Volx/Margareten: In der Strafkolonie

Januar 10, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Franz Kafka als fantastisches Live-Hörspiel

Extended Rage Metal im düsteren Stroboskop-Licht-und-Schatten-Spiel. Lukas Böck, Sören Kneidl und Robin Gadermaier. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

„Wie still wird dann aber der Mann um die sechste Stunde! Verstand geht dem Blödesten auf. Um die Augen beginnt es. Von hier aus verbreitet es sich. Ein Anblick, der einen verführen könnte, sich mit unter die Egge zu legen. Es geschieht ja weiter nichts, der Mann fängt bloß an, die Schrift zu entziffern, er spitzt den Mund, als horche er. Sie haben gesehen, es ist nicht leicht, die Schrift mit den Augen zu entziffern; unser Mann entziffert sie aber mit seinen Wunden.“

Im Oktober 1914, als er eigentlich an seinem „Prozess“ arbeiten sollte, schrieb Franz Kafka die Erzählung „In der Strafkolonie“. Ein schmaler Text von solcher Grausamkeit, dass der Überlieferung zufolge Zuhörerinnen einer ersten und einzigen Autoren-Lesung der Reihe lang in Ohnmacht fielen. Ein Literaturkritiker nannte Kafka hiernach einen „Lüstling des Entsetzens“ – das alles doch wie gemacht für Sören Kneidl, der nach dem Publikumserfolg „Frankenstein“ nun und wieder mit Lukas Böck und Robin Gadermaier diesen Horrorklassiker präsentiert.

Von der Roten Bar ist das Nachtvolk ins Volx/Margareten ausgezogen, um dort die von Kneidl mit Michael Isenberg und Edwin Vanecek atmosphärisch dichte Fassung zu Gehör zu bringen. Ohr deshalb, weil die Bühnendreiheit ihr Projekt tatsächlich playing things down ein Live-Hörspiel nennt. Aug‘ und Ohr, weil sich Kneidl nicht umsonst als Regisseur ausweist, ist der Abend doch eine hochtheatrale Angelegenheit, ein sehenswertes Spektakel zwischen Schlagzeug, Jazzbass und Tonbandsalat. Und wäre das Ganze nicht ein gewaltdurchwirkter Grusel, so wie Kneidl seine Natur- und Kunststoffrequisiten für diverse Soundeffekte entfesselt, man müsste an Max Böhm als „Geräuschemacher beim Hörspiel“ mitsamt des legendären rhabarber-murmelnden Bachs denken.

Umrahmt von Böcks Batterie und Gadermaiers Gitarrengemenge lässt Kneidl das in jedem Wortsinn starke Stück sich auch an den Turntables abspielen, seine Stimme mitunter mittels Loops zu einem spukhaft-bedrohlichem Über-Ich angeschwollen, dröhnend wie die harten Beats und die vibrierenden Becken. Eine Performance, ein Kafka-Kommentar, der für dessen zu Papier gebrachten Albtraum buchstäblich neue Saiten aufzieht, die Musik ein Mix aus Extended Rage Metal, kakophonischem Psychedelic und wie zerspringend klingendem Free Jazz, im düsteren Stroboskop-Licht-und-Schatten-Spiel eines Tonstudiosettings, in dem Kneidl vielstimmig mal Ich-Erzähler, mal Offizier, mal melancholischer Akkordeonist ist.

Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Bild: © Christine Miess / Volkstheater

„Und nun begann die Exekution! Kein Misston störte die Arbeit der Maschine. Manche sahen nun gar nicht mehr zu, sondern lagen mit geschlossenen Augen im Sand; alle wussten: jetzt geschieht Gerechtigkeit … der Reisende dagegen war sehr beunruhigt; die Maschine ging offenbar in Trümmer; ihr ruhiger Gang war eine Täuschung. Die Egge schrieb nicht, sie stach nur, wie sie es sonst erst in der zwölften Stunde tat.“

Man muss ein Faible fürs Makabre haben, um diesem Kafka-Hörspiel zu lauschen, dann allerdings sieht man sich in einen Zustand intensivster Gefangennahme versetzt. So auch die Delinquenten auf einer abgelegenen Tropeninsel, wo eine barbarische Exekutionsmaschine eine absurde Rechtsprechung erledigt. Ein Forschungsreisender, europäischer Experte auf dem Gebiet des Strafvollzugs, soll den kompliziert zu steuernden Apparat in Augenschein nehmen, der sich als Folterinstrument herausstellt, dass dem Angeklagten ohne vorherige Verlesung des Urteilsspruchs ihm diesen stattdessen ins Körperfleisch ritzt.

