Kosmos Theater: Frau verschwindet (Versionen)

Oktober 21, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vier Frauen und ?!? – ein Todesfall

In der Gerüchteküche brodeln die Geschlechterklischees: Eva Lucia Grieser, Anne Kulbatzki, Therese Affolter und Birgit Stöger. Bild: Bettina Frenzel

Weg, aus, raus. Finally! Was tut Frau, um sich von all den an sie gerichteten Erwartungen, Zuschreibungen, diesem Gewühl klebriger Geschichtsfäden zu befreien? Sie heftet sich ihre Ohren als Flügel an und entschwebt auf Nimmerwiedersehen … Dies der surreale Schluss, den die Schweizer Autorin Julia Haenni für ihren Text „Frau verschwindet (Versionen)“ erdacht hat und auf das Wort „Versionen“ ist zu achten, der nun im Wiener Kosmos Theater zur österreichischen Erstaufführung gebracht wurde.

Davor sieht man 70 Minuten intensives, expressives Theater, inszeniert von Kathrin Herm, eine Groteske, die vier Schauspielerinnen mit Körperarbeit und Komödiantik zum Glänzen bringen – und bei der Besetzung muss man wie die aus „Schwieriges Thema“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39165) bekannte Berliner Performerin Anne Kulbatzki sagen „FrWOW“: Freie-Szene-Entdeckung Eva Lucia Grieser, Volkstheater-Verlust Birgit Stöger und die sagenhafte Peymann-, Burgtheater- und Berliner-Ensemble-Protagonistin Therese Affolter.

Mirjam Stängl hat den Damen eine Kukulcán-Pyramide hingestellt, sie Showtreppe und Stolperstein in einem, und auf der wird in Theresa Gregors skurrilen Nylonstrumpfkostümen temperamentvoll herumgeturnt. So beginnt das Ganze zur Fliegengeschwirr-Musik von Imre Lichtenberger Bozoki, er der Produktion Hahn im Korb möchte‘ man sagen, wenn der Stereo-Typ nicht ein Öl-ins-Feuer-Gießen in Haennis dramatischen Brandherd wäre. Und von der obersten Plattform schlängeln sich Kulbatzki, Stöger und Grieser in eine „leere Wohnung“.

Therese Affolter. Bild: Bettina Frenzel

Eva Lucia Grieser. Bild: Bettina Frenzel

Therese Affolter. Bild: Bettina Frenzel

Die Tür stand offen, die Bewohnerin ist verschwunden, die drei treten ein, ein leerer Joghurtbecher, Staubfäden von einer Lampe, sie schnüffeln im Wortsinn herum, sie sehen sich um und sich im zerbrochenen Spiegel wider. Und los gehen die Spekulationen, die tollkühne Detektivinnensuche. War’s eine Sexualstraftat, ein Suizid?, Stöger spielt die gestresst-frustrierte Dreifachbelastung Kinder – ja/nein?. Sie agiert wie für’s Kosmos Theater erfunden. Beides wird abgelehnt, da Mord wie Selbstmord zu männlich konnotiert.

War’s eine gescheiterte Liebe, auch nicht, nur keine Opferrolle, sagt Stöger. Nicht schon wieder verlassen, betrogen, im weißen Nachthemd und mit irren Augen über die Bühne wackeln, sagt Kulbatzki. Nur nicht im Mediationskurs am Single-Sein leiden, was ist eine Frau ohne Mann schon wert?, „sonst heisst es wieder die hysterischen Frauen zack Kleber drauf Gefahr gebannt weil pathologisiert“. Und klar wird, der Yves-Klein-blaue Bassena-Tratsch, die Gerüchte-Küche, in der die Geschlechterklischees brodeln, ui!, beides antifeministische Gemeinplätze, ist ein raffiniertes Komplott aus Raum und Zeit.

Die vier Spielerinnen samt ihrer Herbeischreiberin wollen ein Schicksal entwerfen, das dem Publikum vorzuführen sich lohnt, doch daran kann man nur – in diesem Fall und am Lachen der Zuschauerinnen und Zuschauer gemessen genussvoll – scheitern. „Frau verschwindet“ wird sozusagen entwickelt, während gespielt, im Stakkato werden Rollenbilder durchgehechelt, Rabenmutter/Karrierefrau, naives Herd-Heimchen, #MeToo, Mann*Frau. In absurd-komischen Dialogen voller Sprachwitz entstehen gesellschaftliche Vorstellungen von Frauen, die einem gleichen, die einem widersprechen, denen man entkommen will, die man immer schon sein wollte und auch irgendwie ist. Versionen, wie gesagt.

