Kader Abdolah: Der König

Januar 29, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein Land im Umbruch

9783843706216_coverAls Mitte des 19. Jahrhunderts Schah Naser al-Din König von Persien wird, befindet sich sein Reich in vieler Hinsicht noch im Mittelalter. Die Menschen leben in Armut, das Gesundheits- und Schulwesen ist katastrophal, eine kleine Oberschicht lebt in Saus und Braus, der Harem des Schahs ist groß. Naser ist von Beginn seiner Regentschaft an hin- und hergerissen zwischen seinen beiden wichtigsten Beratern: seiner Mutter Mahdolia, die die Familientradition bewahren will, und dem Wesir Mirza Kabir, einem gebildeten, weltoffenen Mann, der Persien an die europäische Moderne anbinden möchte. Die konservativen Kräfte um Mahdolia gewinnen schließlich die Oberhand. Intrigen bringen den Wesir zu Fall, ein Schicksal, das schon viele seiner Vorgänger erleiden mussten. Aber der Friede ist trügerisch, die Zahl der Feinde des Herrschers wächst und das Volk beginnt aufzubegehren. Widerstand regt sich, geheime Zellen werden im ganzen Land gebildet. Die Menschen fordern ein Parlament, Gesetze, eine Verfassung und das Ende der Willkür. Doch der König von Persien stellt sich taub. Nach dem Verschwinden seines geliebten Katers schafft er sich lieber einen kleinen Jungen an, den er wie ein Haustier hegt und pflegt, anstatt nötige Reformen in die Wege zu leiten. Die Situation eskaliert, als Naser auch noch die bis dahin unpolitischen Religionshüter, die Ayatollahs, gegen sich aufbringt. Die darauffolgenden Ereignisse lassen an den Sturz von Schah Reza Pahlavi 1979 – nicht zuletzt durch das Erscheinen des charismatischen Revolutionsführers Ayatollah Khomeini – erinnern.
Auch außenpolitisch steht es nicht zum Besten. Persien wird zum Spielball Russlands und Englands, die um mehr Einfluss in der Region rittern. Der Schah glaubt in seiner Naivität die beiden Großmächte gegeneinander ausspielen zu können, doch beratungsresistent ist er im „großen Spiel“ nur ein kleiner Bauer.
In atmosphärischen Bildern und mit einer dichten, poetischen Sprache erweckt Kader Abdolah die ferne Welt der persischen Könige zum Leben. Der Exiliraner erzählt spannend eine Geschichte über Macht und Verblendung, von einem Herrscher, der an den Interessen seines Volkes vorbeiregiert, weil er die Zeichen der Zeit nicht erkennt. „Der König“ ist jedoch mehr als das Porträt einer vergangenen Zeit. Das Buch gibt Einblicke in die Geschichte Persiens, seiner Religion (shiitische Auslegung des Islam), Sitten und Gebräuche, und es lässt sich auch als eine tiefgründige Darstellung des heutigen Iran lesen.

Über den Autor:
Kader Abdolah, 1954 im Iran geboren, studierte Physik in Teheran und war aktiv in der Studentenbewegung. 1988 floh er aus politischen Gründen mit seiner Familie nach Holland, wo er heute in der Nähe von Amsterdam als freier Autor lebt. Kader Abdolah zählt weltweit zu den bedeutendsten iranischen Exil-Schriftstellern und ist in den Niederlanden ein Bestsellerautor. Vom Autor sind u. a. auch „Das Haus an der Moschee“ und „Mohammad, der Prophet“ erschienen.

Ullstein, Kader Abdolah: „Der König“, 400 Seiten. Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby.

www.ullsteinbuchverlage.de

Wien, 29. 1. 2014

Martin Wuttke ist „Der eingebildete Kranke“

Dezember 2, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Landestheater NÖ: Lachen bis der Tod kommt

Bild: (c) Thomas Aurin

Bild: (c) Thomas Aurin

Es beginnt, nein, nicht im Theater, sondern mit dem Programmheft. Vorne, nein, nicht Martin Wuttke als Molières Eingebildeter Kranker, sondern Frank Castorf. Ein pelzverbrämter Charakterkopf. Ein Ausfall. Eine Anzüglichkeit. Zwischen dem Gottöberst der Berliner Volksbühne und seinem Bühnenbelzebub gab es mal ein Zerwürfnis. Stichwort: „Tatort“. Der verlorene Sohn ist wieder da. Ein Hündlein an der Mutter Zitzen. Um Artaud zu zitieren. Und inszenierte sich selbst und ein halbes Dutzend Mitakteure als Hypochonder Argan nebst Mitleidenden. Nun war die Produktion – Teil einer Trilogie, in der Castorf „Der Geizige“ zeigt und René Pollesch „Don Juan“ macht, in den Hauptrollen jeweils Martin Wuttke – im Landestheater Niederösterreich, St. Pölten, zu sehen. Eine Dekonstruktion Jean-Baptistes mit den Mitteln der Diskurstheaterkantinendramaturgie. Grimassieren und Klistieren als Krampf im Kopf. Wenn der Schwanz nicht ausreicht, bleibt einem immer noch das Hirn zum Wedeln. Und weil Spaß nicht sein muss, aber kann, vibriert das Ganze grand-guignolisch vor Schauspielerslapstick. Ein grotesk klamaukiges Kasperltheater. In dem Wuttke das Krokodil gibt. La Comédie-Française. La Maison de Molière. Möchte man rufen. Der Dichter-Schauspieler-Regisseur fiel in der Maske des Argan auf der Bühne tot um. Was hier natürlich mit dem berühmt berüchtigten „Backstage“-Kameraeffekt, video killed the theatrestar, das Castorf-Pollesch’sche Lieblingsspielzeug, hoffentlich schenkt ihnen das Christkind heuer ein neues, thematisiert wird. Aber weil ein Genie wie Molière für einen Überdrüber wie Wuttke nicht genügt, packt er eine Portion Antonin Artaud oben drauf.