Eine blutige, viele Stunden dauernde Marter, eine Hinrichtung, denn schlussendlich wird die Prozedur bis zum Tode des Verurteilten fortgesetzt, aktuell soll einem offenbar befehlsverweigerndem Soldaten der Schriftzug „Ehre deinen Vorgesetzten!“ eingraviert werden, doch da der verantwortliche Offizier in seiner Funktion als Politamtsträger den abgestoßenen Wissenschaftler von seiner Methode zu überzeugen sucht, kommt alles noch viel schlimmer … Das geht einem unter die Haut als sei’s mit der Tatöwiernadel des Teufels gestochen, die Deutungen dazu von Gleichnis des christlichen Martyriums über Darstellung persönlicher Schreibqual bis visionäre Vorwegnahme noch zu kommender Kriege.

Lukas Böck. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Robin Gadermaier. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Mit derlei Interpretationen „meiner kleinen schmutzigen Geschichte“ – so Kafka 1917 in einem Brief an Verleger Kurt Wolff – hält sich Kneidl gar nicht erst auf, wenn er die hündisch ergebenen Sträflinge mit ihren Ketten rasseln lässt, hohnschreit, schmerzensseufzt, schließlich verröchelt, während Böck und Gadermaier den instrumentalen Wahnsinn entfachen. „Die Schuld ist immer zweifellos“, behauptet der Offizier, und den Reim auf Dingmachung durch Entmenschung, die Todesstrafe als Volksvollstreckung, den Rechtsruck aufgeklärter Rechtsvorstellungen kann sich ein jeder selber machen. „In der Strafkolonie – Ein Live-Hörspiel“ ist ein hochenergetisches Kopfgewitter zur Humanitas und der Frage, wie sich heute deren politisches Aushebeln verhindern lässt.

„Das Blut floss in hundert Strömen … ,Helft doch!‘ schrie der Reisende zu den Soldaten; der Reisende musste zu ihnen hinübergehen und sie mit Gewalt zu dem Kopf des Offiziers drängen. Hierbei sah er fast gegen Willen das Gesicht der Leiche. Es war, wie es im Leben gewesen war; kein Zeichen der versprochenen Erlösung war zu entdecken; was alle anderen in der Maschine gefunden hatten, der Offizier fand es nicht; die Lippen waren fest zusammengedrückt, die Augen waren offen, hatten den Ausdruck des Lebens, der Blick war ruhig und überzeugt, durch die Stirn ging die Spitze des großen eisernen Stachels.“

www.volkstheater.at           www.youtube.com/watch?v=QyIvBAE2fsk           vimeo.com/220284236

10. 1. 2020

Theater Nestroyhof Hamakom: Zeck

November 15, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Kafkas Käfer als parasitärer Künstler

Der Stage Manager besingt den in einen Riesenzeck verwandelten Gregor Samsa: Konrad Rennert und W. V. Wizlsperger. Bild: © Johannes Novohradsky

„kafkas werk?“, sagt der Stage Manager mittendrin, „opfer einer massenvergewaltigung! durch drei armeen von ,interpreten‘!“ Er zählt sie auf, die soziale, die psycho- analytische, die religiöse, zitiert sogar Susan Sontags Spruch, diese machten Kunst manipulierbar und bequem … Ein fishing for applause, weil: was das Kommod-Sein betrifft, kann man „Zeck“ sicher keiner Schandtat bezichtigen, der vorgeführte Frevel ist ein höchst vergnüglicher, verrückter, und vergeht in einem Karacho, dass sich einem der Kopf dreht.

Komponist Hannes Löschel und Librettist Peter Ahorner haben diese hinterfotzige Paraphrase auf Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ erdacht, ihr Werk eine surreale musikalische Familienaufstellung, dank Ahorners Kollegium-Kalksburg-Kollegen W. V. Wizlsperger dargeboten in breitestem Wienerisch, „Zeck“ – eine Dialekt-Orgien-Oper, die nun im Theater Nestroyhof Hamakom uraufgeführt wurde. Wobei Wizlsperger sowohl in die Figur des Gregor Samsa als auch von dessen Vater schlüpft, Mezzosopranistin Anna Clare Hauf die Rollen der Mutter und von Schwester Grete übernimmt, und der großartige, sich in Countersphären singende Konrad Rennert neben dem Stage Manager auch als Inkassant und Generaldirektor auftritt.

