Was uns nicht umbringt

November 12, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Kaleidoskop kleiner und großer Gefühle

Max ist auf den Hund gekommen: August Zirner spielt zum zweiten Mal Sandra Nettelbecks Film-Psychotherapeuten. Bild: Plakatsujet/Thimfilm

Mit ihrer jüngsten Arbeit ist Regisseurin und Drehbuchautorin Sandra Nettelbeck ein berührender, behutsamer Film über die Auf und Abs zwischenmenschlicher Beziehungen gelungen. „Was uns nicht umbringt“ ist definitiv was fürs Herz, und wenn das episodische Großstädterporträt am 16. November in den Kinos startet, wünscht man es zum gleichen Publikumserfolg wie weiland Nettelbecks sympathische Tragikomödie rund um die pedantische Köchin „Bella Martha“.

Diese immerhin in Hollywood mit Catherine Zeta-Jones unter dem Titel „Rezept zum Verlieben“ auf amerikanisch-neu aufgelegt. Aus „Bella Martha“ hat sich Nettelbeck ihre Figur des Psychotherapeuten Max entliehen, er steht nun im Zentrum der Geschichten, die die Filmemacherin mit einem beinah 20-köpfigen, handverlesenen Ensemble erzählt, bei ihm laufen die Handlungsfäden zusammen, sind doch fast alle Akteure seine Patienten – und mit der einen, die’s nicht ist, verbindet Max eine Familienangelegenheit, die den Psychologen selbst ins seelische Straucheln bringt. Mit feinfühlig-leisem Humor entwickelt Nettelbeck im Folgenden ihre mal zutiefst melancholischen, mal merkwürdig grotesken Charakterstudien. Und wie‘s in dieser Art Filmen üblich ist, verknüpfen sich die Episoden natürlich auch untereinander, und allmählich dreht sich das Kaleidoskop der Gefühle als großes Ganzes.

Die komödiantische Schwermut in „Was uns nicht umbringt“, visuell unterstützt vom Hamburger Schietwetter, kommt zuallererst August Zirner (im Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=30404) zupass, der hier zum zweiten Mal den Max verkörpert. Wunderbar gleich seine erste Szene, wenn er sich aus dem Tierheim einen zotteligen Streuner holt, der sich als noch elegischer als er selbst entpuppt. Kaum jemals sah man wohl einen Hund vor der Kamera so wenig tun, meist liegt das Tier herum, und wird dennoch zum fixen Bestandteil von Max‘ Sitzungen – vor allem der schweigsame, sichtlich von einem schlimmen Schicksalsschlag gebeutelte Ben, Mark Waschke spielt ihn, baut zu „Panama“ eine Verbindung auf, wie er’s zu Menschen längst nicht mehr schafft. Bald trifft man einander nicht mehr auf der Couch, sondern zum Gassigehen.

Ex-Ehefrau Loretta ist Max‘ beste Freundin: Barbara Auer und August Zirner. Bild: © Mathias Bothor / Alamode Film

Max verliebt sich in Patientin Sophie: Johanna Ter Steege und August Zirner. Bild: © Marion von der Mehden / Alamode Film

Den Max’schen Kosmos bevölkern außerdem: Barbara Auer als seine Ex-Ehefrau Loretta, der er immer noch freundschaftlich verbunden ist, und die mit dem doch deutlich jüngeren Fabian, David Rott, eine Affäre begonnen hat. Was sowohl sie als auch die beiden Töchter aus der Bahn wirft. Christian Berkel und Victoria Meyer liefern als symbiotisches Geschwisterpaar, das ein Bestattungsunternehmen führt, ein schon kabarettistisch zu nennendes Kabinettstück ab, zu ihnen kommt Deborah Kaufmann als Schriftstellerin, die den gewaltsamen Tod ihres Freundes, eines Kriegsfotografen, nicht verwindet.

