Akademietheater: Meister und Margarita

Oktober 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Du saugst hinweg die Sünde der Welt

In der Redaktion ist der Teufel los: Johannes Zirner als Sokow, Norman Hacker als Woland, Stefanie Dvorak als Hella und Felix Kammerer als Behemoth. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Aus dem Haus Sadowaja 302b, in dessen Wohnung Nr. 50 der Autor selbst für vier Jahre Unterkunft nahm, ist also ein Großraumbüro geworden. Graue, von gläsernen Wänden getrennte Officekojen, zwischen denen Sokow und Frieda, Poplawski und Iwan „Besdomny“ Ponyrew ihr Tagwerk vollbringen – und da dort auch Berlioz, laut Michail Bulgakow bekanntlich Vorsitzender der Moskauer Literaturvereinigung, zugegen ist, sind die Zimmer ziemlich sicher eine Zeitungsredaktion und die anwesenden Personen

die dort angestellten Redakteure. Das estnische Berufs- wie Privatpaar Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo, Begründer und Auflöser des von den Wiener Festwochen bestens bekannten Tallinner Theatre NO99, zeigen am Akademietheater ihre Version von Bulgakows Opus magnum „Meister und Margarita“. Ein „gesellschaftliches Poem“ nennen die beiden ihre Inszenierung, bei der sie sich wie stets die Regiearbeit sowie die an Bühnenbild, Kostümen und Videos geteilt haben, und es ist von Vorteil, das Original des russischen Schriftstellers zu kennen, bevor’s zu deren Dreieinhalb-Stunden-Elaborat geht.

Bulgakow schrieb den Roman ab 1928. Erst kurz vor seinem Tod im März 1940 diktierte er seiner Frau Jelena eine mutmaßlich nur wegen seines Ablebens finale Fassung. Die darin verhandelten Themen reichen von der Hinrichtung einer Dichterkarriere über ein von den Daseinsstürmen gebeuteltes Liebespaar bis zu einem Alternativevangelium, und das alles ist immer auch autobiografisch, von Bulgakows prekärer Beziehung zu Stalin, der den Systemkritiker einerseits mit einem Veröffentlichungsverbot strafte, ihm aber andererseits eine Assistentenstelle am Moskauer Künstlertheater verschaffte, bis zum Meister und seiner verheirateten Geliebten Margarita, die gleichzusetzen sind mit Michail und Jelena.

Semper und Ojasoo halten sich nicht mit Bulgakows groteskkomischer Sowjetschelte auf, sie wollen ihm auf anderweitig verschlungenen Wegen folgen, dorthin, wo’s ums ewig während Allzumenschliche geht, Neid, Gier, Hochmut, denen Bulgakow als größte Frevel, den Opportunismus, die Dummheit und die Feigheit beigesellt. Mit der lustvollen Verbitterung des zum Schweigen gezwungenen Genies trägt er seine Gedankenkämpfe aus, seine Waffe gegen die herrschenden Verhältnisse dabei geschmiedet aus heiter Anekdotischem. Wieder und wieder lässt sich „Meister und Margarita“ lesen, um Neues zu entdecken in den drei Handlungssträngen:

Der „Meister“ und seine Margarita: Rainer Galke und Annamáría Láng. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

And now, the end is near: Im Glitzeranzug singt Norman Hacker Sinatras „My Way“. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Als Berlioz landet Philipp Hauß samt Marcel Heupermans Iwan in der Irrenanstalt. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Jeschua reinigt Räume: Tim Werths mit Marcel Heuperman als Iwan unbehaust. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

1. Das Erscheinen des Teufels und seiner Gehilfen in Moskau, wo er als Zauberkünstler Woland jedermanns Wohl und Wehe verwirbelt. 2. Das Auftreten des „Meisters“, eines Literaten, der von der Presse so übel beschimpft wird, dass er in der Psychiatrie landet. Die andere Titelfigur, Margarita, wird einen Handel mit Voland eingehen, damit die zwei doch noch zusammen sein können. 3. Die Vorkommnisse rund um die Verurteilung von Jesus Christus, hier Jeschua, durch Pontius Pilatus, Berichte über den depressiv-suizidalen Prokurator, die sich später als der Roman des Meisters herausstellen.

