Wiener Festwochen: Christophe Slagmuylders Plan C

Mai 7, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tägliche Theater-Gesten und zwei Ausstellungen

Kay Sara und Milo Rau: Against Integration. Bild: Heloisa Bortz

Heute stellte Intendant Christophe Slagmuylder seinen Plan C – C wie #Corona – für diesjähigen Festwochen vor, die am 15. Mai hätten starten sollen – und das werden sie auch, als Festwochen 2020 reframed. Zum Auftakt des Festivals wird die Rede von Milo Rau und Kay Sara, die die beiden im Burgtheater hätten halten sollen, am 16. Mai online erscheinen, am gleichen Tag Der Standard eine Beilage beilegen, mit Beiträgen zum Programm und als Forum für die Stimmen jener Künstlerinnen und Künstler, die man im Mai/Juni eigentlich nach Wien einladen wolle. Sie soll Print-Zeugnis eines Festivals sein, das nun nicht stattfindet …

„Von 15. Mai bis 20. Juni wird im Netz Tag für Tag jedes Werk aus dem Programm entsprechend der Chronologie im Festival virtuell angedeutet“, so Slagmuylder über weitere Ideen. Derart wird eine Sammlung kleiner ,Gesten‘ entstehen, mal aus existierendem Material, mal als Einblick in das Entstehen eines neuen Stücks, das seine Uraufführung noch vor sich hat. Bewegte Bilder, musikalische Fragmente, kurze Texte. In Form von Gesprächen, Workshops, Videoclips. Spuren oder Versprechen, in Summe bilden sie eine Art Archiv eines Festivals, das nicht stattfindet …

Nicht vergessen wird auf den realen, öffentlichen Raum. Ab 2. Juni wird Ho Tzu Nyens „No Man II“ die Kärntnertorpassage am Karlsplatz beleben. Und ebenfalls Anfang Juni wird Kurator Miguel A. López einen Prolog zur Ausstellung „And if I devoted my life to one of its feathers?, ein gemeinsames Projekt mit der Kunsthalle Wien, in Form einer Plakat-Aktion ins Freie übersiedeln.

Apropos, Plakat: Statt die Festivalkampagne wie jedes Jahr in den Stadtraum zu tragen, haben die Festwochen Freunde, Mitarbeiter und Künstler gebeten, die Plakate in ihrer derzeitigen Umgebung in Szene zu setzen. Die Beiträgen sind ab morgen in den Social-Media-Kanälen der Festwochen mit den Hashtags #festwochen2020 #reframed zu entdecken gibt. Wer mitmachen und die Welt verschönern möchte, schickt ein Mail mit Adresse an s.preindl@festwochen.at Vermehrt Schönes! Auch in den eigenen vier Wänden.

Die diesjährigen Festwochen-Plakate von Freunden, Künstlern und Mitarbeitern in Szene gesetzt. Bild: © diverse

Ho Tzu Nyen: No Man II, 2017. Bild: Courtesy of the Artist, Edouard Malingue Gallery and Galerie Michael Janssen

And if I devoted my life to one of its feathers? – Jim Denomie: Standing Rock, 2016, Courtesy der Künstler

Intendant Christophe Slagmuylder präsentiert seinen Festwochen-Plan C. Bild: Andreas Jakwerth

„Abhängig davon, was realisiert werden darf und kann“, will Slagmuylder zu einem späteren Zeitpunkt im Jahr ein kleines Programm stattfinden lassen, bestehend aus Stücken, die jetzt im Frühling bei den Wiener Festwochen präsentiert werden sollten. mottingers-meinung.at wird rechtzeitig berichten.

www.festwochen.at

7. 5. 2020

Burgtheater: Dies Irae – Tag des Zorns

Dezember 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Pulp Fiction Apocalypse

Vor der Apokalypse ist postapokalyptisch: Markus Meyer, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Florian Teichtmeister. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Dies ist die Geschichte von einem Mann, der aus dem 50. Stock von einem Hochhaus fällt. Und während er fällt, wiederholt er, wie um sich zu beruhigen, immer wieder: ‚Bis hierher lief’s ganz gut, bis hierher lief’s ganz gut, jusqu’ici tout va bien, so far so good …“ So beginnt der französische Spielfilm „La Haine“ von Mathieu Kassovitz, so begann gestern die Endzeit-Oper „Dies Irae – Tag des Zorns“ am Burgtheater. Felix Rech, brillant als Pentheus in den „Bakchen“ (Rezension:

www.mottingers-meinung.at/?p=34408), saust entlang einer Fensterfassade steil bergab und zählt die Sekunden bis zu seinem Aufschlag, sein Gesichtsausdruck dabei gelassen, denn wie gesagt … Der Sturzflug des Schauspielers via Vidiwall ist nur einer der Wow-schau!-Effekte, den die Materialschlacht zum Thema Weltuntergang in knackigen zwei Stunden zeigt.