Therese Affolters AC/DC-Auftritt. Bild: Bettina Frenzel

Birgit Stöger und Anne Kulbatzki. Bild: Bettina Frenzel

Birgit Stöger, Kulbatzki und Grieser. Bild: Bettina Frenzel

Eva Lucia Grieser und Anne Kulbatzki. Bild: Bettina Frenzel

Regisseurin Herm bricht Haennis Meta-Thema mit allerlei Slapstick-Aktion. Therese Affolter erscheint als Dea ex machina und hämmert bei einem fulminanten Rockstar-Auftritt AC/DCs „Highway to Hell“ auf die Bühne. Und apropos, nageln: Zu Cardi Bs kinky „WAP“ machen die female role models die Spielfläche zum Catwalk. Die klettergesicherte Eva Lucia Grieser martialisch-artistisch in den Gangstarella-Posen mit Klebepistole und Bohr- maschine – keine bracht die Flex vom Django, wenn sie eine Hilti hat. Nach diesem Empowerment eine von der Affolter angeleitete hochemotionale Fürbitten-Szene, ein starkes weibliches Ich möge bitte die Bühne betreten.

Welch ein Wechselbad scheint’s unüberwindbarer Vorurteile. Affolter, Stöger, Grieser und Kulbatzki verschenken sich mit sichtbarer Freude an Haennis vor Esprit sprühende Prosa. Lieblingssatz Affolter zur Frage der Frau als toller Fang: „Wenn schon bin ich die Fischerin.“ Lieblingsdiskussion Affolter/Stöger zum (Schauspielerinnen-) Alter: Stögers „Mittelalter“ ist schlecht zu besetzen, so alt müsse man sein, dass alle sagen, Wahnsinn, die steht immer noch auf der Bühne! Lieblingsfigur Anne Kulbatzki in den Zwiegesprächen mit ihrem Strump-Stola-Hüftschmuck, einem „Muppet“, das sie zwischen all den Geschlechterfragen noch zusätzlich verwirrt.

So changiert der Abend zwischen dem ironischen Abfeiern simpel gedachter Mann-Frau-Banalitäten und der Skepsis über dieselben, zwischen Stögers verschrobenem Verzweiflungsblick und Kulbatzkis drolligem Augenrollen, zwischen Griesers schalkhafter Spiellust und der Großbühnentragödin Therese Affolter. Vier fabelhafte FrWOWen und ?!? – ein Todesfall, und wie sie in luftige Höhen abheben. Bemerkenswert. Sehenswert.

kosmostheater.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=Vi2ZWuqMEZc

  1. 10. 2020

Burgtheater online: Wiener Stimmung Folge #1

Mai 2, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Norman Hacker interpretiert Franzobels „Die Säuberung“

Wiener Stimmung Folge #1: Norman Hacker interpretiert Franzobels „Die Säuberung“. Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Wien im Frühjahr 2020 ist eine Stadt im Ausnahmezustand, die politischen Entscheidungs- träger souverän, ihre Umfragewerte auf historischem Hoch. Niemand hat es kommen sehen, niemand war darauf vorbereitet, aber die „Österreicherinnen und Österreicher“ – und laut Kurz‘ Arbeit sonst niemand! – leisten alle brav ihren Beitrag. In dieser historischen Situation hat das Burgtheater österreichische und in

Österreich lebende Autorinnen und Autoren eingeladen, kurze Monologe für das Ensemble in Quarantäne zu schreiben. Derart ist aus der Isolation ein Netz aus Geschichten entstanden, ein Stimmungsbild, ein fingierter Stadtplan, ein Bewegungsmuster, ein Parallel-Wien aus Ansichten, Bekenntnissen und Verlautbarungen, die nun jeweils donnerstags und samstags um 18 Uhr auf www.burgtheater.at/wiener-stimmung online gehen.

