Nebel im August

Oktober 5, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein stiller Film über die NS-Kindereuthanasie

Ernst Lossa durchschaut das Mordsystem von Dr. Veithausen: Ivo Pietzcker und Sebastian Koch. Bild: © Filmladen Filmverleih

Ernst Lossa durchschaut das Mordsystem von Dr. Veithausen: Ivo Pietzcker und Sebastian Koch. Bild: © Filmladen Filmverleih

Kinder laufen lachend zwischen frisch gewaschenen Bettlaken umher. Der kleine Friedhof hinter dem schlossartigen Gebäude wird größer. Aus dem fernen, orangefarbenen Himmel hört man das Donnern der Alliiertenbomber. Die Rettung naht. Doch der kleine Friedhof hinter dem schlossartigen Gebäude wird größer …

Nur wenige solcher Illustrationen gestatten sich Regisseur Kai Wessel und sein Kameramann Hagen Bogdanski für die Ausgestaltung ihres Films. „Nebel im August“, ab Freitag in den heimischen Kinos, erzählt von einer der scheußlichsten Untaten des Dritten Reichs, erzählt von der NS-Kindereuthanasie, und er tut das unaufgeregt, nie pathetisch – und daher umso wirkungsvoller. Wessel ist ein ruhiger, stiller Film gelungen, wie anders könnte man versuchen etwas über das Unsagbare zu sagen?

Die Geschichte ist wahr. Michael von Cranach, Experte zur Psychiatrie im Dritten Reich und den Verbrechen, die in ihren Einrichtungen begangen wurden, befasste sich in seiner Zeit als ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren mit der Vorgeschichte dieser Klinik im Nationalsozialismus – und stieß dabei auf die Akte Ernst Lossa. 2008 veröffentlichte Robert Domes den Tatsachenroman „Nebel im August“, nun der Film. Ernst, 13 Jahre alt, ein „Jenischer“, der Vater deshalb schon bald im KZ, ist ein ungemein kluger, ergo unangepasster Bub. Die Kinder- und Erziehungsheime, in denen er aufwächst, haben ihn als „nicht erziehbar“ eingestuft und schieben ihn schließlich wegen seiner rebellischen Art in ein Institut für Behinderte ab. Nach kurzer Zeit bemerkt er, dass unter der Klinikleitung von Dr. Veithausen Insassen getötet werden. Er setzt sich zur Wehr und versucht, den Patienten und Mitgefangenen, Großteils Kinder und Jugendliche, zu helfen. Womit er sich in Lebensgefahr bringt.

Es hätte ihn beim Lesen der Krankenakte beeindruckt, wie wissend dieser Knabe geschaut habe, sagt Cranach. Keinen besseren Darsteller für Ernst Lossa hätte man finden können, als den 12-jährigen Berliner Schauspieler Ivo Pietzcker. Sein kraftvolles Spiel fährt direkt unter die Haut. Wie er erst schreit „Ich gehör‘ hier nicht her“, weil ihm vor den „Idioten“ graust, bis er begreift, dass hier einer helfen muss. Und so wird aus Ernst, dem Überlebenskünstler, der schlau auf brenzlige Situationen reagiert, eine Art Messiasgestalt für die Insassen. Am Ende, ein letztes Bild, regnet es Fische. Pietzcker ist beeindruckend, seine Mimik, seine beredten Augen; angesichts der großen Ernsthaftigkeit, bangt man mitunter darum, ob in diesem Talent noch genug Kind steckt …

Sebastian Koch gibt den Dr. Veithausen als Wolf im Schafspelz. Mit genialer Ambivalenz changiert er zwischen charmantem Anstaltsvater und selbst ernanntem Erlösergott, zwischen Karrierist und Überzeugungstäter. Ganz Eugeniker ist er von der Idee der „reinen Rasse“ überzeugt – Koch spielt das Grauen der NS-Todesmaschinerie subtil, als Subton, so wie der ganze Film nie mit Nazisymbolik um sich wirft, geht auch er nie in die Klischeefalle, spielt nie schwarzweiß, sondern alle Schattierungen von Grau.

Und während er versucht, den kleinen Patienten Gutes zu tun, ...: Carla Karsten mit Ivo Pietzcker. Bild: © Filmladen Filmverleih

Während Ernst versucht, den kleinen Patienten Gutes zu tun, …: Carla Karsten mit Ivo Pietzcker. Bild: © Filmladen Filmverleih

... bringt Schwester Edith (Henriette Confurius) den tödlichen Himbeersaft. Bild: © Filmladen Filmverleih

… bringt Schwester Edith (Henriette Confurius) den tödlichen Himbeersaft. Bild: © Filmladen Filmverleih

Bis in kleinste Rollen ist „Nebel im August“ vorzüglich besetzt. Branko Samarovski ist als Hauswart Mitwisser, aber nicht Mitläufer, einer eben, der sich gegen das System nicht wehren kann. Karl Markovics hat als Ernsts Vater nur einen kurzen Moment, da versucht er einmal noch sein Kind zu sich zu holen.  Doch weil er Jenischer ist, sei Ernst ohnehin nicht sicher bei ihm, sagt Veithausen – und Markovics sind der drohende Horror und Tod, die Demütigung und Angst ins bereits eingefallene Gesicht geschrieben. Thomas Schubert und David Bennent sind das Gegensatzpaar Pfleger – Patient, der eine hinkt, passt sich aus Angst deshalb an?, der andere lebt seine archaischen Gefühle aus. Wie sich Bennent über die Leiche eines ermordeten Mädchens wirft, beschuldigt, um sich schlägt, schließlich niedergespritzt wird, das ist eine der eindrücklichsten Szenen im Film.

