Burgtheater: Des Kaisers neue Kleider / Junge Akademie

Februar 5, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Widersprechen – Regeln brechen

Des Kaisers neue Kleider: Arthur Klemt und Felix Kammerer. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Das Burgtheater stellt von 5. bis 7. Februar noch einmal sein Familienstück im kostenlosen Stream zur Verfügung: „Des Kaisers neue Kleider“ frei nach Hans Christian Andersen in der Regie von Rüdiger Pape mit Arthur Klemt als Kaiser, Felix Kammerer als Lakai, Hanna Binder und Stefan Wieland als Ministerin für Reichtum und Geld und Minister für Ruhe und Ordnung, Lukas Haas und Annina Hunziker als Paul und Marie.

Der Stream ist über die Website des Burgtheaters oder den YouTube-Kanal abrufbar, es ist keine separate Anmeldung erforderlich. Für Menschen ab sechs Jahren.

Inhalt: Der Kaiser interessiert sich für Mode, Stoffe und Kleider. Er hat alles und von allem zu viel. Das Volk hat nichts und davon noch weniger. Misswirtschaft der Minister, Verschwendung der Ressourcen und kein transparentes und demokratisches politisches System schaffen Not und Missstände. Not macht erfinderisch. Marie und Paul haben einen genialen Einfall.

Mit diesem und ihrem Mut und mit Hilfe des Lakaien bringen sie das ganze System zu Fall. Am Ende wird der Kaiser nach Strich und dem sprichwörtlichen Faden hinters Licht geführt.

Das berühmte Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen ist eine allgemeingültige Geschichte über die Angst, nicht genug zu sein und nicht genug zu haben und darüber, wie viel der Einzelne mit Mut und Humor erreichen kann. Rüdiger Papes Kinder- und Jugendtheater-Inszenierungen werden regelmäßig von Festivals im In- und Ausland eingeladen und ausgezeichnet, das Familienstück der Saison 2020/21 ist seine erste Inszenierung für das Burgtheater.

Arthur Klemt, Hanna Binder, hi.: Stefan Wieland, Felix Kammerer. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Stefan Wieland, Arthur Klemt und Hanna Binder. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Die Abschlusspräsentation der Jungen Akademie im Stream

Am 6. Februar um 19 Uhr hat die digitale Präsentation der Jungen Akademie und ihrer insgesamt fünf Projekte Premiere – als Film, als Stream, als Hörspiel – moderiert von den Burgtheater-Ensemblemitgliedern Lilith Häßle und Felix Kammerer. Der Stream ist im Anschluss an die Premiere noch 72 Stunden auf der Burgtheater-Website und via Burgtheater-YouTube-Kanal abrufbar. Während der Premiere kann live via YouTube diskutiert und kommentiert werden, im Anschluss an die Premiere findet ein Publikumsgespräch via Zoom statt. Die Teilnahme an der Premiere ist kostenfrei – wer „nur zuschauen“ möchte, kann dies via Burgtheater-Website oder YouTube-Kanal des Burgtheaters tun, wer live während der Präsentation kommentieren möchte, benötigt dafür einen YouTube-Account.

Die Junge Akademie lädt die Menschen der Stadt ein, Akteurinnen und Akteure auf ihren Bühnen, in ihren Bezirken zu werden. In Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern des Burgtheaters, in Kooperation mit sozialen und kulturellen Einrichtungen der Stadt, arbeiten verschiedene Gruppen zum Thema Macht & Körper. Eigene Geschichten sollen auf die Bühne gebracht werden. Die Projekte sind so unterschiedlich, wie die Bezirke in denen geprobt wurde. In „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“, in Kooperation mit dem Gleis 21, hat Theaterpädagogin Katrin Artl den Teilnehmerinnen die Frage gestellt: Wer bestimmt, wie Frauen sein sollen? Das Projekt richtete sich an Mädchen und Frauen ab 14. Was macht mich zur Frau, wer prägt mich und meine Kultur, meine Religion, meine Familie, meine Freundinnen? Wer möchte ich gerne sein? Was bedeutet es überhaupt Frau zu sein? Wie steht es mit Solidarität und wie entsteht Konkurrenz?

