Ö1-Hörspiel – Adalbert Stifter: Der Hochwald

Mai 2, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Sophie Rois erzählt eine zeitlose Geschichte vom Krieg

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

Es fängt an mit Geschützdonner. Stimmengewirr. Verzerrten Geräuschen. Der Krieg geht ins wievielte Jahr? „Die Jungen, die Kräftigen und jene mit Geld machen sich auf den Weg, gehen in sichere Gebiete. Die anderen bleiben zurück“, sagt Sophie Rois. „Sie werden Haus und Hof und Familie zu schützen versuchen. Viele werden sterben. Jene, die der Krieg nicht tötet, werden ihre letzten Sicherheiten verloren haben.“ Es war einmal. Es ist noch immer.

Erschreckend aktuell, so beginnt das Hörspiel „Der Hochwald“ nach der 1842 erschienenen Erzählung von Adalbert Stifter, nun von Andreas Jungwirth zum Hörspiel bearbeitet. Zu hören am 7. Mai um 14 Uhr auf Ö1. Ein Vater versucht seine Töchter vor dem – im Original: Dreißigjährigen – Krieg in Sicherheit zu bringen und richtet ihnen in der unberührten Tiefe des Waldes eine Hütte ein. Gut bewacht sollen Clarissa und Johanna dort das Vorbeiziehen des Feindes abwarten. Es ist, als würde hier die Zeit stillstehen, während ringsum der Tod tobt. Doch der Geliebte eines der beiden Mädchen dringt auf der Suche nach ihr bis zum Refugium vor; er wird naturgemäß für einen Feind gehalten – und das Schicksal nimmt seinen verhängnisvollen Lauf.

Bei Stifter erinnert sich ein Wanderer beim Anblick einer Burgruine an die Geschichte, die das Gebäude zu berichten wüsste, so es denn könnte. Jungwirth hat daraus eine Erzählerin gemacht, die großartige Sophie Rois. Die zukünftige Allwissende und die gewesenen Töchter des Edelmanns begegnen einander in einer Zeitlosigkeit. „Es gibt Freuden auf der Welt, die uns zerstören können, und es gibt Leiden, die kann man überstehen“, lässt die ältere Jetzige die jüngeren Vergangenen wissen. Stefanie Reinsperger und Pippa Galli leihen den Schwestern Clarissa und Johanna ihre Stimmen. Und konsequent aus der Perspektive dieser Mädchen lässt Jungwirth die unheilvollen Begebenheiten beschreiben. Er konzentriert sich, mit der Musik von Miki Liebermann und in der akustischen Umsetzung von Anna Kuncio und Manuel Radinger, ganz auf das Ausharren und Verstummen der Menschen in einer ihnen fremden Umgebung.

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

Der Reiz des „Hochwald“ liegt weniger in seiner Handlung, er findet sich in der Schilderung einer Landschaft im Süden Böhmens, rund um den Blockenstein. Hierin erst werden die Figuren beleuchtet und mit Facetten versehen; sie werden, nach anfänglichem Grauen vor der Wildnis, als Teilhabe am Wald in die Erzählung eingebettet. Er erscheint ihnen bald als eine von den Tagesschrecknissen abgehobene Welt.

Der Krieg ist ein Werk der Menschen, er zerstört sie. Der Wald aber wuchert über das alles hinweg. Rois macht mit ihrer unvergleichlichen Stimme den mystischen Wunderort, die Bäume, Gräser, Moose ohnedies ein lebender Organismus, zum Protagonisten des Hörspiels. Aber wie sie ihn gestaltet, so schwingt gleichsam auch das atemlose Erstaunen der Mädchen oder die abwartende Ruhe der Männer in ihrer Erzählweise mit.

Paul Wolff-Plottegg spricht den Vater, ganz „wunderschöner, ehrwürdiger Greis“, der den Töchtern doch fremd bleibt, Raphael von Bargen den in seiner Werbung zurückgewiesenen Ritter. Michael König ist als Jäger Gregor, der Beschützer der Mädchen, ein Waldwesen, zu dem im Tann „alles spricht, alles erzählt“. Entgegen seiner sanftmütig weichen Stimme steht Laurence Rupp als Ronald. Clarissas Verehrer ist ein unglücklich Liebender, trotzig-verletzt fordert die beiden von einander Erklärungen, die die Liebe kaum zu geben mag. Diese Passagen mit Stefanie Reinsperger sind die schönsten, und Rupp lässt wie vorgeschrieben die „wilde Hoheit“, dieses „etwas das fleht und etwas das herrscht“ seiner Figur anklingen.

