Cop Secret / Leynilögga

Juni 24, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine queere Krimikomödie aus Island

Der coolste Cop von Reykjavik: Auðunn Blöndal als Bússi. Bild: © Polyfilm

Toxische Männlichkeit, eine schwule Liebe, Frauenfußball, Bankräuber und Bombenleger in einem Film – und das alles mit einem Humor, der die Gay-Community an keiner Stelle veralbert oder brüskiert? Geht das? In Island durchaus. Von der Insel, deren Cineastinnen und Cineasten sonst auf grandiose Landschaftsbilder, eine gewisse Düsternis und

eine Tendenz zum Ausbuchstabieren von Beziehungen setzen, kommt die Buddy-Komödie des Sommers: „Cop Secret / Leynilögga“, seit heute in den Kinos, ein Polizeikrimi, in dem die flotten Sprüche um nichts langsamer abgefeuert werden als die Projektile aus den diversen Pistolen. Regisseur Hannes Þór Halldórsson, seines Zeichens 77-facher Torhüter der isländischen Fußballnationalmannschaft gegen den nicht einmal Lionel Messi einen (Elf-)Meter hatte, hat sich an einer wilden Genreparodie im 80er-Action-Stil versucht, viel gewagt und bei den Festivals von Locarno, London, Seattle bis Busan ein begeistertes Publikum gewonnen.

Halldórsson ist gemeinsam mit dem isländischen Comedian Sverrir Þór Sverrisson, genannt Sveppi, auch Drehbuchautor, und auch seine beiden Hauptdarsteller, Auðunn Blöndal als Bússi und Egill Einarsson aka DJ MuscleBoy als Hörður, waren von Anfang an ins Projekt involviert und am Skript beteiligt. Was einen zur Handlung bringt, in der’s ab Minute eins rundgeht: Da nämlich verfolgt Bússi mit seinem Polizeikollegen Klemenz – Sveppi als dauerpleiter Tollpatsch, der Bússis rasanten Fahrten im Pontiac Firebird Trans Am nichts abgewinnen kann, vor allem nicht mit seinem Sohn auf dem Rücksitz, weil Herr Papa an diesem Tag mit der Kinderbetreuung dran ist – da nämlich verfolgt Bússi mit heulendem Motor und quietschenden Reifen eine Motorradfahrerin (Vivian Ólafsdóttir als Stefanía), die gerade an einem Bankraub beteiligt war.

Die Serie an Überfällen in Reykjavik bleibt mysteriös, haben die Verbrecher doch nie eine íslensk króna mitgenommen. Bússis Auto-Angriff wird an der Stadtgrenze je gestoppt, von Hörður, der den Distrikt nun als seinen Zuständigkeitsbereich verteidigt. Supermacho trifft auf Supercop, die Rollen des prolligen, abgefuckten, harten Hunds und des sleeken, auftrainierten Schönlings sind Auðunn Blöndal und Egill Einarsson tatsächlich auf den Leib geschrieben. Und während der Inbegriff toxischer Männlichkeit sich mit Alkohol und Drogen durch- und seiner Freundin, die über zu wenig Sex klagt, herumschlägt – Júlíana Sara Gunnarsdóttir als Lilja, die schon längst ahnt, was Sache ist, führt der andere gutgelaunt ein Kamerateam durch seine Ökovilla in Garðabær, wobei er sich der wachsenden Fangemeinde als pansexuell vorstellt.

Bússi und sein Polizeikollege Klemenz: Auðunn Blönda und Sverrir Þór Sverrisson. Bild: © Polyfilm

Da kann Mann schon schwach werden: Egill Einarsson als Hörður. Bild: Screenshot

Partner fürs Leben: Auðunn Blöndal als Bússi und Egill Einarsson als Hörður. Bild: © Polyfilm

