Kammeroper: Faust

Oktober 12, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Klappmaul-Mephisto als strahlender Opernstar

Erste Annäherung ans „schöne Fräulein“: Quentin Desgeorges als Faust, Jenna Siladie als Marguerite und Dumitru Mădărășan als Méphistophélès. Bild: Herwig Prammer

Kalte Schauer beim Drame lyrique. An der Kammeroper hat Nikolaus Habjan Charles Gounods „Faust“ inszeniert, und da in Rezensionen der Arbeiten des preisgekrönten Regisseurs so gern formuliert wird, er ließe die Puppen tanzen, voilà: In der finalen Walpurgisnacht bittet Habjan vier greise Säuglingsfigürchen zum bizarren Ballett auf dem Hochseil, hässliche Homunkuli als sozusagen Vorahnungen des Kommenden, und ihr Erscheinen einer der optischen Höhepunkte dieses fantastisch opulenten Opernabends.

Der einen alles überstrahlenden Star hat, in Form des menschengroßen Klappmaul-Méphistophélès, in Szene gesetzt von Puppenspielerin Manuela Linshalm und Bassist Dumitru Mădăraşăn, der dem Fürsten der Finsternis dank jener seltenen „Schwärze“ im Timbre eine elegante, subtile Gefährlichkeit verleiht. Mit jedem kurzen Kopfschütteln, dass ob der Torheit von Gottes Kreaturen stets zwischen Sarkasmus und Fassungslosigkeit changiert, beweist diese Puppe, und man darf das so sagen, denn Habjans Kreationen sind Subjekt, nie Objekt, ein so enormes schauspielerisches Können, wie man sich’s von manchem Fleisch-und-Blut-Teufel erhoffte.

Dieser rotgewandete Dämon mit verschlagen glitzernden Feueraugen, verächtlich verzogenem Mund und gräulichen Krallenhänden ist der Spielmacher, einer, der auch fürs Komödiantische sorgt, wie sich nicht zuletzt auf der Kirmes erweist, wo er das Volk zur „Ronde du veau d’or“ wie Marionetten tanzen lässt. Dieses dargestellt vom aus Mariana Garci Crespo, Ena Topcibasic, Anne Alt, Barbara Egger, Vladimir Cabak, George Kounoupias, Alexander Aigner und Klemen Adamlje bestehenden Vokalensemble, das mit seiner erstklassigen stimmlichen Leistung und einer überbordenden Spiellust eine der Erfreulichkeiten dieser Aufführung ist.

Gleichbleibend brillant ist es, ob der Achter-Chor nun die aus der Schlacht heimkehrenden Soldaten gegenläufig zur Musik nicht als Sieger, sondern als Kriegsversehrte markiert, oder später im Dom droht Marguerite in Stück zu reißen. Mit dem Chor wurde auch die Orchesterbesetzung verkleinert, Leonard Eröds stimmungsvolle Fassung wird vom Wiener KammerOrchester unter der Leitung von Giancarlo Rizzi aufs Feinste umgesetzt. Das Bühnenbild von Jakob Brossmann und Denise Henschl wechselt von Marguerite unschuldsweißer Stube über wie in Blut getränkte Kirchenrundbögen zur düsteren Kerkerzelle.

Vom Glanz verblendet, legt Marguerite den Schmuck des Méphistophélès an: Jenna Siladie und Puppenspielerin Manuela Linshalm. Bild: Herwig Prammer

Auf der Kirmes: Benjamin Chamandy als Wagner, Kristján Jóhannesson als Valentin und Klemen Adamlje und Alexander Aigner vom Vokalensemble. Bild: Herwig Prammer

Die Frömmler vergreifen sich an Marguerite: das Vokalensemble gehört zu den Erfreulichkeiten der Aufführung. Bild: Herwig Prammer

Méphistophélès zerstört Marguerites letzte Hoffnung auf Gottes Gnade: Jenna Siladie, Dumitru Mădărășan und Manuela Linshalm; hinten: das Vokalensemble. Bild: Herwig Prammer

Und, apropos Blut: Die blutjungen Solistinnen und Solisten sind allesamt ausgezeichnet. Dass Quentin Desgeorges über einen kraftvollen, metallischen Tenor mit Gestaltungsvermögen für lyrische wie dramatische Momente verfügt, hat er am Haus bereits demonstriert, als Faust ist er zwischen Puppensex (den es tatsächlich gibt!), Schuld und Sühne, auch darstellerisch sehr präsent. Man weiß schier nicht, denn ähnlich sehen sich die beiden jedenfalls, ob der etwa einen Meter große Klappmaul- oder der Menschen-Faust verzweifelter dreinschauen. Dies Doppeln ist Habjans Art von Humor. Den übrigen Figuren hat er übrigens ebenfalls Kleinformat verordnet, einzig Marthe Schwertlein ist nur ein Schädel, ein unsympathisches Gesicht mit geil hervorquellenden Glubschaugen, ein Kopf, als wäre er gerade von der Guillotine gefallen.

