Sommernachtskomödie Rosenburg: Schlafzimmergäste

Juli 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Definitiv sind die Männer die Dummen

Stiften Verwirrung in drei Schlafzimmern: Thomas Groß, Daniel Keberle, Martin Oberhauser, Angelika Niedetzky und Elke Winkens. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Welches Stück wäre wohl passender für die Sommernachtskomödie Rosenburg als Alan Ayckbourns „Schlafzimmergäste“; Intendantin Nina Blum hat den Text für die diesjährige Saison gut gewählt, nicht nur, weil der Spaßfaktor die Schallmauer durchbricht, sondern auch – und stimmig zum Aristo-Ambiente -, weil der britische Dramatiker gleich Shakespeares „Sommernachtstraum“ vier Paare in die Bredouille bringt. Allerdings in nur drei Betten.

Da sind Irrungen und Wirrungen vorprogrammiert. Inszeniert hat einmal mehr Marcus Ganser, der auf dem Kamptalschloss erneut seine Qualitäten als King of Comedy und als Logistik-Virtuose unter Beweis stellt. Einfach umwerfend: das von ihm erdachte, von allen Seiten einzusehende Bühnenbild, dessen Blaupausenwände sich absenken lassen, um den Blick auf die drei Schlafzimmer freizugeben. Fenster und Türen liegen waagrecht auf dem Boden – und durch sie entschlüpfen die Figuren aus der einen und anderen brenzligen Situation. Dem Programmheft ist zu entnehmen, dass Bagger zwei Tage lang Tunnelsysteme unter der Rundbühne ausgruben, um so die benötigte Unterbühne zu errichten.

Derart liebevoll bis ins Detail arbeitet Ganser aber nicht nur, soweit’s die Optik und den Klipp-Klapp betrifft, sondern auch bei der Anleitung seiner Schauspieler. Ein schönes Highlight der Aufführung: das Ehepaar Babett Arens und Florentin Groll spielt das Ehepaar Delia und Ernest. Die beiden wollen nach einem nur mäßig gelungenen Hochzeitstagessen in erster Linie ihre Ruhe, doch natürlich kann es die nicht geben. Die Arens ist entzückend als angegraute Dame, die versucht, die Sorgen und Nöte einer nächsten Generation zu verstehen, während ihr Eheleben durch Pragmatismus, Stillschweigen über Unaussprechliches und ab und an leise Vorwürfe seit Jahrzehnten wunderbar funktioniert.

Doch die Lacher und die Sympathien des Publikums hat Groll auf seiner Seite. Immer leicht neben der Spur oder die Frühsenilität auch nur vortäuschend, jedenfalls ein Philosoph in Sachen lecker Zimmerdecken – und umwerfend, als er, ob widriger Umstände aus dem kuscheligen Bett ins feuchte Gästebett vertrieben, nach und nach in Fischereiadjustierung erscheint. Groll ist es, der Ayckbournes trockenen Humor und seinen Sarkasmus am besten über die Rampen bringt.

Im Mittelpunkt der Handlung aber stehen Delias und Ernests Sohn Trevor – ein fabelhafter Woody-Allen-artiger Charakter: Daniel Keberle – und seine Autosuggestion praktizierende Ehefrau Susannah. Wie die Mutter meint, hätte der Sohn eine „strapazierfähige, phlegmatische“ Gefährtin gebraucht, doch haben sich hier zwei Beziehungsneurotiker gefunden, die imstande sind, eine ganze Clique in ihre – wie Delia sagt – B.E.T.T.-Probleme zu involvieren.

Ihr Hochzeitstag wird empfindlich gestört: Babett Arens und Florentin Groll. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Und Schuld haben diese beiden Stadtneurotiker: Elke Winkens und Daniel Keberle. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Das ganze Ensemble hat sichtbar Lust auf derlei Tratsch- und Klatschgeschichten. Und geht mit großer Spielfreude an diese heran. Angeführt von Elke Winkens als Susannah und Angelika Niedetzky als Kate, die den ganzen Abend über auf Komödiantinnen-Vollgas fahren. Kate und ihre bessere Hälfte Malcolm feiern nämlich Housewarming Party – und zu der ist neben Susannah und Trevor auch Trevors-Ex Jan eingeladen. Adriana Zartl ist großartig als geduldsstrapazierte Jan, deren aktueller Ehemann Nick mit einem Hexenschuss im Bett bleiben muss. Martin Oberhauser gibt diesen selbstmitleidig und egozentrisch, wunderbar eine Akrobatikeinlage bei Jans Erste-Hilfe-Versuch, während Kate und Thomas Groß als Malcolm – mit mehr als mangelnden Heimwerkerqualitäten – das perfekte Chaos-Paar abgeben.