Burgtheaterstudio. Bild: © Daniela Trost

Junge Akademie: Regeln ändern. Bild: © Burgtheaterstudio

„Es war einmal …“ – in Zusammenarbeit mit dem Verein JUHU! haben junge Menschen unterschiedlicher Herkunft mit der Schauspielerin Monika Haberfellner und der Journalistin Katrin Wimmer an einem Hörspiel und kurzen Videosequenzen zum Thema Märchen gearbeitet. Das Projekt „Wer darf Widerspruch“ in Kooperation mit der Brunnenpassage und der Kunsthalle Wien setzte sich filmisch und performativ mit Mechanismen von Macht und Ohnmacht auseinander, unausgesprochene Regeln der gesellschaftlichen Ordnung in Österreich wurden dabei unter die Lupe genommen. Wie ist es möglich über Rassismen, Sexismen, Diskriminierungen zu sprechen? Was braucht es dazu? Und vor allem – Wer darf es? Und auch wann? Wer darf Widerspruch. Geleitet wurde das Projekt von der Theater- und Filmregisseurin Nina Kusturica.

Das vierte Projekt ist ein Chor-Projekt in einer digital-tauglichen Adaption, umgesetzt von der Theaterpädagogin Raphaela van Bommel. In „Regeln ändern“ wurde mit Elementen und Texten aus dem aktuellen Spielplan des Burgtheaters gearbeitet. Das Tanz-Projekt „Über die Grenzen in die Freiheit“ beschäftigte sich mit dem Thema Selbstständigkeit, Freiheit und Grenzen. Werden Grenzen durch Worte festgelegt? Welche Grenzen braucht die Freiheit? Im Rahmen der Jungen Akademie am Burgtheater wurde das Tanz-Projekt an mehreren aufeinanderfolgenden Workshop-Tagen mit der Choreografin Daniela Mühlbauer erarbeitet.

www.burgtheater.at           www.youtube.com/user/BurgtheaterWien

5. 2. 2021

Museum NÖ: Der junge Hitler. 1889-1914

Februar 29, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Grundstein für Nationalismus und Rassismus

Keramik „Durch Reinheit zur Einheit“. Aus dem Nachlass Georg Ritter von Schönerer. © Stadtmuseum Zwettl – Sammlung Schönerer

Vor 75 Jahren endete mit dem Zweiten Weltkrieg auch der Holocaust, beides entfesselt von Adolf Hitler und den Nationalsozialisten. Das Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich nimmt das zum Anlass, nach den Anfängen zu fragen: Woher kamen Militarismus, Rassen- hass und Antisemitismus? Wie weit waren sie in der Gesellschaft bereits verankert? Die Parallelerzählung „Der junge Hitler. Prägende Jahre eines Diktators. 1889-1914“ beleuchtet ab 29. Februar die frühe Biografie des späteren „Führer“ und die politischen Strömungen dieser Zeit.

Porträt von Mutter Klara Hitler. © ÖNB/Wien

Hitlers Vater Alois, in seiner Uniform als Zollbeamter, um 1890. © ÖNB/Wien

Der 16-jährige Adolf Hitler, gezeichnet vom Mitschüler Sturmlechner in der Realschule Steyr, 1905. © Sammlung Rauch/Interfoto/picturedesk.com

„Die Ausstellung eignet sich nicht zur Heldenverehrung. Anhand authentischer Dokumente zeichnet sich vielmehr das Bild eines früh Gescheiterten ab und eines Außenseiters, der stets die Umwelt für eigenes Versagen verantwortlich macht“, schließt Christian Rapp, wissenschaftlicher Leiter des Hauses, jedes Missverständnis aus. „Ganz wichtig ist es uns gleichzeitig, die düsteren Seiten der Jahrhundertwende darzustellen. Viele Objekte der Ausstellung machen deutlich, wie die Politiker jener Zeit mit Ängsten und Vorurteilen Stimmung gemacht haben, ob es sich um den radikalen Deutschnationalen Georg von Schönerer handelt oder um den antisemitischen Bürgermeister Karl Lueger. Ihre Parolen haben sie in ihren Reden, ihren Zeitungen, aber auch auf Werbemarken und auf Zierporzellan verbreitet. Mit Objekten und Bildern lassen sich auch die abstrusen Lehren von Rassen- hygienikern gut dokumentieren, die rassistische Überheblichkeit der Europäer als Kolonialherren, die Frauen- feindlichkeit und die Kriegsbegeisterung. Sie prägen Adolf Hitler und seine Zeitgenossen“, so Rapp.