Die Medien haben einen neuen Star, Bússi dominiert nicht mehr länger die Nachrichten aus dem Polizeirevier. Als dann noch Klemenz dank Bússis Cop-Künsten angeschossen wird, hat Chefin Þorgerður, Steinunn Ólína Þorsteinsdóttir als Typ hantige Mutter, eine Königinnen-Idee: Bússi und Hörður werden als neues Ermittler-Dream-Team zusammengespannt. Was Bússi greifen lässt bei folgenden Dialog zum Flachmann greifen lässt – Hörður: „Ist schon Happy Hour?“- Bússi: „Dein Fitnessclub hat angerufen, du versäumst den Spinning Kurs.“

Hannes Þór Halldórsson ist eine Persiflage aufs US-Blockbuster-Kino gelungen, von den gelungenen Stadtaufnahmen von Kameramann Elli Cassata bis zum Soundtrack von Komponist Kristján Sturla Bjarnaso, die Stereotypen wie Bússis verbissene Ernsthaftigkeit konterkariert und – man erlaube den Fußballbegriff – Standardsituationen mit viel Sinn für Ironie aufbricht. Gespickt ist der Film zudem nicht nur mit Bildzitaten aus bekannten Cop-Filmen, sondern auch mit Cameos und Gastauftritten isländischer Prominenter, wie etwa dem ehemaligen Bürgermeister von Reykjavik, Jón Gnarr, der im Film den isländischen Premierminister spielt.

Oder Halldórssons ehemaligem Teamkollegen Rúrik Gíslason als Ganove Omar (dem Hörður bescheinigt: „Er sieht extrem gut aus!“), nunmehr Mitbegründer des „Glacier Gin“, der in der Volcanic Drinks Destillerie in Reykjavik hergestellt wird, und dem hiesigen Publikum vielleicht bekannt durch seine Teilnahme an den TV-Shows „Let’s Dance“, „5 gegen Jauch“ und „The Masked Singer“ – im Gorillakostüm. Klar sind Auðunn Blöndal und Egill Einarsson ihre Heldenauftritte in Slow Motion à la John Woo gegönnt, doch kommt’s beim brutalen Shoot-out mit dem Superschurken zur ersten zarten Berührung der Hände, bald zu leidenschaftlichen Küssen auf der Herrentoilette und einem gemeinsamen Aufwachen im Bett.

Die Konkurrenz- und Männlichkeitsrituale zwischen Bússi und Hörður werden so lange überspitzt, bis sie in ihr Gegenteil kippen. Bússi erkennt, dass er nicht ehrlich mit sich selbst war, und plötzlich eröffnen sich ihm neue Perspektiven. Die Krimihandlung ist zu diesem Zeitpunkt zwar etwas in den Hintergrund getreten, doch dann wird der psychopathische Superschurke Rikki vorgestellt – Björn Hlynur Haraldsson und wie er sich mit dem Bowie-Messer rasiert, und Hörður erkennt ihn auf einem Video als Ex-Model-Kollegen.

Mörderbraut: Vivian Ólafsdóttir als Stefanía. Bild: Polyfilm

Großes Kaliber: Auðunn Blöndal als Bússi. Bild: © Polyfilm

Die strenge Vorgesetzte: Steinunn Ólína Þorsteinsdóttir als Þorgerður. Bild: Screenshot

Der ultimative Bösewicht: Björn Hlynur Haraldsson als Rikki. Bild: Screenshot

Pattsituation zwischen Cops und Ganoven. Bild: Screenshot

Regisseur, Drehbuchautor und aktiver Tormann der isländischen Nationalmannschaft: Hannes Þór Halldórsson. Bild: © Polyfilm

Dessen sinistre Truppe von Hightech-Gangstern soll nun während des (echten) Qualifikationsspiels für die Fußball-WM der (tatsächlichen) isländischen Frauennationalmannschaft gegen England mittels Bombenattentats zum finalen Schlag ausholen, alle Einsatzkräfte am Katastrophenort bündeln, und derweil in Seelenruhe Islands Goldreserven stehlen. Þorgerður und ihr Team arbeiten auf Hochtouren und bald wird klar, dass ein Polizei-Insider als Verräter in Rikkis Lager gewechselt haben muss. Alldieweil suchen Bússi und Hörður dessen jüngeren Bruder Maggi, Down-Syndrom-Schauspieler Birgir Gíslason, den Rikki entführt hat, nicht wissend, dass der ein Ego-Shooter-Champion ist – was sich als sehr hilfreich herausstellen wird, so ein Scharfschütze in der Familie: „Bad Guy“ kommentiert Maggi jeden seiner Bildschirmabschüsse …

