Theater in der Josefstadt: Rosmersholm

November 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Wortgefecht auf rechts gewendet

Letales Ende zweier Liebender: Herbert Föttinger als Johannes Rosmer und Katharina Klar als Rebekka West. Bild: Erich Reismann

Die Männersentimentalitäten der beiden um die in den Freitod gegangene Beate Trauernden, auch die gepflegten Herrenwitze sind bald vorbei. Höflich hilft der Gastgeber dem Gast zwar aus dessen Regenpelerine, man bewegt sich auf akademischem Terrain, der Kultur- wissenschaftler und der Hochschulrektor, aber schon, wie Krolls Kopf dabei kurz vom roten Plastik umschlossen ist – das hat etwas Erstickendes. Die Atmosphäre ist klaustro- phobisch, als gäb’s aus dem schwarzgrünen Strichcode-Bühnenbild kein Entrinnen. Auf dem Gut von Johannes Rosmer trennt sich ebendieses nicht so simpel vom Böse.

An der Josefstadt ist Autor Ulf Stengls Ansatz, Ibsens „Rosmersholm“ via Dramenüber- schreibung zu aktualisieren und auf die politischen Auseinandersetzungen zu fokussieren, aufgegangen. Dies nicht nur zur Freude von Hausherr Herbert Föttinger, der in seinem Spielplan derart eine weitere Uraufführung auflisten kann, sondern auch zu der des Publikums, das bei der von Regisseur Elmar Goerden verantworteten Premiere nicht mit dem Applaus geizte. Stengl, der mit Silvia Merlo auch den abstrakten Bühnenraum entwarf, hat den Vierakter auf zwei Stunden komprimiert und die Charaktere auf drei reduziert:

Johannes, Kroll und Rebekka West. Die gesellschaftlichen Grundsätze der Protagonisten sind bei Stengl auf die jeweilige Gegenseite gewendet. Sympathisierte Rosmer anno 1887 noch mit dem „linken Lager“, so ist der liberale Privatgelehrte längst nach rechtsnational abgedriftet und zum erzkonservativen Kämpfer für die „abend- ländische Kultur“ verkommen. Durch einen Artikel dieses Tenors aufgeschreckt, erscheint Kroll beim Freund und Schwager, die Figur nun logischerweise als Alt-Linker angelegt, freilich auf diesem Auge, heißt: für die Krise der Sozialdemokratie, blind – und im Wortgefecht sofort mit dem Totschlagargument, der Nazikeule, bewaffnet.

Krolls Regenpelerine: Joseph Lorenz mit Föttinger. Bild: Erich Reismann

Gedankenkontrolle? Herbert Föttinger und Klar. Bild: Erich Reismann

Herbert Föttinger hat die Rolle des Johannes Rosmer, Joseph Lorenz den Kroll übernommen, und Goerden seine Inszenierung mit einer feinfühligen Subtilität unterfüttert, die die beiden Kontrahenten ihren ideologischen Infight als gesitteten Disput gelehrter Gentlemen zum Thema gegensätzliche Denkweisen führen lässt. Keine Geste ist zu groß, nichts Gesagtes zu laut, und gerade dieses leise, unaufdringliche Spiel enttarnt die moderat dogmatischen Formulierungen der Streitkulturparteien als standardisierte Banalitäten.

Und apropos, immer wenn Stengl solche zulässt, bei Plattitüden von Flüchtlingskrise bis Überfremdung, das Stück schließlich eindeutig dem Geist des Jahres 2015 geschuldet, wirken sie verheerend authentisch – wie alltäglich zu vernehmende Argumente diverser Polit- diskutanten. Föttinger und Lorenz erschaffen im Zuschauer eine Empfindung, als würden zwei Menschen durchaus ähnlicher Weltanschauung diese allerdings konträr auslegen. Aber weil des zweiteren Kroll mit vom Gedanken der politischen Aufklärung angetriebener Verve die rechte Agitation und Angstmache auseinander- nimmt, gerät Johannes‘ neuerworbene

Position mehr und mehr aus der Bahn. Die ihm diese oktroyiert hat, ist die Dritte im Darstellerbunde, die vom Volkstheater entliehene Katharina Klar als Rebekka, ein in mancherlei Hinsicht problematischer Charakter mit Sprengkraft – nämlich nicht nur fürs Ende, sondern auch für den Schluss. Um ihn ziehen zu können, muss sich die einstmals freigeistige Gesellschaftsdame Beates in eine engstirnige Göre aus der rechtslastigen Unterschicht verwandeln. Was einem Stengl samt Goerden bisher an Stereotypen ersparten, leben sie bei diesem Typ scheint’s genussvoll aus. Ihre Rebekka ist dazu angetan, die besseren Herren mit gleicher Heftigkeit zu schockieren, wie Johannes der jüngeren Geliebten imponieren will, während Kroll den Fremdkörper von Anfang an misstrauisch unters Mikroskop nimmt. Sie, erfährt man, hat Rosmer zur rassistischen Gesinnungsschrift veranlasst, sowie in einem entsprechenden Internetforum publiziert, und à la Original steht zwecks Einnehmen von deren Platz ihre Mitwirkung an Beates Suizid im Raum.

Kroll liest Rosmers rassistischen Zeitungsartikel: Joseph Lorenz mit Katharina Klar und Herbert Föttinger. Bild: Erich Reismann

Klar spielt ganz „angry young woman“, die Sprache vulgär, zu Floskeln verroht, die Attitüde zynisch-aggressiv mit Hang zur Gewalttätigkeit, immer wieder muss sie Hose und Höschen runterlassen, um zu demonstrieren, dass sie prinzipiell auf alles und jeden pisst – und trotz dieser offensichtlichen Vorgaben gelingt Klar die große Kunst, ein Mädchen zu gestalten, zierlich, emotional zerrieben, das auf Johannes‘ versuchte Zärtlichkeiten mit Alarm reagiert. Im von deren Beziehungskonflikt fast vollständig bereinigten Kammerspiel, nimmt sich Katharina Klar, was geht, und es geht eine Menge.

