Kosmos Theater online: Schwieriges Thema

April 9, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pubertät ist eine Baustelle

Erst knebelt der Elternchor den verstockten Sohnemann, dann fordert er eine Aussprache: Claudia Kainberger, Anne Kulbatzki, Mehmet Sözer und Lukas Gander. Bild: Bettina Frenzel

Derzeit alles under construction, unfertig, erst im Werden, das Bühnenbild ein Baugerüst, so wie jenes knochige, das sich erst allmählich mit dem Fleisch der Volljährigkeit füllen wird. Bis dahin haben die Abdeckplanen noch allerhand zu verbergen, lästige Pickel und deren Luftpolster-Ausdrücken, knospende Busen, nicht steuerbare Beulen an anderer Stelle. Die Pubertät ist eine Baustelle, da sind sich Regisseurin Milena Michalek und Ausstatter Jonathan Penca sicher.

Gemeinsam mit dem Ensemble Claudia Kainberger, Anne Kulbatzki, Lukas Gander und Mehmet Sözer haben sie das Stück „Schwieriges Thema“ entwickelt, die Eigenproduktion des Wiener Kosmos Theater nun bis 9. April, 18 Uhr, auf nachtkritik.de zu streamen – und keine Angst vor etwaigen Altersgrenzen: Die Pubertät ist eine universelle Erfahrung des Peinlichen, Ermahnungen, wie sie auf der im Wortsinn zum Spielplatz gewordenen -fläche fallen, klingeln einem heut‘ noch als elterlicher O-Ton-Tinnitus in den Ohren.

Mit Wortgewitztheit und Satzgliedschmäh macht sich die ironiebewehrte Viererbande über den Text her, macht ihn zur Sprechopernpartitur, in der Sprache mal musikalisch mäandert, mal zum Stakkato wird. Derart wechseln sie in Windeseile zwischen grad-noch-kindlich-naiv und altklug, von der Erwachsenenpersiflage zur Teenagerparodie, Prototypen allesamt, und wie sie da in kollektiven Gefühlsausbrüchen wegen falscher Körperproportionen aufheulen, den Beziehungsstatus Schon-wieder-Single als Lebensstil tarnen, Dissen und Tuscheln oder beim Abhängen über Abwesende ablästern, das ist immer genau auf Kurs gebracht.

Das Pubertier mutiert im Zimmerarrest … Bild: Bettina Frenzel

… zur Cronenberg’schen Stubenfliege: Lukas Gander … Bild: Bettina Frenzel

… und bleibt mit dieser kafkaesken Verwandlung nicht allein: Mehmet Sözer. Bild: Bettina Frenzel

Michalek und Team umschiffen mit Bravour die peinsame Klippe, auf welcher einen Teen-Slang im Erziehungsberechtigtenstatus gemeinhin auflaufen lässt, sie versuchen gar nicht, da was nachzuahmen, sondern finden zu einem eigenen, eigenwillig poetischen Ausdruck, der die Skurrilität der wie Sketche aneinandergereihten Situationen unterstreicht.

Schönste diesbezügliche Szene: Claudia Kainberger, Anne Kulbatzki und Mehmet Sözer als elterliche Dreieinigkeit, die ganz griechischer Tragödienchor über Zimmerzusammenräumen und die dortige Zigarettensuche bei angedrohtem Strafmaß Handy-Entzug klagt –  οἴμοι!, “ich mach’ alles für dich und du bist nur undankbar”, “glaubst du, für mich ist es einfach”, “kannst du dich nicht zusammenreißen?” – “einmal!” – der immergleiche, ewig währende Konflikt, der erst in einem Nie-sprichst-du-mit-mir, Lass-uns-darüber-reden gipfelt, als Sohnemann Lukas Gander längst gefesselt und geknebelt ist. Zimmerarrest!