Auch Marguerite wird auf dem Weg zum Schafott nur noch ein totenblasses Antlitz sein. Jenna Siladie ist für die Marguerite verantwortlich, und vermittelt mit ihrem weich fließenden Sopran von jungfräulicher Keuschheit übers glutvolle Es-endlich-erleben-Wollen bis zur reuigen Sünderin, die mit Stärke und Abscheu den Satan zurückweist, ganz großartig ein Gros an Gefühlen. Marguerite-Siladie trägt ihr Marguerite-Klappmaul in zweifachem Sinn wie eine Puppe, achtlos, ja sie fast über den Boden schleifend, als sie Siébels Blumen mit einem Pfft! wegwirft, kaum, dass sie das beelzebub’sche Schmuckkästchen entdeckt, dann wieder wird sie deren leidendem Zug um Augenbrauen und Mund gerecht, und drückt ihre Rollenpartnerin sanft ans Herz.

Es ist immer wieder erstaunlich, zu welcher Intensität Habjans von Produktion zu Produktion neu Auszubildende im Zusammenspiel mit der Puppe finden, als käme zur handwerklichen Virtuosität unversehens eine Seelenverwandtschaft, sobald Person und Pappmaché ins Zweigespräch treten. Hochpoetische, hochemotionale, hochdramatische Szenen kann Habjan so entstehen lassen: Von zärtlichen Küssen bis zu stürmischer Leidenschaft, von einem Umtänzeln bis zu dem Punkt, da die Puppe der Puppe unter den Rock greift. Wenn Puppen-Faust und -Marguerite sich an der Schaukel unterm Baum schon liebkosen, während ihre menschlichen Pendants mit dem Einander-in-die-Arme-Fallen noch ringen. Wenn die Degen von Puppen-Faust und -Valentin in Wahrheit von luziferischen Lakaien-Menschen geführt werden.

„Gerichtet!“ – „Gerettet!“ Dumitru Mădărășan als Méphistophélès, Jenna Siladie als Marguerite, Kristján Jóhannesson als Valentin und Quentin Desgeorges als Faust. Bild: Herwig Prammer

Schließlich die superbe Sequenz im Dom, wo Klappmaul-Méphistophélès Mădăraşăn-Priester erst von sich besessen macht, bevor er ihm seine Wünsche zu Puppen-Marguerites Vernichtung ins Ohr haucht, wobei deren anschließendes Ans-Leuchtkreuz-Schlagen im Publikum ein hörbares Atemgeräusch verursachte. Spaßig hingegen, wie Méphistophélès dann das Orchester zur Eile antreibt, damit’s schnell ein Ende nimmt mit der Kirchenmusik.

Mit Witz stattet auch Juliette Mars ihre Marthe Schwertlein aus. Den Puppenkopf vors eigene Gesicht haltend, jagt die Liebestolle den Teufel auf Teufel komm raus, bis dem sonst so schlitzohrigen Scheusal die Luft ausgeht. Ghazal Kazemi befördert die oftmalige Wurzen Siébel mit seufzend schmachtenden Jünglingstönen zum mutigen Kämpfer für das Gute. Benjamin Chamandy stimmt als Wagner ein fröhliches Trinklied an – und ist ansonsten ein kollegialer Mitbeweger von diversen Puppenteilen. Ein Souverän bei den Männern ist Kristján Jóhannesson als edel-starker Valentin, besonders stimmgewaltig bei der Verfluchung Marguerites, doch mit lang gehaltenen Legatobögen bereits beeindruckend beim Gebet „Avant de quitter ces lieux“ vor seinem Aufbruch in den Krieg.

