Viennale 2017: Licht

November 1, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Sehen heißt nicht mehr gesehen zu werden

Interessierte an Mesmers Methode beobachten Resis Therapie: Christian Strasser, Devid Striesow und Maria Dragus. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Die Augen bewegen sich unstet hin und her, der Blick ins Leere, unmöglich, sie unter Kontrolle zu halten, ebenso wie die Gesichtszüge, die entgleisenden, die mal Hochgefühl bis zur Ekstase, mal den in der Musik empfundenen Schmerz ausdrücken. Maria Theresia Paradis spielt Klavier. Und die Wiener feine Gesellschaft ums Jahr 1770 findet das „magnifique!“, „extraordinaire!“, kurios, diese Kuriosität, die ihnen da vorgeführt wird wie eine Jahrmarktsattraktion.

Andere, tuschelt’s hinter vorgehaltener Hand, beherrschten die schwarzweißen Tasten zwar besser, aber: Die sind nicht blind! Barbara Albert hat Alissa Walsers Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ verfilmt. „Licht“ heißt ihre Produktion, die bereits mit großem Erfolg bei der Viennale lief, und am 10. November in die Kinos kommt. Die Autorenfilmerin, erstmals in Zusammenarbeit mit einer Drehbuchautorin, Kathrin Resetarits, erzählt darin die Geschichte des real existiert habenden blinden Wunderkindes Resi Paradis zu Zeiten Maria Theresias. Die Kaiserin, die dieses Talent sogar mit einer Gnadenpension bedachte. Die Berühmtheit dank Begabung samt Beeinträchtigung.

Der Motor hinter Resis bestaunten Auftritten sind die Eltern. Von Ehrgeiz zerfressen, bemüht, aus dem familiären Unglück wenigstens was rauszuholen, der Vater (fabelhaft: Lukas Miko) ein ewig Unzufriedener, die Mutter (Katja Kolm enervierend gut als „Eislaufmutti“) rüscht derweil Resi mit überbordender Pracht auf. „Sie tanzt sogar“, führt sie ihre Tochter einem Beäuger zu. Dieses Wesen, dem man fast schon die Würde genommen hat. Das auf seine Selbstständigkeit verzichtet hat. In jeder Beziehung. Verzichten musste.

Die Mutter gibt Anweisungen für die Klaviervorführung vor höchsten Kreisen: Katja Kolm und Maria Dragus. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

In Mesmers Haus: Resi (Maria Dragus) in ihrem Element. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Ins Leben der Paradis‘ tritt Franz Anton Mesmer, Wunderheiler. „Animalischen Magnetismus“ nannte er selbst seine Methode, heute würde man vielleicht Energetiker sagen. Jedenfalls ist er gerade sehr im Schwange, will ehrlich helfen – und bei Erfolg bei Hof Fuß fassen. Er nimmt die Resi, der Behandlungen bisher nur versengte Kopfhaut und Haarausfall eingebracht hatten, unter seine Fittiche, er befreit von Perücke und – dies natürlich das Bild – vom Korsett. Und siehe da: unter Mutters Tand und Vaters Tadel und der Gesellschaft Tralala – ein Mensch …

Den die junge Schauspielerin Maria Dragus exzellent darstellt. Ihre Körpersprache und ihr Mienenspiel geben dem Film maßgeblich die Form. Allein, wie sie konzentriert das „Nicht-Sehen“ durchhält, ist große Kunst. Allmählich kommt neues Selbstbewusstsein durch neue Einflüsse. Im Haushalt der Mesmers erfährt Resi nämlich erstmals so etwas wie persönliche Freiheit. Dragus wandelt das Mädchen Resi zur jungen Frau, die anderen werden ihr jetzt vieles infrage stellendes Verhalten aber nur „störrischer“ finden.

Mesmer setzt tatsächlich einen Heilungsprozess in Gang. Devid Striesow brilliert als vielschichtiger Charakter, ein Mann von Einfühlungsvermögen und großer Mitmenschlichkeit, der trotzdem seine eigenen hochfliegenden Ziele verfolgt. In seinen „Séancen“, in denen er Resi samt seinen Praktiken den Wichtigen von Wien vorführt, sind um nichts weniger ein Begaffen als bei ihrem Klavierspiel. Als sie erste Schemen erkennt und Gegenstände im Wortsinn begreift, heißt es „Wie eine Amerikanerin aus dem kanadischen Urwald!“ und „Ganz unverbildet!“. Und Mesmer, der nach offizieller Anerkennung ringt, lässt es zu. Am Ende wird er mit Schimpf und Schande aus Wien verjagt werden, doch das erzählt der Film nicht mehr.

Sondern vielmehr von zwei Versuchen, sich selbst zu befreien, der Visionär vor der Borniertheit der Schulmediziner (immerhin billigt ihm der Kaiserin Leibarzt Anton von Störck sehr goethe’isch zu, dass es „zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als sich mit unseren Mikroskopen fassen lässt“), die Blinde aus der Geiselhaft des Elternhauses und der Absurdität ihres dortigen Daseins. Zweiteres wird gelingen, wenn auch anders als gedacht, der Freigeist Mesmer wird auch aus Resi einen gemacht haben, sie wird eine Entscheidung treffen zwischen Klavier und Augenlicht. Je mehr sie wahrnimmt, umso kläglicher wird ihr Spiel.