Mit dem Sterben ist auch Oliver Broumis‘ Fritz befasst. Sein Lebensgefährte Robert, die Liebe seines Lebens, liegt mit Leukämie im Krankenhaus – doch dessen Familie lässt Fritz nicht zu ihm, weil sie Roberts Schwulsein nicht akzeptieren kann. Broumis zeigt im Film eine der stärksten darstellerischen Leistungen. Die brillanten Bjarne Mädel und Jenny Schily sind als Tierpfleger zu sehen, die ein ziemlich kompliziertes Verhältnis zueinander haben. Von den beiden hätte man gern mehr gesehen, großartig, wie Mädels Hannes versucht, der autistisch veranlagten Frau seine unausgesprochene Zuneigung klarzumachen. Und dann ist da noch die spielsüchtige, immer unter Strom stehende Sophie, gespielt von Johanna Ter Steege, in die sich Max schon beim ersten Therapietermin verliebt. Doch Sophie ist an den ungeduldigen, unwirschen David, Peter Lohmeyer, gebunden …

Was „Was uns nicht umbringt“ auszeichnet ist, dass wohl jeder darin eine Situation finden wird, deren Tragik der Umstände oder Ironie des Schicksals, er selber kennt. Der Cast bewegt sich durch Nettelbecks Geschichten auch mit großer Authentizität. Unaufgeregt und absolut glaubhaft, mit kleinen, präzis gesetzten Gesten wird die Sprachlosigkeit unterstrichen, die den Figuren im Umgang miteinander zu schaffen macht. Wird aber etwas gesagt, sitzen Nettelbecks Dialoge auf den Punkt. Was Nettelbeck als Schluss ihrer Stories über Verluste und neue Verbindungen anbietet, sind keine Happy, aber versöhnliche Enden. All ihre Figuren stellt sie vor eine Entscheidung, die es zu treffen gilt, um einen anderen Lebensweg als bisher einzuschlagen. Wer den Mut dazu aufbringen wird, verrät sie nicht.

Die Tierpfleger Hannes und Sunny haben eine besondere Beziehung: Bjarne Mädel und Jenny Schily. Bild: © Marion von der Mehden / Alamode Film

Einen Kunstgriff hat sich Sandra Nettelbeck erlaubt: Immer wieder tagträumerische Szenen, in denen die Charaktere sich mal zum Besseren, mal zum Schlechteren vorstellen, wie eine Situation für sie sein könnte, bevor die dann tatsächlich stattfindet. Und so beginnt die Handlung für Max mit einer imaginierten Umarmung im strömenden Regen und endet mit einer echten bei Sonnenschein – schöner kann eine Filmklammer gar nicht sein.

August Zirner im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30404

www.facebook.com/WasUnsNichtUmbringt/

  1. 11. 2018

Volkstheater: Der Kaufmann von Venedig

September 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Antisemitismus auch noch Sexismus

Vermögen weg, Tochter weg: Anja Herden überzeugt als hasserfüllte Jüdin Shylock. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In der Pause schwören Insider Stein und Bein, dass hier nichts gefakt sei, dass alles mit rechten Dingen zugehe, und Anja Herden augenscheinlich nicht damit gerechnet hätte, tatsächlich gewählt zu werden. Es sei. Für die Eröffnungsproduktion am Volkstheater hat sich Direktorin Anna Badora einen besonderen Kniff einfallen lassen: Das Publikum kann sich einen von drei Shylocks aussuchen; die Abstimmung wird per Applausometer überwacht. Jan Thümer, später der Lorenzo, der als Conférencier diese Abstimmung leitet, stellt eingangs die Kandidaten vor.

Ein Spiel mit Klischees hebt also an, bevor das Spiel überhaupt begonnen hat, die Frage, die sich stellt, lautet, was einen Juden ausmache – und so stehen zur Wahl: Shylock, der seriöse Banker, Rainer Galke, der traditionelle Wiener Jude, kenntlich gemacht durch seine Schläfenlocken, Sebastian Pass, und eben Anja Herden, die als Geschäftsfrau, noch dazu mit Migrationshintergrund, ausgewiesen wird. Thilo Reuther hat für Badoras Interpretation des Shakespeare’schen Stücks ein Casino auf die Bühne gestellt, man versteht: der Casino-Kapitalismus wird damit aufs Korn genommen, dieses Synonym für hoch risikoreiches Geschäftemachen, wie’s Antonio betreibt.

Beinah unablässig, wie die Roulettemaschine, dreht sich die Bühne, Schicksal ist gleich dem eingespielten Geräusch vom Fallen der Kugel in den Kessel. Und während die venezianische Schickeria mit Jetons um sich schmeißt, taucht die Shylock samt ihrem Geldverleiher-Kabäuschen aus dem Untergrund auf. Mit Anja Herdens Darstellung bekommt die geschichtlich angepatzte Figur eine unerwartet neue Dimension. Eine verdächtig freundliche Fassade hat sich die „Madam“ im Feindesland zurechtgelegt, hinter der brodeln Hass und Wut ob erlittener Demütigungen, und wenn sie mit sanfter Stimme von Antonio sein Pfund Fleisch verlangt, dann ist klar, dass sie sich dafür rächt, von ihm am Rialto angespuckt und als Hündin beschimpft worden zu sein.

