Wiener Festwochen: Trojan Women

Juni 17, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Helena als schöner junger Mann

Kim Kum-mi als Hekuba mit dem Chor: Lee Youn-joo, Kim Mi-jin, Heo Ae-sun, Seo Jung-kum, Min Eun-kyung, Na Yoon-young, Jung Mi-jung und Cho Yu-ah. Bild: National Theater of Korea

Mit einem fulminanten Schlusspunkt beenden die Wiener Festwochen ihre diesjährige Saison: Die National Changgeuk Company of Korea zeigt in der Regie von Ong Keng Sen „Trojan Women“ am Theater an der Wien. Die kühne Produktion erzählt Euripides‘ Drama mit den Mitteln des Pansori – eine traditionelle koreanische Kunstform, bei der ein epischer Gesang von einem Trommler begleitet wird – und mit musicalhaftem K-Pop.

Orientiert haben sich Texter Bae Sam-sik und die Komponisten Jung Jae-il sowie die legendäre Pansori-Sängerin Ahn Sook-sun, die in ihrer Heimat als „lebendiger nationaler Schatz“ gilt, an Sartres Interpretation des Troerinnen-Stoffs. Der französische Existenzialist verfasste sein Werk 1965 als heftige Anklage des Indochinakriegs, seine Landsleute als kolonialisierende, kriegstreibende Griechen, die Vietnamesen aus überfallene Troer, und so ist es nicht schwer, dies als Parabel auf den Imjin-Krieg zu lesen und auf die von den Japanern als „Trostfrauen“ verschleppten Koreanerinnen. Derlei Deutungen lässt Ong Keng Sens Inszenierung zu ohne mit dem Finger darauf zu verweisen, bleiben Bühnenbild und Kostüme doch, wiewohl an Altüberliefertes erinnernd, zeitlos – eine Art Tempel wird mit Videobildern von Meereswellen bis Wolkenhimmel bespielt. Die Musik und die Optik entwickeln jedenfalls einen gemeinsamen Sog, dem es unmöglich ist, sich zu entziehen. Zu Recht wurde die Aufführung am Ende mit Standing Ovations bedacht.

Guttural und ungewohnt heiser klingt das Singen der 15 Darstellerinnen und Darsteller. Allen voran überzeugen Kim Kum-mi als Hekabe, Kim Ji-sook als Andromache und Yi So-yeon als Kassandra. Komponist Jung Jae-il hat sich außerdem für den Chor eine Besonderheit einfallen lassen: Er fungiert neben dem aristokratischen Dreiergespann als deren Sklavinnen, die ihr Schicksal weit weniger beweinen als ihre Herrinnen, ändert sich doch für sie an der Hölle der Knechtschaft nichts.

Kim Kum-mi als Hekuba und Yi So-yeon als Kassandra. Bild: National Theater of Korea

Kim Ji-sook als Andromache und Lee Kwang-bok als Talthybios. Bild: National Theater of Korea

Nur drei Männer sind im Ensemble: Choi Ho-sung als Menelaos, Lee Kwang-bok als Talthybios – und Kim Jun-soo als nur von einem Klavier begleiteter Helena. Der koreanische Popstar, der in Seoul auch schon die Titelrolle im Vereinigte-Bühnen-Musical „Mozart!“ spielte, soll als androgynes Wesen die Fremdheit dieser schönsten Frau verkörpern, eine Übung, die dem jungen Singer/Songwriter makellos gelingt.

Herzstück der Aufführung ist somit auch die Auseinandersetzung Hekabe – Menelaos – Helena, in dem die gefangene Königin von Troja vom Spartaner-König verlangt, seine untreue Frau zu töten. Der aber, von ihrem Aussehen und ihrem Flehen um Gnade erneut betört, lässt sie unangetastet auf ein Schiff bringen. Für weitere starke Momente sorgt die Anrufung Apolls durch Kassandra, die ihr und aller anderen Sterben bereits voraussieht, und die stolze Trauer der Andromache, deren Säugling Astyanax von den Griechen ermordet wird, damit er nicht dereinst den Tod seines Vaters Hektor räche.