Kay Voges, designierter Volkstheaterdirektor, der sich mit dieser Arbeit erstmals dem Wiener Publikum präsentiert, Komponist und Tastenvirtuose Paul Wallfisch, Volkstheater-Voges‘ zukünftiges musikalisches Mastermind, und Dramaturg Alexander Kerlin sind angetreten, um der Eschatologie das von ihr erzeugte Entsetzen wie einen maroden Zahn zu ziehen. Dies mittels einer Pulp Fiction Apocalypse. Als würde der Sterbensschreck grundlos überbewertet, als wäre der Totentanz ein Rock’n’Roll samt Sex & Drugs, und auch Rech darf später, statt auf dem Erdboden sein Ende zu finden, mit Andrea Wenzl Liebe machen, und zwischen diesen Bezugspunkten kleiner Tod, Todestrieb, Todesangst changiert der ganze Abend.

Honi soit, der angesichts dieser Uraufführung denkt, Hausherr Martin Kušej klammere sich einmal mehr an sein Konzept vom männlich-martialisch-dunkelmetallischen Maschinentheater, wiewohl die Bühne von Daniel Roskamp derlei Bildern ähnelt. Anarchie, Kakophonie, das Chaos der Schöpfung sind bei dieser freien Assoziation Programm. Vom Labyrinth der Schauplätze, das über schmale Treppen und Durchgänge ins Innere eines Flugzeugrumpfes, einen Operationssaal, einen Love-Room und ein mit Zivilisationsresten zugemülltes Schlachtfeld reicht. Vom Samplen von Klassik, Rock und Pop, Schubert, Strauss, Britten, Prince – bis zu Carole Kings „I Feel the Earth Move“ als einer Art Leitmotiv.

Katharina Pichler und Mavie Hörbiger. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Felix Rech und Andrea Wenzl. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Felix Rech fällt und fällt und … Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Mit Zitaten von – selbstverständlich und mit Quellenangabe versehen – der Offenbarung des Johannes und des Buchs Hesekiel über Friedrich Nietzsche und Karl Kraus bis Kassandra und Greta Thunberg – Sinnsprüche unzähliger Weltuntergangspropheten entlarvt, ernstgenommen, als Erheiterung gedacht. Die „Rede des toten Christus“ von Jean Paul gibt dem Nihilismusgedanken gehörig Zunder, Hugo von Hofmannsthals „Die Zeit ist ein sonderbar Ding“ aus dem Rosenkavalier passt auch perfekt, all die gesungenen und gesprochenen Brocken aus dem literarischen Steinbruch. Erzählt werden keine einzelnen Geschichten, vorhanden sind weder Plot noch Protagonisten, vielmehr ereignet sich ein Knäuel an Dramen gleichzeitig. Kaleidoskopisch dreht sich ein Panoptikum, dreht sich die Bühne, Voges‘ und Wallfischs Doomsday-Loop gilt für alles und jeden. Man wolle, so Voges im Programmheft, so den „Moment vor dem Ende“ porträtieren, ohne dass der Moment selbst ein Ende finde. Mission accomplished!

Florian Teichtmeister kündigt als Flugkapitän der Air Mageddon den Flight to Gomorra an, schaltet dann allerdings auf Autopilot, um über Gottes Willen zu sinnieren, ergo: Panik bei Passagierin Dörte Lyssewski, nicht nur, weil etliche Mitreisende auf rätselhafte Weise spurlos verschwunden sind, siehe Stephen Kings „Langoliers“, sondern auch, weil die Maschine dabei ist, abzuschmieren. In einer Absteige namens Eden/Ende jagt ein Höhepunkt den nächsten, Live-Koitus mit Darstellern aus der heimischen Sex-Positive-Szene war vor der Premiere ja vollmundig angekündigt worden und natürlich kein Aufreger, und sind Wenzl und Resch wie Romeo und Julia Akt I, so Barbara Petritsch und Martin Schwab dieselben Akt V.

