Akademietheater: In Ewigkeit Ameisen

April 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Apokalypse Blau

Die Ameisen fallen über Professor Schneling-Göbelitz und seinen Assistenten Müller her: Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Soundkulisse stammt von den Voyager Golden Records. Da grüßt die Menschheit in 55 Sprachen etwaige Außer- irdische als könne sie kein Wässerchen trüben. Im Programmheft sind die Bilder und Geräusche aufgelistet, die 1977 als Botschaften auf Datenplatten ins All befördert wurden, und das ist anrührend zu lesen, diese Vielfalt der Erde, bedroht durch die Hybris einer ihrer Bewohner. Einer Spezies, die sich, wo sie hin- und was sie angreift, durch die Zerstörung des Planeten und damit ihrer selbst hervortut.

Ein „Fridays for Future“-Foto stellt sich diesem Tun symbolisch entgegen. So weit also die Folie, mit der Jan Bosse seine Inszenierung von Wolfram Lotz‘ „In Ewigkeit Ameisen“ am Akademietheater unterlegt hat. Das Stück zu dieser Uraufführung hat sich der Regisseur gemeinsam mit Dramaturgin Gabriella Bußacker zusammengezimmert, indem er Lotz‘ zehn Jahre alte Hörspiele „In Ewigkeit Ameisen“ und „Das Ende von Iflingen“ ineinander verschränkt. Das macht Sinn, geht es doch in beiden um nichts weniger als den Untergang von allem, und Bosse übersetzt Lotz‘ skurrile Endzeitstimmung in eine drollige, beinah kindlich-märchenhafte Katastrophenkomik. „In Ewigkeit Ameisen“ ist Nonsens mit erhöhtem Monthy-Python-Faktor, sowohl schreiberisch als auch szenisch, eine Dystopie mit Pointe, die Lotz‘ dramatischem Ideal vom „unmöglichen Theater“ den Weg weist.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Christiane von Poelnitz und Katharina Lorenz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auftreten erst Erzengel Michael und Hilfsengel Ludwig, um „Das Ende von Iflingen“ in Angriff zu nehmen, heißt: die Dorfbewohner zwecks Jüngstem Gericht per flammendem Schwert zu richten. Die Akte zum göttlichen Plan haben sie im Heftordner mit dabei, allein, die Häuser sind leer, die Iflinger nirgends zu finden. Alldieweil, die Szenen alternieren und werden zum Schluss parallel über die Bühne gehen, sucht der Formicidaeforscher Professor Schneling-Göbelitz, der sich, da im Rollstuhl sitzend, von seinem Assistenten Müller durch den Dschungel karren lässt, nach der bis dato unentdeckten blauen Ameise.

Durch deren Aufspüren will er sich zumindest akademische Unsterblichkeit sichern, raffen doch die Folgen eines globalen Atomkriegs gerade alles Leben dahin. Ein paar Stunden noch, verlautbart das Kofferradio, dann ist’s aus und vorbei. Apokalypse Blau. Und tatsächlich sieht das Setting von Stéphane Laimé nach einem Tag ohne Morgen aus. Ein leerer Raum, es ist duster, grauschattierte Schaumstofffliesen kacheln die Wände und geben überraschend immer wieder das eine oder andere Schlupfloch frei, die Darsteller schweben von der Decke herab oder erscheinen aus der Versenkung – das ist alles. Und großartig ist es, wie diese Aufführung beweist, dass es für einen außergewöhnlichen Abend nicht mehr braucht, als die überbordende Fantasie eines Regisseurs und eine Handvoll fabelhafter Schauspieler.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Katharina Lorenz und Christiane von Poelnitz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die in diesem Fall Christiane von Poelnitz, Katharina Lorenz, Peter Knaack und Klaus Brömmelmeier heißen, die, von Kostümbildnerin Kathrin Plath in Blaumänner oder DDR-blaue Trainingshosen gekleidet, jeweils in jeder Rolle agieren, und Aenne Schwarz, die als diverse Tierwesen, vom empörten, weil beim Laubwühlen unterbrochenen Igel bis zum schlachtungswilligen Schwein, ihren Sinn fürs Absurde demonstriert. Extrafein gelungen ist ihr der melancholische Mauersegler, für den sie nur den Kopf durch die Softplatten steckt, während ein Toneffekt simuliert, der Vogel flöge pfeilschnell über das Publikum hinweg. Sein Wunsch: Die Engel mögen das nach Fäulnis stinkende Ding da unten, die Welt, endlich wegräumen, damit das Elend ein Ende hat. Und während erst von Poelnitz und Lorenz als Überirdische an und in den Seilen hängen, ackern sich Knaack und Brömmelmeier als Professor Schneling-Göbelitz und Müller durchs irdische Unheil.