„Über die Kindheit und Jugend von Adolf Hitler wurde schon viel geschrieben und publiziert. Aufgabe unserer wissenschaftlichen Aufarbeitung war es nun, akribisch Geschichte von Geschichten zu trennen“, ergänzt Hannes Leidinger, der gemeinsam mit Rapp ein Buch zum Thema veröffentlicht hat. „Wichtig war es uns, neuerlich an die Quellen zu gehen und die neuen elektronischen Recherchemethoden zu nutzen. Außerdem war uns erstmals der Nachlass seines Jugendfreundes August Kubizek zugänglich. Wir zeigen daraus einige aufschlussreiche Originale wie ein Notenblatt, das entstand, als Adolf Hitler sich als Opernkomponist im Stile Richard Wagners versucht hat. Hier wird die fatale Selbstüberschätzung bereits sichtbar“, so Leidinger.

Das Parlament – Aquarell von Adolf Hitler. © Verlag Alinari

Michaelerplatz – Aquarell von Adolf Hitler. © Verlag Alinari

Die Schau wird von zahlreichen Veranstaltungen begleitet. Am 3. März zum Beispiel ist das Theaterstück „Name: Sophie Scholl“ mit Bettina Kerl in der Hauptrolle als Gastspiel des Landestheater Niederösterreich zu Gast. Am 10. März diskutieren Christian Rapp und Hannes Leidinger mit Ö1-Journalist und Buchautor Martin Haidinger im Zeitzeugen-Forum „Erzählte Geschichte“ über den „Österreicher Hitler“. Und unter dem Titel „Standup-History: Hitler – wie alles begann“ gibt es mit Florian Graf, Christian Rapp und Benedikt Vogl am 4. März einen Abend im Ateliertheater Wien, der am 1. April ins Haus der Geschichte kommt.

www.museumnoe.at           www.landestheater.net           www.ateliertheater.net

29. 2. 2020

Der junge Karl Marx

März 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

August Diehl brilliert als Erfinder des Kommunismus

Stefan Konarske als Friedrich Engels, August Diehl als Karl Marx: Bild: Filmladen

Es ist eine gute Idee von Regisseur Raoul Peck, seinen Film mit einer Szene anzufangen, in der zerlumpte Gestalten im Wald Äste und Zweige zum Beheizen ihrer Behausungen sammeln. Doch das Holz, natürlich, es hat einen Besitzer – und so wird das ärmliche Volk von Berittenen gejagt, geschlagen, einige getötet. Karl Marx schrieb darüber einen frühen Artikel in der Rheinischen Zeitung von 1842 – „Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz“.

Durch die Filmsequenz gewinnt sein Artikel soziale Anschaulichkeit. An dieser Schnittstelle von Biopic, Thesenfilm und Agitationskino bewegt sich Pecks Arbeit „Der junge Karl Marx“, die am 24. März in die heimischen Kinos kommt. Peck zeigt einen widerständigen, vor viriler Kraft strotzenden Karl, der so gar nicht ins bekannte Bild des besonnenen Rauschebartträgers Marx passt. Er zeigt den späteren Vater des Kommunismus als hingebungsvollen Familienvater und liebevollen Freund. Dass der Regisseur und Drehbuchautor bei seiner Darstellung der historischen Figur punkto Sympathiewerte das eine oder andere Auge zugedrückt hat, kann man in der Literatur nachlesen.

Der Film bewegt sich in der Zeitspanne zwischen 1843 und dem Revolutionsjahr 1848. Und er beleuchtet in erster Linie das Zusammenfinden der großen materialistischen Denker Marx und Friedrich Engels. Zeigt, wie sie die Hegel’sche Dialektik vom Kopf auf die Füße stellten, zeigt zwei, die die Welt nicht länger im Stile der Philosophen interpretieren, sondern verändern wollten. Wäre diese Begegnung nicht wahr, man hätte sie nicht besser erfinden können, hie der notorisch bankrotte Gesellschaftstheoretiker, da der dandyhafte Fabrikantensohn, der in den Familienwerken auf das Leid der Arbeiterklasse stößt, hie der „atheistisch-jüdische Sozialist“, wie ihn seine Gegner nannten, der die adelige Jenny von Westphalen heiratet und mit ihr Kind um Kind (insgesamt sieben) zeugt, da der Gutsituierte, der in geheimer Ehe mit der Baumwollspinnerin und frühen Suffragette Mary Burns lebt.

