MuTh – Justus Neumann: Häuptling Abendwind oder Kaufe Niere – bezahle bar

September 13, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das beste Bratl aus dem Publikum

Justus Neumann als Häuptling Abendwind mit der Biberhahn-Puppe. Bild: Wolfgang Kalal

Justus Neumann als „Häuptling Abendwind“ im Clinch mit der Biberhahn-Puppe. Bild: Wolfgang Kalal

Meine Herren, die Männer haben’s in dieser Vorstellung wirklich nicht leicht. Weil: Immer wenn Justus Neumann „Meine Herren!“ sagt, müssen sie aufstehen und sich verbeugen. Als „Häuptling Abendwind“ sucht er das beste Bratl aus dem Publikum für seinen Gast, den Biberhahn, und da ist der eine Zuschauer zu zäh, der andere zu fett, ein dritter zu sehnig, um einen g’scheiten Festschmaus abzugeben.

Den eigentlich dafür angedachten, einen tamilischen Flüchtling aus Traiskirchen namens „Sohn der Sonne“, hat ihm nämlich die Fremdenpolizei in Schubhaft gesteckt, also muss Ersatz her … So ist es, wenn der große Neumann sich an Nestroys Kannibalenburleske macht.

Zum angedroht letzten Mal spielt Justus Neumann dieser Tage in Wien Theater. Im MuTh begeht er diesen Abschied von seiner Heimatstadt, weil ihm der Weg von Tasmanien an die Donau mittlerweile doch zu beschwerlich wird. Das heißt, eigentlich ist er gekommen, um zu bleiben. Als Klimaflüchtling. Australien ist abgebrannt und mit österreichischem Pass tut man sich hierzulande relativ leicht punkto Asyl.

Die Nestroy Gesellschaft fühlt sich verpflichtet etwas für den nunmehr Mittellosen zu tun, und bittet ihn die Faschingsposse „Häuptling Abendwind“ aufzuführen. Als Solo. Was Neumann vor eine schier unlösbare Aufgabe stellt …

Die er natürlich mit Bravour, Publikum und einer überlebensgroßen Biberhahn-Puppe von Meisei Koji meistert. Neumann bettet den Nestroy in seine eigene Geschichte ein, und das macht er so gewitzt wie g’feanzt wie clownek – echt Wienerisch eben. Im rotweißrot gestreiften Leiberl erzählt er von den menschlichen Grauslichkeiten, gibt Couplets von Bildungsnotstand bis Notstandsverordnung zum besten, und schiache Wienerlieder, in denen kein Herz golden, aber der Zustand ein b’soffener ist. Sein Sohn Julius Schwing begleitet ihn auf der E-Gitarre, da kommt ein bissl Steve Vai-Stimmung auf, und der Höhepunkt ist sowieso die Dialektfassung von Jimi Hendrix‘ „Hey Joe“.

Neumann muss nichts am Stück aktualisieren. Er singt sich einfach durch den österreichischen Literaturkanon, da erkennt man durchaus, dass dies „kein schöner Land“ einst k.k. Kriegstreibernation war, und besser ist es lange nicht geworden, bis der Kannibalismus als Thema dieser Tage wieder Einzug hielt. Die Niere verkauft übrigens einer, der sich ums Geld dafür eine Bootsfahrt in die bessere Hälfte der Welt leisten will. Das ist so tragisch und zugleich so komisch geschildert, Neumann, dieser Faun von einem Volksschauspieler, regt wie immer zum Lachen und Gedanken machen an. Und wie immer fährt seine Fantasie Ringelspiel, wenn er Luftschlösser und Kartenhäuser baut, wenn er an die Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten des Lebens Watschn austeilt, als wären sie sein persönlicher Calafati. Auch mit dem Biberhahn ringt er auf Leben und Tod, der würgt ihn, aber Neumann kann ihm schließlich doch den Kopf abreißen …

Der Nestroy Gesellschaft hat’s nicht gefallen, ihr Präsident reagierte sogar höchst erbost. Was Justus Neumann schlussendlich aber wurschtl ist. Selbst Nestroy ist mit diesem Stück durchgefallen, die Kritik fand die Handlung zu „abgeschmackt“. Sagt Neumann. Und lässt es aus einem Tennisschläger Seifenblasen regnen.

Regie: Hanspeter Horner. Vorstellungen bis 22. September.

www.muth.at

www.justusneumann.com

Wien, 13. 9. 2016

Justus Neumann: „Alzheimer Symphonie“

September 4, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein König spielt den Lear

Blast, Winde, sprengt die Backen! Wütet, blast!
Ihr Katarakte, Wolkenbrüche, speit,
Bis ihr die Türm ersäuft, die Hähn ertränkt!
Ihr schwefligen, gedankenschnellen Blitze,
Vortrab dem Donnerkeil, der Eichen spaltet,
Versengt mein weißes Haupt! Du Donner, schmetternd
Schlag flach das mächtige Rund der Welt; zerbrecht
Die Formen der Natur, tilg alle Keime,
Daraus der undankbare Mensch entsteht.