Wie im Himmel so auf Erden, die Dopplung ist deutlich, hie ist man unterwegs im Auftrag des Herrn, da hat ein Herr einen Auftrag. Hie ein regeltreuer, durchaus blutrünstiger Routinier und sein zartbesaiteter Tollpatsch von Azubi, da ein egomanischer Wissenschaftler und sein ängstlich bemühter Mitarbeiter, Zyniker treffen auf Schwärmer, und derart sind die ungeduldigen Chefs der Überzeugung, dass bei ihren im Wortsinn Nacht-und-Nebel-Aktionen nichts gelingt, eben wegen der Kraftlosigkeit ihrer unfähigen Hilfskräfte. So entstehen wunderbar witzige Momente. Mit Christiane von Poelnitz als martialischem Erzengel Michael und despotischem Schneling-Göbelitz. Mit Katharina Lorenz und Klaus Brömmelmeier, die als Müller die leise Poesie des Texts, als Ludwig die Schlotterknie für sich gepachtet haben. Mit Peter Knaack als kauzigem Gelehrten, später als Michael, der, so dass einem das Lachen im Hals fast steckenbleibt, dem begriffsstutzigen Ludwig Gottes verquere Logik zum Thema Sünde und die Willkür Seiner Schöpfung erklärt. Aenne Schwarz ist sowieso das Highlight des Abends.

Aenne Schwarz als Igel … Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

… und als Mauersegler. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bosse erschafft ästhetisch abstrakte Bilder. Etwa, wenn er den Professor und den bis zur Erschöpfung schiebenden Müller auf ein sich anhebendes Laufband stellt, um einen Berg vorzugaukeln. Oder, wenn aus dem Nichts eine beleuchtete Telefonzelle auftaucht, weil Müller doch so dringend seine Frau anrufen möchte. Schließlich wird der Mensch zur Ameise, der Staat fällt über Schneling-Göbelitz her. Da ist’s aus mit dem possierlichen Possenspiel und die grausame Groteske hat das Schlusswort. Ludwig malträtiert seine Posaune, die Iflinger werden schließlich gefunden, in der Kirche, aber in welchem Zustand!, das Publikum, das ausgiebig gelacht hat, ist nun bereit ebenso zu applaudieren.

Mutmaßlich nicht in Wolfram Lotz‘ Sinne wäre es, „In Ewigkeit Ameisen“ mit Bedeutung zu überfrachten, aber dass der Autor damit sein Statement zum Ist-Zustand von Gott und der Welt abgegeben hat, wird man wohl annehmen dürfen. In seiner Golden-Record-Grußbotschaft an die Sternenwesen sagte Jimmy Carter, damals US-Präsident: „Wir versuchen, unser Zeitalter zu überleben, um so bis in Eure Zeit hinein leben zu dürfen.“

www.burgtheater.at

  1. 4. 2019

Volkstheater: Endstation Sehnsucht

März 30, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Blanches Albtraum in Bonbonfarben

In den Elysischen Gefilden herrscht eine Bande von Raubtieren: Nils Hohenhövel, Alaedin Gamian, Katharina Klar, Birgit Stöger, Günter Franzmeier und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Vorstellung beginnt im Arthouse-Casino. Blanche, überlebensgroß auf den Eisernen Vorhang projiziert, mit einer Runde Männer am Spieltisch, gewinnt – und bekommt doch nur einen Jeton ausgehändigt. 632 steht darauf. Das ist die Hausnummer von ihrer Schwester Stella und deren Ehemann Stanley. Schon irrt sie auf der Suche nach der Adresse in den „Elysischen Gefilden“ nahe der Straßenbahn-Endstelle „Sehnsucht“ durch die Katakomben des Theaters.

Vorbei an Fluchtplan und Erste-Hilfe-Kasten, hinein in den Zuschauerraum. Auftritt Steffi Krautz als Blanche DuBois. Nomen est omen. Weißer Hosenanzug, weißer Schirm, bodenlang weißes Insektenschutznetz, als wüsste die von Tennessee Williams bereits in seiner ersten Anmerkung als Motte bezeichnete Figur, dass sie sich in dieser Inszenierung noch in sich selber fangen wird. Und während die Krautz mittels des Autors Regieanweisungen ein schäbiges New-Orleans-Viertel herbeiredet, wird der Blick auf die Bühne frei – eine Herrenhaustreppe, gesäumt von Plastikblumen, englische Wallpaper, Stuckaturen, Kristallluster, als wär’s eine hinterfotzige Parodie auf den verlorenen Familiensitz Belle Rêve. Blanche ist in ihrem Albtraum angekommen. Der Horror hat Bonbonfarbe.

Dass Regisseurin Pınar Karabuluts Interpretation von Tennessee Williams‘ „Endstation Sehnsucht“ am Volkstheater weite Teile des Publikums ratlos zurückließ, ist verständlich. Auf das von ihr gemeinsam mit Bühnenbildnerin Aleksandra Pavlović und Kostümverantwortlicher Johanna Stenzel erdachte Konzept muss man sich einlassen wollen. Steckt doch im Wort Konzept sowohl die Klasse als auch die Krux dieser Aufführung. Auf der Habenseite steht, dass Karabulut das Südstaatendrama durch Verweigerung des obligaten Eiskasten-Küchentisch-Ambientes und unter Vermeidung eines zu zerreißenden Feinrippunterhemds von jeder ikonischen Vorbelastung befreit hat. Nichts atmet noch schwitziges Arbeitermilieu vs versnobten Landadel, hier tragen Mann wie Frau kreischbunte Perücken und schrill gemusterte Outfits – The Big Easy reloaded.

