Volksoper: Roxy und ihr Wunderteam

September 12, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

So sexy kann Fußball sein

„Roxy“ Katharina Gorgi und ihr Wunderteam. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Schon zur Ouvertüre muss das Runde ins Eckige. England gegen Ungarn, das ist Brutalität! Am Ende steht’s 3:2 für die Gäste vom Kontinent, die Nationalelf feiert im Nobelhotel, da stürmt ins Zimmer des Teamkapitäns Gjurka Karoly eine Braut, die sich nicht traut, Roxy auf der Flucht vorm unterbelichteten Verlobten – und die frohgemute Mannschaft beschließt, das britische Fräulein ins Trainingslager an den Plattensee zu retten.

Womit an der Volksoper zur Saisoneröffnung ein schwungvoller Gute-Laune-Abend beginnt, der das Premieren-Publikum zu begeistertem Jubel und Applaus veranlasste. Andreas Gergen hat Paul Abrahams Revueoperette „Roxy und ihr Wunderteam“ inszeniert, und Dirigent Kai Tietje lässt das Volksopernorchester zwischen Attack Speed im Big Band Sound und magyarisch-melancholischen Klängen taktieren – Abraham hat sozusagen von Charleston bis Csárdás komponiert -, dass es eine Freude ist. Eine Freude sind auch der nicht nur gesanglich, sondern auch tänzerisch talentierte Jugendchor des Hauses als Schülerinnen eines Mädchenpensionats und eine Handvoll durchtrainierter Herren als anfangs leichtgeschürzte Fußballer, diese später auch heiß als Feuerwehrmänner, Stichwort: The Full Monty.

Im tausend Stückeln spielenden, ohne Rot-Weiß-Grün-Folklore funktionierenden Bühnenbild von Sam Madwar, unter anderem ein senkrechtes Fussballfeld, stimmigen Videos von Andreas Ivancsics und ebensolchen Kostümen von Aleksandra Kica, geht’s leichtfüßig durch zweidreiviertel höchst unterhaltsame Stunden. Das Ensemble dribbelt flink durch tumultuöse Geschehen, in dem ganz klar Peter Lesiak als Tormann Jani Hatschek II der Spielmacher ist. Wie er in den ausgetüfelten Choreografien des früheren John-Neumeier-Studenten Francesc Abós mit „Roxy“ Katharina Gorgi singt, swingt, steppt, ein Highlight ist der „Black Walk“, das muss man gesehen haben, Violinsolistin Gorgi, die nicht nur mit neckischem Charme, sondern wie ein Prímás auf der Geige spielt.

„Das Wunderteam“, dieser Begriff hat hierzulande beinah mythischen Charakter. 1931 besiegte die österreichische Nationalmannschaft in Berlin den im Wortsinn großen Bruder Deutschland mit einem sensationellen 6:0. Auf dem Platz Mittelstürmer „der Papierene“ Matthias Sindelar, Tormann-Beau Jani Hatschek und „der Blade“ Karl Sesta. Es dräute das Jahr 1933 und die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, der Wiener Fußball verabschiedete sich aus der Weltgeschichte im legendären „Anschluss-Spiel“ 1938, in dem Sesta einen widerständigen 2:0-Treffer schoss.

Katharina Gorgi und Jörn-Felix Alt. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Robert Meyer, Marco Di Sapia und Michael Havlicek. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jakob Semotan und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Juliette Khalil, Christoph Wagner-Trenkwitz und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Sport ist Politik, das macht die Figur des Baron Szatmary, Marco Di Sapia als Präsident der Fußballmannschaft deutlich, der stets bestrebt ist, seine Verbindungen nach Berlin zu verbessern, und den Gjurka bescheidet, er werde sich noch umschauen, wo er landet, wenn er nicht bald zur Parteilinie passe. Als dieser Gjurka ist Jörn-Felix Alt dem Sindelar nachgezeichnet, ein introvertiertes Elegiebürscherl, das vom Temperamentsbündel Roxy zum Dumdududum des James-Bond-Themas überrannt wird.

„Gibt es denn niemanden, der mir beim Ausziehen helfen will?“, bleibt, als Roxy aus ihrem Hochzeitskleid schlüpfen will, beileibe nicht die einzige schlüpfrige Bemerkung und frivole Doppeldeutigkeit im Text von Alfred Grünwald und Hans Weigel. Gorgis und Alts Musical-Stimmen kommen nicht aus der größten Tiefe des Resonanzraums, haben aber den Zug zum Tor. Anfangs lampenfiebrig ein wenig schwächelnd, legt sich das, sobald die beiden merken, wie sehr sie mit ihrem sympathischen Auftritt beim Publikum punkten.

Spielentscheidend ist sowieso der Mannschaftsgeist. Das Volksopern-Team ist für die musikalische Kurzpass-Komödie in guter Kondition, Jakob Semotan als Arpad Balindt, Oliver Liebl als Géza Alpassy, Martin Enenkel als Laczi Molnar, Kevin Perry als Aladar Kövess und Maximilian Klakow als Jenö Körmendy. Verfolgt werden die Fußballer von Roxys schottischem Onkel Sam Cheswick, Robert Meyer grandios komisch als geiziger Mixed-Pickles-Produzent, der sich mit dem abservierten, ergo weinerlichen Bräutigam Bobby Wilkins, Matthias Havlicek mit warmtimbriertem, elegant geführtem Bariton die schönste Stimme der Aufführung, nach Ungarland aufmacht.

Julia Koci und Robert Meyer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Michael Havlicek und Katharina Gorgi. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Juliette Khalil und Peter Lesiak. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dort hat der Wirrwarr gewaltige Dimensionen angenommen. Baron Szatmarys Gutsverwalter, Thomas Sigwald mit seiner bald von allen persiflierten Klage „Das muss Kovacs passieren!“, hat das Herrenhaus, in dem die Elf sich fürs Rückspiel fit machen soll, ohne Wissen seines Herrn einem Mädchenpensionat als Urlaubsquartier vermietet. Klar, dass die Damen einziehen wollen, Julia Koci als züchtige und züchtigende Direktorin Aranka von Tötössy in Breeches und mit Reitgerte und Wirbelwind Juliette Khalil als deren rotzfreche Problemschülerin Ilka Pirnitzer.

