Wiener Festwochen: The 2nd Season

Juni 10, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kapitalismuskritik mit Klappmaulpuppen

Die Bären werden mit Honig süchtig gemacht. Bild: Anja Beutler

Da steppt der Biber. Und das tatsächlich. Einmal als Klappmaulpuppe, einmal als menschlicher Tänzer mit Bibermaske. Socalled & Friends zeigen bei den Wiener Festwochen im Museumsquartier ihr Anarcho-Puppen-Musical „The 2nd Season“ – und das ist mit Abstand der heiterste Abend, den die Festwochen dieses Jahr zu bieten haben. Wobei Heiterkeit längst nicht alles ist.

Der Montrealer Mastermind Josh „Socalled“ Dolgin und seine internationale Truppe packen ins verspielte Spektakel eine ordentliche Portion Kapitalismus- und Konsumkritik. Es geht um die Ausbeutung von Arbeitskraft ebenso wie um die der Natur, um Kaufrausch und andere Drogensucht. Die englischsprachige Aufführung – es dolmetscht die Ente – erzählt davon, wie die Tiere den abgeholzten Wald verlassen müssen. Bär fristet längst in der Stadt als Fließbandarbeiter in einer Posaunenfabrik sein tristes Dasein, Biber folgt ihm nach. Bärs Tochter Tammy ist nämlich im Wald aufgetaucht, um ihren Vater zu suchen, und Biber will ihr helfen, ihn zu finden. In der Posaunenfabrik indes herrschen raue Sitten, die Bären werden von einem präparierten Honig abhängig gemacht, damit sich die Produktion steigern und steigern lässt …

Das alles kommt mit klugem Witz und viel großartiger Musik von der Pappendeckelbühne. Für zweitere ist Funklegende Fred Wesley zuständig, der nicht nur die Posaune spielt, sondern auch den Fabrikbesitzer Mr. Embouchure, der von den Vorgängen in seiner Firma nichts ahnt, weil er von seinen eigenen Vorarbeitern hinters Licht geführt wird. Neben Wesley, der schon mit James Brown, Count Basie und Ray Charles auftrat, spielt Socalled selbst am Klavier und das Hamburger Kaiser Quartett. Unter den Sängern, die den Puppen ihre Stimmen verleihen, ist unter anderem der New Yorker Hiphopper C-Rayz Walz.

In der Posaunenfabrik mit Funklegende Fred Wesley. Bild: Anja Beutler

Die skurril-flauschigen Protagonisten gehen mit dem Publikum auch auf Tuchfühlung. Da muss einer helfen, zwei Fakefellohren unter seinem Sitz hervorzuziehen, eine andere ihr Halstuch nicht nur herborgen, sondern auch binden. Biber muss sich nämlich als Bär verkleiden, um in die Fabrik vorgelassen zu werden. Es gibt singende Baumstümpfe und menschlichen Modern Dance.

Auf der Leinwand, die das Orchester vom Bühnengeschehen trennt, laufen Videos, die das Gesehene auf einer vertiefenden Ebene illustrieren. Flüssiger Stahl rinnt, Geld fließt wie der/als der süchtig machende Honig. Dass die bösen Bären am Ende bekehrt sind, versteht sich. Auch, dass man sich an die Wiederaufforstung des Waldes macht. Tammy findet ihren Vater und dem Happy End steht nichts im Wege. Welch schönes Märchen – liebenswert, sehenswert. Josh Dolgin bastelt zum Glück schon an einer Fortsetzung.

www.festwochen.at

  1. 6. 2018

Volksoper: Der Opernball

Februar 18, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Charmelos statt schamlos

Kristiane Kaiser als Angelika, Sieglinde Feldhofer als Helene, Ursula Pfitzner als Margarete, Helga Papouschek als Palmyra, Kurt Schreibmayer als Theophil, Marco Di Sapia als Paul, Almira Elmadfa als Henri und Carsten Süß als Georg. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Gleich zu Beginn wird der running gag via Bühnenansage verkündet: Weil die Staatsoper heuer auslässt, findet „Der Opernball“ in der Volksoper statt. Nun, gar so stolz braucht man auf die Neuerwerbung nicht zu sein. Axel Köhlers Inszenierung, die die ursprünglich in Paris stattfindende Handlung nach Wien verlegt, wirkt eher wie ein ziemlich ordinäres Gschnas.