Statt alleiniger Ernährer seiner Sippschaft zu sein, ist Gregor anno 2019 allerdings ein erfolgloser Fotograf, der, wiewohl nicht wenig angegraut, nach wie vor mietfrei im Hotel Mama logiert, Kafkas Käfer ein parasitärer Künstler und auf Koks, der arbeitslose Vater ein Alkoholiker, Schwester Grete eine Malerin, nach deren Talenten ebenfalls kein Hahn kräht, während die darob verzweifelnde Mutter versucht, mit ihrem Putzfrauenjob die Mischpoche durchzufüttern – ihr Dienst-Herr Generaldirektor ausgerechnet der ehemalige Arbeitgeber ihres versoffenen Mannes, der, apropos: Dienste und anlassig wie er ist, bald mehr als nur deren saubere verlangt.

Grete und Gregor sind als Malerin wie Fotograf erfolglos: Anna Hauf und W. V. Wizlsperger. Bild: © Johannes Novohradsky

Gregor findet sein künstlerisches Genie von Gott und der Welt verkannt: W.V. Wizlsperger. Bild: © Johannes Novohradsky

Derart blickt man verächtlich aufeinander herab, doch durch die Abgründe der anderen gleichzeitig der eigenen Bodenlosigkeit ins Auge. Das Künstlerduo verspottet die Vulgarität des Elternpaars, das Ganze ein Sittenbild über Kunst, im Sinne von: Kunst ma ned an Schilling borgen?, alldieweil Gregor und Grete ihr Wälsungenblut in den Adern kocht. Bis der Bruder eines Morgens zum – O-Ton – „Parasit mit Mordsappetit“ mutiert ist. Ahorner setzt auf calembourleskes Halbsatzgestammel, und vor allem Wizlsperger versteht es prächtig, das Publikum mit dessen gewitzten Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Versen à la „Wen wundert’s, dass

ich tschecher‘, die Alten werden immer frecher“ oder „Mich macht das alles furchtbar fertig, das Leben ist so minderwertig“ zu amüsieren. Löschl hat Ahorners groteske Kasperliade in einen parodistischen Klangteppich gewoben, mal tönt’s nach Volkstümlichkeit und Wienerlied, mal trällert Rennert Fifties-Schlager oder macht auf Zauberer von Oz, mal heißt‘s „Parole parole“, mal „La donna è mobile“. Wozu Wizlsperger nicht nur mit rauer Schnapsstimme singt, sondern auch das Euphonium bläst und auf der E-Gitarre schrammelt, ein falcoesk-arrogantes Enfant terrible, in Wahrheit aber nicht weniger Prolet als der dessen angeklagte Vater.

Sein Gregor einer, der die Hauf mit dem Genäsel „Werd‘ ned hysterisch, bleib‘ lieber ätherisch“ an die Wand fährt. Dies, weil diese als Mutter wie als Grete im Streit ums Von-hint‘-und-vorn‘-Bedienen in schrille Spitzentöne kippt, der Generationenkonflikt möglich gemacht durch die Visuals von Johannes Novohradsky, die den Darstellern das Zwiegespräch zwischen Leinwand- und Live-Ich erlauben. Ausstatter Simon Skrepek illustriert die ärmliche Bedürftigkeit der Samsas mit teilgemalter Zimmer-Küche-Kabinett, mit Abwasch, uraltem Tragbar-TV und Festnetztelefon, das Faun-und-Nymphe-Gemälde Gretes eine Arbeit von Raja Schwahn-Reichmann.

„Ein Gliederfüßer ist kein Lückenbüßer“, weiß Gregor noch zu formulieren, als Grete ihm ihre Liebe aufkündigt. Zwar hat ihn der Vater zuvor mit Weihweißwein besprengt, doch hat das trotz aller gesegneten Kraftausdrücke nichts genützt. Und so emanzipiert sich Grete, wie in der literarischen Vorlage, vom uneinsichtigen Egomanen.

Herr Generaldirektor findet Gefallen an der Mutter: Konrad Rennert und Anna Hauf. Bild: © Johannes Novohradsky

„Zeck“, dieses Schimpf- und Trotzwort für Andersdenkende, passt perfekt ins Programm des Hamakom. Am Ende dieses etwas abrupt endenden Abends sparten die Zuschauer nicht mit Applaus, so skurril fanden sie’s, einem echten Wiener beim Untergehen zuzusehen. Selten hat der Begriff kafkaesk besser auf eine Bühnenproduktion gepasst.

www.hamakom.at          www.hannesloeschel.com

15. 11. 2019

TheaterArche: Das Schloss

September 27, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Superlativ von kafkaesk

Der Aufenthalt im Dorf gestaltet sich schwierig: Johnny Mhanna als Herr K. mit Bernhardt Jammernegg als Barnabas und Natalia Fonta als Amalia. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

Der Abend beginnt schon, bevor er anfängt. Mit einer kunstvoll von Margareta Ferek-Petric komponierten Kakophonie. Mit einer Kreatur, die im Vor- wie im Theaterraum auf allen vieren über den Boden kriecht, und die Zuschauer schon einmal in Augenschein nimmt. (Das heißt, eigentlich wird man von Schauspieler Bernhardt Jammernegg beschnuppert und somit die Belastbarkeitsgrenze ausgetestet.)