Eine öffentliche Demonstration von Resis Heilung: Devid Striesow und Maria Dragus. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Mit dem Verlust der Blindheit ginge aber auch die gesellschaftliche Sonderstellung samt Gnadenpension verloren. Es hieße sehen, um nicht mehr gesehen zu werden, dieser Konflikt die einzig wesentliche Dramatik im Film. Und Vaters Satz „Alles ist besser als das da“, mit Fingerzeig auf sein Kind, wandelt sich in ein „Wenn sie nichts kann, zählt sie nichts“ …

Die Schattenseiten des neuen Lichts haben Albert und Resetarits und Kamerafrau Christine A. Maier in vielerlei Facetten gestaltet. Mittels Lochoptik erzeugt Maier impressionistische Bilder, die Resis erste Sehversuche illustrieren. Dazu ein immer wieder sehnsüchtiger Nicht-Blick in den blauen Himmel über Baumwipfeln. Resis Welt ist im Wesentlichen dunkel, eine Augenbinde gibt sogar Sicherheit, als Kontrast der beinah schon grotesk-bunte Rokoko-Putz von Kostümen und Kulisse.

Doch nicht nur das Wiener Bürgertum des 18. Jahrhunderts wird in „Licht“ ausgestellt, sondern auch jenseits jedes Historienkitsches die Unsichtbaren der Zeit. Als Gegensatz zur Mesmer’schen Therapiegruppe aus psychisch Angeschlagenen und überspannten Hysterikern, die Dienstboten im Haushalt, angeführt von Stefanie Reinsperger als Küchenmagd und gewürzt mit Cameoauftritten wie dem vom Nino aus Wien als Stallbursche. Die Klassen sind klar getrennt, doch auch Resis Kammerzofe Agi, sie spielt die wunderbare Nachwuchshoffnung Maresi Riegner, träumt von einer helleren Zukunft. Dass die beiden jungen Frauen sich anfreunden können, zeigt, dass Resi aufgrund ihrer sie von der Welt fernhaltenden Blindheit die Unterschiede zwischen „oben“ und „unten“ gar nicht wahrnimmt. Dass für die unten Tod und Vertreibung näher ist, als für die oben, wird der Film aber noch drastisch zeigen.

Barbara Albert im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=26995

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  1. 11. 2017

Viennale 2017: Barbara Albert im Gespräch über „Licht“

Oktober 28, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Blindheit, die in die Freiheit führt

Resi hat Sehnsucht nach der Sonne über den Baumwipfeln: Maria Dragus (M.) mit Lukas Miko, Katja Kolm, Maresi Riegner und Susanne Wuest. Bild: © Chistian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Mit ihrem  neuen Spielfilm „Licht“ erzählt die österreichische Filmemacherin Barbara Albert eine Parabel über die Macht der Musik. Aufwendig inszeniert und mit großem Einfühlungsvermögen beschreibt das Historiendrama die Suche nach der eigenen Identität zwischen Lichtblicken und Schattenseiten, zwischen Schein und Sein, zwischen Sehen und Gesehen werden. Der Inhalt: Wien 1777. Die blinde, 18-jährige Maria Theresia Paradis ist als Klavier-Wunderkind in den besten Kreisen beliebt.

Nach zahllosen medizinischen Fehlbehandlungen wird sie von ihren ehrgeizigen Eltern dem wegen seiner neuartigen Methoden umstrittenen Arzt Franz Anton Mesmer anvertraut. In dessen von der Aufklärung durchtränkten Haus und dank Mesmers offener Art, beginnt Resi zum ersten Mal in ihrem Leben Freiheit zu spüren. Doch dann merkt sie, dass ihr Klavierspiel schlechter wird … Bei der Viennale wurde „Licht“ bereits heftig akklamiert, ab 10. November läuft er in den Kinos. Es spielen unter anderem Maria Dragus, Devid Striesow, Lukas Miko, Katja Kolm und Maresi Riegner. Regisseurin Barbara Albert im Gespräch:

MM: Sie sind auf die Geschichte der Maria Theresia Paradis über den Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ von Alissa Walser gestoßen. Haben Sie auch historische Quellen durchforstet?

Barbara Albert: Absolut, besonders intensiv hat Drehbuchautorin Kathrin Resetarits recherchiert. Sie hat sich in die Sache vertieft, hat zum Beispiel alle Briefe von Vater Paradis und von Franz Anton Mesmer gelesen; die Paradis selbst hat nichts über diese Zeit bei Mesmer geschrieben – oder es ist verschollen. Ich habe dann noch mit dem Historiker Martin Scheutz das Drehbuch abgeklopft, damit alles so authentisch wie möglich ist. Ich habe bei der Arbeit jedenfalls sehr viel über ein Frauenleben im 18. Jahrhundert erfahren. Maria Theresia Paradis konnte diese Karriere ja nur machen, weil sie ein Wunderkind war, und aus der Masse herausragte. Sie musste als Blinde keine Ehe eingehen, weil sie auf dem Heiratsmarkt ohnedies nichts wert war, und hat dadurch keinem Mann gehört. Durch die Gnadenpension der Kaiserin war sie außerdem finanziell unabhängig. So wie sie in späteren Jahren autonom gelebt hat, das war wenigen Frauen vergönnt. So bitter das ist, hat ihr ihre Blindheit Freiheit in einem sehr restriktiven System verschafft. Im Film will sie natürlich alles – sehen können, frei sein und ihre Musik haben.