Er auf dem Sterbebett sehnlichst auf eine komödiantische, keinesfalls bitte tragödische Erlösung wartend, sie immer noch unterwegs mit Brautkranz, beide sich ihrem Ende entgegen neigend. Exitus ist, wenn man trotzdem lacht. Markus Meyer macht einen versifften Hotelpagen-Riff-Raff, Sopranistin Kaoko Amano singt, dem Aussehen nach eine yūrei aus der Edo jidai, zum Steinerweichen schön, Elma Stefanía Ágústsdóttir, schon in der „Edda“ ein Gesamtkunstwerk (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35418), ist eine weitere von Voges‘ stolz-aufrechten Frauengestalten und schreitet als solche bedeutungsschwanger wispernd die Spielflächen ab. Mavie Hörbiger und Katharina Pichler agieren als untote Wladimir und Estragon, die ihr Warten auf … wiedergängerisch treppauf, treppab staksen lässt.

Runa Schymanski, Markus Meyer, Elma Stefanía Ágústsdóttir, Felix Rech und Andrea Wenzl. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Martin Schwab, Barbara Petritsch, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Felix Rech. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Materialschlacht auf dem Gräberfeld: Kaoko Amano, Andrea Wenzl und Felix Rech. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Runa Schymanski, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Yana Ermilova. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Die beiden haben den besten, weil clownesken Part, jedenfalls das großartigste Zwiegespräch: „Letzte Nacht bin ich dem Heiland begegnet.“ – „Und was hat er gesagt?“ – „Nichts.“ – „Immerhin.“ Wie aus dem Zauberfüllhorn träufeln Voges und Wallfisch immer wieder Neues, Skurriles, Albtraumhaftes in die Augen und Ohren des Publikums, ihr Multimediaspektakel gleichsam ein Absurdes Theater, in dem die Melancholia die Euphoria, erstere nach Lars von Trier, zweitere laut Sam Levinson, umarmt, die Live-Musik von Wallfisch, Percussionist Larry Mullins aka Toby Dammit und Violinist Simon Goff ein ebenso wichtiger Kitt der Collage, wie die Video-Art von Robi Voigt und die Video- und Lichtgestaltung von Voxi Bärenklau und die Castorf’schen Live-Kameras, heißt: innen spielen, nach außen projizieren – ein Teamwork, das dem A und Ω immerhin etwas Burlesque verleiht.

Führt doch der Weg die Figuren weder Richtung Himmel noch Hölle, sie stolpern vielmehr die Möbiusschleife entlang oder stecken zum Schluss wie Happy-Days-Winnie im Dreckshügel fest. Die Wenzl muss lautstark gebären, Lyssewski trägt als Schwarze Witwe den Seherinnen-Monolog aus der Orestie vor, Weihrauchduft wabert durch den Saal, es gibt Krieg und ein eigentlich längst postapokalyptisches Gräberfeld, Hesekiel 37, 1-14, in dem Runa Schymanski mit Space-Odyssey-Affenmaske nach Knochen wühlt, und die einzig weißgewandete Ágústsdóttir unter den von Mona Ulrich krähenschwarz Eingekleideten lädt zur Black Mass. Teichtmeister fragt via Leinwand den Vater nach dessen Verbleib, Schwab lebt Castellucci-gleich ab, Rech, von der Schubumkehr erfasst, fliegt nun hinan. Ob sich so das Volkstheater füllen lässt?

Fazit: „Dies Irae“ ist mehr Ausstattungs- als Sonstwas-Oper, Schauwert schlägt Story, weshalb sich Sinnsucher sinnlos im Hightech-Dickicht verirren. Die Technikabteilungen des Burgtheaters liefern eine Leistungsschau vom Feinsten, sie halten das Perpetuum mobile gekonnt in Bewegung, und aus dem Off kommt „Was ist los?“ – „Das Ende kommt.“ – „Das Ende?“ – „Vermutlich.“ Und wenn sie nicht gestorben sind, querverweisen sie noch heute.

www.burgtheater.at

  1. 12. 2019

Kay Voges wird neuer Volkstheaterdirektor

Juni 7, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er bekommt zwei Millionen Euro mehr von der Stadt Wien

Von Dortmund nach Wien: Der künftige Volkstheaterdirektor Kay Voges und Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler. Bild: Christian Jobst/PID

Kay Voges wird mit der Saison 2020/21 neuer künstlerischer Direktor des Wiener Volkstheaters. Das gaben Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler  und die Vorständin der Volkstheater Privatstiftung Judit Havasi heute vormittag bekannt. Der 47-jährige Theatermacher, seit 2010 Intendant des Schauspiel Dortmund, kündigte als erste Überlegungen ein „niederschwelliges Theater“ und eine „Factory für Theaterkunst in ästhetischer und politischer Auseinandersetzung mit der Gegenwart“ an.