Klar ist gleich, wer die Hosen anhat; die Niedetzky vor allem, weil aber die Männer irgendwie neben der Welt leben, oder im unpassendsten Moment kindisch sein müssen. Definitiv sind die Männer die Dummen. Ganser setzt auf hohes Tempo und perfektes Timing, und lässt Szenen in den drei Schlafzimmern parallel laufen, um seine von Eifersucht geplagten Liebesphilosophen in Position zu bringen. Es folgt ein Beziehungsdrama bis hin zu Handgreiflichkeiten, vorgetäuschter Sonnenschein und der finale Schlag der Partycrasher.

Susannah und Trevor nämlich haben Kates und Ernstes Party gesprengt; sie flüchtet zu ihren Schwiegereltern Delia und Ernest, er zu Nick und Jan, letztere hat er im Aufruhr der Emotionen auf der Fete gerate erst geküsst. Die Gefühlsspirale dreht sich immer schneller, der Liebeswahn zieht die Schrauben an – und eine schlaflose Nacht später erkennen die Protagonisten, dass ihre Probleme erst da waren, als andere sie gesehen haben. „Schlafzimmergäste“ erzählt von Liebe als einem Virus, der um sich greift, der mit gesundem Menschenverstand aber auch geheilt werden kann. So man denn welchen fände … Großartiger Großstadtboulevard in Niederösterreich!

sommernachtskomoedie-rosenburg.at

  1. 7. 2017

Sommernachtskomödie Rosenburg: Schlafzimmergäste

Mai 7, 2017 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Babett Arens, Angelika Niedetzky und Elke Winkens

Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Nina Blum, Intendantin Sommernachtskomödie Rosenburg, wagt mit ihrem Team 2017 den berühmten Blick durchs Schlüsselloch, nämlich in die drei Schlafzimmer von Alan Ayckbourns „Schlafzimmergäste“. In die komödiantischen Irrungen und Wirrungen auf der niederösterreichischen Rundbühne stürzen sich Babett Arens, Angelika Niedetzky, Elke Winkens, Adriana Zartl, Florentin Groll, Thomas Groß, Daniel Keberle und Martin Oberhauser.

Premiere ist am 29. Juni, wie Blum bei einem Pressegespräch am Donnerstag verkündete. „Nach dem großen Erfolg von ‚Kalender Girls’ im Sommer 2016 (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21154) erwartet unsere Besucher wieder eine wunderbare Beziehungskomödie: Ayckbourn gewährt witzige und erschreckend vertraute Einblicke in das Beziehungsleben von vier Paaren unterschiedlichen Alters und ihrer konfusen Suche nach dem verlorenen Glück – und das auf höchst vergnügliche Art und Weise“, so Nina Blum. „Das Schlimmste sind die Versuchungen, denen man nicht erliegen kann“, beschreibt es Alan Ayckbourn selbst. Oder anders ausgedrückt: „Die meisten Männer würden ihre bessere Hälfte gerne gegen zwei jüngere Viertel eintauschen.“

Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

„Schlafzimmergäste“ wurde in Österreich bislang nur ein einziges Mal gespielt. Regie auf der Rosenburg führt Marcus Ganser, der erklärt: „Es wird ein stürmischer nächtlicher Reigen der Akteure durch diverse Ehebetten, mit unterschiedlichsten Absichten, in verschiedensten Konstellationen. Es geht um Fragen, die sich der eine oder die andere vielleicht auch schon gestellt hat: Würde mich der Partner des Anderen glücklicher machen? Und welche Art von Partnerschaft macht mich überhaupt glücklich?“ In „Bedroom Farce“, so der Originaltitel, enthüllt Ayckbourn die tragisch-komische, alltägliche Sprachlosigkeit von Paaren, die sich oft hinter übertriebener Geschwätzigkeit verbirgt. Und Blum ergänzt: “ Stress kommt in den besten Beziehungen vor. Denn nur wer streitet, kann sich wieder versöhnen. Wie es schon Goethe in seinen ‚Wahlverwandtschaften’ schrieb: Im Ehestand muss man sich manchmal streiten, denn dadurch erfährt man etwas voneinander.”