Animalische Anziehung zwischen Stella und Stanley: Katharina Klar und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Aufeinanderprallen zweier Provokateure: Jan Thümer und Steffi Krautz als Blanche. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gekonnt dröselt Karabulut derart Rollen und deren Klischees auf. So ist, Blanche überrascht Katharina Klars Stella bei einer Art Martial-Arts-Training, der Schmerzensruf, der durch den Raum tönt auch nicht einer nach ihr, sondern nach „Stanley!“. Später wird die Pokerrunde Stanley, Mitch, Steve und Pablo – Jan Thümer, Nils Hohenhövel, Günter Franzmeier und Alaedin Gamian in High Heels – ihren Herrenabend mit einer megametrosexuellen Voguing-Choreografie beginnen. Mit ihrem Bilderbogen gelingen Karabulut von Platzregen über Dunstschwaden bis Feuersbrunst effektvolle Momente. Geschickt weist sie durch die Polarität von Gesprochenem und zu Sehendem auf Blanches bipolare Störung hin. Wenn die in diesem Setting empört von „solchen Verhältnissen“ spricht, ist doppelt klar, dass sich für sie die Realität längst ins Irreale verschoben hat.

Diesen Sack macht Karabulut auch konsequent zu. So sieht Blanche nicht nur ihre in den Selbstmord gegangene Jugendliebe Allan in Merlin Miglincis Zeitungsausträger, sondern auch Stanley, in gruselgrünes Licht getaucht, echsengleich auf sie zukriechen. Eine schöne Illustration dafür, dass der Lizard King seine Opfergabe von Anfang an im Visier hat. Allein, skurril, satirisch, surreal, ist nicht alles. Kann nicht alles sein. Woran Karabuluts Inszenierung intensiv krankt, ist Charakterzeichnung. Obwohl so farbenprächtig angetan, bleiben die Figuren blass, kommen erste Kräfte des Volkstheaters auf seltsame Weise nicht zum Spielen.

Katharina Klar bleibt zwischen Brüllen und Geil-Sein stecken, Jan Thümer im geckenhaften Herumstelzen. Selbst ein Günter Franzmeier wird vom Regiekonzept erschlagen. Nils Hohenhövel schafft als melancholischer Mitch wenigstens ein, zwei sensible Szenen. Bleibt Steffi Krautz als Blanche – und die führt ihre Rolle, als wär‘ sie die Antithese des von Tennessee Williams vorgesehenen „Eindruck des Zerbrechlichen und Flüchtigen“. Ihre Störenfriedin ist ein Cougar, krankheitsbedingt zwischen Aggression, Angespanntheit und Apathie changierend. Die Krautz kann’s. Flirten und sehnsüchteln und verführen, mädchen- und divenhaft sein, dann wieder hart und herrisch. Dass sie gegen Stanley die Hüften ebenso wie den Baseballschläger schwingt, und er sie statt Vergewaltigung zur Messer-Fellatio zwingt, wirkt vollkommen stimmig. Auch, dass sie sich am Ende als Unbeflecktes Herz Mariä herbeifantasiert.

Blanche mit toter Jugendliebe Allan und neuem Verehrer Mitch: Nils Hohenhövel, Merlin Miglinci und Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Blanche am Ende als Unbeflecktes Herz Mariä: Steffi Krautz, Günter Franzmeier und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

 

Unterm Strich bleibt also ein Tennessee Williams, den Pinar Karabulut im Wortsinn entmottet, heißt: von überkommenen Theatertraditionen entlüftet, hat. Das zu sehen macht schon Spaß, nur wär’s mit mehr Interesse für Schauspielkunst nebst all dem Programmatischen perfekt gewesen.

www.volkstheater.at

  1. 3. 2019

Rabenhof: Alles für’n Hugo

Februar 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Katharina Straßer kann’s als Cissy Kraner

Katharina Straßer und Boris Fiala. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Dafür, dass ihr die grandiose Diseuse, wie sie selber sagt, eigentlich immer ein wenig unheimlich war, macht sie das unheimlich gut. Katharina Straßer präsentierte im Wiener Rabenhof den von ihr geschriebenen und auch produzierten Abend „Alles für’n Hugo“ – Lieder und Leben von Cissy Kraner und Hugo Wiener, und es gilt festzuhalten, dass die Schauspielerin mit Hang zum Komödiantischen sich die Grande Dame des österreichischen Musikkabaretts einwandfrei anverwandelt hat.

Straßer zeigt sich in ihrer One-Woman-(and a Man am Klavier)-Show als begnadete Entertainerin, eine Seite, die man von ihr so noch nicht kannte, ja, sie versteht es meisterlich und ohne Cissy Kraner in Habitus oder Stimme zu imitieren, deren Spirit auf die Bühne zu bringen. Der Sound der satirischen Chansons stimmt, der herbe Charme der Wiener Seele sowieso, die gebürtige Tirolerin macht mit Timbre und Tremolo auf Type – und das ist ganz wunderbar.

