Robert Meyer wird zu Tode rasiert

August 29, 2013 in Klassik

VON RUDOLF MOTTINGER

„Sweeney Todd“ an der Wiener Volksoper

Morten Frank Larsen (Sweeney Todd), Robert Meyer (Richter Turpin) Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Morten Frank Larsen (Sweeney Todd), Robert Meyer (Richter Turpin)
Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Blutrünstig und schaurig fällt die Saisoneröffnung an der Volksoper aus: „Sweeney Todd, der Barbier des Grauens aus der Fleet Street“ treibt sein Unwesen in Wien. Die Premiere von Stephen Sondheims preisgekröntem Musical-Thriller findet am 14. September (Vorpremiere am 11. September) statt. 1979 uraufgeführt, wurde „Sweeney Todd“ als eines von nur drei Musicals aller Zeiten (neben „South Pacific“ und „Hairspray“) mit den sechs wichtigsten Tony Awards (Bestes Musical, Beste Partitur, Bestes Buch, Bester Hauptdarsteller, Beste Hauptdarstellerin, Beste Regie) ausgezeichnet und 2007 mit Johnny Depp und Helena Bonham Carter verfilmt. Für die Volksopern-Erstaufführung des Stückes kehrt Musical-Experte Matthias Davids nach „Anatevka“ (2002) als Regisseur ans Haus zurück. Mathias Fischer-Dieskau steht ihm erneut als Bühnenbildner zur Seite, Susanne Hubrich entwirft die Kostüme. Joseph R. Olefirowicz, der als „dancing conductor“ Berühmtheit erlangt und an der Volksoper mit großem Erfolg die Premieren von „Guys and Dolls“ und „Candide“ dirigiert hat, steht erneut am Pult des Volksopernorchesters. Und Hausherr Robert Meyer lässt sich ermorden …

Ihren ersten Auftritt hatte die fiktive Figur Sweeney Todd in einem sogenannten „Penny dreadful“, einem englischen Grusel-Fortsetzungsroman des Jahres 1846. Nach mehreren Dramatisierungen und Verfilmungen des Stoffes wurde Christopher Bonds Stück „Sweeney Todd. The Demon Barber of Fleet Street“ 1973 in London uraufgeführt, das Stephen Sondheim kurz nach der Premiere sah: „Ich dachte noch auf dem Heimweg über die Operntauglichkeit des Stoffes nach.“ Sondheim hat seine bis dahin wichtigste Partitur später wahlweise als „Musical-Thriller“, als „dunkle Operette“ oder als „Film für die Bühne“ bezeichnet.

Blutrausch …
Der Barbier Benjamin Barker kehrt nach Jahren der Verbannung ins heimatliche London zurück, um an seinem Peiniger, Richter Turpin, blutige Rache zu nehmen. Unter dem falschem Namen Sweeney Todd schlüpft er bei Mrs. Lovett unter und eröffnet im Dachgeschoss ihrer schlecht gehenden Pastetenbäckerei einen Rasiersalon. Von Lovett erfährt Todd, dass seine Frau, von Richter Turpin vergewaltigt, Gift genommen habe und gestorben sei. Todds Tochter Johanna wurde von Turpin adoptiert. Nun will er sie heiraten. Als Todds Rache an Turpin fehlschlägt, wird er im Wahn zum Massenmörder: Er schneidet seinen Kunden die Kehlen durch; Mrs. Lovett stellt aus den Opfern Fleischpasteten her.  … und Liebesgeschichte: Parallel zur Schilderung von Todds unaufhaltsamem Blutrausch entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte zwischen Johanna und dem jungen Seemann Anthony, Momente der atemlosen Spannung wechseln sich ab mit makaber-komischen Szenen. Die Spannung hält bis zum letzten Moment an: Wer ist die verwirrte Bettlerin, die immer wieder auftaucht? Und wozu ist der Knabe Toby, der Gehilfe von Todds erstem Opfer Pirelli, fähig?

Als die Idee zur ersten „Sweeney Todd”-Produktion an der Volksoper auftauchte, schwebte diese schon nach einem Wochenende wieder über dem Abgrund, wie Robert Meyer augenzwinkernd berichtet: „Ich sah mir den Film mit Johnny Depp an und war entsetzt. ‚Nur über meine Leiche!‘” In der Tat legt Tim Burtons Verfilmung aus dem Jahre 2007 Wert auf eine detailgetreue Darstellung der grausamen Morde – in Großaufnahme, was auf der Bühne gar nicht möglich wäre. Doch anlässlich einer Theateraufführung ließ sich der Direktor umstimmen: „Nachdem ich das Stück dann auf der Bühne am Londoner Westend gesehen habe, war ich sofort überzeugt, dass es an die Volksoper passt. Aber der Satz ‚über meine Leiche‘ bleibt gültig: Ich spiele Richter Turpin, der Sweeney Todds Opfer auf dem Rasierstuhl wird!”. Als wahnsinniger Sweeney Todd wird Morten Frank Larsen nach vielen Opern- und Operettenrollen erstmals in einem Musical auf der Volksopernbühne stehen. Anita Götz, die in dieser Saison als Franzi in „Ein Walzertraum“ und Esmeralda in „Die verkaufte Braut“ bezauberte, singt  seine Tochter Johanna. Dagmar Hellberg, eine der gefragtesten Musical-Darstellerinnen im deutschsprachigen Raum und Preisträgerin des Goldenen Schikaneders für die beste Nebenrolle, bäckt als Todds Komplizin Mrs. Lovett Pasteten des Grauens.