„Das Zentrum des Hauses wird ein Ensemble sein. Ich möchte gern das Ensemble vergrößern“, so Voges. Daneben soll auch der Bereich Performing Arts und der Bereich Musik gefördert werden. Und: „Die Digitalisierung wird für mich eine wichtige Rolle spielen.“ Es sei etwas ganz besonderes, in eine theaterverrückte Stadt berufen zu werden, freut sich Kay Voges: „Im Volkstheater wird es Gegenwartstheater geben, wie es gute Tradition dieses besonderen Hauses ist. Das Volkstheater ist für alle da. Es ist ein Ort der Begegnung, zum Feiern und Reflektieren. Wir wollen Geschichten erzählen mit Menschen aus Fleisch und Blut. Das Volkstheater wird die Türen weit öffnen und mit der Stadtgesellschaft kommunizieren. Ich arbeite dafür, dass das Volkstheater lokal wie auch international eine Strahlkraft entwickelt und in der reichen Theaterkultur Wiens als das fortschrittlichste wahrgenommen wird.“

Unter Voges‘ Ägide belegte das Schauspiel Dortmund in der Kritiker-Jahresumfrage von Theater heute  dreimal in Folge den zweiten Platz als Theater des Jahres im deutschsprachigen Raum. 2017 wurde er mit seiner Inszenierung „Die Borderline Prozession“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Seine Inszenierung von „Der Theatermacher“ nach Thomas Bernhard kam dieses Jahr immerhin in die engere Auswahl. Wie Voges als Regisseur arbeitet, lässt sich ab Dezember am Burgtheater überprüfen, wo er Paul Wallfischs Endzeitoper „Dies Irae – Tag des Zorns“ inszenieren wird (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=33571).

Bekanntlich war der Findungsprozess für die Nachfolge von Anna Badora zeitweise ausgesetzt worden, da laut eingesetzter Jury nur mit einer „substanziellen Anhebung der finanziellen Ausstattung“ eine Neuaufstellung des Hauses möglich sei. Erst als die Stadt eine solche Aufbesserung der derzeitigen jährlichen Gesamtförderung von etwa 12,4 Millionen Euro in Aussicht stellte, wurde die Suche wiederaufgenommen. Nun kommen zwei Millionen mehr von der Stadt Wien, aber, betonte Kaup-Hasler bei der Vorstellung Voges‘, „die dritte Million gebe ich nicht auf“. Weshalb sie es „für eine dringende Notwendigkeit“ hält, „dass der Bund nachzieht“.

www.volkstheater.at

7. 6. 2019

Theater in der Josefstadt: „Wie im Himmel“

November 8, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Titel ist Programm

Thomas Mraz (Holmfrid), Peter Scholz (Arne), Alma Hasun (Lena), Christian Nickel (Daniel Daréus), Therese Lohner (Siv), Sona MacDonald (Inger), Christian Futterknecht (Erik), Matthias Franz Stein (Tore) Bild: © Erich Reismann

Thomas Mraz (Holmfrid), Peter Scholz (Arne), Alma Hasun (Lena), Christian Nickel (Daniel Daréus), Therese Lohner (Siv), Sona MacDonald (Inger), Christian Futterknecht (Erik), Matthias Franz Stein (Tore)
Bild: © Erich Reismann

Denn „Wie im Himmel“ fühlt man sich tatsächlich. Das Theater in der Josefstadt zeigt Kay Pollaks oscarnominierten Film als Bühnenfassung – und beweist damit einmal mehr, was nicht mehr bewiesen werden muss: Dass das Haus über ein wunderbar harmonisches, bei dieser Produktion in doppelter Bedeutung: über ein im Einklang stehendes Ensemble verfügt. Auch Regisseur Janusz Kica und der für die Musik zuständige Komponist Kyrre Kvam sind ganz in ihrem Element. Der im Text beschworene „Grundton“ stimmt. piano bis mezza voce. Ohne, dass die Dynamik zu kurz kommt. Poetisch lyrisch, wenn zu Beginn Schneeflocken den Vorhang aufwehen, wenn der von einem Herzinfarkt aus der Laufbahn geschleuderte Dirigent Daniel Daréus in Unterwäsche in Embryohaltung da liegt. Einer, der neu geboren werden will, und auf diesem Weg Hebamme für eine Kleinstadt, für eine ganze Gesellschaft ist. Und dafür sforzato mit Gewehr, Axt und Fäusten bedroht wird. Da wird der Klang spröde, splitterig, steinhart. Dorffriede? Von wegen.