Das Bonmot, man fände ins Buch „Meister und Margarita“ leicht hinein, aber niemals wieder heraus, trifft auf die Aufführung nun aber nicht zu. Semper und Ojasoo verweigern sich der Fantastik der Vorlage, kein schwarzer Riesenkater Behemoth treibt sein mörderisches Unwesen, niemand reitet auf einem Besen ein, es gibt keine verhexte Wohnung, kein plüschiges Varieté, kein furchteinflößendes Irrenhaus, sondern – siehe oben – das raumklimatisch bedenkliche Einheitsbüro unter freudlos flackernden LED-Lampen. Über den vier ident eingerichteten Schreibstuben und dem Flur prangt die Hauptsache des Ganzen, eine gigantische Leinwand, auf die beständig per Live-Kamera aufgenommene Bilder aus den nicht einsehbaren Bühnenteilen übertragen werden. À la Castorf, sozusagen.

Eine Zwangsjacke, ein bisschen rosa Licht und zwei Drehstühle machen allerdings keine Atmosphäre. Vom vergnüglichen Gänsehaut-Feeling des Romans, von seitenweise Schreck und Sarkasmus, von der Magie und der Wirkmacht des Buches bleibt auf der Bühne kaum etwas übrig. Wann, um Himmels willen, haben sich Semper und Ojasoo – man denkt da wehmütig an „Heiße estnische Männer“ oder „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ – dermaßen spaßbefreit? Eine der seltenen gewitzten Ideen ist die, Tim Werths als Jeschua in voller Golgatamontur, blutüberströmt und mit Dornenkrone, als Büroreinigungskraft zu zeigen. Lamm Gottes, du saugst hinweg die Sünde der Welt …

Die Live-Kamera übertragt das Geschehen von den Officekojen auf die Leinwand, hier folgt sie Hanna Binders Frieda. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Aber apropos, Himmel: Als Höllenfürst hat Norman Hacker seine grandiosen Momente, ob im Punkoutfit mit fettigem Haar oder im teufelsroten Glitzeranzug Sinatras „My Way“ singend, sein Woland ist honigsüß hässlich, lasziv selbstverliebt und ungeheuer charmant. Allein seinetwegen schaut man bis zum Schluss gerne zu. Der Rest hat in diesem untergekühlten, spannungsarmen Szenario nicht viel zu spielen. Philipp Hauß als Berlioz wie Pontius Pilatus und Johannes Zirner

als Sokow wie Kaiphas retten sich, so der Eindruck, mit ihrer Professionalität über die Runden, Mehmet Ateşçi, frisch vom Gorkitheater, setzt als Poplawski wie Afranius auf Geschmeidigkeit, der vom Resi mit nach Wien gekommene Marcel Heuperman macht als Iwan unbehaust auf wildwütig entschlossen. Stefanie Dvorak als Hella und Hanna Binder als Frieda haben’s auch nicht leicht, genauso wie Felix Kammerer, den man als Behemoth zum goldgelockten Jüngling ausstaffiert hat. Falscher, heißt: weniger Bulgakow, geht’s nicht. Ihnen allen hätte man einen geglückteren Einstand an Martin Kušejs Burgtheater neu gewünscht. Immerhin Rainer Galke und Kornel-Mundruczó-Star Annamáría Láng gelingt es die Amour fou von Meister und Margarita zu gestalten.