Die beiden Frauenrollen sind, sucht man denn etwas zu kritisieren, ein wenig stereotyp geraten. Henriette Confurius als der schöne, kalte Todesengel Schwester Edith und Fritzi Haberlandt als Ordensfrau Sophia, die mit ihrer Fürsorge versucht zu retten, was nicht zu retten ist – und ergo zu Tode kommen muss. Als Statisten fungieren viele behinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die aus Theater- und Wohngruppen kommen. Ihnen schenkt der Film seine Sympathie.

Mehr als 200.000 behinderte und kranke Kinder und Erwachsene wurden zwischen 1939 und 1945 in deutschen Nervenkliniken getötet, weil die Nazis ihr Leben als „unwert“ abtaten. Die Täter kamen mit Bagatellestrafen davon, die realen Vorbilder für Dr. Veithausen und Schwester Edith gingen schon kurz nach dem Krieg wieder ihren Berufen nach. Siehe Heinrich Gross. Man wolle aber, so Sebastian Koch im Gespräch mit mottingers-meinung.at, mit dem Film vor allem eine Brücke ins Heute schlagen. Sei doch die Frage, was lebenswertes Leben ist, angesichts von Pränataldiagnostik und Diskussionen um Spätabtreibung oder Sterbehilfe hochaktuell. „Meine Einstellung zu all diesen Fragen“, sagt Koch, „hat sich während unseres Drehs sehr verändert.“

Sebastian Koch im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=23294

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Wien, 5. 10. 2016

Nebel im August: Sebastian Koch im Gespräch

Oktober 4, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Star in einem Film über die NS-Kindereuthanasie

Sebastian Koch als Dr. Werner Veithausen. Bild: © Filmladen Filmverleih

Sebastian Koch spielt den aus vier real existiert habenden Medizinern geschaffenen NS-Euthanasiearzt Dr. Werner Veithausen. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Nebel im August“, ab 7. Oktober in den heimischen Kinos, das ist ein Film nach einer wahren Begebenheit, in Süddeutschland, Anfang der 1940er-Jahre. Der 13-jährige Ernst Lossa, ein „Jenischer“, der Vater deshalb im KZ, ist ein ungemein kluger, ergo unangepasster Bub. Die Kinder- und Erziehungsheime, in denen er aufwächst, haben ihn als „nicht erziehbar“ eingestuft und schieben ihn schließlich wegen seiner rebellischen Art in ein Institut für Behinderte ab.

Nach kurzer Zeit bemerkt er, dass unter der Klinikleitung von Dr. Veithausen Insassen getötet werden. Er setzt sich zur Wehr und versucht, den Patienten und Mitgefangenen, Großteils Kinder und Jugendliche, zu helfen. Womit er sich selbst in Lebensgefahr bringt. Michael von Cranach, Experte zur Psychiatrie im Dritten Reich und den Verbrechen, die in ihren Einrichtungen begangen wurden, befasste sich in seiner Zeit  als ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren mit der Vorgeschichte dieser Klinik im Nationalsozialismus – und stieß dabei auf die Akte Ernst Lossa. In der Regie von Kai Wessel spielt ihn nun der 12-jährige Berliner Schauspieler Ivo Pietzcker. Außerdem spielen Fritzi Haberlandt, Branko Samarovski, Karl Markovics, David Bennent und Thomas Schubert. Sebastian Koch schlüpft in die Rolle des Dr. Veithausen. Ein Gespräch:

MM: Darf ich mit einer persönlichen Frage beginnen? Wie war’s am Set mit diesen vielen fröhlichen Kindern, in dem Wissen, dass etliche von ihnen das Dritte Reich nicht überlebt hätten?

Sebastian Koch: Schön, dass wir damit anfangen, denn mit den Kindern, und vor allem mit den behinderten Kindern zu arbeiten, war für mich das Schönste und Tollste an dem Projekt. Die Dreharbeiten gingen über zwei Monate, da entwickelt sich schon fast so etwas wie eine Familie. Man denkt ja von sich selbst immer, dass man so souverän und ungezwungen sei, und zum Teil mag das auch stimmen, aber hier war’s doch auch etwas anderes. Man tritt auf eine ganz andere Art und Weise in Kontakt, als man das sonst tut. Da kamen für mich ganz neue Fragen auf: Beispielsweise, wenn ich ein Kind tragen musste, und darüber nachdachte, wie ich es anfasse, ohne ihm weh zu tun. Daran sieht man, wie wenig wir doch über Behinderungen wissen und wie sehr unsere Gesellschaft diesem Thema nach wie vor aus dem Weg geht. Man scheut sich davor, Fehler zu machen, gerade weil man so wenig Information hat. Mir hat es sehr gut getan, das einmal so nah miterleben zu dürfen, welch bezaubernde Menschen Kinder mit Down-Syndrom sind, gerade weil sie so ungefiltert reagieren und pure Emotion leben. Sie haben eine sehr klare Wahrnehmung – und das macht unglaubliche Freude.

MM: Die Erfahrung zeigt ja, dass die Kinder mit uns viel unverkrampfter sind, als wir mit ihnen.

Koch: Absolut. Die haben überhaupt kein Problem. Eher haben wir das Problem, weil wir so wenig wissen. Durch Unsicherheit, durch Unwissenheit und Ängste ziehen wir uns fast reflexartig vor behinderten Menschen zurück.