Das ist so stark, dass es tatsächlich verärgert, dass Rebekka eine klischierte Familien- geschichte als Wohlstandsverlierer- und Wutprekariatskind vorgeschaltet wurde, der Adoptiv-, bei Ibsen in Wahrheit leibliche, nun ein Fascho-Stiefvater, der die Tochter natürlich sexuell missbrauchte, die küchen- psychologische Erklärung für ihre politische Indoktrination, ihre seelische Instabilität und ihre allumfassende Anti-Einstellung. Der Rest ist: Rosmer erkennt, dass er sich verrannt hat und schaltet von der Euphorie-Fünften flugs in den Rückwärtsgang, Rebekka reagiert – wie anders als? – mit Eskalation.

Aus Wasser wird Feuer, bereits Beate bevorzugte den Tod in den Flammen, weshalb sich zum Anzünden mit Spirituosen übergossen wird. Das Bild bleibt, nass ist nass, und die Frage, ob die selbsternannt „gemäßigten“ neuen Rechten nicht gefährlicher sind, als die in diesen Reihen demagogisch krakeelenden Ewiggestrigen.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=LoOjIe3eOMs           www.josefstadt.org

  1. 11. 2019

Burgtheater: Don Karlos

November 1, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die im Dunkeln sieht man durchaus

Gefangener einer überkommenen Gesellschaftsform, Geheimnisflüsterer im abhörsicheren Raum: Nils Strunk als Don Karlos. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

„Wenn dieses Trauerspiel schmelzen soll, so muss es, wie mich deucht, durch die Situation und den Charakter König Philipps geschehen“, formuliert im Bauerbacher Plan Friedrich Schiller höchstselbst, und am Burgtheater wird des Dichters Gedanke zum Ideendrama seit gestern auf den Siedepunkt gebracht. Martin Kušej präsentiert seine brillante „Don Karlos“- Produktion vom Residenz- theater als Wien-Premiere, mit etlichen neuen Darstellern, aber der immer noch atemberaubenden Ästhetik.

Einer frostkalten Atmosphäre von Vertrauensbruch und Verrat, unter deren eisschwarz-glatter Oberfläche heiß die Politkabalen und Liebesintrigen brodeln. Entstanden an der Phasengrenze von Sturm und Drang und Weimarer Klassik, uraufgeführt kurz bevor der jakobinische Tugendterror begann, die eigenen Kinder zu fressen, scheint Schiller seinem Publikum vor Augen führen zu wollen, wie handstreichartig Idealismus in die Irre gehen kann, sind Freigeistigkeit und Vernunftideal erst von der Staatsgewalt angekränkelt. Von der Utopie zur Umsetzung ist es ein weiter Weg, in den schon wieder welche Steine werfen, die die abendländische Aufklärung zwar als Aushänge- schild vor sich hertragen, die Votivtafel aber keineswegs mit den Motiven von Toleranz und Akzeptanz schmücken.

Was Wunder, hat einer wie Thilo Sarrazin den Begriff Tugendterror bereits vor Jahren als Linksschelte in Besitz genommen. An dieser Schnittstelle operiert Kušej, er beschreibt Philipps II. despotisches System als Black Box. Das Reich, in dem die Sonne niemals unterging, ist im Bühnenbild von Annette Murschetz eines der Schatten, durch das zwecks Inszenierung ihres sinistren Machtspiels Dunkelmänner – und dank der Eboli eine ebensolche Frau – schleichen. Das royale Dynasty ist eine gefährliche Drohung an Leib und Leben, macht die Aufführung gleich anfangs mit Drohnenflügen klar. Delinquenten werden von Schergen des Regimes in einem Wasserloch ertränkt, in einem Meer fast manischer Stille gibt Bert Wredes Geräusch-Kulisse den gespenstischen Ton vor, ein dumpfes Dröhnen, ein undeutliches Gemurmel – als wär’s von Folterverhören.

Oder das heimtückische Geflüster der Höflinge. Oder gar der König im Gebet? Thomas Loibl brütet in der Rolle des Philipp düster vor sich hin, und, als hätt‘s die schönen Tage von Aranjuez nie gegeben, die übrigen Protagonisten mit ihm. Loibl, allein optisch durch eine Art Habsburgerkinn ausgezeichnet, ist tatsächlich die von Philipps Schöpfer zur solchen bestimmte Kern-Schmelze des Abends, er beschwört mit seiner katastrophalen Allzumenschlichkeit den Super-GAU geradezu herauf. Loibl malt das Bild eines fieberwahnsinnigen Fürsten wie den Teufel an die Wand, sein Monarch ein von der eigenen Staatsmacht zur Räson gezwungenes Gefühlswrack.

König Philipp II. fordert Marquis von Posas Dienste: Thomas Loibl und Franz Pätzold . Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Auch ein Gewaltherrscher will sich von den Sünden reinwaschen: Thomas Loibl. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Philipp beschuldigt Elisabeth der Untreue: Marie-Luise Stockinger und Thomas Loibl. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Ein eiskalt kalkulierender Großinquisitor: Martin Schwab mit Thomas Loibl. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Bis beim von sich selbstbeherrschten Gewaltherrscher angesichts eines verstockten Karlos, einer eventuell fremdgehenden Elisabeth, einer vielleicht doch nicht seiner Tochter und eines verbissenen Posa endlich die Nerven blank liegen. Loibls Philipp wird im Laufe des Abends je bitterer, desto besser, umgeben von einem allwissenden Überwachungsapparat, weiß dessen Erbauer, der daran Schuldige nun Leidtragender, am allerwenigsten, was rund um ihn und wie ihm geschieht. Eine blau bestrahlte Ecke, die die Drehbühne ab und an herbeischafft, steht da als verdinglichte Paranoia, die Assoziation mit einem schallisolierten Tonstudio stellt sich ein, der einzig abhörsichere Ort in einem Palast, dessen Wände Ohren haben. Hier haben gut gehütete Licht- und Hirngespinste ein Zuhause.