Jóhannessons Valentin ist auch die Mitwirkung an der Kerker-Szene gegönnt, in der er der Schwester als stummer Mahner zur Seite steht. Zum schönen Schluss fällt hinter dieser ein goldener „Eisener“. Besser kann man ein höllisches „Ist gerichtet!“ versus des himmlischen „Nein, gerettet!“ kaum andeuten. Das Zuschauerergebnis: Auch am fünften Spieltag viel Jubel für alle Beteiligten.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=hbyrkBBe2Ts           www.theater-wien.at           www.nikolaushabjan.com

  1. 10. 2019

netzzeit 2019 Out of Control: Dionysos Rising

September 20, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Bakchen wurden in die Psychiatrie überstellt

Umringt von allerlei surrealem Volk: Zachary Wilson als Dionysos mit Knochendaimon Evandro Pedroni, Da Yung Cho als Telete, Waldgeist Britt Kamper-Nielsen, Faun Juliette Rahon, Anna Quadrátová als Semele und Nymphe Luan de Lima. Bild: © netzzeit

“Ist der Dame nicht gut?”, fragt eine Zuschauerin mit Blick auf die junge Frau, die sich in einer Ecke auf dem Boden windet. Es ist Sopranistin Da Yung Cho in ihrer Rolle als Telete, die die prickelnde Atmosphäre des Sektempfangs auf der Spielfläche stört. Gerade, als das Publikum sich zuprostet, der Gott des Weines wie des Rauschs lässt keine gläserne Flöte lange leer, wird seine Tochter verhaltensauffällig, die Vortänzerin seines Nachtvolks nicht mehr nur im Ritual rasend – und schon stürmen Ärzte und Pfleger den Raum. Die Bakchen, sie wurden in die Psychiatrie überstellt …

Nach der umjubelten Uraufführung in Trient brachten Regisseur Michael Scheidl und Ausstatterin Nora Scheidl die Oper “Dionysos Rising” gestern im Wiener MuseumsQuartier zur Österreichischen Erstaufführung. Das musiktheatralische Werk von Komponist und Librettist Roberto David Rusconi markiert gleichsam den Auftakt von “netzzeit 2019 Out of Control” mit insgesamt drei Produktionen, die unter dem Motto “Der ewige Augenblick” stehen. Rusconi ließ sich für seine Arbeit von den „Dionysiaka“ des spätantiken, byzantinischen Dichters Nonnos von Panopolis inspirieren. Entstanden ist ein Meisterstück aus Schauspiel, Gesang – in italienischer Sprache mit Übertiteln – und Tanz.

Das Klangerlebnis ist ein einzigartiges, sind doch das live hinter der Bühne musizierende Instrumentalensemble PHACE unter der Leitung von Dirigent Timothy Redmond und sieben Chorstimmen dank des Surround Sounds von L-ISA, derzeit die innovativste Technologie auf diesem Gebiet und von Rock- und Elektropop-Bands wie Aerosmith oder Lorde bereits mit Begeisterung benutzt, von allen Seiten des Raums zu hören. „Soundscape“, Klanglandschaft, nennt Rusconi das so entstehende Phänomen, und er weiß sich damit als Pionier in Sachen Musikdrama.

Männliche Nymphe trifft auf weiblichen Faun: Die Tänzer Luan de Lima und Juliette Rahon. Bild: © netzzeit

Der Knochendaimon gibt Semele den Blutwein des toten Ampelos: Evandro Pedroni, Ray Chenez und Anna Quadrátová. Bild: © netzzeit

Dass derzeit am Burgtheater Ulrich Rasches Interpretation der Euripideschen „Bakchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34408) zu sehen ist, ist eine Koinzidenz, die wohl niemand vorhersagen hätte können. Bei Rasche wie bei Rusconi steht Dionysos für Instinkt und Emotion, für Kräfte jenseits des Rationalen, doch was dem einen numinos erscheint, erfasst der andere als heilsbringend. Die Welt müsse weg von einem Wertesystem, in dem Information mit tieferem Verständnis gleichgesetzt wird, befindet denn auch Michael Scheidl in seinen einleitenden Worten.

Leistungsdruck, Geldgier, Selbstentfremdung, den von Politik und Wirtschaft befeuerten “Flächenbränden des Hasses und der Regenwälder”, gelte es Empathie und Mut zur mänadischen Ekstase entgegenzusetzen. Im Erkennen, dass einen ein Zuviel an Seelenregung in der kalten Nüchternheit dieser Tage aber schnurstracks in die Nervenheilanstalt bringt, hat Rusconi eine solche als Setting gewählt. Zwangseingewiesen sind vier ver-rückte Menschen, deren Leiden die beiden “seriösen Herren” Michael Scheidl und Claudio Polzer diagnostizieren: Sopranistin Anna Quadrátová als Dionysos‘ Mutter Semele ist eine von Wahnvorstellungen von Feuern gepeinigte Frau.

Mit Kaiserschnittnarbe, aber ohne Säugling, wurde sie doch laut Mythologie, als sie Zeus in seinem ganzen Glanz sehen wollte, von diesem verbrannt – worauf Hermes ihre Leibesfrucht bis zur Geburt in Vater Zeus’ Oberschenkel barg. Dass ihr ihre absonderliche Sex-Story niemand glaubt, versteht sich. Sopranistin Da Yung Cho ist als Dionysos‘ Tochter Telete eine offensichtlich mehrfach vergewaltigte Borderlinerin, die allen ihre Freundschaftsbändchen aufzwingt.