www.festwochen.at

  1. 6. 2018

Theater in der Josefstadt: Ödön von Horváths „Niemand“

September 2, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

List und Tücke einer Uraufführung

Geri Drassl und Florian Teichtmeister überzeugen mit ihrem intensiven Spiel. Bild: Sepp Gallauer

Gerti Drassl und allen voran Florian Teichtmeister überzeugen mit ihrem intensiven Spiel. Bild: Sepp Gallauer

Fast ist man versucht zu formulieren, „Niemand“ hat Schuld. In Anlehnung an diese Schlüsselszene, in der Fürchtegott Lehmann Ihn anklagt. Hat er doch Sein Lachen gehört, und wer so lacht, der kann nicht weinen über das Schicksal der Menschen. Bleibt – ein sardonisches Grinsen, ein Verzerren der Mundwinkel, ein Zähneblecken wie nach einer Strychninvergiftung, um auszudrücken, was Leben heißt. Und genau dieses fehlt in Herbert Föttingers Uraufführungsinszenierung von Ödön von Horváths „Niemand“ am Theater in der Josefstadt. Eine Inszenierung, die sich auch mit einem „Aber ach!“ zusammenfassen ließe.

Bemüht sich der Hausherr als Horváth-Regisseur doch mit derart beflissener Sorgfalt und spürbarer Liebe zum Text, diesem gerecht zu werden, dass alles, was einem beim Lesen noch wie ein Raubtier angesprungen hat, auf dem Weg zur Bühne allzu handzahm wurde. Föttinger hat den Autor, wie es sich für eine Uraufführung gehört, beim Wort genommen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Das ist List und Tücke in einem. Es ist, als hätten sich alle Beteiligten so sehr ins demütige Gebet geduckt, Heiliger Horváth, bitt‘ für uns!, dass ihnen die Gotteslästerung nicht mehr gelingen konnte.

Mit im Wesentlichen einer Ausnahme. Namens Florian Teichtmeister. Er schraubt sich als Darsteller des Fürchtegott Lehmann in lichte Höhen. Mit seiner scharfkantigen Schauspielkunst, die einmal mehr tief in die dunklen Winkel einer Seele blicken lässt.

„Niemand“ ist ein Stück aus einer Zeit, bevor Horváth die vielsagende Pause als wichtigsten Dialogteil erfand, entstanden 1924, da war er 23, offenbar niemals aufgeführt, lange verschwunden, von Föttinger in der FAZ als Auktionsgegenstand wiederentdeckt, von der Wienbibliothek ersteigert und nun vom Thomas Sessler-Verlag vertreten (dessen Geschäftsführerin Maria Teuchmann im Gespräch über „Niemand“: www.mottingers-meinung.at/?p=21624). Im Zentrum der Handlung steht ein Zinshaus, hier von Walter Vogelweider als eine sich um ihre eigene Achse drehende Welt aufgebaut, in das Horváth bereits sein typisches Milieu und dessen Motive einziehen lässt.

Das Gebäude gehört dem jungen, verkrüppelten Wucherer Lehmann, und in seinem Stiegenhaus versammeln sich Huren samt ihren Zuhältern und Freiern, durstige Handwerker, Kellnerinnen und ihr Wirt, eine diebische Hausmeisterin und ein so arbeits- wie ergo mittelloser Musikant. 24 Rollen sind’s, die man an der Josefstadt natürlich bis in die kleinsten vorzüglich besetzen kann, etwa mit André Pohl als Konditor, Heribert Sasse als Uraltem Stutzer oder Martin Zauner als einem von vier „schwarz gekleideten Männern“. Die, und man fragt sich, ob Horváth tatsächlich so prophetisch sein konnte, kommen im schwarzen Wagen, um die Leichname abzuholen. Auch die zukünftigen. Föttinger ließ diesen Figuren zusätzlich weiße Brecht-Gesichter aufmalen.