Den Uraufführungsreigen gestartet hat Norman Hacker mit dem von Franzobel verfassten Text „Die Säuberung“, und großartig ist, was man in der Regie von Mechthild Harnischmacher, Videoart von Sophie Lux, zu sehen bekommt. Den Hacker als Home-Hackler, sozusagen unrasiert und fern der Heimat-Bühne, wie er halbnackt (weil: die Untergürtel-Hälfte sieht man nicht) in den Spiegel spricht. Und mit einer/m imaginären [?] PartnerIn.

Das hat was von Krapp’s Last #Corona-Tape mit einem Hauch Herr Karl, zweiteres soweit es das Wechseln vom Wienerischen zum Hochsprach-Firnis betrifft und selbstverständlich das Vernadertum. Hat zwar nicht er, doch immerhin sein unsichtbarer Raumteiler fürs Anzeigen von Mundschutzsündern den Orden Pandemiebekämpfer 1. Klasse verliehen bekommen. Weshalb die Franzobel-Figur ihn oder sie nun auch vom Fenster weg kommandiert, weil man will schließlich selber auch, ned woa …

Jahreszahl, Tages- oder Nachtzeit, Krisendauer, nichts genaues weiß man nicht, die -stimmung ist so, als ob’s schon lange währe. „Die Säuberung“ ist ein schwarzweißer Endzeitmonolog im Desinfektionsvollbad, eine typisch Franzobel’sche Farce, hinterfotzig und – siehe doppelsinnigem Titel – mit heimtückischem Ende, und Norman Hacker versteht sich in Großaufnahme famos aufs Fotzn-Ziehen, während man vom Gesagten eine feste kriegt. So gesamtgesellschaftlich betrachtet, denn Hacker belässt es nicht beim Lamentieren über Fressattacken, Kiloexplosion und Apfelstrudelsucht.

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Zunehmend ist er vom Wahnsinn angepeckt. Der Zusammenhang Ausgangssperre/Alkoholkonsum ist evident. Einen genial paranoid klaustrophoben Charakter hat Franzobel da erdacht, „Glaubst lebt noch wer?“, fragt er ängstlich, weil, wenn nicht, wem soll er dann die Hauspatschen als Pendlerpauschale in Rechnung stellen? „Manchmal träume ich, außer dem Paketzusteller sind alle tot, und die Pressekonferenzen Aufzeichnungen.“ Ein Glück, heißt der Erreger #Corona, wie majestätisch das klingt, und immer heftiger infiziert sich Franzobels Protagonist mit jenem Virus namens autoritärer Maßnahmenstaat.

Mit zwei Streichhölzern, gerade noch zum Entfernen des Schlafgrinds genutzt, zeigt Hacker einen eben gesichteten Verstoß gegen’s social distancing, dieses bereits fixer Kandidat für die Wahl zum Unwort des Jahres, soooo nah, echauffiert sich Hacker, sind sie sich gestanden. Wo man weiß, dass heutzutag‘ jeder eine biologische Waffe ist! Oder doch alles nur ein perfides soziologisches Experiment? Zeit ist’s für „Die Säuberung“! Unbedingt ansehen. „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist beim dritten Mal lesen eh schon fad. Schreibt Franzobel, sagt Hacker: „Und wir haben ernsthaft geglaubt, wir dürfen noch einmal hinaus …“

Wiener Stimmung – so geht es weiter:

Folge #2 folgt schon heute, Kathrin Röggla: „Klare Kante“ mit Sarah Viktoria Frick – die dieses Jahr mit dem Österreichischen Kunstpreis für Literatur ausgezeichnete Autorin hat einen Text über die komischen Untiefen der Kommunikation in #Corona-Zeiten verfasst. Man trifft sich zu einer Zoom-Konferenz, doch da ist nur ein Ticken zu hören und ein Schatten zu sehen: www.youtube.com/watch?v=RsYcLgnXVIQ. Folge #3 gibt es ab 7. Mai, Mikael Torfason: „Apfelstrudel“ mit Elma Stefanía Áugústdóttir – der dank Ehefrau Elma in Wien lebende Autor und Dramatiker hat einen Monolog für eine junge Mutter mit zwei Kindern geschrieben, gespielt in der heimischen Küche mit den beiden zwei und zwölf Jahre alten Töchtern Ída und Ísolde.