Vor allem im zweiten Akt nahmen Köhler und seine Ausstatter Timo Dentler und Okarina Peter die Übersiedlung vom Haus am Ring an den Gürtel allzu wörtlich, und zollten der ehemals sündigen Meile mit einem seltsamen Etablissement Tribut. Doch selbst hier geht’s statt schamlos nur charmelos zu. Es ist erstaunlich, das sonst so elegant frivol agierende Volksopern-Ensemble darstellerisch so hilflos zu sehen.

Aber der Reihe nach. Hebt sich der Vorhang, sieht man etwas, dass ein elegantes Wiener Loft sein soll, tatsächlich aber wie die Innenausstattung eines Luxusdampfers anmutet. Durch ein Bullauge ist das Riesenrad – und damit Wien – zu erkennen. In dieser Pappenstiel’schen Wohnung treffen nun neben dem Besitzerehepaar die Wimmers, die Schachtelhubers, deren Neffe Henri und Haushaltshilfe Helene aufeinander. Die Herren haben Amouren im Kopf, die Frauen stellen Fallen in Form von rosa Dominos. Billetten laden zum Ball, das Verwirr- und Verwechslungsspiel beginnt: „Gehen wir ins Chambre séparée“ …

Die musikalische Nummer vom One-Hit-Wonder Richard Heuberger. Mehr als diesmal wär‘ aber allemal drin gewesen, doch mangelt es der Regie völlig an Ideen (außer, dass man E-Mails auf Laptop und Handy liest), sei’s Ironie oder auch die Möglichkeit für Parodie. So holpern man hölzern durch den ersten Akt, der gefühlt viel länger ist, als die Uhr hergibt. Danach Nachtclub mit Pinups und Kojen fürs Tête-à-Tête, die wie weibliche Rundungen aussehen. Aus einem „Erlebniskeller“ strömen SM- und Crossgenderpärchen. Das hat mit Opernball so viel zu tun, wie Schnellimbiss mit Haubenrestaurant. Für den dritten Akt geht es zurück auf den Dampfer. Der nimmt nun zwar etwas Fahrt auf, als sich die Verwicklungen entwirren, doch insgesamt ist kaum mehr was zu retten.

Vor dem „Chambre séparée“: Ursula Pfitzner als Margarete, Sieglinde Feldhofer als Helene und Carsten Süß als Georg: Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Das gilt auf fürs Musikalische. Dirigent Alfred Eschwé beginnt zwar fröhlich-schmissig, doch irgendwann hat er beschlossen, es nur noch krachen zu lassen. Lyrische Momente gehen ihm komplett unter. Unter den Solistinnen und Solisten erfreuen Amira Elmadfa als Henri mit ihrem schönen Mezzo und ihrer Spielfreude, Sieglinde Feldhofers silbrig glänzender Sopran als quicksilbrige Helene und Marco Di Sapia, der als Paul Wimmer auch für Komödiantik sorgt.

Der übrige Cast (Kristiane Kaiser, Carsten Süss, Ursula Pfitzner, Martina Dorak) bleibt blass, Boris Eder, als Oberkellner Philipp ein aufgelegtes Gustostückerl, lässt man erst gar nicht ins Spiel kommen. Erfreulich ist ein Wiedersehen mit den Volksopern-Urgesteinen Helga Papouschek und Kurt Schreibmayer als Palmyra und Theophil Schachtelhuber. Am Ende gab es freundlichen Applaus ohne große Bravo-Rufe, für die Regie ein paar kräftige Buhs.

www.volksoper.at

  1. 2. 2018

Die große Kaiser Franz Joseph-Ausstellung

März 15, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Eine Audienz ganz anderer Art