MM: Ist die Figur Resi Paradis nun mehr Fakt oder Fiktion?

Albert: Das ist tatsächlich schwierig zu beantworten, weil man auch über die Quellen nicht ganz nah an die Paradis herankommt. Deshalb steckt auch viel vom Roman in der Filmfigur. Alissa Walser zeichnet sie als extrem ambivalenten Charakter, die auch aus der Haut fährt, weil sie das Eingesperrtsein in ihrem gesellschaftlichen Korsett nicht mehr aushält, und sich in ihrer Blindheit hilflos fühlt. Im Buch ist sie manchmal garstig und wütend, und obwohl sie das im Film nicht so sehr ist, war das auch mir sehr wichtig, dass sie als Frau kein leidendes Opfer ist, sondern aktiv und stark bei diesen Bemühungen um Heilung dabei.

MM: Man kennt Sie als Autorenfilmerin, nun haben Sie erstmals mit einer Drehbuchautorin zusammengearbeitet. Wie war das für Sie, Teile der Arbeit aus der Hand zu geben?

Albert: Ab jetzt habe ich Lust, mehr mit Autorinnen und Autoren zu arbeiten! Für mich war das eine sehr intensive und gute Erfahrung. Ich konnte mich mehr auf die Regiearbeit, auf die Erarbeitung der Bilder mit der Kamerafrau, auf die Proben mit den Schauspielern konzentrieren. Natürlich musste ich mir das Buch zu eigen machen, musste aus Kostengründen auch zwei, drei Szenen streichen, aber ich konnte beim Lesen sozusagen schon Schneiden, schon in Bildern denken. Bei den anderen Projekten habe ich später mit dem filmischen Denken begonnen, weil ich mit dem Kopf noch beim Schreibprozess war.

MM: Warum interessiert einen heute das Schicksal der Paradis? Was hat uns das noch zu sagen? Hat ihre Geschichte indirekt mit dem jetzigen Selbstoptimierungswahn zu tun? Ihr Vater sagt ja über ihr Klaviertalent: Wenn sie nichts kann, ist sie nichts wert.

Albert: Selbstoptimierungswahn ist ein gutes Stichwort. In den sozialen Netzwerken ist das sehr relevant, und junge Menschen – heute sind nicht nur die jungen Frauen, sondern auch junge Männer betroffen – sind derzeit in einem extremen Korsett, weil ihnen nicht nur gesagt wird, wie sie auszusehen und sich anzuziehen haben, sondern sie auch ständig beweisen müssen, wie „besonders“ sie sind. Jeder muss ein Star sein und im Wortsinn die perfekte Oberfläche präsentieren. Deshalb posten sie ihre Selfies, um öffentlich zu zeigen, welch ein tolles, aufregendes Leben sie haben. Das ist ein Spagat, wie ihn auch die Paradis machen musste: einerseits angepasst, andererseits außergewöhnlich zu sein. Es gibt aber auch andere Themen im Film, die heute relevant sind: die Aufklärung, das Ringen der Frauen um Gleichberechtigung … Ich bin immer schon historisch interessiert gewesen, weil Geschichte erklärt, warum wir heute sind, wie wir sind. Und da komme ich natürlich auf den Obrigkeitswahn, die Kaiserin, der Hof, die Autorität, das war im 18. Jahrhundert ganz wichtig – und auch das hat sich bis heute wenig geändert.

Barbara Albert. Bild: coop99

MM: Bei dem Thema bin ich beim Heiler Franz Anton Mesmer, den Devid Striesow so vielschichtig verkörpert, auch er prinzipiell sympathisch, aber auch er eine ambivalente Figur.

Albert: Devid Striesow hat die Gabe, die Dinge auf den Punkt zu spielen. Er hat als wichtigste Nebenrolle neben Maria Dragus als Maria Theresia Paradis gar nicht so viele Szenen, um diesen Mesmer zum Schillern zu bringen. Das ist ihm, finde ich, wunderbar gelungen. Wir haben im Vorfeld viel über Eitelkeit gesprochen, über Ehrgeiz, denn Mesmer möchte so gerne in der Wiener Gesellschaft und am Hof akzeptiert werden, aber er ist und bleibt ein Außenseiter vom Bodensee. Mir war wichtig, Mesmers Geltungsdrang zu zeigen, ihn aber trotzdem nicht zu einem unangenehmen Menschen zu machen, weil ich überzeugt bin, dass er das nicht war. Ich bin sicher, dass er eine Verbindung zur Resi aufgebaut hat, er war ja auch sehr musikalisch. Er hat sich sicher mit ihr verwandt gefühlt, und war ihrer Besonderheit auf der Spur.

MM: Und er hat ja tatsächlich Menschen mit seinen Händen geheilt.