C-Tenor Ray Chenez sitzt als Dionysos‘ Geliebter Ampelos im Rollstuhl. Denn der Legende nach stürzte der Satyr von einem Stier, den er bei einer Jagd ritt, wurde vom wütenden Tier zu Tode getrampelt, und von Dionysos daraufhin als Sternbild des Bärenhüters an den Himmel gehoben. Rusconi hat ihm eine narzistische Persönlichkeitsstörung verpasst, Nora Scheidl eine Taleguilla, eine Matadorhose, und Michael Scheidl lässt ihn damit zähnefletschend grinsend über die Spielfläche fahren. Und schließlich Bassbariton Zachary Wilson als der Gott höchstselbst – ein herablassender Heroinsüchtiger im Slim-Fit-Anzug, bei dem die Psychiater Größenwahn und eine kognitive Störung konstatieren.

Da Yung Cho macht auf wütender Stier, hinten: Ray Chenez als Rollstuhlfahrer Ampelos. Bild: © netzzeit

Die Bakchantinnen und Bakchanten feiern im wilden Tanz ihren Gott Dionysos: Evandro Pedroni. Bild: © netzzeit

Wie diese jungen Sängerinnen und Sänger stimmlich absolut auf der Höhe sind, vor allem darf man von Chenez‘ die Luft zerschneidendem, eisklarem Timbre angetan sein, ist großartig, dass sie es auch darstellerisch und tänzerisch sind, gehört zu den erstaunlichen Momenten dieser Aufführung. Als wären sie einer die Halluzination des anderen prallen die im klinischen Orkus Gestrandeten nun aufeinander, holen aus Kartons ihr Hab und Gut, eine kopflose Babypuppe und Stilleinlagen, goldene Parfümflakons und Kokain fürs “süße Delirium”, einen Kranz aus Weinlaub für den Fleisch gewordenen Rebstock.

Und während Dionysos auf Ampelos trifft und ihn zärtlich “Mondkalb” nennt, während Telete versucht, sich mit ihrer Strumpfhose zu erdrosseln, und Semele mit ihrem Therapeuten spricht, donnern aus dem Off die düsteren Stimmen von Göttervater Zeus, von der den Schicksalsfaden kappenden Moira Atropos, von Ate, Göttin der Verblendung, und von dem die Ewigkeit lenkenden Eon. Mehr und mehr verschmelzen die Protagonisten mit ihren klassischen Vorbildern, sich verzehrend nach dem einen, im Schmerz über den unwiederbringlichen Verlust von Lebensfreude und Lust, Opfer hier – siehe Rasche – nicht des Sorgenbrechers, sondern eines apollinischen Prinzips.

Einer Kopflastigkeit, die der Körperlichkeit den Kampf ansagt. Bahn bricht sich nun Rusconis und Scheidls Plädoyer, die Macht von Empfindungen wieder auf Augenhöhe mit der Geistesstärke zu bringen. Der Albtraum wird zum Traumtanz, die beigen Wandpaneele fallen, Geschlechtszuschreibungen ebenso, und die Tänzerinnen und Tänzer, Luan de Lima als männliche Nymphe, Britt Kamper-Nielsen als Waldgeist, Evandro Pedroni als Knochendaimon und Juliette Rahon als weiblicher Faun, stellen sich mit den Sangeskünstlern zum stilisierten Sirtaki auf. Es ist das Totenfest für Ampelos, doch unter Dionysos’ Ägide verfliegt die Trauer rasch. Immer verzückter und entrückter stampfen sie auf, drehen sich in der Choreografie von Claire Lefèvre wie in Trance. Wenn Chaos konstruktiv und Methode ist, wieviel Sinn liegt dann im Wahn? Eine Frage, die “Dionysos Rising” auf geradezu genialische Art stellt. Antworten darauf kann man noch heute und morgen suchen.

Teaser: www.facebook.com/newmusictheatrefestival/videos/2490249161233863/          www.netzzeit.at

  1. 9. 2019

TAG: Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik

November 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die amüsante Misere der Medienmenschen

Jens Claßen, Lisa Schrammel, Monika Klengel und Georg Schubert. Bild: Anna Stöcher

Die politische Utopie ist tot, die untote Vergangenheit lebt. Auf diesen Punkt bringt am Ende einer der Protagonisten die Situation der Nation, wenn nicht der Welt, und es wäre ein allzu deprimierendes, wäre man nicht zuvor zwei Stunden lang im TAG gesessen. Dort hat sich einmal mehr Ed. Hauswirth mit seinem Grazer Theater im Bahnhof unters Wiener Ensemble gemischt.

