Der Rabenhof auf fm4 – Lesemarathon: Albert Camus‘ „Die Pest“ ab Karfreitag als Videostream

April 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

120 Stimmen in zehn Stunden

Bild: pixabay.com

„Ein monumentales Projekt in Tagen des Ausnahme- zustands“ plant der Rabenhof am Karfreitag ab 12 Uhr
auf fm4.orf.at: „Die Pest“ des französischen Nobelpreis- trägers Albert Camus als Videostream, als Marathonlesung von 120 Stimmen in zehn Stunden. Nach einer Idee von Claus Philipp und Thomas Gratzer sind unter anderem zu sehen und zu hören:

Elfriede Jelinek, Martin Kušej, Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Klaus Maria Brandauer, Andrea Breth, Karl Markovics, Michael Heltau, Branko Samarowski, Peter Simonischek, Erwin Steinhauer, Josef Hader, Cornelius Obonya, Wolfgang Ambros, EsRAP, Martin Grubinger, Heinz Fischer, Christoph Schönborn, Herbert Föttinger, Dirk Stermann und Christoph Grissemann, Daniel Kehlmann, Michael Köhlmeier, Stefanie Sargnagel, David Schalko, Clemens J. Setz, Ruth Beckermann, Arik Brauer, Ruth Brauer-Kvam, Adele Neuhauser, Robert Palfrader, Willi Resetarits, Sophie Rois, Manuel Rubey, Robert Stachel und Peter Hörmannseder, Werner Gruber, Gerhard Haderer, Christoph Krutzler, Paulus Manker, Ernst Molden, Katharina Strasser, Ursula Strauss, Oliver Welter und Armin Wolf. „Die Pest“-Marathonlesung wird einen Monat lang abrufbar sein.

Bild: pixabay.com

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1947 verfasst, schildert Camus den Verlauf der Pest in der algerischen Küstenstadt Oran aus Sicht seines Protagonisten Dr. Bernard Rieux, der sich jedoch erst am Ende des Romans als „Verfasser der Chronik“ zu erkennen gibt. Die Geschichte beginnt im Jahre „194…“. Einige tote Ratten und ein paar harmlose Fälle einer unbekannten Krankheit sind die Anfänge einer schrecklichen Epidemie, die die Stadt in den Ausnahmezustand bringt, die Bewohner von der Außenwelt abschottet und unter ihnen mehrere tausend Todesopfer fordert. Die Pest bedroht das Menschssein der Bevölkerung und wird so zum gemeinsamen Gegner. Jeder nimmt den schier ausweglosen Kampf gegen den Schwarzen Tod auf seine Weise in Angriff.

Rieux ringt als Arzt gleich einem Sisyphos mit der Krankheit und gerät darüber in Disput mit Pater Paneloux, der die Pest als Strafe Gottes deutet. Camus entwickelt dies alles als politische Allegorie, als existenzialistische Parabel. Er seziert hellsichtig das menschliche Handeln im Angesicht der Katastrophe und zeichnet dabei ein erstaunlich vergleichbares Bild der derzeitigen, einer „neuen Normalität“. Das Absurde bleibt dabei sein steter Begleiter. Unschuldige Kinder sterben genauso wie Menschen, die es „verdient hätten“, obwohl sich insgesamt das Prinzip erkennen lässt, dass die Pest bevorzugt solche ohne Solidarität tötet …

Nikolaus Habjan mit Berti Blockwardt. Bild: Screenshot/w24-Rabenhof Theater/Abgesagt?-Angesagt!

Auf www.w24.at zeigt das Rabenhof-TV-Studio unter dem Titel „Abgesagt? Angesagt!“ und moderiert von Manuel Rubey eine Auswahl aktuell gecancelter Produktionen – als Appetizer auf die Acts, sobald Performer und Publikum wieder live zusammen- kommen können. Die jüngste Folge mit unter anderem Nikolaus Habjans „Berti Blockwardt“, Marius Zernatto als „#Werther“ (mehr zu diesem großartigen Goethe-Konzept: www.mottingers-meinung.at/?p=24657), Poetry-Slammerin Yasmo und – abgesagt bei der Biennale, angesagt in Erdberg – Doris Uhlich mit dem „Pudertanz“: www.w24.at/Sendungen-A-Z/Abgesagt-Angesagt/Alle-Folgen?video=17879

www.rabenhoftheater.com           fm4.orf.at           www.w24.at

7. 4. 2020

Theater in der Josefstadt: Die Reise der Verlorenen

September 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein lautstarker Kommentar zur Anti-Flüchtlingspolemik