Ansonsten strahlen grellweiße Spots aufs gekrönte Haupt, wenn’s nicht unter einer Kristallaureole weilt, andere sprechen aus dem nationalen Nachtfinster wie aus dem Off, bevor ihre speiübelgrünen Gesichter und leichenblaßen Körper ans Licht kommen. Was es im Halbnackten an Bekleidung gibt, ist ebenfalls tristessefarben, die stetig historischer werdenden Kostüme – bei den Herren von der Chino zur Heerpauke, bei den Damen vom chaneligen Cocktailkleid zum Kegelrock – von Heide Kastler. Alles entwickelt sich langsam, viereinhalb-Stunden-langsam. Die schaurige Totenstille des Staatsstillstands, die Tableaux vivants vor Tragik wund bis zum Wundstarrkrampf, Kušejs exemplarische Lähmung von Schillers schicksalsschwangerer Schwere, fordern vom Zuschauer höchste Konzentration. Dies Setting ist eines, in dem man notwendigerweise die Sinne scharf stellt, doch keine Rede von, wie aus München verlautbart, nichts hören, nichts sehen.

Die im Dunkeln sieht und versteht man durchaus, und will man sich auf Kušejs Experiment mit Raum und Zeit einlassen, wird man eines faszinierenden, intensiven, mitreißenden Theatererlebnisses teilhaftig. Denn aus dem Schwarz blitzen brillante schauspielerische Darbietungen. Überragend, wie bereits als Dionysos in den „Bakchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34408), ist der charismatische Franz Pätzold als Marquis von Posa. Prägnant in Ausdruck und Stimme macht er dessen idealdurchtränkte Selbstüberschätzung wie die sich trotz aller Umarmungen abzeichnende Entfremdung gegenüber Jugendfreund Karlos aufs Fürchterlichste klar. Verfängt sich Pätzolds Posa, in Kušejs ungewohnt unversöhnlicher Interpretation im Wortsinn keine Lichtgestalt, wegen seiner Hybris im Konspirationsnetzwerk, so Karlos aus Hilflosigkeit.

Die Eboli will ihren verräterischen Liebesbrief zurück: Katharina Lorenz und Nils Strunk als Don Karlos. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Marcel Heuperman, Arthur Klemt, Johannes Zirner, Felix Kammerer, Wolfram Rupperti und Bardo Böhlefeld. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Nils Strunk spielt ihn mehr als dämmersüchtiges Elegiebürscherl, denn als Aufbegehrer, jedenfalls als zu schwach, also chancenlos in einem System, in dem sich buchstäblich alles gegen ihn verschworen hat. Pätzold und Strunk sind naturgemäß Schillers rhetorische Spitzen gegönnt, ersterer bestechend beim berühmten Plädoyer für Gedankenfreiheit – und nach dem ihm zugedachten Schlussapplaus zu urteilen auf dem Sprung zum Publikumsliebling.

Zweiterer beeindruckend in einem Streitgespräch mit Alba, den Marcel Heuperman zwischen massiver Abscheulichkeit und ebensolcher Angst anlegt, und wie die beiden darin gefälliges Geplänkel in wilde Wut steigern. Herausragend auch Katharina Lorenz als Eboli, die sich von der liebreizenden Liebenden in die Gift und Galle fauchende Rächerin ihres erotischen Fehlschlags verwandelt. Johannes Zirner ist der Eboli und dem Alba ein wunderbarer Mitintrigant Domingo, ein Meister im Sähen von Zweifel und Zwietracht, wie der Beichtvater des Königs an diesem beweist.

Marie-Luise Stockinger verhält sich als Philipps unschuldig verdächtigte Gemahlin Elisabeth von Valois trotz aller Gegenwinde aufrecht und ehrlich. Martin Schwab kann als Großinquisitor mit seinem den Glauben klar kalkulierenden Geist gar nicht anders, als großartig sein. Wie Schwab sich über das Habsburgische Totenreich erhebt, sich imaginären Staub vom Priesterkragen schüttelt, das Kruzifix in Stellung bringt und mit wenigen Sätzen die gottgleiche Macht der Kirche zementiert, das ist große Kunst. Als Hofschranzen heucheln, huschen und kuschen Arthur Klemt als Parma, Tim Werths als Olivarez, Marta Kizyma als Mondekar, Bardo Böhlefeld als Lerma, Wolfram Rupperti als Feria und Felix Kammerer als Medina Sidonia. Sie alle finden sich am Schluss von Martin Kušejs Aufführung mit Jubel und Applaus bedankt.