MM: Sie spielen im Film Dr. Veithausen, ein Konglomerat aus real existiert habenden NS-Euthanasieärzten. Was ist der? Überzeugungstäter, Karrierist, glaubt er sich als gottgleichen Erlöser oder ist er Eugeniker?

Koch: Er kommt sicher aus der Eugenik. Das war ja Ende des 19. Jahrhunderts ein gesellschaftlich absolut relevantes Thema, basierend auf dem Sozialdarwinismus, der die Erbgesundheitslehre der damaligen Zeit bestimmt hat. Die Menschen waren davon überzeugt, sie machen in diesem wissenschaftlichen Bereich etwas Gutes, indem sie positives Erbgut fördern und damit den besseren Menschen erfinden. Das hat mit den Nazis per se erstmal gar nichts zu tun gehabt.

MM: In Österreich gab’s Sozialdemokraten, die der Eugenik anhingen. Allerdings wollten die durch Aufklärung über Verhütung oder Hygiene riskante Schwangerschaften verhindern, nicht geborenes Leben vernichten.

Koch: Die Nazis haben diese Geistesströmung zu ihrem Zweck missbraucht, haben 1933 mit den „Gesetzen zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ begonnen, um Schwangerschaftsabbruch zu legitimieren und Zwangssterilisation einzuführen. Alles gesetzlich legalisierte Vorgänge, die die Nazis letztlich dazu benutzt haben, eine „reine Rasse“ entwickeln zu können. Damit wurde eine Mordwaffe geschaffen, die bis zum Exzess angewandt wurde. Aber was mir eher wichtig war, worum ich Produzent Ulrich Limmer und Regisseur Kai Wessel gebeten habe, war, dass wir den Film optisch nicht zu sehr im Nazi-Milieu ansiedeln, also dass es keine Hakenkreuzfahnen und anderen  NS-Symbole gibt. Aus heutiger Sicht sehen wir zwar die Monster, aber damals waren sie nicht als Monster erkennbar. Veithausens Vorbild wird von Zeitgenossen und von seinen Mitarbeitern im Institut als netter, zugänglicher Mensch beschrieben. Zwar hat „Tiergarten vier“, das Berliner Büro die Tötungen vorgeschrieben, aber Menschen wie Veithausen haben dann die Entscheidung getroffen, wer leben darf und wer sterben muss. Für ihn war das ein medizinischer und gesellschaftlicher Durchbruch, weil er davon überzeugt war, er habe als Mediziner den richtigen Blick auf seine Patienten.

MM: Die Darstellung der Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Tatsachenroman von Robert Domes und der Forschung von Michael von Cranach. Er war ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren und fand die unaufgearbeiteten Euthanasie-Akten. Die Täter kamen mit Bagatellestrafen davon. Was wurde aus dem damaligen Anstaltsleiter?

Koch: Er hat drei Jahre bekommen, wurde aber wegen Haftunfähigkeit frühzeitig entlassen und ist später in Ehren gestorben. Ich glaube, dass er sogar wieder praktiziert hat. Die Krankenschwester, die bei uns Edith heißt und die den Kindern den tödlichen Himbeersaft verabreicht, hat nach relativ kurzer Zeit auch wieder gearbeitet. Die Entnazifizierung in Deutschland ist ja insgesamt relativ nachlässig verlaufen. Ich glaube, der Anstaltsleiter hatte in seiner Verwandtschaft auch ein behindertes Kind, was im Drehbuch weggelassen wurde. Obwohl ich mir gewünscht hätte, dass wir es erzählen, weil es der Geschichte noch eine Nuance mehr gegeben hätte.

MM: In Kaufbeuren wurde auch die E-Kost erfunden?

Koch: Die Entzugs-Kost ist eine entsetzliche Perversion, Patienten beim Essen verhungern zu lassen, indem die Nahrung, die sie zu sich nehmen, keine Nährstoffe mehr enthält. Menschen, die sich so etwas ausdenken sind „ver-rückt“, in dem Sinne, dass sich ihre Wahrnehmung verrückt hat. Solch ein Mensch sieht dann die Dinge, die er tut, als in sich logisch und berechtigt an und benimmt sich dadurch auch nicht auffällig, weil er erst gar kein schlechtes Gewissen hat. Diese verrückte Wahrnehmung und die gleichzeitige Logik, die in dieser Wahrnehmung liegt, so genau und intensiv und in sich stimmig wie möglich darzustellen, das war und ist meine Aufgabe als Schauspieler. Aus seiner Sicht hat also Veithausen mit der E-Kost etwas unglaublich Tolles erfunden. Er liebt seine Patienten, er ist sogar ein guter Anstaltsleiter, er spielt mit den Kindern, dreht sie im Kreis, aber gleichzeitig sieht er einen vermeintlich Unheilbaren, der ein Bett belegt anstelle eines anderen, der vielleicht noch eine Chance hat. Also „erlöst“ er ihn von seinen Leiden. Ich stelle Veithausen nicht aggressiv und bösartig dar, sondern als ein Mensch, der an sich glaubt und meint, das „humane“ Sterben für etwas Gutes zu ermöglichen. Für ihn ist langsam verhungern humaner als die spastischen Krämpfe, die durch Barbiturate ausgelöst werden.

MM: Wie war es mit Ivo Pietzcker, der den Ernst Lossa spielt, zu arbeiten?