„Es ist schon eklig, aber man gewöhnt sich daran“: Erziehungsberechtigte Anne Kulbatzki und Lukas Gander. Bild: Bettina Frenzel

„Man muss jeden Tag ein, zwei Gedanken haben, die niemandem nützen“: Mehmet Sözer und Claudia Kainberger. Bild: Bettina Frenzel

Der mutiert darauf mit allerlei Haushalts- und Baumarktkram zur Cronenberg’schen Stubenfliege samt Atemgerät-Saugrüssel als wär‘ die seine eine Prophetie der derzeitigen Körperkrise. „Es ist schon eklig, aber man gewöhnt sich daran“, erklärt er der fassungs- losen Mutter Kulbatzki sein Lieber-Insektoid-als-Schneebrunzer-Konzept, sein Flügge-Bleiben statt Hingesetzt-Haben, und seine kafkaeske Verwandlung bleibt nicht die einzige: Bald verwendet auch Claudia Kainberger Props fürs Puppenstadium, steht als Fabelwesen aus Plastik und Pappendeckel auf der Bühne,

Mehmet Sözer als bizarre Buckelzirpe mit ausladenden Kinderschi-Fortsätzen. Von Kopf bis Fuß insectum, ins Trash-Kostüm eingeschnitten, ist das Pubertier nun als Bug klassifiziert – im Sinne von Programmierfehler und des berühmten gleichnamigen Horrorfilms. In Rebel-without-a-cause-Attitüde geht’s ins Finale, ins anrührend zaghafte Einander-sexuell-Erforschen – „Wie sich ein echter Busen angreift? Warm und wabbelig“ -, durch einen Diffusheitsdschungel schwefelgelber Nebelschwaden und apokalyptisch dröhnender Rave-Musik, von der Teenie-Depri als gesamtgesellschaftliches Leiden über eine Beschimpfungsrunde auf die Kleinhäusler-

mentalität vieler Millenials zum abschließend lapidaren „Gemma zum Mäcki“. „Man muss jeden Tag ein, zwei Gedanken haben, die niemandem nützen“, philosophiert Sözer über den dargebotenen Nonsens mit Tief- und Hintersinn. Bevor er seine Assoziationsperlenkette „Der Narziss schaut die ganze Zeit in den See und denkt sich, what the fuck, ich weiß auch nicht“ mit einem Schlussstein verziert. Die Pubertät, sagt er nämlich, sei ein dunkles Kapitel gleich dem Mittelalter, „alles ist so bäh, jeder ist so lost, alles ist so rough und überall zieht’s, danach aber kommt die Renaissance“. Und das einer, die schon im Post-Post-Zeitalter ist!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=LwIEL8BXAPw

Zu sehen bis 9. April, 18 Uhr, auf: www.nachtkritik.de           kosmostheater.at

8. 4. 2020

Kosmos Theater: Rule Of Thumb / Daumenregeln

Oktober 10, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Per Anhalter durch die Gesellschaftssatire

Daumen hoch! Claudia Kainberger, Thomas Kolle und Marie Noel. Bild: Bettina Frenzel

Gestartet wird von null auf hundert. Auf einer enorm großen Kinoleinwand überschlägt sich ein Fahrzeug, bis es als zerschundenes Autowrack liegen bleibt, und als müssten sie aus ebendiesem erst hervorkriechen robben nun drei Gestalten durch eine Öffnung in der Wellblechimitatwand. In Bikerhosen oder Mechanikeroverall, mit American-Football- oder Motorradhelm, ihre „Motorisierung“ allerdings nur noch Rollerskates.

Sie sind das Team 47 der „Urban Anhalter“, zwei vom Trio darstellte Frauen aus EU-istan, die sich zwecks Teilnahme an einem Trampwettbewerb auf den gefahrenumwitterten Balkan begeben haben. Die Destination ist Strezimirovci, eine geteilte Stadt an der serbisch-bulgarischen Grenze. „Rule Of Thumb / Daumenregeln“ heißt das Stück der in Belgrad geborenen Dramatikerin Iva Brdar, das Film- und Bühnenregisseurin Nina Kusturica gestern im Kosmos Theater zur österreichischen Erstaufführung brachte, der Titel des Textes ein Hinweis auf die Fight-Club-mäßigen Regeln, die man sich für das Rennen gegeben hat. „Was im Auto passiert, bleibt im Auto“ und, dass es gelte, ohne Geld oder Telefon zu reisen, nur bei Personen einzusteigen, die auf das „Auswerfen“ des Daumens reagiert hätten – und als einzige Waffe ein entwaffnendes Lächeln einzusetzen. Oder einen Stein von der Straße. Diese Vorschrift wird später – siehe Car Crash – von Bedeutung sein.