Ein Mammutprojekt mit 32 Schauspielern und 20 Statisten. Bild: Sepp Gallauer

„Und Sie, begnadet mit später Geburt, denken vielleicht gerade: Wer weiß, wie ich gehandelt hätte? Aber ich verrate Ihnen was: Falls Sie wirklich nicht wissen, wie Sie gehandelt hätten, dann wissen Sie es schon. Dann hätten Sie gehandelt wie ich.“ Otto Schiendick, Schiffssteward und Schikanierer, NSDAP-Ortsgruppenleiter an Bord und Nazi-Spion, dem Raphael von Bargen Gestalt verleiht, sagt diese Sätze gleich zu Beginn der Uraufführung. Die das Theater in der Josefstadt als Saisoneröffnungspremiere mit Kurssetzung auf Herz und Hirn des Publikums angesetzt hat, damit es niemals so weit kommen möge.

„Die Reise der Verlorenen“ erzählt eine wahre Geschichte. Am 13. Mai 1939 läuft der HAPAG-Luxusliner MS St. Louis in Hamburg Richtung Havanna aus. An Bord 937 jüdische Flüchtende aus Nazi-Deutschland. Doch Kuba, wo Präsident Laredo Brú einen Wahl- und einen Machtkampf gegen den General und späteren Diktator Fulgencio Batista zu bestreiten hat, verweigert den Unglücklichen die Einreise. Alle Interventionen jüdischer Hilfsorganisationen, vor allem aus den USA, wo Roosevelt ebenfalls kein Interesse hat, die Passagiere an Land zu lassen, scheitern. Und so muss die St. Louis die Rückfahrt nach Europa antreten.

In Tagebüchern, Telefonmitschnitten, Gesprächsprotokollen sind die Geschehnisse dieser Zeit festgehalten; Gordon Thomas und Max Morgan-Witts haben daraus das 1975 erschienene und ein Jahr später mit Oskar Werner, Maria Schell und Max von Sydow verfilmte Buch „Voyage of the Damned“ gemacht. Auf dieses nun bezieht sich Bestsellerautor Daniel Kehlmann bei seiner Bühnenadaption. Ein starkes Stück Dokumentartheater ist Kehlmann da gelungen, dramaturgisch dicht und spannend bis zum Schluss – obwohl das Ende bekannt ist.

Schiendick schikaniert die Passagiere: Raphael von Bargen mit Roman Schmelzer, Sandra Cervik und Ulrich Reinthaller. Bild: Sepp Gallauer

Verzweifelte wollen sich ins Meer stürzen: Maria Köstlinger mit Ulrich Reinthaller und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Die Josefstadt bietet auf, was sie hat: 32 Schauspieler und 20 Statisten, von Regisseur Janusz Kica als immer wieder neue tableaux vivants arrangiert, führen die Bühne an ihr Fassungsvermögen. Kica versteht es, mit sparsam eingesetzten inszenatorischen Mitteln größte Effekte zu erzielen. Im rostigen Maschinenraum von Walter Vogelweider – dieser auch schon im Einsatz im ersten Teil der Josefstädter Dilogie, Peter Turrinis „Fremdenzimmer“ – lässt er die Schicksale aus Kehlmanns Kurzepisoden sich überschneiden.

Einzelne Protagonisten stellen sich an der Rampe vor: das mondäne Arztehepaar Fritz und Babette Spanier, Ulrich Reinthaller und Sandra Cervik, der Hebräischlehrer Aaron Pozner, Roman Schmelzer, der schon einmal im KZ war und in Auschwitz ermordet werden wird, das Ehepaar Loewe, Maria Köstlinger und Marcus Bluhm, von denen er einen Selbstmordversuch unternehmen wird, um in ein Krankenhaus auf Kuba gebracht zu werden, Otto Bergmann und seine zänkische Tante Charlotte, Matthias Franz Stein und Therese Lohner … Im Hafen wiederum wartet Max Aber, Peter Scholz, verzweifelt darauf, dass ihm endlich seine beiden kleinen Töchter ausgehändigt werden.