Wie der Krieg näher rückt und um Botschaft ausgesandte Knechte nicht wiederkommen, wie durchs Fernrohr nur noch verkohlte Trümmer und andere Schlachtenreste zu erkennen sind, so stattet Jungwirth den Sound mit einem Schellack-Gekratze und Radio-Knistern aus. Wenn der Empfang schlecht ist, ist der Mensch nicht mehr Menschenfreund. Daran vermag auch der Wald nichts zu retten. „Darum haben wir ja den Staat, daß wir in ihm Menschen seien. Denn was den allergrößten Schaden bringt, sind die unreifen Politiker, die in Träumen, Deklamationen und Fantasien herumirren und doch so drängen, dass nur das Ihrige geschehe“, formulierte einst Adalbert Stifter. „Der Hochwald“ – unbedingt hörenswert!

oe1.orf.at

www.andreasjungwirth.at

Wien, 2. 5. 2016

Ö1-Hörspiel – Andreas Jungwirth: Langholzfeld

März 23, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Karl Markovics erzählt eine Familiengeschichte aus Linz

Karl Markovics als Ich-Erzähler Bild: mottingers-meinung.at

Karl Markovics als Ich-Erzähler
Bild: mottingers-meinung.at

Am 26. März, 14 Uhr, ist auf Ö1 das Hörspiel „Langholzfeld“ von Andreas Jungwirth zu erleben. Die vielschichtige, dialogische Erzählung ist in der Regie von Harald Krewer hochkarätig besetzt: Karl Markovics spricht den Ich-Erzähler, Nikolaus Barton und Branko Samarovski teilen sich die Rolle von dessen jungem und altgewordenem Vater. Elfriede Irrall ist als Mutter zu hören, Julia Gschnitzer als Nachbarin Frau Seethaler und Umut Dağs Schauspielstar Murathan Muslu als neu zugezogener Hakan. Maria Hofstätter ist eine Ärztin des Vaters, David Miesmer leiht dessen Jugendfreund Otto seine Stimme. Peter Imig komponierte die Musik.

Langholzfeld, das ist eine kleine Einfamilienhaussiedlung am Rande von Linz, entstanden in den 1960er-Jahren, als sich hier größtenteils Flüchtlinge aus den ehemals deutschen Gebieten in Rumänien und Jugoslawien ansiedelten. Nun sind diese Leute alt, gehen ins Altersheim, sterben weg, der Ort stirbt aus – bis auf die paar Häuser, die von „Ausländern“ erworben werden. Neuen Neuzugezogenen, Türken, Mazedoniern, und die werden argwöhnisch beäugt. Dreißig Jahre nachdem er aus der kleinen Kolonie in die große Stadt geflüchtet ist, kehrt der Erzähler in seinen Heimatort zurück, um zu erfahren, zu recherchieren und zu dokumentieren. Doch was er von den Eltern und den Nachbarn erfährt, ist weit mehr als die Chronik eines Fleckens im Niemandsland der Landkarte. Vor und zurück spult sich auch als Sound ein (Ton-)Band, das Menschen über alle Grenzen hinweg miteinander verbindet …

Andreas Jungwirth erzählt eine Familien- und Flüchtlingsgeschichte, erzählt von Vertreibung und Verdrängung. Die Menschen in „Langholzfeld“ hatten und haben Träume, und diese Träume werfen die Frage auf, was Freiheit ist und wer wo fremd. Da ist beispielsweise die ehemalige Nachbarin Frau Seethaler, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Südosteuropa nach Linz kam und eigentlich weiter in die USA wollte. Ihr Wunsch erfüllte sich nicht. Nun lebt sie im Seniorenheim und sagt über ihre aus Osteuropa stammende Pflegerin Swetlana: „Die meisten, die hier arbeiten, kommen nicht von hier. Ich mag die nicht.“ Wie für sie Amerika, war für Hakan Österreich das Sehnsuchtsland. Im Keller seines kürzlich erworbenen ganzen Stolzes hat er einen Betraum eingerichtet, eine neue Gemeinde trifft sich hier, die alte installiert deshalb Alarmanlagen und demonstriert, „dass sie das nicht wollen hier“. Vor allem jeden Freitag keinen Parkplatz haben! Ganz klar, dass da was passieren muss. Nur der Vater versucht, sich das Fremde vertraut zu machen. Die Jugoslawen oder Türken gegenüber, das hat er noch nicht ganz durchschaut, „des san ganz Nette“, weiß er und führt mit Hakan Gartenzaungespräche.