Auftritt Straßer mit Flügerln und Luftballons, denn die Story ist diese: Cissy Kraner will im Himmel ihren 101. Geburtstag feiern, dazu ist eine Party mit erlesener Gästeliste geplant.

Von Maxi Böhm und Pepi Meinrad über Helmut Qualtinger bis Heinz Conrads, auch Karl Farkas ist eingeladen, obwohl man mit dem zuletzt ein bissl über Kreuz war, und selbstverständlich soll Hugo Wiener kommen. Man hat einander schließlich 26 lange Jahre nicht gesehen, entsprechend nervös ist die Kraner, noch dazu, weil die Vorbereitungen fürs Fest aus dem Ruder und Richtung Desaster laufen. Inszeniert von Komödienspezialist Andy Hallwaxx und musikalisch begleitet von Theaterkomponist Boris Fiala als jenseitiger Engelbert, englisch: Angelbört, zeigt die Straßer, dass sie’s als Cissy Kraner kann. Auch das Hantige, das Keiferte, vor dem sich die diversen Kollegen ganz schön fürchteten. Straßer singt die Hits wie „Ich wünsch mir zum Geburtstag einen Vorderzahn“, „Der Novak lässt mich nicht verkommen“ oder „Wie man eine Torte macht“, hat aber auch in Zusammenarbeit mit Dramaturgin Karin Sedlak längst vergessene Kleinodien aus der Versenkung geholt.

Die „Schönheitspflege“ beispielsweise, oder den „Sozialtourismus“, „Ich möchte so gern ein Teenager sein“ – da dreht Katharina Straßer auf wie die geborene Jazz-Röhre. „G-Dur weida“, sagt sie, wenn sie ihren Pianisten rügt und ihm das Lesen von Kritiken verbietet. All den Spaß und ihre Quecksilbrigkeit bricht Straßer, wenn sie vom Leben der beiden Großen der Kleinkunst erzählt. „Es war einmal ein schönes Land“ memoriert sie über ein Wien voller „Arier“, berichtet über das Exil in Manizales und Medellín, über die Zeit in Caracas, wo Cissy Kraner und Hugo Wiener die Bar „Johnny’s Music Box“ eröffneten – ein Neuanfang in spanischer, englischer und französischer Sprache. Schließlich die Rückkehr – und wieder von vorne beginnen, die legendären Erfolge am berühmten Kabarett Simpl.

Straßer liest Briefe von Hugo Wieners Mutter Berta, von Cissy Kraners Schwester Hela, weiß, wie er über der Auslöschung seiner gesamten Familie in Depressionen versank, sie ihn immer wieder aus diesen retten musste. Da schwenkt das Heitere schnell ins Schwermütige, und gut ist’s, dass es Straßer versteht, mit einer Korrespondenz Kraner-Wiener während getrennt absolvierter Kuraufenthalte die Stimmung wieder hochzureißen. Wagte es doch Wiener die Gattin zu fragen, ob sie denn schon ein paar Kilos abgenommen hätte … Derart bewegt sich „Alles für’n Hugo“ zwischen souveräner Leichtig- und Momenten der Nachdenklichkeit, und so, wie es Cissy Kraner mit Hugo Wieners Genie gelang, den Lack vom Goldenen Wienerherz zu kratzen, so schafft das auch Katharina Straßer. Das Publikum im Rabenhof jedenfalls tobte vor Begeisterung. Nach Wien geht’s weiter nach Salzburg und Innsbruck.

Katharina Straßer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=32152

www.katharinastrasser.at          www.rabenhoftheater.com

  1. 2. 2019

Alles für’n Hugo: Katharina Straßer im Gespräch

Februar 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich suche die Cissy Kraner in mir“

Katharina Straßer und Boris Fiala. Bild: © Rita Newman

Katharina Straßer singt Cissy Kraner. Die moderne Volksschauspielerin widmet der außergewöhnlichen Diseuse, die mit Ehemann Hugo Wiener österreichische Kabarett- geschichte schrieb, zum 101. Geburtstag einen groß- angelegten Würdigungs- abend. Premiere ist am 27. Februar im Rabenhof. Katharina Straßer im Gespräch:

MM: Was verbinden Sie und was verbindet Sie mit Cissy Kraner?

Katharina Straßer: Bis jetzt nicht so viel, aber jetzt sehr viel. Ich habe in der Schauspielschule schon Lieder von ihr gesungen, das gehörte einfach zum Repertoire, habe aber gar nicht so viel damit anfangen können. Ich singe nun aber auch zwei Cissy-Kraner-Lieder in meinem Programm „Wien für Anfänger“, das ich gemeinsam mit Bela Koreny und Wolf Bachofner mache, und habe gemerkt, dass mir das doch liegt. Mich hat dann Karin Sedlak angesprochen, die Cissy Kraner noch kannte und eine Dissertation über sie geschrieben hat und eine große Liebhaberin ihrer Kunst ist – und sie hat mir vorgeschlagen, ob ich da nicht einen Abend machen will. So kam die Sache ins Rollen. Und, wie gesagt, jetzt verbindet mich mit Cissy Kraner sehr viel.

