Volkstheater: Niemandsland

Oktober 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Zeit-Bomben der Kriegstraumata

Birgit Stöger als kriegstraumatisiert Azra mit Seyneb Saleh. Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Birgit Stöger als kriegstraumatisierte Azra mit Seyneb Saleh. Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Halbnackte Männer in Militärhosen umtanzen eine Frau, heben sie hoch, reichen sie weiter, bis man erkennt, dieser Akt zeitgenössischen Tanzes ist die Darstellung einer Gruppenvergewaltigung. Ein Kriegsverbrecher setzt zum großen Geständnis an, doch es ist nur das Kunstprojekt eines Sohnes, der fest an die Unschuld seines Vaters glauben will. Ein Anwalt für Menschenrechte vertritt eine syrische Bloggerin, aber in Wahrheit sind ihre Posts von ihm.

Als Yael Ronen und ihre Darsteller das schrieben, wussten sie noch gar nichts vom Hype um Bana Alabed … Am Volkstheater zeigt die israelische Theatermacherin ihr Projekt „Niemandsland“, es ist vom Schauspielhaus Graz nach Wien übersiedelt, wurde aktualisiert und ergänzt. Im Mittelpunkt steht die wahre Liebesgeschichte von Osama Zatar und seiner Frau Jasmin Avissar, er Palästinenser, sie Israelin, und ihrer Suche nach einem Ort, an dem sie ihre Liebe leben können. Es wurde Wien (Ein Gespräch mit den beiden: www.volkstheater.at/themen/auf-der-buehne/niemandsland/). Zatar und Avissar stehen als sie selbst auf der Bühne; Avissar hat die Körpertheaterszenen choreografiert.

Rund um diese True Story knüpft Ronen einen Reigen aus Schicksalen Kriegstraumatisierter. Sie zeigt von der Vergangenheit bewältigte, an der Gegenwart erstickende Menschen. Deren Erinnerungen fallen in den Theaterraum wie Zeit-Bomben. Die Episoden greifen ineinander, spielen in Belgrad, in Ramallah oder hier. Die Bosnierin Azra (Birgit Stöger) ging durch die Hölle des Lagers in Foca, in dem Vergewaltigung als Kriegsstrategie eingesetzt wurde, floh mit dem Produkt dieses Leidens, ihrer kleinen Tochter Leila, nach Wien, wo sie, verfolgt von den Geistern der Vergangenheit, vor sich hin vegetiert.

Leila (Seyneb Saleh), Studentin, Freundin des erschöpften Kriegsreporters Fabian (Jan Thümer), geht als Aktivistin einer NGO nach Palästina und trifft dort auf den Bildhauer Osama. Dessen Frau Jasmin wendet sich in Wien an einen Menschenrechtsanwalt (Julius Feldmeier), der ihn zu ihr bringen soll. Von diesem Dr. Nachmann erwartet sich auch der Schauspieler Miloš (Sebastian Klein) Hilfe. Man hat seinen Vater als Kriegsverbrecher angeklagt. Sein Vater war in Foca …

Osama Zatar will von Palästina nach Österreich gelangen. Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Osama Zatar will von Palästina nach Österreich gelangen. Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Seine Frau Jasmin Avissar wendet sich deshalb an einen Wiener Menschenrechtsanwalt (Julius Feldmeier). Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Seine Frau Jasmin Avissar wendet sich deshalb an einen Wiener Menschenrechtsanwalt (Julius Feldmeier). Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Das starke Ensemble weiß zu berühren. Zeigt in den Tanzsequenzen bisher ungeahnte Talente. Und wie immer, wenn Ronen mit ihrer Handmacherart auf das Grauen der Welt hinweist, ist das zum Weinen und zum Lachen, lauert die Situationskomik in den Kulissen der menschlichen Tragödien. Vor allem Stöger kann diesbezüglich all ihre schauspielerischen Stärken ausspielen. Im Gespräch mit mottingers-meinung.at sagte sie einmal, es dauere im Schnitt drei Jahre, bis ein Publikum sich mit ihrem Spiel anfreunden würde – da hat sie am Volkstheater aber die Abkürzung genommen.