Koch: Ivo ist in dem Sinne gar kein Kind mehr, er hat eine geradezu erwachsene Wahrnehmung. Man kann Dinge miteinander entwickeln, gemeinsam erfinden, das hat mich sehr erstaunt. Es war schön, mit ihm zu spielen. Wohingegen die Kinder mit Down-Syndrom einfach richtig loslegen. In der Szene, in der ich dem kleinen Toni ein Spielzeug schenke, rief von hinten immer ein anderer: Meiner! Meiner! Darauf zu reagieren, macht riesigen Spaß, weil alles immer so spontan daherkommt und man vor laufender Kamera schnell reagieren muss. Mit Ivo wiederum gibt es den Schlüsselmoment am Grab von Schwester Sophia, wo Ernst Lossa dem Veithausen „Mörder!“ ins Gesicht schreit. Und da entgleisen dessen Gesichtszüge, sie erkalten, werden hart und unsympathisch. Das ist die Szene, in der Veithausen tatsächlich zum Mörder wird, vorher war er der „Erlöser“.

Veithausen gaukelt den Kindern Väterlichkeit vor: Koch mit Frizi Haberlandt als Schwester Sophia. Bild: © Filmladen Filmverleih

Veithausen gaukelt den Kindern Väterlichkeit vor: Koch mit Fritzi Haberlandt als Schwester Sophia. Bild: © Filmladen Filmverleih

Doch der Knabe Ernst Lossa (Ivo Pietzcker) durchschaut sein Spiel. Bild: © Filmladen Filmverleih

Doch der Knabe Ernst Lossa (Ivo Pietzcker) durchschaut seine Vorgehensweise. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Denn, um es hier kurz zu sagen, das Ende für Ernst ist kein gutes.

Koch: Rettung aus diesem Mordapparat wäre auch nicht möglich gewesen. Ernst versucht zwar zu flüchten, aber auch das misslingt. Aber darum geht es auch nicht. Es geht in diesem Film darum, wie Ernst Losssa mit Kinderaugen das System entlarvt, in das er eigentlich zunächst eingearbeitet werden soll. Er wird für Veithausen zu einem revolutionären Widerpart, zum Sand im Getriebe. Und am Ende steht er als Prinzip Hoffnung wieder auf. Wenn man’s denn so sehen will.

MM: In Österreich ist die NS-Euthanasie durch Friedrich Zawrel und die Spiegelgrund-Debatten als Thema in der Öffentlichkeit präsent. Wie ist das in Deutschland? Wird Ihr Film Aufklärungsarbeit leisten?

Koch: In Deutschland ist es kein großes Thema. Die Dopplung Nationalsozialismus und Behinderung, also vermeintlich „unwertes Leben“, da will man überhaupt nicht ran. Ich hoffe, dass der Film das ändert. Man muss sich damit beschäftigen, denn diese Taten hängen in unserer Gesellschaft bis heute nach.

MM: Hängen über ihr als Glocke, die unseren Umgang mit Themen von Pränataldiagnostik bis Sterbehilfe beeinflusst.

Koch: Dazu wollte ich dringend noch kommen, denn das ist der eigentliche Grund, warum ich den Film gemacht habe: Um die Brücke zum Heute zu schlagen. Um zu zeigen, was daran für uns immer noch relevant ist. Wenn man rein an die wissenschaftliche Lehre der Eugenik glaubt, und dazu die moderne Pränataldiagnostik nimmt, ist das vom Grundgedanken her erschreckend nah beieinander. Die Pränataldiagnostik hat große Vorteile, birgt aber auch die große Gefahr, dass sie perfide und gegen jegliche Ethik einsetzbar ist. Da muss, glaube ich, per Gesetz darauf zu achten sein, dass es sich nicht plötzlich in eine Richtung bewegt, eine, die den perfekten Menschen schaffen will. Die medizinische Forschung ist schon auf dem Weg dazu. Das bringt meiner Meinung nach die gesellschaftliche Balance ins Ungleichgewicht; die Natur aber sieht vor, dass wir alle unterschiedlich sind.

MM: Und am anderen Ende der Fahnenstange? Würden Sie sich wünschen einmal vor Schmerzen, Siechtum … erlöst zu werden?

Koch: Wenn Sie auf die Sterbehilfe hinaus wollen, da haben wir in Deutschland und Österreich durch die Nazi-Zeit natürlich zu Recht Manschetten. Ein weiterer Grund, warum dieser Film so wichtig ist, ist die Frage, wann Leben lebenswert ist und wann es das vielleicht nicht mehr ist. Das darf keine Institution entscheiden, keine dritte Kraft. Das muss immer jeder für sich selber entscheiden dürfen. Ich selbst bin auch ein erklärter Gegner der Todesstrafe. Menschen dürfen nicht über anderer Menschen Leben und Tod urteilen, wer leben darf und sterben muss. Das ist für mich mit meiner ethischen Grundhaltung überhaupt nicht vereinbar. Wichtig finde ich, dass der betroffene Mensch selbst, genauso wie betroffene Eltern von Kindern mit Down-Syndrom, ein Recht haben über ihr Leben zu entscheiden.

MM: Haben Sie mit Eltern gesprochen?

Koch: Ich habe die Eltern unserer kleinen Schauspieler gefragt, wie das war, als sie in der Pränatalphase die Diagnose bekamen: Durch die Bank sagten sie, die Ärzte hätten ihnen dringend davon abgeraten, ihr Kind zur Welt zu bringen. Ganz im Sinne von: Tun Sie sich das nicht an. Was natürlich in einem Entscheidungsfindungsprozess fatal ist, da Ärzte immer noch eine Instanz sind, der man vertraut und auf die man hört, und viele sich ablenken lassen von der Freiheit der eigenen Entscheidung. Man muss sich aber seine Gedanken selber machen und ein Gefühl für die Situation entwickeln dürfen. Die Entscheidung muss in der Familie bleiben, die kann nicht an ein Krankenhaus oder eine Instanz gehen. Wenn man mit diesen Kindern so viel Kontakt hat, wie ich jetzt mit diesen Kindern hatte … meine Einstellung zu all diesen Fragen hat sich während unseres Drehs sehr verändert.