MM: Nämlich?

Straßer: Die Schrulligkeit. Vielleicht komme ich auch allmählich in das Alter dafür. Hugo Wiener und Cissy Kraner haben ein so unglaubliches Kulturgut hinterlassen, ich bin ganz selig, dass ich das Programm machen darf. Cissy Kraner ist ein Gesamtpaket, so etwas gibt es heute gar nicht mehr, diese Art zu erzählen. Ich finde Sie auch irrsinnig unheimlich. Als Kind, kann ich mich erinnern, wenn ich sie im Fernsehen gesehen habe, habe ich mich total vor ihr gefürchtet. Das haben mir Leute, die sie noch kannten, auch erzählt, Felix Dvorak zum Beispiel, hat mir einmal gesagt, er war froh, dass er nie mit ihr auf der Bühne gestanden ist, weil sie „eine Wilde, eine Furie“ war. Das kann ich mir schon vorstellen, diese Seite an ihr möchte ich auch zeigen.

MM: Weil Sie sagten, Sie hätten sich an der Schauspielschule damit schwer getan: Mussten Sie sich als Tirolerin erst auf die Art und Weise der Wiener einstellen?

Straßer: Auch. Als ich nach Wien kam, hatte ich das gar nicht drauf, das musste ich erst lernen. Mittlerweile ist es so, dass die meisten Leute glauben, ich bin die Ur-Wienerin, es liegt mir irgendwie, die Mentalität, das Raunzerte, die Suderei, aber auch der Charme passt zu mir fast besser. Nur wenn ich müde oder einmal besonders sentimental bin, rede ich sofort wieder Tirolerisch – und mit Tirolern natürlich. Der Tiroler ist noch härter als der Wiener, auch grantig, aber ohne Charme, ohne Schmäh. Was mich fasziniert ist, dass Hugo Wiener diesen Schmäh im Wienerischen erfasst hat, aber auch in ganz vielen anderen Sprachen, vor allem auf Spanisch. Die beiden haben in Caracas ja unzählige Revuen gespielt, einfach übersetzt. Dass man das kann, finde ich bewundernswert.

MM: Ihr Programm heißt „Alles für’n Hugo“, damit ist natürlich Hugo Wiener gemeint, die Redewendung hat in Wien aber noch eine zweite Bedeutung. Möchten Sie diese Doppeldeutigkeit erklären?

Straßer: Die wird sich, denke ich, von selber erklären. Cissy Kraner hatte heuer im Jänner ja ihren 101. Geburtstag und „Alles für’n Hugo“ handelt davon, dass sie Hugo Wiener im Himmel wieder trifft, nachdem die beiden einander 26 Jahre nicht gesehen haben. Sie ist aufgeregt und macht „Alles für’n Hugo“, damit sie ihn wieder sieht.

MM: Nach welchen Kriterien haben Sie die Chansons ausgewählt?

Straßer: Ich habe mich durchgehört und es gibt einiges, mit dem ich nichts mehr anfangen konnte, weil es zu altmodisch ist, weil heute nicht mehr die Zeit dafür ist, und dann gibt es Chansons, die wirken richtig zeitgenössisch. Es gibt von vielen Liedern keine Noten, doch auch da habe ich ein paar Zuckerl ausgewählt, auf die mich Karin Sedlak gebracht hat, wie die „Schönheitspflege“, die haben wir uns wirklich von der Simpl-DVD runtergehört. Eine großartige Nummer, die fast niemand mehr kennt, und um die’s schade wäre, wenn man sie nicht singen würde.

MM: Und was geht zum Beispiel nicht mehr?

Straßer: Die Leute sagen zu mir: Warum singst denn „Die Pokornys“ nicht? Und dann höre ich mir das an und eigentlich ist nur die erste Strophe wirklich lustig, die anderen zwei kann man gar nicht mehr singen, weil man das heutzutage fast für rassistisch halten würde. Aber ich singe einen „Nowak“, da singe ich auch das Wort Neger, das heißt im Original so, das kann man nicht austauschen, und den „Vorderzahn“ natürlich und „Wie man eine Torte macht“. Die Evergreens müssen dabei sein, ich glaube, sonst wäre das Publikum enttäuscht. Aber es kommt vielleicht anders als erwartet …

MM: Dazu gleich die Frage: Cissy Kraner hatte eine sehr spezielle Art, vorzutragen. Wie macht man sich nicht zur Kopie und wird ihr trotzdem gerecht?

Straßer: Ich hör’s mir zuerst von ihr an, damit ich die Melodie im Kopf habe, denn ich kann keine Noten lesen, dann vergesse ich das wieder und mach’s zu meinem eigenen. Ich mache sie auf keinen Fall nach, das kann man auch überhaupt nicht. Ich suche die Cissy Kraner in mir.

MM: Und, was gefunden?