In „Niemandsland“ geht es um Opfer und Täter, um das Erben von Schuld und um das Weitergeben von Konflikten und daraus entstehenden Traumata an die nächste Generation. Um den Unterschied zwischen Lügner und Lügner. Um die Frage, wer das Recht hat, über Krieg zu reden und um die Gnade der Geburt. Am Ende verursacht eine vermeintlich gute Tat neues Leid. Am Schluss sitzt eine Pointe. Typisch Yael Ronen. Ein bestechender, ein eindrücklicher Theaterabend, ein Statement auch zu Tagen, die erst noch folgen.

www.volkstheater.at

Wien, 5. 10. 2016

Das Rote Wien im Waschsalon: Julius Tandler

September 19, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

„Verpflichtet, allen Hilfsbedürftigen Hilfe zu gewähren“

Kinderbetreuung in der Loggia der Kinderübernahmsstelle, 1925. Bild: © WStLA

Kinderbetreuung in der Loggia der Kinderübernahmsstelle, 1925. Bild: © WStLA

Anlässlich des 80. Todestages von Julius Tandler widmet Das Rote Wien im Waschsalon Karl-Marx-Hof ab 21. September seine aktuelle Sonderausstellung dem Arzt, Wissenschafter und Stadtrat für das Wohlfahrts- und Gesundheitswesen. Gezeigt werden auch Briefe aus dem im Josephinum befindlichen Nachlass. Tandler, ab 1920 Stadtrat für das Wohlfahrts- und Gesundheitswesen, ist eine der zentralen Persönlichkeiten des Roten Wien.

Unter seiner Ägide wird soziale Hilfe von einer „gewährten Gnade“ zum Rechtsanspruch für alle, die sie brauchen. Tandler entwickelt ein System der „geschlossenen Fürsorge“, das die Menschen von der Zeugung bis zum Tod erfasst. Julius Tandler wird am 16. Februar 1869 im mährischen Iglau geboren; bald darauf zieht seine Familie nach Wien. Der aus einfachen Verhältnissen stammende Mann bringt es dennoch bis zum Medizinstudium an der Wiener Universität, deren medizinische Fakultät zu den führenden der Welt zählt. Emil Zuckerkandl, der Leiter des Anatomischen Instituts, wird bald zu seinem Mentor. 1910 folgt Tandler seinem Lehrer als Leiter des Anatomischen Instituts nach. Als engagierter Arzt und renommierter Wissenschafter sieht er seine Aufgabe nicht nur im Behandeln, sondern auch im Verhindern von Krankheiten.

1919 wird er in den Wiener Gemeinderat gewählt und ist auch mit der Ausarbeitung eines bundesweiten Krankenanstaltengesetzes befasst, das im Juli 1920 im Parlament beschlossen wird. Damit wird die Verpflichtung des Staates, sich an den Kosten der Heilbehandlung sämtlicher Staatsbürger finanziell zu beteiligen, zum ersten Mal gesetzlich verankert. Ab 1920 ist Tandler als Stadtrat für das Wohlfahrts- und Gesundheitswesen für die Neuorganisation des Wiener Fürsorgewesens verantwortlich. Tandlers Wohlfahrtspolitik ist umfassend – und deren Inanspruchnahme freiwillig.