Antonio will für Bassanio sein Pfund Fleisch geben: Evi Kehrstephan, Rainer Galke, Peter Fasching, Nils Hohenhövel und Lukas Watzl. Bild : © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bassanio öffnet Portias richtiges Kästchen: Peter Fasching und Isabella Knöll. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Für diese Shylock gibt es gleich drei Ausschließungsgründe aus der Gesellschaft: den Glauben, das Geschlecht, die Hautfarbe. Mehrmals wird darauf hingewiesen. Und so kommt diesmal zum Antisemitismus auch noch Sexismus. Die Männer sind allesamt Unsympathen und Machos. Rainer Galkes Antonio trieft vor ekelhaft verächtlichem Hochmut, Jan Thümers Lorenzo behandelt Evi Kehrstephans Jessica als würde er sie am Nasenring führen, Sebastian Kleins Gratiano ist so antisemitisch wie frauenfeindlich, Peter Faschings Bassanio würde seine frisch angetraute Portia jederzeit für Antonios Wohl opfern. So steht’s bei Shakespeare, und Badora lässt in der dekadenten Spaßpartie leicht homoerotische Tendenzen durchschimmern.

In dieser von den Premierenzuschauern gewünschten Fassung spielt Isabella Knöll die Portia. Auch ihr vom verstorbenen Vater verordnetes Kästchenrätsel ist ein Glücksspiel. Im Glitzerkleid lädt die ganz auf Girlie gepolte Knöll die Werber zum Drehen eines Glücksrads ein, sie moderiert deren Fortune als wär’s eine Fernsehgameshow. In Anlehnung an das berühmte Zitat sagt sie: „All the world’s a game and I am the prize.“

Jan Thümer stellt die drei Shylocks zur Wahl: Rainer Galke, Sebastian Pass und Anja Herden. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Elisabeth Plessens Textfassung lässt einiges weg. So ist etwa Sebastian Pass‘ Rolle als Lanzelot Gobbo reduziert, Günter Franzmeier, der ein möglicher Antonio wäre, fallen diesmal nur die kleinen Parts von Tubal und dem Dogen zu. Marius Huth treibt als Dienerin Nerissa Badoras Spiel um Geschlechterrollen auf die Spitze. Am Ende wird Shylock in einer Fast-Vergewaltigungsszene buchstäblich zu Boden gerungen, während Antonio sich diesmal natürlich standhaft weigert, seine Hälfte von deren Vermögen zurückzugeben. Die schlimme Schmach Shylocks währt aber nur kurz, weil Jan Thümer das Publikum schnell in die Nacht hinaus verabschiedet.

www.volkstheater.at

  1. 9. 2018

Oper. L’opéra de Paris

Januar 15, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Momentaufnahmen eines musikalischen Mikrokosmos

Eine Balletttänzerin, erschöpft nach dem Auftritt. Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit September 2020 wird Philippe Jordan neuer Musikdirektor der Wiener Staatsoper. Wer den Dirigenten jetzt schon in seinem natürlichen Lebensraum erleben will, kann das ab 19. Jänner in den heimischen Kinos im Dokumentarfilm „Oper. L’opéra de Paris“ tun. Der Schweizer Filmemacher Jean-Stéphane Bron folgte mit Amtsantritt Direktor Stéphane Lissner diesem und seinem Team von Saisonstart 2015 an eineinhalb Jahre durch sein Haus. Das Einzigartige daran: Bron hatte davor noch nie eine Oper von innen gesehen. Er hat keine Ahnung, wie solch ein „Schlachtschiff“ funktioniert, weiß nichts über klassischen Gesang oder – die Hausspezialität – Ballett.

Und so folgt der Regisseur seinen Protagonisten neugierig wie ein Tiefseetaucher den faszinierenden und fremdartigen Wesen der Unterwasserwelt. Entstanden ist so ein fabelhafter Einblick in die Welt hinter den Kulissen im Palais Garnier und am Place de la Bastille, Momentaufnahmen eines musikalischen Mikrokosmos, der stets betrachtet, nie kommentiert wird. Dass dabei weder humorvolles, noch tagespolitisches Geschehen zu kurz kommt, ist dem Geschick Brons zu verdanken. So gilt es zu schmunzeln, wenn ein riesenhafter Charolais-Stier für die „Moses und Aron“-Premiere dem Chor Angst und den Verantwortlichen Kopfzerbrechen macht.

