Kunsttankstelle – Theater IG Fokus: Königin der Berge

November 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Rolling Stones im Rollstuhl

Der tote Kater Dukakis mag Herrn Turins Ehefrau Irene ganz und gar nicht: Markus Zett, Karola Niederhuber und Christian Kohlhofer. Bild: Anna Stöcher

Dass sich Kater Dukakis als erster mit dem Publikum bekannt macht, sein musikalisches Leitmotiv „Sympathy For The Devil“ von den Rolling Stones, damit hat es schon seine Bewandtnis. Ist das Tier doch eigentlich lange tot, vom Besitzer – da uralt und schwerkrank – vor Ewigkeiten eingeschläfert, aber diesem nun ein Einflüsterer an dessen Endstation. Dabei ein Artverwandter von Bulgakows Behemoth, heißt: ein Streiche spielender Satansbraten, der seinem Herrchen zuweilen

vorschlägt, zum Zeitvertreib des Tages eine Schwester zu quälen. „Du solltest jetzt endlich mutig genug sein und nach einer Brust greifen“, befiehlt der zwielichtige Zwiegesprächspartner ihm dann. Herrchen ist gleich Herr Turin, Hauptfigur in Daniel Wissers 2018 mit dem österreichischen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Königin der Berge“, ein ehemals extrem erfolgreicher IT-Manager, nun mit Mitte Vierzig in einem Pflegeheim. Und im Rollstuhl. Die Selbsteinweisung erfolgte bereits vor zehn Jahren. Nach der Diagnose Multiple Sklerose. Wisser gelingt es virtuos das schleichende Vergehen eines Menschen aus einer Perspektive skurriler Ausweglosigkeit zu beschreiben, die einen tatsächlich unter Tränen lachen macht, und apropos: Weg I – auf einen letzten will sich Robert Turin noch machen, in die Schweiz, wegen der dort erlaubten Freitodbegleitung.

Und apropos: Weg II – Margit Mezgolich folgt Wissers Vorlage auf dem eingeschlagenen, nämlich aus der Tragik von Turins Zwangslage eine groteske Situationskomik zu generieren. Die Theatermacherin zeigt den von ihr zur Spielfassung umfunktionierten Text mit ihrer Truppe IG Fokus in der Kunsttankstelle Ottakring. Es ist dies die zweite Produktion der Pop-up-Bühne nach „Der Winter tut den Fischen gut“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28070), und die ausgewählte Lokalität auch diesmal von perfekter Passform, fenster- und sichtbeton-trostlos, die Wände stellenweise mit Baustellenplastik verhängt, stellenweise krankenhausbettwäsche-gelb gestrichen und wie diese dazu verurteilt, am Versuch am Unort Fröhlichkeit zu verbreiten, zu scheitern. Das Publikum hat punkto Sitzgelegenheit die Wahl zwischen Warteraumsessel und Rollstuhl, wobei zweitere die spannendere Variante ist.

Die Physiotherapeutin prüft Herrn Turins Reflexe: Petra Strasser und Markus Zett. Bild: Anna Stöcher

Dukakis hat immer eine Flasche Veltliner zur Hand: Christian Kohlhofer und Markus Zett. Bild: Anna Stöcher

„Königin der Berge“ nennt Herr Turin seine unnahbare, unerbittliche Krankheit, und der im 16. Bezirk an ihr leidet, ist Schauspieler Markus Zett, der wohltemperiert und herzgewinnend den Renitenzler gibt. Sein Turin ist um einiges liebenswerter als das papierene Alter Ego, vor allem, wenn er mit großen Augen durch die runde Brille guckt, weil, was ihm zur besten Zeit seines Lebens widerfahren, einfach nicht zu fassen zu ist, und selbst, wenn er wieder einmal lieber den Veltliner aus der Cafeteria als Sonne im Garten tankt. Der ihn nur allzu gern in die Weinseligkeit versetzt, ist Kater Dukakis, für dessen Charaktergestaltung sich Christian Kohlhofer sogar ein Paar Plüschohren aufsetzt. Sein Dukakis ist ein Schlitzohr, das Mezgolichs satirische Inszenierung mittels sarkastischer Besserwisserblicke Richtung und direkten Ansprechens der Zuschauer noch maximiert.

