Kammerspiele: Der Garderober

April 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Souverän im Arbeitsmantel

Garderober Norman und sein schutzbefohlener Star: Martin Zauner und Michael König. Bild: Herwig Prammer

Garderober, das wird einem jeder Bühnenkünstler bestätigen, sind Herz und Seele am Theater. Sie sind es, die Lampenfieber, Vor-Premieren-Verzweiflung und auch die eine oder andere Selbstsucht souverän schultern, und ihren Schützling schließlich wohlangetan und wohlbehütet an die Rampe stellen. Der genialische Dramatiker und Drehbuchautor Ronald Harwood hat diesem ehrwürdigen, in Programmheften allerdings unbedanktem Berufsstand ein ganzes Stück gewidmet.

An den Kammerspielen der Josefstadt ist nun Martin Zauner „Der Garderober“ – und er ist ein Souverän im Arbeitsmantel. Cesare Lievi hat mit gewohnt einfühlsamer Hand inszeniert, er lässt seinen Schauspielern den Raum, den sie brauchen und auch nutzen. Michael König gibt den Sir, changiert dabei zwischen hochfahrend und zutiefst versponnen, erst erschöpft und verstört, dann wieder seine Befehle munter bellend, eine Glanzleistung, wie er da mit langer Unterhose und Lesebrille an einen anderen Großen erinnert, der tatsächlich ein König Lear von schmerzender Heiterkeit war. Einen ebensolchen soll der Sir spielen, nur ist er in einer Schaffenskrise, ein Mann, nicht mehr nur am Rande des Nervenzusammenbruchs, doch die Show muss weitergehen, die Tournee muss brummen. Während, wie drinnen Theaterblitz und -donner, draußen The Blitz tobt.

Harwood hat für seine Tragikömodie eigene Erfahrungen als Garderober des britischen Charakterdarstellers und Leiter einer Shakespeare-Company Sir Donald Wolfit verarbeitet, seinen Text zum einerseits Psychoduell für zwei große Mimen, andererseits Hommage an die Menschen gemacht, die nichts mehr lieben, als die Bretter, die ihnen die Welt bedeutet. Wie Norman, der alles versucht, um seinen ausgebrannten Star doch noch auf die Bühne zu bringen. Zauner stattet seine Figur mit einer von Brandy beflügelten Unerschütterlichkeit aus. Immer gewitzter Therapeut, niemals nur ein Diener, spielt er einen, der den Mächtigen zu nehmen und zu gängeln weiß. Und dabei die Herrschaftsverhältnisse umdreht.

Spielt einen Lear wie anno dazumal: Michael König mit Martina Stilp. Bild: Herwig Prammer

Norman zügelt das Jungtalent: Martin Zauner mit Swintha Gersthofer. Bild: Herwig Prammer

Die anderen Schauspieler, die Inspizientin weiß er zu beschwichtigen und zu beruhigen. Alles wird gut werden! Und wiewohl’s nicht leicht scheint, im Match Zauner vs König Position zu beziehen, brillieren Martina Stilp als desillusionierte, das Theater endlich an den Nagel hängen wollende Milady und Elfriede Schüsseleder als lebenslang liebende Madge. Wobei ihre Zugeigung vor allem dem Protagonisten der Truppe gilt. Swintha Gersthofer ist ein neckisches Jungtalent Irene, das den alternden Chef um den Finger wickeln will. Alexander Strobele und Woja van Brouwer haben ihre Momente als Thornton, der als Lears Narr zu neuer darstellerischer Größe avanciert, und als störrischer „Bolschewik“ Oxenby.

Mit seinem Abend jedenfalls wird Lievi den Kammerspielen den nächsten Publikumserfolg einfahren. Wunderbar Szenen, die hinter eine Theaterwelt der 1940er-Jahre blicken lassen – die Regie verzichtet auf Modernisierungen -, großartig, wie der König einen Lear im vollen Ornat und mit aufgemalter Maske gibt, wie man ihn wohl heute nicht mehr machen würde. Allein der Schluss gerät Lievi ein wenig langatmig, hier dürfte er das Tempo ruhig ein wenig anziehen. Dies ein Jammern auf höchstem Niveau für eine ansonsten rundum geglückte Aufführung.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=hwtZm-8tBuQ

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  1. 4. 2018

Kammerspiele: All About Eve

März 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Zelebrieren der Zwischentöne

Diva Margo Channing chrasht die Party: Sandra Cervik, Raphael von Bargen, Joseph Lorenz, Gioia Osthoff und Fritz Egger. Bild: Sepp Gallauer