Die freundliche junge Frau, die die Eintrittskarten ausgibt und das Publikum am Buffet mit Getränken versorgt, wird sich später als tatsächliche Schankkraft herausstellen – Barbara Schandl ist „Frieda“. Auch Regisseur Jakub Kavin ist da, um seine Gäste zu begrüßen. Mit Grubenlicht auf der Stirn wird er im Halbdunkel seiner Inszenierung für die Licht- und Soundeffekte, inklusive einiger Loops, sorgen.

Kavin hat mit seinem Ensemble der TheaterArche Franz Kafkas „Das Schloss“ für die Bühne adaptiert. Wobei „Bühne“ hat der Spielraum des Theater Delphin, in dem die Aufführung stattfindet, keine; etwa dreißig Zuschauer sitzen an den Wänden rundum, in der Mitte ein Podest und eine Wasserflasche, das genügt für einen fabelhaften Abend von – und dies durchaus auch der Location geschuldet – hoher Intimität und Intensität. Kavins „Schloss“-Dramatisierung ist der Superlativ von kafkaesk. In eineinhalb Stunden erzählt er den Roman kompakt und schlüssig, und hat auch die eine oder andere theatrale Überraschung in der Hinterhand.

„Das Schloss“ ist einer der drei unvollständigen Romane Kafkas, Max Brod hat ihn 1926 posthum veröffentlicht. Kafka schildert darin die Erlebnisse des Herrn K., eines vorgeblichen Landvermessers, doch wird ihm der Einlass ins ihn einbestellt habende Schloss verwehrt. So bleibt er im Dorf hängen, im Gasthaus Herrenhof, und erlebt – auch am eigenen Leibe – die Abhängigkeit der Dorfbewohner vom Schloss. Es ergeben sich allerlei absurde Situationen mit den Beamten, die über die Landmenschen, vor allem deren Frauen, wie Heuschrecken herfallen. Herr K. wird von Boten, Gehilfen, dem Lehrer, dessen Schuldiener er kurzfristig werden muss, traktiert. Er verliebt sich in Frieda – und nach einer rätselhaften Unterhaltung mit der Herrenhofwirtin bricht das Fragment ab.

Jakub Kavin, der künstlerische Leiter der TheaterArche, sorgt für die Licht- und Soundeffekte. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

Wegen ihrer dauernden Müdigkeit empfangen die Beamten die Bittsteller auch im Bett: Bernhardt Jammernegg. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

Kavin versucht nichts zu deuteln. Er belässt Kafkas Text in seiner geheimnisumwitterten Abgründigkeit, ja, er tunkt in sogar komplett in diese. Es geht ihm, offensichtlich im Gegensatz zu den aberhundert Interpretierern des Stoffs, nicht darum, in Kafkas verworrener Verschlüsselung ein Aha! ausfindig zu machen. Kavin inszeniert einen Zustand, den des Protagonisten K., hineingewürfelt in eine Wahnsinnswelt, und überlässt es dem Betrachter zu fantasieren, ob und wo er derlei menschliche Verhaltensmuster im eigenen Dasein verorten möchte.

Mutet man Kavin die Vermutung zu, mit seiner Arbeit doch irgendwo angedockt zu sein, dann am ehesten bei Max Brod. Der las „Das Schloss“ als theologische Abhandlung (im Gegensatz dazu sah Adorno im Werk die Darstellung von Hierarchie- und Machtstrukturen totalitärer Systeme), und Kavin lässt seine Schauspieler einige Textstellen, die das Schloss beschreiben, wie Choräle singen. Wo Komponistin Margareta Ferek-Petric melodisch wird, klingt’s angelehnt an Klezmer.

Der syrische Schauspieler Johnny Mhanna, 2012 aus Damaskus geflohen und 2015 in Österreich angekommen, spielt Kavins K. Er und Barbara Schandl sind die einzigen, die nur mit einer Figur befasst sind. Alle weiteren Darsteller schlüpfen im Laufe der Aufführung in mehrere Rollen, sind auch abwechselnd Erzähler, und allesamt angetan mit grauen Arbeitsanzügen.