Weitere Episoden mit Texten von Fahim Amir, Dimitré Dinev, Teresa Dopler, Paulus Hochgatterer, Eva Jantschitsch, Doris Knecht, Thomas Köck, Angela Lehner, Barbi Marković, Thomas Perle, Peter Rosei, David Schalko, Magdalena Schrefel, Gerhild Steinbuch, Marlene Streeruwitz, Miroslava Svolikova, Daniel Wisser und Ivna Žic werden auf der Webseite angekündigt.

www.burgtheater.at           www.youtube.com/watch?v=uL4cfINwqMk

Buchrezension – Franzobel: „Rechtswalzer“: www.mottingers-meinung.at/?p=32483

  1. 5. 2020

Volx/Margareten: Urfaust / FaustIn and out

Februar 29, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Gretchen im Faust’schen Kellerverlies

Kein Eisen ist zu heiß, Gretchens Gegenwehr wird kurzerhand glattgebügelt: Sebastian Pass, Steffi Krautz und Nadine Quittner. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Habe nun, ach! Es oft genug gehört, gesagt, gelesen, doch Günter Franzmeier tut’s noch und noch. Der brüchige Balkon mimt die Studierstube, hier sitzt der Schauspieler erster Wahl und rezitiert, repetiert den Welttheatermonolog, synkopiert, verjandlt, verbalsert seinen Faust, je neue Betonung eine neue Bedeutung, alldieweil unter ihm im Zimmer-Küche-Kabinett-Keller die Wiederholung zum Mundhygiene-Ritual wird. Putzen, spucken, der Notdurftkübel, das mit dem Aufbegehren übt sich erst.

Im Volx/Margareten hat Bérénice Hebenstreit Elfriede Jelineks Daunenkissenschlacht gegen Marmorkopf-Goethe inszeniert, „Urfaust / FaustIn and out“, jenen theatralen Kulminationspunkt, an dem die Autorin Margaretes „Ich schreye laut, laut dass alles erwacht“ mit Fritzl-Tochter Elisabeths Satz „Ich habe in all den Jahren oftmals geschrien, aber es hat mich niemand gehört“ kollidieren lässt – und Hebenstreit samt Dramaturg Michael Isenberg haben die Texte derart genialisch verschränkt, dass man verteufelt gut achtgeben muss, wo Geheimrat aufhört und Literaturnobelpreisträgerin anfängt. Sie haben den „Olympier“ nicht etwa über-, sondern die Jelinek fortgeschrieben, nahtlos greift da eins ins andere, bis Doktor Chauvi in der Selbstdekonstruktion angelangt ist.

Nahtlos, das gilt auch für das großartige Raumkonzept von Ivan Bazak, die diversen Lichtstimmungen von Markus Hirscher, die Musik von Kerosin95 aka Kathrin Kolleritsch mit Oliver Cortez. Zu Franzmeier gesellen sich die Unter-der-Erdgeister mit den speziellsten Stimmen des Hauses, Steffi Krautz als GeistIn, Sebastian Pass als Zweiter Geist und Nadine Quittner, deren FaustIn sich zur Gretchen-Figur redupliert. Im Sinne des jeli-neckischen „Ich renne mit der Schaufel und dem Besen hinter ihm her und beseitige den Menschenmüll, den der Klassiker hinterlassen hat“, sind die Eingekerkerten am Großreinemachen, Parkett wischen, Wände wienern, man beachte den Doppelsinn des Wortes „aufräumen“, bügeln. Kein Eisen ist zu heiß, als dass nicht Gretchens Gegenwehr damit zu plätten wäre, die Kellerkinder in Fausts Verlies sind einander Verbündete wie Feinde.

Herr Faust lässt seine Socken sortieren: Pass, Krautz und Quittner. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Das Feigenblatt der Versuchung: Quittner, Pass und Krautz. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Sie ist gerichtet. Ist gerettet. Oder doch gerichtet: Steffi Krautz. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Postfeministisches Kaffeekränzchen: Quittner, Krautz und Pass. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Bis Heinrich-mir-graut-vor-dirs Schwadronade endlich die Widerspruchs-Geister weckt. Haben die drei in ihren blassrosa Puffärmelblusen eben noch mit zusammengekniffenem, damit schärferem Auge schwarze Herrensocken verpaart, Krautz sie vorne auf die Wäscheleine geklammert, während Pass hinter ihr die Kluppen abgeklipst und die Socken ihrem Absturz anheimgestellt hat, heißt: apropos Heim, auch ein Haushalt ist ein Loch, eines ohne Boden, besinnen sie sich nun scheint’s auf ihre stets verneinende Charakterbeschaffenheit.

