Volksoper: Die Csárdásfürstin

September 23, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Erste Weltkrieg bricht übers Varieté herein

Applaus für die Csárdásfürstin: Lucian Krasznec als Edwin, Elissa Huber als Sylva Varescu, Chor und Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das Bild zu Beginn beweist bereits, dass hier nichts Patina angesetzt haben wird. Da sitzen Edwin und seine Verlobte in spe, Stasi, in der Bibliothek derer von und zu Lippert-Weylersheim, sie orgelt schon einmal elegisch ein paar „Schwalben“ heim, er langweilt sich über seiner Zeitungslektüre. Da bricht aus dem Hintergrund und das Bühnenbild entzwei Edwins Erinnerung an die Revuewelt der Sylva Varescu.

Das Budapester Sodom tanzt zwischen den Bücherwänden der Blaublüter. Heia, Heia, so beschwingt geht es her, wenn Regisseur Peter Lund an der Volksoper Emmerich Kálmáns „Die Csárdásfürstin“ inszeniert. Lund hat sich jedmöglichem Ungarn-Kitsch entzogen, die Optik seiner Arbeit ist von eher Klimt’scher Anmutung, dazu ein Hauch Dada – sogar eine Hugo-Ball-Figur in kubistischem Kostüm ist auf der Bühne.

Nicht einen Moment verliert Lund die Entstehungszeit dieses Schlageralbums der silbernen Operettenära aus den Augen, uraufgeführt 1915, ein Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Er kann, das hat er schon bei „Axel an der Himmelstür“ fulminant vorgeführt, den Staub wegblasen und trotzdem werktreu bleiben.

Jakob Semotan brilliert als Boni, mit ihm das Wiener Staatsballett. Bild: © Alfred Eschwé

Von bigott zu flott: Sigrid Hauser als Anhilte von und zu Lippert-Weylersheim. Bild: © Alfred Eschwé

Und so zeigt er – und wieder arbeitet er mit dem Stilmittel Film – Wochenschauaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg, Soldaten im Schützengraben, alte Zeitungsartikel über Siege und öfter noch Verluste, Flanieren über den Ringstraßenkorso und Fallen im Feld. Am Ende werden Kampfflieger übers „Habt euch lieb“ donnern, und man wird wissen, das Glück der frisch vereinten Paare hat ein Ablaufdatum. Wie’s der Feri Bácsi singt: „Weißt du, wie lange noch der Globus sich dreht / Ob es morgen nicht schon zu spät …“

Die spritzig-charmante Inszenierung ist unter der diesbezüglichen Leitung von Alfred Eschwé auch musikalisch in Höchstform. Das Volksopern-Orchester kann Walzer, Swing und Charleston vom Feinsten, der Chor des Hauses und das Wiener Staatsballett sind sowieso stets eine Freude.

Ein wahrer Glücksgriff ist Elissa Huber, die als Sylva ihr Volksoperndebüt gibt, die virtuos zwischen lyrischen Höhen und erdigen Tiefen changieren kann, und die darstellerisch Paprika im Blut hat. Lucian Krasznec steht ihr als klassischer Operettenkavalier Edwin – seine Rolle nach einem veritablen „Schwalben“-Streit mit Stasi um „Heut Nacht hab ich geträumt von dir“ aus Kálmáns „Veilchen vom Montmartre“ aufgewertet – sängerisch und schauspielerisch in nichts nach.

Sylva zerreißt Edwins Eheversprechen: Elissa Huber und Lucian Krasznec. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Aus den insgesamt hervorragenden Solistinnen und Solisten – etwa Wolfgang Gratschmaier als grummelig-gutmütiger Fürst von und zu Lippert-Weylersheim, Johanna Arrouas als Komtesse Stasi in Verwandlung vom grauen Entlein zum quicksteppenden Schwan, Axel Herrig als so skurriler wie altersweiser Feri Bácsi, der aus seinem Part immer wieder ein Kabinettstück macht – sticht Jakob Semotan als Graf Boni heraus.

Semotan erweist sich als einwandfreier Komödiant, der mit den Mädis vom Chantant um die Wette über die Bühne wirbeln, singen, tanzen, spielen, und alles gleichzeitig kann. Kein Wunder, dass ihm die Herzen des Publikums zufliegen. Ein weiterer komischer Genuss ist naturgemäß Sigrid Hauser als Fürstin Anhilte, auch diese Rolle für ihre großartige Verkörperin vergrößert und ums Lied der „Hajmasi Hilda und Paul“ erweitert, eine bigotte Bissgurn, die sich als flotte Brettldiva entpuppen wird. Keine Frage, mit dieser „Csárdásfürstin“ fügt die Volksoper ihrem Spielplan ein weiteres Highlight hinzu.

www.volksoper.at

23. 9. 2018

Volksoper: Gräfin Mariza

März 23, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Robert Meyer hat wieder einen Hit gelandet

Carsten Süss (Graf Tassilo), Helga Papouschek (Fürstin Božena), Robert Meyer (Penižek) Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Carsten Süss (Graf Tassilo), Helga Papouschek (Fürstin Božena), Robert Meyer (Penižek)
Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Es war ein Triumph. Für alle Beteiligten. Thomas Enzinger schuf eine beschwingte, intelligente, sympathische Inszenierung, die sein Lieblingsbühnenbildner Toto in traumhaft fantastische Kulissen versetzte. Alexander Rumpf, Hausdebütant, weil seit Saisonbeginn eigentlich Chefdirigent am Tiroler Landestheater, gelang ein kraftvolles Dirigat, zwischen melancholisch und kunterbuntermunter, das der Evergreen-Schleuder sehr entgegen kam. Die Darsteller waren sängerisch und schauspielerisch in Höchstform. Das Ballett (Choreografie: Bohdana Szivacz) tänzelte zwischen Folklore, Roaring Twenties und „modern dance“ mit Heugabeln und Mistkübeln. So macht man „Gräfin Mariza“ anno 2014! Nämlich auch mit einem Beitrag im Programmheft, „Ein halbes Jahrtausend Sklaverei. Die ‚Hauszigeuner‘ in Osteuropa“, dazu angetan, die Roma-Romantik zu relativieren.

