Akademietheater: Kampf des Negers und der Hunde

Oktober 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?

Ernest Allan Hausmann als Alboury, Philipp Hauß als Horn und Stefanie Dvorak als Léone. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Noch bevor die Inszenierung los geht, inszeniert sich eine Protestaktion gegen das N-Wort. Junge Menschen werfen Flugzettel vom Balkon des Akademietheaters, sie skandieren ihre auswendig gelernten Sprüche. Ernest Allan Hausmann, bereits aufgetreten, sagt, man habe ein Recht dies Stück zu spielen. Spätestens am Schluss, wenn sich alle auf der Bühne verbeugen, weiß man, es war ein ausgemachtes Spiel. Das Burgtheater brachte die Sache vorab schon PR-geschickt auf Schiene, indem es den Begriff, wie online und im Programmheft vermerkt, „grafisch absetzte“. Neger. Politisch korrekt und doch ein Bis-hierher-und-nicht-Weiter, man sei schließlich dem Autor verpflichtet.

Alles ein einziges Missverständnis. Für Bernard-Marie Koltès, Dramatiker, Enfant terrible, Reisender, Suchender, Schwuler, Aids-Toter, stand bereits 1983 fest: „Afrika ist überall“. Er verwehrte sich dagegen, seinen Text zu verorten, sah ihn lieber als Metapher interpretiert, er, der geniale Erfinder seiner eigenen, eigenartigen Mythologie, sein Theater immer auch autobiografisch, seine Sprache ausgestattet mit scharfer Schneide, sein Ton an der Schnittstelle von Patzigkeit, Poesie und Pathos.

Dass sein „Kampf des Negers und der Hunde“ dieser Tage allerorts wieder gern gespielt wird, liegt allerdings an dessen Auslegung als Aussage über die Angst der „Weißen“ vor Fremden, Flüchtlingen, Verbrecher allesamt … Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? – Niemand! – Und wenn er aber kommt?

Drei in die Fremde geworfene Figuren sind also gezwungen, sich mit ihrem diffusen Gefühl der Bangigkeit auseinanderzusetzen. Auf einer Baustelle in Westafrika haben sich deren Leiter Horn, die von ihm mitgebrachte Frau Léone und der Ingenieur Cal gegen alle Bedrohungen von außen eingebunkert. Und dann ist das Unheil doch da. In Form des Einheimischen Alboury, der die Herausgabe des Leichnams seines auf dem Gelände verstorbenen „Bruders“ verlangt. Bald weiß man, es war kein Unfall, Cal griff zum Gewehr. Das Thema ist Macht und ihre Strukturen. Chef gegen Mitarbeiter, Mann gegen Frau, Bewaffneter gegen Unbewaffneten, Weiße gegen Schwarze. Die Hunde im Titel sind die Ersteren.

Am Akademietheater zerspragelt sich Regisseur Miloš Lolić am Spagat, Koltès gerecht zu werden und eine selbstständige Sichtweise auf die Sache zu fabrizieren. Dies gelingt nur ansatzweise. Lolić versucht’s weder atmosphärisch-ideologisch noch globalisierungskritisch-brisant noch als absurde Farce, um nur drei Deutungsmöglichkeiten zu nennen, er bleibt seltsam unentschlossen. Und: Er hat – dies die größte Sünde – dem Autor die dichterische Eindringlichkeit, die lyrische Ergriffenheit runtergeräumt, Lolić entzaubert Koltès bis zum Uninteressant-Werden – wenn ihm gar nichts mehr einfällt, und das ist nach dem beim Publikum ins Nichts verpuffenden Anfangsskandälchen wenig, lässt er stetig größer werdende Drohnen steigen.

Markus Meyer als Cal mit Philipp Hauß und Ernest Allan Hausmann. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Stefanie Dvorak, Philipp Hauß und Markus Meyer. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Schön wär’s zu sagen, der Abend hielte zum Text zumindest ironische Distanz, tatsächlich wird der die meiste Zeit nur hergesagt. Mitunter unverständlich schnell. Selbst Albourys Parabel über die menschliche Kälte, die nur durch gegenseitiges Wärmen vertrieben werden könne, verliert so an Wirkung.  Das in der Werkeinführung als spannend gepriesene Bühnenbild von Evi Bauer entpuppt sich als obligat-nackte Fläche bis zur Feuermauer, die Kostüme von Jelena Miletić sind ein transparent-nudes „Overdress“ und befleckte Khakikleidung, darunter durchsichtiges Ganzkörperplastik.