Der Herr oben ist grad beim Pudel, da pinkeln ihn die unten schon postfeministisch an, pardon, aber die Haxn-Heb‘-Metapher ist von der Jelinek höchstselbst, die Störfaktoten nun beim Kaffeetrinken, Steffi Krautz von geradezu mephistophelischer Süffisanz, Sebastian Pass eine Puck’sche Spukgestalt, das Metawesen mit Migräne und der seinen gefährlichen Spaß treibende Narr – sehr durchdacht ist das alles, sehr klug, wie Hebenstreit den Kanon zwar bedient, aber nie ohne den Hinweis, dass die großen Fragen, die der „Faust“ debattiert, aus Sicht der physisch wie psychisch weggesperrten Frau irrelevant sind. Seine Welt gibt’s für sie nicht. Zutritt verboten.

Ohne den abgenudelten #toxischeMännlichkeit zu bemühen, führt die Regisseurin den 2012er-Text über die Distanz der damaligen Tagesaktualität ins Grundsätzliche männerbestimmter Machtverhältnisse und das fremd- bestimmte In-der-Versenkung-Verschwinden der Frau. Nachdem Quittners Schilderung von Szenen aus dem Fritzl-Keller einem den Magen umgedreht hatten, folgt ihr (auch persönlich empfundener) Protest, wieso allein Margarete zur Büßerin auserkoren ist, folgt die lapidare Feststellung: „Warum all die Mädels in den Kellern? Sie könnten ja in einem Turm gehalten werden. – Aber einen Turm hat nicht jeder.“ Das ist Jelinek pur. Die Tragifarce, die mit ihrer Satire den Dichterfürsten vom Sockel, vom Parnassos in die Alltagsbanalität des Bösen holt.

Faust verschlägt’s vom erhabenen Studierrang in die Tiefen einer TV-Talkshow: Günter Franzmeier mit den jelinekischen Kartonköpfen. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Hebenstreits Ideenreichtum unterstützt die absurde Groteske, siehe Socken, siehe Bügeln, beides wie ein Ballett choreografiert, die Darsteller virtuos beim Sprühnebeln mit dem Spritzerl. Quittner muss den Strom für den Stecker selber produzieren, die Energieversorgung aus dem Oberschenkel funktioniert zwar trotz Elektroschlägen ganz gut, dann hält sie den Stecker ans Herz – und fällt vom Hocker. Welch ein Bild! „Wir sind in bester Form, wenn auch in weiblicher!“, sagt Krautz‘ GeistIn.

Und hat damit einmal mehr die Lacher auf ihrer Seite. Und wieder Zeitenverschiebung, Quittner-Margarete-Elisabeth, die um ihr totes Kindchen trauert, Krautz und Pass, die aufsässigen GeistInnen, die den heiligen O-Ton wie eine Liturgie leiern, Faust, der zornige Zitatenschleuderer, der sich zu guter Letzt gottvaterisch unters Volk mischt. Aber, ach! Der Abstieg ist kein Osterspaziergang, statt in Gretchens Kammer verrennt sich Faust in eine TV-Talkshow, rund um ihn nur Kartonköpfe, die mit ihren Strichcodes irgendwie Elfriede Jelinek ähneln, und seinen Fall öffentlich verhandeln. So kehrt sich das Ist-Gerettet ins Ist-Gerichtet zurück, die Medien sorgen schon dafür, dass das Opfer Mitschuld trägt, und die Online-Foren für passenden Hass und Verachtung.