Bald ist die Stimmung „Party! Party!“ – „Lass Dir einen Cocktail mixen von den kleinen Donaunixen“ wird enthusiastisch intoniert, Lesiak und Khalil finden sich als hinreißendes, elanvolles Buffo-Paar, die „Paprikablume“ und der Goalkeeper-Beau, doch nicht nur „Vintage-Box“ (Semotan für „alte Schachtel“) Aranka, sondern auch Spielverderber Gjurka wollen das tolle Treiben per Schlusspfiff abblasen. Um ihn zu ärgern gibt sich Roxy als Szatmarys Verlobte aus, der sich an der Augenweide ohnedies nicht sattsehen kann, was Gjurkas Herz brechen und ihn zur Schnapsflasche greifen lässt.

Die zweite Halbzeit nach der Pause befördert das Ganze in den Turnsaal des Mädchenpensionats, herrlich hier Gernot Kranner als alkoholisierter, konjunktivischer Pedell Miksa, der die ihre Liebsten aufsuchenden Sportler einen nach dem anderen als Handwerker verkleidet vorlässt – dies eine der vergnüglichsten Szenen in Hausdebütant Gergens Regie. Die höheren Töchter kriegen Hausarrest und können nur der Übertragung von Radioreporter Christoph Wagner Trenkwitz lauschen, ein Kabinettstück, doch als die Budapester Helden nach der ersten Spielhälfte im Rückstand sind, beschließen die Schülerinnen Richtung Stadion auszubüchsen.

Katharina Gorgi und die Mannschaft auf dem Platz. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Maximilian Klakow, Oliver Liebl, Jakob Semotan, Peter Lesiak, Jörn-Felix Alt, Georg Prohazka, Oliver Floris und Kevin Perry. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Michael Havlicek, Josef Luftensteiner und Robert Meyer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gernot Kranner, Julia Koci, Robert Meyer, Thomas Sigwald und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In der moderaten Modernisierung von Gergen und Wagner-Trenkwitz werden auch der Entstehungszeit des Werks anhängende Songs wie „Handarbeit“, der das Hitler-Ideal Heimchen am Herd ohnedies parodistisch preist, der Stricklieseln „Handarbeit“ für den Gatten – zwinkerzwinker! – per Chair Dance zur Burlesque-Nummer. Tatsächlich stricken die Schülerinnen jenen langen Schal, mit dem sie sich später abseilen werden. Und nennt sich Roxy einen „kleinen, hübschen Fußball“, so ist das einfach als Versuch zu deuten, zu Gjurka unter Verwendung einer ihm vertrauten Sprache endlich durchzudringen.

Punkto Tagesaktualität wird der Ball zumeist flach gehalten. Umso mehr auffällt Robert Meyers Couplet des Cheswick, in dessen letzter Strophe er nestroyanisch nörgelt, wie übel ihm von Operette würde, denn „wahre Kunst sieht anders aus!“ Welch einen Beer, den er dem Publikum da aufbindet. Im Schlussbild der vereinten Paare, Roxy und Gjurka, der sich als zivilberuflicher Chemielaborant entpuppt und dessen Konservenlack ex machina für den Schotten-Onkel patent/Patent genug ist, Ilka und Hatschek II, Cheswick und Aranka, auf deren Sparsamkeit der Fabrikant hofft, und schließlich, weil jeder T(r)opf einen Deckel findet, Bobby und Pensionat-Schülerin Ilonka aka Stefanie Mayer, weht statt der ungarischen als OrbánKritik die Regenbogenfahne.

„Roxy und ihr Wunderteam“ an der Volksoper ist die Steilvorlage für einen unterhaltsamen Musiktheaterabend. Eine Empfehlung an alle Operettenfans und Freundinnen und Freunde des klassischen Musicals. Lasst uns diese letzte von Robert Meyer verantwortete Saison bis zum letzten Spieltag auskosten!

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=iu6TVZ1TBvk          Regisseur Andreas Gergen, Diriget Kai Tietje, „Roxy“ Katharina Gorgi und Tormann „Hatschek II“ Peter Lesiak im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=cuBOtYXU-j4          Roxys Wunderteam und Rapid-Legenden im Match gegen den Wiener Sport-Club: www.youtube.com/watch?v=LGa9txFPapI           www.volksoper.at

  1. 9. 2021

Theater in der Josefstadt: Der Weg ins Freie

September 4, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Arthur Schnitzler scharfsinnig aktualisiert

Michaela Klamminger, Julian Valerio Rehrl, Alexander Absenger, Elfriede Schüsseleder, Raphael von Bargen und Tobias Reinthaller. Bild: © Roland Ferrigato

Nun ist es doch meist so, dass, betitelt sich eine Neu-, Fort- oder Überschreibung, eine Dramatisierung als Uraufführung, ein Hauch Hybris in der Luft hängt. Nicht so bei der Saisoneröffnungspremiere des Theaters in der Josefstadt. Autorin Susanne Wolf hat Arthur Schnitzlers Roman „Der Weg ins Freie“ für die Bühne nicht „adaptiert“. Sie hat den 113 Jahre alten Text hellsichtig und der aktuellen Zustände ansichtig ajouriert. Hat durchs Brennglas aufs Bestehende geguckt,

Schnitzlers Sprachgebäude entkernt und stilistisch aufs Vortrefflichste ergänzt. Kurz, das heißt: drei Stunden lang, die Intention des Meisters der geschliffenen Gesellschaftsanalyse anno Jahrhundertwende nicht nur verstanden, nein, vielmehr weist Wolf auch diese Tage als ein Fin de Siècle aus, in dem Anstand und Anständigkeit verlorengehen, während allerorts die – was auch immer diese sein sollen: abendländischen – Werte beschworen werden. Antisemitismus, Fremdenhass, Selbstbefragung und politische Sinnsuche, aufs Parteibanner geheftete Parolen von Christlichkeit und Nächstenliebe – „für die unseren“, das alles macht schmerzlich bewusst, dass Geschichte sich nicht wiederholt, aber reimt.

