Art Carnuntum: Thyestes

Juni 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Krauthappln als abgetrennte Kinderköpfe

Überbackene Krauthappln als abgetrennte Kinderköpfe: Thyestes (Robert Waltl) wird gewahr, was Atreus (Marko Mandić) ihm angetan hat. Bild: © Barbara Pálffy

Eine Art archaisch anmutender Obertongesang, noch ist es Stammvater und erster Sünder Tantalus, der ihn singt, geht in den wummernden Ton einer E-Gitarre über. Eine furchterregend sinistre Soundkulisse entsteht, bis später ein Knabe einfach vor sie tritt und leise Geige spielt. Eine Anspielung auf den Lyra spielenden Kaiser? Derlei Hinweise findet mehrere, wer mag …

Art Carnuntum startet das Welt-Theater-Festival 2017 mit Lucius Annaeus Senecas „Thyestes“. Seneca, genannt der Jüngere, Stoiker und Erzieher von Nero als Thronfolger, von Zeitgenossen – vor allem Tacitus – bereits angefeindet, über Wasser zu philosophieren, aber an der Herrschertafel den besten Wein zu trinken, schließlich von Nero zum Selbstmord veranlasst, war auch Verfasser der einzigen erhaltenen Tragödien der römischen Antike.

Er schrieb sie wohl auch zu Erziehungszwecken, um dem künstlerisch fanatisch begabten Nero ein paar Lehren zu erteilen. Schrieb bereits psychologische, weitestgehend „gottlose“ Dramen, in denen es um Laster, Wahn und die Hybris von Herrschern geht. Schrieb über Zorn als seelische Veranlagung und Aggressivität, die in der menschlichen Natur liegt. Legte also quasi auf der Bühne dar, wie’s zuging im Julisch-Claudischem Hause – und das war ja bekanntlich nicht so weit von den griechischen Horrormythen entfernt.

Nun also „Thyestes“. Eine der grausamsten, wenn nicht die grauslichste aller Familienstorys, die Hellas zu bieten hat. Regisseur Ivica Buljan, vergangenes Jahr mit dem New Yorker La MaMa Theatre und „Pylade“ in Carnuntum zu Gast (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21209), hat sie als Koproduktion des Mini theater Ljubljana, Novo kazalište Zagreb, Zadar snova und Silba Environment Art inszeniert. Und auf den Kern der Sache reduziert. Von den fünf verfluchten Frevlergenerationen zeigt er gerade eineinhalb in gerade mal eineinhalb Stunden. Und er hat wieder seinen Star ins Amphitheater mitgebracht: Marko Mandić. Der gibt allerdings nicht den Titelantihelden, sondern den Schurken des Stücks – dessen Bruder Atreus.

Atreus bespricht den Mordplan mit seinem Berater: Marko Mandić und Benjamin Krnetić. Bild: © Barbara Pálffy

Atreus belauscht seine Ahnen Pelops und Tantalus: Milena Zupančič in Karton-Kothurnen und Gregor Prah. Bild: © Barbara Pálffy

Atreus, König von Mykene, wird von seiner Ehefrau mit Thyestes betrogen. Der so Gehörnte schwört bitterste Rache und tötet Thyestes’ Söhne – wiederum einen Tantalus, Plisthenes und einen namenlos bleibenden Knaben -, um sie ihm als Hauptgang beim Festmahl vorzusetzen. Der ruft danach die Götter an, aber Oh weh! Die in der Mythologie nun folgende Aigisthos-Episode lohnt es sich jedenfalls nachzulesen …

Buljan lässt die ganze antike Anlage des Amphitheaters bespielen. Die Schauspieler turnen nicht nur über die Bühne (diese und die Zuschauerreihen sind bei Art Carnuntum überdacht), sondern auch über die römische Befestigungsmauer (auch die sehr gute deutsche Übersetzung wurde auf die Steinmauer projiziert) und rollen sich atemberaubend gefährlich über den dazugehörigen Erdwall. Wie immer, wo Mandić draufsteht, geht es um völlige Verausgabung, um einen theatralen Trancezustand, um Wahnsinn, der die Könige mehr und mehr regiert. Und seine Darstellerkollegen tun es ihm gleich, als gäb’s in Slowenien keine Versicherung für Schauspieler.

Die Aufführung ist wild und ekstatisch, sehr körperlich, nackt und bloß, gewaltig und gewalttätig. Niemand schont sich – und schon bald ist ein Ellenbogen, der von Gregor Prah, aufgeschürft. Mandić selbst ist eine Urgewalt, ein Schauspielgott unter den Sterblichen, denn in seiner Darstellung stets larger than live. Wie er seine Wut ins Amphitheater schreit, dieser zornige Intrigant, wie er um die Gunst des Publikums buhlt, mit ihm verschwörerisch augenrollende Blicke tauscht, wie er vorgibt, mit dem Bruder den Thron teilen zu wollen, und ihn erst einmal mit Früchten abfüttert und mit Wein trunken macht, dann selbst die Rache auskostet – Mandić ist ein Paradebösewicht.