Julius Tandler bei einer Vorlesung. Bild: © Josephinum, MedUni Wien

Julius Tandler bei einer Vorlesung. Bild: © Josephinum, MedUni Wien

Illustration aus “Die Unzufriedene”, 17.12.1927

Illustration aus “Die Unzufriedene”, 17.12.1927. Bild: Waschsalon Karl-Marx-Hof

Ein halbes Jahr nach der Übernahme des Stadtratspostens im November 1920 trägt Julius Tandler im Wiener Gemeinderat die vier Grundsätze seines künftigen Fürsorgesystems vor.  „Die Gesellschaft ist verpflichtet, allen Hilfsbedürftigen Hilfe zu gewähren.“ Schon dieser erste Punkt markiert einen grundlegenden Gesinnungswandel: weg von der „regellosen Wohltäterei“, hin zur verpflichtenden öffentlichen Aufgabe und zum Rechtsanspruch jedes Einzelnen, der ja „ungefragt in die menschliche Gesellschaft kommt“. Die „Geschlossenheit der Fürsorge“ – räumlich, zeitlich und qualitativ – ist ebenfalls neu und revolutionär. Die Gemeinde Wien errichtet ein dichtes Netz von Fürsorgestellen, das ab 1932 durch ambulante Dienste ergänzt wird. Gleichzeitig erfasst die Fürsorge die Menschen von der Zeugung bis zum Tod und reicht weit in andere Bereiche hinein – von Infrastruktureinrichtungen in Wohnbauten über Sportstätten und Bäder bis hin zur Arbeitslosenunterstützung. Die finanziellen Voraussetzungen dafür schafft eine zunächst zwei-, später vierprozentige Fürsorgeabgabe, mit der folgerichtig auch Teile des Wohnbauprogramms finanziert werden.

Das aufsehenerregendste Resultat der bevölkerungspolitischen Überlegungen Julius Tandlers ist die Einführung einer Eheberatung. Darüber hinaus wird auch über Empfängnisverhütung als Mittel gegen Geschlechtskrankheiten, über Abtreibung und mögliche „Unvollkommenheiten“ informiert. Für bereits geborene Kinder soll ein dichtes Netz an Mutterberatungsstellen Hilfe und Aufklärung leisten. Unter dem Motto „Kein Wiener Kind darf auf Zeitungspapier geboren werden“ wird 1927 auf Initiative Tandlers das Säuglingswäschepaket eingeführt – eine kostenlose Erstausstattung für alle in Wien geborenen Kinder. Da 1927 auch ein Wahljahr ist, diffamiert die bürgerliche Opposition das Wäschepaket als „Wahlwindeln“. Julius Tandlers Hauptaugenmerk gilt der Kinder- und Jugendfürsorge, dem „Fundament jeder Fürsorge“. „Sinn und Zweck des Daseins einer Generation“ könne seiner Ansicht nach „nur die Sorge um die nächste sein“, und diese gelte es zu „besseren Menschen“ zu erziehen.

Zahnputzunterricht in der Kinderübernahmsstelle, 1926 Bild: © WStLA

Zahnputzunterricht in der Kinderübernahmsstelle, 1926 Bild: © WStLA

Städtische Heilstätte “Bellevue” für leicht lungenkranke Frauen, aus “Die Tuberkulosefürsorge der Gemeinde Wien”, 1927 Bild: © Waschsalon Karl-Marx-Hof

Städtische Heilstätte “Bellevue” für leicht lungenkranke Frauen, aus “Die Tuberkulosefürsorge der Gemeinde Wien”, 1927 Bild: © Waschsalon Karl-Marx-Hof

Tandlers Wirkungsbereich umfasst auch den Kampf gegen Volksseuchen wie Tuberkulose, Alkoholismus und Krebs. Auf seine Initiative hin startet die Gemeinde Wien „einen umfassenden Angriff gegen die Tuberkulose“, die wegen ihres gehäuften Auftretens in Wien europaweit als „Morbus Viennensis“, als „Wiener Krankheit“, bekannt ist. Auf Tandlers Betreiben hin erwirbt die Gemeinde fünf Gramm Radium und richtet in Lainz eine Sonderabteilung für Strahlentherapie ein. 1922 wird die Trinkerheilstätte „Am Steinhof“ eröffnet, 1925 auch eine eigene Trinkerfürsorgestelle eingerichtet. Der einzig gangbare Weg zur Bekämpfung der Alkoholsucht, so Tandler, sei der „Kampf gegen die Inhaltlosigkeit des Daseins“, „gegen Entfremdung des Arbeitsprodukts vom Arbeiter durch Industrialisierung und Mechanisierung.“

Kinderfreibad Vogelweidplatz, 1928. Bild: © MA 44

Kinderfreibad Vogelweidplatz, 1928. Bild: © MA 44

Tandler, der nicht nur innerhalb der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei höchstes Ansehen genießt – Finanzstadtrat Hugo Breitner nennt ihn halb scherzhaft seinen „teuersten Freund“ –, bleibt zeitlebens ein selbstbewusster und manchmal unbequemer Außenseiter. Legendär und gefürchtet ist sein bissiger Humor.