Mhanna ist ein idealer Herr K., und das nicht nur wegen seines präzisen, prägnanten Spiels, mit dem er K.s analytisch scharfe Überlegungen transportiert, sondern weil er freilich mit seinem sympathischen Akzent auch das „Fremdsein“ des K. verkörpert. Er ist arrogant, gegenüber den Gehilfen auch gewalttätig, und dies alles, so scheint’s, um das eigene Verloren- und sein Der-Situation-Ausgeliefertsein zu übertünchen.

Barbara Schandl gibt die Frieda als so lebens- wie sinnenfrohes Mädchen, das in ihrer Aufgeräumtheit die Probleme des K. als solche gar nicht erkennen kann. Weder fällt ihr die Seltsamkeit ihrer Umgebung ins Auge, noch stößt sie sich daran, die Zwangsgeliebte des Kanzleivorstehers Klamm zu sein – K. tut das natürlich schon. Sie zieht unbedarft mit K. ins Schulzimmer ein, und zieht ihn dort ins Bett, spielt zwischendurch Cello, verscheucht mit dem Bogen die aufdringlichen Gehilfen, und wenn sie nicht gestorben sind … Laut Brods Erinnerungen an Gespräche mit Kafka, sollte K. am siebenten Tage an körperlicher und seelischer Erschöpfung sterben, man weiß es nicht …

Umzingelt sieht sich K. von kriechenden Bürokraten, dies das Gleichnis zum zeichenhaften Auftakt, und wunderbar skurril illustriert mit der Akten-Szene: In der beobachtet K. die Aktenverteilung an die Beamten im Herrenhof, die um fünf Uhr morgens beginnt und offenbart, wie oft Akten verwechselt werden, woraufhin heftige Streitereien zwischen den Beamten und Gehilfen entstehen. Überhaupt sind die Beamten durch ihre Tag- und Nachtarbeit (einerseits wollen sie immer mehr Akten, andererseits kommen sie mit der Aktenschieflage nicht mehr klar) so übermüdet, dass sie Parteien und Bittsteller sogar im Bett empfangen.

Menschen mit Masken, zur Kenntlichkeit entstellt. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

Bernhardt Jammernegg spielt so einen, und zwar, dank seines von langen Haarzotteln umrahmten, kantigen Charaktergesichts, sehr schön spooky. Jammernegg ist der Riff Raff der Inszenierung, mal der keine sinnvollen Botschaften übermittelnde Bote Barnabas, mal der Beamte Bürgel, der für K.s Wünsche zugänglich scheint, weil es ihm an Arbeit mangelt und er auf eine Aufgabe geradezu lauert, der aber völlig ohne Einfluss auf die Geschehnisse im Schloss ist.

In jeder seiner Rollen spielt Jammernegg die Angst vorm Schloss mit, die Getriebenheit, die Gehetztheit der Menschen, die im Wortsinn unter ihm leben. Denn obwohl vom Schloss nie Sanktionen ausgehen, befürchten die Dorfbewohner beim Übertreten von Was-auch-immer drohe ihnen schlimmste Strafe. Der undurchschaubare, unnahbare Apparat, seine anonyme Autorität, das macht Kavin in diesen Szenen deutlich, erreichen absoluten Gehorsam allein durch ihre Existenz. Es sind diese Momente, die einen ans Jahr 2017 gemahnen – mehr Überwachung, mehr Polizei, mehr Kompetenzen für …, die persönliche Freiheit aufgegeben für die allgemeine Sicherheit.

Natalia Fonta macht im Rollstuhl und auf Schwyzerdütsch die Herrenhofwirtin, und wechselt im Aufstehen in die Position der Amalia, die das obszöne Ansinnen des hohen Schlossbeamten Sortini ablehnt, und ergo aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen wird. Gemeinsam mit Anna Anderluh gestaltet sie auch die unsäglich klettenhaften Gehilfen K.s, die angetreten sind, um ihn zu „erheitern“. Falls dies ein Synonym von überwachen ist.

Die Aufführung der TheaterArche endet endgültig im Albtraum. Aus Nebelschwaden tritt das Ensemble mit weißen Masken, das jeweils signifikanteste Merkmal ihrer Physiognomie satirisch auf die Spitze getrieben. Sie setzen sich aufs Podest und starren sprachlos ins Publikum. Mehr Spiegel braucht es nicht, um Jakub Kavins Schlussplädoyer gegen die zunehmende Gesichtslosigkeit in der Gesellschaft deutlich zu machen. Seine Bearbeitung von Kafkas „Schloss“ ist absolut sehenswert. Am 6. Tag wird K. angeboten, Pferdeknecht zu werden und in der „Mädchenkammer“ zu überwintern. Wer wollte da lieber mausgrauer Beamter sein?