Kusturicas hochtourige Inszenierung passt perfekt auf Brdars schräghumoriges Roadmovie, das durch die Virtuosität der Schauspieler im Rollkunstlauf eine nahezu sinnliche Körperlichkeit bekommt. Wie sie auf ihren Wheels tänzeln, ist wie von Axel und Rittberger erfunden, eine Bravourleistung zwischen anmutigem Angasen und verwegenem Fullstop. Claudia Kainberger, Thomas Kolle und Marie Noel spielen die Praktikantin aus der Fertigsuppenfabrik und die Youtube-Influencerin, Ana und Monika, und alle die mal mehr, mal weniger sinistren Typen, mit denen sie auf ihrem Trip zusammenstoßen. Wobei sie sozusagen im sechsten Gang von Figur zu Figur switchen.

Der Kaufzwang für Kochtöpfe wird mit Gewalt durchgesetzt: Thomas Kolle und Claudia Kainberger. Bild: Bettina Frenzel

Kidnapping eines Polizisten: Marie Noel, Claudia Kainberger und „im Kofferraum“ Thomas Kolle. Bild: Bettina Frenzel

Genregerecht besteht die Handlung zunächst aus den Begegnungen der Protagonistinnen mit ihren Mitfahrgelegenheiten. Da ist der in seinem Wagen hausende Sonderling/Kainberger, der Ana und Monika/Noel und Kolle mit der Route droht, sollten sie ihm nicht ein komplettes Kochgeschirr abnehmen. Eine brenzlige Situation, in der der Begriff Kaufzwang wörtlich zu nehmen ist. Da ist der vorgeblich freundliche Mann/Noel, der sich als Erfolgsrezept fürs Überwechseln in ein EU-Land das Heiraten auserkoren hat. Weshalb er „Gutmensch“ Monika/Kolle kurzentschlossen aufs Standesamt führt, bevor er sich für immer vertschüsst.

Zu den berührendsten Szenen des Abends gehört ein Stehblues auf Skates von Noel und Kolle, der fast schon Skating-Sex ist, zu den bissigsten, wie Ana/Kainberger dem Mann punkto gelungenem Bewerbungsgespräch auf die Sprünge hilft – „Wie sind Ihre Gehaltsvorstellungen?“ –„Ich habe keine.“ – „Bravo, so ist es richtig!“ Vom ersten Blick zum genauen Hinschauen verwandelt sich „Rule Of Thumb“ vom surrealen Spaß in eine hinterlistige Gesellschaftssatire, die topaktuell und schwer politisch Themen von Kapitalismus über Konsumrausch bis Krise des Gesundheitssystems, von Gentrifizierung über Erwerbslosigkeit bis neoliberaler Selbstoptimierung aufs Korn nimmt. Seine Fake-Braut Monika wolle, statt ständig auf das Greifen „globaler Lösungen“ zu warten, endlich „im Kleinen etwas bewirken“, also einem Migranten per Eheversprechen helfen, sagt Kolle an einer Stelle. Und man weiß nicht, ob Iva Brdar so einen Satz empathisch oder zynisch oder gar empazynisch meint.

Auf Anas und Monikas Etappen ereignen sich jedenfalls Dinge, so radikal jenseitig, dass sie jenseits ihrer Erwartungshaltungen an diese Expedition ins Unbekannte liegen. Als ideal gedachte Lebensentwürfe prallen auf die diese vernichtende Realität, aus Abenteuerlust wird Überlebenskampf. Der Schlagbaum zwischen dem „Ich“ und den „Anderen“ hebt sich bei dieser Odyssee durch Südosteuropa nicht. Zu den seltsam poetischen, eindringlich-suggestiven Filmbildern von staubigen Überlandstraßen, Einöden und endzeitlichen Industrieruinen singt Rana Farahani aka Fauna ihre Ohrenschmeichlersongs und Marie Noel Jacques Brels „Ne me quitte pas“ für einen von einem Lastwagen totgefahrenen, dennoch zu ihr sprechenden Hund.