Herbert Föttinger spielt Kapitän Gustav Schröder, der zwischen der Pflicht seines Amtes, dem Mitgefühl mit seinen Schutzbefohlenen und der Abscheu gegenüber dem NS-Regime schwankt. Kehlmann bemüht ein paar Kunstgriffe. Er lässt die Darsteller aus ihren Rollen treten und die Situation kommentieren, lässt sie ihr späteres Los vorwegnehmen, sie durch Beiseitesprechen die Komplizenschaft mit dem Publikum suchen, lässt sie sich rechtfertigen für die Widersprüche in ihren Berichten und sie immer wieder betonen, dass auch von den haarsträubendsten Unglaublichkeiten keine erfunden ist. Und er gibt seiner Interpretation der absurden Verhandlungen viel Raum. Die kubanischen Politiker – Michael Dangl als Präsident Brú, Wojo van Brouwer als korrupter Minister für Einwanderung und Martin Zauner als rechtschaffener Außenminister – wollen „ihr Gesicht wahren“, vor allem aber ein Kreuz an der richtigen Stelle des Stimmzettels.

Die Mächtigen Kubas sind in der Flüchtlingsfrage uneins: Wojo van Brouwer, Peter Scholz, Martin Zauner, Ljubiša Lupo Grujčić und Michael Dangl. Bild: Sepp Gallauer

Die Vereinigten Staaten erwarten von anderen Staaten eine Brüderlichkeit, der sie sich selbst verweigern. „Wir haben mehr Flüchtlinge aufgenommen als die USA“, bekräftigt Brú sein Nein, würden die nicht einmal 1000 Neuankömmlinge Kuba doch „an den Bettelstab“ bringen. Auch andere Aussprüche dieser Tage klingen seltsam bekannt. Den Juden ginge es in Deutschland gut, nur fürs Ausland markierten sie die Armen – dort wiederum fühlt man zwar „zutiefst mit dem Leiden der Flüchtlinge“, allerdings ohne auch nur einen Finger für sie krumm zu machen.

Nicht nur durch derlei sprachliche Parallelen ist „Die Reise der Verlorenen“ ein lautstarker Kommentar zur aktuellen Anti-Flüchtlingspolemik. Kehlmanns Spiel um den Menschen als Spielball der Mächtigen überzeugt auch diesbezüglich voll und ganz. In buchstäblich letzter Minute erklären sich Belgien, die Niederlande, Großbritannien und Frankreich bereit, die St. Louis-Passagiere aufzunehmen. Noch einmal schildern sie: die Zustände in den „Quarantänelagern“, ihre spätere Internierung als „feindliche Ausländer“, ihren Abtransport in eine neue Ungewissheit, oft genug in den Tod. Ihre Sicherheit ist nur auf Zeit, darauf folgt ein Schlussbild in orangen Rettungswesten. Mit „Die Reise der Verdammten“ legen Kehlmann und Kica nicht nur einen höchst gelungenen, sondern auch einen politisch höchst wichtigen Theaterabend vor.

www.josefstadt.org

  1. 9. 2018

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen

Januar 26, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine fantastisch gruselige Erzählung

Knapp vor seinem neuen Erfolgsroman „Tyll“ erschien von Daniel Kehlmann das schmale Bändchen „Du hättest gehen sollen“, eine im doppelten Wortsinn fantastische Erzählung, mitreißend spannend und von hohem Gruselfaktor. Vorliegt dem Leser ein Notizbuch, ein Ich berichtet darin über die seltsamen Geschehnisse in einem Ferienhaus in den Bergen.

Dorthin hat sich ein Ehepaar samt Kind, man hat die besten Verliebtheitszeiten schon hinter sich, zurückgezogen, weil er – das Ich – an einem Drehbuch arbeitet. Heißt: An der hanebüchenen Fortsetzung von etwas, das schon beim ersten Mal banal war, wie Fernsehen eben so ist. Die Frau, Schauspielerin, lässt es ihm gegenüber an Verachtung nicht fehlen, so erzählt das Ich die Lovestory seiner Figuren parallel zur eigenen Ehegeschichte.

