TAG: Die Ratten

April 4, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Kind als Kapital und Konsumgut

Herr John ist überglücklich, doch Frau John hat ihrem Bruder bereits einen mörderischen Auftrag erteilt: Michaela Kaspar und Jens Claßen, hinten: Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

„Frei nach“ Gerhart Hauptmann nennt Bernd Liepold-Mosser seine Version von dessen Tragikomödie „Die Ratten“, und kommt dabei dem Original in der Intentionen so nahe, dass es greifbarer kaum geht. Am TAG hat der Sozialphilosoph unter den Theatermachern seine Fassung des berühmten Naturalismusstücks zur Uraufführung gebracht, als ein Gedankenspiel, auf das man allerdings gewillt sein muss, sich einzulassen. Wer dies tut, wird mit einem Bühnenerlebnis der Extraklasse belohnt.

Liepold-Mosser und Ausstatterin Karla Fehlenberg versetzen die Akteure in eine Art dystopische Laborsituation. Weiße Wände umgrenzen die klinische Versuchsanordnung, aus der es kein Entkommen gibt, weshalb die fünf Schauspieler permanent auf der Spielfläche sind – ein Kraftakt, auch wegen des hohen Tempos, in dem das 90-minütige Geschehen abläuft. Was Liepold-Mosser in diesem Setting schildert, ist das Sozialdrama eines Mittelstands, der seine Existenz auf schwankenden Boden gebaut hat. Zwar gilt für Herrn John noch das von allen Figuren vorgebetete Mantra, als fix Verankerter auf dem Arbeitsmarkt, Nachsatz: „Was heutzutage etwas heißen will“, sei er eine wichtige Größe in der Erwerbswelt.

Der Warenhandel an der Wiege: Lisa Schrammel und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Inzestuöse Geschwisterliebe: Michaela Kaspar und Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Doch dräut am Horizont schon der „Abstieg“ ins freie Unternehmertum, weil, wer nicht zu hundert Prozent einsatzwillig für die Firma ist, in diesem Falle, man weiß es, wegen der vermuteten Vaterschaft, alleine schauen muss, wo er bleibt. Liepold-Mosser hinterfragt mit seiner „Ratten“-Interpretation derart nicht nur die Schattenseiten eines heutigen kapitalistischen Systems, er verschiebt Arbeitsdruck, Ausnutzung, Nutzbarmachung des Menschen auch vom Beruflichen ins Private – zu Frau John und Pauline. Der nämlich stellt die Kindswütige die Alleinerzieherinnen-Armutsfalle in Aussicht, sollte sie sich nicht zur Abgabe des Neugeborenen entschließen.

Die Gleichung, die Liepold-Mosser aufstellt, lautet: Kind ist gleich Paulines Kapital ist gleich ein Konsumgut für Frau John, und so ist es nicht verwunderlich, dass es im Weiteren „das Ding“ oder „die virale Sache“ genannt wird, die Pauline, als wär’s eine Maschine, bei Frau John schließlich doch „in Betrieb gegeben hat“. Der Geburtskanal als Vertriebskanal. Liepold-Mosser hat eine mäandernde, sich stetig wiederholende Kunstsprache erdacht, doch was vom Dialekt befreit ist, immerhin an der Donau verankert, in die sich Pauline statt des Berliner Landwehrkanals erst stürzen will.

Michaela Kaspar als Jette John und Lisa Schrammel als Pauline machen „Die Ratten“ mit ihrer intensiven Darstellung zum Königinnendrama, auch dies etwas von Hauptmann Gewolltes, war doch sein Credo, dass untere Gesellschaftsschichten um nichts weniger als gekrönte Häupter für die große Tragödie taugen. Kaspar und Schrammel gestalten den Infight zweier Frauen meisterlich, manipulativ schmeichlerisch, dann wieder beinhart bedrängend die eine, vehement ihr Recht einfordernd die andere, Pauline hier als 24-Stunden-Pflegekraft aus einem Drittstaat ausgewiesen und damit eine ebenso prekäre Person, wie ihre Piperkarcka-Vorgängerin, auch wenn ihr Frau John zynisch versichert, ohne Babypause könne sie endlich jobmäßig durchstarten.