Altersempfehlung: ab 12 Jahren

www.volksoper.at

Wien, 29. 8. 2013

Gelungener Auftakt für die neue Musical-Kompanie des Linzer Musiktheaters

April 15, 2013 in Klassik

Premiere: „Die Hexen von Eastwick“

Bild: Armin Bardel

Bild: Armin Bardel

Mit dem Musical „Die Hexen von Eastwick“ wurde der Reigen der Eröffnungsproduktionen im neuen Musiktheater Volksgarten, sprich Landesthater Linz fortgesetzt. Gefällige Unterhaltung weit über dem üblichen Landestheater-Musical-Niveau – mit berechtigtem Jubel.

Die neu gegründete Musical-Kompanie des Landestheaters Linz – neben den Vereinigten Bühnen Wien das einzige Ensemble dieser Art in Lande – präsentierte sich im neuen Haus mit einer österreichischen Erstaufführung: Die Hexen von Eastwick – eine Vertonung nach dem gleichnamigen Roman des US-Erfolgsautors John Updike. Bis zu sechs Musicals pro Saison abseits des Musical Mainstreams wie Cats, Phantom oder Elisabeth will Spartenleiter und Regisseur Matthias Davids künftig im neuen Haus realisieren. Einmal gelungen schon ist sein Einstand.

Auch, wenn das Werk von Dana P. Rowe (Musik) und John Dempsey (Buch) im Jahre 2000 im Westend uraufgeführt, nicht zu den erfolgreichsten seines Genres zählt, so ist diese Revue perfekt, um eine Kompanie in all seinen Facetten vorzustellen: Schmeichelnde Solo-Nummern, große Show-Szenen und amüsante, wortwitzreiche Dialoge. Der Komponist ist zwar kein begnadetet Melodiker, beherrscht jedoch sein Handwerk: gefällig und Genre-typisch von Pop bis Swing plätschert es vor sich hin und Dank der vielfältig eingesetzten Rhythmen kommt die gute Stimmung fast wie von selbst. Viel Freude bereiten die Ensemble-Nummern, auch Dank der neuen Orchestrierung und einem routinierten Schlag von Kai Tietje am Pult des Brucknerorchesters.

Zur Besetzung: Reinwald Kranner kopiert im Schauspiel ein Deut zu viel den Hauptdarsteller der Verfilmung, Jack Nicholson, und mutiert beim Singen unverständlicherweise zu einem Frank N. Furter a la Rocky Horror Show. Eine stärkere Betonung des Schauspielerischen hätte dieser Performance sicher ganz gut getan. Die drei Hexen (Lisa Antoni, Daniela Dett, Kristin Hölck) überzeugen auf ganzer Linie, ergänzen sich und haben viel Spaß auf der Bühne. Ein perfektes Ganzes bilden auch die übrigen Hauptdarsteller gemeinsam mit dem sehr motivierten, harmonisch in sich abgestimmten Ensemble. Großartig: Karen Robertson! Die studierte, australische  Sopranistin beherrscht auch das Musical-Fach und ringt ihrer Rolle einer überdrehten Kleinstadt-Lady unheimlich komische Elemente ab und geizt dabei nicht mit musikalischen Anspielungen. Ein wenig „Marschallin“ hier und ein wenig Klytämnestra. Routiniert umgesetzt wurden die Choreografischen Aufgaben von Melissa King und das Lichtdesign von Fabrice Kebour.

Ein wenig zu brav tastet sich Matthias Davids an das Werk heran. Die technischen Möglichkeiten des neuen Hauses scheinen bis auf die Dreh- und Unterbühne nicht ganz ausgereizt worden zu sein. Überhaupt: So manche große Show-Nummer, wie zum Beispiel das Finale des zweiten Aktes hätten durchaus ein wenig mehr Pep vertragen. Und soll nicht bedeuten, sich unbedingt mit den großen Musical-Bühnen des Landes machten zu müssen. Fazit: Darsteller, Ensemble und Kreativ-Team werden dem Stück, und auch der Publikumserwartung gerecht – und machen damit neugierig auf die nächste Musical-Premiere im neuen Musik-, sprich Landestheater Linz.

www.landestheater-linz.at

Von Martin R. Niederauer

Linz, 14. 4. 2013