Bald wird klar, dass mit dem Haus etwas nicht stimmt. Immer mehr Gänge, immer mehr Zimmer tun sich auf, Türen führen ins Nichts, „… wir hatten das Wohnzimmer verlassen, aber die Tür, durch die wir gegangen waren, hatte uns wieder ins Wohnzimmer geführt …“

Es gibt Albträume von einer erschreckenden Frau, deren Foto neben der Waschmaschine hängt, leere Fenster, wo ein Spiegelbild sein sollte. Der Gemischtwarenhändler im Dorf fragt: „Schon was passiert?“, eine seiner Kundinnen rät: „Geht schnell weg!“ Im Kinderzimmer ereignet sich scheinbar Grauenhaftes: „… als ich den Flur entlang zum Wohnzimmer ging, hörte ich die Stimme wieder, und sie sprach Worte, fremd und alt, ein Flüstern halb, halb ein Seufzen, und als ich das Zimmer erreichte und auf dem Bildschirm eine große Gestalt sah, die sich über Esthers Bett beugte, war mir, als bliebe mein Herz stehen. Dann erst sah ich, dass ich das war.“

Bild: pixabay.com

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Ebenso wie der Verdacht, dass seine Frau fremd geht, erhärtet sich im Ich-Erzähler auch jener, dass er das Haus nicht mehr verlassen kann. Er bleibt in den vier Wänden wie eingekerkert. „Geh weg“ steht auch in seinem Notizbuch, obwohl er sich nicht daran erinnern kann, es hineingeschrieben zu haben. Und dann das: „Vorhin war ein Mann im Zimmer. Er sah nicht gefährlich aus, eher müde … Ich konnte es nicht gut erkennen, weil er nicht auf dem Fußboden stand, sondern an der Decke, und er sah auf mich herunter, als wollte er um Hilfe bitten …“

„Du hättest gehen sollen“ ist eine raffinierte, abgründige Schauergeschichte. Halb Familiendrama, halb Geisterstory. Und unbedingt für eine Verfilmung geeignet. Des Rätsels Lösung ist, es gibt mehr Dimensionen als die Schulweisheit sich träumen lässt, und Raum und Zeit fordern ihren Tribut. Mehr und mehr wird das Geschriebene zu Halbsätzen, bis … letzten Seiten des Notizbuches bleiben leer …

Über den Autor: Daniel Kehlmann, 1975 in München geboren, wurde für sein Werk unter anderem mit dem Candide-Preis, dem WELT-Literaturpreis, dem Per-Olov-Enquist-Preis, dem Kleist-Preis und dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet. Sein Roman „Die Vermessung der Welt“ ist zu einem der erfolgreichsten deutschen Romane der Nachkriegszeit geworden. Zurzeit unterrichtet er an der New York University und ist Fellow am Cullman Center for Writers and Scholars der New York Public Library.

Rowohlt, Daniel Kehlmann: „Du hättest gehen sollen“, Erzählung, 96 Seiten

www.rowohlt.de

www.kehlmann.com/

  1. 1. 2018

Theater in der Josefstadt: Heilig Abend

Februar 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Herbert Föttinger inszeniert Daniel Kehlmann

Aus der Gedankengewalt wird bald eine reale: Maria Köstlinger und Bernhard Schir. Bild: Sepp Gallauer

Die Argumente beider Seiten sind hinlänglich bekannt, hie Kapitalismuskritik und Globalisierungsgegnerschaft, da die Totalüberwachung als staatliche Sicherheitsgarantie. „Phrasen werden unterschätzt, sie sind sehr nützlich“, heißt es an einer Stelle. Es ist Autor Daniel Kehlmann, der sie in seinem neuen Theaterstück „Heilig Abend“ nicht drischt, sondern neu reiht, sie aneinander fädelt bis Täter- und Opferschaft verschwimmen. Der Innenminister will mit einer Verschärfung des Demonstrationsrechts gleichsam das hör- und sichtbare Kundtun von Meinung beschneiden; die Polizei verhaftet Teenager-Terroristen, die gegen ein System antreten, das sie als Fremde behandelt und ihnen ergo fremd bleiben muss; die Wutbürger sind entfesselt. Kehlmann denkt, jenseits von Gut und Böse, nicht in Schwarz und Weiß, er bewegt seinen Text durch die Grauzone dessen, was das Allzumenschliche vom Unmenschlichen trennt.

Das ist ein starkes Stück, eines, das aktueller nicht sein könnte, und es heißt „Heilig Abend“, uraufgeführt am Theater in der Josefstadt in einer Inszenierung von Hausherr Herbert Föttinger. Der tut das Bestmögliche: Er verlässt sich auf den Text und seine drei Protagonisten. Maria Köstlinger, Berhard Schir und die Uhr. Bestsellerfabrikant Kehlmann hat ein Echtzeitdrama geschrieben, sein High Noon ist um Mitternacht, da soll ein Sprengsatz explodieren, gelegt von einer Professorin für Philosophie. Ein Ermittler verhört sie, keine Namen, keine Ortsangaben, nur eine Digitalanzeige, die erbarmungslos Minute um Minute runterzählt.