Die Aufführung bleibt zwar stets nah am Buch, aber nicht so verbissen zwischen dessen Deckeln klebend, dass kein Platz für feingetunt schrullige Szenen wäre. Deren Darstellung in den begnadeten Händen von Karola Niederhuber, Petra Strasser und Valentina Waldner liegen, alle drei großartig als abgründig bigotte Pflegeschwestern, die selbstverständlich das Sterberecht als Gottesgesetz sehen. Niederhuber spielt außerdem noch Turins von einem neuen Mann hochschwangere, oder bildet er sich das nur ein?, Ehefrau Irene, die von ihrer Karriere vor allzu häufigen Besuchen bewahrt wird; Strasser Irenes Schwester sowie kurzzeitiges Turin-Pantscherl Christina, und überdreht-kauzig eine Physiotherapeutin mit Osteuropa-Akzent; Waldner die gegen jede Vernunft in Herrn Turin verliebte Psychologin Katharina Payer – und jede im Trio zwischendurch kreischend die alte Ditscheiner von Zimmer 407.

Erst Entsetzen über Turins Fenstersprung …: Petra Strasser, Valentina Waldner, Karola Niederhuber und Christian Kohlhofer. Bild: Anna Stöcher

… aber schon wird wieder gesungen: Valentina Waldner, Karola Niederhuber und Petra Strasser. Bild: Anna Stöcher

Ganz nach Motto lieber bitterböse, als nur bitter, wird im Verein das Schwesternalphabet gesungen, werden geschmacklose Katheterkalauer gemacht, Herrn Turins sinnlose Selbstmordversuche milde weggelächelt, will die Heimleitung doch alles tun, um einen Suizidskandal zu vermeiden, kann sich der Kater seine zynischen Kommentare zur Jenseitigkeit mancher Momente sowieso nicht verkneifen. So klar die Sprache von Daniel Wisser, so unsentimental hat Mezgolich sie umgesetzt, und auch, wenn ihre Arbeit ein scherzhaftes einem schmerzhaften Ende

vorzieht, vergisst sie nie die Ernsthaftigkeit des Themas, sich die Entscheidungen übers eigene Leben nicht entziehen zu lassen. In seinem Insistieren, dem absehbar qualvollen Siechtum durch ein selbst bestimmtes Sterben zu entkommen, macht sich Herr Turin schub-di-wupp auf die Suche nach einer Chauffeuse in die Schweiz. „Wie machst du das mit den Weibern?“, wundert sich Christina, als sich außer ihr noch deren andere für den Auftrag anbieten, „dass die immer tun, was du willst“. Wer ihn fährt und ob Turin den Schlussstrich zieht, ist bis 4. Dezember zu erfahren.

„Königin der Berge“ des Theater IG Fokus ist ein pointiertes Kammerspiel zu einer heiß umfehdeten Fragestellung. Dass Markus Zett im Rollstuhl sozusagen auf Augenhöhe am Publikum entlangfährt, macht das insgesamt beeindruckende Spiel des Ensembles nur umso besonderer. Ein Gipfelsieg – für alle Beteiligten. Letztes Lied: The Rolling Stones – „Time Is On My Side“.

igfokus.wordpress.com           www.kunsttankstelleottakring.at

  1. 11. 2019

Kosmos Theater: Geister sind auch nur Menschen

Mai 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fäkalienfarce zur menschlichen Vergänglichkeit

Noch nicht weg, aber auch nicht mehr richtig da: Tobias M. Draeger, Isabella Jeschke, Karola Niederhuber und Barbara Gassner im Pflegeheim. Bild: Bettina Frenzel

Dieser Allgemeinplatz vom Lachen, das den Zuschauern im Hals stecken geblieben ist, darf zur gestrigen Premiere im Kosmos Theater ohne Scham bemüht werden. Regisseurin Barbara Falter brachte dort „Geister sind auch nur Menschen“ der Schweizer Autorin Katja Brunner zur Österreichischen Erstaufführung, die beiden bereits ein eingespieltes Team, wenn es darum geht, Brunners heiß aufkochende Textkaskaden in szenischer Form zu bändigen.