Zwar kulturell durch das traditionelle Judentum geprägt, aber keineswegs religiös und bereits 1899 zum katholischen Glauben konvertiert ist, sieht er sich zeitlebens mit antisemitischen Anfeindungen konfrontiert. Vom Ausbruch des Bürgerkriegs 1934 erfährt Tandler während eines Aufenthalts in China. Nach Wien zurückgekehrt, wird er vorübergehend verhaftet. Man nimmt ihm sogar Brille, Hosenträger und Schuhbänder ab. Über diese schäbige Behandlung empört, sagt er: „Glauben Sie wirklich, daß ich aus China gekommen bin, um mir in der Rossauer Lände die Pulsadern aufzuschneiden?“ Seinen Sarkasmus behält er bei. Als der Internist Carl von Noorden anfragen lässt, wann er Tandler besuchen könne, erhält er zur Antwort: „Ich bin den ganzen Tag zu Hause.“

dasrotewien-waschsalon.at

Wien, 19. 9. 2016

MuTh – Justus Neumann: Häuptling Abendwind oder Kaufe Niere – bezahle bar

September 13, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das beste Bratl aus dem Publikum

Justus Neumann als Häuptling Abendwind mit der Biberhahn-Puppe. Bild: Wolfgang Kalal

Justus Neumann als „Häuptling Abendwind“ im Clinch mit der Biberhahn-Puppe. Bild: Wolfgang Kalal

Meine Herren, die Männer haben’s in dieser Vorstellung wirklich nicht leicht. Weil: Immer wenn Justus Neumann „Meine Herren!“ sagt, müssen sie aufstehen und sich verbeugen. Als „Häuptling Abendwind“ sucht er das beste Bratl aus dem Publikum für seinen Gast, den Biberhahn, und da ist der eine Zuschauer zu zäh, der andere zu fett, ein dritter zu sehnig, um einen g’scheiten Festschmaus abzugeben.

Den eigentlich dafür angedachten, einen tamilischen Flüchtling aus Traiskirchen namens „Sohn der Sonne“, hat ihm nämlich die Fremdenpolizei in Schubhaft gesteckt, also muss Ersatz her … So ist es, wenn der große Neumann sich an Nestroys Kannibalenburleske macht.

Zum angedroht letzten Mal spielt Justus Neumann dieser Tage in Wien Theater. Im MuTh begeht er diesen Abschied von seiner Heimatstadt, weil ihm der Weg von Tasmanien an die Donau mittlerweile doch zu beschwerlich wird. Das heißt, eigentlich ist er gekommen, um zu bleiben. Als Klimaflüchtling. Australien ist abgebrannt und mit österreichischem Pass tut man sich hierzulande relativ leicht punkto Asyl.

Die Nestroy Gesellschaft fühlt sich verpflichtet etwas für den nunmehr Mittellosen zu tun, und bittet ihn die Faschingsposse „Häuptling Abendwind“ aufzuführen. Als Solo. Was Neumann vor eine schier unlösbare Aufgabe stellt …

Die er natürlich mit Bravour, Publikum und einer überlebensgroßen Biberhahn-Puppe von Meisei Koji meistert. Neumann bettet den Nestroy in seine eigene Geschichte ein, und das macht er so gewitzt wie g’feanzt wie clownek – echt Wienerisch eben. Im rotweißrot gestreiften Leiberl erzählt er von den menschlichen Grauslichkeiten, gibt Couplets von Bildungsnotstand bis Notstandsverordnung zum besten, und schiache Wienerlieder, in denen kein Herz golden, aber der Zustand ein b’soffener ist. Sein Sohn Julius Schwing begleitet ihn auf der E-Gitarre, da kommt ein bissl Steve Vai-Stimmung auf, und der Höhepunkt ist sowieso die Dialektfassung von Jimi Hendrix‘ „Hey Joe“.