Für diese Anordnung hat Bühnenbildner Walter Vogelweider einen hermetisch abgeschlossenen Glaskubus geschaffen. Darin sind die Darsteller, denn der Kontakt zum Publikum ist ihnen so verwehrt, ganz auf sich selbst zurückgeworfen, was ihr Spiel prägnant und sehr präzise macht. Wie Kehlmann hat auch Föttinger bei seiner Arbeit auf jeglichen Schnockes verzichtet, nur einmal eskaliert die Situation, ansonsten ist der Schlagabtausch rechts gegen links intellektuell eisig. Köstlinger gibt ihre Figur als arrogant-akademische Salonlinke, sogar die Frisur hat was Meinhof’sches; Bernhard Schirs Verhörspezialist changiert zwischen kaltem Zynismus und einer brutal-boshaften Jovialität, ein nicht unkomischer Spagat, der das Publikum bis zum Lachen reizt.

Auf dem Computer der Professorin fand sich ein Pamphlet, das sie Seminarunterlage, er Bekennerschreiben nennt. Daran laborieren die beiden Kombattanten 90 Minuten lang, man hat gelernt: Fakten können auch alternativ sein, und während sie beteuert, keine Bombe gelegt zu haben, lässt er seine platzen: In einem Nebenraum würde der Ex-Ehemann der Professorin diese gerade belasten. Es kommt zu einem letzten Telefonat und … das zu verraten verbietet sich, will man künftigen Zuschauer nicht die Spannung aus diesem Politkrimi saugen.

Dritter Protagonist im Kehlmann’schen Echtzeitdrama ist die Uhr. Bild: Sepp Gallauer

Die Totalüberwachung hinter den Kulissen ist längst nicht mehr Science Fiction. Bild: Sepp Gallauer

Denn tatsächlich war Kehlmann noch nie so dezidiert politisch wie diesmal. Das Auftragswerk für die Josefstadt ist ein einwandfreier Thriller, man meint mitzufühlen, wie die Luft im Glaskasten immer weniger wird, die Feindseligkeiten nehmen zu, aus verbaler Gewalt wird physische. Die strukturelle zeigt sich, als sich die Bühne einmal dreht und den Blick auf eine Monitorwand freigibt. Längst hat die Freiheitsberaubung den Bürger erreicht, und auf die Frage der Professorin, ob er ihre Wohnung verwanzt hätte, kann der Ordnungshüter nur lachen. Wo doch heutzutage jedes verwendete Technogimmick ein Mikrophon hat.

Erschreckend ist das, wie der Ermittler das Privateste in seine Öffentlichkeit zerrt. Er kennt sowohl die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs als auch den Umfang des Weinkonsums und benutzt diese Kenntnisse im Gespräch wie eine scharf geschliffene Klinge. Orwells „1984“ wird gerade wieder zum Bestseller; Paris, Berlin, das hat einer neuen Generation von Europäern die Unschuld geraubt – und dann stellt Köstlingers Professorin die Frage, die Science-Fiction-Schriftsteller seit jeher umtreibt: Kann man belangt werden für das, was man denkt?

Antworten gibt Kehlmann selbstredend keine, die größeren Zusammenhänge, schon von ihrer Natur her nichts für Kleingeister, werden vom Autor nicht auf dem Silbertablett serviert, und auch Föttingers Regie lässt den Schluss offen und damit eigene Schlüsse zu. Nur so viel: Frau Professor ist eine Frau mit Vergangenheit und thougher als die Polizei erlaubt. Das Premierenpublikum bejubelte Leading Team und Akteure. „Heilig Abend“ ist eine rundum geglückte Aufführung: ein spannender Plot, eine exzellente Regie und zwei überragende Schauspieler. Bravo!