Horváths Zinshausgesellschaft: Martina Stilp, Swintha Gersthofer, Roman Schmelzer, Alexander Strobele, Peter Scholz und Thomas Kamper. Bild: Sepp Gallauer

Horváths Zinshausgesellschaft: Martina Stilp, Swintha Gersthofer, Roman Schmelzer, Alexander Strobele, Peter Scholz und Thomas Kamper. Bild: Sepp Gallauer

Wie Kain und Abel: Teichtmeister mit Raphael von Bargen. Bild: Sepp Gallauer

Zwei Brüder wie Kain und Abel: Florian Teichtmeister mit Raphael von Bargen. Bild: Sepp Gallauer

Wie er überhaupt bei seiner Arbeit an diesem expressionistischen Werk auf diese Art von „Verfremdung“ setzt. Als wäre Distanz und Dezenz ein Löschpapier auf den jugendlich überhitzen, überladenen, teilweise überspannten Zeilen, lässt Föttinger seine Darsteller lediglich am Rande ihrer Rollen entlangbalancieren. Auf Aktion wird über weite Strecken verzichtet.

Die Schauspieler, sie sprechen auch die Regieanweisungen als wären sie Gesetzestexte, haben sich, so scheint’s, in kritischer Entfernung zu ihren Charakteren aufgestellt, mitunter sogar als Textaufsager an der Rampe, aber gelangen von dort aus freilich kaum zum Spielen. Dabei, man merkt es an Dominic Oley als Musiker Klein, Martina Stilp als Prostituierter Gilda oder Roman Schmelzer als ihrem Zuhälter Wladimir, wären sie mehr als heiß darauf. Aber ach …

Im Zentrum des Ganzen – Teichtmeister, der mit atemberaubender Ambivalenz den von der Liebe empor gehobenen und schließlich zerschmetterten Lehmann gibt. Er endlich erzählt von der Lächerlichkeit des Lebens, er kann einen Menschen in all seinen existenziellen Nöten schillern lassen, der Hartleibige wird weichherzig, was ihn logischerweise zerstören muss.

Dieser Lehmann ist so bedrohlich wie bemitleidenswert, und Teichtmeister spielt die Gottessuche und den Gottesfluch und letztlich die Frage, wer wem die Krücken wegschlägt, als wär’s eine nietzscheanische. Horváth hat viel gewollt und viel verrätselt in diesem Frühwerk, und Teichtmeister folgt ihm auf seinem Weg ins Jenseits von Gut und Böse. Raphael von Bargen ist ein ebenbürtiger Kain zu diesem Abel, der Fremde, der sich als Bruder entpuppen, und nach dem skrupellosen Recht des Stärkeren überleben wird. Gerti Drassl, ein versiertes Horváth-Fräulein, steht als Ursula zwischen den beiden. Sie ist in ihrem Leid von schmerzhafter Intensität, sie spielt alle Farben grau. Nur die eine lässt sie aus, die nämlich, mit der man sich ausmalen könnte, ob ihre erbarmungswürdige Ursula nicht auch aus Berechnung handelt. Doch zu Recht gilt diesem Trio am Ende der größte Applaus.

Föttingers Horváth-Hochamt an der Josefstadt ist wie eine Sehenswürdigkeit. Man muss sie gesehen haben. Schließlich gilt’s nicht alle Tage ein neues Werk des Meisters zu entdecken. Und schließlich: Niemand weiß, ob wie auch immer „bessere“ Aufführungen dieses schwierigen Stücks überhaupt gelingen können …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zVJJXgfnnVU

www.josefstadt.org

Wien, 2. 9. 2016

Tobias Moretti als Luis Trenker im Kino

August 21, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf dem schmalen Grat der Wahrheit perfekt balanciert

Luis Trenker (Tobias Moretti) und Leni Riefenstahl (Brigitte Hobmeier)  Bild: © Thimfilm

Luis Trenker (Tobias Moretti) und Leni Riefenstahl (Brigitte Hobmeier)
Bild: © Thimfilm

Der Lieblingssatz ist, als Luis Trenker und wie Tobias Moretti als Luis Trenker zur Riefenstahl von Brigitte Hobmeier sagt: „Dich begleitet immer das Dramatische.“ (Beim Lesen bitte Tirolerisch „ch“ und „ck“ denken.) Da ist aus Luis‘ und Lenis Hassliebe längst tiefe Feindschaft geworden, da trifft man sich schon zum Showdown in Kitzbühel. Jahre zuvor, als die beiden ein Happerl machen, und sie ihm die Reiterstellung schmackhaft machen will, und er sie mit den Worten „Oba jetzt durn ma wieder normal, wie sich’s g’hört“ retourmissioniert – das ist die Lieblingsszene. Nicht, weil: Sex sells, sondern weil das fast schon alles über diesen Trenker aussagt.