Neumann muss nichts am Stück aktualisieren. Er singt sich einfach durch den österreichischen Literaturkanon, da erkennt man durchaus, dass dies „kein schöner Land“ einst k.k. Kriegstreibernation war, und besser ist es lange nicht geworden, bis der Kannibalismus als Thema dieser Tage wieder Einzug hielt. Die Niere verkauft übrigens einer, der sich ums Geld dafür eine Bootsfahrt in die bessere Hälfte der Welt leisten will. Das ist so tragisch und zugleich so komisch geschildert, Neumann, dieser Faun von einem Volksschauspieler, regt wie immer zum Lachen und Gedanken machen an. Und wie immer fährt seine Fantasie Ringelspiel, wenn er Luftschlösser und Kartenhäuser baut, wenn er an die Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten des Lebens Watschn austeilt, als wären sie sein persönlicher Calafati. Auch mit dem Biberhahn ringt er auf Leben und Tod, der würgt ihn, aber Neumann kann ihm schließlich doch den Kopf abreißen …

Der Nestroy Gesellschaft hat’s nicht gefallen, ihr Präsident reagierte sogar höchst erbost. Was Justus Neumann schlussendlich aber wurschtl ist. Selbst Nestroy ist mit diesem Stück durchgefallen, die Kritik fand die Handlung zu „abgeschmackt“. Sagt Neumann. Und lässt es aus einem Tennisschläger Seifenblasen regnen.

Regie: Hanspeter Horner. Vorstellungen bis 22. September.

www.muth.at

www.justusneumann.com

Wien, 13. 9. 2016

Lou Andreas-Salomé

September 8, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Frau, die über Nietzsche die Peitsche schwang

Lou Andreas-Salomé mit Paul Rée: Katharina Lorenz und Philipp Hauß. Bild: Polyfilm

Lou Andreas-Salomé mit Paul Rée: Katharina Lorenz und Philipp Hauß. Bild: Polyfilm

„Stellen Sie sich vor, ich sei ein Mann.“ Mit diesem Satz nahm Lou Andreas-Salomé Verehrern den Wind aus den Segeln. Deren hatte die Schöne viele. Paul Rée, Rainer Maria Rilke, Friedrich Nietzsche, Gerhart Hauptmann gehörten dazu, später sogar Sigmund Freud. Rilke widmete ihr Gedicht um Gedicht, Wedekind nannte angeblich sein Werk „Lulu“ nach ihr, mit Rée und Nietzsche ging sie kurzfristig eine geistige ménage à trois ein, geistig, weil sich Lou Andreas-Salomé der Körperlichkeit entzog.

Eine selbst auferlegte Askese, war sie doch überzeugt davon, nur der Zölibat schaffe ihr als Frau den nötigen Freiraum, in den Armen eines Mannes aber würde sie sich selbst zum Hausmütterchen degradieren … Es entstand das berühmte Dreierfoto, die Denker vor ihren Karren gespannt, sie mit der Peitsche in der Hand, und man fragt sich, ob in dieser Szene Nietzsches späterer Ausspruch vom Lederriemen und dem Weibe begründet liegt. Der sexuell abgewiesene, der über die Angebetete erst formulierte „Lou ist scharfsinnig wie ein Adler und mutig wie ein Löwe“, nannte sie dann nämlich die „dürre, schmutzige, übelriechende Äffin mit ihren falschen Brüsten“. Männer! Und unter ihnen so viele Hysteriker, es verwundert nicht, dass Freud folgen musste.

Lou Andreas-Salomé war Philosophin, Schriftstellerin und Psychoanalytikerin, geboren 1861 in St. Petersburg, gestorben 1937 in Göttingen, war sie eine der gelehrtesten und wissenschaftlich produktivsten Frauen ihrer Generation. Die Berliner Autorin und Regisseurin Cordula Kablitz-Post holt in ihrem Spielfilmdebüt „Lou Andreas-Salomé“, das ab 9. September im Kino zu sehen ist, dieses bewegte Leben aus der Vergessenheit. Entstanden ist ein faszinierendes Frauenporträt, das mit leisem Humor den Weg einer starrköpfigen Streiterin für mehr Rechte, für, wie sie es nannte, mehr „Raum für die Entwicklung der Frau“ nachgeht. Andreas-Salomé lebte die Emanzipation, wiewohl sie es stets weit von sich wies, eine, wie man heute sagen würde, Feministin zu sein.