Video: www.youtube.com/watch?v=DRRO5jV1EPI

www.josefstadt.org

Wien, 3. 2. 2017

Josefstadt 2016/17: Neues von Turrini, Mitterer und Kehlmann – und ein verloren geglaubter Horváth

Mai 11, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Michael Schottenberg inszeniert bei Herbert Föttinger

Felix Mitterer, Herbert Föttinger und Peter Turrini. Bild: Herwig Prammer

Felix Mitterer, Herbert Föttinger und Peter Turrini. Bild: Herwig Prammer

Vierzehn Premieren zeigt das Theater in der Josefstadt in der kommenden Saison 2016/17, davon eine europäische und eine österreichische Erstaufführung und fünf Uraufführungen. Eine dieser letzteren verschaffte Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger bei der Programmpräsentation am Mittwoch Vormittag eine weitere „Premiere“.

„Das ist meine erste Skype-Pressekonferenz“, scherzte der Hausherr gut gelaunt. „Ich hab‘ so etwas noch nie gemacht, ich hoffe, dass es klappt.“ Und schon erschien Daniel Kehlmann auf dem Bildschirm. Er wird, wie auch Peter Turrini und Felix Mitterer, die auf dem Podium saßen, einen der neuen Texte der Spielzeit vorlegen, und weilt derzeit in London, um mit britischen Schauspielern ebenfalls das Stück zu erarbeiten, dass zeitgleich an der Josefstadt aufgeführt werden wird: Heilig Abend (Premiere: 2. Februar, Josefstadt), inszeniert von Föttinger selbst, gespielt von Maria Köstlinger und Bernhard Schir.

„Das ist das erste Mal, dass ich in gewissem Sinne ein politisches Stück geschrieben habe, das auf Entwicklungen unserer Zeit abzielt“, sagt Kehlmann. Geworden ist es ein „Echtzeit-Stück“, denn neben den beiden Darstellern fungiert die Uhr als dritter Protagonist. „Das war der eine Antrieb zu ,Heilig Abend‘: die Idee von Zeigern, die sich auf den entscheidenden Moment zu bewegen, offen und groß, im Blickfeld der Bühnenfiguren wie des Publikums. Es gibt einen Konflikt und die Zeit drängt und keiner kann raus aus der Situation“, so Kehlmann. „Der andere Antrieb, das war meine Verblüffung über die Dinge, die Edward Snowden aufgedeckt hatte: das Ausmaß der staatlichen Überwachung in der elektronischen Welt, die Willkür der Geheimdienste, die Möglichkeit der Polizei, unsere Leben in einem Ausmaß zu beobachten, wie wir es uns früher nicht hätten vorstellen können.“ Die Situation ist ein Verhör. Um 21 Uhr soll mutmaßlich eine Bombe explodieren – „und es sind 90 Minuten Zeit, um die Sachlage zu klären. Für mich und die Schauspieler ist es spannend so zu arbeiten, weil wir das davor noch nie in der Art getan haben“, ergänzt Föttinger.

Peter Turrini hat sich mit Hedy Lamarr befasst. Sieben Sekunden Ewigkeit heißt sein Stück, das am 12. Jänner an der Josefstadt uraufgeführt wird. „Natürlich“, sagt der Dichter, „ist der Text kein biografischer. Ich habe mich auf eine poetische Form des Erzählens verlegt. Die Szenen sind möglich, aber nicht belegbar“. Was Turrini an dem Stoff bewegte, nennt er die „Archäologie des Unvereinbaren“, darin sieht der Autor, der bereits an seinem nächsten Werk, einem Stück über Flüchtlinge arbeitet, auch das Zeittypische, „das Übel unserer Zeit, die Beurteilung eines Menschen aus einer Momentaufnahme“. Denn die Lamarr wurde zeitlebens auf „sieben Sekunden Busen“, so kurz war er in ihrem Film „Ekstase“ zu sehen, festgelegt, und über diesem kurzen Nacktauftritt lange übersehen, „dass sie ein technisches Genie war, Erfinderin einer Technologie, welche die heutige Telekommunikation erst ermöglichte“.

Turrini: „Dieser so widersprüchliche Mensch hat mich nachhaltig in den Bann gezogen. Sie galt als die schönste Frau der Welt und zerstörte sich am Ende mit Schönheitsoperationen. Sie sehnte sich ein Leben lang nach Familie, aber hielt es nicht aus, wenn sich eine einstellte. Sie war nie zufrieden mit Rollen, intelligenter als die meisten Menschen, die sie in Hollywood treffen konnte … sie war für ihre Umwelt unfassbar, und wohl auch für sich selbst.“ Sandra Cervik spielt in dem Ein-Frauen-Stück in der Regie von Stephanie Mohr. „Für mich ist das ästhetisch und theatralisch ein neuer Versuch eine Geschichte zu erzählen“, sagt Turrini.