Im Wortsinn gemacht für die Kammerspiele ist die bitter-bissige Komödie „All About Eve“ die Donnerstagabend am Haus uraufgeführt wurde. Starautor Christopher Hampton hat die Bühnenfassung des Mankiewicz-Films mit Bette Davis aus dem Jahr 1950 erstellt, ob seiner Erkrankung führte Herbert Föttinger Regie – und der hat das Stück nicht nur als Vehikel für zehn hervorragende Schauspieler inszeniert, sondern als so kultivierte wie spöttische Satire auf den Theaterbetrieb an sich interpretiert.

Vorgeführt wird das Personal, das sich hinter der Bühne so tummelt. Von der Garderoberin bis zur Schauspieldiva, vom Dramatiker bis zum Kritiker, den Fan nicht zu vergessen, und das Ensemble füllt diese klischierten Figuren lustvoll mit eigenständigem Leben und zelebriert genüsslich die Zwischentöne. Denn Hamptons Text strotzt vor trockenem Humor. Die Gemein- und Frechheiten werden mal subtil, mal hinterhältig an den Mann oder an die Frau gebracht. Alles wird hier so gesagt, wie’s gemeint ist, nur ausgesprochen als ob nicht. Das Publikum reagierte auf all die Kabalen höchst amüsiert und dankte am Ende mit viel Applaus.

Die im Titel angesprochene Eve ist eine Verehrerin von Bühnenstar Margo Channing. Durch einen glücklichen Zufall in deren Haushalt verfrachtet, macht sie sich dort unentbehrlich und nimmt mehr und mehr die Gepflogenheiten der Hausherrin an. Während sie die Übernahme vorbereitet, macht sie sich durch Intrigen den Hofstaat der Channing zu eigen. Bald ist sie im Erfolgsstück „Gereift in Holz“ deren Zweitbesetzung, und spätestens jetzt ist klar, Eve hat die ganze Angelegenheit von langer Hand geplant. Margo wird sich zurückziehen und der jüngeren ihren Platz an der Rampe überlassen müssen. Doch da ist nicht nur ein Theaterkritiker, der die Wahrheit über Eves Vergangenheit kennt und zum Erpresser wird, an der Bühnentür wartet auch schon der nächste Fan. Und diesmal auf Eve …

Martina Ebm und Joseph Lorenz. Bild: Sepp Gallauer

Martina Ebm und Sandra Cervik. Bild: Sepp Gallauer

An den Kammerspielen brillieren Sandra Cervik und Martina Ebm als durchaus sympathische, wenn auch exaltierte Margo Channing und bei ihr Einschmeichlerin und gewiefte Karriereplanerin Eve Harrington. Ebm vollführt die Verwandlung vom bescheidenen Mauerblümchen zum pelztragenden Starlet mit viel Fingerspitzengefühl für den Werdegang ihrer Figur, während die Cervik vormacht, wie elegant Sarkasmus sein kann. Berührend eine Szene, in der sie allein und weinend im „Gereift in Holz“-Bühnenbild zusammenbricht, großartig, wenn sie im Zorn eine Party crasht, weil sie Eves Unterwürfigkeit längst als Manipulation enttarnt hat. Auf dem Höhepunkt der Divenzwistigkeiten muss zweitere ersterer einen Schauspielpreis überreichen – ein Kabinettstück.

Joseph Lorenz fungiert als Erzähler am Mikrophon wie als Mitwirkender am Ränkespiel. Er gestaltet den Kritiker Addison DeWitt als distinguierten, selbstverliebten Snob, der meint alle nach seiner Pfeife tanzen lassen zu können. Als Meister des verbalen Schlagabtausches zeigen sich auch Alexander Pschill als schrulliger Erfolgsdramatiker Lloyd Richards und Martina Stilp als dessen Frau Karen, er aus Geldnot ein Überläufer zu Eve, sie die ehrliche und loyale Freundin Margos. Raphael von Bargen gibt Margos angesichts von Eves Avancen unerschütterlichen Liebhaber und Regisseur Bill Sampson, Susa Meyer burschikos die gute Seele und Garderoberin Birdie. Gioia Osthoff als ewiges Talent Claudia Caswell, Fritz Egger als Produzent Max Fabian und Swintha Gersthofer als Phoebe komplettieren den Cast.