Ausstellung in der Wagenburg Bild: Kunsthistorisches Museum Wien

Ausstellung in der Wagenburg
Bild: Kunsthistorisches Museum Wien

Am 16. März startet die große Sonderausstellung „Franz Joseph 1830-1916 – Zum 100. Todestag des Kaisers“ an vier Standorten in Wien und Niederösterreich. Dienstag Vormittag wurde ein Programm präsentiert, das einen facettenreichen und durchaus kritischen Blick auf das Leben und das politische Werk des Langzeitmonarchen werfen will. Das nähere Kennenlernen der Person Franz Joseph soll nämlich keinesfalls zu einer Verklärung führen, sondern vielmehr zu einem besseren geschichtlichen Verständnis. Neben den historischen Originalschauplätzen Schloß Schönbrunn, Kaiserliche Wagenburg Wien und Hofmobiliendepot – Möbel Museum Wien geht mit Schloss Niederweiden ein neuer Ausstellungsstandort in Betrieb.

„Ich denke, es ist uns gelungen, sowohl einen umfassenden Überblick über die Person Franz Josephs zu geben, als auch die politischen Auswirkungen seines teilweise ambivalenten Handelns darzustellen“, sagt Franz Sattlecker, Geschäftsführer der Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H. „Es würde mich besonders freuen, mit dieser Ausstellung bei unseren Besucherinnen und Besuchern das Interesse für diese letzte Phase der Habsburger Monarchie zu wecken.“

„Mensch & Herrscher“ ist das Thema der Sonderausstellung im Schloß Schönbrunn. Mit den Berglzimmern, den Weißgoldzimmern und dem Kronprinzenappartement werden Bereiche des Schlosses zugänglich gemacht, die sonst nicht zu sehen sind. Mit teils sehr persönlichen Objekten werden Franz Josephs dynastische Herkunft, Kindheit, Ehe, Kinder und Enkelkinder, wichtige politische Ereignisse, Schicksalsschläge, aber auch seine vielzitierten Affären beleuchtet. Die Kaiserliche Wagenburg Wien beleuchtet das Image des Monarchen im Spannungsfeld von „Repräsentation & Bescheidenheit“. Einerseits musste Franz Josephs Herrscherbild den imperialen Ansprüchen eines Großreichs genügen, andererseits pflegte er persönlich einen sehr spartanischen und anspruchslosen Lebensstil. Die Hochzeit 1854, seine Krönung in Ungarn 1867 und seine feierliche Bestattung 1916 sind wichtige Themen des Standorts. „Die Kaiserliche Wagenburg Wien ist zentraler Schauplatz der Ausstellung und der KHM-Museumsverband wichtigster Leihgeber der Schau“, erklärt KHM-Generaldirektorin Sabine Haag die Kooperation. „Die Ausstellung in der Kaiserlichen Wagenburg Wien zeigt eindrucksvolle Kutschen wie den berühmten Leichenwagen des Wiener Hofes, prachtvolle Galauniformen aus dem Besitz des Kaisers und festliche Pferdegeschirre wie ein erstmals ausgestelltes achtteiliges Zuggeschirr mit opulenten feuervergoldeten Beschlägen.“

Der Historiker Karl Vocelka spannt als Kurator an den Standorten Schloß Schönbrunn, Hofmobiliendepot – Möbel Museum Wien und Schloss Niederweiden den Themenbogen rund um Franz Joseph von „Mensch & Herrscher“ über „Fest & Alltag“ bis hin zu „Jagd & Freizeit“. Im Hofmobiliendepot – Möbel Museum Wien liegt der Fokus auf „Fest & Alltag“ des Kaisers. Einer feierlich gedeckten Tafel steht hier ein Bild des Kaisers in seinem „Bonjourl“ gegenüber, einem aus einem Uniformmantel geschneiderten Morgenrock, in dem er Akten bearbeitete. Der Standort zeigt viele Objekte aus seinen wenigen privaten Momenten. Bild- und Tondokumente präsentieren den ersten Kaiser in Film und Phonographie. Das architektonische Kleinod Schloss Niederweiden holt mit dem Thema „Jagd & Freizeit“ Bad Ischl ins niederösterreichische Marchfeld. Hier wird nicht nur die beeindruckende Strecke Franz Josephs mit teils kuriosen Objekten gelegt. Auch die Passion für das Jagen anderer berühmter Habsburger sowie die Bedeutung der Jagd für den Adel werden hier gezeigt. Eine originalgetreu eingerichtete Wildküche wartet mit Kochworkshops auf die Gäste. Weitere Highlights des umfangreichen Rahmenprogramms sind Kammerstücke und szenische Lesungen.