Man ist aber auch dabei bei der Schweigeminute für die Opfer des Terroranschlags auf das Bataclan, bei beinharten Verhandlungen mit Kulturminister und Gewerkschaft bis hin zur Streikdrohung wegen der verordneten Personaleinsparungen – oder als Ballettmeister Benjamin Millepied, Ehemann von Schauspielstar Natalie Portman, die er bei den Dreharbeiten zu „Black Swan“ kennengelernt hatte, endgültig das Handtuch wirft. Es ist Lissner hoch anzurechnen, dass er scheint’s keine Tür vor Bron verschlossen hielt, so dass dieser Leid und Leidenschaften hautnah erleben und dahin blicken konnte, wo Schmerz und Schönheit nah beieinanderliegen.

Philippe Jordan am Pult. Bild: © Filmladen Filmverleih

Stéphane Lissner inspiziert sein Reich. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zu einer Balletttänzerin, die nach ihrem Auftritt schwer Luft holend am Boden sitzt, oder zur Gilda-Darstellerin, die hinter der Bühne nach Wasserflasche und schweißtrocknenden Kleenex greift, die ihr die Garderoberin in stummem Verständnis der Lage reicht. Bron gelingt es in seiner anekdotisch-flüssigen Collage, seinem Mix aus Distanz und Nervenkitzel, die Oper als atmenden Organismus mit hohem Pulsschlag zu zeigen. Auf seinem Weg folgt er mehreren Figuren. Lissner, Jordan und Millepied natürlich, mit denen man nicht nur die Vorbereitungen zur Schönberg-Premiere, sondern auch „Meistersinger“-Proben mit Jonas Kaufmann und Bryn Terfel erlebt – samt den üblichen Konflikten zwischen Regisseur, Dirigent und dem sehr selbstbewussten Chor, Streit in den höchsten Tönen, emotionaler Hochdruck vor und hinter dem Vorhang, nur, damit sich all die Enthusiasten danach wieder voll zur Sache begeben.

Bron führt über rote Teppiche und zum Galadiner, als der damalige Präsident François Holland das Haus besucht, durch das Sprachbabylon der Kostümwerkstätten und Proberäume, und immer wieder auch auf die Bühne. Von der Seite lugt er wie ein verirrter Besucher auf das Geschehen „draußen“. Diese Szenenausschnitte kombiniert er mit dem musikalischen Echoraum von Kleinstkonzerten und anderen intimen Begegnungen. Sie grundieren die Dokuarbeit gleichsam emotional.

Der Bulle macht der Belegschaft Kopfzerbrechen. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zu den schönsten Augenblicken des Films gehören da die mit dem jungen russischen Bariton Mikhail Timoshenko, der an der Akademie der Oper aufgenommen wird, und dessen großen, staunenden Augen durchs „Oberdeck“ des Schlachtschiffs man folgt, bis er in einem Gang auf sein Idol Terfel trifft. Der ihm noch dazu verspricht, den „Boris Godunow“, den er sich selbst gerade erarbeitet, mit ihm zu studieren. Ein Glücksmoment. Einer von vielen, die diesen Film ausmachen. Gerne hätte man nur noch gewusst, ob sich der Bulle bei der Premiere tatsächlich so mustergültig verhielt, wie er es bei den Proben versprochen hat …

www.koolfilm.de/Oper/oper.php4

15. 1. 2018

Einen Abend mit Jonas Kaufmann ersteigern

Mai 19, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Künstler schenken sich her. Eine Auktion für Hemayat

Jonas Kaufmann. Bild: Julian Hargreaves/Sony Classical

Jonas Kaufmann. Bild: Julian Hargreaves/Sony Classical

Am 3. Juni ist das große Sommerfest für Hemayat im Palais Schönburg. Auch dieses Jahr gibt es wieder namhafte Unterstützer und Zeitspender für die bevorstehende Benefiz-Auktion zugunsten des Betreuungszentrums für Folter- und Kriegsüberlebende. Bundespräsident Heinz Fischer lädt zu Kaffee und Kuchen in die Präsidentschaftskanzlei, Karim El-Gawhary zu einem Gespräch über den Nahen Osten, Michael Niavarani erst in sein Globe Theatre zu einer Vorstellung, dann in die Theater-Bar.