Fabrikantensohn Friedrich liebt die Arbeiterin Mary Burns: Stefan Konarske mit Hannah Steele. Bild: Filmladen

Nicht nur Genossen, sondern auch Freunde: Stefan Konarske und August Diehl. Bild: Filmladen

Bei seinen Hauptdarstellern weiß Peck diese Protagonisten in guten Händen. August Diehl gestaltet einen flamboyanten und arroganten Mann mit Zylinder; er hechtet sozusagen vom Glück des Ehebetts Richtung Schreibtisch, um dort Proudhons Schrift „Philosophie des Elends“ mit seinem Traktat „Elend der Philosophie“ zu vernichten. Er brüskiert die oberen Einhundert, berserkert in Vorträgen vor dem Volk, ist absolut glaubhaft als einer, der „endlich mit Keulen, statt mit Nadelstichen kämpfen“ will. Der Anecker und der Ausgleicher: Stefan Konarskes Engels ist dagegen der Geschmeidigere, Diplomatischere.

Und so ist es kein Wunder, dass er Marx’ Sprachrohr wird. Man hat leere Kassen, aber die mit Stil. Man lebt durchaus bourgeois – Familie Marx sogar mit Kindermädchen. Peck und seine Schauspieler haben die Charaktere fein gezeichnet, der überlebensgroße „Kapital“-ist und seine Mitstreiter sind mehr als menschlich und ergo widersprüchlich und Peck liebt sie sichtlich in all ihren Gegensätzen. Optisch hat er seinen Film an jene dekorativen Historienspektakel angedockt, wie man sie vor allem aus dem britischen Kino kennt. Er stellt die Armut und das Elend opulent aus.

Der Tonfall ist pathetisch, aber er trifft wohl den der ersten Revolutionäre – und auch den späterer Politiker. Dann wieder juxt Peck herum – es gibt komödiantische Verfolgungsjagden mit der Pariser Polizei, Marx und Engels dabei wie zwei erhitzte, übermütige Jünglinge. Eine besondere Rolle in „Der junge Karl Marx“ kommt den beiden Ehefrau zu, und so wandelt sich das dynamische Duo bald zum revolutionsdurchdrungenen, hochintellektuellen Quartett. Vor allem Vicky Krieps als Jenny Marx zeichnet das Bild einer Frau, die sich die Emanzipation nicht auf die Fahnen heften musste, weil ihr Mann sie stets als gleichberechtigte Partnerin im Alltag wie in der gesellschaftstheoretischen Diskussion gesehen hat. Hannah Steele ist als Mary Burns direkter im Angriff und kompromissloser im Ideenaustausch –die beiden werden so zu direkten Gegenparts ihrer jeweiligen Ehemänner.

Mit Marx‘ Ehefrau Jenny: Vicky Krieps mit August Diehl und Stefan Konarske. Bild: Filmladen

Erstaunlich, um nicht zu formulieren erschreckend, ist die Aktualität des Films. Wie wenig hat sich bewegt! Und wenn, dann nur Richtung sogenannter „Dritter Welt“. Peck zeigt eine Zeit, in der sich der Wert des Menschen im Wert seines Besitzes manifestiert – und setzt dagegen das kommunistische Manifest.

Er zeigt, eine Gesellschaft, in der „Das Kapital“ immer an der gleichen Stelle wächst. Er zeigt einen „Markt“, der ja nichts anderes als der Schulterschluss der Wohlhabenden ist, der wie ein Lebenwesen betrachtet wird, das ohne die Verfütterung billiger Arbeitskräfte keinem Profit erbringen kann. Peck zeigt auch, wie Marx und Engels den Bund der Gerechten sprengen, Vordenker wie den Anarchisten Bakunin oder den moderaten Sozialisten Weitling aus ihren Positionen hieven. In einer Schlüsselszene, einer Versammlung, reißen sie das Banner des Bundes von der Wand und heften das ihre an: Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Es gibt Graben- und Flügelkämpfe und immer wieder den Wunsch, „nicht eine intolerante Religion durch die nächste zu ersetzen.“ Das ist, lässt sich retrospektiv sagen, nicht geglückt.