Und so geben sie nun auch einem Wiener Publikum kalt-warm. Brunners Geister-Menschen heißen die, die nicht mehr ganz da, aber auch noch nicht wirklich weg sind, die Alten, die von den Kindern der Leistungsgesellschaft Ausgestoßenen, die unrentabel Gewordenen, die Ausrangierten. Also werden diese in Scheibchen Sterbenden „im Heim“ verstaut, von wo aus Brunner sie die Scherben und verpassten Chancen eines gewesenen Lebens bejammern lässt. Ein Klagelied, eine „Pflegeoper“ hat die Dramatikerin da verfasst, einen grotesken, boshaften, morbiden Text, eine Fäkalienfarce zur menschlichen Vergänglichkeit, denn die Notdurft wird im Wortsinn als immer wiederkehrendes Druckmittel verwandt, die unvermittelt in poetische Sprachbilder kippen kann.

Die gestrenge Heimleitung: Karola Niederhuber mit Barbara Gassner, Isabella Jeschke und den Beinen von Tobias M. Draeger. Bild: Bettina Frenzel

Das langsame Ende in langen Unterhosen: Barbara Gassner, Isabella Jeschke, Karola Niederhuber und Tobias M. Draeger. Bild: Bettina Frenzel

Die Schauspielerinnen Barbara Gassner, Isabella Jeschke und Karola Niederhuber gestalten, in der Körperarbeit unterstützt von Choreograf Tobias M. Draeger, sowohl Pflegepersonal als auch Patienten. Im Ping-Pong wechseln sie die Seiten, brechen als Betreuer in nichtssagenden, weil desinteressierten Bla-Gesang aus. Dann wiederum, gekleidet in Steppstoff, die Gesichter clownesk auf moribund geschminkt, winden sie sich durch ihren Danse macabre, die Bühne von Carl und Carla dazu eine Art dusterer Aufbahrungsort, in der Mitte ein in den Boden eingelassener Sarg, so lässt zumindest die gerüschte Bestattungswäsche vermuten, in den Darstellerinnen und Darsteller regelmäßig abgleiten.

Damit das Alter nicht zur spöttischen Parodie unserer früheren Existenz werde, brauche es Sinn im Sprechen und Handeln, formulierte Simone de Beauvoir einmal, doch, so Brunner, was nützt das, wenn man nicht gehört wird. „Wir denken oft, wir verstehen meistens“, lässt sie ihre Protagonistinnen sagen, nur: wen interessiert’s noch? Derart eignet sich Barbara Gassner die Figur der von einem Schlaganfall niedergestreckten Frau Heisinger an, führt in deren Innenleben, führt in einer wunderbaren Wutrede deren Verbitterung darüber vor, sich für „Töchtersöhne“ aufgeopfert zu haben, die jetzt bereits zu ihren Nochlebzeiten ihr Hab und Gut verscherbeln, oder wünscht Karola Niederhuber als Pflegekraft, mit der Betonung des Begriffs Kraft als Macht und Autorität, der jaulenden Frau Simplon, „dass der Herrgott sie bald mitnehmen soll“.