In diesem szenischen Leerlauf bemühen sich die Darsteller Philipp Hauß, Markus Meyer, Stefanie Dvorak und Ernst Allan Hausmann aus Rollen Charaktere zu gestalten. Zwischen Hauß‘ Horn und Meyers Cal entsteht bald ein Einverständnis zum latenten Rassismus, beiden gelingt es sogar, subtil unterschwellige Aggression aufblitzen zu lassen. Während Hauß mehr und mehr den Machtmenschen erkennen lässt, dominiert Meyer mit seiner Darstellung latenter Bösartigkeit das Bühnengeschehen. Stefanie Dvorak gibt ein von ihr schon bekanntes aufgescheucht-flirrendes Wesen, das mit seinem Naivchen-Bild vom „edlen Wilden“ alle Gewalt aufhalten will.

Ernst Allan Hausmann schließlich legt den Alboury sehr zurückhaltend an. Immerhin darf er mit einer Fußrassel Gefährlichkeit markieren, als Figur aber bleibt dieser Alboury wenig greifbar. Zum Ende trägt Léone eine Cornrows-Perücke, Horn einen traditionellen Zeremonienmantel aus Ziegenhaar. Geschossen wie bei Koltès wird nicht.

www.burgtheater.at

  1. 10. 2018

Isa Hochgerner: Paulas Kampf

Januar 22, 2018 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Stück über Hitlers kleine Schwester

Es ist nicht allgemein bekannt, dass Adolf Hitler eine kleine Schwester namens Paula hatte, das einzige außer ihm das Kindesalter überlebt habende Geschwister, und nach seinem Wunsch gezwungen unter seinem Spitznamen „Wolf“ zu leben – ein „Führer“ hat keine Familie. Bereits 1930 allerdings bekam sie die Wirkung des Bruders zu spüren, als sie ihre Arbeitsstelle in der Bundesländer-Versicherung verlor, weil man befürchtete, sie würde geheime Informationen an die Partei weitergeben. So lebte sie finanziell unterstützt von Hitler erst in Wien, schließlich in Berchtesgaden, wo er sie zu ihrem Schutz unterbrachte.

Ebendort soll Paula Wolf 150 Seiten unter dem Titel „Jugenderinnerungen“ verfasst haben. Die gelangten nie an die Öffentlichkeit, das Manuskript gilt als verschollen. Und ebenda setzt Isa Hochgerners Theaterstück „Paulas Kampf“ an, das sie nun gemeinsam mit Angela Schneider im Café Korb präsentierte. Hochgerner verschränkt darin Paulas Geschichte mit der ihrer Großkusine Aloisia Veit, die an Schizophrenie erkrankt am Steinhof lebte. In der Fiktion bitten Verwandte Paula sich um Aloisia zu bemühen, würden doch immer mehr „Irre“ einfach verschwinden – umsonst, auch Aloisia wird als Teil der Aktion „T4“ 1940 im Lager Hartheim vergast.

Hauptverantwortlicher, weil Gutachter, ist der Psychiater Dr. Erwin Jekelius. Paula verliebt sich und verlobt sich mit ihm, doch Hitler höchstpersönlich verbietet die Verbindung, lässt Jekelius erst verhaften, dann an die Ostfront befördern … Das alles nimmt Paula in Berchtesgaden durch den Schleier der Vergangenheit wahr. Mit ihrem Buch will sie lieber daran arbeiten, ihren „Dolferl“ jenseits von Kriegserklärung und Euthanasiebeschluss zu rehabilitieren: „Er kann sich ja nicht wehren, gegen diese verlogenen Anschuldigungen von unseren Feinden! Von dieser Saubande! Jetzt geht es um die Familienehre, ich muss seine Zukunft retten für die Nachwelt“, heißt es dazu im Text.