Am Ende des Films schreibt Karl Marx die berühmten Zeilen „Ein Gespenst geht um in Europa …“ – wie anders das heute klingt, dies „Gespenst“ des Kommunismus, da man weiß, wie Marx’ hehre Ideen vom Ungeist der ausführenden Apparatschiks zu Tode gebracht wurden. August Diehl jedenfalls brilliert als Karl Marx. Und seine prägnante Darstellung macht eines klar: Menschenwürde ist kein Tauschwert auf dem Finanzmarkt der Eitelkeiten. Die Zweifel am kapitalistischen System nehmen dieser Tage wieder zu – und womit? Mit Recht!

www.der-junge-karl-marx.de

Wien, 23. 3. 2017

Die „Junge Burg“ spielt Heinrich von Kleist

Mai 3, 2013 in Tipps

„Ego Shooter – Michael Kohlhaas“

Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Am 5. Mai hat im Vestibül des Burgtheaters eine Produktion der TeilnehmerInnen des TheaterJahrs Premiere: „Ego Shooter – Michael Kohlhaas“. Nach der Novelle von Heinrich von Kleist. Die Erzählung spielt in der Mitte des 16. Jahrhunderts und handelt vom Pferdehändler Michael Kohlhaas, der gegen ein Unrecht, das man ihm angetan hat, zur Selbstjustiz greift und dabei nach der Devise handelt: „Fiat iustitia, et pereat mundus“ („Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe auch die Welt daran zugrunde!“). Was so viel heißt wie, dass bei ihm der Zweck die Mittel nicht mehr heiligt. Oder: Er über’s Ziel hinausschießt. Der historische Hintergrund zu Kleists 1808 veröffentlichtem Text: Das Schicksal von Hans Kohlhase. Der lebte im 16. Jahrhundert als Kaufmann in Cölln an der Spree im Brandenburgischen. Am 1. Oktober des Jahres 1532 begab er sich auf eine Reise zur Leipziger Messe. Auf dem Weg dorthin wurden ihm jedoch auf Geheiß des Junkers von Zaschnitz zwei seiner Pferde abgenommen mit der Begründung, er habe sie gestohlen. Kohlhase versuchte, juristisch dagegen vorzugehen. Vergleichsverhandlungen fanden am 13. Mai 1533 auf der Burg Düben statt, führten jedoch zu keiner friedlichen Beilegung des Konfliktes. Ein Grund bestand vor allem darin, dass der Ritter von Zaschwitz inzwischen verstorben war und seine Erben eine angemessene Entschädigungszahlung verweigerten. Aus diesem Grund erklärte Kohlhase 1534 die Fehde und brannte Häuser in Wittenberg nieder, beging auch weitere Verbrechen. Schließlich wurde er ergriffen und am 22. Mai 1540 in Berlin öffentlich durch Rädern hingerichtet.

Auch Kleists Novelle dreht sich um Vorspiegelung falscher Tatsachen, Amtsmissbrauch, Körperverletzung und Sachbeschädigung. Auf Kohlhaas’ Weg durch die Instanzen der Justiz wird der klare Fall zusehends trüber, Kohlhaas wird als Querulant beschimpft, die „Suppe sei zu dünn“. Und die Erklärung für die veränderte Rechtslage scheint heute noch so plausibel wie eh und je: an den Schaltstellen der Macht sitzen Tronkas Verwandte, Kohlhaas’ Klage verfängt sich in einem Netz aus Verwandten, Verschwägerten, Eigeninteressen und politischer Rücksichtnahme. Einem Staat, der die Einhaltung der Gesetze nicht gewährleisten kann (oder will?), fühlt sich Kohlhaas nicht mehr zum Gehorsam verpflichtet. Und bald scharen sich andere Unzufriedene, Benachteiligte und Rechtlose um ihn. Die „gerechte Sache“ wird mehr und mehr zu Unrecht. Kleist verbirgt in seiner Schrift  Kritik an seiner Zeit: an absolutistischem Machtmissbrauch, Willkür und Unterdrückung. Doch auch in Demokratien scheint es mitunter hilfreich, wenn man nicht nur die Gesetze kennt, sondern vor allem – den Richter… In der Regie von Peter Raffalt spielen Anna Hofmann, Amrei Keul, Larissa Semke, Genet Zegay, Aaron Friesz, Johannes Hoff und Noah Saavedra.