„Mit uns gewinnt man Wählerstimmen“, lässt die Wolf Julian Valerio Rehrl als jüdischen Kadetten Leo Golowski an einer Stelle sagen, einen anderen, dass er nicht für jede „Idiotie eines Juden“ mitverantwortlich gemacht werden wolle. Et voilà. So wird „Der Weg ins Freie“ an der Josefstadt zu den, wie Schnitzler im Briefwechsel mit Literaturkritiker Georg Brandes selbst eingestand, zwei Büchern in einem – zur tragischen Liebesgeschichte zwischen dem Komponisten Baron Georg von Wergenthin und der bürgerlichen Klavierlehrerin Anna Rosner.

Und zu einem Panorama jener jüdischen, nunmehr zu die „Heimat überflutenden“ erklärten „Fremden“, die in Zionismus, Sozialismus, assimilationswilligem Humanismus, ja selbst im Katholizismus ihren Fluchtpunkt vor dem dräuenden „Heil!“ wähnen. Dass die Josefstädter den gepflegten Salonton beherrschen, ist hundertfach geübt, doch Susanne Wolf stattet diesen mit einer beißenden Tiefenschärfe aus. Dem adrett gruppierten Sittenbild stellt sich die Regie von Janusz Kica entgegen, der mit dem ihm üblichen Esprit, mit Sensibilität, seinem Blick fürs Wesentliche und seinem Sinn für Psychologisierung der Figuren ans Werk geht.

Alexander Absenger und Alma Hasun. Bild: © Roland Ferrigato

Alexander Absenger und Raphael von Bargen. Bild: © Roland Ferrigato

Katharina Klar und Alexander Absenger. Bild: © Roland Ferrigato

Im raffinierten Setting von Karin Fritz, einer von oben herabschwebenden Salon-Ehrenberg-Ebene, als Unter- geschoss eine Art Bedrohlichkeit atmender Bunker, die der Epoche entsprechenden Kostüme von Eva Dessecker, springt die Handlung gleich zu Anfang in eine der Soireen der Madame Ehrenberg: Elfriede Schüsseleder, die mit pointiert trockenem Humor glänzt, und der die Lacher gewiss sind, ist die arme Leonie doch von allem und jedem entsetzlich ermüdet. Ihr zur Seite steht Siegfried Walther als Oberzyniker Salomon Ehrenberg, der statt des amüsierten Treibens in seinem Hause lieber angeregte Debatten zur Lage der Nation führen würde.

Doch es sind vor allem Alexander Absenger als Georg von Wergenthin und Raphael von Bargen als Schriftsteller Heinrich Bermann, die das Spiel machen, von Bargens Autor als sich mit Leidenschaft selbst zerfressender Intellektueller, der es lautstark leid ist, auf sein Jüdisch-Sein reduziert zu werden, Absengers Aristokrat als der ewige, bis zur Unverantwortlichkeit törichte Bub, ein „arischer“ Realitätsverweigerer mit nur ab und an hellen Augenblicken. Beide liefern eine fulminante Charakterstudie, wunderbar österreichisch Bermanns Satz: „Die Entrüstung ist hierzulande ebenso wenig echt, wie die Begeisterung, nur Schadenfreude und Hass sind echt“, Absenger brillant als trotziges Kind, das Zeter und Mordio schreit, als sich Anna endgültig von ihm abwendet.

Als diese hat Alma Hasun ihre starken Momente, die geschwängerte Geliebte, die aus Egoismus und „Künstlertum“ so lange beiseitegeschoben wird, bis ihr Selbstbewusstsein als Frau ihr die Rolle des benützten und fallen gelassenen Opfers verbietet und Anna beschließt auf eigenen Beinen zu stehen. In diesem Sinne modern auch Katharina Klar als sozialistische Revolutionärin Therese Golowski, eben erst aus dem Gefängnis entlassen und schon wieder als Frauenrechtlerin auf den Barrikaden. Klar gestaltet diesen Freigeist, der sich die Männer nach Belieben nimmt und abschiebt, mit großer Intensität, spröde und glühend kämpferisch zugleich; die Emanzipation, man kauft sie ihr in jeder Sekunde ab – und schön zu sehen ist, wie sich Klar, bisher als Gast in „Rosmersholm“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35913), ins Ensemble einfügt.

Stets eine Freude ist es, Julian Valerio Rehrl zu erleben, als verzweifelt aufbegehrenden Leo Golowski, dessen Demütigung als Jude beim Militär mehr Raum als im Roman gegeben wird, ist die Dramatisierung doch angereichert mit persönlichen Notizen Arthur Schnitzlers und originalen politischen Zeitstimmen. Rehrl weiß seinen Auftritt als Duellant zu nutzen, ebenso wie Michael Schönborn, dem die Figur des Rechtspopulisten Ernst Jalaudek auf den Leib geschrieben wurde, ein Deutschnationaler, der den Antisemitismus so lange hochhält, bis seine Fraktion den Nutzen der jüdischen Bankiers für die Bewegung ins Visier nimmt.

Oliver Rosskopf und Alma Hasun. Bild: © Roland Ferrigato

Alexander Absenger. Bild: © Roland Ferrigato

Absenger und Katharina Klar. Bild: © Roland Ferrigato

Klamminger, Rehrl, Siegfried Walther, Joseph Lorenz und Elfriede Schüsseleder. Bild: © Roland Ferrigato

Schönborn, Beweis dafür, dass es keine „kleinen Rollen“ gibt, lässt seinen Jalaudek im gemütlichsten Wiener Plauderton derart vor den sattsam bekannten Ressentiments triefen, dass es einen tatsächlich ekelt. Und sagt er „Wir sprechen aus, was der kleine Mann denkt“, so lauert die Gefahr in jeder Silbe, die Argumente, sie scheinen so hieb- und stichfest wie Waffen. Die Paranoiker in der Runde, sie behalten im Zeitalter des strategischen Antisemiten und Wiener Bürgermeisters Karl Lueger niederschmetternd recht. Weitergedacht mag via des Wahlkampfauftakts in Oberösterreich werden, Deutschkenntnisse als Daseinsberechtigung und Null-Asylwerber-Quote sind – hier die jüdischen Zuwanderer betreffend – auch Thema bei Susanne Wolf.