Hochgerner montiert geschickt Fakten und Fiktion, in Träumen lässt sie die „erlöste“ Aloisia aus dem Jenseits auftreten, und auch den im sowjetischen Arbeitslager an Krebs umgekommenen Jekelius, er die Schnittstelle der beiden Frauenschicksale. Paulas Zwiegespräche mit einem der beiden zählen zu den stärksten Momenten des Stücks. „Paulas Kampf“ ist ein Text in bester Volkstheatertradition, so „scheußlich“ wie sarkastisch, der durch seine scharfe Charakterzeichnung und die prägnanten Dialoge besticht. Angelegt ist das Stück für acht Schauspieler in 17 Rollen. Die Rechte liegen beim Thomas Sessler Verlag.

www.sesslerverlag.at

www.isahochgerner.at

22 1. 2018

„Mein Kampf – Das gefährliche Buch“: dok.film in ORF 2

Januar 15, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine erste Dokumentation über Hitlers Hetzschrift

Mein Kampf. Das gefährlich Buch Bild: ORF/Broadview TV/Thorben Bockelmann

Mein Kampf. Das gefährlich Buch
Bild: ORF/Broadview TV/Thorben Bockelmann

„Hitler ist seit 70 Jahren tot und darin liegt ein Problem. Er hat ein Erbe hinterlassen: seine Gedanken“, heißt es zu Beginn des Films. Das Jahr 2016 ist gekommen und die Hetzschrift des „Führers“ kann wieder erscheinen. Oder soll? Oder muss? Diesen und anderen Fragen geht die Dokumentation mit dem Titel „Mein Kampf – Das gefährliche Buch“ nach. Filmemacher Manfred Oldenburg beleuchtet umfassend und aufschlussreich die Debatte um ein Machwerk, das heute immer noch und schon wieder die Emotionen hochgehen lässt. 782 Seiten über „Volk und Rasse“, so die Überschrift von Kapitel elf. Zu sehen ist seine Analyse als dok.film am 17. Jänner in ORF 2.

Warum das nun wichtig ist? Mit dem Jahr 2015 liefen die Urheberrechte an „Mein Kampf“ aus, die der Freistaat Bayern als Rechtsnachfolger bislang dazu nutzte, Nachdrucke zu verhindern. Das geht seit 2016 nicht mehr, wiewohl gesagt werden muss, dass das Buch von Internet über Peking bis Istanbul sehr wohl und auch in deutscher Sprache all die Jahre erhältlich war. Also wurde von der bayerischen Regierung beim Institut für Zeitgeschichte in München ein ambitioniertes Forschungsprojekt in Auftrag gegeben, das allen weiteren wilden Veröffentlichungen im Vorfeld den Wind aus den Segeln nehmen sollte: eine von einem Wissenschaftlerteam erstellte kommentierte Ausgabe des Buches; renommierte Forscher hatten jahrelang an dem Projekt gearbeitet. Dann, so die Doku, bekam Horst Seehofer kalte Füße und sagte die Ausgabe ab. Zu groß ist die Angst vor Ansteckung durch dieses Gedankengut. Unter der Berufung auf den Begriff „Volksverhetzung“ sollte „Mein Kampf“ weiter unter Verschluss gehalten werden und jede Veröffentlichung grundsätzlich strafbar bleiben.

Christian Hartmann vom IfZ allerdings veröffentlichte am 8. Jänner unter riesigem Medienecho seine kommentierte Edition – mehr als doppelt so lang wie das „Original“, mit mehr als 3700 Anmerkungen, zwei Bände im Schuber, im IfZ-Selbstverlag, um in keinem Fall Rechte an ein kommerzielles Unternehmen abgeben zu müssen. Die erste Auflage von 4000 Stück ist bereits ausverkauft, eine zweite für die 15.000 Vorbestellungen ist in Druck. Die Süddeutsche Zeitung berichtet von „Fabelpreis“-Angeboten zu 355 Euro auf Amazon, das ist das Sechsfache des normalen Verkaufspreises von 59 Euro. Bei Ebay gab es diese Woche einen Zuschlag um 276 Euro. Er habe, sagt Hartmann über seine Arbeit an dem Projekt, „große Scham empfunden, dass Deutsche auf so einen Dreck reingefallen sind“. Den Dreck will er nun ausstellen. Nur was bekannt ist, lässt sich entmystifizieren. „Man wird“, sagt er,“um eine öffentliche Auseinandersetzung nicht herumkommen.“ In Frankreich engagiert sich Rechtsanwalt Philippe Coen, Gründer der „Initiative zur Vorbeugung gegen Hass“, für eine kommentierte Fassung in seiner Sprache, der Sprache von Hitlers militärischem „Hauptfeind“.

