Bronski & Grünberg Theater: Kasimir & Karoline

April 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein purer, ehrlicher, beinharter Horváth

Er beherrscht die lauten, wie die leisen Momente der Inszenierung: Christian Strasser als Kasimir. Bild: © Dietmar Tollerian

Und wieder eine sehenswerte Produktion im Bronski & Grünberg Theater. Regisseurin Katharina Schwarz hat „Kasimir & Karoline“ inszeniert, das Stück mit dem Untertitel „Drei Abnormitäten üben Empathie“ und ergo dem Zusatz „nach …“ versehen – doch was sie auf die Bühne stellt, ist ein so purer, ehrlicher, beinharter Horváth, wie man ihn sich nur wünschen kann.

Wobei, Bühne ist nicht. Schwarz hat im kleinen Spielraum inmitten des Publikums Platz für vier Stationen gefunden, an denen die Oktoberfest-Entgleisungen stattfinden. Eine davon ist eine Karaoke-Bar, in der sich die diversen Unersättlichkeiten von der Seele gesungen werden. Eine ein schnapstrunkener Schanigarten-Campingtisch. Eine unter einer Glühbirne, hier werden die dunkelsten Ecken des menschlichen Daseins ausgeleuchtet. Und der junge Mann, der in der zweiten Reihe Lolli lutscht, gehört natürlich auch schon dazu.

Es sind drei Schauspieler, die den Horváth-Text stemmen: Christian Strasser, Katharina Wawrik und Robert Finster, und alle drei verfügen sie über ein ausgeprägtes komödiantisches Talent. Denn Schwarz hat sich das Gfeanzte bei Horváth auf die Fahnen geschrieben, ihre Arbeit changiert zwischen satirisch und sarkastisch, und es ist schon zum Lachen, wenn die berühmten Sätze wie Stammtischsprüche deklamiert werden: „Man muss das immer trennen, die allgemeine Krise und das Private“, „Wenn es dem Manne schlecht geht, dann hängt das wertvolle Weib nur noch intensiver an ihm“, „Wir sind alle nur Menschen, besonders heute“ – und sehr schön: „Jähzornige Leute sind ja meistens gutmütig“.

Der Kommerzienrat hat ein Auge auf Karoline geworfen: Christian Strasser. Bild: © Dietmar Tollerian

Doch die lutscht lieber Lolli mit dem Schürzinger: Katharina Wawrik und Robert Finster. Bild: © Dietmar Tollerian

Schwarz zeigt ein tiefes Verständnis für die Horváth-Sprache. Sie charakterisiert über sie die Figuren, lässt ihr Trio wahlweise im brutalen Jargon, im gepflegten Dialekt oder in der vom Autor vorgeschriebenen Kunstsprache sprechen, und so macht sie Kleinbürger zu Kunstfiguren, Proletarier zu Proleten. Dazwischen, nein: in der Hauptsache, weiß sie um die Macht der Horváth’schen Pausen, seine Leerstellen im Gesprochenen, die Sprachlosigkeit und dem Ringen der Charaktere um Ausdrücklichkeit, und pflegt dies besonders sorgfältig. Die Schauspieler „schweigen“ das Unaussprechliche nicht nur an, sie loten es aus. Mit den letzten Takten aus „Cabaret“, Trommelwirbel, Tusch, werden die kurzen Szenen als quasi Blackouts getrennt.

Die Darsteller (re)agieren mit Tempo und Temperament und in erster Linie Trotz aufs Leben an sich und die Verhältnisse im Besonderen. Die Stimmung wechselt zwischen naiver Verbitterung, abgeklärtem Weltverstehen und aggressivem Selbstmitleid, man ist mal personifizierte Empörung, mal hektisch und zänkisch, die Auseinandersetzungen sind lautstark – und umso mehr berühren die leisen Momente der Aufführung. Vor allem Christian Strasser als Kasimir erweist sich diesbezüglich als ein Meister.