Mehr zur Ausstellung: www.mottingers-meinung.at/?p=16188

www.franzjoseph2016.at

Wien, 15. 3. 2016

2016 kommt die große Kaiser-Franz-Joseph-Ausstellung

November 20, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Es bleibt ihm nicht(s) erspart

Kaiser Franz Joseph 85jährig, Heinrich Waßmuth, 1915 © Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H. Bild: Edgar Knaack Sammlung Bundesmobilienverwaltung

Kaiser Franz Joseph 85jährig, Heinrich Waßmuth, 1915 © Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H.
Bild: Edgar Knaack
Sammlung Bundesmobilienverwaltung

„Franz Joseph 1830 – 1916. Zum 100. Todestag des Kaisers“ ist der Titel einer großen Sonderausstellung, die von 16. März bis 27. November 2016 an vier Standorten in Wien und Niederösterreich zu sehen sein wird. Die Ausstellung, aufgeteilt auf Schloss Schönbrunn, die Kaiserliche Wagenburg, das Hofmobiliendepot – Möbel Museum Wien und auf Schloss Niederweiden im Marchfeld, will sich durchaus kritisch mit der Symbolfigur der Donaumonarchie auseinandersetzen. So zumindest Franz Sattlecker, Geschäftsführer der Schloss Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H., und Sabine Haag, Generaldirektorin des KHM-Museumsverbands, bei der Programmpräsentation anlässlich des 99. Todestages des Langzeitmonarchen in den Weißgoldzimmern von Schloss Schönbrunn.

„Wir zeigen das Leben Kaiser Franz Josephs in allen Facetten. Er hat 68 Jahre lang die Geschichte Europas maßgeblich mitgeprägt“, erklärt Sattlecker. „Hier in Schönbrunn ist er geboren, hier ist er vor 99 Jahren gestorben. Zusätzlich zu diesen Originalschauplätzen der Geschichte eröffnen wir mit Schloss Niederweiden einen neuen Ausstellungsort in Niederösterreich.“ – „Als Teil der kaiserlich-habsburgischen Sammlungen des Kunsthistorischen Museums beherbergt die Kaiserliche Wagenburg Wien heute einen wichtigen Bestand der einstigen Kutschen und Kleider des Kaisers“, ergänzt Haag. „Die Kaiserliche Wagenburg ist daher ein zentraler Schauplatz der großen Ausstellung zu Franz Joseph und der KHM-Museumsverband zudem an allen Standorten ein wichtiger Leihgeber der Schau.“

Der renommierte Historiker für österreichische Geschichte Karl Vocelka kuratiert die Ausstellungsstandorte „Mensch & Herrscher“ in den sonst nicht zugänglichen Weißgold- und Berglzimmern und in den Kronprinzenappartements in Schloß Schönbrunn, „Fest & Alltag“ im Hofmobiliendepot Ÿ- Möbel Museum Wien sowie „Jagd & Freizeit“ im ehemaligen Jagdschloss Niederweiden. Mario Döberl, Kurator der Kaiserlichen Wagenburg Wien in Schönbrunn, gestaltet ebendort das Thema „Repräsentation & Bescheidenheit“. Vocelka: „Die Ausstellung vermittelt ein ausgewogenes Bild Franz Josephs, dessen öffentliche Wahrnehmung durch Mythen und Klischees geprägt war und vielfach heute noch ist. Ein kritischer Umgang mit seiner Person, der Politik und den persönlichen Verhältnissen des Langzeitkaisers eröffnet neue Perspektiven.“

Die Ausstellungsarchitektur unterstreicht dabei die Person Franz Joseph, ohne sein politisches Handeln außer Acht zu lassen. So holen inszenierte Momente wie ein herrschaftlich nickender Kaiser mit einer Beifall klatschenden Sisi und einem müden Weltkriegssoldaten im Schloss Schönbrunn, die Kutsche seines letzten Weges in der Kaiserlichen Wagenburg, ein Spalier aus Uniformen im Hofmobiliendepot oder eine netzförmige, kuppelartige Strecke aus Geweihen und Köpfen erlegter Tiere auf Schloss Niederweiden die Besucher ab und führen sie zu den Themen und Aussagen der Ausstellung. Aus Kunststoff gestaltete Statuen in verschiedenen Posen an den Eingängen der Standorte holen Franz Joseph sprichwörtlich von seinem Sockel. Eine nonfigurale ‚Lebenslinie‘ begleitet durch das sehr unterschiedliche Innenleben der Ausstellungsräume.