In dem Zusammenhang und um die politische Stimmung festzumachen, wurde mit Jakob Elsenwenger die Figur von Annas Bruder Josef Rosner, einem Parteiblatt-Redakteur aufgewertet. Tobias Reinthaller frönt als Jockey und Bonvivant Oberleutnant Demeter Stanzides dem Alltagsrassismus. Eine Idealbesetzung ist Michaela Klamminger als schöne, kluge, vergeblich in Georg verliebte, nichtsdestotrotz leichtfüßige Else Ehrenberg. Als Vater und Sohn Stauber überzeugen Joseph Lorenz, sein Doktor Stauber sen. selbstverständlich Schnitzler vom Feinsten, und Oliver Rosskopf, als ebenfalls Arzt und sozialistischer Abgeordneter ein Ehrenwerter in dieser Gesellschaft.

Zwischen Kulturdebatten über Kunst als Mittel zu Propaganda und Agitation, zu blütenweiß-grell erleuchteten Albtraumbildern, erweitert sich die Kluft zwischen den Protagonistinnen und Protagonisten, der vielstimmige Chor der Salonière Ehrenberg zerfällt in gequält grüblerische Einzelgänger. Einzig ihre gebrochenen Herzen sind noch ineinander verwoben, so zeigt das erste Bild nach der Pause: alle Darstellerinnen und Darsteller auf langer Bank aufgereiht, in parallele Dialoge verstrickt, sich selbst und die anderen beobachtend, mit dem Selbst- und dem Fremdbild ringend, all dies dargeboten in einem steten Changieren zwischen Drama, Lakonie und Sarkasmus, die k.u.k. Oberfläche, die Oberflächlichkeit der besseren, der gutbürgerlichen Leut‘ von Janusz Kica ausgeleuchtet bis in ihre impertinente Bodenlosigkeit.

„Der Weg ins Freie“, so ist in dieser Aufführung zu lernen, ist ein innerer, verbunden mit Charakterprüfung, Gewissenserforschung, dem täglichen Versuch, auf dem Pfad der Menschlichkeit und des Mitgefühls nicht zu straucheln. Dies das Private, was das Politische betrifft: Wehret den Anfängen! Immer! Jetzt!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=GPWEsZfVoL4             www.josefstadt.org           www.susannewolf.at

  1. 9. 2021

Hin & Weg 2021: Die Highlights aus dem Programm

Juli 27, 2021 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Geballte Theaterpower am Waldviertler Herrensee

Parterre Akrobaten, Schubert Theater. Bild: © Barbara Pálffy

Das 4. Theaterfestival Hin & Weg vom 13. bis 22. August in Litschau am Herrensee steht unter dem Motto „Mut und Vergänglichkeit“. Rund um dieses Thema präsentiert Festivalgründer und Intendant Zeno Stanek mehr als 100 Veranstaltungen an mehr als 30 Spielorten in Litschau und Umgebung. An den beiden Wochenenden 13. bis 15. und 20. bis 22. August sind Aufführungen, szenische Stückpräsentationen, „Küchenlesungen“ von

bekannten Theaterleuten in privaten Haushalten, Hörspiele, Theaterereignisse für junge Menschen, Autorinnen-/Autorenlesungen und Performatives zu erleben. Bei Hin & Weg geht es um Dialog und Austausch. So spricht Ö1Journalist Bernhard Fellinger an den Vormittagen bei „Fellingers Früh.Stück“ mit hochkarätigen Gästen, bei den Feuergesprächen wird zu später Stunde zu verschiedenen Themen diskutiert. Dramatiker Calle Fuhr und Musikerin Maria Petrova begleiten das Festival mit ihrer kreativen Arbeit als Artists in Residence. Ernst Molden hat wieder sechs SingerSongwriterKonzerte, etwa EsRAP & Band oder Gerald Votava und Walther Soyka mit Nöstlinger-Songs, kuratiert. Last but not least finden, ergänzend zum Festival, vom 16. bis 20. August Workshops rund ums Theater statt.

Geprägt wird Hin & Weg von einer geballten Ladung an junger kreativer Energie. Die seit Beginn bestehende Zusammenarbeit mit der Musik und Kunst Privatuniversität Wien, mit Studierenden des Max ReinhardtSeminars und heuer auch mit der HfS Ernst Busch Berlin ermöglicht zahlreichen begabten jungen Menschen, eigene Ideen und Projekte auszuprobieren, sowie den Austausch mit bereits arrivierten Theaterleuten, die ihre Erfahrung gerne an die Jugend weitergeben. So sind Künstlerinnen und Künstler wie Fanny Altenburger, Ljuba Arnautović, Theodora Bauer, Josephine Bloéb, Gerti  Drassl, Calle Fuhr, Felix Hafner, Markus Kupferblum, Jim Libby, Manuela Linshalm, Erni Mangold, Anna Marboe, Maeve Metelka, Ursula Mihelič, Ernst Molden, Alina Schaller, Christa und Kurt Schwertsik, Paul Skrepek, Katharina Stemberger, Christian Strasser, Fritzi Wartenberg, AntoN Widauer, Rebekah Wild, Christian Winkler, Doris Weiner oder Johannes Zeiler zu Gast.

Zahlreiche Ensembles wie English Lovers, Gledališče Dela, theatergruppe kollekTief, Schubert Theater Wien oder Volkstheater Wien zeigen oder erarbeiten vor Ort ihre Produktionen. Hauptspielorte sind das Herrenseetheater direkt am See und der Brauhausstadl in Hörmanns. Als weitere Bühnen werden Räume aller Art adaptiert. Gespielt wird beispielsweise im Kulturbahnhof, im Gütermagazin am Bahnhof, im ehemaligen Supermarkt, in einer alten Bäckerei, in einer leer stehenden Industriehalle, in einem Schuppen, im alten Lichtspielhaus, aber auch open Air in freier Natur.