Am 27. August startet – nun doch österreichweit, zum Glück, denn es ist ein gelungen tragihumoriger Film geworden – die Roxy-Film-epo-Film-Produktion „Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit“. Drehbuchautor Peter Probst nimmt die Tatsache, dass der Filmemacher 1948 versuchte, von ihm gefälschte Tagebücher der Eva Braun auf den Markt zu bringen, als Rahmen für die Handlung. Bei den Filmfestspielen in Venedig trifft er sich mit seinem ehemaligen, jüdischen, nun wieder nach Europa zurückgekehrten Produzenten Paul Kohner, gespielt von Anatole Taubmann, um US-Investoren für sein Braun-Projekt zu gewinnen. In von Regisseur Wolfgang Murnberger schön ironisch-historisch braunschattierten Rückblenden, schließlich will Kohner ein Was-bisher-geschah über Trenkers Wirken im Dritten Reich, erzählt der Film eben dieses, im Kern des Alpinisten Lieben und Lassen der Leni Riefenstahl, der er beim Buhlen um Hitlers Gunst stets einen Schritt hinterherhinkt. Am Ende wird Trenker gescheitert sein. Sechs Millionen Tote versperren das Tor zu Hollywood. Man interessiert sich dort nicht für des „Führers“ Vorliebe für Fußbäder. Zum guten Schluss wird sich Luis Trenker neu erfinden. In den 1970er Jahren begründete er in seiner eigenen Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, „Berge und Geschichten“, seinen Mythos neu und wird ihn wahrscheinlich sogar geglaubt haben. Wenn man den Leutln als Lichtgestalt Anekdoten jenseits „einer dunklen Zeit“ auftischen will, wird man dazu doch seine Biografie überarbeiten dürfen. Moretti schwarzweiß als ergrauter Trenker, das ist das Expliziteste an Murnbergers Film. Denn alles, was aggressiver, plakativer wäre, hätte Morettis subtile Art den Unsympath zu spielen beschädigt.

Und Moretti ist großartig. Er adelt Murnbergers und Probsts Arbeit. Ersterer setzt den Bergfex in passend biedermännische Bilder. In diesen gibt Moretti mit verschmitztem Lächeln einen Einefetzer; sein Trenker ist trunken von der Begeisterung über sich selbst, changiert zwischem selbstverliebtem Gockel und Karrierist, der wie selbstverständlich auch sein Privatleben für die Öffentlichkeit inszeniert, der brisant geht, als er seinen Namen auf dem Filmplakat von „Der heilige Berg“ kleiner und in zweiter Reihe nach dem von Riefenstahl sieht. Die – damals noch – Ausdruckstänzerin, und Hobmeier spielt sie in ihrer Ambitioniertheit hart wie Kruppstahl, hat eben auch auf Regisseur Arnold Fanck (André Jung) Eindruck gemacht. Witzig übrigens wie Murnberger Moretti in Original-Trenker-Filme montiert; gewagt und gelungen, wie Moretti auf hinten bindungslosen Brettln à la 1920 einen Mix aus Telemark und Arlbergtechnik probiert.