Oldenburg lässt Befürworter und Kritiker der neuerlichen Erscheinung zu Wort kommen. Dass auch er eine Meinung hat, zeigt sich an Sequenzen, in denen er mentale Anknüpfungspunkte zum heute herstellt. In denen er aufzeigt, wohin die Panikmache vor „Überfremdung“, das Bejammern des „Nichtvorhandenseins eines blutmäßig einheitlichen Volkes“ führt. So unsinnig können Zusammenhänge gar nicht zusammengebastelt sein, dass in ihrem Leben unsichere und unzufriedene Zuhörer nicht empfänglich wären für krude Heilsversprechen. „Mein Kampf“, so Hartmann, ist der exakte Fahrplan in Krieg und Massenvernichtung und „von einer Offenheit, die einem den Atem nimmt“, als gäbe es keine anderen Kulturen und Religionen. „Eine einzige wüste Rassenhetze“ und „eine gruselige Erfahrung“, nennt der Forscher seinen Forschungsgegenstand.

„Hätte man einmal zwölf- oder fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber so unter Giftgas gehalten … wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen“, heißt es an einer Stelle über den Ersten Weltkrieg, in dem Hitler als Gefreiter selbst bei einem Senfgasangriff verwundet wurde und vorübergehend erblindete. „Die Leser damals hätten über solche Stellen stolpern müssen“, sagt Hartmann über 12 Millionen erworbene Exemplare, die die Behauptung in Abrede stellen, niemand hätte gewusst, was tatsächlich im Buch drin steht. Man müsse aufzeigen, sagt Coen, dass heute wieder „extrem verstörte, schwache Menschen wie aufgewärmt derselben Ideologie folgen“: Ultranationalismus und Rassismus, Steine auf Flüchtlingsheime, das alles sind schon wieder simple Lösungen für eine immer komplexer werdende Welt.

Doch Hitlers Hetzschrift ist, so scheint es nach Angaben der Experten, nicht das wirre Buch, als das es in demokratischer Selbstschutzhaltung gern hingestellt wird. Allein die Tatsache, dass Hitler ein ungeübter, schlechter Autor war, seine mangelnde Professionalität als Schreiber, trug dazu bei, dass seine literarischen Auslassungen lange unterschätzt wurden. Hitler war nicht der Teufel, aber auch kein Trottel. So, sehr markig formuliert, das Fazit der Forscher. „Mein Kampf“ ist Biografie und Programm und Bekenntnis, das Dokument einer politischen Selbst(er)findung. Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfenning versucht zu deuten, warum „Mein Kampf“ jahrelang ins Lächerliche gezogen wurde: „Weil wir möglicherweise befürchten, dass wir in ihm etwas finden könnten, was auch in uns schlummert?“ Ob und wieviel Satire über die Drahtzieher des Dritten Reichs verträglich ist, ist ebenfalls seit Langem ein öffentlicher Diskussionspunkt zwischen Künstlern, den Medien und beider Publikum. Wird der Schrecken durch Weglachen vielleicht zu sehr verharmlost? Zehnpfennig stellt die Komik des Absurden infrage.

Gehört werden in Oldenburgs Doku auch die Opfer des Naziterrors. Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und prominenteste Kritikerin des Projekts, und Margot Friedländer berichten bewegend vom Holocaust. Manfred Oldenburg zeigt ein aktuelles Internet-Posting: „Kann man ihn wiederbeleben und auf die Moslems hetzen?“ Margot Friedländer beschloss 2010 aus den USA nach Berlin zurückzukehren. Sie nahm die deutsche Staatsbürgerschaft zurück. Heute besucht sie als Zeitzeugin Schulen und andere Einrichtungen, um über ihr Leben zu berichten. Im Film trägt sie die Bernsteinkette ihrer Mutter, die in Auschwitz ermordet wurde. Ihr einziges Erinnerungsstück. Sie ist für die Veröffentlichung von Hartmanns Arbeit. Sie sagt: „Ich sage meinen Schülern. Ihr habt die Chance. Seid Menschen.“ In diesem Sinne sollte Oldenburgs Film über die wissenschaftlichen Pläne des IfZ, über diese Aufklärung eines gesellschaftlichen Tabus gesehen werden: Es ist immer besser sich ein Urteil zu bilden, als Urteile zu fällen.