Vorstellungen bis 14. Oktober.

www.theaterarche.at

www.jakubkavin.com

Derzeit versucht Jakub Kavin mittels Crowdfunding sein nächstes Projekt auf die Beine zu stellen: „Das Floß der Medusa“ nach Franzobels auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis gesetzten Roman. Infos: www.mottingers-meinung.at/?p=25256

  1. 9. 2017

Aggregat Valudskis: Verwandlungen oder Ungern als Mensch

April 11, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch, der Sau wird, hat kein Schwein gehabt

Das Aggregat Valudskis performt Texte von Darrieussecq, Kafka und Dahl: Martina Spitzer, Martin Bermoser und Julia Schranz. Bild: Deniz Arslan

Und als das Weib schlussendlich vor Vergnügen grunzt, hundeheult der Mann mit ihr um die Wette, und gemeinsam wiehert und kikerikit und schluckauft man sich dem Happy End entgegen. Happy wife, happy life, sozusagen, das tut gut, nach all den Entgleisungen und Sadismen und im Wortsinn Kopf-, nein: vielmehr Körperlosigkeiten, die in den vergangenen 75 Minuten zu sehen waren …

Das Aggregat Valudskis hat seinen Regisseur Arturas Valudskis zu einer weiteren Produktion nach Wien gebeten. Der Hörsaal der Akademie der bildenden Künste dient diesmal als Spielort, ein herrlich desolater Raum mit enger Holztribüne, zu erreichen über treppab, treppab Gänge bis in den universitären Orkus. Gruselig ist es da unten, genau die richtige, unangenehm intime Atmosphäre, die das Aggregat braucht, um Komplizenschaft mit seinem Publikum herzustellen.

Kommt Valudskis, wird Theater zu Ereignis. So auch diesmal. Der Bühnenmagier ist nicht nur einer der stilistisch maßgeblichen Regisseure in Österreich, sondern auch ein bemerkenswerter Mensch. 1963 in Litauen geboren, verweigerte er als 18-Jähriger den Dienst im Afghanistankrieg und wurde in der Folge in eine Nervenklinik eingewiesen. Er machte Untergrundtheater und Theater im Gefängnis, fand später bei einem Kapuzinermönch Schutz vor dem KGB, und kam 1994 mit einem Stipendium nach Salzburg, wo er sein „Theater Panoptikum“ eröffnete. Die Schauspieler Markus Kofler, Martin Bermoser und Julia Schranz gründeten später in Wien das nach ihm benannte Aggregat. Statt Kofler ist bei der aktuellen Produktion Martina Spitzer die Dritte im Bunde.

„Verwandungen oder Ungern als Mensch“ heißt der Abend, für den sich das Team von Texten inspirieren ließ, in denen die Tierwerdung des Menschen verhandelt wird. Im Roman „Schweinerei“ von Marie Darrieussecq wird die namenlose Mitarbeiterin eines Massageinstituts und eigentlich Prostituierte nach und nach zu einer Sau. Gregor Samsa hat sich in Franz Kafkas „Verwandlung“ bekanntlich „zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“.  Und in Roald Dahls Erzählung „William und Mary“ lebt der Philosoph und Ehemann William nach seinem physischen Krebstod als leibloses Bewusstsein weiter, weil der Arzt sein Gehirn samt einem Auge an ein künstliches Herz angeschlossen hat. Ein Triumph für seine Frau Mary, die sich sehr skurril für die erlittenen Lieblosig- und Grausamkeiten am nun Wehrlosen rächt …

Valudskis verknüpft assoziativ Fragmente aus den Texten zu seiner Analyse gesellschaftlicher Dysfunktionalität. Lakonisch lässt er die Schauspieler seine Sätze über Systeme in den Saal sprechen. Wie immer treiben ihn Fragen nach der existenziellen Beschädigung des einzelnen und seiner Bedrängnis im und durchs Kollektiv um. Es geht dem „Katholiken aus Versehen“ (© Valudskis) nie um weniger als Gott und die Welt, immer auch um Schuld, um Politik und ihre totalitären Auswüchse sowieso, um Lähmung, die aus Druck entsteht – und diesmal auch um ein Quäntchen Quantenphysik. Julia Schranz macht sich in einem großartigen Monolog an die Erforschung des Wesens der Dinge, heißt in diesem Fall: der Teilchen.