Was nützt die Stimme, wenn einen niemand mehr hören mag? Barbara Gassner, Karola Niederhuber und Isabella Jeschke. Bild: Bettina Frenzel

Dass dieser Bettlägrigenreigen nicht zur Tristesse pur wird, ist Katja Brunners speziellem Witz und ihrer Beobachtung, den von ihr beschriebenen Nichtort zwischen Vergessen und Verwirrung auch als Hort von Sticheleien, Sekkierereien und postsexuellen Anwandlungen zu begreifen, zu danken. Aufbegehrt wird gegen’s Rauch- und Alkoholverbot, „als ob es jetzt noch darauf ankäme“, ein lieb gemeinter Popograpscher ruft allerdings die gestrenge Heimleitung auf den Plan.

All das ist so verzweifelt komisch, so fröhlich überzogen, verschwimmend zwischen real und surreal, dass nicht auszumachen ist, was Wach- und was -koma ist. Über Magensonde und Dauerkatheter kalauert Isabella Jeschke „Der Schlauch tut’s auch“, dann wieder meint sie zu ihrem „Ich möchte bitte gegangen sein dürfen“ – „Genug geschuftet, jetzt wird verduftet“. Der Schrecken wird sprachverspielt, die entmündigende Tatsache, dass der persönliche Name gegen eine Patientennummer ausgewechselt wurde, oder, dass zu den blauen Flecken auf der Seele jene am Körper kommen, weil die Behandlung eben nicht immer sanft ist.

Was Barbara Falter und ihr sich bis an die Grenzen verausgabendes Ensemble mit ihrer Pflegestufen-Party erschaffen haben, ist Überwältigungstheater. Da nie voyeuristisch, nie mitleidskitischig, zieht es einen umso mehr in Bann. Dass einen dieses Endspiel auf Fragen nach der eigenen Existenz zurückwirft, muss man, wie auf der Bühne zu sehen, mit Galgenhumor nehmen. „Nicht das Alter ist das Problem, sondern unsere Einstellung dazu“, Cicero, 106 – 43 v. Chr.

Video: www.youtube.com/watch?v=fTNgWKeBLSY

kosmostheater.at

  1. 5. 2019

TAG: Kirschgarten. Eine Komödie ohne Bäume

Februar 3, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Arturas Valudskis verzaubert Anton Tschechow

Einmal packt auch die Ranjewskaja zu: Michaela Kaspar und Raphael Nicholas als Trofimow, hinten: Georg Schubert und Jens Claßen. Bild: Georg Mayer

Sommergäste! Schnaubt die illustre Gesellschaft und findet den Gedanken so abwegig, dass sie darüber nur in Gelächter ausbrechen kann. Derart fein gearbeitet ist der Witz, mit dem Arturas Valudskis seinen „Kirschgarten“ im TAG gestaltet. Denn „Sommergäste“ ist gleich Gorki, und der wiederum war mit Tschechow zwar befreundet, doch teilte der ältere die politisch-revolutionären Ansichten des jüngeren nicht.

In einem Brief hielt Tschechow sogar fest, er misstraue der gesamten Intelligenzija, da heuchlerisch und hysterisch und einen Stillstand beklagend, der aus ihrem eigenen Schoß krieche. Womit das Personal seiner Obstplantagenkomödie versammelt wäre. Valudskis‘ Zugriff auf den Stoff ist ein radikaler. Aus dem Vergleichen verschiedener Textversionen ist sein Destillat entstanden, 90 Minuten bis „Baum fällt!“, und wie stets setzt der aus Litauen stammende Regisseur für sein schwarzes Theater, für sein – im Grotowski’schen Sinne – Armes Theater neben einer genauen Sprache auf die Körperpräsenz seiner Schauspieler. Die diesmal fast zur Gänze aus dem TAG-Ensemble sind. Michaela Kaspar spielt die aus Paris heimgekehrte Gutsbesitzerin Ljubow Ranjewskaja als elegant-elegische Erscheinung, nur einmal packt sie zu, aber da richtig, Georg Schubert deren Bruder Gajew als vom Billard besessenen Gemütsmenschen.