Auf Schloss Niederweiden, das sogar über eine originalgetreu eingerichtete Wildküche verfügt, bettet „Jagd & Freizeit“ den persönlichen Zugang Franz Josephs zur Jagd und seine Faszination für das Waidwerk in die lange Geschichte der habsburgischen Jagdleidenschaft ein. Neben Franz Joseph, der nicht zuletzt durch sein langes Leben eine besonders lange „Strecke“ erlegter Tiere legen konnte, waren zudem auch sein Sohn Kronprinz Rudolf oder Thronfolger Franz Ferdinand legendäre Jäger. Mit teils sehr skurrilen Jagdutensilien wird dabei auch die Entdeckung des Salzkammerguts mit Bad Ischl und den umliegenden Jagdrevieren dargestellt. Nicht zuletzt wird auch die Frage beleuchtet, welche politische Bedeutung Jagdgesellschaften hatten und welche Rolle sie im gesellschaftlichen Leben spielten.

Ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Führungen und Events wird das Projekt begleiten. Außerdem wird es Angebote für Kinder und Schulklassen geben.

www.franzjoseph2016.at

Wien, 20. 11. 2015

Volksoper: Don Giovanni

November 15, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Achim Freyer verwurstet den Wüstling

Josef Wagner (Don Giovanni), Andreas Mitschke (Komtur) Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Machen Sie eine typische Handbewegung: Josef Wagner als Don Giovanni mit „Komtur“ Andreas Mitschke. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper bricht Achim Freyer mit alten Gewohnheiten. Seh- wie Hör-. Seine Inszenierung von Mozarts „Don Giovanni“ wurde ergo mit beinah ebenso vielen Buhs wie Bravos bedacht. Freyer holt den Frauenhelden aus der ewigen Finsternis diverser Bühnenbilder ans Lichte. Er zeigt seine mit viel Liebe zu Details ausgestattete weiße Comicschöpfung mit Kirche, Hotel, Leuchtturm. Ein Schaumstoffstädtchen für die Schaumschläger, die zwischen Schicksalswürfel und Schweinskopf ihre Posen proben. Sie wurden als Weißclowns in diese Welt geknobelt. Und mitten drin, gekennzeichnet von Gottes rachsüchtiger red right hand, der Verführer, den sein Anonymousgesicht sowohl als Spaß- als auch als Protestbewegten ausgibt. Gegen das Spießertum. Wir sind Legion. Dieser Don Giovanni ist kein Einzeltäter mehr, er ist ein Prinzip, ein Lebens- und Lustprinzip.

Freyer nimmt sehr ernst, dass Mozart den „Don Giovanni“ in seinem Werkverzeichnis als Opera buffa beschrieb, die ständige Anwesenheit von Bühnenarbeitern und zirzensische Einlagen geben das Spiel als Spiel aus. Freyer nähert sich dem Abend leichtfüßig, zeigt eine Art Commedia dell’arte mit Archetypen. Was nicht heißt, dass nicht die schlimmsten Dinge passieren. Sex und Gewalt. Die Décadence demaskiert sich mittels Maskerade. Der Theatermacher hat dazu mit dem Ensemble einen Zyklus an Gesten einstudiert, der die Figuren ausweisen soll. Machen Sie eine typische Handbewegung. Das ist bei Don Giovanni etwa eine fließende, die sich vom Streicheln eines Instruments – einer Geige – zum wiederkehrenden Gruß wiederholt, bei Zerlina ein Rascheln mit dem Rock. Manchmal sind die Regungen falsch, weil der Schelm nicht immer denkt, wie er gerade tut. Ein manieristisches Gehabe, das beweist, dass hier jeder für sich und gegen die anderen ist. Täuscht die, die selber euch täuschen!