Der neue Hausherr zeigt mit dieser Arbeit einmal mehr, wie fein sich ein historisches zum aktuellen Schlüsselstück ziselieren lässt, und zeigt auf, dass Theater nachgerade die politische Pflicht hat, sich als moralische Instanz zu inszenieren. Sein „Don Karlos“ ist ein Schattenspiel über Recht und Unordnung, über Politverdunkler, Staatssicherheitsfanatiker, Grenzzieher – und über in diesem Szenario für unmündig erklärte Bürger. Wer will, kann das als Sinnbild für die gegenwärtige demokratiepolitische Verfinsterung nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt sehen.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2019

Volkstheater: Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss

September 23, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein tieferer Sinn erschließt sich nicht

Die Bühne dient den Tänzern als – gähnend leerer – Ruheraum: Lukas Watzl, Isabella Knöll, Nils Hohenhövel, Katharina Klar, Sebastian Klein, Birgit Stöger, Claudia Sabitzer und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dem sitznachbarlich Wienerischen „Zerwos?“/wozu kann man sich zum Schluss nur anschließen. Regisseur Miloš Lolić hat am Volkstheater „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ inszeniert, dabei aber seiner selbst getroffenen Stoffauswahl offenbar miss-, heißt: weder der theatralen Kraft von Horace McCoys 1935er-Roman „They Shoot Horses, Don’t They?“ noch der kongenialen Verfilmung von Sydney Pollack aus dem Jahr 1969 vertraut.

Seltsam ist das, wäre doch die Vorlage, deren Story sich um einen der damals beliebt-berüchtigten Tanzmarathons in den USA der 1930er-Jahre dreht, Events, die McCoy aus persönlicher Erfahrung kannte, da er bei solchen als Rausschmeißer arbeitete, für zweifachen Konnex zur Gegenwart gut. Einem gesellschaftspolitischen Kapitalismus-auf-der-Kippe-Bezug mittels Rückblicks auf die Große Depression, die Verzweifelte wie Glücksritter mit der Aussicht auf 1000 Dollar Preisgeld und bis zu sieben Mahlzeiten täglich, die allerdings um den Esstisch tanzend eingenommen werden mussten, zu diesen Folter-Veranstaltungen lockten – und anhand deren archaischer Spielregeln sich mühelos Themen wie schwindender Sozialstaat, daher erstarkender Sozialdarwinismus, daher Existenzkampf für die von der Gemeinschaft Abgehängten bei gesteigertem Wettbewerb für die Systemgewinner, verhandeln hätten lassen.

Oder einem medienkritischen Seitenhieb, sind doch diese auf „real life“ gestylten Contests gleichsam als Vorläufer von Fernsehformaten wie dem „Dschungelcamp“ oder derzeit „Love Island“ zu betrachten, in denen die Kandidaten für den Sieg alles über sich ergehen lassen, und den Voyeurismus der Zuschauer mit – oft genug gefaktem – Herzschmerz, Streitereien und Skandälchen befriedigen. Schon in den 1930igern war es üblich, dass das Publikum die Tanzteilnehmer bis unter die Dusche verfolgte, deren halbkomatösen Minutenschlaf, ihr Kollabieren, ihr ob der körperlichen Verausgabung sogar Halluzinieren miterleben konnte, und müssen die Mitwirkenden heute unappetitliche Teile von Tieren essen, so gab es damals Sondermatches im Dauerlächeln, Boxrunden – und das gefürchtete „Derby“, ein Laufen bis zum Umfallen, das sprachlich nicht zufällig Menschen mit Rennpferden gleichsetzt.

Getanzt wird – live gefilmt – in der Roten Bar: Isabella Knöll unad Lukas Watzl als Alice LeBlanc und Joel Girard. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Filmstatistin Gloria Beatty und der gescheiterte Regisseur Robert Syverton hoffen, „entdeckt“ zu werden: Sebastian Klein und Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Immer in Bewegung bleiben: Nils Hohenhövel und Katharina Klar als Jimmy Bates und dessen hochschwangere Frau Ruby. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Shirley Clayton, Lillian Bacon und Harry Klein spielen eine Szene aus „Mutter Courage“: Claudia Sabitzer, Steffi Krautz und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Daran knüpft Lolić in gewisser Weise an, indem er, so ziemlich alles an McCoy’scher Handlung beiseiteschiebend, mithilfe von Schauspielszenen aus Stücken, die fürs Volkstheater von aufführungsgeschichtlicher Bedeutung sind, nachbessert. Dies nicht, bevor sich die Showmaster Evi Kehrstephan und Jan Thümer in diversen Fummeln, er einmal als Conchita-Klon – und wie abgegriffen ist das denn?, ordentlich leidgetan haben. Von wegen schwieriges Haus, stürmische Zeiten, so schief in den 7. Bezirk hineingebaut, das es mit dem Feng Shui ja nicht klappen kann. Hernach liegt es an den Darstellern die von der Kritik skandalisierten Inszenierungen, womöglich deshalb in der Regel die großen Publikumserfolge, aus 130 Jahren Volkstheatergeschichte in kleinen Häppchen zu servieren.

Der tiefere Sinn dieses Tuns erschließt sich nicht, es sei denn er läge darin, dem Ensemble die Chance zu geben, die kommende Direktion vom eigenen Können zu überzeugen, oder eine Visitenkarte für künftige Engagements abzugeben. Jedenfalls erfährt man nicht mehr Neues, als bei einer durchschnittlichen Theaterführung, wobei jedes Robert Reinagl’sche „Vorhangverbot!“ mehr Verve hat, als Lolićs Regieeinfall.

Und so arbeiten sich Steffi Krautz und Günther Wiederschwinger wunderbar dialektordinär und samt Quickie hinterm Kleiderständer durch Schnitzlers „Reigen“-Dialog „Die Dirne und der Soldat“, der 1921 den antisemitischen Volkssturm entfesselte, schwören einander Birgit Stöger und Sebastian Klein als Marianne und Alfred anrührend an Horváths Donauufer die ewige Liebe (doch die Nachkriegs-Wiener wollten sich nicht als „Geschichten aus dem Wiener Wald“-Figuren vorgeführt wissen), erinnern Claudia Sabitzer als „Mutter Courage“ und Stefan Suske als Feldprediger an den von Weigel, Torberg und Haeussermann angestifteten Brecht-Boykott, eine antikommunistische Kampagne, den Gustav Manker am Volkstheater als erster brach.