www.sommernachtskomoedie-rosenburg.at

Wien, 7. 5. 2017

Festspiele Stockerau: Der Diener zweier Herren

Juni 29, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Okan Cömert tanzt den Truffaldino

Claudia Waldherr (Columbina), Okan Cömert (Truffaldino). Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Columbina hat sich in Truffaldino verguckt, der freut sich über eine Frau mit fixem Einkommen: Claudia Waldherr und Okan Cömert. Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Los geht’s bereits, bevor es überhaupt anfängt. Während die Zuschauer auf die Tribünenplätze strömen, tun die Schauspieler eben selbiges auf der Bühne, entschuldigen sich für ihr Zuspätkommen, beginnen sich auf den Abend vorzubereiten. Kostüm und Makeup werden an- und aufgelegt, der Menschheit Würde ist in ihre Hand gegeben, und während die oben noch diskutieren, wie sie ihre Rollen anlegen werden, ist denen unten längst klar … hintergründig.

Intendant Zeno Stanek hat bei den Festspielen Stockerau Goldonis „Diener zweier Herren“ inszeniert, die Textfassung ist von Karl Ferdinand Kratzl und Stanek, und der lässt sein Ensemble dabei Theater auf dem Theater spielen. Diskussionen um den siebenten Zwerg, hier natürlich: Venezianer, inklusive. Christoph F. Krutzler fungiert als Regisseur. Sozusagen. Denn eigentlich ist er auch Brighella, der Wirt zum Goldenen Kirchturm, als Padrone also in zweierlei Hinsicht Brötchengeber. Katharina Stemberger ist sein Star, und la Diva ist angetreten, um unterm Stockerauer Campanile die Beatrice zu geben. Aber, ach!, Goldoni will hier keiner spielen. Denn die Fama macht die Runde, „der Herr Direktor“ säße just heute im Publikum, auf der Suche nach frischen Talenten, und so produziert sich ein jeder auf Teufel komm‘ raus. „Romeo und Julia“ will man zeigen, einige machen sich Hoffnungen auf „Hamlet“, Stechen und Hauen und Lieben und Sterben, doch es wird Comedia dell’arte – uäh. „Wehe einer spielt auf Engagement“, warnt Brighella-Krutzler seine Truppe.

Welch ein Einfall, Goldonis Komödienmeisterwerk in diesen Bühnenrahmen zu packen; der Kunstgriff verdoppelt was immer es an Verwirrung und Verwechslung, Wortwitz und Situationskomik schon gibt, er macht diesen Wirbelwird von einem Stück zum mitreißenden Orkan. Dabei haben Kratzl und Stanek Goldoni tatsächlich nur beim Wort genommen, denn gerade ihr Aus-der-Rolle-Fallen ermöglicht es dessen Lustspielpersonal von Possenreißern zu Charakteren zu avancieren, hinter jeder namentlich festgelegten Stereo-Type steckt hier ein Mensch mit all seinen Sorgen und Nöten, und die sind so zeitgemäß wie zeitlos. Sitten ändern sich selten. Und so kann, während die Musik von Andi Senn und Thomas Berghammer die lazzi mit lässigen Jazztönen begleitet, der großartige Krutzler alle Leiden eines Regisseurs ausleben.

Katharina Stemberger (Beatrice), Horst Heiss (Pantalone), Alexander T.T. Mueller (Dottore), Christoph F. Krutzler (Brighella), Naemi Latzer (Rosa), Tobias Eiselt (Silvio), Claudia Waldherr (Columbina). Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Das Auftauchen Beatrices sorgt in Venedig für Aufruhr: Katharina Stemberger, Horst Heiss, Alexander T.T. Mueller, Christoph F. Krutzler, Naemi Latzer, Tobias Eiselt und Claudia Waldherr. Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Katharina Stemberger (Beatrice), Horst Heiss (Pantalone), Claudia Waldherr (Columbina), Okan Cömert (Truffaldino). Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Truffaldino verstrickt sich immer mehr in seinem Lügengebilde: Katharina Stemberger, Horst Heiss, Claudia Waldherr und Okan Cömert. Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Der eine Darsteller hat seinen Text vergessen und braucht den Souffleur, zwei lachen einander aus, im Glauben der jeweils andere und nicht etwa sie selber würden schmieren. Tobias Eiselt prahlt mit seinen Fechtkünsten, obwohl laut Vorlage sein Silvio die Degenführung gar nicht beherrscht. Okan Cömert als Truffaldino bricht inmitten der schönsten Clownerie in den Sein-oder-Nichtsein-Monolog aus. „Nur weil deine Karriere vorbei ist, brauchst du meine nicht zu zerstören“, herrscht ein Jungmime die arrivierte Kollegin Stemberger an. Jedenfalls, das Ganze ist der nackte Wahnsinn. Ein Zirkus, in dem jeder so gut er kann versucht, das Publikum durch Beiseitereden auf seine Seite zu ziehen und zum Komplizen für die ureigenen Interessen zu machen. Und in dem Okan Cömert die Glanznummer ist.