Albert: Ja. Ich glaube, er konnte Menschen beruhigen, indem er sie anfasste. Er hat sie aus dem System, das sie krankgemacht hat, herausgenommen. Im Film sieht man ja, dass die Mehrzahl seiner Patienten psychische Leiden hatte, und denen hat das sicher gutgetan, frei in Mesmers Haus leben zu können. Er hat beispielsweise den Frauen die Mieder ausgezogen …

MM: … und ihnen die Perücken abgenommen.

Albert: Das muss man sich vorstellen: Sogar Maria Dragus hat manchmal von der ganz hohen und dementsprechend schweren Perücke, die sie beim Dreh trug, Kopfschmerzen bekommen. Nun denke man, man hat das den ganzen Tag auf … Vor allem aber hat Mesmer die Menschen berührt, er hat eine Art – würde man heute sagen – Energiearbeit wie Reiki gemacht, das war damals nicht üblich. Heute wissen wir, dass Hände heilen. An einer Stelle sagt der Hofarzt Anton von Störck dazu: „Es muss zwischen Himmel und Erde mehr geben, als wir mit unseren Mikroskopen sehen können.“ Den Satz finde ich schön. Nur: Mesmer konnte sich nie erklären, seine Erfolge nie beweisen, deswegen hat man sie ihm dann auch abgesprochen. Er wurde mit Schimpf und Schande aus Wien verjagt.

MM: Es gibt ein Zitat im Film, das heißt „Mit Licht ist nicht zu spaßen“. Das erfährt auch die zweite „Schattenseite“ im Film, die Dienerschaft.

Albert: Die zu zeigen, war Kathrin Resetarits sehr wichtig. Sie wollte ein gesamtes Gesellschaftspanorama beleuchten, auch die Seite, die nicht gesehen wurde, weil sie, wie Sie sagen, eben im Schatten lebte. Maresi Riegner als Resis Kammerzofe Agnes ist wie ein zweiter Gegenpol zur Figur der Paradis. Agi, in ihrer Naivität, wertet nicht, und Resi auch nicht, diese Regel hat sie durch ihre Blindheit nicht gelernt. Also begegnen sich die Mädchen wie Kinder auf dem Spielplatz, die auch die Hautfarbe eines anderen nicht als anders sehen, bevor sie die Erwachsenen nicht drauf stoßen. Natürlich bleibt die Agi am Schluss auf der Strecke und muss das Haus verlassen, aber sie geht mit Stolz, weil auch sie sich nicht in die Opferrolle drängen lässt.

MM: „Licht“ ist ein Film über Frauen von Frauen. Christine A. Maier hat die Kamera geführt – und hat dabei mit „Licht“ gespielt. Was haben Sie beide sich dazu überlegt? Lassen Sie uns über Ästhetik reden. Ich hatte das Gefühl, Sie wollten immer natürliches Licht zeigen.

Albert: Das natürlich gesetzte Licht trifft Christines und meinen Geschmack. Ich wollte mit allem, Kostüm, Ausstattung, Licht, das Gefühl vermitteln, wir sind in der Zeit, im 18. Jahrhundert. Die schwierige Aufgabe war, Resi eine Subjektive zu geben. Wir haben uns gegen Effektlinsen entschieden, weil uns das zu künstlich war, und dann hatte Christine diese tolle Idee der Lochoptik, die diese unscharfen, impressionistischen Bilder macht. Das sollte aussehen, wie die allerersten Fotografien, das erste Festhalten von Bildern. Man hat das Gefühl von etwas Traumhaften, von einer Vorstellung vom Sehen, von einer Erinnerung. Wir wollten nicht definieren, ob Resi so sieht oder es sich einbildet, deshalb sind die Bilder vage Schemen. Ich hoffe, das löst Assoziationsketten aus.

Resis Eltern beobachten Mesmers Behandlungsmethoden: Katja Kolm, Devid Striesow, Maria Dragus und Lukas Miko. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Resi und ihre Kammerzofe Agi: Maria Dragus und Maresi Riegner. Bild: © Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

MM: Und dann immer der sehnsüchtige Kamerablick, der Schwenk in die Baumwipfel und den blauen Himmel?

Albert: Ja. Die Sehnsucht ist immer ein Motiv in meinen Filmen. Schön, dass Sie das da wiederentdeckt haben. Was mir in punkto Sehen auch wichtig war: Zu Beginn des Films sind wir wie die Voyeure. Wir sitzen wie die Abendgesellschaft, vor der die Resi Klavier spielt, und „gaffen“ sie an. Wie eine Jahrmarktsattraktion, als die sie von ihren Eltern ja auch vorgeführt wird. Die Nähe der Kamera soll beim Betrachten unangenehm sein. Dann wechselt die Perspektive in die Resis, man sieht wie sie, wie sie nahe am Objekte herangeht, um sie zu begreifen. Im Wortsinn, weil Tasten anfangs für sie sehr wichtig ist.

MM: Das heißt, wir wechseln von der Außensicht auf Resi zu ihrer Sicht auf sich selber?

Albert: Genau so wollte ich das. Das Tasten ist für mich etwas sehr Wichtiges, weil Film für mich etwas Haptisches ist, und das wollte ich durch die nahen Einstellungen spürbar machen. Ich hatte auch Freude daran, meinen Blick auf den ersten Blick zurückzubringen. So wie Resi sich lange zum ersten Mal ihre Hand anschaut, „wie ein Neugeborenes“, sagt Mesmer. Die Reduktion auf diese Einfachheit im Blick hat mir in unserer Bilderflut-Welt gefallen.