Barbara Frischmuth bittet zu einer Jause in ihren Garten in Altaussee, Florian Scheuba zu einem gemütlichen Abendessen im „Petz im Gußhaus“, mit Andreas Vitasek darf man einen Tag auf Tour gehen. Julya Rabinowich kommt auf eine private Lesung vorbei. Und auch die Opernstars Angelika Kirschschlager und Jonas Kaufmann schenken den Meistbietern ihre Zeit und ein ganz persönliches Kennenlernen. Ab sofort kann man auf der Webseite des Dorotheum ein Gebot abgeben:

www.dorotheum.com/auktionen/aktuelle-auktionen/kataloge/list-lots/auktion/11845-charity-auktion-zeitspenden-und-kunstwerke-von-hemayat.html

Das Wort „Hemayat“ stammt aus dem arabischen Sprachraum und bedeutet Betreuung und Schutz. Das Betreuungszentrum Hemayat ermöglicht schwersttraumatisierten Flüchtlingen den Zugang zu psychotherapeutischer und medizinischer Hilfe. Nicht nur Erwachsene, auch viele Kinder und Jugendliche, die Folter und Krieg erlebt haben, finden hier Unterstützung. Im Jahr 2015 wurden 753 Menschen, davon 122 noch minderjährig, betreut. Alle Einnahmen aus dem diesjährigen Sommerfest und der Benefiz-Auktion werden der spezifischen Finanzierung von Einzeltherapieplätzen für traumatisierte Kinder und ihre Familien zweckgewidmet. Die Veranstaltung ist zur Gänze ehrenamtlich organisiert.

www.hemayat.org

Wien, 19. 5. 2016

Michael Sturminger im Gespräch

Januar 19, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Casanova Variations“: John Malkovich hoch Drei

John Malkovich, Veronica Ferres Bild: © Amour Fou Vienna

John Malkovich, Veronica Ferres
Bild: © Amour Fou Vienna

Publikum strömt gut gelaunt in die Oper. An der Garderobe werden die Mäntel abgegeben, das erste Glas Champagner getrunken, die Plätze eingenommen. Casanova alias John Malkovich tritt auf – und bricht auf offener Bühne zusammen, das Orchester hört erschrocken auf zu spielen, Kollegen und Bühnenpersonal wollen Erste Hilfe leisten, eine Ärztin aus dem Publikum kommt, um zu untersuchen. Es  ist nicht mehr klar, ob hier der dargestellte Casanova oder der Darsteller John Malkovich einen Schlaganfall erleidet. Doch als im nächsten Moment eine als Dottore verkleidete Sängerin die Szene in ein Commedia dell’arte-Ensemble von Mozart und Da Ponte überführt und unsere Protagonistin hinter einer Tapetentür versteckt zusieht, wie der sterbende Casanova dem Arzt beinahe das Ohr abschießt, um zu verhindern, dass er zur Ader gelassen wird, haben wir bereits verstanden, dass sich hier einer die Freiheit nimmt, zwischen allen Genres zu springen, um schlussendlich zu behaupten: Alles ist Kino! Dieser eine ist Regisseur Michael Sturminger.

In seinem Film „Casanova Variations“ (ab 23. Jänner im Kino) erlebt ein Opernpublikum die Aufführung einer nach Mozart und Da Ponte konzipierten Oper über den berühmten Lebenskünstler und Liebhaber Giacomo Casanova. Der heute nicht minder berühmte John Malkovich steht an der Spitze eines Ensembles aus SchauspielerInnen und SängerInnen. Er gibt nicht nur den Casanova, er scheint auch der Produzent der Aufführung (Malkovich spielt Malkovich hinter der Bühne) zu sein. Parallel dazu erlebt der alternde Casanova (Malkovich zum dritten Mal) im böhmischen Schloss Dux eine letzte Begegnung mit einer Frau, der Dichterin Elisa van der Recke (Veronica Ferres), deren Besuch ihn in vielerlei Hinsicht noch einmal heftig zum Leben erweckt. Zuerst ist sie eine allein reisende Frau, gebildet und attraktiv und damit ein Glücksfall, den er in der Abgeschiedenheit seiner Existenz als Bibliothekar auf einem abgelegenen gräflichen Landsitz nie zu erleben gehofft hätte. Darüberhinaus ist sie eine Gefahr, weil sie als Verfasserin eines bekannten Buches über den Abenteurer Cagliostro zu Ruhm und Reichtum gekommen ist, während der von ihr porträtierte Hochstapler nach dem Erscheinen ihres Buches ruiniert und verarmt verstorben ist. Mit seiner, in vielerlei Hinsicht mit Cagliostro vergleichbaren Lebensgeschichte, hat Giacomo Casanova durchaus Grund, sich vor Elisa in Acht zu nehmen. Elisas Interesse gilt immer deutlicher Casanovas tausende Seiten umfassenden Memoiren und er begreift, dass seine „Histoire de ma vie“ beim Versuch, noch einmal eine Frau zu verführen, als letztes Ass im Ärmel dienen könnte  …
.
Regisseur Michael Sturminger im Gespräch:
MM: „Casanova Variations“ ist ein gewagtes Projekt, das beim Kinozuschauer einiges an Vorwissen voraussetzt.
.