MM: Um noch ein anderes Thema anzuschneiden: Sie kommen Ende Oktober mit einem weiteren Film in die Kinos, „Im Namen meiner Tochter – Der Fall Kalinka“. Erzählen Sie etwas zur Figur Dr. Krombach?

Koch: Ja, lassen Sie uns das kurz halten. Es geht um einen realen Kriminalfall, Krombach soll ein Mädchen, seine Stieftochter, ermordet haben und es gibt viele Ungereimtheiten in dem Fall. Jedenfalls wurde er verurteilt, ist jetzt 81 Jahre alt und sitzt in einem französischen Gefängnis. Auch er ist ein Ver-rückter mit ver-rückter Realitätswahrnehmung. Mir macht es Spaß als Schauspieler, in so eine Parallelwelt einzusteigen, und ich versuche, die verquere Logik dieser Figuren zu finden. Krombach war als Monster auch nicht erkennbar. Da frage ich mich, wie man solch eine Tat begeht, ohne auch nur ein schlechtes Gewissen oder einen Unrechtssinn zu haben. Das sind vielleicht die Parallelen zu Veithausen, mehr ist da nicht.

MM: Sie drehen viel, allein für 2016 sind’s schon drei Filme, …

Koch: … wobei ich in Projekten wie „Bridge of Spies“ oder „The Danish Girl“ nur kleine Rollen hatte. Da macht man mit, weil man gerne mit dem Regisseur arbeiten möchte oder einen das Thema interessiert.

MM: … was ist denn Ihr Motor?

Koch: Solche Gespräche hier zu führen. In denen man vertiefen kann, was auf der Leinwand zu sehen ist. Da durchbricht ein Kind die Gesetze eines Systems; auch wir leben in Systemen, die über weite Strecken fragwürdig sind, da sollte man mal ansetzen nachzudenken und Gegenbewegungen zu starten. Wenn uns das gelingt, wenn eine Diskussion losgeht, dann haben wir viel erreicht.

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Wien, 4. 10. 2016

Volksoper: Axel an der Himmelstür

September 18, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Operettenrarität als ganz großes Kino

Bettina Mönch als Gloria Mills, die Hollywood Harmonists Maximilian Klakow, Oliver Liebl, Jakob Semotan, Stefan Bischoff und Andreas Bieber als Axel Swift. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Bettina Mönch als Gloria Mills, die Hollywood Harmonists Maximilian Klakow, Oliver Liebl, Jakob Semotan, Stefan Bischoff und Andreas Bieber als Axel Swift. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Volksoper startet mit einem Riesenerfolg in die neue Saison. Das Premierenpublikum von „Axel an der Himmelstür“ amüsierte sich zweieinhalb Stunden lang prächtig, entsprechend gab’s am Ende viel Jubel und Applaus. Dabei ist das musikalische Lustspiel von Ralph Benatzky und Paul Morgan gar nicht das Hitfeuerwerk, wie man es vom berühmten Komponisten gewohnt ist, und auch die Handlung ist überschaubar. Aber was Regisseur Peter Lund und sein Leading Team aus der Operettenrarität zaubern, ist einfach hinreißend. Ein gut gelauntes Ensemble präsentiert sich in Bestform und geht mit überbordender Spielfreude ans Werk.

Das Ergebnis ist ganz großes Kino. Im Wortsinn. Denn Lund, Bühnenbildner Sam Madwar und Kostümbildnerin Daria Kornysheva, die drei am Haus schon verantwortlich für „Frau Luna“, machen aus dem Stück einen Live-Schwarzweißfilm in bester Stummfilmtradition, so als müssten jeden Moment Harold Lloyd oder Fatty Arbuckle von der im Hintergrund gespannten Leinwand steigen. Auf dieser läuft Zeichentrick, laufen die Darsteller immer wieder mit den Strichmännchen um die Wette, dazu alte Fotografien von Beverly Hills Villen und den großen Studios. Was man eben so braucht für „Holly-Holly-Hollywood“, und eine Show mit allem – inklusive Showtreppe.

Über diese wird später Bettina Mönch schweben. Ganz überspannte Leinwandgöttin und immer am Rande des Nervenzusammenbruchs. Vor exakt 80 Jahren wurde „Axel an der Himmelstür“ am Theater an der Wien uraufgeführt, und die bis dahin unbekannte Zarah Leander über Nacht zum Star. „Gebundene Hände“ ist ihr bekanntestes Lied daraus. Es wirkt wie ein schlechter Scherz der Geschichte, dass, während Benatzky angewidert in die Schweiz ging, sich Leanders Bühnenpartner Max Hansen nach Dänemark flüchtete, und Paul Morgan noch 1938 im KZ Buchenwald ermordet wurde, Zarah Leander dank dieser Rolle zum Liebling des NS-Regimes aufstieg.