Die Fellner Lesung, Institut für Medien, Politik und Theater. Bild: © buero butter

MOŽ! sitz mit mir, Gledališče Dela / Theatre Works. Bild: ©mMiniature puppet

Wer hat Angst vorm weißen Mann? Bild: © Jake Tazreiter

Festivalmotto: Mut und Vergänglichkeit

Eine beispielhafte Produktion zum Thema Mut ist eine der beiden Eröffnungsproduktionen am 13. 8.: „Finale“, ein „Bühnenessay“ von und mit Calle Fuhr, der Mut machen will, sich den Herausforderungen unserer Zeit wie Umweltproblemen und politischen Krisen zu stellen. „K(l)eine Angst“ der neuseeländischen Puppenspielerin Rebekah Wild ermutigt dazu, die eigenen Ängsten zu überwinden. Elly Jarvis und Lilli Strakerjahn steuern mit „subject: YOU/ME/US a solo performance about queer identity“ einen dokumentarischen Theaterabend zum zeitgleichen Coming out von Elly – mit 23 Jahren mitten im queeren Großstadtleben von Berlin – und ihrem Großvater Dix mit 93 Jahren allein in seinem Haus in Michigan – bei.

Vergänglichkeit findet sich in der zweiten Eröffnungsproduktion am 13. 8.: „Proteus ein verschollenes Stück Erinnerung“ von Christian Winkler, verhandelt, ausgehend von der „Orestie“ des Aischylos, mit einem Chor aus Seniorinnen und Senioren Themen wie Schuld, Widerstand, Liebe und Tod. Vergänglich ist in der Abschlussproduktion am 22.8. auch der Glaube an ein Idol: In Heldenplätze“ von Calle Fuhr, einer Voraufführung des Volkstheaters Wien, gedenkt Gerti Drassl als Theresa ihres früh verstorbeben Bruders und seines  „Helden“ Toni Sailer. Doch dann werden 2018 gegen den mittlerweile verstorbenen Skistar Vergewaltigungsvorwürfe neu aufgerollt

In „The Worm“ von Gledališče Dela steht der Wurm als Metapher für den Tod, ein absoluter Herrscher, der sich um die Qualität oder den Wert des Lebens nicht schert. Musikalisch der Beitrag von Stelzhamma: Für ihre „Wassamusikhaben die vier in Linz ausgebildeten Jazzmusiker ein eigens der Vergänglichkeit gewidmetes Stück komponiert.

Impression I: English Lovers am Ufer des Herrensees, 2020. Bild: © Constantin Widauer

Impression II: Gib mir ein F – Publikumsgespräch, 2020. Bild: © Constantin Widauer

Impression III: Fellingers Früh.Stück im Herrenseetheater, 2018. Bild: © Constantin Widauer

Impression IV: Küchenlesung mit Katharina Stemberger, 2018. Bild: © Karl Satzinger

Starke Frauen & Theaterkollektive

Zahlreiche Produktionen stammen 2021 von bemerkenswerten Frauen, die in der zeitgenössischen Theaterlandschaft am Vormarsch sind. Multitasking ist angesagt: Viele schreiben ihre eigenen Texte, die sie selbst inszenieren und spielen. Kollektives Arbeiten ist die gängige Produktionsform geworden. So zeigt das FTZNKollektiv von Fritzi Wartenberg, Benita Martins, Hannah Rang und Runa Schymanski gleich zwei Stücke: „Bei aller Liebe jetzt wird gefotzt!“ als Fortsetzung der Erfolgsproduktion „Gib mir ein F“ aus dem Vorjahr, die heuer wiederaufgenommen wird. Beide Stücke hinterfragen ironisch die Widersprüchlichkeit zwischen feministischen Forderungen und nach wie vor bestehenden konventionellen Idealbildern von „Mann“ und „Frau“.

Theatergruppe kollekTief mit Alina Schaller, Andrea Meschik, Anna Marboe und Anton Widauer kommt mit „Der Traum nach einer Erzählung von Fjodor Michailowitsch Dostojewski. Armela Madreiter und Kim Ninja Groneweg hinterfragen auf ihrem Audiowalk „(Ver)Gänglichkeiten“ Geschlechtsidentitäten. Aus Anlass von Thomas Bernhards 90. Geburtstag zeigen Doris Hindinger, Karola Niederhuber und Saxophonistin Ilse Riedler „Der Theatermacher und Der deutsche Mittagstisch“. In „ParterreAkrobaten“ des Schubert Theaters Wien unternehmen Manuela Linshalm, Christoph Hackenberg und Jana Schulz aus Anlass von H. C. Artmanns 10. Geburtstag eine Reise durch die Panoptika, Geisterbahnen und Fundbüros des Wiener Praters mit Texten und Musik von Artmann  und Kurt Schwitters.

Barbara Gassner erzählt in „Sagt man eigentlich noch Indianer Versuch 2“ in der Regie von Ed. Hauswirth die Geschichte ihrer Großtanten Anna und Mina, die 1919 aus der Provinz nach Wien gegangen sind und die Stadt ihr Leben lang nicht mehr verlassen haben. Musikerin in Residence Maria Petrova, seit 21 Jahren als vielbeschäftigte Musikerin in Wien beheimatet, wird am Festival als Begleiterin zahlreicher Veranstaltungen ihr gesamtes rhythmisches Œuvre an unterschiedlichsten Instrumenten entfalten.

„K(l)eine Angst“ der Neuseeländerin Rebekah Wild. Bild: © Barbara Pálffy

Beispiel fürs Festivalmotto: Oleanna – ein Machtspiel. Bild: © Jake Tazreiter

Proteus – ein verschollenes Stück Erinnerung. Bild: © Wolfgang Rappel

Kafka-Schwerpunkt

An Wochenende des 14. und 15. August 1920 trafen einander in Gmünd die Journalistin Milena Jesenská und der Schriftsteller Franz Kafka zum zweiten Mal in ihrem Leben persönlich. Diese Begegnung der beiden Liebenden fand Eingang in „Briefe an Milena“, die heute zur Weltliteratur gehören. In „1000 Briefe von dir und 1000 Wünsche von mir. Franz K. & Milena J.“ folgt Martina Winkel auf den Tag genau 101 Jahre nach dem  schicksalhaften Treffen in assoziativen Schattenbildern den brieflichen Spuren der komplexen Liebesgeschichte. Das Gastspiel „MOŽ! sitz mit mir“ von Gledališče Dela basiert unter anderem auf der Kurzgeschichte „Die Verwandlung“ von Franz Kafka. Die Hörspielreihe in Zusammenarbeit mit Ö1 bringt fünf teils legendäre Hörspiele, darunter Der Gruftwächter“ von Franz Kafka mit Anne Bennent und Hans Neuenfels, erschienen als Klangbuch im Mandelbaum Verlag, 2009, oder Ein Bericht für eine Akademie“ von Franz Kafka, bearbeitet und gespielt von Felix Mitterer, einer Produktion des ORF Tirol, 2013.