Michael Sturminger: Ich weiß das nicht. Es verlangt vom Publikum eine gewisse Offenheit. Sie dürfen sich nicht davor schrecken, sie müssen sich in die Schönheit von Mozarts Musik, in das spannende Leben Casanovas, in das Charisma des Schauspielers John Malkovich fallen lassen, dann muss man vorher gar nichts wissen und wird alles verstehen. Der Zuschauer darf sich nicht so fühlen, als wäre er in einem fremden Land, in dem er die Sprache nicht spricht. Ich glaube, dass die Handlung ganz unmittelbar ankommt.

MM: Sie möchten also nicht verschrecken, sondern einladen.

Sturminger: Auf alle Fälle. Der Film ist nicht schwer zugänglich. Kommts! Wer mit offenem Herzen reingeht, wird mit vollem Herzen rausgehen.

MM: Der Film entstand aus dem Theaterstück „The Giacomo Variations“. Die Produktion hatte 2011 im Wiener Ronacher mit Malkovich Uraufführung und wurde im Anschluss weltweit gefeiert. John Malkovich und Sie scheinen eine Regisseur-Schauspieler-Beziehung aufgebaut zu haben, wie man sie nicht alle Tage findet.

Sturminger: Ich fühle mich deswegen auch geehrt. Das ist ein Privileg und eine Freude. Wir haben zuvor schon „The Infernal Comedy“ gemacht und CNN hat eine Doku gedreht. Als ich mir die später im Fernsehen angeschaut habe, sagt John über mich: „Nach dreißig Jahren als Schauspieler habe ich endlich meine verwandte Seele gefunden.“ Und ich saß da und dachte: Na, Servus! Das hat mir schon etwas bedeutet.

MM: Nun haben Sie ihn sogar dazu gebracht, zu singen. Nicht schön, aber von Herzen.

Sturminger: Und absolut richtig. Es geht ja in seinen Szenen nicht um Schöngesang, sondern um zur Rolle passenden. Er ist ja Casanova und keine Mozartfigur. Der Name kombiniert mit „Variations“ passt sehr gut zu John, weil er immer wieder Neues ausprobieren will. Das hat ihn an dem Ganzen sehr gereizt. Wie man die Vorstellung und das Dahinter sieht. Wir glauben beide, dass ein kreativer Prozess nur dann im Gange ist, wenn man nichts Fertiges abliefert, sondern jedes Mal im Augenblick Neues schafft. Ich strebe kein Idealbild an, sondern versuche, von Probe zu Probe herauszufiltern was richtig ist. Und umso mehr können dann auch Schauspieler beziehungsweise Sänger ihre eigenen Entscheidungen treffen, über das, was sie zeigen wollen. Das macht unglaublich viele Variationen möglich. Ich will auch nicht wissen, ob einer bei einer Szene sitzt oder steht. Ich bin ja nicht der Mann am Joystick, der das Spiel kontrolliert. Wenn einmal geklärt ist, wie eine Figur tickt, was da drin steckt, dann wird die Intuition beteiligt. Das ist ja das Schöne im Film, am Theater, an der Oper … Freiheit für den Augenblick, nicht etwas einzuhalten, nur weil es irgendwann einmal vereinbart war.

MM: Das ist der Eindruck, den ich auch über John Malkovich im Film hatte. Es gibt Momente, da ist er so bei sich, dass man ihn wahrscheinlich gar nicht unterbrechen könnte.