Übers Unsagbare wird gesummt. Bild: Deniz Arslan

Drei Weißclowns bei der Arbeit. Bild: Daniel Wolf

Wobei, gesagt wird beim Aggregat wenig mit Worten. Valudskis absurdes, surrealistisch „schwarzes Theater“ bedient sich der Sprache nur, wenn es sein muss. Diesmal mitunter sogar im Dialekt. In Endlosschleife wird übers ohnedies Unaussprechliche, übers Unsägliche gebrabbelt und gemurmelt und gesummt, auch Schreibversuche an der Hörsaaltafel scheitern ein ums andere Mal. Das Ringen um Ausdruck spielt sich aber vor allem in Mimik und Gestik ab, jede Zuckung wohldosiert, minimalistisch.

Es bedarf so hervorragend pantomimischer Körperkünstler, dreier Virtuosen wie Schranz, Spitzer und Bermoser, um das über die Rampe zu bringen: Valudskis feinen, subtilen Sinn für Humor, seinen Nonsens mit Hintersinn, mit dem er die alltäglichen Un/Menschlichkeiten entlarvt. Er ist ein Daniil Charms dieser Tage.

Und so werden in „Verwandlungen oder Ungern als Mensch“ Hände zu Insekten, und Finger strecken sich wie Fühler aus. Da wird Schranz von ihrer eigenen Physis überrollt.

Und Spitzer schaut so schreckerfüllt-erstaunt, so bösartig-bestürzt drein, wie wohl nur sie es kann. Da formt Bermoser für die Frauen eine Zeitungsblüte, die durchs freudige Gießen freilich „verwelken“ muss. Aggregat Valudskis, das ist – Clowneske mit melancholischer Baseline, das sind drei Weißclowns bei der Arbeit. Wer auftritt, wird von den Bühnenpartnern per Hand rauf-, wer abtritt runtergekurbelt, ex und hopp – denn gestorben wird mit natürlicher Regelmäßigkeit –  verschwindet man hinterm Katheder. Das Ganze ist, um animalisch zu bleiben, ziemlich ausgefuchst. Die Darsteller werfen sich mit Verve in unerqui(e)ckliche Verhörsituationen und andere Verlegenheiten; Menschenelend und Tierleid ist überall, wo Gott los ist … und trotzdem oder gerade deshalb ist die Aufführung zum Lachen. Eine Brille, ein Tischtuch, zwei Stühle und drei Wassergläser sind alles, was an Requisiten benötigt wird, um ganze literarische Universen entstehen zu lassen.

Denn man erkennt sie nach und nach: Bermoser als Gregor Samsa auf dem Rücken strampelnd, Spitzer als Mary, die ihrem Kopfmann frech den Zigarettenrauch ins übriggebliebene Auge bläst, Schranz als Sau mit Schlachtungsängsten. Ihr scheeler Blick sagt alles. Valudskis sagt mit seinem Gedankenexperiment über Instinkte dem wiedergängerischen Ungeist des Ewiggestrigen den Kampf an. Auf dem Programmzettel zitiert er einen weiteren experimentellen Humoristen der Verzweiflung, den bulgarischen Autor Georgi Gospodinov. Das letzte Wort hat dann Martina Spitzer mit Ernst Jandl – doch verdreht sie’s zum Vorteil fürs Steinobst:

ich bekreuzige mich
vor jeder kirche
ich bezwetschkige mich
vor jedem obstgarten

wie ich letzteres
tue weiss jeder katholik
wie ich ersteres tue
ich allein …

Zu sehen bis 23. April, Karten: valudskis@gmail.com

Arturas Valudskis im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17254

www.facebook.com/Aggregat-Valudskis

Wien, 11. 4. 2017

Theater Nestroyhof Hamakom: Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen

März 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch ist des Menschen Affe

Grantscherben im Konfettiregen: Michael Gruner spielt Kafka und Beckett an einem Abend. Bild: Nathan Spasic

Im Hamakom herrscht Endzeitstimmung. Im Hamakom herrscht Aufbruchstimmung. Erstere bedingt durch die aktuelle Produktion, Zweitere durch die akute finanzielle Situation und das „Jetzt erst recht“, das sich Intendant Frederic Lion dagegen auf die Fahnen geschrieben hat. 300.000 Euro, sagte er in einem Interview mit dem Standard, fehlten ihm für eine adäquate Bespielung der Bühne; im Herbst, so liest man, soll das brut „als Mieter“ einziehen.