Mit einem Handgriff wird aus einer Rolle eine andere. Strasser verwandelt sich mit Sonnenbrille und Zigarre in den großkotzigen Kommerzienrat, Robert Finster ist – graue Strickweste an, graue Strickweste aus – bald ein schüchtern-ängstlicher Zuschneider Schürzinger, bald der Kleinkriminelle Merkl Franz, Katharina Wawrik wird mit rosa Perücke von der Karoline zur Merkl Franz seiner Erna. Es folgen Frontalangriffe mit Alkohol und Freddie Mercurys „Don’t stop me now“. Fantastisch, wie schlecht und falsch das Ensemble insgesamt singt; auf dem Höhepunkt der Handlung und seiner Verlassenheit interpretiert Kasimir/Strasser Tammy Wynettes „Stand by your man“. Auf dem Weg nach Altötting fliegen schließlich ein Büstenhalter weit und ein rechter Arm in die Höhe …

Kasimir mit dem Merkl Franz und dem Merkl Franz seiner Erna: Katharina Wawrik, Robert Finster und Christian Strasser. Bild: © Dietmar Tollerian

Derart subtil sind Schwarz’ Anmerkungen zur Zeitgeschichte und zum gegenwärtigen Zeitgeschehen. Am Ende folgt das Mantra ”Es geht immer besser, besser, besser …“, 1932 so aktuell wie 2017, die Rollen verschwimmen, nicht länger ist klar, wer ist wer, der Bub mit dem Bulldoggenkopf, Juanita, das Gorillamädchen, jeder Zeit ihre Monstrosität. Denn, siehe Untertitel, die Abnormitäten sind längst wir. Freigesetzt, gekündigt, vom Arbeitsplatz entfernt.

„Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich – aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln, und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen…“ Zu sehen bis 6. Mai. Im Mai gibt es auch Zusatzvorstellungen von „Der Spieler“ – Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24236

www.bronski-gruenberg.at

Wien, 13. 4. 2017

Volkstheater: Kasimir und Karoline

März 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bananen, Geplärr und Banalitäten

Big Karoline is watching you: Rainer Galke als Kasimir, Birgit Stöger und Stefanie Reinsperger auf der Lichterkettenleinwand. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater hatte Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ in einer Inszenierung von Philipp Preuss Premiere, und das Erstaunen daran ist, dass einen die Aufführung seltsam unberührt lässt. Preuss, der in der Regel für einen Aufreger, zumindest für einen Kopfschüttler gut ist, schafft es diesmal nicht über die Echauffiertheitshürde – ja, nicht einmal über die Aufmerksamkeitsschwelle. Mit Kasimir möchte man nur eins sagen: Das ist mir wurscht.

Und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen ist es die abgepauste Ästhetik des Abends, zum anderen sind es die Banalitäten und das Geplärr, die einen die Scheuklappen dichtmachen lassen. Auf der Bühne herrscht vor allem Trubel, ein Tohuwabohu, in dem die leiseren Horváth-Töne untergehen. So kann man diesem Autor nicht beikommen, so plakativ, so wenig subtil. Schreien statt Inhalt ist keine Lösung, das ist auf der Bühne wie im Leben so.

Denn derart bleibt nichts von Horváths scharfer Analyse des durchökonomisierten menschlichen Zusammenlebens, nichts von seinem Bericht über die Arbeit als Statussymbol und die Not derer, die keine mehr haben – oder was immer Preuss aus dem übervollen Themenkonvolut des Volksstücks zu erzählen nicht gelungen ist.

Dass fortwährend die urbayrische Oktoberfestkost Bananen gefuttert wird, macht die Sache nicht besser. Preuss hat das Stück ganz nach Horváths Vorgabe „in unserer Zeit“ angesiedelt. Die Krise ist dem Kapitalismus systemimmanent, was 1932 galt, gilt 2017 noch immer, nur das Wiesnzelt ist einem Karussell aus Lichterschnüren gewichen. Einem Multimediaspektakel mit Videos und kitschigem Soundteppich, erdacht von Ramallah Aubrecht, Konny Keller und Richard Eigner, das zum Labyrinth für die Darsteller wird. Davor und vor allem darin nämlich tummelt sich die Spaßgesellschaft, die Herrschaften und das Volk. Im Innern spielt sich’s ab, dem Außen bleibt nur das Cinemascope. All das sieht man bei Castorf (oder auch bei Pollesch) schon seit Jahrzehnten so – dass wichtigste Teile der Handlung in einem hermetisch abgeschlossenen Raum stattfinden und nur per Livekamera ins Publikum transportiert werden.

Und noch in einer anderen Sache folgt Horváth-Debütant Preuss dem Altmeister aus Berlin: Er fügt Fremdtexte als inszenatorische Rufzeichen ins Stück ein, Konsumismuskritiker Guy Debords 1967 erschienene „Gesellschaft des Spektakels“, als realsozialistischer Dialog schrill performt von den beiden Gelegenheitsprostituierten Elli und Maria alias Seyneb Saleh und Nadine Quittner, und einen Auszug aus Horváths prophetischem Antikriegsroman „Ein Kind unserer Zeit“. Luka Vlatkovic tritt blutbesudelt und armamputiert als der Soldat auf, der auf einem Jahrmarkt des Jahrs 1938 die Liebe sucht.