Auch der andere Josefstadt-„Hausautor“ legt sein jüngstes Werk in die bewährten Hände von Regisseurin Stephanie Mohr. Nach „Jägerstätter“ und „Der Boxer“ inszeniert sie die Felix-Mitterer-Uraufführung Galápagos (Premiere: 16. März, Josefstadt). Vor zehn Jahren schon ist ihm die Geschichte untergekommen, erzählt Mitterer, „aber erst Herbert Föttinger hat gesagt: Na, dann schreib’s halt auf. Es geht um den Berliner Arzt und Philosophen Friedrich Ritter, der mit seiner Jüngerin Dore Strauch 1929 in die Wildnis übersiedelt, weil er den Kapitalismus und die Massengesellschaft hasst. Er will sein philosophisches Hauptwerk schreiben, er glaubt nämlich, dass sich jeder selber heilen kann und soll, aber seine Begleiterin hat Multiple Sklerose.“

Doch dies nur das eine Verhängnis, denn dem „Messias“ folgen auch andere, ein Ehepaar, das der deutschen Wirtschaftskrise entflieht, eine peitschenschwingende Baronin mit ihren beiden Geliebten – und das Paradies wird zur Hölle. „Wie’s so geht bei  Aussteigergeschichten“, sagt Mitterer. „Man glaubt, man geht weg aus einer gefährlichen Welt und es wird was besser, und dann kommt alles noch viel schlimmer. Der Urwald wird für ein Hotelprojekt verstört, die Baronin schwingt sich zur Kaiserin auf, am End‘ sind alle tot, und die Frage ist, wer wen warum umgebracht haben wird. Ich bin gerade bei der Arbeit und kann daher darüber noch gar nichts sagen.“ Das klären also dann unter anderem Raphael von Bargen, Peter Scholz, Roman Schmelzer und Pauline Knof.

Stiftungsvorstand Günter Romberg, Alexander Götz, Herbert Föttinger, Felix Mitterer, Maria Teuchmann und Peter Turrini. Bild: Tomas Rataj

Stiftungsvorstand Günter Romberg, Alexander Götz, Herbert Föttinger, Felix Mitterer, Maria Teuchmann und Peter Turrini. Bild: Tomas Rataj

Die vierte Uraufführung ist gleichzeitig die Eröffnungspremiere am 1. September an der Josefstadt und betrifft Ödön von Horváth. Dessen Stück Niemand war nämlich lange nichts als eine Legende, sein Bruder Lajos erinnerte sich an nicht mehr als an ein „in expressionistischer Manier geschriebenes Stück in einem blauen Umschlag“. Doch seit den 1990er-Jahren geisterte ein wenig bemerktes Typoskrippt durch die Literaturwelt, das nun von der Wienbibliothek bei einer Auktion ersteigert wurde. Ein Krimi, den Maria Teuchmann da erzählt; die Geschäftsführerin hat für den Thomas Sessler Verlag die Rechte gesichert.

„,Niemand‘ ist ein sensationell tolles Frühwerk mit sämtlichen Motiven Horváths späterer Werke“, sagt sie. Inhalt: Im Mietshaus des Wucherers und Krüppels Fürchtegott Lehmann tummelt sich ein Potpourri an Menschen, die durch die Wirtschaftskrise an den Rand der Existenz gedrängt werden. So trifft man auf den Musiker Klein, der vor der Delogierung steht, weil er den Mietzins nicht mehr zahlen kann. Es gibt es den brutalen Zuhälter Wladimir, der aus dem Elend der anderen Profit schlägt. Die Dirne Gilda, die ihm hörig ist, verkauft ihren Körper, weil die Liebe allein nicht satt macht. Auch die verzweifelte Ursula ist kurz davor, auf den Strich zu gehen, lernt aber den Hausherrn Lehmann kennen. Viel zu schnell willigt sie in eine Heirat mit dem zutiefst abstoßenden und verbitterten Menschen ein. „24 Rollen, die alle Bedeutung haben“, so Föttinger, der auch hier die Regie übernehmen wird. In dem „expressiv ausladenden“ Stück spielen unter anderem Gerti Drassl, Martina Stilp, Thomas Kamper und Florian Teichtmeister.