Besonderheiten im Programm

Der Festivaltag bei Hin & Weg beginnt an den Wochenenden um 08.30 Uhr mit einer YogaSession am Ufer des Herrensees, danach folgen die morgendlichen Diskurse in der TeelöffelLounge, kuratiert von Katharina Stemberger. Bei „Fellingers Früh.Stück“ diskutieren zu „Mut“ Erni Mangold, Petra Ramsauer und Zeno Stanek, zu „Kontrollverlust “ Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher, Astrologin Astrid Hogl-Kräuter und ZIB-Wissenschaftsjournalist Florian Petautschnig, zu „Verwandlung“ Ljuba Arnautović und Imkerin Theresa Dirtl sowie zu „Vergänglichkeit“ Gerti Drassl und Schamane August Thalhammer. Bei den beliebten Küchenlesungen laden heuer unter anderem Gerti Drassl, Erni Mangold, Katharina Stemberger, Doris Weiner oder Johannes Zeiler in private Litschauer Haushalte. Dazu wird ein dreigängiges Menü serviert.

Sehenswerte sind auch „Die Maschine“ von Paul Skrepek und Andreas Platzer, die aus Sperrmüll akustische Apparaturen bauen, „Die Fellner Lesung Anleitung zum Fellnerismus“, ein Format des „Instituts für Medien, Politik und Theater“ in der Regie von Felix Hafner, unter anderem mit Josephine Bloéb und Clemens Berndorff, oder der Kurzfilm „Hörmanns“ von Siegmund Skalar.

www.hinundweg.jetzt

27. 7. 2021

sirene Operntheater online: Die Verwechslung

Januar 5, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Pauken und Trompeten über die Berliner Mauer

Kaffee-und-Kuchen-Tristesse bei Dauters: Johannes Czernin als Gustav, Ingrid Haselberger als Oma, Günther Strahlegger als Vater, Katrin Targo als Tante Ilse. Bild: © Kristine Tornquist

Mit keiner geringeren Idee als „Die Verbesserung der Welt“ waren Kristine Tornquist und Jury Everhartz im Herbst angetreten, um das interessierte Publikum mit ihrem Neuen Musiktheater zu erfreuen. Da jedoch das siebenteilige Kammeropern- festival entlang der christlichen Werke der Barmherzigkeit #Corona-bedingt nicht auf der Bühne beendet werden konnte, hat sich das sirene Operntheater entschlossen,

dessen letzten Teil zu verfilmen und ab sofort als kostenlosen Stream anzubieten. Nach unter anderem Zusammenarbeiten von Antonio Fian und Matthias Kranebitters „Black Page“, Thomas Arzt und Dieter Kaufmann oder Martin Horváth und PHACE, widmen sich Autorin Helga Utz und Komponist Thomas Cornelius Desi nun Kirchenvater Lactanius‘ Punkt sieben nach der Endzeitrede Jesu, Gefangene vom Feind loskaufen. „Die zunehmende verbale und ethische Verwahrlosung des Diskurses, die Verhärtung gegen jene, denen es schlechter geht, und das Gefühl, mit Europa und der Welt gehe es unaufhörlich bergab, hat uns dazu inspiriert, ja fast gedrängt, dem etwas Positives entgegenzusetzen“, so Everhartz und Tornquist.

Die auch die Verfilmung der Wien-Modern-Kooperation übernommen hat. „Die Verwechslung“ heißt das Werk, das die Zuschauerin, den Zuschauer in die DDR des Jahres 1981 versetzt, 1981 das Datum, zu dem der 24-jährige Bürgerrechtler Matthias Domaschk in der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Gera unter bis heute ungeklärten Umständen stirbt, und zu dem an Stasi-Hauptmann Werner Teske wegen Vorbereitung seiner Flucht in den Westen das letzte Todesurteil der DDR-Justiz vollstreckt wird.

„please release me ostseefisch“: Johannes Czernin als Gustav. Bild: © Kristine Tornquist

Gustav hat sich die Freiheit auf die Fahnen geheftet: Johannes Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Das Geheimnis um Hedwig hat Vater alles gekostet: Günther Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Das belauschte Gebet: Günther Strahlegger und Katrin Targo. Bild: © Kristine Tornquist

All das mag Helga Utz beim Schreiben im Hinterkopf gehabt haben. Kristine Tornquist zeigt in Raum und Requisiten von Markus und Michael Liszt, Kostüm und Maske: Katharina Kappert und Isabella Gajcic, die Kaffee-und-Kuchen-Tristesse der Familie Dauter. Dauter, das klingt nach doubter, und solche hat’s hier zwei: den Vater und seinen Sohn Gustav, Günther Strahlegger und Johannes Czernin. Ingrid Haselberger ist dessen verwirrt-verängstigte Oma und Katrin Targo die kadertreue Tante Ilse.

Schon heben sie an, die Streitgesänge um Staats(zuge)hörigkeit, Revolutionär Gustavs Haare nach der jüngsten „Außenseiter“-Mode so Puhdys-lang, dass er die Parteiparolen nicht hören kann, bis der Vater ein (Ohn-)machtwort spricht. Hedwig, wird man später erfahren, ist das Geheimnis, das Vater alles gekostet hat, die Ehefrau, die „rübermachte“. Die Streicher des œnm . œsterreichisches ensemble fuer neue musik unter der Leitung von François-Pierre Descamps unterstreichen das düstere Szenario, und werden auch Omas Konfusion wie ein Bienenschwarm umschwirren.

