitzer, Steffi Krautz und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Daran knüpft Lolić in gewisser Weise an, indem er, so ziemlich alles an McCoy’scher Handlung beiseiteschiebend, mithilfe von Schauspielszenen aus Stücken, die fürs Volkstheater von aufführungsgeschichtlicher Bedeutung sind, nachbessert. Dies nicht, bevor sich die Showmaster Evi Kehrstephan und Jan Thümer in diversen Fummeln, er einmal als Conchita-Klon – und wie abgegriffen ist das denn?, ordentlich leidgetan haben. Von wegen schwieriges Haus, stürmische Zeiten, so schief in den 7. Bezirk hineingebaut, das es mit dem Feng Shui ja nicht klappen kann. Hernach liegt es an den Darstellern die von der Kritik skandalisierten Inszenierungen, womöglich deshalb in der Regel die großen Publikumserfolge, aus 130 Jahren Volkstheatergeschichte in kleinen Häppchen zu servieren.

Der tiefere Sinn dieses Tuns erschließt sich nicht, es sei denn er läge darin, dem Ensemble die Chance zu geben, die kommende Direktion vom eigenen Können zu überzeugen, oder eine Visitenkarte für künftige Engagements abzugeben. Jedenfalls erfährt man nicht mehr Neues, als bei einer durchschnittlichen Theaterführung, wobei jedes Robert Reinagl’sche „Vorhangverbot!“ mehr Verve hat, als Lolićs Regieeinfall.

Und so arbeiten sich Steffi Krautz und Günther Wiederschwinger wunderbar dialektordinär und samt Quickie hinterm Kleiderständer durch Schnitzlers „Reigen“-Dialog „Die Dirne und der Soldat“, der 1921 den antisemitischen Volkssturm entfesselte, schwören einander Birgit Stöger und Sebastian Klein als Marianne und Alfred anrührend an Horváths Donauufer die ewige Liebe (doch die Nachkriegs-Wiener wollten sich nicht als „Geschichten aus dem Wiener Wald“-Figuren vorgeführt wissen), erinnern Claudia Sabitzer als „Mutter Courage“ und Stefan Suske als Feldprediger an den von Weigel, Torberg und Haeussermann angestifteten Brecht-Boykott, eine antikommunistische Kampagne, den Gustav Manker am Volkstheater als erster brach.

„Change“ von Wolfgang Bauer beschert Lukas Watzl und Isabella Knöll einen hinreißend satirischen Auftritt als Maler Ferry Kaltenböck nebst Freundin Guggi, was allerdings zur Disqualifikation von Knölls Tanzmaus Alice LeBlanc führt, weil die sich nicht wie vorgesehen vom Haberer ohrfeigen lässt, sondern sich aus den Männertexten einen feministischen Monolog zusammengebastelt hat. Auf Qualtingers „Die Hinrichtung“ folgt mit Katharina Klar und Nils Hohenhövel, sie das Parkettpaar Jimmy Bates und seine hochschwangere Ehefrau Ruby, Elfriede Jelineks „Krankheit oder Moderne Frauen“, und es werden nicht wenige Zuschauer im Abgang bemurmeln, dass die Ära Emmy Werner mit nur einer Produktion gewürdigt wurde.

Bei den „Derbys“ laufen die Darsteller kreuz und quer durch alle Etagen des Volkstheaters: Katharina Klar, Steffi, Krautz, Lukas Watzl, Sebastian Klein und Isabella Knöll. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Schließlich noch Thomas Bernhard und „Vor dem Ruhestand“, dies ein Stück der ersten Schottenberg-Spielzeit, dessen – ohne mahnenden Politfingerzeig kann’s Lolić nicht – von Anna Badora abmontierter roter Stern symbolträchtig über die Bühne getragen wird, bevor die zunehmend enervierenden Showmaster Kehrstephan und Thümer genüsslich die „Hitlerzimmer“-Affäre breittreten. Jenen Raum, in dem der „Führer“ die Pause verbringen sollte, nur dass er das Volkstheater nie besuchte,

und deren – no na – braune Holztäfelung Michael Schottenberg im Jahr 2005 erst als Bühnenbild für „Vor dem Ruhestand“ abnehmen ließ, bevor er sie auf Geheiß des Bundesdenkmalamtes wieder montieren musste. Seit Badora nennt sich das immer noch braungebretterte Erbstück vornehmer Bibliothek … Alldieweil versuchen Birgit Stöger und Sebastian Klein als Filmstatistin Gloria Beatty und gescheiterter Regisseur Robert Syverton vergebens ihren Status als Hauptcharaktere zu behaupten, dabei wäre die zynische Komparsin doch eigentlich eine Paraderolle für die so gekonnt spröde spielende Stöger. Warum Kehrstephan und Thümer ihr Ende – der hoffnungslosen Gloria gibt Robert schließlich den Gnadenschuss – quer durch den Abend vorwegnehmen, man weiß es nicht.