Kasimir mit dem Merkl Franz und dem Merkl Franz seiner Erna: Rainer Galke, Birgit Stöger und Kaspar Locher. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Und er sitzt und sitzt; im Hintergrund die Gelegenheitsprostituierten Elli und Maria: Rainer Galke, Seyneb Saleh und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Unter den Darstellern sind es Sebastian Klein als Schürzinger, Kaspar Locher als der Merkl Franz und Birgit Stöger als dem Merkl Franz seine Erna, die am ehesten Horváth spielen, brutal und ungekünstelt und doch mit der vom Schöpfer ihrer Figuren verlangten Überhöhung ins Stilisierte. Birgit Stöger ist überhaupt die Erfreulichkeit des Abends. Wie sie sich stoisch in ihr Schicksal und dem Merkl Franz seinen Schlägen fügt, ist sie die perfekte beschädigte Antiheldin. Thomas Frank sitzt als dämonischer, halbverbrannter Schaustellerkönig wie die Spinne im Neonnetz, kommt aber, da ans unvermeidliche Mikrophon gebunden, darin kaum zum Spielen, Michael Abendroth und Lukas Holzhausen sind verlässlich solide als Rauch und Speer. Ihre Ressentiments über die Jugend rülpsen die beiden übersättigten „Besseren“ ins Publikum. Dies einer der gelungeneren Regieeinfälle des Abends.

Als „Kasimir und Karoline“ hat sich Preuss Rainer Galke und Stefanie Reinsperger auserkoren, zwei klasse Schauspieler – und umso mehr tut’s weh, dass die Regie mit ihnen nichts anzufangen weiß. Das Kraftwerk Reinsperger wird aufs übliche Gestenrepertoire zurückgeworfen; ihre Karoline ist eine Wutbürgerin, und Reinsperger berserkert sich ergo durch die Rolle. Zur resignierten Verzweiflung Kasimirs wiederum ist Preuss nicht mehr eingefallen, als Galke beinah die ganzen zwei Stunden lang regungslos und, so weit durch Striche möglich, schweigsam an der Rampe sitzen zu lassen.

Sein Kasimir ist weder Kleinbürger noch Proletarier im Sinne von „aller Länder vereinigt euch“, und wenn Karoline an ihm einen „Terroristen“ erkennt, so ist dieser hier maximal ein Schläfer. Verschenkte Möglichkeiten allüberall. Immerhin: Mit ihrer Bemerkung, man wäre „zu schwer für einander“, sichert sich die Reinsperger den Lacher des Abends. Einen schmerzhaften. Einen zum Fremdschämen. Andererseits: Auch das ist mir wurscht.

www.volkstheater.at

Wien, 18. 3. 2017

Bregenzer Theater Kosmos: Am Beispiel der Butter

April 3, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Butter und Schmalz, Gott erhalt’s!

Butter CurlsDass ausgerechnet ein Autor namens Ferdinand Schmalz ein Stück „Butter“ schreibt, soll hier nicht als Scherz herhalten. Bestenfalls als Bonmot. Mit „Am Beispiel der Butter“ hat der Grazer Autor den renommierten Retzhofer Dramapreis 2013 gewonnen. Gerade wurde sein Stück für die renommierten Mülheimer Theatertage 2014 nominiert. Das Theater Kosmos konnte „Am Beispiel der Butter“ für die österreichische Erstaufführung nach Bregenz holen und zeigt es ab 10. April.

Schauplatz der Handlung ist eine Butterfabrik in ländlicher Umgebung. Dass es da aber Dorfbewohner gibt, die die Strukturen und die Idylle zwischen Molkerei, Bahnhofskneipe und Hobbykeller stören, kann nicht akzeptiert werden. Der Adi ist einer, der gegen die Spielregeln verstößt. Seine Mitarbeiterration an Joghurt verteilt er an Passanten, füttert sie mit dem milchigen Weiß. Deshalb nennen sie ihn auch den „Futterer-Adi“.  Dem Hans von der Staatsgewalt ist er ein Dorn im Auge und der Stielaugen-Jenny behagt es nicht, die Dorfidylle getrübt zu sehen. Der Adi ist einer, der die Strukturen stört. Und Karina, die junge Neue in der Butterfabrik, fühlt sich auch noch wohl an seiner Seite. Zwischen Molkerei, Kneipe und Hobbykeller beobachtet und bestraft man die, die sich dem normierten Raum der Dorfgesellschaft widersetzen. Sie müssen weg.Und dass die Butter dabei eine große Rolle spielt, kann bereits verraten werden. Regie wird Stephan Kasimir führen, kongenial ergänzt durch die Ausstattung von Caro Stark und das Licht von Markus Holdermann. In die Rolle des Dorfgendarmen wird Hubert Dragaschnig schlüpfen, in den weiteren Rollen werden Anwar Kashlan, Chris Mancin, Martina Spitzer und Tina Winkler zu sehen sein.