Peter Lund nun hat das Stück liebevoll restauriert, ein paar dramaturgische Holprigkeiten behoben und ein von den Erfindern allzu kurz angedachtes Buffopaar weiterentwickelt. Mit viel Pep erzählt er diese Persiflage aufs Filmbusiness, der Abend ist schwungvoll, schmissig und satirisch, letzteres nicht zuletzt dank der fein hinterlistigen Gesangstexte aus der Feder von Hans Weigel. Das Tempo ist hoch, das Timing stimmt. Zu all dem trägt wesentlich Lorenz C. Aichner am Pult bei, der die neuen Arrangements von Kai Tietje zum Strahlen bringt. Musikalisch geht’s von Wienerlied bis Walzer, von Blues und Foxtrott bis L’Amour-Hatscher, Höhepunkt ist ein Verführungstango, bei dem freilich sie führt.

Roman Martin, Boris Eder, Stefan Bischoff, Jakob Semotan, Kurt Schreibmayer als Cecil McScott, Maximilian Klakow, Johanna Arrouas und Oliver Liebl. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Am Set fehlt der Star: Kurt Schreibmayer als Filmmogul McScott, mit Sekretärin Johanna Arrouas und seinem Stab. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Bettina Mönch und Andreas Bieber. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien,

Doch die Leinwandgöttin champagnisiert mit dem Schreiberling: Bettina Mönch und Andreas Bieber. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien,

Sie, das ist die unvergleichliche Gloria Mills. Eine unnahbare, vor allem auch interviewunwillige Schauspielerin. Das weckt den Ehrgeiz des kleinen Klatschreporters Axel Swift, der sich mit einer Story über den Kinostar den journalistischen Durchbruch erhofft. Er verkleidet sich, um in ihr Haus zu kommen, und fliegt natürlich auf. Doch, ah, die kühle „Abgöttin dieses Jahrhunderts“ hat ein einsames und ergo heißes Herz. In der Zwischenzeit läuft Axels Geliebte Jessie wegen seines vermuteten Seitensprungs Amok, sie schnappt sich den arglosen Friseur Theodor und macht sich ebenfalls auf zur Mills-Villa. Und dann gibt es da noch Glorias verbrecherischen Verlobten Prinz Tino, einen Heiratsschwindler par excellence, und den berühmten Douglas-Fairbanks-Diamanten. Und plötzlich ist der wertvolle Stein verschwunden …

Bettina Mönch brilliert als Gloria Mills. Als großartige Komödiantin versteht sie es, diese Schönheit in Stasis aus der Fasson zu bringen, immer wieder trägt sie ihre Figur gekonnt aus der Kurve, wenn diese klagt, sie sei eine Puppe mit aufgepfropftem Image, wenn die Diva die Contenance verliert und die Stimme vom Kristallklaren ins Keifende driftet. Die Mills ist auch im echten Leben eine wahre Tragödin – und wie die Mönch das zeigt ist filmreif. Singt sie „Yes, Sir!“ macht sie daraus eine freche Revue-Nummer, wird sie von Axel aufgefordert „Zieh‘ dich aus, schöne Frau, denn du musst ins Bett“, wirft sie sich mit Verve aus der Schale.

Andreas Bieber ist ein wunderbarer Axel Swift „mit dem Stift“, den Wienerischen Stiftlmeier hat er aus Karrieregründen abgelegt. Bieber slapstickt sich durch die Szenen, dass es eine Freude ist, er ist nicht nur sängerisch und als Darsteller auf der Höhe, er macht aus seinem Axel eine Mischung aus hoffnungslos gutmütigem Tropf und beruflichem Ehrgeizling, sondern auch als Stepptänzer. Mönch und er agieren als Hinweis darauf, wie sehr Benatzky auf dem Weg war, die ehrenwerte Operette Richtung Musical zu drehen.

Boris Eder als Theodor Herlinger und Johanna Arrouas als Jessie Leyland. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ein bezauberndes Buffo-Paar: Boris Eder als Theodor Herlinger und Johanna Arrouas als Jessie Leyland. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Als Buffo-Paar Jessie Leyland, temperamentvolle Sekretärin der Scott Film Corporation, und ihr melancholischer Studio-Friseur Theodor Herlinger glänzen Johanna Arrouas und Boris Eder. Ihnen zuzuschauen macht einfach Spaß, wie sie vor Eifersucht schäumt und er sie mit Krautfleisch zu beschwichtigen sucht, wie sie später in der Unterwäsch‘ auf der Suche nach einem Liebesnest durchs Nobeldomizil pirschen. Den beiden gehört einer der schönsten Momente der Aufführung, in dem der Emigrant aus Ottakring seinem US-Girl die alte Heimat preist.

„Es sieht nah‘ und ferne das Publikum gerne den echten Film aus Wien“ heißt die Nummer, eine Liebeserklärung an die Stadt samt ihrer Klischees, Strauss und Stephansdom, Kaiser und Grinzing. Da nimmt die Volksoper sich selber und die von ihr gezeigten Genres mit großer Lust aufs Korn. Boris Eder dazu perfekt im Wienerischen und dessen Schmäh, dass er das kann, hat er ja bereits als Kerkermeister im „Bettelstudent“ bewiesen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19470). Die Hollywood Harmonists, Stefan Bischoff, Jakob Semotan, Oliver Liebl, Roman Martin und Maximilian Klakow, in diversen Rollen, Kurt Schreibmayer als tyrannischer Filmmogul Cecil McScott und Gerhard Ernst als kauziger Kriminalinspektor runden mit ihrem vergnüglichen Spiel diesen rundum gelungenen Abend ab.