www.burgtheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 3. 5. 2013

Theater Ballhaus Naunynstraße: Interview mit Michael Ronen und Jerry Hoffmann

April 16, 2013 in Bühne

Premiere von „Ich rufe meine Brüder“ in St. Pölten

Am 20. April findet in der Theaterwerkstatt des Landestheaters Niederösterreich in St. Pölten die deutschsprachige Erstaufführung von „Ich rufe meine Brüder“ von Jonas Hassen Khemiri statt. Ein Selbstmordanschlag in Stockholm im Dezember 2010, bei dem der Attentäter starb und zwei Passanten verletzt wurden, diente Khemiri als Ausgangslage für sein Stück. Khemiris Protagonist Amour geht am Tag nach dem Anschlag durch die Straßen der Stadt und sieht sich konfrontiert mit den ängstlichen und ablehnenden Blicken der Menschen auf ihn, seine dunkle Haut, seine schwarzen Haare und Augen. Er telefoniert mit seinen „Brüdern“ und sagt: „Wer sind die Anderen? Es gibt keine Anderen. Es gibt Extremisten auf allen Seiten, die uns weismachen wollen, es gäbe die Anderen. Jeder, der über die Anderen spricht, ist ein Idiot.“ Das Stück entstand im Rahmen des Theaternetzwerks Europe Now. Im Jänner 2013 wird die Uraufführung im Riksteatern Stockholm und Stadttheater Malmö stattfinden. Das Landestheater Niederösterreich präsentiert die Inszenierung als Koproduktion mit dem Berliner Theater Ballhaus Naunynstraße – das sich den Themen Migration, Rassismus und kulturelle Vernetzung verschrieben hat – und in Zusammenarbeit mit dem Maxim Gorki Theater Berlin, wo die Produktion im Herbst 2013 nach der Spielserie in St. Pölten aufgenommen wird. Ein Interview mit Regisseur Michael Ronen und Hauptdarsteller Jerry Hoffmann                                                                      

Jan Walter, Jerry Hoffmann, Marion Reiser, Nora Abdel-Maksoud Bild: Margarita Broich

Jan Walter, Jerry Hoffmann, Marion Reiser, Nora Abdel-Maksoud
Bild: Margarita Broich

MM: Was hat Sie bewogen, diese Produktion zu inszenieren beziehungsweise mitzuspielen?

Michael Ronen: Seit ich für das Ballhaus Naunynstraße in Berlin arbeite, beschäftige ich mich mit dem Thema Solidarität. Das Theater beschäftigt sich ja in erster Linie mit migrantischen und postmigrantischen Anliegen. Shermin Langhoff wollte, dass dieses Stück, in dem es um Mitmenschen mit Migrationshintergrund geht, von mir, dem Enkelkind eines jüdischen Österreichers, der 1935 aus Österreich fliehen musste, das in Israel geboren ist und sich mit seinem jüdischen Erbe beschäftigt, inszeniert wird. Wir alle sind „die Anderen“. Aus politischen Gründen, aus religiösen Gründen, aus „optischen“ Gründen – das herauszuarbeiten, ist mir sehr wichtig. „Ich rufe meine Brüder“ ist für mich ein Ruf nach einer neuen Gemeinschaft, einem neuen Miteinander. Interessant fand ich auch die Form, in der Jonas Hassen Khemiri sein Stück geschrieben hat. Bei uns wird es ein Mix aus Comic, Manga, Film noir, Sin City, Triphop …

MM: Im Stück geht es gar nicht um religiöse Konflikte. Es gibt in Stockholm ein Selbstmordattentat. Und daraufhin fällt jeder, der „so“ aussieht, dunkle Haut, dunkle Haare, hat, unter eine Art Generalverdacht. Da wird eine Kollektivschuld über eine Gruppe Menschen gestülpt. Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? Jeder! Denn er kann nur ein Bombenschmeißer sein.

Jerry Hoffmann: Das ist eine Erfahrung, die ich auch schon machen musste. Insofern verstehe ich die Figur Amor, den Protagonisten des Stücks, den ich darstelle. Ich bin gebürtiger Hamburger, mein Vater kommt aus Ghana. Neulich am Flughafen Zürich wurde ich aus der Warteschlange geholt werde und mein Gepäck wurde untersucht. Andererseits ist es lustig, dass Ober – wie hier im Cafe Landtmann – mir automatisch eine englischsprachige Speisekarte geben und Michael eine in Deutsch. Obwohl er kaum Deutsch spricht. Man wächst auf und sieht sich mit Vorurteilen konfrontiert. Das ist auch etwas, womit wir in dieser Inszenierung spielen: Gibt es diesen Generalverdacht – oder ist er nur eine Einbildung der Betroffenen – in diesem Fall Amor, der sich ungerecht behandelt fühlt, der Solidarität unter seinen „Brüdern“ sucht und nicht findet, und mit der Ohnmacht, der Trauer, der Wut ringt, nichts dagegen tun zu können.