Erste Premiere an den Kammerspielen wird am 8. September die Uraufführung von Monsieur Claude und seine Töchter. Die Hauptrolle in der Komödie nach dem gleichnamigen französischen Filmhit spielt Siegfried Walther, es inszeniert Folke Braband. Danach folgt am „kleinen Haus“ die europäische Erstaufführung von Winter Wonderettes. Werner Sobotka, dessen Sensationserfolg „La Cage aux Folles“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14687) weiter zu sehen sein wird, hat das Stück von Roger Bean übersetzt und sorgt auch für die Inszenierung. Ruth Brauer-Kvam, Susa Meyer und Salka Weber spielen die Freundinnen, die nach Kräften an einer Xmas-Show feilen und fast um ihre Gage geprellt werden. Premiere: 3. November. Regisseurin Alexandra Liedtke befasst sich nach „Vater“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17522) ein zweites Mal mit Autor Florian Zeller. Sie zeigt als österreichische Erstaufführung ab 15. Dezember Die Kehrseite der Medaille, die Zuschauer sehen zwei verkrampfte Paare bei einem bemüht höflichen Abendessen.

Michael Schottenberg wird erstmals als Regisseur am Haus tätig sein. Der ehemalige Chef des Volkstheaters ist seinem kurzen Ruhestand schon wieder entschlüpft und hebt am 1. Dezember Nestroys Das Mädl aus der Vorstadt auf die Bühne der Josefstadt. Auch hier spielt Thomas Kamper, mit Martina Ebm und Martin Zauner. An den Kammerspielen folgt zum 90. Geburtstag der großen Erni Mangold Harold und Maude in der Regie Schottenberg. Premiere ist am 26. Jänner, den Harold spielt Ensemble-Neuzugang Meo Wulf. Hans Kudlich sorgt in beiden Fällen für das Bühnenbild. Neben Wulf sind weitere Neuzugänge Josephine Bloéb, Swintha Gersthofer, Michaela Kaspar, Wojo von Brouwer und Oliver Rosskopf. Und noch ein Geburtstagsfest auf der Bühne: Marianne Nentwich wird zu ihrem 75er an den Kammerspielen mit Arsen und Spitzenhäubchen gefeiert. Es inszeniert Fabian Alder, Premiere ist am 18. Mai.

Zu sehen sind außerdem Hoffmannsthals Der Schwierige mit Michael Dangl, Regie Janusz Kica, Premiere: 6. Oktober; Die Verdammten nach dem Film von Luchino Visconti, Elmar Goerden inszeniert, Andrea Jonasson spielt, Premiere: 10. November; am 4. Mai folgt Die Wildente in einer Inszenierung von Mateja Koležnik; die Regisseurin, in Slowenien und Kroatien längst ein Star, arbeitet erstmals an der Josefstadt. Mit Spannung erwartet werden darf auch das neue Projekt von Torsten Fischer und Herbert Schäfer mit Sona MacDonald. Nach ihrer fulminanten Hommage an Billy Holiday (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16320) soll es nun um die Callas gehen. Premiere an den Kammerspielen ist am 30. März.

Alexander Götz und Herbert Föttinger. Bild: Herwig Prammer

Um Zahlen, Daten, Fakten nicht verlegen: Alexander Götz und Herbert Föttinger. Bild: Herwig Prammer

Der kaufmännische Direktor Alexander Götz legte zum Ende der Pressekonferenz noch ein paar Zahlen vor: In der laufenden Spielzeit liegt man derzeit bei einer Auslastung von 81 Prozent für die Josefstadt und sagenhaften 97 Prozent für die Kammerspiele. Man rechnet bis Saisonende mit 300.000 Besuchern bei insgesamt 680 Veranstaltungen. Im vergangenen Geschäftsjahr lag die Eigenfinanzierung bei 41,7 Prozent! Ein Wert, mit dem Götz längst noch nicht zufrieden ist …

Die nächste große Investition betrifft die Modernisierung der hauseigenen Werkstätten (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=18560). „Uns ist“, so Götz, „die eigenverantwortliche Erstellung der Bühnenbilder sehr wichtig. Außerdem wollen wir in Österreich diesbezüglich Arbeitsplätze erhalten und auch Lehrstellen für diese handwerkliche Ausbildung anbieten. Sonst braucht sich niemand zu wundern, wenn es am Theater in diesen Bereichen einmal keinen Nachwuchs mehr gibt.“

www.josefstadt.org

Wien, 11. 5. 2016