Aufmüpfig als Kind: Liv Lisa Fries mit "Mutter" Petra Morzé. Bild: Polyfilm

Aufmüpfig als Kind: Liv Lisa Fries mit „Mutter“ Petra Morzé. Bild: Polyfilm

In späteren Jahren Revolutionärin der Psychotherapie: Nicole Heesters mit Matthias Lier als "Ernst Pfeiffer". Bild: Polyfilm

In späteren Jahren Revolutionärin der Psychotherapie: Nicole Heesters mit Matthias Lier als Ernst Pfeiffer. Bild: Polyfilm

Das Biopic ist bis in kleinste Rollen exzellent besetzt, mit dabei viele Burgtheaterschauspieler, Petra Morzé und Peter Simonischek spielen die Eltern Salomé, Philipp Hauß den Paul Rée. Merab Ninidze brilliert als Friedrich Carl Andreas, der Orientalist, der sich endlich als einziger auf eine sexlose Ehe mit Lou einließ, in seiner Not aber eine lebenslange Zweitliebe mit der Haushälterin einging. Alexander Scheer ist als Nietzsche augenrollend bedrohlicher und ergo skurriler wie Paulus Manker als Almas Kokoschka, Julius Feldmeier als Rilke ein weinerliches Bündel Mensch.

Man muss es sagen, der feinnervige Lyriker verliert in diesem Film deutlich an Boden, so raunzert ist das Bild, das Kablitz-Post von ihm entwirft. Lou Andreas-Salomé hatte ein Händchen dafür, Elegiebürscherln um sich zu sammeln, geknickte Männlichkeiten aufzurichten und künstlerische Karrieren in Schwung zu bringen. Sie war Inspiration, Muse, später auch Mäzenin. Doch so stark und bei messerscharfen Verstand, wie sie war, wirken die Herren der Schöpfung rund um sie wie schwache Männlein.

Diesen Eindruck verdichtet freilich die Darstellung von Katharina Lorenz und Nicole Heesters. Kablitz-Post hat die Figur der Andreas-Salomé in verschiedenen Lebensaltern auf die beiden formidablen Schauspielerinnen aufgeteilt, erstere gestaltet sie angespannt wie eine Feder, zweitere altersweise und ein wenig verschmitzt, die Lorenz ist von strenger Schönheit, die Heesters in überragender Spiellaune. Liv Lisa Fries spielt Andreas-Salomé als 16-Jährige, der Film bewegt sich zwischen den drei Zeiten hin und her, erzählt nicht chronologisch, sondern springt in den Ereignissen als wären’s die Erinnerungen der älteren an ihre gewesenen Ichs. Dies auch ein inhaltlicher Kniff der Filmemacherin, denn so kann sie friktionsfrei die später geschönte Biografie Andreas-Salomés mit anderen, ihr widersprechenden Quellen verknüpfen.

Lou Salomé mit Paul Rée und Friedrich Nietzsche. Bild: Copyright Dorothee Pfeiffer, Lou Andreas-Salomé Archiv

Lou Salomé mit Paul Rée und Friedrich Nietzsche. Bild: Copyright Dorothee Pfeiffer, Lou Andreas-Salomé Archiv

Ein Gutteil der Dokumente stammt aus dem Archiv von Ernst Pfeiffer, im Film verkörpert ihn Matthias Lier, Andreas-Salomés letzter Psychotherapiepatient und späterer Nachlassverwalter. Der rettete maßgebliche Teile ihres Werks vor dem Zugriff der Nationalsozialisten. Denn im Dritten Reich war man höchst erbost über diese Frau, die sich in den „jüdischen“ Disziplinen des Denkens übte. Und so beginnt der Film denn auch mit einer Bücherverbrennung …

„Lou Andreas-Salomé“ ist ein filmisches Beispiel dafür, dass ein Widerspruchsgeist zu sein und ein Freigeist sein zu wollen zu allererst des Geistes bedingt. Andreas-Salomé hatte alles davon, und im Übermaß. Sie war eine Kämpferin gegen Konventionen, dass sie für das Wegsperren ihrer Gefühle aber auch einen hohen Preis bezahlte, dass sie die nie versiegende Sehnsucht nach einem eigenen Kind schließlich zu einer ganz besonderen Tat verleitet hat, wird der Film am Ende erklären.