Der Vorjahresabsolvent des Max-Reinhardt-Seminars ist eine Theaterentdeckung. Zuletzt am Volkstheater in Thomas Köcks „Isabelle H.“ zu sehen, kann er nun endlich sein clowneskes Können ausspielen. Und wie. Cömert tanzt und rappt den Truffaldino, er singt, unter anderem Rossinis Figaro-Arie „Largo al factotum“ und halb „My fair Lady“, er schwankt zwischen subversiv und subaltern, und saust so von einem Herrn zu anderem.

Weil der Diener zweier Herren klassenkämpferisch den Kapitalismus für seine Zwecke zu nutzen sucht, muss er nämlich im Rundherum um den Kirchplatz einiges an Kilometern machen. Das ist die Strafe dafür, dass er nach Beatrices auch in die Dienste ihres Geliebten Florindo getreten ist. Florindo wird beschuldigt, deren Bruder Federico Rasponi getötet zu haben, und ist ergo geflohen. Als Mann verkleidet reist ihm Beatrice nach. Ohne dass die beiden Liebenden voneinander wissen, nehmen sie sich im selben Wirtshaus Zimmer. Truffaldino wird zu beider Diener und gerät so in zahlreiche Schwierigkeiten, aus denen er sich nur durch Lügen retten kann. Katastrophe sozusagen komödiantisch vorprogrammiert.

In diesem Setting gibt Horst Heiss einen auf Plateauschuhe gestellten Pantalone, was seine ohnedies schon imposante Erscheinung im Wortsinn noch weiter erhöht. Der Geschäftsmann mit dem dehnbaren Ehrbegriff hatte seine Tochter bereits dem Rasponi zugedacht, nach dessen Ableben verspricht er sie aber dem Silvio. Als nun Beatrice als Federico auftaucht, sitzt er in einer Patsche, für die nicht nur der eifersüchtige und stolze Silvio-Eiselt, sondern auch Alexander T.T. Mueller als dessen Vater Rache fordern. Der paragraphenfeste Dottore weiß sich dabei von Naemi Latzer als raunzig liebende Rosa unterstützt, deren Zofe Columbina wiederum, gespielt von Claudia Waldherr als kunterbuntes Kammerkätzchen, will den Truffaldino ehelichen. Beatrice, die durch Gaunerei zu ihrem Recht kommen will, und ihr schnöseliger Florindo, Daniel Keberle angetan als Ludwig-XIV-Klon, bilden das melodramatische Paar. Mit großer Spielfreude und viel Hang zur Skurrilität gehen die Schauspieler zu Werke. Sie machen Staneks Aufführung zum luftigen Sommerspaß, für den das Publikum schließlich mit viel Jubel und Applaus dankte.

Dass Truffaldino am Ende seinen Willen – und die Frau kriegt, ist klar. Columbina muss ihn nun nicht nur aus-, sondern auch erhalten. So wie Beatrice ihren mittellosen Florindo und Rosa den arbeitsscheuen Silvio. Denn freilich gibt’s ein dreifaches Happy End für die Herren. Vor allem Silvio hat das große Los gezogen. Sein Schwiegervater in spe ist schließlich, so sagt er, der „Kaufmann von Venedig“. Na dann. Ein Bravo allen Beteiligten!