MM: Nun haben wir so viel über Resi gesprochen, nun endlich zu ihrer Darstellerin, der fulminanten Maria Dragus. Welch ein Kraftaufwand ist diese Rolle!

Albert: Sie selber sagt, es war nicht so anstrengend. Sie hatte keine Augenschmerzen durch das Schielen. Wir haben das auch von einem Arzt abklären lassen, ob das alles geht und ob wir das dürfen. Maria hat sich auf die Rolle eingelassen, sie war extrem mutig. Sie hat geübt, nicht zu schauen, sie hat ihre Augen höchst kontrolliert bewegt, aber aussehen sollte es ja, als ob nicht, sie hat auch geübt, die Kontrolle über ihre Mimik zu verlieren. Sie ist eine wahnsinnig tolle Schauspielerin, extrem professionell und konzentriert für ihr Alter von Anfang Zwanzig. Sie hat Routine, kann sich aber total öffnen und intuitiv sein. Und: Sie ist sehr musikalisch. Sie hat sich das Wienerische sehr schnell angeeignet, unsere Sprachmelodie, das hatte sie gleich gelernt.

MM: Hat sie auch selber Klavier gespielt?

Albert: Das nicht, aber sie hat gewusst, wo die Tasten auf dem Klavier liegen. (Sie lacht.)

MM: Die Musikstücke, die gespielt werden, sind von der Paradis?

Albert: Das letzte, obwohl sie es in Wahrheit mit 60 komponiert hat. Man merkt auch, wie erwachsen das Stück ist. Wir haben’s unserer Resi in die Tasten gelegt, obwohl sie es erst als ältere Frau geschrieben hat, aber es steht für mich so für ihre Emanzipation, für ihren weiteren Werdegang, dass ich es unbedingt im Film haben wollte.

MM: Wie ging es mit Maria Theresia Paradis weiter?

Albert: Sie hat mit ihrer Mutter und später mit dem Geiger Johann Riedinger, den man wahrscheinlich als ihren Lebensgefährten bezeichnen darf, Europa bereist und Konzerte gegeben. Später hat sie in Wien eine Musikschule für blinde Mädchen gegründet, in der sie auch unterrichtet hat. Sie hat sehr viel Korrespondenz mit den Größen ihrer Zeit geführt, hat eine Notenschrift für Blinde erfunden und bedeutende Salons gegeben. Ich hoffe also, unser Film wird eine Wiederentdeckung dieser großartigen Frau.

Die Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27053

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28. 10. 2017

Schauspielhaus Wien: Spam

Januar 8, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine irrwitzige Irrfahrt durchs Internet

Noemi Steffen, Sebastian Schindegger Bild: ©Timon Mikocki

Noemi Steffen und Sebastian Schindegger
Bild: © Timon Mikocki

Stifte und Klebezettel zum Notieren von Keywörtern liegen fürs Publikum bereit. Der Mann kann schließlich nicht alles alleine machen. Der hat beim Entschlüsseln der Hinweise so schon Stress, dieser Datenbahndinosaurier, dem die Digital Natives von der Überholspur aus lässig zuwinken. Der Mann ist auf der Suche nach seiner Identität, und eine solche hat man ja heute ohne Internet quasi nicht mehr. Also beginnt für ihn eine irrwitzige Irrfahrt durch die Untiefen der unendlichen wwweiten, durch Phishing-Mails und Skype-Chats, Youtube-Videos und LiveLeak, alles natürlich unter Einfluss des Nonsense stiftenden Google-Translator, auf Chinesisch (vereinfacht): 合理的原因 –  Hélǐ de yuányīn, man ist online bekanntlich international! Sebastian Schindegger spielt im Nachbarhaus des Schauspielhaus Wien „Spam“. Eine deutschsprachige Erstaufführung.

Der argentinische Autor Rafael Spregelburd hat diesen Spaß erdacht, 31 Szenen, deren Reihenfolge durch das Los – hier sind’s Glückskekse aus einem Goldfischglas – bestimmt wird, anhand derer eine Biografie rekonstruiert werden soll. Denn der Mann hat einen Schlag auf seine menschliche Festplatte bekommen und leidet nun unter Gedächtnistotalausfall. Nur sein Laptop weiß, wer er ist. Und offenbar eine mysteriöse Cassandra, mit der er in Kontakt steht. Noemi Steffen gibt dem Mann als eine Art allwissendes Elektronengehirn die Anweisungen über den weiteren Browser-Verlauf. Doch schon zu Beginn, diesmal ist es Tag 10 und es geht um Männlichkeit und Größe, nicht die innere, sondern das Junk-Angebot, steht fest: Hier ist alles nur Behauptung. „Ding!“ tönt es, wenn Schindegger sich dem nächsten Tag und dem nächsten digitalen Ereignis zuwenden muss; das Signal „Sie haben Post!“ wird auf dieser Schnitzeljagd nach dem eigenen Schicksal mitunter zur gefährlichen Drohung. Die virtuelle Müllhalde des Mannes ist nichts als eine Kopie seines realen Lebens.

