Birdman

Februar 12, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Michael Keaton ist reif für den Oscar

„Das Glück führt unsre Sache besser, als wir es nur wünschen konnten.” Don Quijote von Miguel de Cervantes

Riggan Thomson (Michael Keaton) Bild: © 2015 Twentieth Century Fox

Riggan Thomson (Michael Keaton)
Bild: © 2015 Twentieth Century Fox

Zu sagen, der Batman hätte ihm den Birdman beschert, hat schon seine Richtigkeit. Immerhin bekam er für den Vogelmann den „Gotham City Award“ als Bester Hauptdarsteller und einen Golden Globe. Nun heißt es Oscar oder nicht Oscar … In Alejandro G. Iñárritus existentieller Komödie „Birdman“ erhofft sich erstmal Riggan Thomson (Michael Keaton) durch seine Inszenierung eines ambitionierten neuen Theaterstücks am Broadway, neben anderen Dingen, vor allem eine Wiederbelebung seiner dahin siechenden Karriere. Zwar handelt es sich um ein ausgesprochen tollkühnes Unterfangen – doch der frühere Kino-Superheld hegt größte Hoffnungen, dass dieses kreative Wagnis ihn als Künstler legitimiert und jedermann, auch ihm selbst, beweist, dass er kein abgehalfterter Hollywood-Star ist.

Doch während die Premiere des Stücks unaufhaltsam näher rückt, wird Riggans Hauptdarsteller durch einen verrückten Unfall bei den Proben verletzt und muss schnell ersetzt werden. Auf den Vorschlag von Hauptdarstellerin Lesley (Naomi Watts) und auf das Drängen seines besten Freundes und Produzenten Jake (Zach Galifianakis) hin engagiert Riggan widerwillig Mike Shiner (Edward Norton) – ein unberechenbarer Typ, aber eine Garantie für viele Ticketverkäufe und begeisterte Kritiken. Bei der Vorbereitung auf sein Bühnendebüt muss er sich nicht nur mit seiner Freundin, Co-Star Laura (Andrea Riseborough), und seiner frisch aus der Entzugsklinik kommenden Tochter und Assistentin Sam (Emma Stone) auseinandersetzen, sondern auch mit seiner Ex-Gattin Sylvia (Amy Ryan), die gelegentlich vorbeischaut, um die Dinge in ihrem Sinn zu richten. Und dann ist da noch sein Alter Ego, seine abgelegte Rolle, der „Birdman“, der sein Superheldendasein nicht zu Grabe tragen will und seinen Darsteller verfolgt …

Iñárritu selbst, so sagt er, konnte sich in vielen Momenten von Riggans Geschichte wieder erkennen, besonders in jenen, die sich mit der vergänglichen Natur des Erfolgs und mit der Frage nach dem, was im Leben wirklich zählt, beschäftigen. „Ich wollte die permanenten Ego-Kämpfe verdeutlichen und die Vorstellung, dass, egal wie viel Erfolg man in Bezug auf Geld oder Ruhm hat, doch alles eine Illusion ist. Es ist zeitlich begrenzt. Wenn man den Dingen nachjagt, von denen man glaubt, dass man sie will, und die Menschen endlich dahin kriegt, dich anzuerkennen, dann entdeckst du bald die Vergänglichkeit dieser Freude.“ Iñárritu sieht Riggan „als eine allzu menschliche Figur“: „ich betrachtete ihn als eine Art Don Quijote, dessen Komik aus dem Missverhältnis, dem permanenten Ungleichgewicht zwischen seinen hochtrabenden Absichten und der trivialen Wirklichkeit, die ihn umgibt, entsteht. Im Grunde ist es die Geschichte von uns allen. Ich liebe jene schwankenden, unsicheren Charaktere, die von inneren Zweifeln und Widersprüchen angetrieben werden … mit anderen Worten, die so sind wie jeder, den ich kenne. Riggans Entscheidungen haben sich als schlecht erwiesen, und das betrifft vor allem die Menschen, die ihm nahe stehen. Während seines ganzen Lebens hat Riggan Liebe mit Bewunderung verwechselt. Und als er schließlich die Belanglosigkeit des letzteren erkennt, muss er auf schmerzhafte Weise lernen, sich selbst und die anderen zu lieben. “