Sie wissen sowohl wie überbordende Emotion, als auch wie leise Zwischentöne gehen. Galke und Láng erzählen Liebe an einem Abend, der sich das Erzählen im Sinne von Story, Plot, Charakterzeichnung ansonsten anscheinend verboten hat. Irgendwann singen alle, derweil Jeschua im Hintergrund den Boden wischt, „Jesus Blood Never Failed Me Yet“ und bewegen sich dazu wie Marionetten im Welttheater des Teufels – schließlich müht sich bei Bulgakow ja ausgerechnet der Böse, die Geschöpfe Gottes von dessen Existenz zu überzeugen. Das ist das Schönste, das Stimmungsvollste am Premierenabend, und glänzt als Edelstein unter Kieseln. Der Applaus am Ende aber war so unentschlossen wie Ene-Liis Sempers und Tiit Ojasoos Inszenierung.

www.burgtheater.at           Mehr zu Michail Bulgakow: www.masterandmargarita.eu

  1. 10. 2019

Theater zum Fürchten: Cena Claudiana

April 24, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bei Bruno Max geht’s zu wie im alten Rom

Cena Claudiana. Bild: Bettina Frenzel

Reinhold Kammerer (M.) lädt als Kaiser Claudius zur Cena Claudiana. Bild: Bettina Frenzel

Giftige Pilze gibt es am Ende nur für Claudius, für das Publikum stattdessen Ente in Fischsauce, pikante lukanische Wurst und einen luxuriös mit Garum gewürzten Bohneneintopf. Das Theater zum Fürchten lädt zur diesjährigen Dinner- theaterproduktion, der insgesamt neunten, und diesmal entführt Prinzipal Bruno Max ins antike Rom.

„Cena Claudiana“, das letzte Gastmahl des Kaiser Claudius, heißt die erfolgreiche Aufführung, die nach einer ausverkauften Spielserie am Stadttheater Mödling nun in der Wiener Scala Station macht. Nach Motiven aus Robert Ranke-Graves‘ 1100-Seiten-Roman „Ich, Claudius – Kaiser und Gott“ wird die Geschichte der vier ersten Kaiser Roms erzählt, der Nachfolger Julius Cäsars, Augustus, Tiberius, Caligula und Claudius.

Und wie die erzählt wird. Bei Bruno Max julisch-claudischer Familienaufstellung geht’s zu wie im alten Rom. Mit mehr Sex & Crime als eine Fernsehserie füllen könnte, wiewohl es die weiland mit Derek Jacobi, John Hurt und Patrick Stewart natürlich gegeben hat. So viele Seiten das Buch, so viele widersprüchliche Charakterzüge werden von Claudius überliefert. Der Mann, der, was ihm unter Zeitgenossen durchaus zum Vorwurf gemacht wurde, ausschließlich Frauen liebte, umsichtig und klug regierte und beinah moderne Gesetze erließ, der ein Herz für Sklaven hatte, Freigelassene an die wichtigsten Positionen seines Reiches setzte, Britannien eroberte, stotterte, hinkte, mit dem Kopf zuckte, ein debiler Krüppel, der mit Begeisterung der Folter und Hinrichtung seiner Feinde beiwohnte, verwahrlost, ignorant, böswillig, ein Gelehrter, der maßgebliche historische Schriften verfasste, und der posthum von Seneca in der „Apocolocyntosis“, der Verkürbissung des Divus Claudius, einer der boshaftesten Satiren, die je auf einen Herrscher geschrieben worden ist, verspottet wurde. Bruno Max entschied sich, seinen Claudius zum Sympathiemenschen zu machen.

Eliot Bolch und Franz Weichenberger: Bild: Bettina Frenzel

Kind Claudius, Eliot Bolch, mit Franz Weichenberger als Großvater Kaiser Augustus: Bild: Bettina Frenzel

Randolf Destaller und Bettina Soriat. Bild: Bettina Frenzel

Caligula verspottet die sterbende Livia: Randolf Destaller und Bettina Soriat. Bild: Bettina Frenzel