Robert Waltl, ganz golden geschminkt, gibt dazu den Thyestes als leichtgläubigen, gutmütigen Familien- und Sinnenmenschen, höflich gesagt, man könnte auch sagen: den Völlerer, der frisst und säuft und rülpst, während hinter ihm seine Kinder zur Opferung in den Tempel verschleppt werden. Es folgt ein ausführlicher Metzelbericht vom „Boten“ Benjamin Krnetić, dem unter anderem diese Rolle zukommt. Eine Detailbeschreibung der Gliederabtrennungen und deren Zubereitungsarten, da muss man schon hartgesotten sein, um dieses Menschengrillfest auszuhalten.

Na, dann Prost! Noch gibt es Wein und Früchte: Robert Waltl und Marko Mandić. Bild: © Barbara Pálffy

Schon ganz der Vater: France und Voranc Mandić üben sich als zwei der Söhne des Thyestes im Schaukampf. Bild: © Barbara Pálffy

Mandićs Söhne France und Voranc sind als die jüngeren beiden Thyestes-Söhne zu sehen, und eindeutig fließt in den Adern der beiden Vaters Theaterblut. Sie zeigen gleich beim ersten Auftritt mit einem Schaukampf, was sie können, doch lässt ihr kindlicher Übermut sie nie aus der Rolle fallen. Gregor Prah schließlich spielt Tantalus mal zwei, den den Eingangsmonolog führenden Urgroßvater und den ältesten Sohn des Thyestes, in beiden Rollen ein zorniger junger Mann, der vor Ärger mit den Füßen stampft, dem Frieden sowieso nicht traut – und so durch die Generationen, Milena Zupančič wacht als Pelops auf Kartonschachtel-Kothurnen am Rande der Bühne über das Familienunglück, Anklage zu erheben.

Buljans Interpretation des „Thyestes“ ist ein hypnotisches Theaterereignis, die kluge Bearbeitung eines immerwährenden Stoffes, und hervorragend schonungslos gespielt. Art-Carnuntum-Intendant Piero Bordin hat einmal mehr eine Bühnensensation zu seinem Festival geholt. Man freut sich schon auf die kommenden Wochen.

Das gesamte Programm von Art Carnuntum 2017: www.mottingers-meinung.at/?p=25318

www.artcarnuntum.at

Wien, 25. 6. 2017

Wiener Festwochen: Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt

Mai 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Ecce homo in extremen Bildern

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Wie sie da als gutgelaunte Truppe auf die Bühne stürmen, weiß man schon, das nimmt kein schönes Ende. Sie stellen sich vor, ihre Wurzeln reichen von Bergkarabach bis Bagdad, oder ihre Familien sind einst aus Syrien nach Jugoslawien eingewandert. Tito war ja ein großer Freund Hafiz al-Assads. Sie sind europäische Muslime, dieser Kontinent ist ihr Kontinent, und wie sie gehört auch der Islam hierher.

Sie haben Oliver Frljić kennengelernt, bei H & M oder im Kaffeehaus, und nun werden sie im Schauspielhaus Wien erst geschlagen, dann erschossen oder auf IS-Art geköpft. „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ heißt diese Arbeit, die Frljić im Rahmen der Wiener Festwochen zur Uraufführung brachte und für die er erstmals die Schauspielensembles des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka, er ist Intendant des Hauses, und des Mladinsko Theaters im slowenischen Ljubljana zusammenführt.

Frljićs unbequeme und politisch provozierende Arbeiten werden immer wieder zensuriert, er selbst sogar mit dem Tode bedroht (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=19920). Auch „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ wird manchen ein Stein des Anstoßes sein, befasst sich der 1976 in Bosnien geborene und nach Kroatien geflüchtete Theatermacher doch darin einmal mehr mit dem „christlichen Abendland“ und seinem Umgang mit Muslimen, mit neu erstarkenden faschistischen Strömungen, aktuell mit den Flüchtlingen und den unheiligen Verquickungen von Politik und Wirtschaft. Wie er sich an Europas Geschichte abarbeitet, so wohl auch an seiner eigenen. Denn den Terror, den er aus vermeintlich entlegenen Ecken der Erde zeigt, verbindet er inhaltlich mit dem gegen bosnische Muslime in den Lagern Ex-Jugoslawiens. Und nichts, was Frljić mit theatralen Mitteln darstellen könnte, ist so schockierend wie die in Den Haag eingegangenen Berichte von kastrierten, geschändeten, bis zur Zeugungsunfähigkeit gefolterten Frauen und Männern.