„Ich habe versucht zu schreien. Aber es kam kein Laut heraus. Meine Stimmbänder haben einfach nicht mitgemacht“, schrieb Natascha Kampusch in ihr Buch. Steffi Krautz spinnt ein Bluthalstuch, aber Nadine Quittner leiht der gehenkten Margarete ihre Stimme. In einem kraftvollen Musikfinale erteilt die FaustIn dem „lieben Menschheitsdrama“ eine Abfuhr, sie rappt sich in Rage, hiphopt sich heraus aus dem engen Rahmen der „immer gleichen Bilder“ von Weiblichkeit. Mit diesem Höhepunkt entlässt einen der fulminante Abend in die Nacht. Ein Beweis für die Spielerstärke des Volkstheater, ein Plädoyer für den Erhalt der Spielstätte im Fünften.

www.volkstheater.at

  1. 2. 2020

Wiener Festwochen: Deponie Highfield

Mai 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pferde sind jedenfalls gesattelt

Ich will ’nen Cowboy als Mann: Martin Wuttke und Caroline Peters. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Prächtig, was einem an einem solchen Abend alles durch den Kopf gehen kann. Vom Richard-Ruf „Mein Königreich für …“ bis zum Komparsen-Satz vom Gesattelt-Sein, vom Hoppe-Hoppe-Kinderreim bis zum Kneipenwitz übers Pferd in der Bar. Für die Wiener Festwochen stellt nun René Pollesch sieben Lipizzaner auf die Bühne des Akademietheaters. Genauer gesagt, hat das Bühnenbildnerin Katrin Brack für dessen Uraufführung von „Deponie Highfield“ besorgt.

Die Weide rundum ist grün, auf der die edlen, beinah lebensechten Rösser sogar per ihren Ohren kommunizieren, mit dem Schweif schlagen und aus den Nüstern rauchen können. Was mutmaßlich Martin Wuttke die restlichen 100 Minuten dazu führt, sich vorrangig zu fragen, ob er sich auf dem Rücken seines Reittiers wohl eine anzünden dürfe. Tatsächlich wird’s aber Irina Sulaver sein, die als erste zur Zigarette greift. Und so galoppiert der Schauwert auf und davon, während man doch versucht ist, ein Inhaltliches zu erfassen. Im Ankündigungstext der Produktion raunt’s von einer Politik des Optischen, „die die Dinge in das Dunkle zieht, raus aus der Erhellung, in die Nicht-Transparenz“, und weiter: „Auf einer besseren Darstellung der Welt müsste man beharren, einer zuverlässigen und durchsetzbaren, die sich nicht in der Suche nach Repräsentation erschöpft.“

Da kommt einem natürlich Lipica-Ibiza in den Sinn, aber nein, das wäre in nur einer Woche nicht zu schaffen gewesen, obwohl Caroline Peters mal erzählte, Pollesch schreibe über Nacht auch gern Dutzend Seiten neu, und außerdem legt er mit Donna-Haraway-Querverweisen eine andere Fährte aus, ist die US-Universitätsprofessorin doch für ihre postmodern sozialistisch-feministischen Denkanstöße bekannt. Auftritt also „Die fünf Vogelfreien“ Kathrin Angerer, Birgit Minichmayr, Caroline Peters, Irina Sulaver und Martin Wuttke. Sie reiten, was das Zaumzeug hält, nur gibt’s weder Weg noch Ausweg noch Wegkommen. Und schon gar keinen Sonnenuntergang, in den hinein … „Ja, verdammt. Wie bleibt man zusammen? Es hatte so schön angefangen. Man beginnt zusammen und dann – ist es weg“, lamentiert Angerer, hängt mit einem Stiefel im Steigbügel und schleift mit dem Körper auf dem Boden.

Ich möcht‘ so gerne mal nach Nashville: Birgit Minichmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mamatschi, schenk‘ mir ein Pferdchen: Irina Sulaver. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ein sich’rer Colt ist so gut wie Gold, Bonanza: Kathrin Angerer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Verhandelt wird, zumindest so ungefähr, warum Liebe niemals hält, die Erinnerung an einen gelungenen Theatermoment hingegen schon, dazu Kluggeschwätzes vom marxistischen Philosophen Alain Badiou, der Mensch muss sich positiv definieren, vom Guten und der Fähigkeit zum Guten muss das Böse abgeleitet werden, nicht umgekehrt, und vom Psychiater und Psychoanalytiker Jacques Lacan, der über „Das Reale, das Symbolische und das Imaginäre“ arbeitete. Und wie Pollesch derart den Gedanken wieder einmal die Zügel schießen lässt, sagt jemand: „Man steht irgendwo rum und hat kein Problem gelöst. So ist es eigentlich immer.“

Ansonsten wird viel herumgeschnauzt und mit den Colts gefuchtelt. „Ich bin Pferd mit Reiter, das ist doch ganz klar zu sehen“, antwortet Minichmayr nach ihrer Rolle gefragt pampig. Irgendwann kotzt ein Schimmel, zwei Mal gibt es Schusswechsel, und die Darstellerinnen wechseln von Tabea Brauns Cowgirl-Kluft in weiße Kleidchen, alldieweil Wuttke wie der verloren geglaubte Sohn der Katie Elder o-beinig durchs Geschehen geht. Kurz geht es noch um, siehe Repräsentation, Schein und Sein, Sinn und Unsinn, um eine Art Darstellung, die das Darzustellende überdeckt.