„Ich will keine Träume, die sich nicht erfüllen lassen“, sagt er und beginnt 1961 mit dem Häuslbauen. Später wird im Wohnzimmer eine Fotografie von New York ausweisen, dass es da einen ganz großen gab, den er sich verwehrte. In „Langholzfeld“ kommt eine Kriegsgeneration zu Wort, die nicht geübt ist darin, ihre Ängste und Anliegen zu artikulieren. Jungwirth schildert eine Gegend braver Wiederaufbauer, deren Geschichte nicht aufgeht, weil sich „die Jungen“, nicht zuletzt auch der Ich-Erzähler, ihr von der Zeit überholtes Lebenswerk nicht aufladen lassen wollten. Es ist ein liebevoller, ein herzblutwarmer Text, den der Autor da geschrieben hat. Eine behutsame Annäherung an den Vater und das Erkennen, das der Kindheits-Fels in der Brandung allmählich bricht. Branko Samarovski berührt als einer, dem das Alter den Boden unter den Füßen wegzieht. Elfriede Irrall hat als seine Frau nur eine Lösung parat: „So weiter tun, wie bisher.“

Und dann ist da Otto, gesprochen von David Miesmer, der Schul- und spätere Brieffreund des Vaters, der seine Träume vom Zeichenblock nicht unter den Rinderhälften der Familienfleischerei begraben wollte. Er ist gegangen und ist berühmt geworden und schreibt regelmäßig und der Vater will über seine verpasste Chance nicht einmal heute philosophieren. Und vor allem nicht mit seinem Sohn. Und wie jede gute Seele hat die großartige Julia Gschnitzer als Frau Seethaler auch dafür einen Spruch parat, nämlich den: „Wenn der Herrgott ned wü …“ Absolut hörenswert!

Hörprobe: oe1.orf.at/hoerspiel/suche/14861

www.andreasjungwirth.at

Wien, 23. 3. 2016

Atelier Jungwirth: Marco Longari

August 18, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Bilder aus dem Gaza 2014

Und der HERR gab sie in die Hände Israels, und sie schlugen sie … und erschlugen sie, bis niemand mehr unter ihnen übrig blieb. (Josua 11, 8-15)

Bild: Marco Longari / AFP

Bild: Marco Longari / AFP

„Ich bin erschöpft, am Ende, wütend und indigniert. Es ist wohl das Schlimmste, was ich je gesehen habe“, mailte der Fotograph Marco Longari kürzlich aus Gaza. Nur wenige Tage nach seinem letzten Einsatztag im Kriegsgebiet, das er als jahrelanger Chef des Nahost-Büros von Agence-France-Presse ausgezeichnet kennt, zeigt das Grazer Atelier Jungwirth 29 seiner erschütternden Aufnahmen.

Marco Longari kam 1965 in Rom zur Welt und schloss seine Ausbildung am renommierten Istituto Superiore di Fotografia in Rom ab. Nach einigen Jahren in Ruanda übernahm Longari das AFP-Büro in Nairobi. 2007 zog er mit seiner Frau und den beiden Söhnen nach Jerusalem, wo er bis zum Jahresende das AFP-Büro für Israel und Palästina leitete. Mit Jahresbeginn übernahm Longari die Führung des Afrika-Büros von AFP in Johannesburg. Im Vorjahr kürte ihn das Time-Magazin zum Photographen des Jahres.

Nach den ermutigenden Bildern vom Freiheitskampf der Ägypter am Tahrir-Platz, die das Atelier Jungwirth 2011 als erste Ausstellung in der Reihe „flashlight“ zeigte, lädt es nun zur vierten Ausgabe dieser aktuellen Ausstellungsreihe: Gaza 2014.

www.atelierjungwirth.com

Interview: www.youtube.com/watch?v=-0WENEcURTE

Wien, 18. 8. 2014

Kunsthalle Krems: Sommerausstellungen

Juli 1, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Von Jungwirth und Schmoll bis Buñuel und Dalí

Ein Andalusischer Hund (Un Chien Andalou), 1928, Filmstill  Bild: © Kineos Gmbh, 2014

Ein Andalusischer Hund (Un Chien Andalou), 1928, Filmstill
Bild: © Kineos Gmbh, 2014

Die Kunsthalle Krems zeigt ab 13. Juli drei Ausstellungen:

Retrospektive Martha Jungwirth

Die Kunsthalle Krems widmet der 1940 in Wien geborenen, großen Einzelgängerin der österreichischen Kunstszene die erste Retrospektive mit Werken aus fünf Jahrzehnten.