Mitten im Schusswechsel überwindet sich der identitätskriselnde Bússi zum Liebesgeständnis. Die schönste Szene im Film, die hier nicht vorenthalten werden soll – Hörður: „Du bist schwul, Bússi, das ist alles. Newsflash, Dude, wir haben 2022, da interessiert das niemanden mehr.“ – Bússi schreit durchs Geballer: „Hörður, ich liebe dich. (Maschinengewehrsalve) Wirst du mich dafür verhaften?“ – Hörður (verhaftet gerade Stefanía): „Vielleicht bringe ich später meine Handschellen.“ – Bússi: „Deal!“

„Cop Secret“ würfelt zahlreiche bekannte Genre-Versatzstücke von Polizei-Buddy-Movies bis Heist-Thriller durcheinander und erzielt damit einen überraschend innovativen Pasch. Gerade die spezielle Mischung aus progressiver Gesellschaftsvision, Nordic Noir und jeder Menge nordisch-schwarzem Humor weiß dabei zu überzeugen, und gleichsam charmant sind die Bemühungen, Reykjavik wie einen Großstadtmoloch wirken zu lassen. Dass dieses zum Schluss nicht in Schutt und Asche liegt, bei der Dichte an Schießereien, Explosionen und niedergemähtem Stadtverkehr, die Regisseur Halldórsson hier auffährt, gehört einfach zum Happy End.

www.mfa-film.de/kino/id/cop-secret           alief.co.uk/copsecret

24. 6. 2022

Landestheater Linz Netzbühne: The Wave / Die Welle

März 27, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Experiment ist rundum geglückt

Kathrin Schreier, Lukas Sandmann, Alexander Findewirth, Celina dos Santos, Lena Poppe, Samuel Bertz, Paolo Möller, Malcolm Henry und Caroline Juliana Hat Bild: © Reinhard Winkler

Ende der 1960er-Jahre unterrichtete Ron Jones Geschichte an der Cub­berly High School im kalifornischen Palo Alto. Er war ein unkonventioneller Lehrer und für seine radikalen Methoden bekannt. Jones war ein Kumpeltyp, er wohnte im Baumhaus und spielte Punk. Er war bei den Schülerinnen und Schülern sehr beliebt. An einem Montag im April 1967 – Ron Jones da gerade mal 25 Jahre alt – stand er am Beginn eines Kurses über den Aufstieg des Nationalsozia­lismus vor der Klasse.

Im Unterrichtsgespräch stellte sich heraus, dass seine 15-, 16-jährigen Schutzbefohlenen eines nicht verstehen konnten: Wie war es möglich, dass sich so viele „Psychos“ den barbarischen Ansichten und Methoden von Verbre­chern unterworfen haben? „Man versteht nur das, was man erfahren hat“, kam Jones spontan die Idee zu einem Experiment, dessen Tragweite er allerdings nicht abzu­schätzen vermochte: The Third Wave, „Die Welle“, bekannt als Filmdrama mit Jürgen Vogel, nun als Auftragswerk des Landestheater Linz zur Uraufführung gebracht.

Als Musical „The Wave“ von Komponist und Librettist Or Matias (www.ormatiasmusic.com) – Corona-bedingt als Online-Premiere auf der hauseigenen Netzbühne. Die Produktion ist bis 17. April auf www.landestheater-linz.at/netzbuehne für jeweils 48 Stunden ab dem Ticketerwerb zu streamen, pay as you wish! Diese ins Internet zu verlegen, mag wahrlich keine leichte Entscheidung gewesen sein, doch kann man angesichts der Spannung und Stimmung, die sich auch via Bildschirm überträgt, getrost sagen: Dieses Experiment ist rundum geglückt!