Straßer: Naja, Interpretationsmöglichkeiten, an die ich noch nie gedacht habe. So habe ich auch noch nie gesungen. Als Eliza Dolittle bei „Ich hätt‘ getanzt heut‘ Nacht“ ist relativ klar, wie man es zu singen hat, da gibt es nicht so viel Spielraum, aber bei diesen Liedern eben schon. Wann singst du, wann sprichst du, wann erzählst du, was machst du mit der Mimik? Das musste ich mir alles überlegen. Was ich so toll finde, ist, dass jedes Lied eine andere Rolle ist. Ich spiele also nicht nur die Cissy Kraner in verschiedensten Szenen, sondern auch noch elf Charaktere in den Liedern. Ich denke, der Abend wird sehr voll, sehr bunt – es ist viel Material, das da auf die Zuschauer zukommt.

MM: Gibt es einen biografischen roten Faden, die beiden führten ja ein durchaus auch tragisches Exilantenleben in Kolumbien und Venezuela … heißt: erzählen Sie von Cissy Kraners und Hugo Wieners Leben?

Straßer: Alles erzähle ich. Ich erwähne alle wichtigen Ereignisse, es gibt natürlich aus Caracas noch unzählige Geschichten, die den Rahmen sprengen würden, wie ihnen die Pässe weggenommen wurden und so weiter. In „Alles für’n Hugo“ kommt alles vor, nur manche Details werden ausgelassen, der Abend geht bis zu ihrem Tod – Hugo Wiener ist 1993 gestorben, Cissy Kraner 2012 – und am Schluss wird eine Klammer geschlossen. Das Ganze sollte also ein rundes Stück sein. Sie ist ja mit ihm mitgegangen, obwohl sie keine Jüdin war, und sie haben sich aus dem Nichts in Caracas eine erfolgreiche Pianobar aufgebaut. Nach dem Krieg sind sie 1948 zurück nach Wien – und haben wieder von vorne angefangen. Alle waren tot, Familien und Freunde, nur Fritz Imhoff war noch am Leben. Das muss man sich einmal vorstellen! Und sie haben’s zum zweiten Mal geschafft, Stars zu werden.

MM: Wozu man sagen muss, dass Cissy Kraner Hugo Wiener auch oft aufgefangen hat.

Straßer: Davon erzählt sie oft, dass er sehr depressiv war. Sie sagt wortwörtlich: Ich habe immer geachtet, dass er keine bösen Filme schaut, keine schlimmen Nachrichten liest. Er hatte einige Suizidversuche hinter sich, er war permanent gefährdet, und er hat sie in ihrer Härte, ihrer „Wildheit“, über die wir vorhin gesprochen haben, wahrscheinlich auch gebraucht. So, wie sie ihn auch gebraucht hat, sie wollte Karriere machen und hatte an ihrer Seite diesen genialen Liederschreiber, die wird ihn durch die Exiljahre schon durchgeschliffen haben. Das kann ich mir alles vorstellen, das einzige, dass ich mir nicht vorstellen kann, ist, dass man für die Karriere auf Kinder verzichtet. Aber da war natürlich diese Unsicherheit eines Lebens in Südamerika, und es außerdem für Frauen früher noch schwerer als heute, Kinder und Karriere zu vereinbaren.

MM: Sie haben mit Regisseur Andy Hallwaxx einen Komödienspezialisten und mit Pianist Boris Fiala auch einen Theaterkomponisten an Ihrer Seite. Zwei Experten auf Ihrem Gebiet.

Straßer: Ja, das ist super. Ich bin sehr froh, dass Boris mit von der Partie ist. Ich dachte erst, weil er spielt sonst so lässige und coole Sachen, er wird sich denken: Was mache ich mit dem Zeug? Aber er war sofort Feuer und Flamme. Er ist mit diesen Liedern aufgewachsen und hat sich richtig reing’haut, denn es ist nicht immer einfach, was Hugo Wiener am Klavier spielt. Er ist jetzt mehr eingebaut, als ursprünglich vorgesehen, das heißt: er sitzt nicht nur am Klavier. Hugo Wiener und Cissy Kraner beherrschten die große Kunst, etwas schwer Erarbeitetes leicht aussehen zu lassen. Hoffentlich gelingt mir das auch an diesem Abend, der soll auch locker-flockig rüberkommen. Wenn das funktioniert, ist es das schönste Gefühl, dass es überhaupt gibt.

MM: Wie Cissy Kraner und Hugo Wiener leben auch Sie in einer Künstlerehe, Ihr Mann ist der Schauspieler und Kabarettist Thomas Stipsits. Wie schwer oder wie leicht ist das?

Straßer: Auf der einen Seite ist es super, weil er genau weiß, wovon ich rede. Ich könnte mir vorstellen, mit jemandem, der gar nichts mit dem Showbiz zu tun hat, wäre es schwer, dass der meinen Beruf versteht. Ein Vorteil ist, dass die Kreativität daheim weitergeht, dass man künstlerische Dinge bespricht, auch wenn man gerade kocht oder den Geschirrspüler ausräumt. Ein Nachteil ist vielleicht, dass man mitunter Engagements gegeneinander aufwiegt. Nicht, dass wir in Konkurrenz stünden, aber, wenn er einen Film dreht und ich grad nicht, oder ich eine Serie und er hat keine Rolle darin … Man ist halt sehr gut vergleichbar.