In der Regie von Kathrin Herm agiert Schindegger wie im Escape Room, schwankt von Computer zu Camus‘ „Der Fremde“ und zurück, wandelt sich von verwirrt und zerspragelt zwischen seinen vielen Aufgaben an der Tastatur und den Wandprojektionen über zunehmend von Schwach- und Wahnsinn umzingelt zu am Schluss siegessicher. Schindegger beherrscht die Kunst, die Zuschauer charmant in sein Spiel einzubeziehen; damit gibt der Schauspieler dem Abend eine ihm eigene, feinhumorige Note. Er gibt auch körperlich alles, isst zerbröselte Kekse vom Boden, turnt über Sofa und Stühle, und ist am Ende auf der hohen Stirn von Klebestreifen und Heftpflastern gezeichnet. Während sich die Erkenntnisspirale immer schneller dreht, setzt sich langsam ein Mosaik zusammen, dämmert die Dimension des Geschehenen herauf. Nicht umsonst sitzt der Godfather der Suspense-Situationen, Sir Alfred Hitchcock, als Polster auf einem Podest.

Mehr zu verraten, wäre … nur so viel: Es kommen pervertierte Puppen vor. Und ein Schweizer Taucher. Und die chinesische Mafia. Es geht um Geld, heißt, bankinstitutionalisiertes und organisiertes Verbrechen. Ein langhaariger Linguistikprofessor und ein hipper Lifestyleblogger sind nicht zwingend zwei Männer. Es geht um Sprachversteppung und einen Wortschatzsucher in der wwwüste. Eine Moral hat sie auch, diese Geschichte: Wenn jemand via Mail ein Vermögen anbietet … erachten Sie’s als „Spam“. Das erspart Ihnen einen Kopfschmerz.

Sebastian Schindegger im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16648

Trailer: www.youtube.com/watch?v=1TTsMNavdaU

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Wien, 8. 1. 2016

Altes Geld

November 3, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Frei von der Leber weg? Es war fad.

Manuel Rubey als Jakob Rauchensteiner Bild: ORF/Superfilm

Ein finsterer Geselle als Lichtblick: Manuel Rubey als Jakob Rauchensteiner
Bild: ORF/Superfilm

Im anschließenden Kulturmontag kam ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner das Wort Überhöhung über die zugespitzten Lippen. Ja, wenn’s denn so … Wochenbeginn war’s und „Altes Geld“ war und bin ich böse, weil mir das Herzerl nicht übergegangen ist? Frei von der Leber weg: Es war fad.

Nun ist es natürlich ein guter Schmäh, vor der Fernsehausstrahlung die DVDs rauszubringen, die freilich Platin holen, weil die Leute schneller sein wollen als der Küniglberg sein kann, und David Schalko kaufen, wenn David Schalko draufsteht. Nun ist es der noch viel bessere Schmäh, auf stattgefundenen Flimmit-VoD-Erfolgen rumzureiten, also quasi im Öffentlich-Rechtlichen einen aufgewärmten Schas zu trommeln, den sich die letzten, also ich, die’s noch nicht gesehen haben, anschauen, weil die Zuschauer ob des bisherigen Hypes David Schalko sehen wollen, wo David Schalko drin ist. Die Leber galt, nur so nebenbei, den alten Griechen als Sitz des Lebens; heute gilt als verstorben, wer hirntot ist. Man spricht dann auch von „coma dépassé“, einem irreversiblen Koma.

Apropos, „Altes Geld“. Das ist sehr langsam und ziemlich leise. Vermutlich, weil der Zynismus selten schnell und nie laut ist. Bis sich was entwickelt, und es entwickelt sich kaum was, und das in Nichtlustig, weil bei keinem Tempo auch keine, so sie vorhanden gewesen wären, Pointen zünden können, kann man getrost drei Mal Limonade holen und vier Mal Lulu gehen. Oder je nach Blase umgekehrt. Die Lücke der dafür privat zuständigen, beim ORF fehlenden Werbepausen ist somit praktisch gefüllt. Es gibt viele Stehsätze. „Es gibt keine Pazifisten, nur Menschen ohne Waffen“. „Ich will nicht deinen Tod, ich wünschte es hätte dich nie gegeben“. „Humanismus ist, was übrigbleibt, wenn Effizienz weg fällt“. Vastehst, Oida? Pampf! Irgendwo kränzelte einer den Lorbeer „Altes Geld“ sei der heimische Denver-Clan, und wiewohl der schon eine Fernsehflatulenz, ich komm‘ einfach nicht von heißer Luft und Wind machen los – bitte um Verzeihung, war, ist „Altes Geld“ doch eher Rosamunde-Pilcher-Dynasty. Fallon und Jeff verlassen die Party und gehen mit der Kippe in den Garten an der Klippe. Fallon beginnt den Joint zu rauchen.  Jeff: „Das ist ja Stoff, Fallon.“ Fallon:“Da hast du recht.“ Jeff: „Was ist, wenn uns jemand sieht?“ Fallon:“Keine Sorge, ich habe genug, das reicht für alle.“ So viel zu Serien – high – light.