Eve Harrington eignet sich Margos Hofstaat an: Martina Ebm, Martina Stilp, Raphael von Bargen, Joseph Lorenz und Gioia Osthoff. Bild: Sepp Gallauer

Für all das hat Walter Vogelweider ein sehr klares Bühnenbild erdacht, das mit jeweils einem Versatzstück – ein Klavier, gespielt von Belush Korenyi, ein Schminkspiegel, eine Bar – den Spielort kennzeichnet, die aufgestellten Scheinwerfer wirken wie eine Reminiszenz an die sechsfach Oscar-prämierte Kinoversion. Die Kostüme von Birgit Hutter erinnern an deren Entstehungszeit in den Fifties.

„All About Eve“ an den Kammerspielen punktet mit treffsicheren Dialogen und fulminanten Schauspielerleistungen. Der traditionsreiche Tempel Theater wird geistreich aufs Korn genommen, seine Protagonisten charmant und liebevoll ironisiert. Dass der Stoff auch über die Tragödie des Älter- und Ausrangiertwerdens geht, lässt die Cervik in einigen wichtigen Momenten aufblitzen. Vor allem um sie aber bräuchte man sich keine Sorgen zu machen, sie wird von Arbeit zu Arbeit besser.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=SLIOBEMI9Hg

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  1. 3. 2018

Kammerspiele: Suff

Februar 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dies Ärgernis ist kaum wegzuspülen

An die Gläser, fertig, los: Sona MacDonald, Elfriede Schüsseleder, Marianne Nentwich und Therese Lohner. Bild: Herwig Prammer

Prinzipiell nie kommt es vor, dass man die Kammerspiele der Josefstadt verlässt, und nicht weiß, wie man’s finden soll. Doch, diesmal. Thomas Vinterbergs wie immer gemeinsam mit Mogens Rukov verfasster Text „Suff“ hinterlässt einen rat- und sprachlos. Dabei sind es keine moralischen Überlegungen, die einen bei dieser Ode an den Alkohol ins Wanken bringen, da müsste man früh anfangen, Darstellungen des Trinkers gibt es seit der Erfindung von Kunst und Kultur, sondern jeglicher fehlende Mehrwert.

„Mehr Schicksal“, meinte eine Zuschauerin nach der Premiere, hätte sie sich gewünscht. Doch, nein, das ist es nicht. Nicht jeder, der säuft, hat „ein Schicksal“. Aber ein Ausloten der Figuren, ein Tiefergraben in Beziehungen, deren Motivation und Antrieb, hätte man sich wohl erwarten dürfen. „Suff“ ist ein schlechtes Stück. Und nur der Regie von Alexandra Liedtke und der schauspielerischen Leistungen von Sona MacDonald, Elfriede Schüsseleder, Therese Lohner, Marianne Nentwich und Martin Niedermair ist es zu danken, dass da irgendwas über die Bühne kommt.

Handlung? Gibt es. Vier in die Jahre gekommene Freundinnen versammeln sich regelmäßig, um sich zu betrinken. Kein Damenspitzerl ist es, was sie anstreben, sondern der echte, ehrliche Vollrausch. Das stellt der Sohn der Wohnungsinhaberin, in der derlei Bordeaux- und Cointreau-Orgien stattfinden, der Mutter ein Ultimatum: Nüchtern oder nicht mehr die Enkelkinder sehen. Raimund Orfeo Voigt hat dafür ein passendes Bühnenbild gefunden: eine viel zu hoch installierte Wohnzimmertür und einen Parcours aus leeren Flaschen.

Darin tummelt sich nun die MacDonald als Hedwig, um für Jacob/Niedermair und seinen Anhang ein Weihnachtsessen samt Karpfen zu servieren. Boykottiert wird sie von Schüsseleders Irma, die das eigene Weinglas in der Handtasche mit sich trägt, Nentwichs Marion, die stets die passenden Herren zum Amüsement wählt, und Lohners Constance, die gleich zu Beginn bei der Tür hereinkotzt. Man befindet sich in der besseren Wiener Gesellschaft, die Damen sind gewesene Ärztinnen, Pianistinnen und Balletttänzerinnen. Hedwig hat den Flaschenöffner als Kette um den Hals hängen.