Christian Nickel spielt den Daniel. Ein Glück. Nickel kann von Geige bis Klavier sein musikalisches Talent ausleben – und erstmals auch einen Chor dirigieren. Der „Chor im Hemd“, musikalische Leitung: Andreas Salzbrunn, unterstützt die Josefstädter. Nickel rührt ans Herz, das seine Rolle bis zum Umfallen erschöpft hat. Was im Film Rückblende ist, erzählt er: seine Kindheit, der verspottete „Daniel mit der Fiedel“, seine von seinem Genie überzeugte und es fördernde Mutter, eine nicht mehr unter uns weilende, dennoch omnipräsente Figur, Grausamkeiten, die einen Bratscher in den Freitod trieben – der Perfektionist erwaretet auch von anderen Perfektion, Blitzlichtgewitter über dem Star, seine Rückkehr ins Heimatdorf. Warum? Er weiß er selber nicht. Und gerät als neuer Kantor des Kirchenchors in eine Spirale von Intoleranz, Verklemmtheiten, ständig läutenden Handys (diesmal auf der Bühne, nicht im Zuschauerraum) und Eifersucht – von den Männern wegen der Frauen; von den Frauen wegen Sex. Kica lässt statt Überblendungen mehrere Szenen gleichzeitig auf der Bühne zu: Vergangenheit – Gegenwart – erträumte Zukunft. Alte Freund- und Liebschaften brechen auseinander, neue entstehen . Doch was Daniel immer wollte, gelingt ihm schließlich: die Herzen des Publikums zu öffen. Der Preis dafür, ein Menschenleben.

In alto i nostri cuori. Sono rivolti al Signore.

Sursum corda. Habemus ad Dominum.

Die großartigen Spieler mit und Gegenspieler von „Daniel“ Christian Nickel sind: Peter Scholz als Arne, geschäftiger, geschäftsmäßiger Autotandler, wie seine Zunft es vorschreibt ein sympathisches Schlitzohr, der für den Chor große Pläne hat – Gesangswettbewerb im Wiener Konzerthaus! Thomas Mraz als sein von ihm verlachter Angestellter „Fettsack“ Holmfried, eine sensible Darstellung eines Außenseiters, der seinem Boss am Ende sagt: Ich vergebe dir. Der noch größere Außenseiter, „Dorftrottel“ Tore, der nach Daniels Gebot: Jeder der mitsingen will, darf, plötzlich Mitglied des Chors sein will. Eine glanzvolle Talentprobe von Matthias Franz Stein, der nicht in die Ich-spiele- einen-geistig-Behinderten-Falle tappt, weder zuviel noch zu wenig macht, sondern einfach liebenswert ist. „Erik“ Christian Futterknecht, der „Florence“ Maria Auersperg spät, aber doch seine Liebe gesteht. „Gabriella“ Maria Köstlinger, die von ihrem Mann „Conny“ Oliver Huether geprügelt wird. Köstlinger ist die zweite „Hauptrolle“ des Abends. Wie ihr der Chor Selbstbewusstsein gibt, wie sie sich emanzipiert, wie sie ihre Kinder nimmt und geht. Natürlich singt sie auch „Gabriellas Lied“. Trotzig. Schön. Vor der Pause. Furchtbar. www.youtube.com/watch?v=u2Vr1ODCUag Mit in alle Richtungen davongelaufener Wimperntusche in den Stäußelsälen aufzutauchen. Conny wird von ihr ablassen, als er ihren Halt in der Gruppe erkennt, er wird in Handschellen enden. Huether mit Tränen in den Augen. „Olga“ Maria Urban, die sich von Siv nicht mehr deren Willen aufzwingen lässt. Therese Lohner ist eine prächtige bigotte „Betschwester“, die die verdorbenen Sitten im Chor – einer liegt auf des anderen Bauch und horcht auf dessen Atmung! – anzeigen MUSS. Das hat was von Hexenjagd, auch wenn ihr Busen nach Daniel bebt. Verlangen ist eine Sünde. Weswegen sie „Lena“ Alma Hasun, ganz junges Ding und Daniels romantic interest, beim Pfarrer denunziert. Der, „Stig“, Michael Dangl, ein Unsympath, wird von Daniels Bewunderer zum größten Gegner. Innerlich versteinert, weil er glaubt, dass Gott das von ihm verlangt, sieht er seinen Einfluss über seine Schäfchen schwinden. Selbst in der Frisur zeigt sich der Gegensatz der beiden: Daniels weiche Locken vs. Stigs zur Haifischflosse gegelter Hinterkopf. Ausgerechnet seine Frau, „Inger“, Sona MacDonald, die dritte Protagonistin, ist die einzige Freidenkerin im Ort. Sie liebt Stig und will wieder geliebt werden, körperliche Hingabe, ein wenig Ekstase für den Hausgebrauch inklusive. Doch der ist nur in seinem Benehmen steif. Bei einem ausgelassenen Fest, bei dem Köstlinger Klavier, Futterknecht Schifferklavier und Scholz Stromgitarre spielen, verrutscht ihr das Hemdchen. Und der Pfarrer greift zur Flinte …