Nach ihrem Studium an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien (1956-1963) tritt sie mit Arbeiten in unterschiedlichen Medien wie Bleistiftzeichnungen, Aquarellen sowie Arbeiten in Öl und Tusche an die Öffentlichkeit. Bereits früh folgen Auszeichnungen wie der „Theodor-Körner-Preis“ (1964) oder der „Joan-Mirò-Preis“ (1967). 1968 zählt sie als einzige Frau zu den Gründungsmitgliedern der losen Gruppe der „Wirklichkeiten“. Allerdings beschritt Jungwirth mit ihrer bereits damals zwischen gestisch-abstrakten und gegenständlichen Kompositionen hin und her oszillierenden Malerei konsequent einen eigenständigen und unverwechselbaren Weg.
Thematisch kreiste ihr zeichnerisches Werk anfänglich um das soziokulturelle Umfeld der Frau. Zyklen mit Titeln wie „Hausfrauen-Maschinen“ (1975) oder „Die Schwarze Küche“ (1976) lassen feministische Ansätze vermuten; vielmehr jedoch faszinierte Jungwirth dabei das Innenleben von Alltagsgeräten, nicht zuletzt inspiriert durch die Strenge der Architekturzeichnungen eines Mies van der Rohe. Mit diesen wie Röntgenbilder anmutenden Zeichnungen von Haushaltsgeräten rückte Jungwirth 1977 auf der documenta 6 in Kassel erstmals in den Blickpunkt der internationalen Kunstszene.

Neben Alltagsgegenständen sind reale Vorlagen wie Stadt- oder Landschaftsdarstellungen eine Inspirationsquelle oder – wie die Künstlerin es formulierte – ein „Vorwand“, um persönliche, visuelle Eindrücke festzuhalten. Jungwirths Werke haben immer eine in der Realität vorgefundene Situation zur Grundlage, die als Stimulus fungiert und aus deren Seherlebnis die Künstlerin ihren Schaffensprozess generiert. Dabei geht es ihr nie um eine Rekonstruktion, sondern immer um eine Reflexion auf die Wirklichkeit.

In diesem Schöpfen aus dem eigenen Erleben bannt sie Spiegelbilder menschlichen Seins auf die Bildträger. Dies geschieht aus einer Kombination energiegeladener Spontaneität und zeitgleicher Kontrolle ihrer ästhetischen Prinzipien. In diesem Spannungsfeld zwischen Gestik, Form, Spur und Farbe untersucht Jungwirth die Grundprinzipien malerischer Parameter. Dies entspricht einem ständigen Experimentieren mit offenem Ausgang: Spontanen Eingebungen folgend, setzt Jungwirth energiegeladene Markierungen auf Leinwand oder Papier, die sich zugleich durch Schichtung, Überlagerung oder Verwischung wieder entziehen und durch diesen ambivalenten Akt des Zeigens und Verbergens das Bildfeld in Bewegung und zugleich in einen Schwebezustand versetzen. Ihr resoluter Arbeitsprozess bleibt nachvollziehbar, nichts wird kaschiert oder verschönt, im Gegenteil, der Zufall und das energisch Intuitive mit all den Korrekturen, Flecken, Schlieren und Rinnsalen des Malerischen bleibt sichtbar und schafft eine Atmosphäre der Offenheit, Leichtigkeit und Transparenz.

Jungwirths charakteristische Kompositionen, die sich durch ihren eruptiven gestischen Duktus und ihr kraftvolles Kolorit auszeichnen, sind poetische wie dramatische Notationen von Erfahrungen, Stimmungen und Erinnerungen, die aufgrund ihres hohen Abstraktionsgehalts Raum für zahlreiche Assoziationen lassen.