Emmerich Kálmáns Erfolgsoperette aus dem Jahr 1924 ist eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise: Der verarmte Graf Tassilo hat sich als Verwalter bei der von Verehrern umschwärmten Gräfin Mariza verdingt. Die aufkeimende Liebe wird mit dem Auftauchen von Tassilos Schwester Lisa, die für seine Geliebte gehalten wird, gestört. Dann findet Mariza noch einen Brief, der sie glauben lässt, Tassilo sei nur hinter ihrem Vermögen her. Lisa ist ebenfalls unglücklich, weil sie den Schein-Verlobten der Gräfin, Baron Koloman Zsupán, liebt. Zum Glück entpuppt sich der als Hochstapler. Ein Schauspieler! Als alle auseinander gehen, tritt Lisas und Tassilos Tante Božena auf und sorgt für ein allgemeines Happy End. Sogar für sich selbst. Mit dem alten Fürst Populescu ist sie nämlich schon seit … – na, das sagt man nicht – Jahren verlobt … In „Gräfin Mariza“ folgt Hit auf Hit: Grüß mir die süßen, die reizenden Frauen im schönen Wien; Sag ja, mein Lieb, sag ja; Ich möchte träumen von dir, mein Puzika; Komm mit nach Varasdin; Komm, Zigan, komm, Zigan, spiel mir was vor; Auch ich war einst ein feiner Csárdáskavalier …

Enzinger lässt die Geschichte von einem alten Diener erzählen. Ein kleines Mädchen ist seine Zuhörerin zwischen zunächst wehmütig-weißverhängten Möbeln. Überhaupt greift der Regisseur gern zu Rückblenden. Wunderbar eine in Tassilos und Lisas Kinderzimmer mit zu Leben erwachenden Puppen und einem Plüscheisbären. Bezaubernd. Ein Regieeinfall schöner als der andere. In all dem Glanz glänzt Astrid Kessler, ebenfalls Hausdebütantin, sonst eher als Turandots Liù oder Brittens Governess in „The Turn of the Screw“ daheim, dabei Weltbürgerin mit Wiener Wurzeln – und wie man nun weiß: ganz offenbar mit Paprika im Blut. Ihren glockenhellen Sopran zu loben ist eine Sache, doch sie gestattet sich auch, ihre Rolle zu gestalten: Von der arroganten Schnöselin zur anscheinend Betrogenen zur bedingungslos Liebenden. Carsten Süss – nomen est omen – ist für sie der ideale Tassilo. Anmaßend auf Augenhöhe. Ein charmanter, stolzer Schmerzensmann, den man an den Perlen behängten Busen ziehen möchte. Und ein einwandfreier Tenor, der die schwere Kunst der leichten Muse aus dem Effeff beherrscht. Er lässt sich von Primas Gregory Rogers auf der Bühne begleiten. Anita Götz ist eine entzückend naive Lisa, die aber durchaus beweist, dass sie ihren eigenen Kopf hat – und dass es nach dem auch gehen soll. Köpfchen, eben. Und dann natürlich wieder dieser Boris Eder. Mit Verve und falschem Akzent stiehlt er als Koloman Zsupán (fast) allen anderen die Show. Welch ein Buffo! Ein patscherter Macho, aber von sich selbst überzeugt – und wie. Punkto Singen, Tanzen und -pardon!- Saufen kann ihm nur einer den Slivovic reichen: Toni Slama. Die Josefstadt-Leihgabe entfaltet völlig neue Talente. Zu sagen, er wäre als erst unsymphatischer, dann dank Alkohol immer leutselig werdender Fürst Populescu entfesselt, trifft die Sache nicht einmal halb.

Apropos, Boris Eder und fast die Show stehlen: Das Highlight folgt im dritten Akt. In Form von Hausherr Robert Meyer als Faktotum Penižek (bei der Erstaufführung 1925 die Hans-Moser-Rolle) und Grande Dame Helga Papouschek (sie war am Haus schon die Lisa) als Fürstin Božena Guddenstein zu Clumetz. Welch ein Kabinettstück, wenn die dank Botox und Beautydoktorkünsten mimiklose Dea ex Machina ihre Empfindungen ihrem frechen Kammerdiener aufträgt: Penižek, ärgere dich! Penižek, freu dich! Penižek, sei gerührt! Der Chef „rächt“ sich an der schrulligen Tante, indem er sich die Lacher abholt. Robert Meyer gibt die Zitatenschleuder von Shakespeare bis Nestroy. Da hat er wieder was für sich gefunden. Der entlarvte Schauspieler hat eine Burgruine geerbet und will daraus ein „Burgtheater“ machen. Der Seitenhieb – Meyer war von 1974 bis 2007 Schauspieler im Haus am Ring und auch Ensemblesprecher – musste wohl sein. An der Volksoper ist es einfacher: Das ist die ganze Welt noch Rot-Weiß-Grün.

http://www.volksoper.at

Wien, 23. 3. 2014