Performt den Nachbarschaftssong: Georg Schubert mit Jens Claßen, hinten: Raphael Nicholas und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Bruno ist Pauline auf den Fersen: Raphael Nicholas und Lisa Schrammel, vorne: Michaela Kaspar und Jens Claßen. Bild: Anna Stöcher

Jens Claßen scheint als Herr John ein Versicherungsvertreter für Zukunftsvorsorgen zu sein, und Claßen erzählt den draußen erfolgreichen Pragmatiker daheim als gutgläubigen Toren, dem zu spät die Augen aufgehen. Wenn Frau John über ihren Mann punkto Fortpflanzung sagt, er sei kein begnadeter Miterzeuger, aber ein perfekter miterzeugender Verantwortlicher, so ist diese Figur treffend beschrieben. Georg Schubert versammelt als neugieriger, nervtötender, unangenehmer Nachbar das übrige Personal der zum noch nicht ganz abbezahlten Eigenheimrefugium mutierten Zinskaserne in sich.

Er hat als Lauscher das Ohr wahlweise an der Wand oder auf dem Boden. Als „verschärfte Kontrollinstanz“, wie sich der Nachbar selber nennt, singt und tanzt er, und bestreitet zweifelsfrei den von Hauptmann als satirisch überspitzt vorgesehen Komödienanteil am Drama. Und dann ist da noch Frau Johns kleinkrimineller Bruder Bruno, der sein Handeln bei Liepold-Mosser damit rechtfertigt, ein „Modernisierungsverlierer“ zu sein. Raphael Nicholas spielt ihn als eifersüchtiges Mannkind, der mit dem Säugling um die Liebe seiner Schwester buhlt.

Wobei die beiden aus ihren inzestuösen Anwandlungen kein großes Geheimnis machen. „Du bist die Festplatte, aber ich bin die Maus“, sagt dieser Bruno zu Jette, bevor er sich die Nagermaske aufsetzt und zum gefährlich die Szenerie umschleichenden Raubtier wird. Das von der Inszenierung festgeschriebene „Alles hat seinen Preis“ wird in voller Doppeldeutigkeit auch ihn treffen. Liepold-Mosser und Fehlenberg haben eine pastellästhetische Optik fürs düstere Treiben gewählt. Das verläuft an sprachlosen Stellen nach einem streng choreografierten Bewegungsmuster. Bei Frau Johns Irrsinnstango mit der von der Decke abgehängten Pappkartonwiege. Wenn Pauline und Bruno das Bühnengeviert abschreiten – und man nach der zweiten Kurve entsetzt bemerkt, dass er sie immer mehr einholt. Bruno gehört denn auch der finale Song über eine Wasserleiche als Nahrungsquelle für ein Rattennest. Ein Text, der das Homo homini rattus auf die Spitze treibt.

Liepold-Mosser zeigt den Menschen, wie er sich im engen Käfig seiner Lebenswünsche verfängt, und überlässt es dem Publikum Worten wie Ausbeutung oder Zerfleischung die Silbe „Selbst-“ voranzustellen. Dass sich seine „Ratten“ auf dem schmalen Grat zwischen Tragik und Komik abspielen, auch das ist im Sinne des Erfinders Hauptmann – und natürlich das künstlerische Charakteristikum des TAG.

Trailer: vimeo.com/327432694

dastag.at

  1. 4. 2019

Armes Theater Wien: Play Pirandello

April 9, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Feinstes im Novomatic Forum

Lawrence Karla, Manfred Jaksch, Krista Pauer, Piroska Szekely und Victor Kautsch Bild:  © Vondru

Lawrence Karla, Manfred Jaksch, Piroska Szekely, Krista Pauer und Victor Kautsch Bild: © Vondru