Gregor Schmoll: Orbis Pictus

Gregor Schmoll (* 1970), der „Monsieur Surrealist“ der österreichischen Gegenwartskunst, studierte bei Michelangelo Pistoletto und Heimo Zobernig an der Akademie der bildenden Künste in Wien.

In seiner künstlerischen Arbeit verbindet er Fotografien und (Raum-)Skulpturen zu aufwendig inszenierten Gesamtinstallationen. Stets zeigen diese sein Bestreben auf, die Grenzen zwischen Realität und Imagination zu verwischen, indem er scheinbar Alltägliches in surreale wie absurde Zusammenhänge überführt.

Schmolls Arbeit beruht dabei auf der Überzeugung, dass Wahrnehmung stets vom soziokulturellen Kontext geprägt ist. Dementsprechend schöpft der Künstler für die Herstellung seiner Arbeiten aus dem Reservoir des kulturellen Bildergedächtnisses. Oftmals ist hierbei der Bilderkanon der Kunstgeschichte Ausgangspunkt seiner poetischen wie ironischen Reflexionen. Seine Polaroid-Serie „Aus der Privatsammlung“ versammelt Zitate prominenter Werke der Kunst- und Fotografiegeschichte, die in alltäglichen Situationen verortet werden. Eine vergleichbare Verfremdung erfahren Motive aus Arbeiten Max Klingers oder Rudolf Schwarzkoglers in der Serie „Evidence of Dreams“, wenn sie sich im Mantel fotografisch festgehaltener, medizinischer Versuchsanordnungen präsentieren.

Mit dieser, dem Traumbild vergleichbaren Entstellung des kollektiven Bildrepertoires gelingt es Schmoll komplexe Bezugssysteme zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Wissensbereichen von der Psychologie bis zur Literatur herzustellen. Gleichzeitig zeigt er auf, dass unser Sehen im Alltag stets durch Bilder eines kulturellen Bildgedächtnisses vorstrukturiert ist. Er entlarvt dessen Inhalte nicht nur als Vermittler spezifischer Denk- und Wertmuster, sondern auch als Grundlage bestehender Wirklichkeitskonstruktionen.

Seine kritische Hinterfragung der Realität macht auch vor dem Selbst- und Künstlerbild nicht Halt. Wenn sich Schmoll in seiner Serie „My Life as Monsieur Surrealist“ als Pygmalion oder Fantomas inszeniert, oder in der Arbeit „Vexations“, aus den Profilansichten seiner zu Grimassen verzerrten Selbstporträts, die Außenkonturen von Porzellanvasen bestimmt, geht er der Frage nach, wie kulturell überlieferte Bilder die eigene Selbstwahrnehmung beeinflussen und Identität prägen.

Mit der Präsentation aller zentralen Werkgruppen der letzten zehn Jahre ist Schmolls Ausstellung in der Kunsthalle Krems die bisher umfassendsten Personale des Künstlers in Österreich. Sie offenbart seine Kunst als „Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur“, die „miteinander in Dialog treten, sich parodieren, einander in Frage stellen“ (Barthes). In der Zusammenschau werden seine Arbeiten zu einem Orbis Pictus, einem Bilderkosmos, der die geläufige Wahrnehmung der Wirklichkeit ins Wanken bringt, ebenso wie er neue Zugänge zu ihr eröffnet.

Ein andalusischer Hund: Luis Buñuel und Salvador Dalí

Das frühe filmische Meisterwerk von Buñuel und Dalí, 1928 inszeniert, ging als Ikone des surrealistischen Avantgardefilms in die Geschichte ein.

Basierend auf dem sich gegenseitigen Erzählen ihrer Träume, schrieben Buñuel und Dalí ein Drehbuch, dass durch surreale und absurde Szenarien eine Hymne an die Welt des Unbewussten und zugleich ein subversives Manifest gegen die vermeintlich zivilisierte Bourgeoisie und ihre überlieferten Vorstellungen von Kultur, Moral oder Religion darstellt. Der nach freien Assoziationen entstandene Film siedelt Traum und Wirklichkeit auf derselben Ebene an.Indem er mit unlogischen Bildübergängen arbeitet und kausale Zusammenhänge vermeidet, löst er das konventionelle Zeit- und Raumkontiuum auf. Durch diese experimentelle Methode erschließt sich der Sinn des Films weniger durch die Erzählung selbst, als vielmehr durch rätselhafte und abstruse Bildmotive, die noch heute bei der Betrachtung verstörend wirken. So ging der Schnitt mit einem Rasiermesser durch ein Auge als einer der schockierendsten Momente des Weltkinos in die Filmgeschichte ein.