Sturminger: Und auch nicht wollte. Ja, der Eindruck ist vollkommen richtig. Wir haben ja gewisse Szenen mit der Handkamera gedreht. Und wenn John in dieser Art Trance war, habe ich zu meinem Kameramann André Szankowski gesagt: Halt einfach drauf. Viel Spaß, fang’ ein, was du kannst. So kam es natürlich zu einer Riesenmenge von sehr langen Einstellungen, dafür konnte man beim Schneiden auch größtmögliche Freiheit haben.

MM: John Malkovich ist Hauptdarsteller hoch Drei. Eine der schönsten diesbezüglichen Szenen ist, als „John Malkovich“ hinter der Bühne um ein Autogramm gebeten wird und der Fan fragt, ob er schwul sei, wie’s im Internet doch stünde. Schnitt. Ein Hofball. Und die Blaublütige, mit der Casanova tanzt, will sozusagen eine Namensliste, der von ihm Verführten. Malkovich darauf beide Male: „Was, erwarten Sie, sollte ein Gentleman darauf antworten?“

Sturminger: John Malkovich spielt einerseits John Malkovich. Dann auf einer Opernbühne den jungen Casanova, der immer wieder von Bariton Florian Boesch abgelöst wird, Malkovich gibt ihm sogar Perücke und Rock weiter, und den alten Casanova als Bibliothekar auf Schloss Dux. John war ein wenig skeptisch, weil es den Film „Being John Malkovich“ ja schon gegeben hat. Aber hier erfindet er eine imaginäre Figur seiner selbst, jemanden, der seinen Namen und sein Gesicht hat – und trotzdem habe ich alle Situationen, die auf dieser Ebene des Films vorkommen auf Theatertournee mit ihm erlebt, und auch, wie er darauf reagiert. Das war für mich wahnsinnig komisch. Er ist echt, macht aber eben gerade mit seiner Aura verständlich, was Casanova für seine Zeit war. Jemand, dem ein Ruf vorausgeeilt ist, berühmt-berüchtigt, beide mit einem Image behaftet und hinter diesem doch nur der nackte Mensch. So spinnt sich die Geschichte weiter. Casanova war ein hochsensibler, intelligenter Mensch, der immer der Idee auf der Spur war, was das Individuum sein kann, was Freiheit für den einzelnen bedeutet, ob Verletzung erst vorhanden ist, wenn sie decouvriert wird. Da gibt es viele Überlagerungspunkte. Daraus konnte ich einen Film machen, der keine historische Abhandlung über Casanova, sondern die gemeinsame Fantasie aller Mitwirkender zu einem größeren Fragenkreis ist.

MM: Und die „Altersszenen“ mit Veronica Ferres?

Sturminger: Sind eine Art Bespiegelung. Mehr als Erotik ist zwischen den beiden das Thema, was sie sieht, wenn sie ihn ansieht. Sie erfindet für ihn den Begriff des Romantikers, den es zum damaligen Zeitpunkt noch gar nicht gegeben hat, der aber in diesen Jahren zum ersten Mal auftaucht. Sie sagt, er ist ein Herz voller gebrochener Herzen, sie sagt, er liebte die Liebe als solche mehr als das Objekt seiner Hingabe. Er ist ein ewig Suchender, ein Idealist im pragmatischen Hochbarock. Casanova war ein moderner Mensch, der sich sein Leben jeden Tag neu erfinden musste, ein Schauspielerkind, dem niemand an der Wiege gesungen hat, dass er an Fürstenhöfen empfangen werden wird, politische Bücher schreibt, mit Voltaire, Jefferson, Katherina der Großen diskutiert, heißt: ein führender Kopf seiner Zeit wird. Diese politische Ebene „bespielen“ wir dort, wo sie in den Da-Ponte-Opern zu finden ist. Wir beginnen mit „Viva la libertà“ und enden auch damit. Wobei am Schluss der Tod die Befreiung ist …

MM: Erzählen Sie über Veronica Ferres am Set.