Reinhold Kammerer schlüpft in die Rolle des Claudius. Er ruft die Zuschauer aus einer fernen Zukunft als Zeugen an, will ihnen seine Version der Historie näherbringen, tatsächlich schrieb Claudius eine achtbändige Autobiografie, die verschollen ist, und so der Nachwelt ein Vermächtnis hinterlassen, das ihn ins rechte Licht rückt: Der wegen seiner körperlichen Behinderung ungeliebte Sohn und Enkel, den es auf den Kaiserthron quasi gespült hat, obwohl er im Innersten überzeugter Anhänger der Republik war. Dafür hat Bühnenraumverzauberer Marcus Ganser die Domus Augustana für all die gezeigten Intrigen und Interessenskonflikte nacherfunden, einen Spiel-Platz, der mit beinah einem Dutzend Podesten von der Palatinvilla bis zur Gladiatorenkampfarena alles sein kann, mittendrin eine Liegestatt und mitten im Geschehen wie stets bei diesen Abenden das Publikum, immer aufmerksam, um gezückten Schwertern und im Zorn geschleuderten Schriftrollen auszuweichen. Welch ein Spektakel, diese spannenden und schwarzhumorigen Geschichtsstunden, mehr als drei sind es, denn es gibt schließlich eine Menge zu berichten. Kammerer wechselt von der Erzählerposition in die Spielhandlung und retour, in einzelnen Episoden erklärt er, was anno 10 vor bis 54 nach Christus geschah.

Dreizehn Erwachsene und vier Kinder als Schauspieler gestalten mit ihm die Vornehmen des Imperiums. Das vorzügliche Ensemble wird angeführt von Bettina Soriat als Augustus-Gattin und Claudius‘ Großmutter Livia und Randolf Destaller als Claudius‘ Neffe und Amtsvorgänger Caligula. Erstere eine begnadet bösartige Alte, die Spielmacherin, die bis zu ihrem Ableben die Fäden in der Familie in der Hand hat, über Abfall von der Gnade und Verbannung und damit gleichsam über Leben und Tod bestimmt. Eine gruselige, großartige Leistung, die auch zur Lieblingsszene der Aufführung führt: Livia und die Giftmischerin Martina beim Fachsimpeln über unheilsame Kräuter. Zweiterer ein aalglatter, blondgelockter Schönling, der’s mit jedem und jeder tut, heißt vor allem mit Tiberius, wenn es seinen Allmachtsfantasien dient. Bis ihn der Wahnsinn ereilt. Wie er über der sterbenden Livia triumphiert, „überrascht“ und gerührt die Kaiserwürde entgegennimmt, nur um sich später zu Gott Zeus zu erklären – Destaller spielt das mit einem Understatement, mit einer Elegance, die bestechend ist.

Benjamin Ulbrich changiert zwischen der Lichtgestalt Drusus, Claudius‘ Vater, und dem machtgierigen Gardepräfekt Sejanus, der seiner eigenen Verschwörung zum Opfer fällt. Franz Weichenberger ist ein honoriger Augustus, der seine Kinder an sein Herz zieht und danach auf öden Inseln aussetzt, Christian Kainradl ein zunehmend der Last der Verantwortung überdrüssiger Tiberius, Thomas Marchart der von der Verwandtschaft verratene Augustus-Enkel Postumus. Manuel Dragan spielt einen besonnenen Ratgeber Herodes Agrippa, den späteren König von Judäa und Samarien, der gemeinsam mit Claudius erzogen wurde und einer seiner engsten Freunde und Vertrauten war. Neben Livia sind auch die übrigen Frauen mit Marion Rottenhofer als moralisch fast einwandfreier Claudius-Mutter Antonia, Samatha Steppan als Schwammerlaussucherin Agrippina und Carina Thesak als Caligulas inzestuös geliebte Schwester Drusilla die eigentlichen Kaisermacher.