Diesmal mit dem Ansinnen entlang Boccaccios „Il Decamerone“ eine aberwitzige Farce über die heimische Politik- und Medienlandschaft zu entwickeln. Ja, „Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik“ befasst sich tatsächlich mit dem Journalismus. Da fühlt man sich ein wenig auf den Nabel geschaut, schon TAG-Chef Gernot Plass‘ Aufsatz auf dem Programmzettel kann man gleichsam nur schuldbewusst abnicken – als selbsternannte Meinungsmacherin, und wenn man im vollen Zuschauerraum diejenige ist, die an diversen Stellen am lautesten lacht, dann wegen: naja, Auskennerin eben. Wie immer haben Hauswirth und Team den Text nach geführten Interviews entwickelt, und da müssen einige Kolleginnen und Kollegen niedergeschmettert von der eigenen Branche aus dem Nähkästchen geplaudert haben, so absurd, so traurig, aber wahr ist der Abend, der daraus entstanden ist.

An diesem versammeln sich acht „publizierende Persönlichkeiten“ in einer Mäzenatenvilla am Semmering, das macht man seit ewig so, zum Ausspannen vom harten Kampf um die Aktualität, diesmal allerdings scheint die Zusammenkunft mit einer biedermeierlichen Realitätsflucht zu tun zu haben. Handys werden weggesperrt, Cocktails gemixt, die Frauen gehen joggen, die Männer kochen, über der von Johanna Hierzegger sparsam gestalteten Spielfläche kann das Publikum auf zwei Monitoren verfolgen, was drinnen in den Zimmern und draußen in der Natur vor sich geht. Die Laune ist zunächst bestens, die Musik laut, dazu wird sich zum Wettnageln nackig gemacht.

Raphael Nicholas und Beatrix Brunschko. Bild: Anna Stöcher

Beatrix Brunschko und Lorenz Kabas. Bild: Anna Stöcher

Doch man hat eben über die Jahre miteinander nicht nur geflirtet, gesungen und Sex gehabt, man hat auch miteinander gearbeitet, geschrieben und einander bis weit über die Schmerz- und Schamgrenze ausgenützt. Wo Alkohol ist, ist Auseinandersetzung, und so geraten die Kumpane alsbald aneinander. Monika Klengel spielt dabei Linde, eine in ihrem Glauben an sich selbst unerschütterliche Ex-Chefredakteurin, die einst mit einem Wochenmagazin spektakulär scheiterte, und dabei etliche von ihr angeheuerte Freunde mit in AMS-Gefilde riss.

Weil man dort für die schreibende Zunft keine Jobs, sondern nur ein Kopfschütteln übrig hat, arbeiten die Fifty-Somethings nun allesamt als „Freie“. Passé ist das Angestelltendasein, perdu sind die 15 Monatsgehälter, man hält sich mit Bücher- und Reden-Schreiben, mit Podcasts und Blogs mehr schlecht als recht über Wasser, aber immer noch den Kopf oben, denn man hat sie noch – seine Integrität. Die zu beschädigen tritt Markus an. Lindes ehemaliger Praktikant ist der einzige, der es geschafft hat, er ist nun „geschäftsführender Chefredakteur“ eines Boulevardblatts.

Dieses offenbar ein veritables Krawallmachermedium, das den rechtspopulistischen Regierungskurs hochjubelt. Raphael Nicholas gestaltet die Art affektierten Teflonmann, dessen sleeke Selbstverliebtheit aus allen Poren tropft, und dass dieser Markus etwas Mephistophelisches hat, zeigt sich auch dann, wenn er am Schluss zur scheinheilig-reuigen Fußwaschung der gewesenen Verbündeten antreten muss.

Zuvor aber bietet dieser Markus dem einen, nicht unbedingt ebenso dem anderen einen Schreibtisch in seinem Medienimperium an. Und weil die Lage der Angesprochenen prekär genug ist, wird nun überlegt: „Schreibende Nutte für ein Drecksprojekt“ werden? Sich vom Geld korrumpieren lassen und eine Kolumne über Volkskultur verfassen? Prinzipien, aber in der Tasche den letzten Cent haben? Fronten brechen auf, und die Pest wütet nicht weniger als im „Decamerone“. In dieser Stimmung entfalten Hauswirth und Mitstreiter nun ihre Kritik am System und an sich selbst, kriegt doch in erster Linie das kollektive linksintellektuelle In-Ohnmacht-Fallen angesichts herrschender Verhältnisse eins aufs Dach.