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Wien, 18. 9. 2016

Landestheater Niederösterreich: Lampedusa

Dezember 12, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Gastspiel von Bernd Liepold-Mosser

2495544784_f963ec1167Es hat neben und hinter einem und bei sich selbst mindestens ein Taschentuch verbraucht, das Gastspiel „Lampedusa“ von Bernd Liepold-Mosser, das am Donnerstag am Landestheater Niederösterreich zu sehen war. Weniger wegen des Live-Bühnengeschehens, dazu später, sondern wegen der Original-Filmaufnahmen (Video: Philip Kandler), die auf der Hintergrund-Leinwand liefen. Verzweifelte Menschen, die versuchen, den Strand zu erreichen, und von den Carabinieri aufgehalten werden sollen. Verzweifelte Menschen, die es geschafft haben, und nun versuchen aus den beiden Flüchtlingslagern der Insel, die für sie wie die Gefängnisse ihrer Herkunftsländer sind, „auszubrechen“, über den Zaun zu klettern, und von den Carabinieri aufgehalten werden sollen. Prügel. Die Küstenwache, die Boote aufbringt, um sie zurückzuschicken zu Folter und Todesurteil. Oder die nur noch Tote findet. Oder Kleider. Und nackte Tote, die im Meer treiben, weil sie dachten ohne etwas an, könnten sie leichter schwimmen. Kindersärge.

Lampedusa. Davon hat man schon genug. Jeden Tag Meldungen über x Ertrunkene, x Illegale. Liepold-Mosser hat nun Texte gesampelt, die europäische Sichtweisen über das Thema reflektieren, von der touristischen Bewerbung bis zu Frontex-Strategien, von hässlichen Postings aus Internet-Foren bis zu erschütternden Kommentaren der Lampedusani, der allein gelassenen und überforderten Inselbevölkerung. Dazu lässt die Wiener Singakademie unter der Leitung von Heinz Ferlesch klassische Chöre erklingen, die von Erniedrigung, Vertreibung und Flucht erzählen. Magdalena Kropiunig, Nina Horvath, Maximilian Laprell, Alexander Meile und Kai Möller schlüpfen in unzählige Rollen. Herwig Zamernik, Frontmann der Kultband „Naked Lunch“, singt zwischendurch melancholisch Lieder wie „Seemann, lass‘ das Träumen …“

Der ganze Abend ist eindringlich schmerzhaft, sarkastisch bis es weh tut, so ernst, dass Platz fürs Lachen bleibt. Sofern man über die Blödheit der Bürokratie lachen kann. In Lampedusa hat Europa die Humanität zum Teufel geschickt. So beginnt denn auch die resolute Bürgermeisterin: „Wie groß muss der Friedhof auf meiner Insel noch werden.“ Leichen, das ist kein Scherz, werden bereits nach Sizilien ausgelagert. Gräber ohne Namen, schnell, schnell, was unter der Erde ist, ist weg von der Bildfläche. Eine Schande für den Friedensnobelpreisträger Europa. Oder soll das vielfache Sterben eine Abschreckung für die Nachkommenden sein? Die Flüchtlinge verflüchtigen sich von selbst. Doch Millionen warten noch darauf, den Massakern in ihren Ländern zu entkommen. Allein aus Afrika wollen 160 Millionen Menschen nach Europa.

Weg mit der Bürgermeisterin. Nun wird der Urlaubsort Lampedusa beworben. Antike Stätten, Sonne, Strand und azurblaues Meer. Während im Hintergrund Boatpeople die Arme schwenkend um Hilfe flehen. Chor und ein Schlauchboot kommen auf die Bühne. „Patria oppressa“ aus Verdis „Macbeth“. Aber Spaß kann sein. Paragliding über dem Meer. Tolle Restaurants. Kinderprogramm. Infos über die Buslinie und die Fähre … und darüber, dass es auf Lampedusa keine Trinkwasserquelle gibt. Regenwasser wird gesammelt. Und der Chor singt „O welche Lust“, Beethoven: „Fidelio“. Die Darsteller basteln dazu Papierschifferl. Und die alten Diskussionen gehen los: Kostenexplosion wegen der zusätzlichen Sicherheitskräfte; „unsere“ Werte und Traditionen vs deren Bildungsmanko und Beschneidungsrituale. Eine Fremde-Kultur-Invasion! Die sollen lieber ihre Länder auf Vordermann bringen! Wir haben zu wenig Kinder, aber die aus Afrika wollen wir nicht. Frontex, die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union, wurde zurückgepfiffen.Flüchtlinge aus dem Senegal beschrieben am 5. Oktober 2009 wie ihr Boot auf See aufgebracht wurde: „Wir hatten nur noch drei Tage zu fahren, da hat uns ein Polizeischiff aufgehalten. Sie wollten uns kein Wasser geben. Sie haben gedroht, unser Boot zu zerstören, wenn wir nicht sofort umkehren. Wir waren fast verdurstet und hatten auch Leichen an Bord. Trotzdem mussten wir zurück nach Senegal.“ Amnesty International, Pro Asyl und der Evangelische Entwicklungsdienst bestätigen übereinstimmend solche Berichte. Frontex-Direktor  Ilkka Laitinen gab zu, dass Frontex jährlich mehrmals Flüchtlingsboote im Mittelmeer abgedrängt und Flüchtlinge auch unter Androhung von Gewalt ohne Asylprüfungsverfahren abgeschoben hatte. Nun werden Roboter, Drohnen, entwickelt, die selbsttätig „Illegale“ aufspüren sollen. Und der Chor trägt Brahms „Selig sind, die da Leid tragen“ vor.