„Change“ von Wolfgang Bauer beschert Lukas Watzl und Isabella Knöll einen hinreißend satirischen Auftritt als Maler Ferry Kaltenböck nebst Freundin Guggi, was allerdings zur Disqualifikation von Knölls Tanzmaus Alice LeBlanc führt, weil die sich nicht wie vorgesehen vom Haberer ohrfeigen lässt, sondern sich aus den Männertexten einen feministischen Monolog zusammengebastelt hat. Auf Qualtingers „Die Hinrichtung“ folgt mit Katharina Klar und Nils Hohenhövel, sie das Parkettpaar Jimmy Bates und seine hochschwangere Ehefrau Ruby, Elfriede Jelineks „Krankheit oder Moderne Frauen“, und es werden nicht wenige Zuschauer im Abgang bemurmeln, dass die Ära Emmy Werner mit nur einer Produktion gewürdigt wurde.

Bei den „Derbys“ laufen die Darsteller kreuz und quer durch alle Etagen des Volkstheaters: Katharina Klar, Steffi, Krautz, Lukas Watzl, Sebastian Klein und Isabella Knöll. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Schließlich noch Thomas Bernhard und „Vor dem Ruhestand“, dies ein Stück der ersten Schottenberg-Spielzeit, dessen – ohne mahnenden Politfingerzeig kann’s Lolić nicht – von Anna Badora abmontierter roter Stern symbolträchtig über die Bühne getragen wird, bevor die zunehmend enervierenden Showmaster Kehrstephan und Thümer genüsslich die „Hitlerzimmer“-Affäre breittreten. Jenen Raum, in dem der „Führer“ die Pause verbringen sollte, nur dass er das Volkstheater nie besuchte,

und deren – no na – braune Holztäfelung Michael Schottenberg im Jahr 2005 erst als Bühnenbild für „Vor dem Ruhestand“ abnehmen ließ, bevor er sie auf Geheiß des Bundesdenkmalamtes wieder montieren musste. Seit Badora nennt sich das immer noch braungebretterte Erbstück vornehmer Bibliothek … Alldieweil versuchen Birgit Stöger und Sebastian Klein als Filmstatistin Gloria Beatty und gescheiterter Regisseur Robert Syverton vergebens ihren Status als Hauptcharaktere zu behaupten, dabei wäre die zynische Komparsin doch eigentlich eine Paraderolle für die so gekonnt spröde spielende Stöger. Warum Kehrstephan und Thümer ihr Ende – der hoffnungslosen Gloria gibt Robert schließlich den Gnadenschuss – quer durch den Abend vorwegnehmen, man weiß es nicht.

Ebenso wenig, warum Lolić auf die Idee verfallen konnte, die Tanzszenen sich in der Roten Bar ereignen zu lassen, wohingegen die im Wortsinn gähnend leere Bühne als Ruheraum dient. Wozu das Programmheft eine Choreografin ausweist, bleibt nicht weniger unklar, wird doch kaum mehr als geschunkelt und dieses unscharf-grobkörnig auf eine Leinwand im Hintergrund übertragen, die noch dazu von einem die Sicht nehmenden Lichtobjekt verhängt ist. Der gebürtige Grazer Lukas Watzl macht noch schnell vor, wie’s das Publikum verärgern würde, spielte „ein Piefke“ Turrinis „Rozznjogd“, und lässt dieses Gegeneinander-Ausspielen von Österreichisch vs. Deutsch in der Moralpredigt gipfeln, mit dem Dialekt würden einschlägige Politiker dem Wahlvolk suggerieren „Ich bin einer von euch“.

Dazwischen finden die „Derbys“ statt, bei denen die Schauspieler, gefolgt von den Livekameras, durch alle Ebenen des Hauses hetzen. Dass diese Überfrachtung mit Volkstheaterfakten, Tanzparkettchaos und Politstatement, keinen Platz für Personenzeichnung oder Rollengestaltung lässt, ist klar. Immerhin einsichtig, dass man, noch dazu nach dieser Aufführung, das derzeitige Volkstheater als „Baustelle ins Ungewisse“ deklariert. Saniert müssen nämlich nicht nur die Wände werden, sondern auch das, was sich in ihnen abspielt.

www.volkstheater.at

  1. 9. 2019

Burgtheater: The Party

September 22, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das linksliberale Idyll kippt aus der Balance

Gesundheitsministerin, ade: Während Janets Wahlkampf ging Bills Liebe flöten: Dörte Lyssewski und Peter Simonischek. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

„Bill krank. Zwischen uns aus.“ So knapp, per SMS, werden heute Beziehungen beendet. Es ist Janet, die diese Kurznachricht in ihr Handy klopft, an wen diese adressiert ist, wird noch der Clou des Abends werden und die Feierlaune im Freundeskreis endgültig zunichte machen. Regisseurin Anne Lenk, eines der vielen neuen Gesichter, die Martin Kušej in Wien präsentiert, brachte gestern am Burgtheater Sally Potters Stück „The Party“ zur deutschsprachigen Erstaufführung.

Die britische Filmemacherin hat ihr tragikomisches Kino-Kammerspiel aus dem Jahr 2017 mit Kristin Scott Thomas, Bruno Ganz und Timothy Spall (www.theparty-derfilm.de) selbst für die Bühne adaptiert, zum hörbaren Amüsement des Publikums, Lenk und Dramaturgin Sabrina Zwach sich neun Tage vor der Nationalratswahl naheliegende Querverweise auf österreichische Politquerelen jedoch erspart. Man belässt’s bei very british, und dass die Inszenierung auch so zündet, hat wohl in erster Linie mit den hervorragenden Schauspielerinnen und Schauspielern zu tun, bis auf Christoph Luser alle „alte Mann/Frauschaft“, und damit, dass Brexit-Boris Johnson auch hierzulande medial allgegenwärtig ist.