Er schließt mit einem Zitat, das die großartige Heesters vorträgt: „Die Welt, sie wird dich schlecht begaben. Glaube mir’s. Sofern du willst ein Leben haben, raube dir’s.“

 

Trailer: www.youtube.com/watch?v=0qyQgSsi920

Wien, 8. 9. 2016

Wiener Festwochen: Dugne / Nachtasyl

Mai 25, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Einladung zum Letzten Abendmahl des Theaters

Bild: Dmitrijus Matvejevas

Pennerphilosophie von Satin und dem Baron: Darius Meskauskas und Dainius Gavenonis. Bild: Dmitrijus Matvejevas

Beim Nachhausefahren in der U-Bahn genau so ein Typ, mit Bierdose, der Vierersitz bis auf seinen Platz leer, denn wer will schon … nicht einmal rüberschauen am besten. Das geht beim Oskaras Koršunovas Theater aus Vilnius nicht. Der litauische Regisseur und seine Truppe zeigen bei den Wiener Festwochen Maxim Gorkis „Dugne / Nachtasyl“. Das heißt, es ist nur der vierte Akt, der im brut dargeboten wird.

Da ist Luka schon gegangen, Anna tot, und Pepel und Wassilissa sind in Untersuchungshaft. Was bleibt, ist eine Inszenierung auf kurze Distanz, so sehr Aug‘-in-Aug‘, dass man hinsehen muss. Koršunovas heischt nicht um Verständnis für irgendjemandes Verhängnis. Schonungs- und mitleidlos zeigt er zunehmend aggressiver werdende Asoziale, der Mensch, wie er ist, wenn ihm Eigendefinition und -verantwortung ausgehen, das ist bedrückend, eindrücklich und schwer auszuhalten.

Wobei Gorki weder etwas hinzugefügt, noch von ihm weggelassen wird. Im Hintergrund gleiten dessen Sätze vorbei. „Man muss jeden Menschen respektieren!“ und „Tritt keinem Menschen zu nahe!“ und der liebste „Wenn Arbeit erzwungen ist, dann wird Leben zur elenden Sklaverei!“ Das Wort ist Leuchtschrift geworden und ist unter uns gelaufen. Dazu Dias von der litauischen Landschaft als ein letztes bisschen Frieden. Auch die Schauspieler werden diese Sätze noch sprechen, aber aus ihrem Mund werden sie anders klingen, nach „arbeitsscheu“ und den üblichen tagtäglichen Beschimpfungen. Sandler, Owezahrer, Strolch. Vorurteile? Ein Grausen? Nicht doch! Da sitzen sie so lieb lächelnd an der weißgedeckten Tafel, die zweite Gruft in Tuchfühlung, und teilen ihren Wodka und die salzigen Kekse mit dem Publikum. Gramm um Gramm rinnt die Kehlen runter, und das Wort wird weitergereicht. Rasa Samuolytė als Prostituierte Nastja hat sich schon beim Reinkommen einen jungen Mann in der ersten Reihe ausgeguckt. Er ist Student, Johannes heißt er, und am Ende wird sie ihm ihre Telefonnummer zustecken – man weiß ja nie, die Hoffnung auf ein besseres Leben in Österreich soll keiner aufgeben müssen. Und natürlich wird gebettelt. Eine Million Euro, das ist für reiche Westeuropäer doch nichts!