Lion setzt dagegen ein starkes theatrales Zeichen. Er inszeniert Kafka und Beckett an einem Abend, lässt erstmals die Monologe „Ein Bericht für eine Akademie“ und „Das letzte Band“ aufeinanderprallen. „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen“, diesen letzten Satz des sich vermenschlicht habenden Affen Rotpeter stellt Lion über seine Arbeit, sein Haus, über seine Amour fou zum Theater. Der große Michael Gruner gestaltet als Schauspieler erst den Rotpeter, dann den Krapp. Lion hätte nicht besser wählen können, um die unbedingte Notwendigkeit des Hamakom in der Wiener Theaterlandschaft unter Beweis zu stellen. Hamakom heißt auf Hebräisch „Der Ort“ und dieser hat eine bewegte Geschichte, hat ein jüdisches Schicksal – Lion will ihm mit seinem Programm gerecht werden, mit seinem „fremdnahen“ Blick auf den Begriff Heimat, mit Stücken über Identitätssuche und -verlust in den Wirren der Zeitgeschichte und mit gewitzten Dramen über die Diskrepanz von Weltanschauung und Lebensrealität beim Menschen.

So viel nun also gleichsam zu Rotpeter und Krapp, der eine versunken in der Selbstaufgabe, in der schmerzhaften Aufgabe sich zu assimilieren, und welches Unwort könnte heutiger sein, der andere ein ewig Unangepasster, ein Unbequemer, ein Querulant. Der eine ein dystopischer Sendbote vom Planet der Affen, der andere bereits postapokalyptisch. Der eine der gelungene Versuch, der andere das Versagen, Außenseiter aber beide; Becketts „Band“ kann im Hamakom als die Kehrseite von Kafkas „Bericht“ verstanden werden. Der Mensch ist des Menschen Affe, und wenn Krapp-Gruner eine Banane (fr)isst, dann verschwimmen die ohnedies höchst durchlässigen Grenzen zwischen Hominide und Homo sapiens, dann wird aus dem manierlichen Affen ein unappetitlicher alter Mann. Nicht von ungefähr besteht die Rückwand des von Andreas Braito gestalteten Spielraums aus einem riesigen Zerrspiegel. Man sieht sich – als den anderen. Ein „King Kong“-Film aus den 1930er-Jahren läuft auf der gläsernen Leinwand, und eine vergreiste „Frankenstein“-Version ungefähr gleichen Datums. Davor – Michael Gruner.

Der Affe Rotpeter rechnet mit der ganzen Menschheit ab, … Bild: Nathan Spasic

… der Mensch Krapp per Tonband mit seinem früheren Ich. Bild: Nathan Spasic

Der Regisseur von Graden hat bei der Vorjahresproduktion „Dunkelstein“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17940) wieder Schauspielerblut geleckt und kehrt nun als Mime zu seinen künstlerischen Anfängen zurück. Sein Auftritt ist überwältigend. Und das nicht nur, weil Gruner ein präziser, ein prägnanter Sprecher ist. Wie er sich eben noch auf den Gehstock stützt, dann leichtfüßig übers Parkett tänzelt, später in Affengangart fällt, wenn sich die Natur Bahn bricht, wie er sich unters Publikum schleicht, um seine vom Leben geschlagenen Narben hautnah zu zeigen, sich dabei bis auf eine Windelhose entblößt, das ist so berührend wie bösartig. Gruner möchte einem nichts angenehm machen, Er drangsaliert mit unvorhersehbaren Wutausbrüchen, er schlägt beim Zusammenbeißen seine Zähne ins Zuschauerfleisch, er macht betroffen, wenn er von erlittenen Demütigungen erzählt. Konfetti aus der Sakkotasche macht das Schicksal, dieses „allzu erschöpfte“, erträglicher. Gruner ist stark darin, Schwäche zu (über)spielen. Sein Spiel ist unmittelbar, angriffig, auch eine eitle Wonne – und, ja, er selbst hat sich ein bisschen in es verliebt. Er stellt sein Wissen um die Texte, deren Bedeutung und seine Deutung, gern „zur Schau“ …

Für ihre szenischen Echokammern haben Lion und Gruner im Schönbrunner Primatenhaus recherchiert (Trailer: www.facebook.com/theaternestroyhofhamakom/videos/1244812368935084/). Gruner, der alte Fuchs, als Method Actor. Seine Rückkehr auf die Bühne, ist eine Beglückung, wie sie nur im Hamakom stattfinden kann. „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen“ ist der lebhaft helle Lebensschrei einer gefährdeten Existenz. Die Wiener Kulturpolitik braucht nur hinzuhören.

www.hamakom.at

Wien, 15. 3. 2017