Erst der Vollrausch macht den Mann: Marianne Nentwich, Elfriede Schüsseleder, Martin Niedermair und Therese Lohner. Bild: Herwig Prammer

So beginnt nun also der Streit, ob „Spaß haben“ nicht doch ein Selbstzerstörungsmodus ist; wo sich in der Realität Menschen Ängste und Ärgernisse wegspülen, gelingt Zweiteres hier nicht. Und am „Höhepunkt“ steht Sohn Jacob als der wahre Verlierer da, den Unzufriedenheit und Einsamkeit zerfressen. Also, schnell vier, fünf, sechs Martinis gekippt, dann traut er sich seinen Nebenbuhler windelweich zu schlagen und seine Frau zurückzugewinnen. Die seine neue Männlichkeit übrigens sehr goutiert.

Worauf das Alkoholikerinnenquartett natürlich anstoßen muss. Dem ist nichts hinzuzufügen …

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=K_fvi4I3Ukk

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  1. 2. 2018

Kammerspiele: Pauline Knof im Gespräch

November 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

In „Terror“ ist sie die Kampfpilotin

Pauline Knof (zweite von links) mit Gioia Osthoff, Martina Stilp-Scheifinger, Julia Stemberger, Susa Meyer, Alexandra Krismer und Silvia Meisterle. Bild: Jan Frankl/Background: Crown Copyright/www.defenceimagery.mod.uk

Am 23. November hat an den Kammerspielen der Josefstadt „Terror“ Premiere. Ferdinand von Schirachs Erfolgsstück behandelt ein moralisches Dilemma in erschreckend aktueller Form: Ein Terrorist entführt ein Flugzeug mit 164 Menschen an Bord. Sein Ziel ist ein mit 70.000 Menschen vollbesetztes Fußballstadion. Kampfpilotin Lara Koch trifft entgegen ihrer Befehle eine Entscheidung: Sie schießt das Flugzeug ab und wählt somit „das kleinere Übel“. Das bringt sie vor Gericht. Einem, bei dem das Publikum als Schöffen allabendlich entscheidet, ob sie falsch oder richtig gehandelt hat. Pauline Knof spielt die Kampfpilotin. Ein Gespräch:

MM: In den Kammerspielen wird „Terror“ ausschließlich von Frauen gespielt. Wie hat Regisseur Julian Pölsler Ihnen diese Entscheidung erklärt?

Pauline Knof: Im deutschsprachigen Raum wurde das Stück noch nie in einer anderen als der Original-Besetzung gespielt. Die erste Idee war, nur aus dem Kampfpiloten eine Frau zu machen, aber dann im Laufe der Vorbereitungen, kam Julian darauf, alles mit Frauen zu besetzen, um zu schauen, was dann mit dem Stück passiert, und ob sich die Wahrnehmung verändert.

MM: Julian Pölsler macht zum ersten Mal eine Theaterregie …

Knof: … und das sehr gut. Er ist vorbereitet, er weiß genau, was er will. Er ist lieb mit uns und legt großen Wert darauf, dass wir in der inhaltlichen Auseinandersetzung gemeinsam zu Entscheidungen kommen, er ist sehr darauf bedacht, unsere Meinung zu hören. Interessant für uns als Ensemble ist, dass Julian von Hause aus Filmregisseur ist und damit natürlich einen neuen Blickwinkel einbringt.

MM: Wie geht es Ihnen als Frau mit einer Rolle, die für Männer geschrieben worden ist?

Knof: Ich denke inzwischen nicht mehr darüber nach, dass es keine Frauenrolle ist. Ich wüsste auch gar nicht wie mir das helfen soll.  Ich habe die Verfilmung mit Florian David Fitz als Kampfpiloten gesehen, da wusste ich noch nicht, dass ich die Rolle spielen werde, und als ich es wusste, habe ich mir eine Aufführung in Frankfurt am Main angeschaut. Als ich den Text schlussendlich in der Hand hatte, dachte ich, dass das so aggressiv klingt, wenn ich das laut spreche, was mir nie aufgefallen ist, als die Männer gespielt haben. Ich glaube, Frauen formulieren mehr im Konjunktiv, weicher und verbindlicher. Frauen, auch wenn wir miteinander reden, wollen gemocht werden vom Gegenüber, suchen den Konsens. Ich selber, wenn ich um etwas bitte, mache sprachlich noch drei Schleifen drumherum. Männer reden so einfach nicht, die sprechen geradeaus und klar. Ausnahmen bestätigen die Regel natürlich, aber ich bin schon gespannt, wie das Publikum darauf reagieren wird.

MM: Wie haben Sie Text und Figur nun für sich erarbeitet?