Zurück zu „Geld. Macht. Liebe.“ Das topbesetzte Schauspielerensemble agiert als die typischen Stereo-Typen. Udo Kier, sprachlos hinter Sonnenbrillen, teilt sich den einen irren Blick brüderlich mit Robert Palfrader, der als Psychopath auftritt. Ebenso überraschend der Einsatz von Nicholas Ofczarek als Arsch vom Dienst und von Thomas Stipsits als Hoperdatsch. Herbert Föttinger ist ein versoffener, süffisanter Bürgermeister, Simon Schwarz ein geschmeidiger Grüner. Immerhin zukunftsvisionärrisch sah Schalko das Gesundheitsressort schon wie Nieren wandern. Es kann aber statt Verkehr auch Bildung werden. Johannes Krisch, Florian Teichtmeister, Cornelius Obonya und Ursula Strauss spielen außerdem mit. Michael Maertens gibt einen Dr. Seltsam. „Hier bringt sich erstaunlicherweise niemand um“ ist ein Serienzitat. Sunnyi Melles spielt die upperclassig Unterkühlte und Nora von Waldstätten kann punkto Gesichtsfarbe sogar noch blasser sein als sie.

Nur Manuel Rubey erfindet sich mit blonder Perücke beißend neu, als Apfel, der dann doch nicht so weit vom Stamm gefallen ist, ein raubtiergefährlich Schimmernder unter aalglatter Oberfläche; er ist auf den ersten Licht-Blick nur an der Stimme identifizierbar. Ah ja, Dr. Seltsam: Worum geht’s? Der Kier hat Geld und braucht eine neue Leber und wird sein Vermögen dem vererben, der ihm eine bringt. Der Kier ist Nazi-Bub mit Führerfahrzeug im Fuhrpark und jüdischer Schwester am Telefon, sein Vater passender Weise mit Gas, für den Entweichler kann ich aber nix, reich geworden. Außerdem gibt’s Ost-Ganoven, Afrika und Analverkehr und eine Kampfszene in Peckinpah-Zeitlupe. Untertourig fast voll aufs Pedal steigen soll angeblich Sprit sparen.

Was gefällt, außer dem Dark-Duck-Club und seinem Codesatz „Hedy Lamarr ist eine geile Sau“, ist dieses Wien und Umgebung ohne Wiedererkennungswert, dieses nirgendwo überall in seinen kalten Farben, das seine Schattenspiele auf den Gesichtern aufführt, die unkonventionellen Kameraperspektiven, die schiefen Winkel und die schrägen Einstellungen. Es kann nur besser werden. Wöchentliche Ausstrahlung heißt ja, dass man sich an alles gewöhnt. Nach den ersten beiden Folgen gilt für das als „auf eine krude Art lustvoll“ angepriesene, aber noch: Eh, für die Masochisten unter den Serientätern.

Zum Nachjammern: tvthek.orf.at/program/Altes-Geld/10856047/Altes-Geld-1-Folge-Buschtrommeln/10892981

tvthek.orf.at/program/Altes-Geld/10856047/Altes-Geld-2-Folge-Alpha/10893003

Wien, 3. 11. 2015

Burgtheater: Dantons Tod

Oktober 22, 2014 in Bühne

Diese Besprechung bezieht sich auf die Voraufführung am 21. Oktober.

VON MICHAELA MOTTINGER

Duell zweier Theatertitanen

Joachim Meyerhoff (Georges Danton), Michael Maertens (Robespierre) Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Joachim Meyerhoff (Georges Danton), Michael Maertens (Robespierre)
Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Sie mögen von der Bühne gegangen sein, um das eine oder andere noch zu diskutieren. Etwa, wie man es verhindern kann, dass „St. Just“ Fabian Krüger mit dem Stiefel in Dantons am Boden liegender Perücke hängen bleibt – und diese minutenlang nicht los wird. Es war aber auch ein Sinnbild. Oder, dass ein Bühnenarbeiter die Gewänder der Exekutierten zusammenräumen musste, damit eine goldene Wand sich senken kann. Egal. Jan Bosses Inzenierung von Georg Büchners „Dantons Tod“ am Burgtheater ist großartig. Und sie kann bis zur Premiere am Freitag nur noch großartiger werden.

Wer mehr noch nicht wissen möchte, möge hier aufhören zu lesen!

Allein das Bühnenbild von Stéphane Laimé (Kostüme: Kathrin Plath) ist herausragend. Ein sich beinah – bis auf Prozess und Kerkerhaft – ständig drehendes Ringelspiel  mit Treppen wie von M. C. Escher, mit Spiegelkabinetten, Boudoirs für die Liebe, Kammern mit Gerichtsakten, einer Badewanne natürlich, die Guillotine in der Mitte des Raums … und einem Joachim Meyerhoff in der Haupt-Rolle als Danton, der in die Gegenrichtung langstreckenläuft. Gegen die Geschichte. Gegen die Zeit. Gesicht und Oberkörper mit einer weißen Klebmasse beschmiert. Abertausend Ideen scheinen durch Bosses Kopf gerast zu sein. So wie man den Regisseur kennt und liebt. Etwa ein von St. Just „geleiteter“ Kinderchor, der immer wieder die Marseillaise anstimmt – und das „Allons enfants“ wörtlich nimmt, wenn die kleinen Sängerinnen und Sänger als Revolutionäre mitten durchs Publikum auf die Bühne stürmen.