Sturminger: Veronica ist großartig. Sie ist ein Vollprofi und kann arbeiten bis zum … In der Bibliothek hat’s 40 Grad gehabt und wir haben ewig darin gedreht und es kam nie ein Wort. Sie ist wirklich jemand mit dem man Pferde stehlen kann, wahnwitzig vorbereitet und immer gut gelaunt. Es geht die Sonne auf, wenn sie kommt. Ein Gewinn für jedes Team und ein Motor. Und John und sie harmonieren ausgezeichnet. Die sind seit langer Zeit gute Freunde und sie treffen sich auch in ihrem Arbeitsethos. Das ist etwas, das nicht zu unterschätzen ist. Leute, die sich wichtiger nehmen, als alle anderen, können so eine Arbeit sehr schwierig machen. Diese beiden „Stars“, die so unfassbar kein Geld für diese Produktion bekommen haben, weil wir keines hatten, sehen sich als Teil des Ganzen und drehen an den Rädchen, bis sie ineinander greifen. Außerdem sind sie rührend zum Stab: John hat beispielsweise der verkühlten Regieassistentin Kräutertee aufgebrüht, damit es ihr besser geht.

MM: Martin Haselböck und das Originalklangorchester Wiener Akademie waren für den „guten Ton“ zuständig. Sie sind nicht nur nahe liegender Weise bei Mozarts „Don Giovanni“ geblieben, sondern haben sich musikalisch auch bei „Così fan tutte“ und „Le nozze de Figaro“ bedient.

Sturminger: Der Film ist ein eigenes Werk, da musste auch musikalisch was Neues passieren. Also alle drei Da-Ponte-Opern. Außerdem haben wir ein paar Adagios geplündert. Wir haben Themen gewählt, die mit dem Inhalt und diesem Klangkörper zu tun haben. Die Szene, in der Jonas Kaufmann Casanova auf der Bühne ersticht – während der alte Casanova in Veronica Ferres‘ Armen stirbt -, ist ein Terzett aus „Così“, der Graf Branicki ist eine Partie, die Jonas so nie singen würde, weil sie für einen Bariton geschrieben ist. Wir nehmen uns alle Freiheiten, auch musikalisch. Martin Haselböck und sein Orchester bringen eine Qualität ein, die unvergleichlich ist.

MM: Apropos, Qualität: Auch das Sängerensemble liest sich wie ein Who-is-Who der internationalen Opernwelt: Florian Boesch, Anna Prohaska, Jonas Kaufmann … Die haben alle sofort Ja gesagt, obwohl sie nur minutenlange Szenen haben?

Sturminger: Ja, (er lacht) der Name Malkovich zieht schon. Mit John zu spielen, ist schon lustig. Die meisten kannte ich auch gut, weil ich bereits mit ihnen gearbeitet habe, einige kannte ich nicht, sondern hab’ sie einfach angeschrieben. Ich musste niemanden lange überreden. Barbara Hannigan ist drei Mal angeflogen, hat gleichzeitig mit Simon Rattle geprobt. Anna hatte nur einen Tag frei. Jonas war bei den Salzburger Festspielen und hat als Gage nur um den Flug gebeten. Kerstin Avemo, die die Leonilda singt, hat schon mit Haneke die „Così“ gemacht. Bellino ist Kate Lindsey, die sonst an der MET singt. Fanny Ardant war die Lucretia. Ich bin ganz gerührt, wenn ich denke, was die alles gemacht haben, und was ich ihnen dafür nicht bieten konnte. Das ist kein Scherz, meine Frau Renate Martin hat als Kostümbildnerin bis in die Nacht hinein Blüten auf Röcke gestickt, weil wir eine Bildopulenz wollten, die wir uns eigentlich nicht leisten konnten. Wir wollten ein großes sinnliches Vergnügen schaffen. Menschen, die hemmungslos schön sind. Fazit: Mit ein bissl Geschick kann man alles teuer aussehen lassen (er lacht wieder).

MM: Sie zieht’s jetzt zurück zum Theater.

Sturminger: Mich zieht’s immer dort hin, wo Aufgaben und Menschen warten, die mich interessieren. Im März kommen zunächst die „Geschichten aus dem Wiener Wald“ von den Bregenzer Festspielen ans Theater an der Wien. Dann inszeniere ich am Landestheater Niederösterreich Maxim Gorkijs „Sommergäste“. Das hat am 24. April Premiere und ich freue mich sehr, weil ich immer schon mit Intendantin Bettina Hering arbeiten wollte. Und bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf, deren Intendant ich ja seit dem vergangenen Jahr bin, inszeniere ich Shakespeares „Sturm“. Mit Andreas Patton als Prospero.

.
.

www.filmladen.at

www.mottingers-meinung.at/michael-sturmingers-casanova-variations-in-san-sebastian

Wien, 19. 1. 2015