Um Kommunikation, die nur noch im Angesicht einer gezogenen Waffe klappt. Was einen dann doch wieder aufs magische Dreieck Spanische Hofreitschule – Bundeskanzleramt – Burgtheater zurückwirft. Am Ende, zum langen und lauten Applaus der Fans, heißt es: „Fick Dich. Gute Nacht!“ Ein Schelm, wer Pollesch dabei denkt.

www.festwochen.at

www.burgtheater.at

25. 5. 2019

Akademietheater: In Ewigkeit Ameisen

April 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Apokalypse Blau

Die Ameisen fallen über Professor Schneling-Göbelitz und seinen Assistenten Müller her: Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Soundkulisse stammt von den Voyager Golden Records. Da grüßt die Menschheit in 55 Sprachen etwaige Außer- irdische als könne sie kein Wässerchen trüben. Im Programmheft sind die Bilder und Geräusche aufgelistet, die 1977 als Botschaften auf Datenplatten ins All befördert wurden, und das ist anrührend zu lesen, diese Vielfalt der Erde, bedroht durch die Hybris einer ihrer Bewohner. Einer Spezies, die sich, wo sie hin- und was sie angreift, durch die Zerstörung des Planeten und damit ihrer selbst hervortut.

Ein „Fridays for Future“-Foto stellt sich diesem Tun symbolisch entgegen. So weit also die Folie, mit der Jan Bosse seine Inszenierung von Wolfram Lotz‘ „In Ewigkeit Ameisen“ am Akademietheater unterlegt hat. Das Stück zu dieser Uraufführung hat sich der Regisseur gemeinsam mit Dramaturgin Gabriella Bußacker zusammengezimmert, indem er Lotz‘ zehn Jahre alte Hörspiele „In Ewigkeit Ameisen“ und „Das Ende von Iflingen“ ineinander verschränkt. Das macht Sinn, geht es doch in beiden um nichts weniger als den Untergang von allem, und Bosse übersetzt Lotz‘ skurrile Endzeitstimmung in eine drollige, beinah kindlich-märchenhafte Katastrophenkomik. „In Ewigkeit Ameisen“ ist Nonsens mit erhöhtem Monthy-Python-Faktor, sowohl schreiberisch als auch szenisch, eine Dystopie mit Pointe, die Lotz‘ dramatischem Ideal vom „unmöglichen Theater“ den Weg weist.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Christiane von Poelnitz und Katharina Lorenz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auftreten erst Erzengel Michael und Hilfsengel Ludwig, um „Das Ende von Iflingen“ in Angriff zu nehmen, heißt: die Dorfbewohner zwecks Jüngstem Gericht per flammendem Schwert zu richten. Die Akte zum göttlichen Plan haben sie im Heftordner mit dabei, allein, die Häuser sind leer, die Iflinger nirgends zu finden. Alldieweil, die Szenen alternieren und werden zum Schluss parallel über die Bühne gehen, sucht der Formicidaeforscher Professor Schneling-Göbelitz, der sich, da im Rollstuhl sitzend, von seinem Assistenten Müller durch den Dschungel karren lässt, nach der bis dato unentdeckten blauen Ameise.