Zwischen all diesen Gimmicks hat Bosse das Wesentliche aber im Blick behalten. „Dantons Tod“ ist ein Lehrstück über Despotismus. Darüber, wie Revolution zu Diktatur führt. Wie es jede seit 1789 tat, was Büchner freilich nicht wissen konnte. Nur 22 Jahre alt fetzte er „Dantons Tod“ in fünf atemlosen Wochen hin. Der Dichter stand damals, 1835, völlig zu Recht unter dem Verdacht des Hochverrats. Er hatte im Hessischen Landboten sein berühmtes Manifest „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ veröffentlicht. „Die politischen Verhältnisse können mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Machthaber und die Liberalen ihre Affenkomödie spielen“, formulierte Büchner. All das lässt Bosse in seine Bearbeitung einfließen. Auch, dass George (Danton) von den Mitspielern Georg (Büchner) genannt wird und die beiden so gleichgesetzt werden. Auch, Achtung: Jung-Castorf, Großmutters „Es war einmal ein arm Kind und hat kein Vater und keine Mutter, war alles tot und war niemand mehr auf der Welt … Und war ganz allein, und da hat sichs hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und ist ganz allein“ aus Woyzeck, vorgetragen von Ignaz Kirchner. Der auch den Thomas Payne gibt, einen der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika, der mit Danton den girondistischen Verfassungsentwurf ausarbeitet, der allerdings nicht in Kraft trat. Er entging durch einen Zufall der Enthauptung. Er glaubte, dass wahre Religion darin bestehe, Gerechtigkeit zu üben, Erbarmen zu haben und seine Mitmenschen glücklich zu machen: „Die christliche Religion ist eine Parodie auf die Sonnenanbetung, in welcher sie eine Figur namens Christus an die Stelle der Sonne setzten und ihm jetzt die Verehrung zukommen lassen, die ursprünglich der Sonne galt.“

Doch mit Sonnenkönig und so hatten die Franzosen ihre Schwierigkeiten, deshalb gibt Michael Maertens den Blutmessias Robespierre, der alle seine alten Freunde und Wegbegleiter, seine Apostel, kopflos macht. Bosse hat Maertens und Meyerhoff wunderbar gegen den Strich besetzt, holt beide aus ihrer Burgschauspielerwohlfühlzone, lässt sie neue Facetten ihres Könnens zeigen. Eine der besten Szenen daher die Auseinandersetzung zwischen den beiden. Meyerhoff legt seinen Danton weniger als Epikureer an; er ist resignativ, politik- und lebensüberdrüssig, mittelschwer irre, aber das ist sicherlich so, wenn man dabei ist, den Kopf zu verlieren, und sich trotzdem in einen trügerischen Kokon der Unverwundbarkeit eingesponnen glaubt: „Mein Name!“ Maertens „Robespierre“ erscheint lange nur auf Leinwand, ein riesiger, via Livekamera gefilmter Kopf, ein jakobinischer Big Brother, der Asket, der mit unangenehm hoher Fistelstimme seine Wahrheit verkündet. Zwei begnadete Redner, der eine vom anderen „Polizeisoldat des Himmels“ genannt, der andere beschuldigt, „die Rosse der Revolution vorm Bordell halten lassen machend“. Robespierre wurde übrigens 1794 ohne vorherigen Prozess durch die Guillotine enthauptet, Saint-Just bestiegt mit ihm gemeinsam das Schafott.

Fabian Krüger spielt St. Just als Intriganten, als unscheinbares Priesterlein seines Herrn, der die „große Leiche“ Danton mit Anstand begraben will, weil sie ihm lebend zu eloquent ist. Seine Rede vor dem Kovent ist ein Gustostück. Seine Worte duften nicht mehr nach Menschenliebe, sondern stinken wie Leichen, aus deren Bergen er neue Lebende schaffen will. Vom Himmel regnet es Pamphlete, Kleidungsstücke … Man kann nicht umhin bei dieser Gewandlawine ans Dritte Reich und seine KZs zu denken …

Auf der anderen Seite stehen Peter Knaack als Camille Desmoulins und Daniel Jesch als Lacroix, die ihren Freund Danton aus seiner hysterischen Lethargie reißen wollen. Die endlich Republik statt Revolution wollen. Die genug haben vom „Köpfen spielen“. Auch ihre werden gemeinsam mit Dantons im Korb landen. Eine gelungene Darstellung! Ebenso wie die von Adina Vetter als Dantons verzweifelter Ehefrau Julie. Eine Verausgabung bis zur Selbstaufgabe. Julie und die von Aenne Schwarz verkörperte Lucile, Desmoulins Frau, werden ihren Männern freiwillig in den Tod folgen. Jasna Fritzi Bauer ist eine herrliche Hure Marion; Stefan Wieland und Hermann Scheidleder zwei blutdürstige Bürger.

Fazit: Eine fabelhafte Voraufführung. Man darf sich zu Recht auf die kommenden Vorstellungen freuen.

www.burgtheater.at

Wien, 22. 10. 2014