Knof: Da ich mich weder mit Militär noch mit Gerichtsverhandlungen auskannte, bin ich in die Recherche gegangen. Ich habe also endlos gelesen und mir Dokumentationen angeschaut über die  Kampfpilotenausbildung, den Eurofighter und alle technischen Begriffe, die im Stück fallen. Den Piloten scheint es in erster Linie ums Fliegen zu gehen, und die zivile Luftfahrt reicht nicht aus um diese Adrenalinsucht zu befriedigen. Allein im Eurofighter zu sitzen, diese Wahnsinnsmaschine zu beherrschen, diese Manöver zu fliegen, das scheint das Größte für sie zu sein. Ich habe den Eindruck bekommen, dass der Kampfeinsatz als notwendiges Übel gesehen wird, um auf diesem Niveau fliegen zu können.

MM: Die Ausbildung gehört ja zu den härtesten der Welt, nur einer von 10.000 Bewerbern wird am Ende den Eurofighter fliegen, heißt es im Stück.

Knof: Das ist Hochleistungssport, so eine Maschine zu fliegen, die sind mit Mitte Dreißig, Anfang Vierzig durch. Im Cockpit wirken G-Kräfte, das heißt das Vielfache des eigenen Körpergewichts, eine extreme Belastung vor allem für die Wirbelsäule. In Deutschland gibt es zwei Frauen, die Kampfpilotinnen sind, eine von ihnen, Nicola Baumann, wurde gerade bei der NASA aufgenommen und wird hoffentlich die erste deutsche Frau im All.

MM: Diese Lara Koch, die Sie gestalten werden, wie ist die? Beim Lesen des Textes nicht unbedingt sympathisch, die spricht Sätze, da dreht sich einem der Magen um …

Knof: Ich muss die Figur verteidigen. Ich darf nicht den Hauch eines Zweifels haben, dass ich das Richtige getan habe, wenn ich in diese Gerichtsverhandlungen gehe. Ich habe eine rationale, keine emotionale Entscheidung in der Luft getroffen.  Für mich stellt sich die Frage der Sympathie also nicht. Ich muss als Figur der Lara Koch inhaltlich überzeugen, eine bestimmte Geisteshaltung aufzeigen. Ich möchte in der Aufführung nicht damit punkten, dass ich eine Frau bin, oder dass Lara Mutter eines Sohnes ist. So möchte ich nicht gewinnen.

MM: Es geht Ihnen ums Gewinnen?

Knof: Als Pilotin auf jeden Fall. Als Schauspielerin nicht. Im Stück geht es um das Ausloten des kleineren Übels. Ein Zivilflugzeug wird entführt, die Eurofighter steigen auf, um das Flugzeug zu begleiten und zur Landung zu zwingen. Doch der Terrorist lässt sich nicht abdrängen und gibt sein Vorhaben nicht auf, die Maschine in ein vollbesetztes Stadion zu lenken. Die Kampfpiloten kommen in eine Lose-Lose-Situation. In dem Moment ist Lara Kochs Schicksal schon entschieden, denn wenn sie schießt, tötet sie Zivilisten, und wenn sie die Maschine ins Stadion krachen lässt, auch. Dazu kommt, dass, sobald sie schießt und gegen den Befehl der Vorgesetzten verstößt, ihre Karriere vorbei ist, sie wird wahrscheinlich nie wieder auch nur eine Zivilmaschine fliegen dürfen.

MM: Ist sie so rational in dem Moment, in dem sie abdrückt, dass ihr das durch den Kopf geht?

Knof: Ja. Dazu gibt es Anhaltspunkte im Verlauf des Abends, über die ich noch nichts verraten will. Der Text ist ja relativ emotionslos, bis auf eine Reaktion von Lara, die die Staatsanwältin aus ihr herausholt. Das Problem ist, dass der Krieg zu uns kommt, dass wir nicht mehr nur nach Afghanistan fahren und dort, weit weg, einen Krieg führen. Sondern wir kommen in unserem eigenen, vermeintlich friedlichen Land in die Situation, solche Entscheidungen treffen zu müssen. Daher finde ich, dass der Titel „Terror“ in zwei Richtungen geht, denn es ist nicht nur der Terror der Terroristen, sondern auch der Terror, den wir unserer eigenen Bevölkerung eventuell antun müssen. Wie kann der Staat seine Zivilisten schützen, müssen die Gesetze sich ändern, weil sich die Art der Kriegsführung geändert hat? Was wird aus unserer Freiheit, wie kann man sie schützen, wieviel ist sie uns wert? Das sind auch die Fragen des Abends.