Durch deren Aufspüren will er sich zumindest akademische Unsterblichkeit sichern, raffen doch die Folgen eines globalen Atomkriegs gerade alles Leben dahin. Ein paar Stunden noch, verlautbart das Kofferradio, dann ist’s aus und vorbei. Apokalypse Blau. Und tatsächlich sieht das Setting von Stéphane Laimé nach einem Tag ohne Morgen aus. Ein leerer Raum, es ist duster, grauschattierte Schaumstofffliesen kacheln die Wände und geben überraschend immer wieder das eine oder andere Schlupfloch frei, die Darsteller schweben von der Decke herab oder erscheinen aus der Versenkung – das ist alles. Und großartig ist es, wie diese Aufführung beweist, dass es für einen außergewöhnlichen Abend nicht mehr braucht, als die überbordende Fantasie eines Regisseurs und eine Handvoll fabelhafter Schauspieler.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Katharina Lorenz und Christiane von Poelnitz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die in diesem Fall Christiane von Poelnitz, Katharina Lorenz, Peter Knaack und Klaus Brömmelmeier heißen, die, von Kostümbildnerin Kathrin Plath in Blaumänner oder DDR-blaue Trainingshosen gekleidet, jeweils in jeder Rolle agieren, und Aenne Schwarz, die als diverse Tierwesen, vom empörten, weil beim Laubwühlen unterbrochenen Igel bis zum schlachtungswilligen Schwein, ihren Sinn fürs Absurde demonstriert. Extrafein gelungen ist ihr der melancholische Mauersegler, für den sie nur den Kopf durch die Softplatten steckt, während ein Toneffekt simuliert, der Vogel flöge pfeilschnell über das Publikum hinweg. Sein Wunsch: Die Engel mögen das nach Fäulnis stinkende Ding da unten, die Welt, endlich wegräumen, damit das Elend ein Ende hat. Und während erst von Poelnitz und Lorenz als Überirdische an und in den Seilen hängen, ackern sich Knaack und Brömmelmeier als Professor Schneling-Göbelitz und Müller durchs irdische Unheil.

Wie im Himmel so auf Erden, die Dopplung ist deutlich, hie ist man unterwegs im Auftrag des Herrn, da hat ein Herr einen Auftrag. Hie ein regeltreuer, durchaus blutrünstiger Routinier und sein zartbesaiteter Tollpatsch von Azubi, da ein egomanischer Wissenschaftler und sein ängstlich bemühter Mitarbeiter, Zyniker treffen auf Schwärmer, und derart sind die ungeduldigen Chefs der Überzeugung, dass bei ihren im Wortsinn Nacht-und-Nebel-Aktionen nichts gelingt, eben wegen der Kraftlosigkeit ihrer unfähigen Hilfskräfte. So entstehen wunderbar witzige Momente. Mit Christiane von Poelnitz als martialischem Erzengel Michael und despotischem Schneling-Göbelitz. Mit Katharina Lorenz und Klaus Brömmelmeier, die als Müller die leise Poesie des Texts, als Ludwig die Schlotterknie für sich gepachtet haben. Mit Peter Knaack als kauzigem Gelehrten, später als Michael, der, so dass einem das Lachen im Hals fast steckenbleibt, dem begriffsstutzigen Ludwig Gottes verquere Logik zum Thema Sünde und die Willkür Seiner Schöpfung erklärt. Aenne Schwarz ist sowieso das Highlight des Abends.

Aenne Schwarz als Igel … Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

… und als Mauersegler. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bosse erschafft ästhetisch abstrakte Bilder. Etwa, wenn er den Professor und den bis zur Erschöpfung schiebenden Müller auf ein sich anhebendes Laufband stellt, um einen Berg vorzugaukeln. Oder, wenn aus dem Nichts eine beleuchtete Telefonzelle auftaucht, weil Müller doch so dringend seine Frau anrufen möchte. Schließlich wird der Mensch zur Ameise, der Staat fällt über Schneling-Göbelitz her. Da ist’s aus mit dem possierlichen Possenspiel und die grausame Groteske hat das Schlusswort. Ludwig malträtiert seine Posaune, die Iflinger werden schließlich gefunden, in der Kirche, aber in welchem Zustand!, das Publikum, das ausgiebig gelacht hat, ist nun bereit ebenso zu applaudieren.

Mutmaßlich nicht in Wolfram Lotz‘ Sinne wäre es, „In Ewigkeit Ameisen“ mit Bedeutung zu überfrachten, aber dass der Autor damit sein Statement zum Ist-Zustand von Gott und der Welt abgegeben hat, wird man wohl annehmen dürfen. In seiner Golden-Record-Grußbotschaft an die Sternenwesen sagte Jimmy Carter, damals US-Präsident: „Wir versuchen, unser Zeitalter zu überleben, um so bis in Eure Zeit hinein leben zu dürfen.“

www.burgtheater.at

  1. 4. 2019