www.festspiele-stockerau.at

Wien, 29. 6. 2016

„Der Fall Furtwängler“ …

Oktober 23, 2013 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

… im Theater Scala

Bild: Theater zum Fürchten

Bild: Theater zum Fürchten

Am 31. Oktober hat im Theater Scala, Wiener Sitz von Bruno Max‘ „Theater zum Fürchten“, Ronald Harwoods Stück „Der Fall Furtwängler“ Premiere. Berlin 1945:  Ein amerikanischer Major lässt sich den berühmten Dirigenten Wilhelm Furtwängler zur Entnazifizierung kommen. Dass alle Welt und sogar sein Stab den Maestro als regimekritisch und genial loben, hindert den kunstfremden Offizier aus der Neuen Welt, für den Furtwängler nur ein ihm unbekannter „Bandleader“ ist, nicht daran, an der politischen Unschuld des Künstlers zu zweifeln.  Er will es nicht zulassen, dass die Deutschen sich bereits wenige Monate nach Kriegsende hinter ihren eigenen Leiden als Verlierer verstecken und ihre Verantwortung für Völkermord und Weltkrieg abstreiten. Aber trägt ein „Unpolitischer“ überhaupt eine Mitschuld? Wieviele Konzessionen an ein Regime sind verzeihlich? Gibt es Sonderregelungen für „begnadete Künstler“? Ist der Kulturschaffende in der Diktatur „Hüter des Lichts“ oder nur Alibi der Unterdrücker? Was bedeuten überhaupt noch Mozart und Beethoven nach Auschwitz? Ein packendes und geistreiches Duell nach einer wahren Begebenheit, bei dem es sowohl den anderen Figuren des Stücks  als auch dem Publikum schwer gemacht wird, sich schnell auf die eine oder andere  Seite zu schlagen. (Der englische Originaltitel lautet daher auch „taking sides“…)

Inszenierung: Rüdiger Hentzschel. Es spielen: Jörg Stelling, Daniel Keberle, Hermann J. Kogler, Florian Graf, Natalie Ananda Assmann, Monika Pallua.

www.theaterzumfuerchten.at/theater-scala.htm

Wien, 23. 10. 2013

Neu im Kino: „Die Werkstürmer“

August 9, 2013 in Film

Das Leben ist ein Arbeitskampf

Bild: © David Ruehm / Thimfilm

Bild: © David Ruehm / Thimfilm

Ein charmantes Schlitzohr, eine aufmüpfige Gewerkschaftsanwältin und der steirische Erzberg: Hilde Dalik („Die Lottosieger“) und Michael Ostrowski („Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott“) geben sich einen romantischen Schlagabtausch in der temporeichsten Komödie des Sommers. – Seit 25. Juli im Kino.

Inhalt: Patrick Angerer (Ostrowski) hat keine Sorgen. Er arbeitet im örtlichen Stahlwerk und hat alles, was ihn glücklich macht: Stammtisch, Haberer und seinen Fußballverein. Nur die Freundin Babs (Dalik) ist abhanden gekommen, sie ist jetzt Gewerkschaftsanwältin im fernen Wien. Kompliziert wird Patricks Leben erst, als Babs ins Dorf zurückkommt und die Lohnverhandlungen im Werk führen soll. Da ist nämlich gar nichts mehr in Ordnung, seit ein Investmentkonzern übernommen hat. Jetzt muss Patrick zeigen, dass auch er für das kämpfen kann, was ihm wirklich wichtig ist – also vor allem für die Babs. Ein scharfzüngiges Pärchen, das Regisseur Andreas Schmied für seine Screwball-Comedy, mit großem Witz, viel politischem Gespür und noch mehr Action arrangiert hat.

„A working class hero is something to be

If you want to be a hero well just follow me“.

(John Lennon)

Interview mit den Hauptdarstellern Hilde Dalik und Michael Ostrowski:

Wie sehen Sie die Figuren, denen Sie beide Ihre Gesichter leihen? Wie funktionieren Patrick Angerer und Babs Brossmann? Welche Entwicklungen machen sie durch? Was mussten sie noch lernen?

Hilde Dalik: „I hob an Schritt gmocht in a Richtung, die dir net taugt hat, und des war’s mit uns. Du hast mi sitzen lassen, Patrick.“ sagt Babs zu Patrick. – Babs kommt zu Beginn des Films in ihr Heimatdorf zurück und findet im Laufe des Films ihre Wurzeln wieder. Sie hat sich von sich selbst entfernt und macht eine Reise, die sie, ob sie will oder nicht, wieder zu sich selbst zurückbringt. Babs lernt, dass sie sich weiterentwickeln kann, ohne, dass sie ihre Wurzeln abreißen muss.