MM: Auch in der Öffentlichkeit? Thomas Stipsits und Sie sind doch sehr medienpräsent. Wo ziehen Sie eine Grenze?

Straßer: Ich rede übers Private nicht so gern. Jeder weiß, dass ich mit Thomas verheiratet bin und dass wir zwei Kinder haben, es wäre also idiotisch nicht zumindest einen Satz dazu zu sagen. Aber ich mache keine Homestorys, es gibt keine Fotos von unserem Zuhause, von unseren Kindern. Aber natürlich, wenn Thomas und ich gemeinsam irgendwo sind, dann sind wir als öffentliches Paar auch eine Marke. Oder zum Beispiel „Love Machine“: Wenn wir zusammen in einem Film über die Liebe spielen, dann muss man Journalistenfragen dazu so gut es geht beantworten.

MM: Apropos: „Love Machine“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31598) ist im Kino extrem erfolgreich. Regisseur ist Andreas Schmied, mit dem Sie im November die ORF-Komödie „Curling for Eisenstadt“ gedreht haben. Worum geht’s da?

Straßer: Das war eine tolle Erfahrung, sehr aufregend, drei Monate nach der Geburt meiner Tochter auf dem Eis zu stehen. Auch nicht ganz normal, hätte ich unter anderen Umständen auch nicht gemacht, aber es ist so ein schöner Frauenfilm. Es ist eine so coole Rolle, und das Curling ist auch so absurd und lustig. Ich spiele Vicki Kapfensteiner, eine nicht sehr erfolgreiche und nicht sehr ambitionierte PR-Frau, die etwas für das Burgenland tun soll. Also versucht sie, die Curling-WM nach Eisenstadt zu bringen und stellt eine Damenmannschaft zusammen. Vorher ist sie eine toughe Pressefunsen, die durch den Sport zum besseren Menschen wird. Wie das halt so ist. Ich hoffe, es wird ein schöner Film, die Dreharbeiten waren es jedenfalls.

MM: Und anstrengend?

Straßer: Megaanstrengend. Wir waren die letzten drei Wochen nur auf dem Eis, da hatte es sieben Grad, und wir hatten nur dünne Pullis an. Da sind wir alle durchs Frieren sehr an unsere Grenzen gegangen. Wir haben Curling wirklich gelernt und trainiert. Wir waren offenbar so gut, dass der Österreichische Curling Verband uns im März zur Curling-Weltmeisterschaft für Frauen nach Dänemark mitnehmen wollte. So viele Frauenmannschaften gibt es ja nicht.

MM: Wie geht’s mit der Maja Landauer weiter?

Straßer: Ich weiß nicht, ob ich was sagen darf. So, wie die letzte Staffel geendet hat, wo sie sich sehr schuldig gemacht hat, ist die Frage, ob und wie es weitergeht. Ich glaube aber, es schaut ganz gut aus.

MM: Nun haben Sie sich die Figur Cissy Kraner erarbeitet. Premiere von „Alles für’n Hugo“ ist am 27. Februar im Rabenhof, es folgen Bundesländertermine, wie am 16. März im Treibhaus Innsbruck oder am 12. April im Danubium Tulln. Wer würde Sie sonst noch reizen?

Straßer: Lady Gaga möchte ich gern einmal in einem Kinofilm spielen. (Sie lacht.) Ich würde überhaupt mein Leben als Schauspielerin jederzeit gegen eines als Popstar tauschen. Das fänd‘ ich geil.

Die Kritik zu „Alles für’n Hugo“: www.mottingers-meinung.at/?p=32204

www.katharinastrasser.at          www.rabenhoftheater.com

25. 2. 2019

Werk X: Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Februar 22, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Feuer frei auf die Fake News!

Slapstick mit Staatsanwalt: Jennifer Frank als Katharina Blum, Peter Pertusini als Ankläger Hach, Daniel Wagner und Sören Kneidl als die Knallchargen-Kommissare Beizmenne und Moeding. Bild: © Alexander Gotter

Der Schluss ist schockierend, genau genommen skandalös, doch scheint Regisseur Harald Posch der Meinung zu sein, dass man die von ihm als solche ausgeforschten Skandalblätter der Republik nicht mit Samthandschuhen anfassen zu braucht. Und so lässt er die Schauspieler deren führende Köpfe als Schießscheiben aufstellen, heißt: deren Fotos unterm Fadenkreuz, und dem Publikum eine Pistole anbieten. Einmal abdrücken gefällig? Feuer frei auf die Fake News!

Gestern verhalf der künstlerische Leiter des Werk X ebendort Heinrich Bölls Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ zur Theaterpremiere. Es war der Tag, an dem in Bratislava 30.000 Menschen der Ermordung des slowakischen Investigativ-Journalisten Ján Kuciak und seiner Verlobten Martina Kusnírová vor genau einem Jahr gedachten, und Kuciak kommt an diesem Abend auch vor. Ebenso die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia, die wie er korrupten Politikern auf der Spur war. Solcherart befördert Posch Bölls von ihm selbst so genanntes Pamphlet in die Aktualität – mit dem angriffigen Hinweis, dass es stets nur die guten unter den Berichterstattern sind, die ein gewaltsames Ende finden.