tv.orf.at/dok.film

Wien, 15. 1. 2016

Flimmit: „Mein Kampf – Das gefährliche Buch“

Dezember 15, 2015 in Film

Mein Kampf. Das gefährlich Buch Bild: © BROADVIEW TV/Thorben Bockelmann

Mein Kampf – Das gefährliche Buch
Bild: © BROADVIEW TV/Thorben Bockelmann

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine erste Dokumentation über Hitlers Hetzschrift

„Hitler ist seit 70 Jahren tot und darin liegt ein Problem. Er hat ein Erbe hinterlassen: seine Gedanken“, heißt es zu Beginn des Films. Das Jahr 2016 steht vor der Tür und die Hetzschrift des „Führers“ kann wieder erscheinen. Oder soll? Oder muss? Diesen und anderen Fragen geht die Dokumentation mit dem Titel „Mein Kampf – Das gefährliche Buch“ nach. Filmemacher Manfred Oldenburg beleuchtet umfassend und aufschlussreich die Debatte um ein Machwerk, das heute immer noch und schon wieder die Emotionen hochgehen lässt. 782 Seiten über „Volk und Rasse“, so die Überschrift von Kapitel elf. Zu sehen ist seine Analyse ab 16. Dezember auf Flimmit, im Jänner dann auch im ORF. ARTE zeigt sie bereits heute Abend.

Warum das nun wichtig ist? Mit dem Jahr 2015 laufen die Urheberrechte an „Mein Kampf“ aus, die der Freistaat Bayern als Rechtsnachfolger bislang dazu nutzte, Nachdrucke zu verhindern. Das geht ab 2016 nicht mehr, wiewohl gesagt werden muss, dass das Buch von Internet über Peking bis Istanbul sehr wohl und auch in deutscher Sprache erhältlich ist. Also wurde von der bayerischen Regierung beim Institut für Zeitgeschichte in München ein ambitioniertes Forschungsprojekt in Auftrag gegeben, das allen weiteren wilden Veröffentlichungen im Vorfeld den Wind aus den Segeln nehmen sollte: eine von einem Wissenschaftlerteam erstellte kommentierte Ausgabe des Buches; renommierte Forscher hatten jahrelang an dem Projekt gearbeitet. Dann, so die Doku, bekam Horst Seehofer kalte Füße und sagte die Ausgabe ab. Zu groß ist die Angst vor Ansteckung durch dieses Gedankengut. Unter der Berufung auf den Begriff „Volksverhetzung“ soll „Mein Kampf“ weiter unter Verschluss gehalten werden und jede Veröffentlichung grundsätzlich strafbar bleiben.

Christian Hartmann vom IfZ allerdings kündigt weiterhin für den 15. Jänner seine kommentierte Edition an – mehr als doppelt so lang wie das „Original“, mit mehr als 3700 Anmerkungen, zwei Bände im Schuber, im IfZ-Selbstverlag, um in keinem Fall Rechte an ein kommerzielles Unternehmen abgeben zu müssen. Er habe, sagt Hartmann über seine Arbeit an dem Projekt, „große Scham empfunden, dass Deutsche auf so einen Dreck reingefallen sind“. Den Dreck will er nun ausstellen. Nur was bekannt ist, lässt sich entmystifizieren. „Man wird“, sagt er,“um eine öffentliche Auseinandersetzung nicht herumkommen.“ In Frankreich engagiert sich Rechtsanwalt Philippe Coen, Gründer der „Initiative zur Vorbeugung gegen Hass“, für eine kommentierte Fassung in seiner Sprache, der Sprache von Hitlers militärischem „Hauptfeind“.