Ebenso wenig, warum Lolić auf die Idee verfallen konnte, die Tanzszenen sich in der Roten Bar ereignen zu lassen, wohingegen die im Wortsinn gähnend leere Bühne als Ruheraum dient. Wozu das Programmheft eine Choreografin ausweist, bleibt nicht weniger unklar, wird doch kaum mehr als geschunkelt und dieses unscharf-grobkörnig auf eine Leinwand im Hintergrund übertragen, die noch dazu von einem die Sicht nehmenden Lichtobjekt verhängt ist. Der gebürtige Grazer Lukas Watzl macht noch schnell vor, wie’s das Publikum verärgern würde, spielte „ein Piefke“ Turrinis „Rozznjogd“, und lässt dieses Gegeneinander-Ausspielen von Österreichisch vs. Deutsch in der Moralpredigt gipfeln, mit dem Dialekt würden einschlägige Politiker dem Wahlvolk suggerieren „Ich bin einer von euch“.

Dazwischen finden die „Derbys“ statt, bei denen die Schauspieler, gefolgt von den Livekameras, durch alle Ebenen des Hauses hetzen. Dass diese Überfrachtung mit Volkstheaterfakten, Tanzparkettchaos und Politstatement, keinen Platz für Personenzeichnung oder Rollengestaltung lässt, ist klar. Immerhin einsichtig, dass man, noch dazu nach dieser Aufführung, das derzeitige Volkstheater als „Baustelle ins Ungewisse“ deklariert. Saniert müssen nämlich nicht nur die Wände werden, sondern auch das, was sich in ihnen abspielt.

www.volkstheater.at

  1. 9. 2019

Volkstheater: Biedermann und die Brandstifter

Februar 2, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wissen, woher der Wind weht

Jovial statt brutal beim Hausfriedensbruch: Thomas Frank, Günter Franzmeier und Gábor Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Interpretiert worden ist schon auf Teufel komm raus, aufgrund der Entstehungszeit des Textes als Warnung vor dem Kommunismus, wegen des hintersinnigen Nachspiels in der Hölle als Parabel auf den Nationalsozialismus. Der Autor selbst bezeichnet die Pyromanen seines „Lehrstücks ohne Lehre“ schlicht als Dämonen, geboren aus der diffusen Furcht eines wohlhabenden Haarwasser- fabrikanten, der sein Hab und Gut mit Unehrlichkeit und im Wortsinn einem Über-Leichen-Gehen schützt.

„Viel sieht, wo nichts ist, der Ängstliche“, schreibt Max Frisch. Der ungarische Regisseur Viktor Bodó, immer gut für fantastisch absurde Projekte, hat jetzt am Volkstheater Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ inszeniert, und hat sich punkto Uneindeutigkeit der Deutung am ehesten der des Schweizer Schöpfers angeschlossen. Das ist auch die gangbarste, da allüberall eine Gutbürgerlichkeit den – politischen – Extremismus in ihrer Mitte willkommen heißt, um gefühlt Schlimmeres, sprich: Flüchtlingsströme, arbeitsscheue Spätaufsteher, ausländische Sozialschmarotzer, mittels dessen Radikalität zu bekämpfen. Der Rechtsstaat wird zum Rechts-Staat, das wird im Fidesz-Land ja längst durchexerziert, und was die hiesige Innenpolitik betrifft, lässt sich die Stelle „… die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit, komischerweise, die glaubt niemand“ zitieren.