Die Story, die Sally Potter erzählt, ist eine grausame, zeigt sie doch, wie schnell das liberale Idyll „of what is morally right and politically left“ aus der Balance kippen kann, wenn Persönliches beginnt, das Politische zu unterminieren. Die Zuschauer sind zu Gast auf einer Party zu Ehren von Janet, die eben zur Gesundheitsministerin des sozialdemokratischen Schattenkabinetts gewählt wurde (die im Englischen gegebene Ambiguität „Party = Fest + Partei“ geht im Deutschen verloren), und in deren Verlauf drei von vier Paaren ihre Beziehung in Schutt und Asche legen werden.

Eingeladen haben Janet und ihr Ehemann, der Antikenexperte Bill: Janets längst gediente Freundin April, die seit Studientagen revolutionären Aktionismus dem Parlamentarismus vorzieht, und ihren Lebensgefährten, den esoterisch angehauchten Lebenscoach Gottfried; das lesbische Ehepaar Jinny und Martha, von denen erstere gerade erfahren hat, dass sie dank In-virto-Fertilisation mit Drillingen schwanger ist – mit ausschließlich Buben; sowie den ein wenig aus der Labour-Art schlagenden Slim-Fit-Banker Tom und seine Frau Marianne, die eben erst zu Janets engster Mitarbeiterin avanciert ist. Diese Marianne allerdings wird in den gesamten 90 Minuten Spielzeit nicht physisch auf der Bildfläche erscheinen, denn …

Das großartige dreigeschossige Bühnenbild: Regina Fritsch, Markus Hering, Peter Simonischek und Barbara Petritsch im Wohnzimmer, oben: Katharina Lorenz auf dem Weg zur Wohnungtür. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Partykrise: Barbara Petritsch, Dörte Lyssewski, Peter Simonischek und Regina Fritsch, oben: Christoph Luser in der Küche. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Fürs nun Folgende hat Bühnenbildnerin Bettina Meyer eine grandiose Kulisse erdacht, das Innere eines bereits Gebrauchsspuren aufweisenden Hauses auf drei Ebenen, unten das Wohnzimmer mit Bills wandfüllender Vinylsammlung und ein schwarzgekacheltes Badezimmer, in der Mitte die Küche und ein Ankleideraum, oben der Flur, der zum Eingang führt. In diesem Setting ist es eine originelle Idee von Anne Lenk, beispielweise April auf Etage zwei die Haustür öffnen zu lassen, während Jinny aber auf Etage drei eintritt, oder Tom ins imaginäre Bad auf Etage drei zum Koksen zu schicken, obwohl er sich eigentlich im Waschraum Etage eins befindet. Derart sind nicht nur fast filmisch schnelle Schnitte möglich, sondern werden die Situationen, denen Sally Potter ihre Figuren aussetzt, auch auf witzige Weise miteinander verbunden.

Mit dem Ensemble des Burgtheaters ist es naturgemäß ein Leichtes, aus Potters übertrieben holzschnittartig entworfenem Personal dreidimensionale Charaktere zu formen, Menschen zwischen Eigensinn und Eigennutz, über deren mit trockenem Humor vorgebrachte kleine Heucheleien und mittelgroße Lügen man in Komplizenschaft lachen kann. Zur nicht und nicht aufkommen wollenden guten Laune, kann man nur sagen: Stimmung geht anders! Aber die Anwesenden sind allesamt zu intellektuell, zu vernunftgesteuert für Ausgelassenheit, diese bourgeoisen Bohemiens, die gern gutbürgerlich leben, alldieweil sie im linken Gedankengut schwelgen.

Als ultimativer Partycrasher erweist sich Bill mit seiner schockierenden Feststellung, todkrank zu sein und die ihm verbleibenden Monate mit seiner Geliebten verbringen zu wollen. Peter Simonischek spielt Bill als geistesabwesenden Schallplattenaufleger, dessen Herzenswärme für Janet im Zuge ihrer Wahlkampftour, bei der er ihr – welch emanzipatorischer Traum! – den Rücken freigehalten hat, vollends erkaltet ist. Köstlich, wie er Janets machtstreberische Suaden schon auswendig kennt und die Worte hinter ihr nachäfft. Wenn aber Simonischeks Bill etwa bedauert, dass Janet „seit Jahren nichts mehr an mir bemerkt“, dann sind das die Momente, an denen Gags und Situationskomik zurücktreten, und der Spaß auf Messers Schneide steht.

Durch Bills und sich plötzlich aneinanderreihende weitere Geständnisse gerät das Geschehen aus den Fugen. Konflikte brechen auf, Ängste tauchen auf. Die Partygäste sehen auf einmal ihre Korrumpier- und philanthropische Haltbarkeit verhandelt, mit verheerender Feuerkraft – und, apropos: es befindet sich eine Pistole auf der Bühne – treibt man einander zum Äußersten, wobei man in Höchstgeschwindigkeit die drängenden Themen der Zeit durchdekliniert, die Krisen des Sozialstaats, vom schleichenden Demokratieverlust des Westens über Fehler im Gesundheitswesen bis zu Heuschreckenbanken und dem frauenpolitischen Stillstand. „Manchmal muss man so tun als ob“, konstatiert Janet. „Das hat für die Partei und für dich als Person nicht funktioniert“, erwidert Martha.