Chaos, Kakophonie, das Libretto ein Familienzwist in gesungen-gestammelten, sich wiederholenden Halbsätzen, wortdeutlich!, denn der vorgeführte SED-Stimmraub ist ein stimmgewaltiger – und ein „please release me ostseefisch“ aus Gustavs Kassettenrekorder im Kinderzimmer. Wo er sich eine „Freiheit“ auf die Fahnen heftet, für die er verhaftet und unter Schreibmaschintippen und Handschellenklirren verhört wird. Gefängnis, Folter, drei Tage nackt im winterkalten Haftanstaltshof, das hat das Regime perfekt von der Vorgängerdiktatur gelernt. Sie habe Faschisten, Rote Armee, Flucht im Schnee überlebt, singt die Oma und macht sich, während Ilse fürchet, „Gustav wird uns alle mit in die Tiefe ziehen“, auf die Suche nach dem im System verschollenen Enkel.

Indoktrinationstelefonat: Haselberger und Targo. Bild: © Kristine Tornquist

Czernin, Haselberger und Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Köfferchen gepackt: Strahlegger und Haselberger. Bild: © Kristine Tornquist

„Die Verwechslung“ beweist sich als Parabel über gleichgeschaltete Gesellschaften, über Message Control und Meinungsmainstream. Filmisch ist das vom Feinsten umgesetzt, mittels welchen Mediums sonst könnten Solistinnen und Solisten in Gedanken singen? Tornquist besorgt mit Überblendungen Rückblicke und Schauplatzwechsel im Stakkato, die verliebt-verträumte Jung-Ilse im roten Kleid, nun Arm in Arm mit NVA-Mann Knut, ein übler Bursche, wie Oma weiß, während das Publikum ihn beim Flirten mit Ilse sieht.

Es sind derlei Einfälle, die die sirene-Produktion besonders machen. Verwanzte Festnetztelefonate, die Ilse offenbar steuern, frei nach Nestroy: die beste Nation ist die Indoktrination, der Vater unter West-Spitzel-Verdacht, sein Gebet, Du sollst keinen Gott nehmen Erich Honecker haben …, von Ilse belauscht, ein musikalisch lyrischer Moment, seine Sünde die Mehrzimmerwohnung. Das Liszt’sche Labyrinth aus Räumen, durch das die Protagonistinnen und Protagonisten gleich Versuchstieren irren, wird vom Kamera-Auge aus immer wieder ungewöhnlichsten Big-Brother-Winkeln eingefangen.

Nicht zuletzt dank „Knut“ Gebhard Heegmann, Kari Rakkola und Bärbel Strehlau als bösartigem Beamtenapparat ist „Die Verwechslung“ eine hochdramatische Arbeit, in die das gesanglich naturgemäß exzellente Ensemble auch darstellerisch sein ganzes Herzblut fließen lässt. Der Titel des Werks entschlüsselt sich zum Schluss, Gustav wird auf die Krankenstation des Gefängnisses verlegt, wo ihm Krankenschwester Pauline, Marelize Gerber als Schutzengel in Weiß, zur Identität eines eben verstorbenen Insassen verhilft.

Stasi-Verhör: Kari Rakkola, Gebhard Heegmann, Bärbel Strehlau und Johannes Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Vaters Anklage: Katrin Targo, Ingrid Haselberger und Günther Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Stasi-Folter: Kari Rakkola und Johannes Czernin „im winterkalten Hof“. Bild: © Kristine Tornquist

Auf der Krankenstation: Rakkola, Heegmann, Marelize Gerber und Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Dieser war Sohn eines „OFS in der AKG der HA IX“, heißt: eines Offiziers für Sonderaufgaben in der Auswertungs- und Kontrollgruppe der Hauptabteilung IX des Ministeriums für Staatssicherheit, verblüffend, was Helga Utz so alles recherchiert hat, und so kommt Gustav nicht nur mit einem blauen Auge ist gleich gebrochenen Rippen davon. Gustav soll sogar, begleitet vom freilich ebenso wie er falschem Vater, im Westen behandelt werden, die Puschkinallee 28 wird das regeln, „Die Verwechslung“ sein Leben retten.

Der Mensch im Arbeiter- und Bauernstaat ist längst nur noch Aktenzeichen, da fällt sowas nicht weiter auf. Mit Pauken und Trompeten, also zwei Schlagwerkern und Flötentönen, geht’s für Gustav und Vater freudetanzend über den DDR-„Schutzwall“. Vater, der sich nun Herwig nennt, und den damit nur noch ein Buchstabe von seiner Frau trennt. Und die Moral von der Geschicht‘: Mag es auch immer und überall Menschen geben, die „gleicher“ sind (© George Orwell), Grenzen können überwunden werden, Mauern stürzen ein. Nur Mut! Mut!

www.sirene.at/video/verbesserung-der-welt-7-die-verwechslung          www.sirene.at           www.wienmodern.at

  1. 1. 2021

Volkstheater online: Schuld & Söhne

April 24, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Demonstration eines Dystopien-Durcheinanders

Jeder für sich, aber alle gegen alles: Dominik Warta, Claudia Sabitzer, Katharina Klar und Nils Hohenhövel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anna Badoras Volkstheater-Team verabschiedet sich #Corona-bedingt mit einem virtuellen Spielplan, den Highlights aus den vergangenen fünf Jahren (die Produktionen im Einzelnen: www.mottingers-meinung.at/?p=38809), und dieses Wochenende sind die drei Inszenierungen von Christine Eder dran. Heute noch bis 18 Uhr „Schuld & Söhne“, im Anschluss bis Samstagabend „Verteidigung der Demokratie“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30133).

Danach bis inklusive Sonntagabend und wieder am 1. Mai „Alles Walzer, alles brennt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23477) – kostenlos zu streamen auf www.volkstheater.at. „Klimatragödie mit Musik“ nennen Eder und Eva „Gustav“ Jantschitsch ihre dritte Kooperation, Thema ist ergo die bereits gewesene Katastrophe, nach der sich ein Trupp mitteleuropäischer Klimaflüchtlinge auf einer Farm verschanzt hat. Ihr Durchbrennen vor sengender Sonne, Rohstoffknappheit und Sauerstoffmangel passt zur überhitzten Spielweise des Ensembles – Nils Hohenhövel, Evi Kehrstephan, Katharina Klar, Christoph Rothenbuchner, Claudia Sabitzer und Dominik Warta gerieren sich als ideale Gesellschaft.