Thomas Marchart, Samantha Steppan und Christoph Prückner. Bild: Bettina Frenzel

Augustus verbannt seine Tochter: Thomas Marchart, Samantha Steppan und Christoph Prückner. Bild: Bettina Frenzel

Benjamin Ulbrich. Bild: Bettina Frenzel

Benjamin Ulbrich: Hier endet die Sejanische Verschwörung. Bild: Bettina Frenzel

Nicht alles, was Ranke-Graves so vor sich hin schildert, hat historisch Bestand, auch ist seine Veröffentlichung aus dem Jahr 1934 in vielen Teilen wissenschaftlich überholt und korrigiert, aber Spaß muss sein. Und für den sorgen in der Scala Jörg Stelling als griechischer Wahrsager, Christoph Prückner als syrische Giftmischerin und der wunderbare Günter Tolar als Sklave Praxis, der sich nicht nur um das Wohlergehen der jeweiligen Kaiser, sondern auch um das der Gäste kümmert, auf dass der Gewürzwein im Becher nicht versiegen möge!, und nicht zuletzt deshalb eindringlich zum Latrinenbesuch in der Pause aufruft.

Zum Schluss wird er als Tourist Guide durch den Palast führen und wissen, dass die Geschichte nach Claudius mit dem seltsamen Sterben seines Sohnes Britannicus und also Stiefsohn Nero als Nachfolger keine bessere Wendung nahm. Entzückend sind die Kinderdarsteller als jugendliche Alter Egos, allen voran Enya Zechner, dem als Kind Claudius die schwere Aufgabe zufällt, dessen Ticks zu gestalten.

So ergeht sich der Stamm mit den zwei Sorten Früchten, den bitteren und den süßen, in der gegenseitigen Schändung und Abschlachtung, Verbündete sind rar, Schmeichler und Spitzel überall, und Thronanwärter sterben schnell. „Spiel‘ so lang du kannst den Idioten.“ Das ist der Rat, den Claudius mehrmals in seinem Leben hört. Er macht ihn zu seiner Überlebensstrategie, laviert sich durch zwischen Geistererscheinungen und grausiger Zauberei, in einer Welt, in der die Frage „Besorgst du es mir?“ entweder Liebe machen oder Gift herbeischaffen meint. „Rom hat dich verdient“, sagen die Prätorianer schließlich, als sie ihm als letztem Verbliebenen der Sippe mehr zum Jux die höchste Würde antragen. Und nach jüngsten Erkenntnissen dürfte dies tatsächlich ein Glück für die ewige Stadt gewesen sein. Verdient lässt ihn ergo Bruno Max einen gnädigeren Gifttod sterben als Zeitzeugen berichten. „Cena Claudiana“ ist einmal mehr ein gelungener Theaterabend für alle Sinne. Und wie jedes Jahr wurde er vom Publikum als Höhepunkt der Scala-Saison mit großem Applaus bedankt. Man darf gespannt sein, was sich das Theater zum Fürchten für die nächste Spielzeit ausdenken wird.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 24. 4. 2016

Theater Scala: Picknick an der Front

Februar 16, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hurrapatrioten und andere Idioten

Bild: © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Die grellsten Erfindungen sind Zitate. Karl Kraus

Dieser Ausspruch des Fackelträgers ist gleichsam das Motto unter das Bruno Max und sein Theater zum Fürchten ihre jüngste Arbeit in der Scala stellen. Wieder ist es eine Dinnertheaterproduktion, die siebente, und nachdem im Vorjahr „Im Schatten der Guillotine“  www.mottingers-meinung.at/scala-ein-dinner-im-schatten-der-guillotine gespeist wurde, lädt der Theatermacher diesmal zum „Picknick an der Front“. Der hundertste Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs wird mit einer Landpartie ins Niemandsland begangen. Auf einer Decke im Rindenmulch und mit einem mit Wein, Obst, Guglhupf und (auch britischen Gurken-)Sandwiches gut gefüllten Picknickkorb sitzt man zwischen Schützengräben und Feldlazarett, zwischen Kriegsversehrten, einem Drehorgelspieler, Krankenschwestern, zwischen Karussell und Kasperltheater. Dessen Attraktion, der Wurschtl, der englische Mr. Punch, der französische Guignol, wird Max, wie es sich für einen echten Narren gehört, als Stimme der Vernunft dienen. Ein Rufer in der Wüste, der ob des Wahnsinns der jeweiligen Befehlshaber kopfschüttelnd resignieren muss.