MM: Das Publikum fungiert gleichsam als Schöffen und fällt am Schluss das Urteil. „Terror“ ist kein typisches Kammerspiele-Stück. Fiel die Entscheidung fürs Haus, weil der Raum intimer ist, und man Abstimmungen besser vornehmen kann?

Knof: Das weiß ich tatsächlich nicht. Ich nehme es an. Eine Durchmischung ist sicher nicht schlecht, so dass man nicht oben im 8. Bezirk nur die ernsten Stücke und unten im 1.  ausschließlich die Komödien spielt. Wir haben ja auch eine klassische Komödie „Wie man Hasen jagt“ im großen Haus und das läuft sehr gut. Außerdem glaube ich, auch wenn wir in „Terror“ ein ernstes Thema ansprechen, dass der Abend unterhaltsam wird. Unsere Aufgabe ist es, die Aufführung so spannend zu machen, dass die Leute an der Stuhlkante sitzen und der Entscheidung, die sie selbst treffen müssen, entgegenfiebern. In Frankfurt musste ich selber im Publikum entscheiden, ob schuldig oder unschuldig und das macht schon was mit einem.

MM: So gut wie Sie spielen, wird die Entscheidung ausfallen.

Knof: Ich glaube fest daran, dass beide Sichtweisen auf die Problematik gute Argumente liefern. Persönlich finde ich unbedingt, dass die Verfassung geschützt werden muss. Es hat zwei Weltkriege und Millionen von Opfern erfordert, dass wir heute diese Verfassungen haben und die gilt es 100-prozentig zu verteidigen. Die Würde des Menschen wird ständig angetastet, aber die Unantastbarkeit steht am Anfang unserer Verfassung, das ist der Leitsatz, das Ideal, das wir uns als Gesellschaft gegeben haben. Mord ist Mord – egal, ob an 164 oder an 10.000 Menschen. Was im Stück allerdings gar nicht diskutiert wird, ist das Strafmaß im Falle einer Verurteilung.

MM: Stimmt. Es geht nur eine ultimative Entscheidung, um Ja oder Nein.

Knof: … und so funktioniert unser Rechtssystem nicht. Beweggründe zur Tat werden in den Schuldspruch einbezogen. Bei so einem Fall würden auch nicht Schöffen, sondern Richter entscheiden, es ginge ja auch um einen Präzedenzfall. Das Urteil hätte in der Realität eine enorme Reichweite und Bedeutung. Die „Höchststrafe“ für mich auf der Bühne ist nur, dass man mich die ganze Zeit sitzen lässt, mein Körper hält dieses Nicht-Bewegen fast nicht aus. Mein Spieltrieb ist völlig ausgebremst. Aber es ist eine interessante Erfahrung, viel darstellen zu wollen mit minimaler Gestik. Die Uniform unterstützt mich darin natürlich sehr.

MM: In der Fiktion, welche Entscheidung wünschen Sie sich, welche Diskussion möchten Sie auslösen?

Knof: Es gibt eine interaktive Weltkarte (terror.theater/), auf der man nachschauen kann, wo in der Welt wie abgestimmt wurde in den verschiedenen Inszenierungen. Da ist auffällig, dass es im deutschsprachigen Raum meistens sehr deutlich Freispruch ist, in den asiatischen Ländern ist meistens schuldig. Ich finde ein Abend ist ein guter Abend, wenn die beiden Lager gleich stark sind, mein Ehrgeiz ist es, näher an die 50:50 ranzukommen. Ich will, dass die Zuschauer die ganze Zeit mental in Bewegung sind, bis sie die beiden Plädoyers gehört haben, und dass Ihnen dann die Entscheidung erst recht schwerfällt. Außerdem bin ich gespannt, wie die Männer im Publikum reagieren, wenn eine Frau so sachlich, direkt und unemotional spricht. Und ich freue mich auf die anstehenden Publikumsgespräche.

MM: Sie sind als Schauspielerin sehr breit aufgestellt. Sie spielen an der Josefstadt die Komödie, „Wie man Hasen jagt“, im Mitterer-Abend „Galápagos“ eine Pionierin und Bäuerin, jetzt „Terror“ … Ist das eine Qualität der Josefstadt, dass man so vielfältig arbeiten kann?