Typisch Protestanten. Dann schon lieber, wie Ottfried Fischer sagt, brachial barock katholisch.

Konfessionen? Egal. „Wie im Himmel“ bereitet all jenen zweieinhalb besinnliche Stunden, die noch bis zur Besinnungslosigkeit Erledigungen zu machen haben, bis „die besinnliche Zeit“ über sie hereinbricht. In diesem Sinne ist es auch stimmig, dass Kica anfangs ein paar Weihnachtsmänner über die Bühne jagt. (Nicht nur das ist) sehenswert!

www.josefstadt.org

www.mottingers-meinung.at/christian-nickel-im-gespraech

www.chorimhemd.com

Wien, 8. 11. 2013

Christian Nickel im Gespräch

November 7, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Wie im Himmel“ an der Josefstadt

Christian Nickel (Daniel Daréus) Bild: © Jan Frankl

Christian Nickel (Daniel Daréus)
Bild: © Jan Frankl

Nach dem Erfolg der letzten Spielzeit mit “Lady Windermeres Fächer” ist “Wie im Himmel”, Premiere am 7. November im Theater in der Josefstadt,  die zweite Zusammenarbeit von Christian Nickel und Regisseur Janusz Kica. 2005 wurde der erfolgreiche Kinofilm für den Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ nominiert. „Wie im Himmel“  war der erste Film des Regisseurs Kay Pollak seit 18 Jahren. Pollak hatte die Regiearbeit 1986 aufgegeben, nachdem der schwedische Ministerpräsident Olof Palme nach einem Kinobesuch ermordet worden war. Nun kommt diese mitreißende, fast spirituelle Geschichte auch auf die Bühne  – mit viel Gesang! Inhalt: Der gefeierte Dirigent Daniel Daréus (Nickel) findet nach einem Herzinfarkt in seinem schwedischen Heimatdorf als Kantor des Kirchenchors eine neue Herausforderung. Nach anfänglichen Schwierigkeiten fassen die Dorfbewohner Vertrauen in ihren neuen Chorleiter und der kleine Chor wächst und wächst … Neuer Zusammenhalt und Unterstützung treffen auf Sorgen und Probleme einzelner Chormitglieder, Bigotterie und Enge des dörflichen Lebens.

 „Musik heilt alle Menschen. Diese Sprache ist universell und überwindet alle Schranken. Das ist eine wunderbare Kraft. „Wie im Himmel“ erzählt von der inneren Reise eines Menschen. Ich wollte, dass das äußere Milieu, das heißt die Landschaft, die gleiche Reise zeigt. Zu Beginn sollte alles kalter, frostiger Winter sein. Am Ende ist es Sommer und alles steht in voller Blüte.“ Kay Pollak

MM: Das Thema von „Wie im Himmel“, könnte man sagen, ist das Herz.

Christian Nickel: Das stimmt buchstäblich wie bildlich. Der Charakter, den ich spiele, Daniel Daréus, ist ein Stardirigent, der nach einem Herzinfarkt in sein Heimatdorf zurückkehrt. Dort wird er Kantor des Kirchenchors – und öffnet auf eine neue Weise die Herzen der Menschen mit Musik. An einer Stelle im Text wird als Metapher über das „erschöpfte Herz“ philosophiert. Nun weiß ich nicht, in wie weit ein Herz medizinisch erschöpft sein kann, aber auf einer psychologischen Ebene ist das sicher möglich. In diesem Sinne haben mehrere Figuren im Stück ein erschöpftes Herz.