Keaton meint zu seinem Rollencharakter: „Ich betrachtete Riggan einfach als einen Menschen. Allerdings ist das Schauspielerdasein ein Beruf, der eine ganz besondere Art von Persönlichkeit voraussetzt. Man besitzt von vorneherein eine extreme Selbstbezogenheit, hat ein großes Ego. Und hier hat man es mit einem Kerl zu tun, der alle diese Qualitäten besitzt und Amok läuft, um es mal vorsichtig auszudrücken.“ In Riggans gequältem Ego ist die Linie zwischen Realität und Illusion papierdünn – und manchmal überhaupt nicht vorhanden. Der Schatten von Birdman, seines ständigen, nörgelnden Begleiters, ist stets da, ob es Riggan nun gefällt oder nicht. „Er bricht zu einem Selbstbestätigungstrip auf. Es ist eine „Ich“-Reise, ein Ego-Trip. Und als er gegen seine Mittelmäßigkeit kämpft, wiederholt sein Ego, treuer Freund und Quälgeist zugleich, die Verhaltensmuster, die Riggan gerne hinter sich lassen möchte. Es konfrontiert ihn mit seinen vielen Beschränkungen und seinen wahnhaften Zügen.

Dieser Prozess hat gleichzeitig etwas tragisches, komisches, reales und auch etwas sehr surreales an sich“, erklärt Iñárritu. „Birdman ist Riggans Super-Ego, und aus Birdmans Sicht hat Riggan seinen Verstand verloren, wenn er dieses Stück, das sich zweifellos jenseits seiner Liga befindet, inszeniert. Aus Riggans Sicht ist es Birdman, der seinen Verstand verloren hat. Doch aus einer überzeitlichen Perspektive ist beides bedeutungslos. “ Wie in allen von Iñárritus Filmen wirft er auch in „Birdman“ mittels der Filmcharaktere rund um Riggan im Zentrum einen tiefenscharfen Blick auf die menschliche Existenz: ein virtuoser Hochseilakt zwischen Komödie und Pathos, Illusion und Wirklichkeit, der viele Interpretationen zulässt. „Ich habe immer gesagt, dass ab dem Alter von 40 Jahren jene Dinge, vor denen man nicht wirklich Angst hat, es auch nicht wert sind, dass man sich mit ihnen beschäftigt. Und diese Geschichte hat mir auf eine gute Art Angst gemacht. Ich betrat Neuland und befand mich definitiv jenseits meiner gewohnten „comfort zone“, so Iñárritu. „Es geht immer um das Projekt, den Film, die Geschichte, die Menschen, darum, dass es wirklich von Herzen kommt und wirklich etwas bedeutet. Es gibt keine bessere Herangehensweise.“, sagt Michael Keaton.

Der Film konzentriert sich auf die Widrigkeiten und die Qualen von Schauspielern, doch Iñárritu betrachtet ihre Suche nach Erfüllung als eine universelle Sehnsucht. „Die moderne Definition von Erfolg – die Leute wollen sofort berühmt werden statt über Jahre hinweg ein Werk zu erschaffen. In Sekundenbruchteilen kann man 800.000 „likes“ oder „followers“ gewinnen, und für manche bedeutet dies einen Erfolg für sich – doch das ist eine wahnhafte Idee. Die Unmittelbarkeit in den sozialen Medien kann einem leicht eine verzerrte Wirklichkeit vormachen. Und das ist besonders bei Riggan, der die Erwartungen an ihn als eine Berühmtheit erfüllen muss, der Fall. All das ist neu für ihn, dieser Übergang ist schwierig. Dies ist die Geschichte eines Mannes, der zu beweisen versucht, dass er mehr ist als das, mehr als jener populäre „liked“-Typ. Aber in der heutigen Welt mit ihrer alles beherrschenden Ironie wird jeder, der ernst oder ehrlich sein will, gekreuzigt. Es handelt sich um eine absurde, surreale Welt“, führt Iñárritu aus. „Letztlich versuchte ich einfach auf humorvolle Art zu schildern, wie wir versuchen, die Unzulänglichkeiten unseres Menschseins mit den Mängeln und Makeln der Welt und unserer Natur, wenn schon nicht miteinander zu versöhnen, dann doch irgendwie einen gangbaren Weg finden, mit ihnen umzugehen und zu leben.“