Georg Schubert, Juliette Eröd, Lisa Schrammel und Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Fassungslos stehen die Figuren vor dem Fakt, dass ihre gut eingeübten gesellschaftlichen Diskurse nichts mehr gelten und plötzlich die ideologische Gegenseite die öffentliche Hegemonie beansprucht. Politiker machen sich via Twitter ihre Nachrichten selber, Plattformen regieren über Blattformen. Und während man sich an Markus anbiedert oder sich ihm gegenüber abweisend verhält, wird gestritten, geprügelt, gejammert, entgleist.

Wird Faschismus-Fantasien und solchen über Bürgerwehr und Blasmusik, Reaktion und Ressentimentkultur freier Lauf gelassen. Das alles könnte konzentrierter sein, vor allem in der letzten halben Stunde zerfasert die Aufführung von der brisanten Pointiertheit doch in die Beliebigkeit, gerät die Zankerei zunehmend zäh.

Nichtsdestotrotz sind die Schauspieler gewohnt großartig: Beatrix Brunschko als feministischer Freigeist Barbara, Juliette Eröd als esoterisch angehauchte Dora, die noch dazu frischen Trennungsschmerz zu verwinden hat, Jens Claßen als verbrauchter, ausgeschriebener Frank, den seine junge, noch an das Gute im Journalismus glaubende Geliebte Birgit, Lisa Schrammel, unbedingt zum Vater machen will, Georg Schubert als Harry, dieser seit seinem Absturz Lohnschreiber in SPÖ-Diensten. Lorenz Kabas schließlich gibt den gutmütigen Querdenker Clemens, er als Standesvertreter einer bedrohten Art zweifellos der Sympathieträger des Abends. Weshalb ihm in einer der zahlreichen surrealen Szenen, zu einer endlosschleifigen, in Englisch gehaltenen Kanzler-Kurz-Rede, auch der beste Satz gehört, nämlich: „Ignorieren Sie diese Stimme!“

Trailer: vimeo.com/300373630

dastag.at

  1. 11. 2018

Volx/Margareten: Keine Angst. Eine Heimgartenrevue

Mai 1, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Schrebergarten als Sehnsuchtsort der Seele

Die Kleingartenanlage erprobt sich in „Solidarität“: Julian Loidl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Nach Graz war nun endlich auch in Wien die jüngste Produktion des Theaters im Bahnhof zu sehen: „Keine Angst. Eine Heimgartenrevue“, die von Regisseur Ed. Hauswirth auf bewährte Weise mit seinem Ensemble und auf Grundlage zahlreicher Interviews entstandene Aufführung – und sie war, wie man’s vom TiB kennt und liebt, irrsinnig klug und mit viel Musik.

Einmal mehr hat Hauswirth der österreichischen Seele bis auf den Grund geblickt, ihre Schrebergartenmentalität offengelegt, ihre Kleingärtnergeistigkeit enttarnt – und das sogar charmant und liebenswert. Juliette Eröd, Monika Klengel, Lorenz Kabas und Julian Loidl skizzieren starke Figuren mit einer großen Portion Menschlichkeit, die den folgenden heftigen Ausbrüchen den Stachel nimmt. Denn die vier kämpfen  für die gerechte Sache:

Der Obmann des Vereins „Solidarität“, Überbleibselname einer vergangenen Zeit, in der sich die Sozialdemokratie um ihre Wählerschichten noch was schiss, und seine drei Mitstreiter protestieren gegen die geplante Nord-Ost Spange, die direttissima durch die Anlage führen soll. Ein Schelm, wer dabei an Lobautunneldiskussionen und die seit mehr als 40 Jahren überfällige Nordostumfahrung von Wien-Transdanubien denkt.

Jedenfalls, die Gartenkolonisten werben mit Viergesang und anderen künstlerischen Darbietungen um Unterstützer und deren Unterschriften. Mit heiligem Ernst ziehen die Gartenfreunde los und intonieren: „Wir sind Kleingärtner, und wir singen um unser Leben.“ Doch das Pathos, der heilige Schein wird bald gebrochen, wenn es heißt: „Was der Obmann sagt, wird gemacht“ – die streng hierarchische, mittelschwer faschistoide Anordnung derlei Gartenparadiese ist jedermann bekannt, der schon einmal aus einem dieser grünen Idylle flüchtete. Die eigene Familie hatte eins in Süßenbrunn, da hieß es Augen geradeaus und alle Gartenzäune grün gestrichen, wenn der Vorstand es so will …