Ah! Das kann man auskosten. Das Theater der Grausamkeit: der zerstreute Text, der entstellte Körper, die unterdrückte Stimme, die Wuttke übrigens gar nicht unterdrückt. Das Theater und sein Double. Für Artaud sollte die Aufführung nicht Nachahmung der Wirklichkeit sein, sondern eine Wirklichkeit für sich. Keine Grenze mehr zwischen ästhetischem Wert und Unwert. Dazu nahm Artaud wegen undefinierbarer chronischer Schmerzen über Jahrzehnte Drogen wie Laudanum, Opium, Heroin und Peyote. Ewig lang war er in der Psychiatrie. Wo er mit eigenem Blut und eigener Scheiße seine Thesen an die Wände schrieb. Na, das passt doch wie die Faust aufs Auge. Krankheit als (Ein-)bildung. Krankheit als gesellschaftliches Konstrukt. Artauds Kunstvisionen sowie anklagende Bezichtigungen, auch des gutbürgerlichen Elternhauses, sind in verworrener Vielfalt in Molières Text eingewoben – bitte-bitte, mach‘ doch irgendwer eine Seminararbeit über diese Inszenierung …

Ein rotweißgestreifter Vorhang auf dem „Zum Todlachen“ steht, darüber ein Plastikgeisterbahnskelett, ein Memento-Mori-Emblem, das in regelmäßigen Abständen das Stundenglas dreht, Hendrik Arnst als grobschlächtiger Spielansager (später als Argans Bruder Béralde) – so beginnt das Spektakel. Und dann er: In offenem, weißem Rüschennachthemd samt Liebestötern, mit weiß geschminktem Hundenasenclownsgesicht samt schwarzer Hundeohrenmütze, mit Stock, ein Unsympath in Schlapfen, tatterig, zitterig, schnarrt, spuckt, krächzt, kreischt, fiepst, japst, keucht Wuttke den Anfangsmonolog. Eine Aufzählung der ihm verordneten Medikamente und deren Kosten. Auf Französisch. Unsichere Blicke fallen rechts und links auf die Eintrittskarten. Im falschen Stück? Das kommt auf die Perspektive an. Regisseur Wuttke schenkt dem Schauspieler Wuttke jedenfalls nichts punkto Stimm- und Körpereinsatz. Ein dürres Menschlein in XXL. Im sanatoriumhaften, schwarzweißen Bühnenbildsalon von Bert Neumann, who else. Die Verausgabung auf Französisch bleibt Programm. Alle Darstölleeer müüsen sich der Üb-ung unterziehön mit accent zu sprechön. Dazu gibt es sicher eine EU-Verordnung: Wo Komödie draufsteht, muss Komödie drin sein. Wuttke beherrscht auch diese Disziplin, lässt sich Rieseneinläufe verpassen, die hinten rein, vorne raus und bis ins Publikum spritzen.

Seinem Wahnsinn am nächsten kommen Lilith Stangenberg, die beide Töchter Argans spielt, Maximilian Brauer als Möchtegern-Arzt/Künstler-Schwiegersohn, der der illustren Gesellschaft sowohl einen Opernentwurf als auch ein Drehbuch vorstellt, und die immer wunderbare Margarita Breitkreiz als brachialcharmante Zofe Toinette. Ein Name, der hier klingt wie Tourette. Brigitte Cuvelier gibt die schon das Grab schaufelnde, aufs Erbe geiernde Ehefrau Béline; Abdoul Kader Traoré ist ein ziemlich unscheinbarer Cléante. Dafür überzeugt Jean Chaize, der als Notar und Arzt in Krampusmaske einen wahren Feitstanz aufführt. Was Wuttke sträflicherweise unterschlägt, ist die Intrige, in die die ihn Liebenden Argan verstricken, um ihn von seiner Krankheitshysterie zu heilen und die ihn Nichtliebenden zu entlarven. Dafür heißt’s: Ducken, da fliegt ein Regieeinfall! Un-tief. Man unterwirft sich der Konformität der Volksbühnengewohnheiten. Ruckzuck geht’s mit der Handlung zu Ende. Fuck you, Molière. Da war doch noch was, will man dem Zirkus, dem Jahrmarkt, diesen Zurschaustellern nachrufen. Doch die Wandertruppe ist schon weiter. Auf dem Weg zum Intellelsein.

www.landestheater.net

Wien, 30. 11. 2013