Probst hält sich an die Erkenntnisse aus den Akten im Berliner Document Center. Sein Trenker ist politisch beweglich, nimmt, da er sich nun schon einmal über sein Werk mit den Faschisten auf gleichem Blut-und-Boden getroffen hat, Applaus auch von der falschen Seite gerne an, droht, wenn am Set etwas nicht so klappt, wie er will, mit seinem Fan, dem „Führer“, prahlt damit Mussolini „im Boot“ zu haben, hält die Hand über „seine Juden“, seine jüdischen Mitarbeiter, lässt sich nichts dreinreden, sagt verbürgt, Berlin könne ihn „kreuzweise“. Sein Satz an Kohner, „Ich habe mich nie von jemandem vereinnahmen lassen“, stimmt wohl für einen, der so von sich eingenommen ist. Es passt ins Bild, dass der hauptberufliche Südtiroler wegen der Optionsfrage in Ungnade gefallen ist. Eine Tatsache, die Trenker, ab 1940 NSDAP-Mitglied, später stets zu seinen Gunsten anführen wollte. Im Film scheucht ihn Goebbels-Darsteller Arndt Schwering-Sohnrey wie eine lästige Fliege vor sich her. Trenker ist in diesen Szenen weder Widerwortegeber und schon gar nicht Widerständler, sondern ein serviles Nervensagl, das Goebbels laut dessen Aufzeichnungen ständig „etwas von seinem Deutschtum vor(geschwafelt)“ habe. Der Filmtitel hält, was er verspricht. Der Film balanciert perfekt auf dem „schmalen Grat der Wahrheit“, ohne jemals die Ambivalenz seiner Titelfigur Luis Trenker anzunehmen. Trenker wurde als Pionier des Freilichtfilms, des „Film ohne Schminke“, berühmt. Hier nun also der ungeschminkte filmische Blick auf ihn.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=UiFdRovvaLw

Wien, 21. 8. 2015

Schauspielhaus Wien: Das Gemeindekind

März 6, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Abend zum Weiterdenken

Thiemo Strutzenberger, Franziska Hackl Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Thiemo Strutzenberger, Franziska Hackl
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Der 1887 veröffentlichte Roman „Das Gemeindekind“ gilt als das Hauptwerk der österreichischen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916). Die adelige Autorin erlangte Bekanntheit durch ihre psychologischen Erzählungen mit gesellschaftskritischem Inhalt, verbunden mit der Forderung nach Emanzipation. Der Titel „Das Gemeindekind“ steht für den energischen Protagonisten Pavel Holub, der der Gemeinde zur Last fällt, weil sein Vater gehenkt und seine Mutter mit Kerker bestraft wird. Thema der Geschichte ist der Einfluss der Erziehung und des Milieus, aber auch des Willens eines Individuums auf seine Entwicklung: Trotz wiederholten Rückschlägen gelingt Pavel der Aufstieg von einem abgeschobenen Gemeindekind zu einem respektierten Gemeindemitglied. Dieser Werdegang widerlegt die Auffassung, dass negative Eigenschaften und Verhaltensweisen vererbt würden. Marie von Ebner-Eschenbach übt mit dem Roman Kritik an der gesellschaftlichen Einstellung gegenüber Kindern aus Problemfamilien, den Vorurteilen, die ihnen entgegengebracht werden und ihrer Zurückweisung oder Abschiebung. Dabei nimmt sie weder Kirche, Adel noch Dorfgemeinschaft von ihrer Kritik aus. Rezensenten sehen in dem Werk große Erzählkunst, verknüpft mit humanitärem Denken und pädagogischer Absicht der Dichterin. Das zeigt sich insbesondere in der authentischen Schilderung sozialer Umstände, einer gedämpften Verklärung und der abschließenden Darstellung einer sich frei entwickelnden Persönlichkeit.

Anne Habermehl (Libretto), Gerald Resch (Komposition) und Rudolf Frey (Regie) versuchten aus der Prosa nun ein Singspiel für fünf Sänger und fünf Instrumente zu machen. Keine Aktualisierung des Ebner-Eschenbach‘schen Werks, keine Adaption des Romans für die Bühne sollte es werden, sondern eine Neudichtung. Der Ansatz ist sehr gelungen, wiewohl er in 75 Minuten unmöglich die Wichtigkeit des Werks entsprechend würdigen kann. Es musiziert das Ensemble PHACE. Es singen und spielen Thiemo Strutzenberger (Pavel), Franziska Hackl, Florian von Manteuffel, Barbara Horvath und Katja Jung. Habermehl, die den Stoff in den Postkommunismus versetzt, schuf ein Konzentrat, ein Lehrbeispiel für mangelndes Vertrauen, fehlende Solidarität und Fremdenfeindlichkeit. Kunovice ist nicht nur heute, sondern überall. Und der Mensch hat Talent darin, die Schuld anderen in die Schuhe zu schieben.