Wenn Theater nicht tatsächlich so wäre, es wäre … Nein, es ist zum Lachen. Zum Brüllen komisch. Für Insider und Liebhaber. Wenn der Schauspieler mit seinem Text nicht zufrieden ist; wenn prinzipell jeder findet, dass ALLES an dieser Inszenierung zu SEINEN Lasten geht; Streit unter Mimen, mehr Konkurrenten als Kollegen; Krieg mit dem Regisseur, denn wer hadert nicht mit Gottöberst. Es sind viele Tragödien, die es darzustellen gibt. Und das Arme Theater Wien hat daraus eine pracht- und humorvolle, hochintelligente Komödie gemacht: „Play Pirandello“ (nach dem sizilianischen Literaturnobelpreisträger in einer Fassung des ATW). Das Motto des Abends im Novomatic Forum lautet: Heute abend wird aus dem Stegreif gespielt – was nicht  wahr ist, denn natürlich gibt es einen roten Faden, auch wenn die „angeödeten Theaterbesucher“ den suchen. Und ein bisschen „Ciascuno a suo modo“ und „Leonora, Addio!“ klingeln auch rein.

Worum’s geht? Um Pirandello. Also Amore und Morto. Die Unruhe im und die Unsicherheit des Lebens. Traum und Taumel. Wahrheiten, die keiner wissen, aber alle aussprechen wollen. Morbid-makabere-melancholische Selbstinfragestellung. Aber, weil’s ja der Alte aus Agrigent ist, bläst er keinen Trauermarsch, sondern lädt zur Melodie einer Tarantella. Schnell, schnell, 6/8-Takt. Auch die Akteure des ATW kommen bei Regisseur Erhard Pauers Szenencollage, seinem Komödienkonglomerat nicht zum Verschnaufen. Gezeigt wird nicht Theater auf dem Theater. Viel zu einfach. Sondern die Proben und die Premierenbesucher gleich dazu. Formidabel eine Szene, in der diese „in die Pause“ gehen. Manfred Jaksch ständig „Wunderbar! Wunderbar!“ ruft – und damit wahrscheinlich das Dekolleté der Hauptdarstellerin meint. Während die anderen über die undeutliche Aussprache meckern und überhaupt – roter Faden: siehe oben. Kein Schwein weiß irgendwas. „Gehirnakrobatik statt Charakteren“ schimpft einer der Gäste. Aber gelacht hat man, wenn auch zufällig. Gibt’s schönere Parkettgaukelei? Man wähnt sich in einem der Thespistempeln der Stadt. Und ein Schelm, der behauptet, er hätte noch nie derlei Smalltalk – na – zumindest über sich ergehen lassen müssen. Dadagagablabla … Besonders beliebt jene, die ihre Meinung dem Feuilletong und ihrem Lieblingslästermaul anpassen.

Doch bei Pauer kommt’s noch schöner. Probe. Und der Satz: „Das Schlimmste ist, wenn der Autor dabei sitzt.“ Nur proben bei „Play Pirandello“ die Figuren (Krista Pauer und Victor Kautsch) ihre Darsteller (Piroska Szekely und Lawrence Karla). Da prallen Welten aufeinander. Wollen die einen „natürlich“ gespielt werden, während sich die anderen der Manieriertheit (großartig: Piroska Szekely, die die Hand gar nicht mehr von der Stirn kriegt; überhaupt sind alle fünf beachtliche Körperschauspieler) hingeben. Jaksch durchlebt derweil alle Qualen eines Regisseurs mit seinem „Menschenmaterial“. Vom Pointenschleuderer bis zur Fadmamsell. Wird schließlich, weil er nur das „Spektakel“ im Auge hat, aus seiner eigenen Produktion geworfen. Nicht immer die schlechteste Idee, hier ein Scherz, dass sich die Rollen und ihre Schauspieler gegen ihn verbünden.

Was braucht ausgezeichnetes Theater? Fünf ausgezeichnete Schauspieler, fünf Stühle. Das ATW. Am Ende doch noch Stegreif: Krista Pauer fragt einen Zuschauer, was er sich von einer solchen Begegnung wünsche. Meine Antwort: Dass ich etwas erfahren habe, etwas erleben durfte, das mich, mein Sein, mein Denken bereichert. Auftrag mehr als erfüllt!

www.armestheaterwien.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Js2eX70jXD8

Wien, 9. 4. 2014