Michael Ostrowski: Ich kann nicht genau sagen, wie der Patrick Angerer funktioniert. Ich hab das Drehbuch gelesen und gewusst, ich kann den gut spielen, weil ich ihn im Großen und Ganzen verstehe. Er redet so, dass ich weiß, was er meint (was sehr hilfreich ist, wenn man was spielen soll). Ich erkenne die meisten seiner Handlungsmotive und finde nachvollziehbar, was er tut oder in seiner Vergangenheit getan hat. Aber es gibt auch Dinge, die ich nicht weiß. Ich glaube, ich nähere mich einer Figur aus zwei Richtungen gleichzeitig: aus einer oberflächlichen (wie schaut er aus, was hat er an, wie schaut sein Bart aus, hat er vielleicht ein Flinserl etc). Das ist genauso wichtig wie die andere Richtung, die von innen heraus kommt. D.h., ich muss ihn zum größten Teil verstehen und nachvollziehen können, warum er was macht. Ich muss also seine Charakterlichkeit annehmen und versuchen so zu handeln, wie es für die Figur richtig und logisch ist. Und jetzt kommen wir wieder zu den Dingen, die ich nicht genau weiß. Das sind jene Sachen, auf die man draufkommt, während man spielt. Diese Dinge kann man sich nicht überlegen, die kann man nur finden oder man stolpert drüber. Das sind vielleicht die interessantesten Momente beim Schauspielen, und oft ist es einem selber gar nicht bewusst. Ich glaube, die lässigen Rollen haben immer mit einem selbst zu tun und bringen Dinge zutage, derer man sich nur bedingt bewusst war. Diese Rolle ist zu  mir geflogen gekommen wie das Vogerl, das sich auf den Fuß setzt, aber der Gruß war nicht von der Mutter, sondern vom Andreas Schmied. Danke schön.

Das Drehbuch der „Werkstürmer“ kam nicht nur bei Novotny und Glehr gut an, sondern eroberte auch bei den Förderanstalten die Herzen. Was macht den unverwechselbaren Charme von „Die Werkstürmer“ aus?

Hilde Dalik: Der Film lebt unter anderem von den vielen Figuren, die ihre Stärken und Schwächen haben. Man mag sie sofort, meint, sie schon lange zu kennen.

Michael Ostrowski: Und: Der Film beschreibt ein für Österreich neues Genre. Arbeiter-Drama trifft auf Komödie, ein bisserl romantisch ist es auch noch. Es ist im besten Sinne kommerziell, das heißt es holt sein Publikum gut ab, man kann sich identifizieren und mit den Figuren mitleben und mitempfinden. Das gefällt den Kommissionen sicher gut. Außerdem funktionieren die Dialoge, sie wirken nicht papierern, auch das ist selten. Aber abseits vom Drehbuch war der Formwille des Regisseurs sehr stark, Licht und Kamera sind absolut wichtig und wurden in der Vorbereitung sehr stark miteinbezogen, es gab ein Farbkonzept, vor allem bei Kostümen und der Ausstattung. Das hebt diesen Film meiner Ansicht nach stark von anderen Kinoproduktionen ab, die einfach abfilmen, was passiert – was bei Charlie Chaplin super ist, aber sonst filmisch eher langweilig. Hier wurden Kinobilder gebaut und nicht nur talking heads abgefilmt (und damit meine ich nicht die Band!).

„Die Werkstürmer“ thematisiert Existenzängste, Wirtschaftsrückgang, Ersatzarbeiter, Venture-Unternehmen, … Ihr Metier ist auch nicht das Sicherste, obwohl Sie beide sehr gut im Geschäft sind. Sind die Themen des Filmes trotzdem auch Themen, die Sie beschäftigen und betreffen?

Hilde Dalik: Ich persönlich versuche meinen Ängsten nicht allzu viel Raum zu geben. Das Thema des Films ist natürlich sehr aktuell.