MM: Wie würden Sie den Grundton der Figur Daniel Daréus beschreiben?

Nickel: Als Dominantseptakkord in C-Dur – wobei C-Dur die anderen, weniger ihn selbst betrifft. Er ist ein Perfektionist bis zum Herzinfarkt, war zu sich selbst genau so „hart“ wie zu anderen. Da gibt es eine Rückblende, wo er einen Bratscher solo vorspielen lässt und vielleicht Unmögliches von ihm fordert, ihn dann sogar rausschmeisst, worauf hin der sich umbringt. Daniel hat eine dunkle Seite. Er ist entwurzelt, vor allem nach dem Tod seiner Mutter, sein Manager gab ihm einen Künstlernamen – eigentlich heißt er ja Olsson -, und ist auf der Suche nach sich selbst. Als er in seinem Dorf ankommt, hat ihn die schwere Krankheit sanfter gemacht, er will integrativ wirken. Deshalb sagt er: Jeder, der im Chor mitmachen will, darf. Auch – pardon – Dorftrottel Tore.

MM: Und das gefällt nicht allen. „Wie im Himmel“ ist auch das Psychogramm einer Gesellschaft, die in Bigotterie und von der Religion in Gestalt von Pfarrer Stig gefördertem Schamgefühl ertrinkt. Plötzlich kommt einer, der Erstarrungen löst. Ein Katalysator.

Nickel: Stimmt. Stig ist ein Gegenpol, will die Kontrolle über alles.Daniel geht es um die befreiende Kraft der Musik. Deshalb widerstrebt ihm auch der Gesangswettbewerb, an dem Arne, der ambitionierte Manager des Chores, unbedingt teilnehmen will. Daniel will die Macht, die Schönheit der Musik ausloten. Karriere und Ruhm hatte er schon und wurde davon sozusagen nicht satt. Damit muss man sich als Darsteller ins Benehmen setzen: Diesem Wechselspiel aus Angst und freudvollen Emotionen. Ich mag in diesem Zusammenhang besonders die Szene, wo Daniel die Chormitglieder dazu bringt am Bauch des anderen zu liegen, um dessen Atmung zu lauschen, um ein gemeinsamer Klangkörper zu werden.

MM: Die „Macht der Musik“ ist wohl eine, die man auch als Schauspieler heraufbeschwören möchte, weil es heißt: die Herzen anzurühren. Welche Macht hat Musik über Sie?

Nickel: Jede. Ich höre sehr viel Musik, spiele selbst ein wenig Geige und Klavier und ich trete sehr gern zusammen mit Musikern auf. Es war ein Riesenerlebnis, als ich mit Sir Roger Norrington und der Camerata Salzburg eine Tournée mit Egmont gemacht habe – als Sprecher mitten im Orchester – fantastisch!

MM: Das heißt, Sie streben Richtung Bassa Selim?

Nickel (lacht): Soll ich laut aussprechen, was mein Herz sich wünscht? Aber, wenn jemand auf die Idee käme …

 MM: Schon wieder das Herz! Eines scheint mir allerdings: Was Daniel fehlt, ist die Erdung. Er lebt nur in den Sphären der Kunst, hat sich von der „Normalität“ verabschiedet. Das kann auf die Dauer nicht gesund sein.

Nickel: Das denke ich auch. Zum Glück habe ich ein Leben neben dem Theater. Eine Familie, heißt: Kinder, die nicht nur mit Hausübungen auf mich warten, den Wald, die Berge, das Meer … Ich gehe gern segeln, auch wenn ich leider kein eigenes Boot habe …

 MM: Eine handwerkliche Frage: Bereitet man sich speziell darauf vor, einen Dirigenten zu spielen?

Nickel: Ich lasse mich fachlich beraten, ja, mache mir aber keine Illusionen über mein Niveau als Dirgent! Dazu eine Anekdote: Das Josefstadt-Ensemble wird gesanglich vom „Chor im Hemd“ unterstützt. Die sagen mir relativ beinhart, wenn ich etwas falsch mache. Einmal gab ich ein Handzeichen, das für sie offensichtlich sehr eindeutig war, also haben sie ganz aufgehört zu singen. Da war’s aus! Und ich wusste schlagartig um die eigene Wichtigkeit! (er lacht wieder).