Knof: Die Josefstadt und die Kammerspiele haben tatsächlich eine große Bandbreite. Es gibt viele Uraufführungen, österreichische Autoren, Klassiker, Komödien und Musicals. Es ist tatsächlich das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich so unterschiedlich zeigen kann. Als Anfängerin ist man oft das „junge Mädl“, also: hoffen und bangen und weinen. Nun bin ich 15 Jahre im Beruf und die Rollen werden vielfältiger und interessanter. Ich bin da der Josefstadt und Herbert Föttinger sehr dankbar, dass man mir zutraut die Kampfpilotin zu sein. Ich liebe diese Abwechslung in der aktuellen Spielzeit. Wir sind ein tolles Ensemble, wir spielen alle sehr viele Vorstellungen miteinander, das ist ja auch Lebenszeit und die wird mir von Jahr zu Jahr teurer. Also abgesehen von „Terror“ welches ein interessantes Stück ist, bin ich dankbar, von sechs starken Frauen am Abend umgeben zu sein und dieses Stück mit ihnen durch die Spielzeit zu bringen. Als nächstes kommt Mitte März „In der Löwengrube“, das ist wieder eine ganz andere Thematik. Steffi Mohr macht wieder ein Felix Mitterer Stück, und wir führen unsere Zusammenarbeit nach „Galápagos“ fort. Ich spiele die „Diva der Josefstadt“, denn der Fall hat sich in der NS-Zeit ja tatsächlich hier ereignet. Das wird das Kontrastprogramm zur Kampfpilotin und zur Leontine in der „Hasenjagd“.

MM: Also wunschlos und glücklich?

Knof: Ich bin da einfach gestrickt. Ich hoffe, wir bleiben alle gesund, haben schöne Arbeit und das Publikum mag, was wir tun.

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18. 11. 2017

Kammerspiele: Die 39 Stufen

Oktober 20, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Suspense, Slapstick und Stummfilmmomente

Im schottischen Hochmoor wird scharf geschossen: Ruth Brauer-Kvam als Pamela und Alexander Pschill als Richard Hannay. Bild: Rita Newman

Sie wissen, was ein MacGuffin ist? Nein, nicht einer der schottischen Sonderlinge, denen Richard Hannay bei seiner Flucht durch die Hochmoornebel in die Hände fällt. Alfred Hitchcock hat den Begriff für seine Filme erfunden, für ein beliebiges Ding, das keinen anderen Nutzen hat, als die Handlung voranzutreiben. „Die 39 Stufen“ sind ein MacGuffin.

In des Meisters Werk aus dem Jahr 1935 erfährt man nicht viel mehr, als dass dies die Bezeichnung für einen den Briten feindlichen Spionagering wäre, der brisanteste Geheimdokumente von der Insel schaffen will. Ein Unschuldiger, eben Hannay, er noch dazu Kanadier, wird in die Story verstrickt, bald des Frauenmordes bezichtigt, alles rennet, rettet, flüchtet, die Handlung verwickelt sich immer mehr, die Bedrohung lauert auf allen Seiten (was Hitchcock in den 1930er-Jahren durchaus politisch meinte), das Tempo verschärft sich quasi minütlich – der perfekte Stoff für die Kammerspiele. Wo Regisseur Werner Sobotka den Filmklassiker nun auf der Bühne umsetzte. Das heißt, natürlich nicht einfach so.

Sobotka peppt den Suspense mit dem Slapstick der Stummfilmära auf, er erzählt davon, wie die Bilder laufen lernten, und er beschreibt ein „Making of“-Kino. Seine Inszenierung ist eine Hommage an eine Zeit, als jeder Stunt und jeder Special Effect noch mit Kulisse und Courage angegangen, nicht am Computer hergestellt wurden. Die Mittel, denkt man, sind einfach. Sobotka reichen zwei Leitern und ein Steg, um eine Brücke zu simulieren, vier Stühle und ein Lenkrad werden zum Fahrzeug.

Stunts, Slapstick, Stummfilmmomente: Hannay fällt auf der Flucht von einer Brücke …. Bild: Rita Newman

…. und versucht im Auto zu entkommen. Bild: Rita Newman

Türen stehen allein im Raum, dass das auf beiden Seiten ein anderer ist, versteht sich; Überseekoffer sind mal Bar in einem Herrenclub, mal Hotelrezeption. Erst am Ende der mit viel Applaus bedachten Vorstellung, als sich weit mehr Menschen von der Bühne winkend verabschieden, als vorher darauf gespielt haben, wird klar, welchen Kraftakt dieser rasante Kulissenumbau (Bühnenbild: Karl Fehringer und Judith Leikauf) darstellt. „Die 39 Stufen“ in den Kammerspielen sind wie ein Wunderwerkl, der kleine Theaterraum wie eine Springteufelbox, aus der jeden Moment eine andere Knallcharge emporschnellt.