Lebenscoach Gottfried will Bill unterstützen: Markus Hering und Peter Simonischek, hinten: Katharina Lorenz. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Katharina Lorenz und Barbara Petritsch als lesbisches Ehepaar Jinny und Martha. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Tom kämpft mit einem Geheimnis und seinem schwachen Magen: Christoph Luser mit Dörte Lyssewski und Regina Fritsch als April. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Dörte Lyssewski gestaltet die Janet mit Merkelscher Topffrisur und hart am Rande des Nervenzusammenbruchs. Hin- und hergerissen in ihrer frauenschicksalhaften Doppelfunktion als Ministerin und Hausmütterchen wechselt sie flugs zwischen dem Belegen von Brötchen und dem Zu-Papier-bringen von Parteireden. Dass ausgerechnet ihr Ehemann zu einem Privatarzt gegangen ist, weil der alle Tests „zack, zack, zack“ erledigt hat, der Kassenarzt hingegen erst in zwei Wochen den ersten freien Termin gehabt hätte, ist für Janet ein schwerer Schlag, fürs Publikum ein mit Applaus bedachter Scherz.

Lange vor den Figuren selbst, sieht dieses deren Fassaden in sich zusammenfallen. Die Doppeldeutig- wie Doppelzüngigkeit häuft sich, der Rauch der im Ofen verbrannten Pasteten durchzieht das Haus, und Regina Fritsch als nie um einen zynischen Spruch verlegene April nennt Martha im Streit „eine erstklassige Lesbe, aber eine zweitklassige Denkerin“. Das kann Barbara Petritschs Martha, diese eine Professorin für Gender Studies, so freilich nicht stehen lassen, doch ist sie zu sehr mit der dauerkotzenden Jinny beschäftigt, und ihrer Furcht davor, ihre Zweierromanze zum fünfköpfigen „Kollektiv“ aufzustocken, um sich eine gepfefferte Replik überlegen zu können.

Der Eskalation ist noch nicht Genüge getan, es wird noch eine Champagnerflasche über einen Schädel gezogen und die Pistole gezückt und mit ihr geschossen werden. Die Gewaltspirale schraubt sich höher, als sich herausstellt, dass Bill seine Schäferstündchen in Marthas Appartement absolviert hat – hysterischer Ausraster Janet. Dies ein Liebesdienst in alter Verbundenheit, waren doch Bill und Martha auf der Uni kurz Sexpartner – aggressiver Ausraster der von Katharina Lorenz als kindlich wirkende, aber ein Kraftweib seiende verkörperten Jinny, weil „in Martha schon einmal ein Mann war“.

Und während Fritschs April den von Markus Hering dargestellten gutmütig-hilfsbereiten Tropf Gottfried in Permanenz disst, egal ob’s um seinen spleenigen Tanzstil oder seine Glaubenssätze von der Wahrheit als Lebenskonzept geht, bevor sie ihm eine Heirat anbietet, weil’s ihnen beiden mit ihrer Beziehungskiste immer noch besser geht, als dem Rest der Gruppe, hat Christoph Lusers Tom seine Nase endlich aus dem weißen Pulver gezogen. Er offenbart vor Anspannung schwitzend und von Weinkrämpfen geschüttelt, dass Bills Pantscherl seine Frau Marianne ist. Allein, Bill ist nicht der einzige mit dem Marianne eine Affäre hat …

„The Party“ in Anne Lenks Regie ist nicht zum Schenkelklopfen lustig, sondern eine satirisch auf pointierte Zwischentöne setzende Abhandlung darüber, wie schnell als liberal verbuchte Zivilisationsgewinne verpuffen, wenn’s den moralisch hochgetunten handelnden Personen ans Eingemachte geht. Die bös-stichelnde Aufführung am Burgtheater ist ein sinistres Vergnügen, bei dem es angesagt ist, einmal die eigenen Überzeugungen zu belächeln. Eine unterhaltsame Abwechslung zu den irrwitzigen Nachrichten, die Europa gewiss schon morgen wieder aus London zu erwarten hat.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2019

Akademietheater: In Ewigkeit Ameisen

April 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Apokalypse Blau

Die Ameisen fallen über Professor Schneling-Göbelitz und seinen Assistenten Müller her: Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Soundkulisse stammt von den Voyager Golden Records. Da grüßt die Menschheit in 55 Sprachen etwaige Außer- irdische als könne sie kein Wässerchen trüben. Im Programmheft sind die Bilder und Geräusche aufgelistet, die 1977 als Botschaften auf Datenplatten ins All befördert wurden, und das ist anrührend zu lesen, diese Vielfalt der Erde, bedroht durch die Hybris einer ihrer Bewohner. Einer Spezies, die sich, wo sie hin- und was sie angreift, durch die Zerstörung des Planeten und damit ihrer selbst hervortut.

Ein „Fridays for Future“-Foto stellt sich diesem Tun symbolisch entgegen. So weit also die Folie, mit der Jan Bosse seine Inszenierung von Wolfram Lotz‘ „In Ewigkeit Ameisen“ am Akademietheater unterlegt hat. Das Stück zu dieser Uraufführung hat sich der Regisseur gemeinsam mit Dramaturgin Gabriella Bußacker zusammengezimmert, indem er Lotz‘ zehn Jahre alte Hörspiele „In Ewigkeit Ameisen“ und „Das Ende von Iflingen“ ineinander verschränkt. Das macht Sinn, geht es doch in beiden um nichts weniger als den Untergang von allem, und Bosse übersetzt Lotz‘ skurrile Endzeitstimmung in eine drollige, beinah kindlich-märchenhafte Katastrophenkomik. „In Ewigkeit Ameisen“ ist Nonsens mit erhöhtem Monthy-Python-Faktor, sowohl schreiberisch als auch szenisch, eine Dystopie mit Pointe, die Lotz‘ dramatischem Ideal vom „unmöglichen Theater“ den Weg weist.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Christiane von Poelnitz und Katharina Lorenz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auftreten erst Erzengel Michael und Hilfsengel Ludwig, um „Das Ende von Iflingen“ in Angriff zu nehmen, heißt: die Dorfbewohner zwecks Jüngstem Gericht per flammendem Schwert zu richten. Die Akte zum göttlichen Plan haben sie im Heftordner mit dabei, allein, die Häuser sind leer, die Iflinger nirgends zu finden. Alldieweil, die Szenen alternieren und werden zum Schluss parallel über die Bühne gehen, sucht der Formicidaeforscher Professor Schneling-Göbelitz, der sich, da im Rollstuhl sitzend, von seinem Assistenten Müller durch den Dschungel karren lässt, nach der bis dato unentdeckten blauen Ameise.