 MM: Der Stoff „Wie im Himmel“ ist von Kay Pollak als Film konzipiert, 2005 für den Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ nominiert. Mikael Nyqvist spielt darin den Daniel. Kennen Sie die Vorlage?

Nickel: Ja, ich habe mir den Film angeschaut, als mir Herbert Föttinger die Rolle angeboten hat und war zunächst skeptisch, mochte ihn dann aber. Wie er zwischen der Enge des Pfarrsaals und der Weite der schwedischen Landschaft wechselt. Auch das Stück ist insofern filmisch geschrieben, als es aus vielen, kurzen Szenen besteht. Die Weite und den Atem der Landschaft müssen wir hier erfinden, da vertraue ich diesem Regisseur. Und es gibt ein wunderbares Ensemble.

MM: Kyrre Kvam macht die Musik; Janusz Kica macht Regie – ein hochmusikalischer Regisseur. Sie haben schon mit Luc Bondy, Karin Beier, Jan Bosse, Dieter Giesing, Thomas Langhoff, Peter Stein gearbeitet, führen selbst Regie. Was zeichnet Kica aus?

Nickel: Das ist meine dritte Arbeit mit ihm. Ich mag seine leise, bedächtige, dann wieder so erregte Art an die Dinge heranzugehen. Seinen Humor. Er ist wohltuend unaufgeregt. Und er versteht sehr viel von Musik, soweit ich das beurteilen kann.

MM: Weitere Pläne?

Nickel: Offen gesagt keine. Im letzten Jahr habe ich eine Sache nach der anderen gemacht und es gab kaum Zeit zum Luftholen. Auch ist mir diese Rolle sehr wichtig, da ist es mir ganz lieb, dass ich mich voll auf sie konzentrieren kann – ohne schon eine größere neue Aufgabe im Kopf herumspuken zu haben. Aber mein Hunger meldet sich meist sehr schnell.

ZUR PERSON: Christian Nickel wurde in Heilbronn geboren, wuchs in Hamburg auf und erhielt seine Schauspielausbildung in Berlin an der Ernst-Busch-Schule. Nachdem er 1997 als Primislaus in Grillparzers „Libussa“ in der Inszenierung von Peter Stein bei den Salzburger Festspielen debütierte, wurden für ihn die wichtigsten Stationen das Schauspiel Frankfurt/Main und das TAT, das Residenztheater in München und das Burgtheater in Wien, wo er fünf Jahre lang zum festen Ensemble gehörte und unter der Regie von Luc Bondy, Karin Beier, Jan Bosse, Dieter Giesing, Thomas Langhoff u. a. spielte. Einem größeren Publikum bekannt wurde Christian Nickel durch seine Darstellung des Faust auf der Expo2000 in Hannover in der Inszenierung von Peter Stein. In der letzten Saison spielte er am Residenztheater in München den Sala in Schnitzlers „Der einsame Weg“ (Regie Jens-Daniel Herzog) und den Theseus aus Sophokles‘ „Ödipus auf Kolonos“ am Berliner Ensemble/Salzburger Festspiele (Regie Peter Stein), in der laufenden Spielzeit gastiert er am Schauspiel Köln ebenfalls als Theseus in „Phädra“ von Racine/Schiller (Johannes Schütz). Seit 2003 ist er auch als Regisseur tätig und konnte nach seinem Stuttgarter Debüt mit „Emilia Galotti“ Inszenierungen in Hamburg, Salzburg, Karlsruhe und bei den Luisenburgfestspielen in Wunsiedel realisieren u. a. „Clavigo“, „Peer Gynt“, „Faust“, „Cyrano de Bergerac“, „Nathan der Weise“, „Antigone/Das Produkt“, „Die Vermessung der Welt“. Neben einigen Filmarbeiten (Hermine Hunthgeburt, Ottokar Runze, Joseph Vilsmaier, Heinrich Breloer u. a.) wirkte Christian Nickel in Hörspielproduktionen mit und wurde zu zahlreichen Lesungen eingeladen, oft in Verbindung mit Musik u. a. „Egmont“, „Ariadne“, „Tu Axion Esti“. Christian Nickel lebt mit seiner Familie in Wien.

www.josefstadt.org

Wien, 7. 11. 2013