Monika Klengel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Juliette Eröd. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Grenzen überhaupt sind bei Hauswirth ein Thema. Aus einer Gemeinschaft von Gartlern ist nämlich längst eine Ansiedlung von Einbunkerern geworden. Sträucher fürchtet man als potenzielle Verstecke für Einbrecher, Alarmanlagen sind installiert, Überwachungskameras halten auf den Wegen Ausschau nach den hier Fremden. Die Schrebergärten mit immer höher werdenden Zäunen sind in all ihren Facetten ein Spiegelbild österreichischer Befindlichkeit. Feindbilder sind die Straßenplaner, aber auch die grüne Bezirksvorsteherin, und letztlich schrecken die Schrebergärtner vor der persönlichen Diffamierung eines befreundeten SP-Politikers (großartig Thomas Frank, dessen geheime Absprachen mit der grünen Wiener Vizebürgermeisterin  – Birgit Stöger – in Videozuspielungen enttarnt werden) nicht zurück, um ihrem Ziel näher zu kommen.

Die bitterböse Revue – mit Liedern von Brahms bis Sting und Hansi Lang – entgleist zusehends. Zwischen Bäumen und Blumen blitzen die Abgründe dieser vermeintlich heilen Welt auf, und schließlich kommt der schwerste Schlag auch noch aus den eigenen Reihen. Dies alles, diese Groteske über Grundstücksgrenzen, eine wunderbare Metapher auf Zaunkönige und andere Vernunftsabriegler. Einen diesbezüglichen Monolog auf Trump und Co. hätt’s gar nicht geraucht, man versteht auch so.

Der Bau der Nord-Ost Spange muss verhindert werden: Lorenz Kabas. Bild: © www.lupispum.com / Volkstheater

Dazu hat Hauswirth noch ein Ärgernis in seinen Abend eingebaut: Seit einem Vierteljahrhundert, sagt er mittels entsprechender TV-Ausschnitte, stellt Elizabeth T. Spiras Dokumentation „Das kleine Glück im Schrebergarten“ eben jenes kollektiv in ein unvorteilhaftes, versoffenes, sich rechts anbiederndes Eck. Andere mögen ja vielleicht so sein, räumt das Ensemble ein, aber – eh klar – man selbst nicht!

Wer Hauswirth-Produktionen kennt, weiß nun, dass seine Figuren deshalb erst recht blauäugig sein müssen. Die Vereinswimpel hoch, die Thujenreihen sind geschlossen, mit festem Schritt und Tritt. Doch auch mit libidinöser Inbrunst die Wangen an ihre grünen Freunde schmiegend. Die österreichische Lösung eben …

www.volkstheater.at

Wien, 1. 5. 2017

Volksoper: Hoffmanns Erzählungen

Oktober 16, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Jacques Offenbach vom Sockel geholt

Beate Ritter triumphiert als Olympia. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Eine mannstolle Metall-Colombina: Beate Ritter singt sich als Olympia von Höhepunkt zu Höhepunkt. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Teufel macht von Anfang an das Spiel, erzählt, wie er bei der Uraufführung das Wiener Ringtheater in Flammen aufgehen ließ und später in Paris das Orchestermaterial vernichtete, weil ihn Jacques Offenbach in „Orpheus in der Unterwelt“ verlacht hatte. Das sind die Mythen und Legenden, die sich um dessen einzige große Oper „Hoffmanns Erzählungen“ ranken, und in der Brandruine von 1881 findet denn auch die Aufführung von André Barbe und Renaud Doucet an der Volksoper statt.

Das französische Regie-Dreamteam stellt eine gothic graphic novel auf die Bühne, bewegt sich so gewitzt entlang von E. T. A. Hoffmanns romantischen Schauergeschichten, die Fülle an Grauen-Grusel-Gänsehaut-Ideen, ihre überbordende Liebe zu Details hätte auch drei Inszenierungen befüllt. Und so wie einen die wilde Jagd optisch umbraust, alles ist hier Temperament und Tempo, so ist auch das Dirigat von Gerrit Prießnitz weniger subtil als scharf geschliffener Sturm und Drang. Da scheint es fast Konzept zu sein, dass ihm im Giulietta-Akt kurz, aber heftig die Zügel entgleiten, wenn’s im gestreckten Galopp dem Ende zu geht.

Barbe und Doucet haben Jacques Offenbach im Wortsinn von seinem Sockel geholt. Als bronzenes Männlein turnt er durch die Szenerie, dirigiert da, gestikuliert dort, immer ein paar Partiturblätter bei der Hand; Christian Drescher verleiht ihm Gestalt und Stimme, wenn der Komponist wie zum Gaudium in die Rollen der Faktoten Cochenille, Franz und Pitichinaccio schlüpft. Beim Grande Finale schließlich wird er von seinen Figuren geehrt und gefeiert werden.