Liepold-Mosser haut einem die Gegensätze nur so um die Ohren. Aus dem beliebten Trainingslager der besten italienischen Fussballmannschaften wurde ein einziges großes Flüchtlingslager. Erschütternd auch die O-Töne einiger Lampedusiani. Ein Fischer, dessen Broterwerb dahin ist. Ein Souvenirverkäufer, der einpacken kann. Eine Menschenrechtsaktivistin, die sagt: „In mein Büro kommen Touristen, die fragen, wo man die Flüchtlinge am besten fotografieren kann. „Va Pensiero“ (Verdi: „Nabucco“) und Beethovens „Ode an die Freude“, immer freudloser, immer konfuser, obwohl sich im Publikum viele bemühen, die Stimme zu halten. Mit lautem Knall fliegt ein Schlauchboot vom Himmel. Erschrecken, aufschrecken allerorts.

Bernd Liepold-Mosser hat ein Projekt geschaffen, dem man den Weg durch Europa wünscht. Von Skandinavien bis zu den Mittelmeerländern. Was wiegt der Mensch? Glaubt einer wirklich, dass einer (mit Frau und Kind)  einfach drauflos die Heimat verlässt, weil’s in Europa so lustig zugehen soll? Es ist noch nicht  lange her, dass Europa Flüchtlinge, Vertriebene, vom Tod Bedrohte hatte, die um Aufnahme in ein freundliches Land bettelten. Vergessen? Niemals vergessen. Also: Brüssel: Bitte, melden!

www.landestheater.net

www.mottingers-meinung.at/bernd-liepold-mosser-im-gespraech/

Wien, 12. 12. 2014

Gelungener Auftakt für die neue Musical-Kompanie des Linzer Musiktheaters

April 15, 2013 in Klassik

Premiere: „Die Hexen von Eastwick“

Bild: Armin Bardel

Bild: Armin Bardel

Mit dem Musical „Die Hexen von Eastwick“ wurde der Reigen der Eröffnungsproduktionen im neuen Musiktheater Volksgarten, sprich Landesthater Linz fortgesetzt. Gefällige Unterhaltung weit über dem üblichen Landestheater-Musical-Niveau – mit berechtigtem Jubel.

Die neu gegründete Musical-Kompanie des Landestheaters Linz – neben den Vereinigten Bühnen Wien das einzige Ensemble dieser Art in Lande – präsentierte sich im neuen Haus mit einer österreichischen Erstaufführung: Die Hexen von Eastwick – eine Vertonung nach dem gleichnamigen Roman des US-Erfolgsautors John Updike. Bis zu sechs Musicals pro Saison abseits des Musical Mainstreams wie Cats, Phantom oder Elisabeth will Spartenleiter und Regisseur Matthias Davids künftig im neuen Haus realisieren. Einmal gelungen schon ist sein Einstand.

Auch, wenn das Werk von Dana P. Rowe (Musik) und John Dempsey (Buch) im Jahre 2000 im Westend uraufgeführt, nicht zu den erfolgreichsten seines Genres zählt, so ist diese Revue perfekt, um eine Kompanie in all seinen Facetten vorzustellen: Schmeichelnde Solo-Nummern, große Show-Szenen und amüsante, wortwitzreiche Dialoge. Der Komponist ist zwar kein begnadetet Melodiker, beherrscht jedoch sein Handwerk: gefällig und Genre-typisch von Pop bis Swing plätschert es vor sich hin und Dank der vielfältig eingesetzten Rhythmen kommt die gute Stimmung fast wie von selbst. Viel Freude bereiten die Ensemble-Nummern, auch Dank der neuen Orchestrierung und einem routinierten Schlag von Kai Tietje am Pult des Brucknerorchesters.

Zur Besetzung: Reinwald Kranner kopiert im Schauspiel ein Deut zu viel den Hauptdarsteller der Verfilmung, Jack Nicholson, und mutiert beim Singen unverständlicherweise zu einem Frank N. Furter a la Rocky Horror Show. Eine stärkere Betonung des Schauspielerischen hätte dieser Performance sicher ganz gut getan. Die drei Hexen (Lisa Antoni, Daniela Dett, Kristin Hölck) überzeugen auf ganzer Linie, ergänzen sich und haben viel Spaß auf der Bühne. Ein perfektes Ganzes bilden auch die übrigen Hauptdarsteller gemeinsam mit dem sehr motivierten, harmonisch in sich abgestimmten Ensemble. Großartig: Karen Robertson! Die studierte, australische  Sopranistin beherrscht auch das Musical-Fach und ringt ihrer Rolle einer überdrehten Kleinstadt-Lady unheimlich komische Elemente ab und geizt dabei nicht mit musikalischen Anspielungen. Ein wenig „Marschallin“ hier und ein wenig Klytämnestra. Routiniert umgesetzt wurden die Choreografischen Aufgaben von Melissa King und das Lichtdesign von Fabrice Kebour.

Ein wenig zu brav tastet sich Matthias Davids an das Werk heran. Die technischen Möglichkeiten des neuen Hauses scheinen bis auf die Dreh- und Unterbühne nicht ganz ausgereizt worden zu sein. Überhaupt: So manche große Show-Nummer, wie zum Beispiel das Finale des zweiten Aktes hätten durchaus ein wenig mehr Pep vertragen. Und soll nicht bedeuten, sich unbedingt mit den großen Musical-Bühnen des Landes machten zu müssen. Fazit: Darsteller, Ensemble und Kreativ-Team werden dem Stück, und auch der Publikumserwartung gerecht – und machen damit neugierig auf die nächste Musical-Premiere im neuen Musik-, sprich Landestheater Linz.

www.landestheater-linz.at

Von Martin R. Niederauer

Linz, 14. 4. 2013