Bruno Max begegnet den Schrecken des Krieges durchaus mit Humor. Ironie ist, wenn man trotzdem lacht. Und weil nichts entlarvender ist als Zitate besteht seine Textcollage ausschließlich aus solchen. Eine bemerkenswerte Leistung all diese Originalquellen, von Feldpostbriefen und Soldatenliedern bis hin zu Formulierungen literarischer Zeitzeugen, zu einem zusammenhängenden „Stück“ geformt zu haben. Da gibt es Skurriles, wie das Rezitieren eines Inserats für „Diana Kriegsschokolade“, das Nachstellen der Schallplattenaufnahme „Hörbild: Im Feldlazarett“, ein Lustiges Kriegsbilderbuch, in dem die bösen Nachbarsbuben von Franz und Michl verdroschen werden, das Maturathema „Welcher unserer Feinde scheint mir der hassenswerteste?“. Unglaublich, was Max alles ausgegraben und zusammengetragen hat. Da gibt es Berührendes, wie Joan Littlewoods „Weihnachten an der Front“ und die Rede der Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst „Women against War“. Und natürlich die Briefe der österreichischen, deutschen, britischen und französischen Soldaten. Einige der englischen Briefe wurden erst 2006 vom britischen Justizministerium den Nachfahren ihrer Empfänger zugestellt. Sie waren von der Zensur neunzig Jahre zuvor als „zu explizit“ beschlagnahmt worden und fast ein Jahrhundert in einem Archiv verstaubt. Da gibt es Hetzerisches von den kriegsverliebten Rudyard Kipling, der der Verteidigung des Empire gegen „die Hunnen“ seinen Sohn opferte, und Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann. Eine unrühmliche Liste großer Literaten, in die sich Emile Zola mit „Weh dir Germania“ und Rilke mit einer Ode an den Kriegsgott einreihen. Gut, dass Erich Kästner mitten im Pauschalhass die Friedensflagge hochhält. Und Karl Kraus. Und Bert Brecht. Und Jaroslav Hašeks Schwejk.

Max lässt zu all dem eine Diaschau – Plakate, Fotografien, Karikaturen – ablaufen, erspart einem aber die ärgsten Gräuelszenen. Die macht ohnedies sein hervorragendes Ensemble Roman Binder, RRemi Brandner, Zeynep Buyrac, Irene Halenka, Markus Hamele , Reinhold Kammerer, Christina Saginth, Leopold Selinger, Jörg Stelling und Patrick Weber im „Bühnenraum“ von Marcus Ganser anschaulich. In jeweils unzähligen Rollen spielen sie die Hurrapatrioten und anderen Idioten, die Parolennachplapperer, die Mütter, die wieder einmal die Gebenden sind, diesmal ihre Söhne nicht ins Leben bringen, sondern in den Tod schicken, die Feldkuraten, die österreichische G’mütlichkeit, die schneidigen Offiziere, denen auch noch der Schneid abgekauft werden wird, den preußischen Drill, die britisch-französische Überheblichkeit. Denn auf diesem Feld, auf dem die Ehre nie zu finden war, gibt es keine Sieger. Nur Menschlein inmitten der Unmenschlichkeit. Angst, Verzweiflung und Leid im Granatenhagel, wegen des nächsten Giftgasangriffs. Der Guglhupf steckt einem da längst in der Gurgel. Die Stimmung kippt. Mit „fliehenden“ Fahnen sind die Soldaten nun unterwegs. Werden verwundet, verrecken im Rindenmulch vor den Füßen des Publikums. Die Darsteller machen Geschichte nicht nur begreiflich, sondern greifbar. Sie spielen sich die Seele aus dem Leib. Schweben schließlich als Tote über ihren Gräbern.