Frljić hat ein Synonym für die Schieflage der Nationen erdacht. Er lässt Uroš Kaurin als dornengekrönten Christus von einem Erdölkanisterkreuz steigen und eine Muslima vergewaltigen. Die ganze Aufführung ist ein Ecce homo in extremen, suggestiven Bildern, siehe, der Mensch, in all seiner Erbarmungswürdigkeit und Brutalität. Gefangene in Guantanamo-Orange müssen ihren Wächtern etwas vorsteppen, an der mazedonischen Grenze spielen Flüchtlinge mit Piepsstimme Kasperletheater, ihre Finger formen ein Hakenkreuz. Eine Frau mit grünem Hidschāb zieht sich einen rotweißroten Wimpel aus der Vagina, er wird den Umstehenden zum Heil-Symbol. Ein erotisches Ballett beginnt, nackte, mit arabischer Schrift bemalte Körper, als beschriebe dieser bitterzarte Moment den Anfang allen Lebens, doch schon startet eine ohrenbetäubende Party und Luftballons im Schwarze-Banner-Design fliegen ins Publikum. „Wenn Sie jetzt eine Frage haben?“, fordert Jerko Marčić auf, aber der gesittete Zuschauer hält natürlich im Theater den Mund, so wie er’s gelernt hat – und hat sich damit schon ins Unrecht gesetzt. Man solle hier nicht Balkan-Wundertiere bestaunen, sondern lieber Leben retten, heißt es. Und die Assoziationskette reißt nicht ab.

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Nicht nur die Leute im Saal, auch Alvis Hermanis kriegt sein Fett weg. Wegen seines Ausspruchs zur deutschen Flüchtlingspolitik. „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ ist eine Auftragsarbeit des HAU, des Berliner Theaters „Hebbel am Ufer“. Und Frljić, ja, er provoziert, wie jeder gute Revolutionär vertritt er laut und aufsässig seine Positionen, aber wann wurde ein leiser Mahner je gehört? Er zeigt bis zur Peinlichkeit plakatives Frontaltheater, führt Huntingtons Clash of Civilizations vor, dass es nur so klescht. Im heftig kritisierten Buch heißt es: „Der Westen eroberte die Welt nicht durch die Überlegenheit seiner Ideen oder Werte oder seiner Religion, sondern vielmehr durch seine Überlegenheit bei der Anwendung von organisierter Gewalt. Oftmals vergessen Westler diese Tatsache; Nichtwestler vergessen sie niemals.“ Frljić würde diesen Satz mutmaßlich unterschreiben, ein mutmaßlich gesteuerter Zwischenrufer im Schauspielhaus schreit: „Das wird hier alles einseitig dargestellt!“

Im Gespräch mit mottingers-meinung.at sagt Frljić: “ Wir sollten nicht vergessen, dass der Westen den radikalen Islam geschaffen hat (www.mottingers-meinung.at/?p=19920).“ Und, dass er keinen Wert auf ein Theater legt, das den Konsens sucht. In Leuchtlettern steht an der Bühnenrückwand: Die gegen den Faschismus sind, ohne gegen den Kapitalismus zu sein, wollen ihren Teil vom Kalb, ohne es zu schlachten.

Die Folie, auf die Frljić seinen Text projiziert, ist Peter Weiss‘ epochaler Roman-Essay „Die Ästhetik des Widerstands“. Tausend Seiten über die Möglichkeiten des antifaschistischen Widerstands aus der Sicht der Kunst, von Weiss selbst in die Nähe der Dante’schen Höllenkreise der Divina Commedia gerückt, von ersten Rezensenten in Unverständnis und einer verallgemeinernden Ablehnung alles „Roten“ angefeindet. Frljić lässt auf dem Höhepunkt seiner Hadeswanderung Matej Recer seinem Schauspielkollegen Blaž Šef Gewalt antun. Mit zwangseingeflößtem Schnaps und einem Schweinskopf, den er dem Muslim über das Gesicht stülpt. Auch das keine Erfindung, sondern lediglich eine Ausformulierung: Amnesty International und Human Rights Watch berichten immer wieder von Misshandlungen in Flüchtlingslagern. Wer hier leben will, muss auch so leben wie hier!
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Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Frljić hätte seine Arbeit auch „Unsere Werte und eure Werte“ nennen können, oder besser „Unser Land und unsere Regeln“. Sie ist jedenfalls eine unverzichtbare Analyse der Seinszustände dieser Welt, sie ist ein politisches Pamphlet gegen den demokratisch legitimierten Rechtsschwenk Europas, ein wilder Aufschrei gegen systemische Gewalt – und eine Schweigeminute. Für die Opfer in Paris und Brüssel, in Marea und Azaz.

160.000 Menschen laufen dort gerade um ihr Leben, nur damit an Europas Grenzen das Kasperletheater wieder beginnen kann. Wie zur Versöhnung folgt am Ende eine christlich-islamische Pietà. Aber auch ein Bibelwort. „Also werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein“, zitiert Dragica Potočnjak, dann lacht sie. Zynisch.

Video: www.youtube.com/watch?v=54cE_2PT37E

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Три сестры / Drei Schwestern: www.mottingers-meinung.at/?p=20364

Идеальный муж / Ein idealer Gatte: www.mottingers-meinung.at/?p=20289

Dugne / Nachtasyl: www.mottingers-meinung.at/?p=20221

Der Auftrag: www.mottingers-meinung.at/?p=20189

Látszatélet / Scheinleben: www.mottingers-meinung.at/?p=20141

Città del Vaticano: www.mottingers-meinung.at/?p=20120

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 30. 5. 2016