Oldenburg lässt Befürworter und Kritiker der neuerlichen Erscheinung zu Wort kommen. Dass auch er eine Meinung hat, zeigt sich an Sequenzen, in denen er mentale Anknüpfungspunkte zum heute herstellt. In denen er aufzeigt, wohin die Panikmache vor „Überfremdung“, das Bejammern des „Nichtvorhandenseins eines blutmäßig einheitlichen Volkes“ führt. So unsinnig können Zusammenhänge gar nicht zusammengebastelt sein, dass in ihrem Leben unsichere und unzufriedene Zuhörer nicht empfänglich wären für krude Heilsversprechen. „Mein Kampf“, so Hartmann, ist der exakte Fahrplan in Krieg und Massenvernichtung und „von einer Offenheit, die einem den Atem nimmt“, als gäbe es keine anderen Kulturen und Religionen. „Eine einzige wüste Rassenhetze“ und „eine gruselige Erfahrung“, nennt der Forscher seinen Forschungsgegenstand.

„Hätte man einmal zwölf- oder fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber so unter Giftgas gehalten … wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen“, heißt es an einer Stelle über den Ersten Weltkrieg, in dem Hitler als Gefreiter selbst bei einem Senfgasangriff verwundet wurde und vorübergehend erblindete. „Die Leser damals hätten über solche Stellen stolpern müssen“, sagt Hartmann über 12 Millionen erworbene Exemplare, die die Behauptung in Abrede stellen, niemand hätte gewusst, was tatsächlich im Buch drin steht. Man müsse aufzeigen, sagt Coen, dass heute wieder „extrem verstörte, schwache Menschen wie aufgewärmt derselben Ideologie folgen“: Ultranationalismus und Rassismus, Steine auf Flüchtlingsheime, das alles sind schon wieder simple Lösungen für eine immer komplexer werdende Welt.

Doch Hitlers Hetzschrift ist, so scheint es nach Angaben der Experten, nicht das wirre Buch, als das es in demokratischer Selbstschutzhaltung gern hingestellt wird. Allein die Tatsache, dass Hitler ein ungeübter, schlechter Autor war, seine mangelnde Professionalität als Schreiber, trug dazu bei, dass seine literarischen Auslassungen lange unterschätzt wurden. Hitler war nicht der Teufel, aber auch kein Trottel. So, sehr markig formuliert, das Fazit der Forscher. „Mein Kampf“ ist Biografie und Programm und Bekenntnis, das Dokument einer politischen Selbst(er)findung. Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfenning versucht zu deuten, warum „Mein Kampf“ jahrelang ins Lächerliche gezogen wurde: „Weil wir möglicherweise befürchten, dass wir in ihm etwas finden könnten, was auch in uns schlummert?“ Ob und wieviel Satire über die Drahtzieher des Dritten Reichs verträglich ist, ist ebenfalls seit Langem ein öffentlicher Diskussionspunkt zwischen Künstlern, den Medien und beider Publikum. Wird der Schrecken durch Weglachen vielleicht zu sehr verharmlost? Zehnpfennig stellt die Komik des Absurden infrage.

Gehört werden in Oldenburgs Doku auch die Opfer des Naziterrors. Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und prominenteste Kritikerin des Projekts, und Margot Friedländer berichten bewegend vom Holocaust. Manfred Oldenburg zeigt ein aktuelles Internet-Posting: „Kann man ihn wiederbeleben und auf die Moslems hetzen?“ Margot Friedländer beschloss 2010 aus den USA nach Berlin zurückzukehren. Sie nahm die deutsche Staatsbürgerschaft zurück. Heute besucht sie als Zeitzeugin Schulen und andere Einrichtungen, um über ihr Leben zu berichten. Im Film trägt sie die Bernsteinkette ihrer Mutter, die in Auschwitz ermordet wurde. Ihr einziges Erinnerungsstück. Sie ist für die Veröffentlichung von Hartmanns Arbeit. Sie sagt: „Ich sage meinen Schülern. Ihr habt die Chance. Seid Menschen.“ In diesem Sinne sollte Oldenburgs Film über die wissenschaftlichen Pläne des IfZ, über diese Aufklärung eines gesellschaftlichen Tabus gesehen werden: Es ist immer besser sich ein Urteil zu bilden, als Urteile zu fällen.

www.flimmit.com

Wien, 15. 12. 2015