Die Gesichter des vermeintlich vereinten Europas, und wie wenig man dem anderen in seines zu schauen vermag, und wie Unkenntnis zu Unverständnis führt. Oskaras Koršunovas sagt das alles, ohne etwas explizit zu sagen. Derweil entwickelt sich unter den Darstellern eine Diskussion um die Wahrheit und ihren Wert, an diesem Tisch ohne den Tischler beraten hochphilosophische Penner darüber, ob Wahrheit nicht eigentlich eine Glaubensfrage ist. „Der Gott des freien Menschen“, wie Dainius Gavenonis als Satin sagt. Der Wort- und Rädelsführer hat die arbeitslosen Apostel um sich versammelt, um Lukas Gleichnisse an die Gemeinde weiterzugeben. Wie Hostien teilt er nun die Kekse aus, wirft sie unter das Zuschauervolk, trinkt Bruderschaft da und dort, die, die so gut wie nichts haben, teilen noch das wenige, und mit der Promillezahl steigt die Großzügigkeit. Einer auf dem Nebenplatz flüstert: „Müssen die morgen nicht ihren Rausch ausschlafen?“ Es ist ein Verdienst dieser seltsam naturalistischen Aufführung, dass einem solche Dinge durch den Kopf und nahe gehen.

Bild: Dmitrijus Matvejevas

Das Ensemble versammelt sich zum Letzten Abendmahl des Theaters. In der Mitte: Rasa Samuolyte als Nastja. Bild: Dmitrijus Matvejevas

Bild: Dmitrijus Matvejevas

Die Witwe Kwaschnja (Nele Savicenko) schimpft auf die Männer. Bild: Dmitrijus Matvejevas

Wo der Mensch ist, wird Geschirr zerschlagen werden. Im Wortsinn, Nastja wirft mit Tellern um sich. Sie fühlt sich beleidigt, weil die Männer über ihre Kitschromane lachen. Samuolytė, dieses rothaarige Gorki-Geschöpf, ist eines der Highlights des Abends. Überhaupt sind die Schauspieler ganz großartig: Julius Žalakevičius als selig volltrunkener Mützenmacher Bubnow, Darius Meškauskas als resignativer Baron, Jonas Verseckas als um Ruhe bemühter Kleschtsch oder Rytis Saladžius als Polizist Medwedew. Giedrius Savickas steigt als Aljoschka den zum Tänzchen gebetenen Zuschauerinnen auf die Zehen.

Nelė Savičenko warnt als Witwe Kwaschnja eine anwesende Ehefrau: „Schlägt er dich? – Nein? – Na, das wird schon noch kommen!“ Und inmitten von  Lärm und Musik kniet Tomas Žaibus als der Tartar und betet zu Allah. Auch das keine Erfindung des Ensembles, sondern original Gorki. Es folgen Streit, Standesdünkel und Eifersüchteleien. Und die Gewaltspirale dreht sich, es wird gesoffen, geschrien und geschlagen, und selbst der gutmütigste Gutbürgerliche hat mittlerweile Fluchtgedanken. Raus aus diesem Raum, ein Glück, das geht einen alles nichts an, weil man ist ja auf der sicheren Seite der Gesellschaft.

Doch da kommt die Kultur. Sie ist gestorben, sie ist ein Gespenst. Der Schauspieler – Darius Gumauskas mit einer beklemmenden Performance stiller Verzweiflung – hat sich erhängt, und sein Geist rezitiert Hamlet. Sein oder Nichtsein? In solchen Verhältnissen ist Schluss mit „Show“. Lichter aus, Vorhang zu. Oskaras Koršunovas sagt, in Litauen sei es aufgrund der jetzigen Theaterfinanzierung nicht mehr möglich eine „normale“ Inszenierung zu machen. Und man versteht, dieses Grenzerlebnis war eine Einladung zum Letzten Abendmahl, eine über seine sozialen Metaphern hinausreichende Totenfeier des Theaters. Jetzt ist das Hochkulturblabla als Bluff enttarnt, denn mit schönen Worten lässt sich kein Schauspielermagen füllen, nun wird die Kulturpolitik auf die Bühne gebeten. Eine gute Entscheidung von Festwochen-Schauspielchefin Marina Davydova diese Produktion auch nach Wien einzuladen. Sie ist ein kleiner Abend, der einem kluge Gedanken mit auf den Weg gibt.

Video: www.youtube.com/watch?v=vBHLNZEII4A

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Der Auftrag: www.mottingers-meinung.at/?p=20189

Látszatélet/ Scheinleben: www.mottingers-meinung.at/?p=20141

Città del Vaticano: www.mottingers-meinung.at/?p=20120

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 25. 5. 2016