In der Inszenierung von Christoph Drewitz und mit Juheon Han am Pult und an den Keyboards überzeugen die Mitglieder des Linzer Musicalensembles Christian Fröhlich, Hanna Kastner, Lukas Sandmann und Celina dos Santos sowie die Studierenden des Studiengangs Musical an der Musik und Kunst Privatuniversität Wien Samuel Bertz, Malcolm Henry, Alexander Findewirth, Carolina Juliana Hat, Paolo Möller, Lena Poppe, Alexander Rapp und Kathrin Schreier mit ihrer schauspielerischen wie gesanglichen Leistung.

Gleich zu Beginn stellt Christian Fröhlich als progressiver – und sind das nicht stets die gefährlichsten? – Pädagoge Ron klar: „Um Menschen wie euch geht es in meinem Kurs: schwach, durchschnittlich, beeinflussbar.“ Das wollen Jess, James, Stevie und Robert freilich nicht auf sich sitzen lassen, und noch dazu lockt Ron mit Einsernoten. Schon ist man auf die Parole „Kraft durch Disziplin! Kraft durch Zusammenhalt! Kraft durch Taten! Kraft durch Stolz!“ eingeschworen, ein Schelm, wer hier an „Kraft durch Freude“ denkt, denn auch der eingeübte, salutierte Wellen- erinnert an den Deutschen Gruß. Eine blaufarbene Uniform wird eingeführt.

„Mr. Jones“, den Christian Fröhling zwischen zwielichtig und blindwütig von seinem Vorhaben enthusiasmiert anlegt, gefällt sich mehr und mehr in der Rolle des An/Führers. Einzig die einzelgängerische Musterschülerin Ella, ein kritischer, alle und alles hinterfragender Geist, Hanna Kastner mit sehr intensivem, aufrüttelndem Spiel, widersetzt sich Jones‘ protofaschistischer Bewegung. Sie wird zum Schluss zur „Wellenbrecherin“ werden.

Dos Santos, Sandmann und Henry. Bild: © Reinhard Winkler

Samuel Bertz und Hanna Kastner. Bild: © Reinhard Winkler

Celina dos Santos mit Ensemble. Bild:© Reinhard Winkler

Fröhlich und die MUK-Studies. Bild: © Reinhard Winkler

Nicht nur Hanna Kastner, auch die anderen Solistinnen und Solisten sind perfekt gecastet. Allen voran brilliert Lukas Sandmann als schüchterner Außenseiter Robert, der von seinen Mitschülern gemoppt wird, bis diese sich samt ihm zur Gemeinschaft formen. Sandmann gibt genau die tragische Figur, die Robert ist, den das neue Zusammengehörigkeitsgefühl aus seinem Schneckenhaus holt, der sich in der Organisation bald zur Nummer zwei hinter Mr. Jones hocharbeitet, sich als solche als erster radikalisiert und zum scharfen Regelhüter wird – und wie Sandmann das darstellt, bis hin zum Welteneinsturz nach dem Ende der Welle, kommt man nicht umhin, an einen gescheiterten Kunstmaler zu denken. Oder an Krakeeler auf der Praterwiese.

Celina dos Santos gibt das Prekariatskind Jess als freche Göre, die zusammenstiehlt, was sie sich nicht leisten kann. Auch ihr verschafft die Welle gesellschaftlichen und hierarchischen Aufstieg. Ihr am nächsten steht Stevie, und als dieser berührt Malcolm Henry nicht nur mit seinem Sportass-Song, auf dem Basketballfeld ein Held, in der Schulstunde ein Schafskopf, sondern auch bei einem von Ron verlangten Ausplaudern persönlichster Geheimnisse. Während der brave, angepasste, in Ella verliebte James von Samuel Bertz über einen verpatzten Auftritt bei einem Singer/Songwriter-Contest jammert, verrät Stevie, dass er immer noch mit Stofftier einschlafe.

Bis aus ihm eine Geschichte von familiärer Gewalt platzt. Derart beklagt, verklagt das stimmlich höchst harmonische Quintett die kleinkarierte Stadt, die kleingeistigen Eltern. Perspektive nirgendwo, Probleme allüberall, man kriege keine Luft, singen die fünf, von „Arbeitsmarktkrise, Armutsspirale, sinnlosen Wahlen“. Die Corona-Jugend anno 2020/21 geistert einem im Kopf herum, Distance-Learning, Schichtbetrieb in Schulen, Präsenzunterricht, das klingt schon nach Präsenzdienst.