Und das nicht nur, was Energieverbrauch und Aufgabenteilung betrifft. Im Wortsinn „demonstriert“ wird eine Sozialidylle, in der Warta mit seinem Morgengebet an Göttin Gaia den „Teilen, Schützen, Wertschätzen, Schonen“-Sektenführer gibt, und die Sabitzer eine Art Urmutter Courage. Doch dass was faul ist im Öko-Staat, wird deutlich als sich Bernhard Dechant als „Neuer“ einstellt, und – einer mehr ist manchem einer zu viel – sofort Ressourcenpanik ausbricht. War bereits bisher das Duschen auf einmal wöchentlich und der Toilettengang auf gar nur einmal täglich beschränkt, wird Dechant nun zum sprichwörtlichen Zünglein an der Wasserwaage.

Das alles hätte einen hübschen Plot ergeben, die Migrantenflut aus den glühenden Metropolen ante portas, die Angst vor deren Rauben und Brandschatzen, die Selbstbewaffnung mit Knüppeln, die selbsternannte Erste als Zerrspiegelbild der von ihr so genannten Dritten Welt, und die Frage, wie man in unzivilisierten Zeiten zivilisiert bleiben kann. Aber Eder stülpt nicht nur ihrem Schutzhaus zur unsicheren Zukunft einen Plastiksturz über, sondern auch einem irgend Inhalt.

Bernhard Dechant. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Nils Hohenhövel und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Alles was geht an Sub und Meta wird an den Text gepappt, kein heißes Eisen ausgelassen, Geschlechterrollen, Klarnamenpflicht, Geschichtsklitterung, Social-Media-Bashing ist sowieso ein Must, Armut, Ausländer, Kritik an den Ärzten ohne Grenzen, global, legal, scheißegal … „Schuld & Söhne“ ist ein post-/apokalyptisches Allerlei, ein Dystopien-Durcheinander, ein More-of-the-same-Möbiusband, und harte Arbeit ist’s, bei dieser Assoziationsperlenkette den Faden nicht zu verlieren. Von vornherein klar war, dass sich Eder wie bei ihrer Politshow und der Untergangsrevue auch hier nicht fürs Ausagieren szenischer Konflikte interessieren wird.

Ihre akribisch aufgestellte Rechnung lautet Kapitalismus = Ressourcenvergeudung + Verteilungskampf = Klimakrieg, und gut ist, dass das in #Corona-Zeiten nicht aus den Augen verloren wird – doch was Thesenstück/ Frontaltheater betrifft, hat sie es diesmal ein wenig zu weit getrieben. Das pure Deklamieren von Recherche- material ist bedingt bühnentauglich, und auf dem Bildschirm wirkt die Aufführung bald wie eine Belangsendung.

Ein Glück. Zwischendurch hat der Abend seine Momente. Zu diesen zählt definitiv der zwanzigköpfige Tragödienchor, der jeder Seite Parolen brüllt und Phrasen drischt. Bernhard Dechant, der als Totschlagargument fürs Wählen rechter Populisten so lange „Islam!“ schreit, bis besagter Chor beseligt Österreich-Fähnchen schwenkt. Und Thomas Frank als ebendieser wohlbekannte Politikertyp, der begleitet von einer Fernsehkamera die Kolchisten mit dem bemerkenswerten Spruch besucht: „Wir brauchen mehr Menschen, die Unmenschliches leisten für unser Land und unsere Leut‘“.

Millenials vs Boomers: Der Tragödienchor. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Parole, Parole, Parole: Beim Stromsparen kommt’s zu Blackouts. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Das Schutzhaus zur unsicheren Zukunft liegt unterm Plastiksturz. Bild: © Monika Rovan / Volkstheater

Eva Jantschitsch aka Gustav performt ihren Anti-Song. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Um Sprüche ist man an keiner Stelle verlegen. Auf Bannern und Buttons zu lesen ist: „Wollt ihr das totale Nulldefizit?“, „Fridays for Hubraum“, „Ist SUV heilbar?“ oder – persönlicher Favorit –  „This planet is hotter than my boyfriend!“ Böse Witze kommen immer gut, dazu die geballte Zitaten-Ladung von den hässlichen Bildern, ohne die’s nicht gehen wird, übers Konzentrieren von Menschen bis zum „Wir schaffen das!“/“So sind wir nicht“.

Zum Schluss schließlich wieder Handlung, und zwar im Vollgasmodus. Auf Empörung folgt Entgleisung folgt Eskalation. Je mehr „andere“ draußen stehen, umso mehr Kommunenmitglieder wollen nicht teilen und, sondern allein herrschen. Statt alle gegen alles heißt es nun jeder gegen jeden, die Counterculture-Kinder Claudia Sabitzer und Dominik Warta stellen sich gegen den spätgeborenen Weltverbesserungsskeptiker Nils Hohenhövel, der Chor befetzt sich als Millennials vs Boomers. Auf einem goldenen Auto thronend singt Eva Jantschitsch ihren Anti-Song, die ersten – Evi Kehrstephan und Christoph Rothenbuchner – verlassen den vermeintlichen Garten Eden, bevor aus dem Berg Sinai der Mount Carmel wird. Hohenhövel und Katharina Klar erschlagen die Sabitzer-Figur.

Schade, dass Eder diese satirischen „When the going gets tough, the tough get going“-Situationen von Anfang bis Ausgang immer wieder platt tritt. Was bleibt sind Fragen über Fragen, und die einzige Antwort, die einmal über die schwarze Bühne, Stromsparen ist gleich Blackouts, flittert, lautet Douglas-Adams‘isch: 42. Die finale Message aus dem Schutzhaus: „Wenn dich diese Nachricht erreicht, sind wir vergessen und du bist der letzte Widerstand.“ Und der Chor, Echostimme dieser Endzeit, singt den Comedian-Harmonists-Hit „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück …“, bekanntlich das Lied zum Vorabend der Tausendjährigen Katastrophe.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=sz3mHFULAb8&feature=emb_logo

www.volkstheater.at

  1. 4. 2020