www.kunsthalle.at

Essl Museum: Made in Austria

März 11, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Karlheinz Essl selbst kuratiert

Maria Lassnig, Science fiction, 1988, 2-teilig, Öl auf Leinwand, © Sammlung Essl Privatstiftung, Klosterneuburg / Wien  Bild: Mischa Nawrata, Wien

Maria Lassnig, Science fiction, 1988, 2-teilig, Öl auf Leinwand, © Sammlung Essl Privatstiftung, Klosterneuburg / Wien
Bild: Mischa Nawrata, Wien

„made in austria“ ist die titelgebende Ausstellung für das Jahresmotto 2014 des Essl Museums, das heuer sein 15-jähriges Bestehen feiert. Aus diesem Grund wird das Ausstellungsprogramm der österreichischen Kunst, dem Kern der Sammlung Essl, gewidmet. Karlheinz Essl, der die Ausstellung selbst kuratiert, zeigt seine persönlichen Schwergewichte der jüngeren österreichischen Kunstgeschichte und setzt ihre Werke in den Galerieräumen in reizvolle Beziehungen zueinander.

Zu sehen sind Werke von Friedensreich Hundertwasser, Max Weiler, Maria Lassnig, Arnulf Rainer, Markus Prachensky, Josef Mikl, Wolfgang Hollegha, Herbert Brandl, Hubert Scheibl, Franz West, Erwin Wurm, Franz Ringel, Martha Jungwirth, Kurt Kocherscheidt, Günter Brus, VALIE EXPORT und Hermann Nitsch.

Der Kern der Sammlung
„Museen sind das kollektive kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft. Oft hörte ich, dass wir nun für zeitgenössische Kunst jene Aufgabe erfüllen, welche viele öffentliche Museen für alte Kunst innehaben. Unsere Sammlung ist natürlich gewachsen, auf heute mehr als 7000 Kunstwerke. Sie bildet einen Großteil dessen ab, was seit dem Ende des Krieges in der österreichischen Kunst in einem internationalen Kontext geschehen ist. Im 15. Jahr unseres Bestehens möchten wir diesen österreichischen Kern ins Zentrum des Ausstellungsgeschehens rücken. Mit „made in austria“ präsentiere ich meinen ganz persönlichen Blick auf dieses Kunstgeschehen“, so  Essl. Der Sammler zeigt jene Künstlerinnen und Künstler, die für ihn ihre Spuren deutlich in der österreichischen, aber auch in der internationalen Kunstwelt hinterlassen und das weltweite Kunstgeschehen beeinflusst haben. In der Ausstellung stellt er spannungsvolle Bezüge zwischen den einzelnen künstlerischen Positionen und Kunstwerken her – mit Dialogen, aber auch Reibungspunkten, mit unerwarteten Einblicken und Überraschungen. Alle siebzehn Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung kennen Agnes und Karlheinz Essl seit langen Jahren persönlich, mit vielen verbindet sie eine langjährige Freundschaft. Das Sammlerpaar hat sie oft in den Ateliers und bei Ausstellungen besucht, ihre künstlerische Entwicklung leidenschaftlich mitverfolgt und immer wieder auch Werke für die Sammlung angekauft.

Max Weiler und Friedensreich Hundertwasser
Im ersten Ausstellungsraum treffen vegetative Naturformen von Friedensreich Hundertwasser auf die spirituelle Landschaftsbetrachtung von Max Weiler. Für Hundertwasser ist die Natur das Allumfassende, seine Kunst prägen organische, vegetative Formen, der Kreis und insbesondere die Spirale. 1972 entwirft Hundertwasser die „Regentage-Mappe“, eines der ersten Kunstwerke, das für die Sammlung Essl angekauft wurde, welche sich auf das Frühwerk bis Anfang der 1960er-Jahre konzentriert.
Weiler sieht das Spirituelle in der Natur, in den Malereien der 1950er-Jahre abstrahiert er die Naturformen immer mehr. In der wegweisenden Werkserie „Wie eine Landschaft“ der 1960er-Jahre nimmt er Probierpapiere als Vorlage für seine großformatigen vergeistigten Landschaftsmalereien. Diese Werkserie stellt einen zentralen Wende- und Höhepunkt in seinem künstlerischen Schaffen dar.