Nun wäre Bodó nicht, wer er ist, könnte er nicht Aussage in Unterhaltung packen. Das Volkstheater hat sich die jüngste Arbeit seines Stars was kosten lassen, seit Wochen schon wirbt das Haus mit über ganz Wien verteilten brandheißen Kunstwerken, bei der gestrigen Premiere feierte die Pyrotechnik auf dem Balkon ihr Fest. Bodó selbst spielt mit Suspense-Musik, mit sportlichen Einlagen samt Cheerleading, Sprüchen aus dem Kinoklassiker „Casablanca“, spielt mit Slapstick, einem Würfelzuckerorgasmus und spielt Schattenspiele. Er spickt das Stück mit surrealen Albtraumsequenzen und skurrilem Humor. Bedeutungsvoll spooky ist auch ein Wind, der immer wieder Türen aufdrückt, und man weiß, woher der gerade weht. Gelte es die Stimmung der so entstanden Horrorgroteske zu beschreiben, wäre wohl Buñuels Bourgeoisie das beste Beispiel. Die Bühne von Juli Balázs atmet gediegenes Spießertum, die Kostüme von Fruzsina Nagy kontrastieren Frack wie vorgesehen mit Proll-Buxe – Thomas Frank hat’s wieder einmal nicht aus der Jogginghose geschafft.

Biedermann kann den Brandstiftern keinen Korb geben: Thomas Frank und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gewaltexplosion von Null auf 100: Gábor Biedermann, Thomas Frank und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Frank gibt den ersten auftretenden Brandstifter, den Ringer Sepp Schmitz, schon von der Statur her höchst passend, mehr jovial als brutal. Er drängt den Biedermann weniger durch Dreistigkeit, sondern übers Einschmeicheln in die Defensive, während er de facto Hausfriedensbruch begeht. Günter Franzmeier gestaltet Gottlieb Biedermann gewohnt großartig, er zeigt seine Figur als scheinheiligen Schöntuer, dessen Feigheit und Zurechtbiegen wie Ableugnen von Tatsachen die brenzlige Situation erst möglich machen.

Hat er erst einen Mitarbeiter durch einen unbedachten Ausspruch in den Selbstmord getrieben, will er nun „kein Unmensch“ sein, weshalb er eine Macht in sein Haus lässt, der er nicht mehr Herr wird. Wie sich Franzmeiers Biedermann selber den Zuständen ausliefert, sich mit den gefährlichen Schurken arrangiert, wie letztlich seine Wahl die neuen Verhältnisse schafft, ist sehenswert. Ebenso wie Steffi Krautz. Als Biedermanns Frau Babette ständig am Rande des Nervenzusammenbruchs, präsentiert sie eine neue Facette ihres schauspielerischen Könnens, wenn sie sich mit verkniffenem Mund, kleinlaut, eingeschüchtert in ihr Schicksal fügt.

Krautz gelingt derart wunderbare Komödiantik, etwa wie sie mit Dienstmädchen Anna, Evi Kehrstephan changierend zwischen Servilität und Aufbegehren, über die Haussprechanlage non-kommuniziert. Gábor Biedermann und Jan Thümer spielen den von Null auf 100 explosionsbereiten Eisenring und den besonnenen Dr. phil., womit das Brandstifter-Trio komplett wäre, der Manipulator, der Provokateur und der Ideologe, der sich vom Komplizen „Weltverbesserer“ schimpfen lassen muss und dessen Distanzierungsansprache am Ende im Feueralarm untergeht. Stark auch die Szene, in der die lästig trauernde Witwe des in den Suizid gegangenen Angestellten, Claudia Sabitzer, deren Rolle als Frau Knechtling aufgewertet wurde, in einem erschreckenden Gewaltausbruch des kriminellen Dreiergespanns zum Schweigen gebracht wird. Da blickt das Gastgeberpaar reglos ins Publikum. Damit will man nichts zu tun haben. Aber kein Finger wird gerührt, um es zu verhindern.

Der Kranz für Knechtlings Begräbnis wird an die Biedermanns geliefert: Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die mahnenden „Wehe! Wehe!“-Rufe kommen von Stefan Suske und Nils Hohenhövel als von Frisch ähnlich dem der antiken Tragödie angedachten Chor – aus Feuerwehrmännern. Deren schlussendlich sinnlose Wachsamkeit während der Zurüstungen zum Flächenbrand, vom Abladen der Benzinfässer übers Abmessen der Zündschnur bis zum willigen Aushändigen des Streichholzes, lässt die Ahnung keimen, bei welcher Phase man sich gesellschaftspolitisch gerade befindet. Im Begriff „Biedermann“ steckt auch ein Anbiedern, und derart befeuert zündeln die Brandstifter gern.

www.volkstheater.at

  1. 2. 2019