Doch zunächst teilen sich die Frauen das sozial verstörte Gemeindekind auf. „Bildungsarmut ist behandelbar“, teilt die Lehrerin Habrecht (Katja Jung) mit. Sie, die kommunistische Waisenhausleiterin, ist zur Zusammenhängesucherin mutiert. Weniger edel sind die Motive der Virgilova (Barbara Horvath), die nicht mehr als eine gierige Ziehmutter ist, die Pavel in ihrer Bar auf den Strich schickt. Der, gewohnt der Sündenbock zu sein, prostituiert sich gerne. „Geld ist ein verdammt gutes Gefühl“. Und er will seiner angebeteten Vinska (Franziska Hackl) doch so ein Wischdings-Handy kaufen. Doch die rotzfreche Göre, die sich selbst auf dem Marktplatz für die Burschen auszieht, spielt nur mit ihm. Florian von Manteuffel als Stänkerer Peter, der vor lauter Kraft die Beine nicht zusammenbringt, komplettiert das Panoptikum. Pavel ist und bleibt der Sündenbock. Strutzenberger spielt das in trotziger James-Dean-Pose. Trotz aller Bemühungen, sein Benehmen zu verbessern, auf den Ruf zu achten, zeigt sich bei der Mehrheit der Dorfbewohner keine Einsicht, was wiederum Aggressionen in Pavel auslöst und in einer Schlägerei endet. Er liegt in seinem Blut. Die Gemeinde tritt zum Totentänzchen an. Und Pavel geht.

Eine intensive Aufführung – nicht zuletzt dank der Musik von Gerald Resch, einem der wesentlichen Protagonisten der österreichischen zeitgenössischen Musik; „Das Gemeindekind“ ist seine erste musiktheatralische Arbeit. Der man zur Entfaltung mehr Zeit gewünscht hätte. Das sagt man dieser Tage auch nicht alle Tage.

www.schauspielhaus.at

Wien, 6. 3. 2015

Kammerspiele: Frühstück bei Tiffany

Dezember 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ruth Brauer-Kvam erfüllt Capotes Traum

Ruth Brauer-Kvam und Christian Nickel Bild: Sepp Gallauer

Ruth Brauer-Kvam und Christian Nickel
Bild: Sepp Gallauer

Nein, es gibt kein Happy End. Es gibt kein Kleines Schwarzes samt Perlenkette samt Riesensonnenbrille vorm Schaufenster des Nobeljuweliers. Es gibt den oscarprämierten Song „Moonriver“. Sonst hat Michael Gampes „Frühstück bei Tiffany“ an den Kammerspielen nichts mit Blake Edwards Filmfantasie zu tun, die Autor Truman Capote übrigens wörtlich „zum Kotzen“ fand. Gampe hät sich streng an den 1958 veröffentlichten Kurzroman. Beziehungweise an die Bühnenfassung von Richard Greenberg (Österreichische Erstaufführung). Und darin ist alles nicht sooo leicht und lustig – was einige Damen im Parkett zum Seufzen brachte. Buch (erschienen 1958) und Stück handeln vom Leben eines exzentrischen Partygirls, der künstlerbenamsten Hollyday Golightly (eigentlich: Lula Mae), erzählt aus der Perspektive ihres Nachbarn, der sie wegen ihrer ansteckenden Lebendigkeit liebt und bewundert, schließlich die Wahrheit über ihre sorgfältig versteckte Herkunft zutage fördert und als Einziger wirklich zu ihr steht.

Sie ist vollkommen mittellos, schlägt sich aber tapfer mit unverschämtem Charme und überraschendem Einfallsreichtum durchs New Yorker Leben, lässt ihre Verehrer am ausgestreckten Arm verhungern, dreht ihnen trotzdem die Taschen um, ist für jeden Unsinn zu haben, bis  sie das „rote Elend“ überkommt. Holly Golightly, ein von den Eltern wegen deren Tuberkulosetodes verlassenes Kind und bereits mit vierzehn Jahren verheiratet, plant New York zu verlassen und in Brasilien einen reichen Mann zu heiraten. Als sie einen Brief bekommt, in dem steht, dass ihr Bruder Fred beim Militär ums Leben kam, bricht alles zusammen Sie steht unter Verdacht, für den Mafia-Boss Sally Tomato gearbeitet zu haben (den sie gegen Bezahlung jeden Donnerstag in Sing Sing besuchte, um naiv den „Wetterbericht“ durchzugeben: Blitz und Donner in Palermo), und wird deshalb verhaftet. Da ist sie bereits vom Brasilianer schwanger, wird das Kind jedoch durch die brutale Behandlung im Gefängnis verlieren. Ihre geplante Heirat in Brasilien wird abgesagt, da ihr Verlobter ein wichtiges politisches Amt besetzt und keine Frau will, die derart öffentliches Interesse auf sich zieht. Holly will trotzdem ein neues Leben zu beginnen.Jahre später – hier setzt Gampe ein – sehen Barmann Joe Bell (Martin Zauner) und Nachbar „Fred“ (Christian Nickel, benannt nach Hollys Bruder) Fotografien aus Afrika. Holzschnitzereien eines Frauengesichts, das Holly ähnelt …