Maria Lassnig und Arnulf Rainer
Maria Lassnig und Arnulf Rainer ist der zweite Ausstellungsraum gewidmet. Nach Aufenthalten in Paris und vor allen New York wurde Lassnig 1980 als erste Professorin an die Universität für Angewandte Kunst nach Wien berufen. Ab diesem Zeitpunkt haben Agnes und Karlheinz Essl ihre Werke gesammelt. Werke aus diesen Jahren werden auch in der Ausstellung gezeigt. In einem mutigen Akt der Selbstdarstellung und Entblößung bringt Lassnig körperliche wie psychische Befindlichkeiten zum Ausdruck, dabei zeigt sie schonungslos ihre Sehnsüchte, besonders auch ihre Ängste und ihr Leiden. Auch Rainer entblößt sich in den Automatenfotos, er präsentiert ein fratzenartiges Gesicht und wirft einen skeptischen Blick auf sich selbst, aber auch auf Gesellschaft und Welt. Durch die malerische Bearbeitung wird dieser Ausdruck noch verstärkt. Die „Face Farces“ treffen auf Lassnigs malerische Selbstentäußerungen. Daneben sind Kunstwerke aus Rainers Frühzeit zu sehen – Werke, mit denen er sich in die internationale Kunstgeschichte der Nachkriegszeit eingeschrieben hat: mehrere Fingermalereien, insbesondere aber eine Zentralisation und eine frühe schwarze Übermalung.

Markus Prachensky, Josef Mikl, Wolfgang Hollegha, Herbert Brandl, Hubert Scheibl
Der größte Galerieraum lebt von der Gegenüberstellung zweier Künstlergenerationen: auf der einer Seite die abstrakten Maler der Nachkriegszeit Markus Prachensky, Josef Mikl, Wolfgang Hollegha (die Künstler der Gruppe „St. Stephan“ rund um Monsignore Otto Mauer), auf der anderen Seite zwei Vertreter der „Neuen Wilden“ aus den 1980er-Jahren, Herbert Brandl und Hubert Scheibl. In der Ausstellung sind nur Arbeiten zu sehen, in denen das Figurative nicht mehr sichtbar ist. Holleghas intensive malerische Formfindung mit dünnem Farbauftrag geht vom realen Gegenstand aus, der sich dann aber zugunsten der farbintensiven Abstraktion vollkommen auflöst. Auch der abstrakte Realismus von Mikl entwickelte sich aus Körperteilen, insbesondere Gelenken – sie sind Grundlage für seine freien Umsetzungen in Malerei. Prachensky entwickelte eine am internationalen Informel orientierte, expressive Malweise. Die Farbe Rot und tektonische Elemente sind wesentliche Bestandteile seiner gestisch abstrakten Bilder. Die in der frühen Schaffensphase expressiven Bilder von Brandl fanden später in subtil gemalten Werken, die kosmisch-spirituelle Landschaften erahnen lassen, ihre Fortsetzung. Scheibls in vielen Schichten aufgetragene, abstrakte Bilder bestechen durch ihre Farbigkeit, Dichte und Intensität. Es sind zutiefst meditative Bilder, die zu einer kontemplativen Betrachtung einladen.

Franz West und Erwin Wurm
In einem weiteren Ausstellungsraum liegt der Fokus auf der Skulptur, ein zentraler Schwerpunkt in der Sammlungstätigkeit. Franz West und Erwin Wurm sind in diesem Medium äußerst innovative Wege gegangen. West hat mit viel Witz und meist unter Verwendung „armer“, kunstferner Materialien zu einen erweiterten Kunst- und besonders auch Skulpturbegriff beigetragen. So zum Beispiel durch seine „Passstücke“: diese zunächst aus Papiermaché hergestellten Objekte sind nicht als Skulpturen per se gedacht, sondern als „körpererweiternde Prothesen“. West arbeitet auch mit der Technik der Collage, indem er Bild- und Malerei ideenreich miteinander kombiniert. Auch Wurms Arbeit ist von einem distanzierten und ironischen Blick auf die Skulptur gekennzeichnet. Durch die Dekonstruktion traditioneller Elemente der Bildhauerei erweitert er den Skulpturenbegriff: Autos werden fett, Häuser schmelzen, Körper werden durch ihre Kleidung hilflos und unbeweglich. Mit den „One-Minute-Sculptures“ wurde er in den 1990er-Jahren international bekannt. Begleitend zu den skulpturalen Arbeiten ist bei Wurm die Videostillserie „One Minute Sculptures“, bei Franz West die Collagen und Schriftbilder der „Eisenbahner Serie“ zu sehen.