Gutsbesitzers sind pleite: Michaela Kaspar und Georg Schubert als Gajew. Bild: Georg Mayer

Raphael Nicholas als Firs, hinten: Georg Schubert, Jens Claßen und Michaela Kaspar. Bild: Georg Mayer

Lisa Schrammel ist sowohl als romantisch veranlagte Tochter Anja wie als patente Pflegetochter Warja zu sehen, TAG-Gast Karola Niederhuber kommen als Gouvernante Charlotta die clownesken Szenen zu, und auch Raphael Nicholas teilt sich in zwei Charaktere auf – ein von ihm wunderbar gezeichneter Kontrast als ewiger Student Trofimow und als gichtfingriger Tattergreis Firs. Jens Claßen schließlich gibt als Lopachin eine Glanzleistung. Von diesem kommt der verspottete Vorschlag, das Grundstück für Ferienhäuser zu parzellieren. Denn die Herrschaften sind bekanntlich pleite.

Der ehemalige Leibeigene, nun Kaufmann, ist der einzige, der über Vermögen verfügt. Der Rest hofft auf Gott oder Kredit oder Hilfe von Großtantchen. Valudskis erschafft poetische Bilder. Er verzaubert Tschechow. Ein Telegramm aus Paris landet als Papierflieger auf der Bühne und wird dort, weil unliebsamen Inhalts, zum Schnipselregen. Steine von der Seele fallen tatsächlich, und was sich hinter einer Türattrappe an Gerangel und Getrampel zuträgt, vermag man nicht einmal zu erahnen. Immer wieder trägt Charlotta im Hintergrund den im Fluss ertrunkenen kleinen Sohn der Ranjewskaja vorbei.

Eine Erinnerung ans Verlorenhaben. Das sind die Momente, in denen Valudskis die Situationskomik und den Wortwitz innehalten und die Tschechow’sche Melancholie zu ihrem Recht kommen lässt. Behutsam, beinah nur im Unterbewusstsein, platziert Valudskis diese Botschaften. Da steht das in seinen Ritualen festgefahrene Faktotum Firs für die gesamte änderungsunfähige Clique, die Lopachin wie eine lästige Fliege wegwedelt, weil nicht neu sein kann, was nicht sein darf. Da reden sich Kapitalist Lopachin und Sozialist Trofimow über die Definition des „stolzen Menschen“ die Köpfe heiß, der Proletariatsphilosoph und der wahrhaftige Mann aus der Arbeiterklasse, und als zweiterer von Warja schlussendlich den Schlüsselbund für Haus und Hof ausgehändigt bekommt, wirkt der darüber gar nicht glücklich, sondern – zornig, irgendwie.

Im Papierschnipselregen: Karola Niederhuber als clowneske Gouvernante Charlotta und Jens Claßen als Lopachin. Bild: Georg Mayer

Die Intensität, mit der das alles abläuft, ist hoch. Und weil das Beste zum Schluss kommt, hat sich Valudskis dafür ein besonderes da capo al fine ausgedacht. Während nämlich Lopachin an einer Stelle versucht, das Alte rauszuwerfen, heben, tragen, schleppen Gutsbesitzers ihre Habe an anderer wieder herein. Ein „Sesselkreis“, der klar macht, dass es gar nicht so einfach ist, das Gestern loszuwerden. Wofür Russland durchaus ein passendes Beispiel ist …

Trailer: vimeo.com/314104883

dastag.at

  1. 2. 2019

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Ein Sommernachtstraum

Juni 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine exemplarisch gelungene Shakespeare-Inszenierung

Erwachen nach einen Nacht im Wald: Benjamin Vanyek, Julia Richter, Sophie Aujesky, Jan Hutter, Raphael Nicholas, Andreas Patton und Karl Walter Sprungala. Bild: Lalo Jodlbauer

Erwachen nach einer Nacht im Wald: Benjamin Vanyek, Julia Richter, Sophie Aujesky, Jan Hutter, Raphael Nicholas, Andreas Patton und Karl Walter Sprungala. Bild: Lalo Jodlbauer

Die Frage kam off the records vor einigen Wochen schon auf. Ob man hierzulande jemals eine rundum geglückte Aufführung vom „Sommernachtstraum“ gesehen hätte? Am Burgtheater, bei den Salzburger Festspielen? Jetzt ja, in Perchtoldsdorf. Dort zeigt Intendant und Regisseur Michael Sturminger zum 40-Jahr-Jubiläum der Sommerspiele eine exemplarische Inszenierung von Shakespeares Liebesverwirrspiel.