Marie Noel singt Jacques Brels „Ne me quitte pas“. Bild: Bettina Frenzel

Die Gewaltspirale dreht sich schneller und schneller. Aus Ana und Monika werden eine Art „Thelma & Louise“, wenn sie schließlich in Ermangelung eines brauchbareren fahrbaren Untersatzes ein Polizeiauto klauen, und den dazugehörigen Gesetzeshüter im Kofferraum verstauen. Und weil in Brdars Hitchhikerinnen auch eine Spur Hitchcock steckt, kulminiert „Rule Of Thumb“ in einer spooky Schusssequenz. Auf Film sind die beiden Frauen/Noel und Kainberger im PKW eines daumenlosen

(Achtung: symbolträchtig!) Mannes/Kolle zu sehen, der sich den Finger aus Protest gegen schlechte Arbeitsbedingungen abgeschnitten hat. Bald werden Ana und Monika vergeblich versuchen, aus dem Wagen dieses offenbar Wahnsinnigen wieder auszusteigen, bald wird Milch und Blut durchs Auto schwappen – und laut Regelwerk ein Stein seinen Einsatz haben. Womit das Ende gleichzeitig der Anfang wäre.

In Nina Kusturicas gewitzter Arbeit wird Iva Brdars Tortour durch Serbien zum Fanal wegen Ignoranz, Intoleranz, EU-Arroganz und selbstverliehenes Elitentum. Schließlich im Ziel eingelangt, erwartet die Siegerinnen – nichts … Dass der Autorin durchaus ernstzunehmendes Bild eines Europas, dessen West und Ost unter Schmerzen am Zusammenhalt laborieren, nicht zu gewichtig, eindrücklich, aber nicht drückend daherkommt, ist maßgeblich auch den Darstellern zu danken, die mit Verve und Leichtigkeit und Mut zu Rollentausch wie Rollerskates ins Spiel gehen. „Rule Of Thumb“ im Kosmos Theater ist ein gelungener Auftakt der Jubiläumssaison zum zwanzigjährigen Bestehen des „Frauenraums“.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=yVlvfvfqi9k           kosmostheater.at

  1. 10. 2019

Stadttheater Klagenfurt: „Familiengeschäfte“

April 19, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Henry Mason inszeniert Alan Ayckbourn

Familiengeschäfte. Bild: Arnold Pöschl

Das Ensemble der „Familiengeschäfte“. Bild: Arnold Pöschl

Am Stadttheater Klagenfurt hat am 28. April Alan Ayckbourns Komödie „Familiengeschäfte“ Premiere. Regie führt Henry Mason, der bei den Salzburger Festspielen zuletzt die „Komödie der Irrungen“ zeigte und am Stadttheater bereits „Die Dreigroschenoper“ inszenierte. Raphaela Möst, die umjubelte „Nora“ der Klagenfurter Inszenierung, kehrt in der Rolle der Tina Ruston zurück.

Mit ihr steht mit Claudia Kainberger, Heike Kretschmer, Doris Prilop, Isabel Schosnig, Stephanie Katharina Schreiter, Nikolaus Barton, Martin Bermoser, Christian Graf, Tim Grobe, Horst Heiss, Alexander Jagsch und Wolfgang Kraßnitzer ein hochkarätiges Ensemble auf der Bühne.

Jack ist einer, dem Moral und Werte noch etwas bedeuten. Als er die Möbelfirma seines Schwiegervaters übernimmt, ist er davon überzeugt, dass mit harter Arbeit, Leistung, Fairness und Vertrauen das Familienunternehmen wieder florieren wird. Doch schon bald folgt die Desillusionierung: Sämtliche Familienmitglieder sind in dubiose, aber profitable Nebengeschäfte verwickelt. Um den guten Namen des Unternehmens zu schützen, muss Jack nun die kriminellen Machenschaften der Familie nicht nur decken, sondern sie auch noch unterstützen.

Ayckbourn, dem Meister der britischen Satire dient die Familie als Modell einer Gesellschaft, die den Widerspruch zwischen Leistungsideologie und schamloser Selbstbereicherung nur noch zynisch und achselzuckend zur Kenntnis nimmt. Pointiert und mit galligem Humor führt er vor, wie die Familie den Charakter verderben kann und beweist einmal mehr, dass der familiäre Zusammenhalt mitunter nur so lange besteht, wie dabei Geld zu machen ist.

www.stadttheater-klagenfurt.at

Wien, 19. 4. 2016