MM: Ist es so, dass Migranten der dritten Generation immer noch nicht als vollwertige Staatsbürger wahrgenommen werden?

Ronen: Ja, das hat sich nicht verändert. Nicht in Schweden, nicht in Deutschland, nicht in Österreich, nicht in Großbritannien. Dort ist man zwar Commonwealth-Staatsbürger, aber nicht „british“. Das ist ja, was Amor so wütend macht, dass er nicht wirklich dazugehört zu den Schweden. Dabei können Migranten eine Kultur sehr bereichern, neue Einflüsse einbringen, die ganze Textur eines Landes verändern. Das ist natürlich die Vision, der Traum vom Ballhaus. Wir machen Revolution mit Kunst und Liebe und Internationalität.

MM: Glauben Sie, dass Stücke, wie die von Khemiri, die Menschen zum besseren Verständnis füreinander bringen können?

Ronen: Theater ändert die Realität nicht. Sagt man. Als Regisseur und Darsteller hoffe ich aber, dass das intime Treffen mit einem Publikum doch was erreichen kann …

Hoffmann: Ich glaube, dass Theater oder Filme in den Köpfen etwas in Bewegung setzen können! Eine Idee, eine Vorstellung davon, dass man ein Problem vielleicht auch von einer anderen Seite andenken, beleuchten kann.

Ronen (grinst): Jerry hofft auf ein politisches Nachbeben in St. Pölten.

MM: Fühlen Sie beide sich als Kinder zweier Kulturen?

Hoffmann: Ich bin  in Deutschland geboren, aufgewachsen. Die Frage nach „meinen Wurzeln“, „meiner wirklichen Heimat“ wird mir dennoch regelmäßig gestellt.

Ronen: Home is where your heart is!

MM: Khemiri hat dieses Stück 2010 geschrieben, bevor der Amoklauf vom rechtsradikalen Anders Breivik Skandinavien erschütterte. Kam damit ein Umdenken? Oder ist es trotzdem immer noch von Vorteil „blond und blauäugig“ zu sein?

Ronen: Natürlich ist es besser blond und blauäugig zu sein. Es war seltsam, seine Begründung für seine Tat zu hören. Aber an den Vorurteilen oder auch nicht Vorurteilen in der Bevölkerung hat das nicht geändert. Ein: Einer „von uns“ kann so etwas auch machen, kam da nicht. Ich kenne das auch aus dem nationalistischen Israel. Ich bin in Tel Aviv aufgewachsen mit der Angst, in jeden Bus, in jedes Eiscafe könnte sich ein Selbstmordattentäter eingenistet haben. Täglich Terror! Ich verstehe den Punkt, den wir im Stück ansprechen, dass Angst die Menschen zusammenschweißt total. Angst vor dem Anderen, dem Fremden, dem, was man nicht versteht. Das kenne ich.  Aber die Welt wird lernen müssen, mit dieser Angst umzugehen. Denn diese Angst schafft Totalitarismus. Diese Angst spielt gewissen Politikern und dem Militär in die Hände. Was in den USA nach 9/11 passiert ist, ist Wahnsinn: Menschen willkürlich festnehmen, wegsperren, foltern. Wir hören nur aus weiter Ferne, was sich dieser Tage in Guantanamo ereignen soll. Denn die Öffentlichkeit darf nichts hören, nichts sehen, nichts wissen … Auch darum geht es in „Ich rufe meine Brüder“. Amor hat ja seine Gymnasiumsclique verloren, weil eben nun jeder etwas studiert, ein Teil seiner Familie ist nach Tunesien zurückgegangen, um mit Ferienhäusern für Touristen Geld zu verdienen, sein bester Freund hat Frau und Kind. Amor ist einsam. Auch er hat Angst.

MM: Im Stück gibt es einige Szenen, die man mit Humor inszenieren könnte. Etwa, wenn die „Attentäter“ üben unauffällig normal zu gehen. Oder Amor in den Schlüsselsituationen seines Lebens am Telefon ständig von einer Tierschutzorganisation belästigt wird, sein Anruf bei seiner schwedischen Oma. Eine Frage an den Regisseur: Werden wir auch lachen?