Zum Babylon trägt eine Sprachverwirrung bei. Weil Hausherr Robert Meyer und Achim Freyer sich wohl nicht einigen konnten, wird Italienisch und Deutsch gesungen. Allerdings erschließt sich nicht wirklich logisch, was wann warum. Denn auch die Contadini singen italienisch, die hohen Herrschaften mitunter deutsch. Klar verdeutlicht sich die Intention lediglich bei Giovannis und Leporellos Beiseitereden, wenn per Rezitativ das Einvernehmen mit dem Publikum gesucht wird. Es scheint mehr so, dass, wenn Freyer ein Parla! melodischer schien als der Kehlkopfbrecher Sprich! eben ersteres zum Einsatz kam. Das hat so oder so Methode. Gespielt wird die Prager Fassung, erweitert um Da Pontes Wiener Arien für Elvira und Ottavio. Der niederländische Dirigent Jac van Steen agiert am Pult luftig und zart, er unterstützt die Sänger mit sorgfältiger, sachter Hand.

Ihnen, den Solisten, gehört die höchste Hochachtung. Sie stellen sich nicht nur bravourös der schwierigen Zweisprachigkeit und sind in dieser erfreulich wortdeutlich, sie gehen auch mit den Ein- und Verhüllungen souverän um und haben Freyers verordneten Gestenkanon im kleinen Finger. Sie leisten Präzisionsschwerstarbeit und vollbringen eine gesamtkunstwerkliche Leistung. Josef Wagner verführt als Titelantiheld mit seiner schön timbrierten, ebenmäßig geführten Stimme. Er ist einer, der Frauen zum Schweben bringt, er weiß den Witz zu singen, ebenso wie Mischa Schelomianski, der als Leporello ein genüßlicher Vernascher von Wein und Weib an der Tafel seines Herrn ist. Ein gelungener Gag, wie bei der Registerarie die ganze Kunstgeschichte stark gekürzt abläuft; diesem Don Giovanni ging selbst Mona Lisa ins Netz.

Wie die beiden Herren bestechen stimmlich auch Esther Lee als stachelhaarige Donna Elvira – die Sopranistin sprang kurzfristig für die erkrankte Caroline Melzer ein – und Kristiane Kaiser als Donna Anna. Ihre Präsenz ist so prägnant, dass man in einer Szene tatsächlich verpasst, auf welchem Wege sich die Statue von der Bühne stiehlt. Was spannend, weil mitunter peinsam ist. Andreas Mitschke verleiht dem Komtur mit großem Volumen in der Tiefe Haltung. Anita Götz ist eine bauernschlaue, glockenhelle Zerlina, Ben Connor als Masetto ein dumper Kraftlackel. Jörg Schneider holt sich als Don Ottavio für seinen höhensicheren, von der Wärme der Liebe schmelzenden Tenor den größten Applaus ab.

Achim Freyer erschafft Sehnsuchtsbilder einer Höllenfahrt, an deren Ende sich das Inferno als ein von Menschen geschaffenes erweisen wird. Vom Battiti! zum Pentiti! wird Giovannis Weg pechschwarz und schwärzer, ein Schattengang, der sich im Wortsinn auf die anderen abschminkt. Drei nachtfarbene Fischer und ein Totengräber-Tod begleiten die Handlung, auf dem Friedhof werden sich Fisch und Kreuz symbolisch vereinen. Spätestens an dieser Stelle beweist sich Freyers Arbeit als Inszenierung mit Hand und Fuß, denn der Freigeist Giovanni wird von den gesellschaftlichen Kleingeistern, denen er’s angetan hat, in Stücke gerissen. Und verwurstet bis auf die blutigen Eingeweide. Leporello muss lügen und eine Story von einem steinernen Gast erfinden. Spätestens da stürmten Teile des Publikums gegen die Bilder. Dabei war’s doch ein lieto fine für alle. Ab ging’s nämlich ins Ristorante, wo Würstel à la Giovanni aufgetischt wurden. Von denen sich Achim Freyer das erste nahm. Ziemlich grotesk das alles … großartig!

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Wien, 15. 11. 2015