Durch deren Aufspüren will er sich zumindest akademische Unsterblichkeit sichern, raffen doch die Folgen eines globalen Atomkriegs gerade alles Leben dahin. Ein paar Stunden noch, verlautbart das Kofferradio, dann ist’s aus und vorbei. Apokalypse Blau. Und tatsächlich sieht das Setting von Stéphane Laimé nach einem Tag ohne Morgen aus. Ein leerer Raum, es ist duster, grauschattierte Schaumstofffliesen kacheln die Wände und geben überraschend immer wieder das eine oder andere Schlupfloch frei, die Darsteller schweben von der Decke herab oder erscheinen aus der Versenkung – das ist alles. Und großartig ist es, wie diese Aufführung beweist, dass es für einen außergewöhnlichen Abend nicht mehr braucht, als die überbordende Fantasie eines Regisseurs und eine Handvoll fabelhafter Schauspieler.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Katharina Lorenz und Christiane von Poelnitz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die in diesem Fall Christiane von Poelnitz, Katharina Lorenz, Peter Knaack und Klaus Brömmelmeier heißen, die, von Kostümbildnerin Kathrin Plath in Blaumänner oder DDR-blaue Trainingshosen gekleidet, jeweils in jeder Rolle agieren, und Aenne Schwarz, die als diverse Tierwesen, vom empörten, weil beim Laubwühlen unterbrochenen Igel bis zum schlachtungswilligen Schwein, ihren Sinn fürs Absurde demonstriert. Extrafein gelungen ist ihr der melancholische Mauersegler, für den sie nur den Kopf durch die Softplatten steckt, während ein Toneffekt simuliert, der Vogel flöge pfeilschnell über das Publikum hinweg. Sein Wunsch: Die Engel mögen das nach Fäulnis stinkende Ding da unten, die Welt, endlich wegräumen, damit das Elend ein Ende hat. Und während erst von Poelnitz und Lorenz als Überirdische an und in den Seilen hängen, ackern sich Knaack und Brömmelmeier als Professor Schneling-Göbelitz und Müller durchs irdische Unheil.

Wie im Himmel so auf Erden, die Dopplung ist deutlich, hie ist man unterwegs im Auftrag des Herrn, da hat ein Herr einen Auftrag. Hie ein regeltreuer, durchaus blutrünstiger Routinier und sein zartbesaiteter Tollpatsch von Azubi, da ein egomanischer Wissenschaftler und sein ängstlich bemühter Mitarbeiter, Zyniker treffen auf Schwärmer, und derart sind die ungeduldigen Chefs der Überzeugung, dass bei ihren im Wortsinn Nacht-und-Nebel-Aktionen nichts gelingt, eben wegen der Kraftlosigkeit ihrer unfähigen Hilfskräfte. So entstehen wunderbar witzige Momente. Mit Christiane von Poelnitz als martialischem Erzengel Michael und despotischem Schneling-Göbelitz. Mit Katharina Lorenz und Klaus Brömmelmeier, die als Müller die leise Poesie des Texts, als Ludwig die Schlotterknie für sich gepachtet haben. Mit Peter Knaack als kauzigem Gelehrten, später als Michael, der, so dass einem das Lachen im Hals fast steckenbleibt, dem begriffsstutzigen Ludwig Gottes verquere Logik zum Thema Sünde und die Willkür Seiner Schöpfung erklärt. Aenne Schwarz ist sowieso das Highlight des Abends.

Aenne Schwarz als Igel … Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

… und als Mauersegler. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bosse erschafft ästhetisch abstrakte Bilder. Etwa, wenn er den Professor und den bis zur Erschöpfung schiebenden Müller auf ein sich anhebendes Laufband stellt, um einen Berg vorzugaukeln. Oder, wenn aus dem Nichts eine beleuchtete Telefonzelle auftaucht, weil Müller doch so dringend seine Frau anrufen möchte. Schließlich wird der Mensch zur Ameise, der Staat fällt über Schneling-Göbelitz her. Da ist’s aus mit dem possierlichen Possenspiel und die grausame Groteske hat das Schlusswort. Ludwig malträtiert seine Posaune, die Iflinger werden schließlich gefunden, in der Kirche, aber in welchem Zustand!, das Publikum, das ausgiebig gelacht hat, ist nun bereit ebenso zu applaudieren.

Mutmaßlich nicht in Wolfram Lotz‘ Sinne wäre es, „In Ewigkeit Ameisen“ mit Bedeutung zu überfrachten, aber dass der Autor damit sein Statement zum Ist-Zustand von Gott und der Welt abgegeben hat, wird man wohl annehmen dürfen. In seiner Golden-Record-Grußbotschaft an die Sternenwesen sagte Jimmy Carter, damals US-Präsident: „Wir versuchen, unser Zeitalter zu überleben, um so bis in Eure Zeit hinein leben zu dürfen.“

www.burgtheater.at

  1. 4. 2019