Der Spielmacher: Josef Wagner, hier als Doktor Mirakel, mit Anja-Nina Bahrmann als Antonia. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Spielmacher: Josef Wagner, hier als Doktor Mirakel, mit Anja-Nina Bahrmann als Antonia. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In der Lasterhöhle der Giulietta: Mirko Roschkowski als Hoffmann und Juliette Mars als Muse/Niklaus. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In der Lasterhöhle der Giulietta: Mirko Roschkowski als Hoffmann und Juliette Mars als Muse/Niklaus. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Zu den schönsten Pop-up-Bildern dieses Cherchez la femme! gehören die Offenbach’sche Kopfmaschine in Lutters „Höllenbar“, das Labor des Spalanzani, in dem sich eine verrückte Cyborg-Gesellschaft amüsiert, und der Schneepalast der ihre Seele aushauchenden und bereits als halbes Röntgenbild erscheinenden Antonia. Ach, die Anatomie der Liebe. Dass allerdings auch hier, im Überleiten zum verruchten Venedig, nicht auf Gags und Gimmicks verzichtet werden konnte, Dr. Mirakel macht auf Max Schreck, die Walküren-Mutter aufersteht, als ob der Geist von Richard Wagner einen schlechten Tag gehabt hätte, ist schade.

Gerade die ohnedies schon als solche angedachte Eiswelt der Antonia hätte sich für einen Temperaturwechsel in dieser überhitzten Aufführung voller sexueller Anspielungen angeboten, der eine Zäsur an dieser Stelle gutgestanden hätte. Als ein Zur-Ruhe-kommen auf der Bühne und im Zuschauerraum, als ein stillerer Albtraum inmitten der irren Nachtmahre.

Als Dämon der Kunst brilliert einmal mehr Josef Wagner. Wie er den Lindorf, Coppelius, Dr. Mirakel oder einen Mussolini’schen Dapertutto gestaltet, kann man’s wohl sagen: Sein Name ist Legion. Sehr schön auch die lebende Köpfekiste, die Coppelius zur Anpreisung seines optischen Sortiments an der Leine mit sich führt. Wagner, am Haus zuletzt ein fabelhafter Don Giovanni, überzeugt darstellerisch wie gesanglich, ist ein gespenstischer und unheimlicher Spielmacher, mal berechnender Zyniker, mal kalter Nihilist, dann wieder so superschurkisch wie ein Comic-Bösewicht. Welch eine Show!

An seiner Seite wird Mirko Roschkowski als Hoffmann mit seiner stattlichen Statur und seiner schön timbrierten Stimme mit fast immer sicherer Höhe in das Format seiner Rolle bald hineinwachsen, er überzeugt fürs Erste mit seiner sehr charmanten und sympathischen Studiosus-Art. Aus der ausgezeichneten Gesamtleistung stechen Juliette Mars als Muse/Niklas mit satirischen Zwischentönen, Anja-Nina Bahrmann als hinreißend lyrische Antonia und Stefan Cerny vor allem als Krespel hervor. Einige Gesangsstücke wurden im französischen Original belassen: die berühmte Barkarole samt Hoffmanns „Chant bachique“, die Romanze der Antonia und ihr Liebesduett mit Hoffmann und die „Air“ der Olympia.

Das große Finale wird zur Hommage an Offenbach: Christian Drescher (M.). Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das große Finale wird zur Hommage an Offenbach: Christian Drescher (M.) als in Bronze gegossener Komponist. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Als diese holt sich Beate Ritter verdient den größten Applaus ab. Ihre Olympia ist eine von Offenbach per Fernbedienung gesteuerte und bald überdrehte Colombina, eine mannstolle Roboterfrau, die sich im Laufe ihres Auftritts zum bestrapsten Sextoy entblättert. Ob das eine Doppel-D-Körbchen freiwillig oder unfreiwillig abging, man wird’s nie erfahren, klar ist jedenfalls, dass Ritters einwandfreie Koloraturen in vielfacher Hinsicht ein Höhepunkt sind.

Zum Schluss gab’s großen Jubel, nur da und dort blieben ein paar Bemurmler, denen das Ganze zu wenig Weihetempel war. Die Arbeit von André Barbe und Renaud Doucet aber macht einfach Spaß, sie ist ein fantastisches Spektakel, gedacht für ein Publikum, das sich in einen Regierausch entführen und von Eindrücken trunken machen lassen will. Heißt: Wenn hier einer lieber in den Keller lachen geht, muss es schon der Auerbach’sche sein.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=PplGIV313lU

www.volksoper.at

Wien, 16. 10. 2016