Gruppengefühl könnt‘ auch was Gutes sein, doch hier wird aus Worten eine Front der Aggression, in der sich das Individuum, die Identität des einzelnen auflöst, schnell ist man auf dem rechten Weg. „Rechts um!“, wie Ella sarkastisch kommentiert. Wie jeder Ver/Führer hat Ron ausgefahrene Antennen für diese Emotionen, „das Buch des Lebens ist ein Witz, den uns jemand auf die Seiten spuckt“, konstatiert er, dazu Or Matias‘ Musik immer haarscharf neben der Spur eines 1950er-Jazz‘, atonal, oft kakophonisch.

Eine Hommage – Ellas Lieblingsautor Langston Hughes arbeitete ja mehrmals mit Kurt Weill zusammen, unter anderem an der ersten afroamerikanischen Oper „Street Scene“. Melodisch, ja hymnisch wird’s immer dort, wo’s um Wellen-Propaganda geht, was einen mitreißt, auch wenn man weiß, dass es falsch ist. Das ist der „Tomorrow belongs to me“/“Der morgige Tag ist mein“-Effekt, wenn es heißt: „Du einsamer Funke, strahlendes Wunder / Blende die Welt, bis sie brennt / Sei endlose Sonne für uns …“ Kein Wunder gehören Lukas Sandmann mit seiner schönen Musicalstimme die meisten Balladen.

Hanna Kastner und Celina dos Santos. Bild: © Reinhard Winkler

Christian Fröhlich und Ensemble. Bild: © Reinhard Winkler

Christian Fröhlich und Ensemble. Bild: © Reinhard Winkler

Hanna Kastner und Lukas Sandmann. Bild: © Reinhard Winkler

Veronika Tupy hat fürs turbulente Treiben ein raffiniertes Bild, einen sich drehenden Quader mit halbdurchsichtigen Wänden auf die Bühne gestellt. Diese nicht nur verschiebbar, so dass sich immer neue Räume öffnen und ungeahnte Sackgassen schließen, sondern auch genutzt als im doppelten Wortsinn Projektionsflächen, vom gezeichneten Plattenspieler über Schattentheater bis zur Großaufnahme beseelter Gesichter – wiewohl die Kamera sowieso closeup-vernarrt ist.

Immer schneller, pulsierender, dringlicher wird der Rhythmus der Musik, dazu die zackige Choreografie von Hannah Moana Paul, neue Welle-Mitglieder werden rekrutiert, Ella per Schattenspiel zusammengeschlagen; Robert baut ein Spitzelsystem auf, Ron lässt sich von seinen Parteigängern auf Händen tragen. Die Gleichschaltung der Köpfe eskaliert, Mr. Jones ist die Situation längst so entglitten, wie den Anti-Corona-Maßnahmen-Demonstranten, die Kenntnis darüber, wer aller unter ihnen marschiert.

Ron Jones bittet die Schülerinnen und Schüler zur „Kundgebung“ in die Aula, eine aufputschende Rede, mit der er sie vorstellen will, „die neue Alternative, die „Allianz für“, den neuen „Führer“, und auf Filmaufnahmen erscheint – eh schon wissen. „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“ / „History doesn’t repeat itself, but it does rhyme“, sagte Mark Twain. Ron, beste Absichten, schlechtester Ausgang, erachtet sein Experiment damit also als beendet. Doch nicht so der zutiefst verletzte und verzweifelte, weil einmal mehr einem Schwindel aufgesessene, nunmehr bewaffnete Robert …

Fazit: Trotz Home Theatre ist „The Wave“ aus dem Landestheater Linz ein Bühnenereignis. Jonatan Salgado Romero und Constantin Georgescu hinter den Kameras schaffen mit ihrem Mix aus Großaufnahmen, Totalen und Halbtotalen beinah Saalatmosphäre, ebenso die Tonmeister Christian Börner und Gerald Landschützer. Agiert wird von allen ganz großartig, die MUK-Studierenden zeigen beim Singen, Tanzen, Spielen ihre 1A-Ausbildung, und gleich einer Mahnung im Gedächtnis bleibt Lukas Sandmanns glaubhaft erschreckende Wandlung vom Underdog zum Fanatiker, der, sobald er durch die Welle Macht erlangt, seinen heißgestauten Frust abkühlt.