Auch die Lieder, gespielt vom k.k. Prothesenorchester, ändern sich in der Tonart. Hieß es eben noch „Oh It’s A Lovely War“ und „Nach Paris“, freuten sich die USA auf „Over There“, klagt man nun „Bombed Last Night“ oder spöttelt „Ja wo steckt denn der Herr General?“. Das „Chanson de Craonne“, das traurige französische Soldatenlied, war in Frankreich bis 1974 staatlich verboten, da es „die Französische Armee herabsetzt und das Andenken der Veteranen beschmutzt“. Einer der schönsten Momente des Abends ist die Parodie „When this Lousy War is Over“, die in den Sprachen aller Beteiligten gespielt und gesungen wird. Wenn dieser beschissene Krieg vorbei ist … da gab’s noch was. Einen kleinen, verwundeten Soldaten, der die fehlende Moral der Deutschen bemängelt, als ihm der Augenverband abgenommen wird, seinen Schnauzer zum Bärtchen stutzt, die Blindenbinde gegen die mit Hakenkreuz tauscht. Adolf Hitler. „Ich aber beschloss, Politiker zu werden“. Dies wohl die Botschaft von Bruno Max‘ unvergesslichem Abend: Niemals vergessen. „Picknick an der Front“ ist die gespielte Kriegsverweigerung, saftiger als trockene Sachliteratur, anschaulicher als manche Ausstellung, ideenreicher als das x-te Widerkäuen der „Letzten Tage …“ Bravo.

Das letzte Wort hat der später im KZ Oranienburg ermordete Erich Mühsam:

Lebt wohl, ihr Brüder! Unsre Hand,
daß ferner Friede sei!
Nie wieder reiß das Völkerband
in rohem Krieg entzwei.
Sieg allen in der Heimatschlacht!
Dann sinken Grenzen, stürzt die Macht,
und alle Welt ist Vaterland,
und alle Welt ist frei!

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 16. 2. 2014

Theater Scala: „Glaube Liebe Hoffnung“

November 29, 2013 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein kleiner Totentanz von Ödön von Horváth

Bild: © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Am 3. Dezember hat im Theater Scala Ödon von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ Premiere.

„Aber ich laß den Kopf nicht hängen!“ sagt sich die arbeitslose Elisabeth immer wieder und will als Ich-AG mit einem Wandergewerbeschein wieder auf die Füße kommen. Die notwendigen Kosten soll der Verkauf ihrer Leiche schon zu Lebzeiten an die Anatomie bringen. Doch dort winkt man bedauernd ab. Ein nicht ganz uneigennützige Präparator ist zwar bereit ihr das Geld vorzustrecken, doch Elisabeth gerät auf der Suche nach einem Auskommen und ein bißchen Liebe in einen Teufelskreis aus sturer Bürokratie und menschlicher Anteils- und Rücksichtslosigkeit, der ihr zuletzt kaum noch eine andere Wahl läßt, als ins Wasser gehen zu wollen. Aber selbst ein Selbstmord ist nicht so einfach und wird von ihrer Umwelt mit Unverständnis und als grober Undank betrachtet. Horvath portraitiert einerseits die kleinen Spießer und Egoisten, die Opfer des Systems und gleichzeitig selbst Täter sind, andererseits gelingen ihm berührende Momente des Kampfs eines Menschen um die Selbstbehauptung und eine menschenwürdige Existenz. „Ich bin eigentlich ganz anders, ich komme nur so selten dazu“, dieses berühmte Horvath-Zitat gilt auch ganz besonders für dieses Stück, in dem ein Menschenkind versucht, seine Sehnsüchte nicht aufgeben zu müssen. Irgendwann gehen Glaube und Liebe aber doch verloren. Die Hoffnung schaut sich rechts und links um, sieht, dass alle tot sind und sagt: Na gut, dann sterb‘ ich halt zuletzt …

In der Inszenierung von Peter Gruber spielen Barbara Braun, Roman Binder, Robert Ceeh, Reinhold Kammerer, Alexander T.T. Mueller, Marion Rottenhofer, Christina Saginth, Leopold Selinger und Patrick Weber. Zu sehen bis 21. Dezember.

www.theaterzumfuerchten.at/theater-scala.htm

Wien, 29. 11. 2013