Michael Ostrowski: Als Künstler lebt man meistens unsicher. Nur wenige haben irgendeine fixe Anstellung bzw. wissen wirklich, wie’s im Leben und in der Arbeit weitergeht, insofern beschäftigt mich das Thema natürlich. Aber gleichzeitig hat man den Luxus, gesellschaftspolitisch relevante Themen künstlerisch zu behandeln. In unserem Fall sind wir sogar auch noch dafür bezahlt worden, das ist schon einmal nicht schlecht. Eine offene Gesellschaft sollte sich diesen Luxus auch leisten, weil wir in einer künstlerischen Arbeit ein anderes Licht auf die Dinge werfen können. Ich kann wirtschaftspolitische Themen anhand konkreter Schicksale greifbar machen. Das kann auch der Journalismus, aber in einem Buch oder einem Film findet oft eine Identifikation des Zusehers mit den Figuren statt, deshalb bleibt uns auch der vom Hauptmann geschundene Woyzeck von Klaus Kinski/Werner Herzog stärker in Erinnerung als ein Artikel, den wir einmal über Erniedrigungen in der Armee gelesen haben.

Schon mal eine menschliche Blockade vor einer Einfahrt gegeben? Gestreikt? Im Sitzen, Stehen, lauthals, leise? – Wie stufen Sie Ihr revolutionäres, kämpferisches Potential ein?

Hilde Dalik: Ich habe einmal in der Schule gestreikt, als unser Herr Direktor ein öffentliches Kussverbot ausgesprochen hat.

Michael Ostrowski: Ich habe in der Schulzeit einmal in Liezen eine Demonstration organisiert gegen den illegalen Verkauf der Noricum-Kanonen ins Ausland. Ich war damals Schulsprecher, und es war für uns das Richtige. Unsere Chemielehrerin hat gemeint, natürlich gehören diese Waffen verkauft, wenn sie schon einmal produziert wurden. Wir haben damals nicht verstanden, wie man so denken kann. Heute seh’ ich die Dinge wieder differenzierter. Aber das Lustige ist, dass das jene Fabrik war, in der wir die Innenaufnahmen des Stahlwerks gedreht haben (Maschinenfabrik Liezen, vormals Noricum). Und tatsächlich ist es schöner, wenn dort keine Kanonen zum Umbringen gefertigt werden, sondern irgendwelche Schrauben oder Turbinenteile oder Drähte. Ich hab auch einmal die Ennsauen besetzt, als geplant war eine Autobahn durch diese Naturschutzgebiete zu bauen. Das freut mich heute noch, dass diese Straße damals verhindert wurde.

Über dem Kopf des gemütlichen Patrick kreist die Frage: „Wie willst du sie zurückgewinnen, wenn du nicht um sie kämpfst? Du ziehst immer den Schwanz ein, wenn’s ernst wird.“ – Was ist es, wofür Sie kämpfen (würdet)? Was lässt Sie Ihre Stimmen erheben?

Hilde Dalik: Dafür, dass Flüchtlinge besser behandelt werden. Dass alle Asylwerber, unabhängig vom Rechtsstatus, solange sie in Österreich sind, eine Grundversorgung erhalten. Dass sie frei über ihren Aufenthaltsort entscheiden können und dass es keine Transfers gegen den Willen der davon Betroffenen gibt. Dass Asylwerber einen Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Bildungsinstitutionen und Sozialversicherung haben. Und dass alle Abschiebungen nach Ungarn – und andere Abschiebungen nach Dublin-II-Verordnung – gestoppt werden! Dass sozioökonomische Fluchtmotive anerkannt werden! Es wäre auch wichtig, eine unabhängige Instanz einzurichten, die negativ beschiedene Asylverfahren inhaltlich überprüft …

Michael Ostrowski: Ich finde Ungerechtigkeiten schwer zu ertragen. Warum sollen manche Menschen vom Recht auf Nahrung ausgenommen sein? Vom Recht auf freie Meinungsäußerung? Warum gibt’s so unglaubliche Armut – und daneben so unermesslichen Reichtum? Ich glaube an eine gesellschaftliche Verantwortung jenen Menschen gegenüber, die Hilfe brauchen. So einfach ist das. Und ich wehre mich gegen eine grassierende Biederkeit, die gerne alles erklärbar machen will in der Kunst und alle Ausrisse aus der scheinbaren Normalität zurechtbiegen will. Eine gut gemeinte Unverbindlichkeit, die nichts mehr riskiert.

Michael Ostrowski ist recht viel im Fußballtrikot zu sehen – Fußball in der steirischen Provinz spielte in Ihrer Filmographie schon mal eine große Rolle: in „Making of Futbol“. Ja, welche Rolle spielt Fußball denn? Kann Fußball die Welt retten?