Und würd’s, wenn wieder live gespielt wird, noch gelingen das Schimpfwort „Hackfresse“ gegen ein gebräuchlicheres zu ersetzen, es muss ja nicht gleich „Ogrosl“ sein, dann würde aus einer fabelhaften Aufführung eine fantastische. Bis 17. April auf www.landestheater-linz.at/netzbuehne für jeweils 48 Stunden ab dem Ticketerwerb zu streamen. Pay as you wish!

www.landestheater-linz.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=x45S6wgxKUk

  1. 3. 2021

Wiener Festwochen: Diamante

Mai 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als Voyeur in anderer Leute Lebenswelten

Bild: © Annette Hauschild, Ruhrtriennale 2018. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

Werksiedlungen gab’s auch hierzulande, in Wiedenbrunn von den Krupps für ihre Berndorf-Arbeiter aufgezogen, in Kaprun, in Altach, in Hard, die berühmteste, in Mannersdorf, hat kein geringerer als Roland Rainer konzipiert. Werksiedlungen sind Städte, die Unternehmen für ihre Untergebenen errichten. Google und Facebook schufen zum Beispiel idyllische Fleckchen für ihre Tüftler und Denker, die so selbst im Privaten greifbar sind, Tag und Nacht Tür an Tür mit den Chefs.

Um solcherart die Produktion und damit den Profit zu steigern. Und weil man nun alles teilt, von Gratisfahrrädern übers Gemeinschaftsschwimmbad bis zur Bio-Nahrung, besonders perfide war einst Krupp in Essen, wo die Wohnkolonie sowohl an die werkseigene Gas- als auch Wasserleitung angebunden war, und ein Teil des Lohns in Lebensmittelscheinen zur alleinigen Einlösung beim Krupp-Krämer ausbezahlt wurde, wird der Paradiesgarten schnell zum Sektenhort. Auf Absplitterung von folgt Angst vor der Außenwelt, folgt die Abschottung – there we are: Gated Communitys. Ein gerade aus den beiden Amerikas nach Europa kommender Trend (siehe dazu auch die Filmrezension zu Lukas Valenta Rinners „Die Liebhaberin“: www.mottingers-meinung.at/?p=25785).

In eine solche führen nun der argentinische Regisseur Mariano Pensotti und seine Kompanie Grupo Marea bei der ersten diesjährigen Festwochen-Produktion „Diamante“. In der riesigen Halle der Erste Bank Arena in der Donaustadt, der 22. Bezirk dies Jahr ja ein Festwochen-Schwerpunkt mit zahlreichen Projekten, hat sich Pensotti von Bühnen- und Kostümbildnerin Mariana Tirantte diese Dschungelstadt aufbauen lassen, zehn Häuschen und ein Auto, die Zuschauer bewegen sich dazwischen, von Spielort zu Spielort, beobachten durch Schaufenster, wie Darstellerinnen und Darsteller agieren, der oberste Teil der Glasfronten jeweils der Platz für Übertitel mittels derer erklärt wird, was zu sehen ist. Ein Erzähler geleitet das Publikum zusätzlich von Station zu Station.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

Drei Mal durchläuft man den Kreislauf der elf Geschichten à acht Minuten, in Sommer, Herbst und Winter wird man zum Voyeur in anderer Leute Lebenswelten, die Reihenfolge des theatralen Spaziergangs dabei beliebig. So fiktiv die einzelnen Geschichten, von denen Pensotti berichtet, so wahr die ganze Geschichte. Diamante wurde 1836 von der Bergbau- gesellschaft Goodwind im Norden Argentiniens gegründet, zählt heute etwa 20.000 Einwohner, und war zunächst ein kapitalistisches Utopia mit dem Ziel, durch Zivilisierung der Region einen strategischen Zugang zu den reichen Erdölvorkommen zu schaffen.