Es scheint fast, als wäre es ihm gelungen, die mittelalterliche Burg auf die Insel des britischen Barden zu transferieren, mitten hinein in dessen Zauberwald, so sehr stimmig sind die Bilder, der Tonfall, die Atmosphäre. Alles flirrt und neckt sich. Und auch, dass Sturminger für die diesjährige Premiere erstmals ein Bühnenrund mit drei es umschließenden Zuschauertribünen aufstellen ließ, verstärkt den Eindruck dieses Theater-„Globe“.

So zieht’s einen mitten hinein in den Probenprozess. Die Arbeit ist nämlich gar nicht fertig. Markus Kofler tüfelt noch an der tief tragische Komödie von Pyramus und Thisbe. Er ist ein zunehmend genervter Squenz, der eine wie einem Monty-Python-Sketch entsprungene Truppe in Szene setzen soll, großartig etwa Nikolaus Barton als Zettel-Pyramus, Michael Pogo Kreiner, der als Flaut zur lispelnd tippelnden Thisbe wird, und Raphael Nicholas, der als Schnock den Löwen geben soll. Der Adelssitz in Athen hat Sturminger weniger interessiert, er hat einen Hang zu den begeistert laienspielenden Handwerkern, und wenn er im Gespräch mit mottingers-meinung.at sagt, das sei so, weil „sie“ ja schließlich „wir“ sind, dann entstehen angesichts der wie immer fast vollzählig erschienenen Perchtoldsdorfer Honoratioren im Publikum ganz neue Assoziationen im Kopf.

Erst ist's nicht einfach, doch dann klappt das mit der Thisbe: Michael Pogo Kreiner und Markus Kofler. Bild: Lalo Jodlbauer

Erst ist’s nicht einfach, doch dann klappt das mit der Thisbe: Michael Pogo Kreiner gibt alles, Regisseur Squenz alias Markus Kofler erschreckt das. Bild: Lalo Jodlbauer

Die höchst tragische Geschichte von Pyramus und Thisbe: Michael Pogo Kreiner, Nikolaus Barton, Judith Prieler, Karola Niederhuber und Raphael Nicholas. Bild: Lalo Jodlbauer

Die höchst tragische Geschichte kommt zur Aufführung: Michael Pogo Kreiner, Nikolaus Barton, Judith Prieler, Karola Niederhuber und Raphael Nicholas. Bild: Lalo Jodlbauer

Kofler rückt den Spiegel immer näher heran. Einen Theseus sucht er, und eine Hippolyta, den Oberon samt dessen Titania. Da muss er erst Überzeugungsarbeit leisten, muss bitten um Besetzungsvorschläge für sein Mitmachtheater, bis sich aus den Sitzreihen Andreas Patton und Veronika Glatzner melden. Sie temperamentvoll das Abendtascherl schmeißend, weil demnächst ja Königin und sowieso Amazone, er qualifiziert sich intellektuell hochwertig – mit Schillers „Glocke“. Das sagt schon viel aus über die Paarläufe, denen man in den kommenden drei Stunden folgen wird, darüber, was da so schief hängt zwischen Mann und Frau, von fehlender Befriedigung bis ergo kein Seelenfrieden. Sturminger gebraucht gerade so viel Zote als Zunder, dass sich daran die eigene Fantasie entfachen lässt.“Das ist Regie, das sind Ideen, das ist Abstraktion!“, klingt einmal Squenz‘ inszenatorischer Freudenschrei, und damit gibt Kofler gleichsam das Motto des Abends vor.