Franz Ringel, Martha Jungwirth, Kurt Kocherscheidt
Es war zu Beginn der Sammlertätigkeit, als der Grafiker und Aquarellist Kurt Moldovan das Sammlerehepaar auf eine Reihe von jungen, ambitionierten Malern aufmerksam gemacht hat. Moldovan versammelte um sich eine Gruppe von jungen Künstlern und Künstlerinnen, die erstmals zusammen vom Kunsthistoriker Otto Breicha 1968 in der Ausstellung „Wirklichkeiten“ präsentiert wurden. Diese Ausstellung war für Karlheinz Essl sehr einprägsam, stellte sie doch in ihrem teils sozialkritischen Realismus eine Gegenposition zum international dominierenden Informel und so auch zu den Künstlern der Gruppe „St. Stephan“ dar. Gleichzeitig war sie auch ein Protest gegen die Wiener Schule des Phantastischen Realismus. Im nächsten Ausstellungsraum ha Essl Werke von Franz Ringel, Martha Jungwirth und Kurt Kocherscheidt ausgewählt. Die Künstler sind in ihrer malerischen Ausdrucksweise sehr unterschiedliche Wege gegangen. Ringel schockiert mit seinen stark überzeichneten, sexuell konnotierten Menschenbildern. Jungwirth malt abstrakt, aber immer wieder mit Anklängen an Figur und Landschaft. Kocherscheidt (dem erst jüngst 2013 im Essl Museum eine große Einzelausstellung gewidmet war) abstrahiert Natur- und Landschaftsformen in einer bewusst asketischen Malerei.

Günter Brus und VALIE EXPORT
Im vorletzten Raum sind Günter Brus und VALIE EXPORT zu sehen. Essl zeigt bei Brus nicht Video- und Fotoarbeiten aus der Hochphase des Aktionismus, sondern seine „nachaktionistische“ Schaffensphase, als er mit den aufsehenerregenden Körperaktionen aufgehört hatte und sich nun malerisch und grafisch ausdrückte. Die sogenannten „Bild-Dichtungen“ seien, so Brus, nur eine Verschiebung des aktionistischen Inhalts von der körperlichen Performance hin zur Malerei, zur Zeichnung und zur Schrift.
Einer Auswahl dieser Bild-Text-Arbeiten werden Werke von VALIE EXPORT gegenübergestellt. Mit ihrer körperbetonten, feministischen Medien-Kunst hat EXPORT einen wesentlichen Beitrag zur zeitgenössischen Kunst geliefert, viele nachfolgende Künstlergenerationen berufen sich auf sie. Neben vier Videoarbeiten (u.a. das „TAPP und TASTKINO“) werden eine Reihe ihrer fotografischen Körperkonfigurationen aus den 1970er-Jahren gezeigt.

Hermann Nitsch
Einen Raum widmet der Sammler dem großen Aktionismuskünstler Hermann Nitsch. Mit ihm verbindet das Sammlerpaar eine intensive, langjährige Freundschaft. Essl schätzt an Nitsch seinen umfassenden Kunstbegriff. Er geht vom Theater und der Performance aus und greift in alle Lebensbereiche des Menschen hinein; in seinen Aktionen behandelt er existenzielle Themen wie Leben und Tod, Blut und Opfer oder auch die Religion. Die Architektur des letzten Galerieraumes hat etwas Kapellenartiges an sich. Sie wurde Nitsch zur Verfügung gestellt, um darin einen sakralen Raum mit Arbeiten aus dem reichen Fundus der Sammlung Essl einzurichten.
In der Ausstellung gibt es neben den einzelnen Bildern keine Bildbeschreibungen. Die Besucherinnen und Besucher werden dazu aufgefordert, zuerst ohne Informationen die Werke zu betrachten. In jedem Ausstellungsraum findet sich aber ein Handout mit einem Raumplan und den Bildbeschreibungen, mit Kurztexten zu den einzelnen künstlerischen Positionen sowie Anmerkungen des Kurators Karlheinz Essl.

www.essl.museum

Wien, 11. 3. 2014