Die Inszeniernung macht  kein Geheimnis daraus: Holly, als Heranwachsende sexuell missbraucht, ist eine Edelprostitierte. Ruth Brauner-Kvam gibt der Figur Konturen, wie man sie vielleicht noch nie sah. Überdreht, verrückt französisch sprechend, eine Verdrängungsspezialistin, eine Überlebenslügnerin, der die Depression nach der Manie doch oft und oft nicht erspart bleibt. Ihre Anziehungskraft lässt Männer sie wie die Motten das Licht umflirren. Eine spätgeborene Cousine der „Kameliendame“, die bald an der Josefstadt Premiere hat. Die Herren der High Society kommen für ihre Gesellschaft für ihren Lebenswandel auf. Und da hat sie sich ein perverses Panoptikum zusammengestellt. Allen voran Siegfried Walther als großsprecherischen, aber ebenso großherzigen Filmproduzenten O. J. Berman, Nicolaus Hagg als faschistenfreundlichen Rusty Trawler … wunderbar, wie der nicht alle Tassen im Schrank hat. Christoph Zadra als brasilianischer Verlobter José … Fred. Christian Nickel, gleichzeitig auch Erzähler, ist im Versuch seriös zu sein, kein weniger verträumter Verehrer. Der Spießbürger wird in eine Welt gestoßen, in der im Großen der Wahnwitz regiert. In den intimen Szenen sind er und Holly ganz bei sich, ein schönes Paar, schön auch, wie Brauer-Kvam auf der Ukulele und Nickel mit der Trompete harmonieren. Wahrscheinlich erfüllt Brauer-Kvam mehr Capotes Traum von Holly, als er zu Lebzeiten erwarten durfte.

Dennoch klar: Das Stück ist vulgärer, roher, politischer als der allseits bekannte Filmkitsch. Das Lachen ist hier als Capotes Lebenszynismus angelegt. Kaum ein Stoff kommt ihm näher. „Fred“, der erfolglose Autor, der schließlich (kurzzeitig) Journalist wird, ist Capote. Seine Mutter, Lillie Mae, ließ ihn als Kind allein zurück, um Männer in Motels zu treffen. Sie beging später Selbstmord. Adoptivvater Joseph Capote landete wegen Urkundenfälschung in Sing Sing. Kaum wagt man es zu schreiben, dass Hagg eine Art Andy-Warhol-Perücke trägt. Mit dem unvollendeten Roman „Erhörte Gebete“ (1975) löste Capote einen Skandal aus, der ihn für immer von der High Society abschnitt. Und wie Holly wollte das Kind aus Alabama nirgends dringender hin.

Taucht noch Alexander Strobele als „Doc“ auf. Ein Bruch in Gampes Arbeit. Ein „guter Mensch“, der zwei verlassene Kinder bei sich aufgenommen hat und sich nichts dabei dachte, das Mädchen von 14 Jahren zu heiraten und zu beschlafen? Der Teenagerschänder kommt allzu lieb daher. Auch, wenn’s nur eine Empfindung unserer Zeit ist und weiland in den US-Südstaaten möglicherweise durchaus üblich Da wäre anno 2014 mehr Schärfe angebracht gewesen.

www.josefstadt.org

www.mottingers-meinung.at/michael-gampe-im-gespraech/

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=PnA3hoYoJK8#t=16

Wien, 5. 12. 2014