Sobotka hat die Kunst des großen Sir Alfred studiert. Er zitiert „Die Vögel“ und „Das Fenster zum Hof“, als Schattenspiel zeigt er die berühmte „Psycho“-Duschszene und die Flugzeuge, die Cary Grant in „Der unsichtbare Dritte“ verfolgen. Und auch, wenn seine Aufführung auf absichtliches Overacting und outrierte Theatralik setzt, hat sie sich dennoch auch Hitchcocks trockenen Humor angeeignet.

Dass diese Übung gelingt, ist im hohen Maße dem Spiel von Alexander Pschill zu danken, der als Richard Hannay, gemeinsam mit Ruth Brauver-Kvam in drei Frauenrollen, die beiden ja bekannt als Kammerspiele-Traumpaar, den komödiantischen Kern des Abends bildet. Pschill steht der Typ Upper-Class-Snob, der sich erst aus seiner Trotteligkeit und von seinem Ennui befreien muss, bevor er zum Abenteurer und Helden werden kann. Wie er mit rollenden Augen und sexy Schnoferl um Mitgefühl und die Mitwisserschaft des Publikums buhlt, das ist sehr charmant. Vergebens versucht er verwegen zu sein, so etwas wie britische Offiziersschneidigkeit an den Tag zu legen, doch erst als ihm Pamela erliegt, läuft er zu voller Form auf.

Pamela ist eine von Ruth Brauer-Kvams Charakteren. Hitchcock-erblondet gibt sie als solche das patente Mädchen vom Lande, das Hannays Beschwörungen der Bösen keinen Glauben schenken mag, bis sie sich zufällig vom Gegenteil überzeugen kann. Weil, was von Kriminellen mit Handschellen aneinander gekettet wurde, der Mensch nicht trennen soll, ist das Happy End hier klar. Davor aber brilliert Brauer-Kvam als schüchtern-sinnliche Bauersfrau Margaret – und vor allem als russische Agentin Annabella, so exotisch wie erotisch, die Hannay bald den Kopf verdreht hätte, aber mit Messer zwischen den Rippen endet.

Superspionin Annabella wird in Hannays Wohnung ermordet: Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill. Bild: Rita Newman

Und auch das Medium Mr. Memory wird ein Opfer des feindlichen Geheimdienstes: Boris Pfeifer (in der rezensierten Vorstellung spielte Martin Niedermair), Markus Kofler, Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill. Bild: Rita Newman

Das mitunter schon gefährlich akrobatisch über die Bühne turnende Schauspielerkleeblatt komplettieren Markus Kofler und Martin Niedermair (er alterniert mit Boris Pfeifer und spielte am rezensierten Abend), und tatsächlich sind es die beiden, die dem Ganzen den besonderen Kick geben. In Windeseile gestalten sie gefühlte 100 Figuren, Polizisten, Putzfrauen, Zugführer, Zeitungsjungen, oft nur durch Wechseln der Kopfbedeckungen und flexibel, was Akzente und Dialekte oder das Geschlecht betrifft.

Ihre Tour de Farce ist am schönsten, wenn Kofler und Niedermair das Wirtsehepaar geben, ersterer als resolute, liebestolle Hausherrin, zweiterer als sich dem Trunke ergeben habender Schon-wieder-ran-Müsser, als schottische Greise bei einer örtlichen Wahlkampfveranstaltung, ein surrealer Moment – und natürlich als Professor und Louisa Jordan, diesmal Niedermair als Dame des Hauses und Kofler als verrückter Oberschurke, das Phantom mit dem fehlenden kleinen Finger und Kopf der Gaunereien.

Die Anstrengung, die am Schluss alle versuchen, nicht im Gesicht stehen zu haben, hat sich gelohnt. Das Publikum reagierte begeistert, die Kammerspiele dürfen sich über die nächste Erfolgsproduktion freuen.

Werner Sobotka erwies sich einmal mehr als Regisseur, der „oben“ und „unten“ die Fantasie beflügeln kann. Ach ja, die Geheimdokumente waren keine Papiere, sondern Informationen, die die Vaudeville-Sensation Mr. Memory auswendig gelernt hatte. Als diesen ereilt auch Martin Niedermair der Bühnentod. Kofler sprach’s gelassen aus: Er war einfach, der Mann, der zu viel wusste …

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=5&v=eAzKGz67rK0

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  1. 10. 2017