Vieles gilt es zu bereinigen: Wiltrud Schreiner, Daniel Wagner und Sören Kneidl im Verhörraum. Bild: © Alexander Gotter

Saubermachen nach dem „Blutbad“: Wiltrud Schreiner als Else Woltersheim und Jennifer Frank. Bild: © Alexander Gotter

„Katharina Blum“, eine Provokation, das war der Text schon im Erscheinungsjahr 1974, ein literarisches Anprangern des Axel-Springer-Verlags in Form einer fiktiven ZEITUNG, eine „Hetz-Maschine“, so Posch im Gespräch, von der es hierzulande derzeit sogar drei gebe. Diesem Propagandaboulevard kommt die Inszenierung mit Poschs probaten Mitteln der Groteske und des sarkastischen Humors bei. Das Spieltempo ist hoch, auf Schnellsprech folgt Slapstick, auf intellektuelle Debatten über rohe Bürgerlichkeit vs Bürgertum der blanke Irrsinn, die Raumtemperatur ist in etwa die der britischen „Carry-On“-Filme.

Als Katharina Blum ist erstmals am Haus Jennifer Frank zu sehen, und sie gestaltet die Titelrolle intensiv, changierend zwischen gedemütigt und verletzt, dann plötzlich aufbegehrend und stark; sie singt auch wunderbar anrührend Nick Caves „Henry Lee“. Rund um Frank geben Wiltrud Schreiner, Sören Kneidl, Peter Pertusini und Daniel Wagner unzählige der Böll-Figuren. Trude und Hubert Blorna, dessen Satz „Katharina ist eine sehr kluge und kühle Person“ von der ZEITUNG als „eiskalt und berechnend“ falsch zitiert wird, Alois Sträubleder, Else Woltersheim …

Daniel Wagner und Sören Kneidl sind großartig als die Knallchargen-Kommissare Beizmenne und Moeding. Allein mit einer akrobatischen erst Fuß-, dann Kopf-im-Kübel-Nummer schenken sie sich nichts, die Symbolik selbsterklärend – die beiden haben sich in ihrem Ermittlungsunsinn verfangen, und auch ihr „Zugriff“ auf Katharinas Badezimmer ist brüllend komisch. Wagner macht außerdem den rücksichtslosen Reporter Werner Tötges zum Horst-Schlämmer-Lookalike, Sören Kneidl mit Gitarre und Kapuzenhoodie den Ludwig Götten. Der gebündelte Wahnsinn findet in den Kostümen und auf der Drei-Ebenen-Bühne von Daniel Sommergruber statt, oben Katharinas Nasszelle, in der Mitte der Verhörraum, unten das Domizil der Blornas, dazu die obligate Leinwand für Live-Großaufnahmen. Die Story, die Posch in diesem Setting schildert, ist folgende: Die Blum hat auf einer Party Ludwig kennengelernt und mit nach Hause genommen. Am nächsten Tag stürmt die Polizei ihre Wohnung, auf der Suche nach dem „Staatsgefährder“, der im „Asylbusiness“ tätig sein soll.

Klar weist sich Poschs Blum gegenüber ihrer Tante Else, dargestellt von Wiltrud Schreiner, als Ludwigs Verlobte aus, klar weist sie Staatsanwalt Hach, ihn spielt Peter Pertusini, beide zusammen auch das Ehepaar Blorna, wegen seiner Begriffsungenauigkeit zurecht. Zärtlich ist nicht zudringlich, Ludwig war das eine, andere Männer sind das andere. Und während derart die Auswüchse der Post-Truth-Ära, Bot-Armeen und die Cambridge Analytica verhandelt werden, Katharinas schwerkranker Mutter das Wort im Mund umgedreht und auch ihr Ex-Ehemann zur Causa befragt wird, lässt Posch die gegenseitige Anbiederung der Medien und der Macht in einer Fellatio gipfeln oder eine Innenministermaske in Strapsen und High Heels tänzeln. Bölls angedachter Selbstmord der Blum wird zum zornigen Blutbeutelwerfen im Bad.

Die gegenseitige Anbiederung von Macht und Medien wird bald in einer Fellatio gipfeln: Peter Pertusini und Sören Kneidl, hinten: Jennifer Frank. Bild: © Alexander Gotter

Das alles im Turbogang, der 90 Minuten lang nicht runtergeschaltet wird, mit Schauspielern, die ohne Selbstschonung Schwerstarbeit leisten. Und mitten in deren Waffengang gegen – um Hannah Arendt wiederzugeben – das Wahrlügen entwirft Jennifer Frank eine Grafik der „Eigentümer österreichischer Medien“. Es sind weniger als eine Handvoll, und jeder mit jedem auf Umwegen verbandelt, 49.44 Prozent da, 50.56 Prozent dort.

Da ist man doch froh, dass man zu hundert Prozent nur sich gehört. „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ am Werk X ist eine explosive Aufführung, deren Spreng-Stoff beim nächsten Zur-Hand-Nehmen einer ZEITUNG hoffentlich bedacht werden wird.

Harald Posch im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=32038

werk-x.at

  1. 2. 2019