Ronen: Ich hoffe das wirklich! Unser Familienname in Österreich war ja Fröhlich.(Er lacht.)

MM: Ist Amor der Attentäter?

Ronen: Ja, das ist die Frage! Ich denke, dass das jeder für sich entscheiden sollte. Khemiri hat das Stück so geschrieben, dass jeder mit seinen eigenen Bildern im Kopf aus dem Theater gehen kann, gehen soll!

MM: Für uns alle wurde doch der Abrahamsbund geschlossen. Warum können wir nicht Leben und Leben lassen? Warum stören sich die einen an einem Kopftuch und die anderen an einem Bikini?

Ronen: Weil Kolonialismus, Faschismus, Totalitarismus für ihre Machtkonzepte ein Feindbild aufbauen mussten und müssen. Nur, wenn ich „draußen“ einen künstlichen Konflikt schaffe, kann ich von Problemen im Land ablenken. Leider gehen immer noch zu viele Menschen solchen „Führern“ auf den Leim. Du und ich und Jerry und der Kellner und der Busfahrer, der uns hergebracht hat, WIR kommen doch großartig miteinander aus.

Zu den Personen: Jonas Hassen Khemiri wurde 1978 in Stockholm als Sohn einer Schwedin und eines Tunesiers geboren. Er studierte Wirtschaft und Literatur in Stockholm und Paris. Bereits 2003 machte er mit seinem Debütroman „Das Kamel ohne Höcker“ auf sich aufmerksam, für den er den renommierten Borås Tidnings Debütpreis bekam. Dem Folgeroman „Montecore“ wurde 2006 der Per-Olov-Enquist-Preis zuerkannt. Als Dramatiker trat er erstmals 2006 mit „Invasion!“ am Stadttheater in Stockholm in Erscheinung. „Invasion!“ wird derzeit von der „Jungen Burg“ im Burgtheater-Vestibül gezeigt (nächste Termine: 19. und 21. April). 2008 präsentierte Khemiri „God Times Five“, sein zweites Theaterstück. Diesem folgte „We Are A Hundred“, das 2009 am Stadttheater in Göteborg uraufgeführt wurde und den HEDDA Award for best play 2010 erhielt. Inzwischen werden Khemiris Stücke im gesamten deutschsprachigen Raum zahlreich gespielt.

Die Regie von „Ich rufe meine Brüder“ übernimmt Michael Ronen, Hausregisseur am Ballhaus Naunynstraße. Michael Ronen,geboren 1982 in Jerusalem als Enkelkind österreichischer Einwanderer, studierte Regie an der London Academy of Music and Dramatic Arts, wo er 2006 das Künstlerkollektiv Conflict Zone Arts Ayslum gründete. Am Ballhaus Naunynstraße war Michael Ronen bereits an zahlreichen Produktionen beteiligt. 2010 inszenierte er die Science-Fiction-Komödie „Warten auf Adam Spielman“ von Hakan Savas Mican und 2011 Perikızı von Emine Sevgi Özdamar.

Darsteller des Amor ist Jerry Hoffmann. Er wurde 1989 in Hamburg geboren. Er studierte Schauspiel zunächst an der Otto-Falckenberg-Schule in München und wechselt dann an die Universität der Künste Berlin. Sein Filmdebüt gab er 2009 mit der Darstellung des Samir in dem Kinofilm „Shahada“. Seit 2011 ist er neben Martin Wuttke an der Volksbühne Berlin in „Schmeiß dein Ego weg“ von René Pollesch zu sehen. Das Serientestemonial „Wir sind wieder wer“ (u.a. mit Heiner Lauterbach, Regie Thomas Stuber) gewann 2012 den No Fear Award beim deutschen Nachwuchspreis First Steps. 2012 drehte er den TV-Mehrteiler „Zeit der Helden“ unter der Regie von Kai Wessel. Außerdem ist er als Sprecher für Hörbuch, Hörspiel und Synchron tätig. 2013 wurde er für den Berlinale Talent Campus ausgewählt.

www.landestheater.net

www.burgtheater.at

www.ballhausnaunynstrasse.de

www.gorki.de

Michael Ronen hat außerdem ein Internetprojekt, in dem er Orte mit ihren Geschichten verbinden will: www.capsuling.me

Von Michaela Mottinger

Wien, 16. 4. 2013