Der deutschstämmige Goodwind-Eigentümer Emil Hügel ließ die südschwedische Ferienpittoreske seiner Kindheit nachbauen, die ersten Siedler kamen wie er überwiegend aus Deutschland, doch schon bald gab der Gründer seiner Stadt strenge Regeln: Anstelle des örtlichen Spanisch wurden Deutsch und Englisch gesprochen, die Kirchen waren protestantisch, Alkohol wurde nur abends verkauft, alle mussten jeden Morgen gemeinsam Sport machen, jeder musste ein Musikinstrument beherrschen … In diese Tatsachen platziert Pensotti seine ans Fernsehformat Telenovela angelehnten Minidramen.

In ihren skandinavischen Holzhäuschen, eingebettet in ihre sozialen Privilegien, erspäht man die Menschen beim Tanzen und Lieben, sieht, wie Beziehungen entstehen, zerbrechen, wie betrogen, die Flucht gewagt und trotz allem gehofft wird. Eine leitende Angestellte des Konzerns kandidiert für das Gouverneursamt, der Betriebsrat wird ihr linker Gegenkandidat. In das Haus einer Rechtsanwaltsfamilie, die für das Unternehmen arbeitet, wird eingebrochen. Der Gewerkschafter wird beschuldigt, den Einbruch organisiert zu haben, in Wirklichkeit war es der Wahlkampfmanager seiner politischen Rivalin – und verhaftet. Die rechte Kandidatin gewinnt die Wahl, doch die Firma fusioniert plötzlich und ohne ihr Wissen, es gibt Entlassungen, später geht das Werk bankrott.

Diamante, die zukunftsträchtige Mustersiedlung, hat sich in ihr schlimmstes Gegenteil verkehrt, mit jedem Akt werden die Charaktere verunsicherter, steigt die Sorge um Sicherheit und Wohlstand, werden die Verhältnisse chaotischer, die Menschen verrohter und gewaltbereiter: Sekten, Gangs, Milizen bestimmen bald die Stadt – die schließlich, wie zynisch ist das denn!, zum Themenpark wird, in dem die verbliebenen Einwohner sich selbst nur noch spielen. Auch das reale Diamante hat sich in die Region, in der es errichtet wurde, nie integriert; im Gegenteil, man lebt in Furcht vor den Nachbarn, denn der Lebensstandard der Stadt steht in krassem Widerspruch zur Armut der umliegenden Dörfer.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

So überwältigend ausufernd die einzelnen Ebenen dieses Live-Epos, so klar die Grundaussage. Pensotti zeigt auf, wie sich ein Innen zum Außen verhält, heißt: wie Privates von Politik, diese von der Wirtschaft gegängelt wird. Er zeigt ein System, das das Individuum als kalkulierbar und sich ergo als ihm nicht mehr verpflichtet betrachtet, zeigt subtil die seelischen und zwischenmenschlichen Folgen von permanentem Erfolgsdruck zwecks Effizienzsteigerung und Gewinnmaximierung.

Er arbeitet sich an den Themen Kolonialismus und Neoliberalismus und dem Outsourcing von Arbeit in Billiglohnländer ebenso ab, wie an der Festungsmentalität derer, und hier trifft er den Nerv der europäischen Gegenwart, die um den Erhalt ihres Hab und Guts bangen. Dies bevorzugt verbrämt im Begriff der Erhaltung der eigenen Kultur. „Diamante“ ist ein fünfeinhalbstündiges Immersivspektakel, anstrengend, aber da dramaturgisch ausgetüftelt durchwegs spannend. Ergreifende Geschichten, perfekte Performance, tolles Setting, großartiges Theater. Die Wiener Festwochen 2019 beginnen mit einem Höhepunkt.

Video: www.youtube.com/watch?v=XoCE2Rvtt24           www.festwochen.at

  1. 5. 2019