Das Stück, das Riggan am historischen St. James Theater aufführen will, basiert auf Raymond Carvers Kurzgeschichte „What We Talk About When We Talk About Love“. Und natürlich ist die wechselhafte Suche nach Liebe und Anerkennung auch der rote Faden, der sich durch „Birdman“ zieht. „Von Kind an war ich ein großer Fan von Raymond Carver, und seine Kurzgeschichte ist ein Klassiker. Ich wählte sie für  deshalb aus, weil es tatsächlich eine sehr vermessene Idee war. Ich versuche immer so zu denken wie der Filmcharakter – und für jemanden wie Riggan, der nicht zum Theater gehört, ist die Aufführung eines Stück nach einer Kurzgeschichte von Raymond Carver ein extrem anspruchsvolles, fast absurdes Unterfangen. Ich brauchte also ein Stück, das aufgeführt werden sollte, und entdeckte diese unglaubliche Übereinstimmung zwischen der Thematik dieser Kurzgeschichte und Riggan, der geliebt werden will und herauszufinden versucht, wo diese Liebe herkommt. Ich wollte damit spielen, dass er Elemente des Stücks auf sein eigenes New Yorker Leben zu projizieren versucht. Und nach und nach wird er zu diesem Charakter, den er spielt, zu diesem verzweifelten Typ, der in ein Motelzimmer kommt und geliebt werden will. Ich war so glücklich, dass Tess Gallagher, die Witwe von Raymond Carver, mir ihr Vertrauen schenkte und so großzügig die Rechte für die Story überließ. Ich bin darüber sehr dankbar“, so Iñárritu.

www.foxfilm.at/birdman/

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=0XA4VsdR08c&&list=PLSFG-1H7VPZogeTsln4NSpv4iyV5tWkmY

Wien, 12. 2. 2015

Lentos Linz: Slapstick!

Februar 27, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Lust am Scheitern

Peter Land: Springtime (Forar), 2010 Bild: Courtesy Galleri Nicolai Wallner

Peter Land: Springtime (Forar), 2010
Bild: Courtesy Galleri Nicolai Wallner

Tortenschlachten, Raufereien, wilde Verfolgungsjagden: Derart zwischenmenschliche Turbulenzen, aber auch die kleinen Fallen des Alltags – wie die tückische Bananenschale – sind zu bekannten Slapstick-Einlagen geworden. Mit dieser großen Kunst der Komik befasst sich die Ausstellung „Slapstick!“, die ab 28. Februar im Lentos Linz zu sehen ist.

Bildende Künstler waren dafür den Meistern, von Charlie Chaplin bis Buster Keaton,  auf den Fersen und machten sich die kulturellen Codes des Slapstick zunutze. Sie spielen in unterschiedlichen Medien gezielt mit Zitaten, Motiven und Konzepten, die dem Genre entlehnt sind. Die Schau stellt zeitgenössische Kunstwerke in den Kontext berühmter Stummfilme. Da korrespondiert etwa Peter Lands unter Ziegeln verschütteter Mann, „Springtime“, mit Harold Lloyds „Safety Last“ aus dem Jahr 1923 (eine Hochhaus-Kletterei, bis der Komiker am Zeiger einer Uhr hängt), Francis Alÿs‘ „Paradox of Praxis 1“ mit Charlie Chaplins Fabrikszene aus „Modern Times“, 1936. Alexej Koschkarows „Tortenschlacht“ ist ebenso zu sehen, wie die „Nose Punch Machine“, der „Fressenpolierer“, von Szymon Kobylarz. Im Mittelpunkt  steht jeweils das Scheitern, auf ganz unterschiedliche und individuelle Weise, mit Humor und auch mit Würde. Das hat natürlich besonderen Charme – vor dem Hintergrund der heutigen Perfektions- und Hochleistungsgesellschaft.

Zu sehen sind Werke von: Francis Alÿs, John Bock, Charlie Chaplin, Clyde Bruckman,  Carola Dertnig, Marcel Duchamp, Robert Elfgen, Peter Fischli/David Weiss, Rodney Graham, Jeppe Hein, Buster Keaton, Szymon Kobylarz, Alexej Koschkarow, Peter Land, Louis Lumière, Gordon Matta-Clark,  Bruce McLean, Steve McQueen, Bruce Nauman,  Fred C. Newmeyer,  Vincent Olinet,  James Parrott, Wilfredo Prieto, Charles Reisner, Edward Sedgwick, Mack Sennett, Timm Ulrichs, John Wood und Paul Harrison.

www.lentos.at

Safety Last: www.youtube.com/watch?v=QEcTjhUN_7U

Modern Times: www.youtube.com/watch?v=tfw0KapQ3qw

Wien, 27. 2. 2014