So wohldosiert semitransparent wie Sturmingers Arbeit sind die Kostüme von Renate Martin und Andreas Donhauser, die mehr erhoffen, weil erahnen lassen, feines Spinngeweb und zerrissenes Netz. Nur Oberon steht seiner New-Age-Queen in schwarzem Leder wie ein alter Rock’n’Roller gegenüber, die Attitüde passend zum Outfit. Von Martin und Donhauser ist auch die Bühne, leer bis auf bisweilen Titanias Brokatbett; mit Einbruch der Dunkelheit zeichnen magische Lichtkreise auf dem Boden den Darstellern den Weg.

Die sind aufs Vorzüglichste gewählt. Allen voran die vier jungen Liebenden Hermia und Lysander, Helena und Demetrius, die Julia Richter und Benjamin Vanyek, Sophie Aujesky und Jan Hutter mit viel Spiellust mit Leben füllen. Man hat das Quartett auch schon blutleer gelassen, doch wie hier um die Liebe, die Hände und miteinander gerungen wird, ist große Klasse. Und natürlich geht’s dabei mehrmals statt zwischen Bäumen durch die Zuschauerreihen hindurch. Karl Walter Sprungala ist sowohl der Puck als auch Hermias Vater Egeus, in beiden Fällen jedenfalls ein Geist, der stets das Böse will, als ersterer ein hinreißender, possenreißender Derwisch, der nicht nur die Handlung, sondern auch die Musik durcheinander bringt. Dabei werden die von Michael Pogo Kreiner beigesteuerten, elisabethanisch angehauchten Sphärenklänge unter seinem Zweitnamen dargeboten, das Ensemble versammelt sich dazu als „Robin Goodfellow & The Orchestra Of The Enelvement“. Nikolaus Barton ist als Zettel ein begnadeter Selbst/Darsteller, ein g’schaftlhuberischer Kleinstädter, der den Eselsschweif vorne trägt. Nur einer, der sich so lieb hat wie er, kann an „seine schöne Männlichkeit“ glauben.

Andreas Patton als Oberon. Bild: Lalo Jodlbauer

Andreas Pattons Oberon ist ein alter Rock’n’Roller; die Attitüde passt zum Outfit. Bild: Lalo Jodlbauer

Titania und ihre Elfen: Veronika Glatzner mit Ensemble. Bild: Lalo Jodlbauer

Titania und ihre Elfen: Veronika Glatzner mit Ensemble. Bild: Lalo Jodlbauer

Sturminger hat seine Schauspieler präzise geführt. Von ihm angeleitet entlocken sie Shakespeares fein ziselierten Charakteren noch die leisesten Zwischentöne übers Zwischenmenschliche. Nur eine kleine Andeutung etwa ist es, wenn Hippolyta zu ihrem erzwungenen Hochzeitsfest in einem wie ein Kettenhemd rasselnden Abendkleid erscheint, Theseus wiederum kann bis zur Weißglut des Eugeus‘ die Hermia nicht von der Helena unterscheiden, was ficht’s den Fürsten auch an? Es endet, wie es enden muss, auf der Bühne wird endlich ein Theater gemacht. Die Handwerker dürfen ihre Produktion präsentieren, die Blumendroge findet sich plötzlich in Hippolytas Händen, so kann’s gehen Richtung Happy End, und Eugeus enttarnt sich als Puck. Die Elfen haben die Menschen gespielt oder es war umgekehrt.

Das ist ein Stoff, aus dem auch Träume sind – ein wundersamer Abend in wunderbarer Kulisse. Die sehr gelungene Neuübersetzung dieser Sommernachtsfiktion von Angelika Messner und Martina Theissl ist als Text im Programmheft abgedruckt.

Michael Sturminger im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=19980

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

Wien, 30. 6. 2016