„Bin eine leere Tafel innen. nur eins ist da in mir, das sich nicht rausspülen lässt, egal wie scharf die Flüssigkeit. Was sich von selber immer wieder in die Tafel schreibt, oder besser kratzt: ein Wunsch. ein Wunsch danach, einmal was Eigenes zu finden. eine Entscheidung, Teilung, Teilhabe, selbst zu treffen. Was Neues in dem leeren Innenraum von mir wuchern zu lassen. Was außerhalb der eingefahrenen Gedankenströme, die mich als einen Teil des Ganzen sehen wollen, seine eigene kleine, überwucherte Insel bildet.“

www.theaterkosmos.at

Wien, 3. 4. 2014

Theater in der Josefstadt

Februar 8, 2013 in Bühne

Kein Oktoberfest-Kitsch: Straßer und Windisch turnen mit „Maß“
15.09.2012, Von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/3

Horváth mit Happy End? Das geht!

Das Theater in der Josefstadt eröffnet die Spielzeit mit „Kasimir und Karoline“. Eine grandios grausame Inszenierung.

Es ist offensichtlich das Stück der Stunde, Ödön von Horváths mitten in der Weltwirtschaftskrise von 1929 uraufgeführtes Drama „Kasimir und Karoline“. Drei Inszenierungen des Werks gibt es in Wien im September.

Den Anfang machte das Theater in der Josefstadt mit einer Arbeit von Regisseur Georg Schmiedleitner, der seine Schauspieler zu einer sehr gelungenen Ensembleleistung animierte.
Harald Windisch und Katharina Straßer verkörpern die beiden Titelrollen. Er, der gerade gekündigte, ang’fressen-melancholische Chauffeur. Sie, ganz lebenslustige Wiesn-Braut, die sich am Münchner Oktoberfest amüsieren will. Achterbahnfahren und ein Eis essen!
Und dabei ein paar seltsamen Sexbesessenen in die Arme läuft. Schon lange nicht mehr spielte die Straßer so gut. Zwischen Naivität und der Berechnung, einen „besseren Herren“ zu ergattern, taumelnd, lässt sie sich von den Männern wie eine Puppe über die Bühne zerren.
Physische Gewalt dominiert Schmiedleitners Inszenierung. Sentiment findet keinen Platz. So kalt und klar wie die Text-Interpretation ist dazu der an Seilen baumelnde Leuchtkubus von Bühnenbildner Harald Thor, in und um den geturnt wird.

Windisch und Straßer sind ein schönes Paar, nur getoppt vom „unschönen“. Thomas Mraz als Kleinkrimineller Merkl Franz und die aus der Karenz zurückgekommene, wunderbare Gerti Drassl als seine Erna dominieren das Geschehen.

Sie zeigen exemplarisch vor, wie man bei Horváth die Grausamkeit mit der Groteske verbindet. Jeder Blick, jede Geste, jedes ins Gesicht geschüttete Maß Bier sitzt.

Allzu Unmenschliches

Als Trio infernal sorgen Friedrich Schwardtmann als Faktotum, Herbert Föttinger als notgeiler Speer und Heribert Sasse als „Saubär“ Rauch dafür, dass einem die Lacher im Hals stecken bleiben.

Zynisch-hinterhältig lassen der Herr Landgerichtsdirektor und der Herr Kommerzienrat das allzu Unmenschliche durchschimmern. Nehmen mit zackigem Armheben vorweg, was kommen wird.
Ein Kabinettstückchen, angeleitet vom furios agierenden Sasse, wie sie ekelhaft schmierig die Welt, die ohnedies ihnen gehört, mit Macht manipulieren wollen.
Bleibt Peter Scholz als biederer Brillenträger Schürzinger. Opportunist ist sein Zuschneider immer noch, aber auch sooo lieb. Kein Wunder, dass Karoline zum Schluss mit ihm in eine lichtere Zukunft aufbricht. Erna hingegen fällt verliebt dem Kasimir um den Hals. Ihren Franz haben sie ja verhaftet.
Horváth und Happy End? Schmiedleitner mag’s halt.
Kein Vorwurf deswegen.