Justus Neumann und Maschine  Bild: (c) schaexpir B. Stadlbauer

Justus Neumann und Maschine
Bild: (c) schaexpir B. Stadlbauer

Das ist der Monolog aus Shakespeares „König Lear“, dritter Akt, zweite Szene: Still Storm, an den sich Justus Neumann als alternder Schauspieler nicht und nicht erinnern kann. Einmal – die Schmuckstückszene dieser liebenswert-großartigen Aufführung -gelingt es ihm: Mit Hilfe von an die 30 Requisiten, die ihm ein Knabe bringt: Föhn, Insektenspray, Luftballons samt Holzhammer, einem Küchenmessbecher, in dem Schachtürme und ein Plastikkänguru „ersäuft“ werden, Schneebesen, Sexheft und einer Bert-Brecht-Fotografie … Zwei Jahre nach seinem „Nibelungenlied“ hat Neumann sein australisches Zirkuszelt wieder im Museumsquartier vor dem Dschungel Wien aufgeschlagen. Und zeigt dort seine jüngste Produktion „Alzheimer Symphonie“. Ein skurriles Maschinentheater, bei dem man weinen müsste und doch lachen mag, weil mit Neumann einmal mehr die Fantasie über Bord geht, und er, der sich auch Clown nennt, die Angst des Menschen vor dem Abgrund des Lebensendes wie auf dem Hochseil ausbalanciert. Ganz große Kunst! Beklemmend, wenn er sagt: „Man findet die Tür nicht mehr.“ Und damit sowohl den Bühneneingang als auch den Eintritt ins eigene Hirn meint. Melancholisch, wenn er sich an Applaus „wie ein Wasserfall“ erinnert. Verzweifelt, wenn er „Mmh“ zum Zeitwort erklärt. Seinen Socken aus einer Dose eingelegter Pfirsiche isst – und das nicht wissenhaft, wie Tramp Chaplin seinen Schuh. Politisch, wenn der das Wort Demokratie mit (Theater-) Direktion verwechselt, wo er einst Geld für den Bau von Lears Burgmauern einforderte – und abgeschmettert wurde: „Aus Nichts kann nichts entstehen.“ Vergnüglich, wenn er die Banalität des Daseins zu dessen Qualität macht, im Zwiegespräch mit einer Ameise das fehlende Salz zur Eierspeis‘ beklagt.

Denn außer Justus Neumann hat diese Aufführung einen zweiten Hauptdarsteller. Einen Star, sozusagen. Einen vollautomatisierten „Rollstuhl“, eine Überlebensmaschine, den Alltag im Kleinen. Er ist Küche mit funktionstüchtigem Herd zum Eier anbraten, Kaffee kochen, Toast machen; Bad mit Dusche zum Haare shampoonieren und föhnen (!); Sportplatz fürs Solo-Tischtennis, Bett und Bibliothek mit einem Fotoalbum, in dem der Darsteller weder seine Mutter noch sich selbst als Firmling („Warum schaut der so finster? Und da – auf dem Bild auch!“) erkennt. Schminkspiegel, Garderobe? Oder ist diese tragikomische Gestalt, die mit allen Tricks und Mitteln der Logik gegen das unaufhaltsame Vergessen ankämpft, dement wie Don Quijote gegen die Riesen/Windmühlen, längst in einer Anstalt? Die Umgebung bröckelt wie eine alte Fassade. Neumann philosophiert über Gott an sich und die Welt im Besonderen, über Sein oder Nichtsein (auch wenn das ein anderer Shakespeare ist), mit tiefstem Ernst und hochgradig lustig und umgekehrt. Und wär’s nicht Neumann, man müsste sich danach tatsächlich Sorgen um die eigene Zukunft machen. So aber hat man einen Hoffnungsschimmer fürs Ende. Friede. An der Hand des Knaben darf der Schauspieler endlich das, was er sich schon so lange wünscht: „Heim gehen!“ Das begeisterte Publikum hätte das noch nicht gewollt.

„Vergessen ist die glücklichste Erfindung, die es gibt“, sagt Justus Neumann. Und dieses eine Mal muss man ihm widersprechen. Denn die „Alzheimer Symphonie“ wird – lange – unvergesslich bleiben.

www.dschungelwien.at

Trailer: www.mottingers-meinung.at/justus-neumann-kommt-mit-dem-circus-elysium

Wien, 4. 9. 2013

Justus Neumann kommt mit dem Circus Elysium

August 26, 2013 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Alzheimer Symphonie

Bild: Wolfgang Kalal

Bild: Wolfgang Kalal

Ab 3. September bis 9. Oktober zeigt Justus Neumann im Wiener Museumsquartier, Hof 2 im Zirkuszelt vor dem DSCHUNGEL WIEN, seine „Alzheimer Symphonie“. Inhalt: Ein alternder Schauspieler vergisst während einer Aufführung von Shakespeares König Lear, seinen Text. Die Erinnerung an seine Theaterwelt verschwimmt immer mehr und Verbindungen zu seiner Umgebung bröckeln langsam ab. Mit allen Tricks und Mitteln der Logik gegen das unaufhaltsame Vergessen anzukämpfen, ist vergeblich. Es schleicht sich langsam in alle Ecken seines Lebens. Er kann sich weder an die Namen seiner Söhne noch an das Gesicht seiner Mutter erinnern. Er findet seine Socken in der Suppe und isst sie, ohne die Situation zu hinterfragen. Eine Maschine ermöglicht ihm seinen Alltag zu bewältigen. Sie ist Küche mit Herd, Bad mit Dusche, Sportplatz und Bibliothek. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich dem Schicksal zu überlassen. Dadurch öffnet sich ihm eine neue Welt. Friede, statt Kampf mit sich selber tritt ein. “Alzheimer Symphonie” ist ein skurriles, musikalisches Maschinentheater, das die Qualitäten des Lebens bis ins Persönlichste hinterfragt und uns die Hoffnung geben kann, dass das Vergessen nichts anders ist, als die wunderbarste Befreiung von einem trostlosen Alltag und einem banalen Leben. Unbedingt sehenswert!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=f7TpK1Wreao

Wien, 26. 8. 2013