Michael Ostrowski: Fußball ist auf jeden Fall besser als kein Fußball. Es ist super zu spielen, es ist meistens spannend anzuschauen, und es ist ein Teamsport, was wiederum nicht schlecht ist, weil man dabei nicht nur sich selbst, sondern auch viele unterschiedliche Leute (aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten) kennenlernt.

Welche „ersten Male“ brachte der Dreh für Sie? Was haben Sie in den Vorbereitungen gelernt?

Hilde Dalik: Ich hab zum ersten Mal in einem Film Steirisch gesprochen. Das ist nicht meine Muttersprache, also hab ich einen Sprachcoach engagiert, der mir den Dialekt beigebracht hat. Der Auftrag vom Regisseur war: „nicht böllen, sondern Stoasteirisch.“ Ich musste viel Kernöl trinken, dann ging’s wie geschmiert.

Michael Ostrowski ist mit der steirischen Provinz vertraut – wie sieht das für Sie aus, Frau Dalik? Gab es Berührungspunkte zum Ort? Unterscheidet sich das Miteinander am Land vom städtischen?

Hilde Dalik: Ich war vor dem Dreh noch nie in Eisenerz und hab gehört, wie rau das Klima in vielen Bereichen sein soll. Vorgefunden hab ich dann Herzlichkeit, Wärme und Sonnenschein, die ihresgleichen suchen. – Und eine märchenhafte Landschaft wie aus „Herr der Ringe“ (und ich meine nicht Mordor!)

Michael Ostrowski: Ja, Land und Stadt sind unterschiedlich. Es gibt am Land andere Gesetze, weil man einander kennt, weiß, woher der andere kommt, wo er wohnt und wer seine Oma ist. Das Thema des Miteinander am Land war schon in Helmut Köppings Film „Kotsch“ (2005) zentral. Der Drehbuchautor Gregor Stadlober kommt aus Fohnsdorf, wo Kotsch spielt, ebenso wie Andreas Schmied. Beide Stoffe verbindet, dass die Industrie langsam verschwindet und die Menschen oft ohne Arbeit zurückbleiben; die Kleinstädte verändern sich, aus dicht besiedelten Industriegebieten werden oft etwas triste Ex-Industriestädte mit großem Einwohnerschwund. In „Kotsch“ schaffen die jungen Protagonisten den Absprung nicht recht. Meine Figur Chris, ein durch sich selbst verhinderter Anti-Künstler, sagt den schönen Satz: „Glaubst i geh nach Wien und lass mi entdecken?!“ Bei den „Werkstürmern“ ist es Patrick, der zwischen den Stühlen sitzt: Er will nicht nach Wien (und gibt dadurch seine Beziehung zu Babs auf), er ist vielleicht stärker in seiner Gemeinschaft verwurzelt als er das sich selber eingesteht. Babs entdeckt dafür ihre Wurzeln wieder neu, als sie zurückkommt und mit der ihr vertrauten Gemeinschaft zu kämpfen beginnt.

Zum Titel „Die Werkstürmer“: Wer sind die eigentlichen „Werkstürmer“? – Die, die aus dem Familienbetrieb etwas Internationaleres basteln wollten? Die, die es aus der Ferne lenken und über seine Zukunft erscheinen wollen? Die, die dort schon immer gearbeitet haben und sich „ihr“ Werk nicht nehmen lassen wollen und es nun verteidigen?

Hilde Dalik: Die Werkstürmer sind die, die sich ihr Werk nicht nehmen lassen wollen. Die Arbeiter, die im Stahlwerk Schweiß und Herzblut lassen. Und die vom FC Falkendorf, da gibt’s allerdings neben den Werkstürmern auch Werkverteidiger und einen Werktormann.

Der bleibende Moment während des Drehs?

Hilde Dalik: Eine sehr lange Kette von glücklichen Momenten hat sich in mein Eisenherz geschweißt!

Michael Ostrowski: Legendäre Tischtennis-Turniere im Keller des Präbichlerhofs! („Die Fritzl-Keller-Open“, wie wir sie liebevoll genannt haben …)

www.diewerkstuermer.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=OHPuWPqFLdQ

Von Michaela Mottinger

Wien, 25. 7. 2013