TAG: Medea – Ich, ich, ich, ich!

Dezember 10, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Ausländerin einfach abschieben

Michaela Kaspar als vor Zorn rasende Andrea/Medea: Bild: Anna Stöcher

Da die Darsteller bei ihrem ersten Auftreten als attischer Chor Masken tragen, verweist dies bereits darauf, dass das Drama zur Groteske werden wird. Der Mythos der mord- lüsternen Medea als spöttische Auseinander- setzung mit den Bürgern der Polis – so originalgetreu überschrieben hat Gernot Plass Euripides, und dem Namen der Barbarenprinzes- sin vier Ichs angefügt. Kenn- zeichnung einer Ego-Gesell- schaft, in der jeder für sich und gegen alle anderen ist.

„Medea – Ich, ich, ich, ich!“, uraufgeführt am Wochenende im TAG, ist die komplett unterschiedliche, sich total gleichende Geschichte mit Ursprung Argonautensage, Andrea und Walter aka Medea und Jason als Yuppie-Paar, das die geschmackvoll-weiße Couch allerdings nicht zur Ehetherapie nutzt. Nein, zwischen Michaela Kaspar und Julian Loidl geht’s handfest zur Sache, ein Streit wegen des Gatten Seitensprung eskaliert, dieweil der Chor eben noch vor hochgespieltem Individualismus warnte, schlimmer ist es als die Frau befürchtet hat: Das Pantscherl basiert auf politischem Kalkül. Walter gesteht freimütig, ihm sei das höhere Töchterl Elisa lieber als die angetraute Lebensabschnittspartnerin.

Deren Vater Peter, früher König Kreon von Korinth, ist immerhin Bürgermeister, und Elisa/Kreusa beileibe nicht untätig, träufelt sie’s doch wie Gift in Daddys Ohr, er solle die Ausländerin per Dekret abschieben, die Fremde ein für alle Mal aus der Stadt entfernen lassen. Für Andreas Kinderchen hingegen hat Elisa durchaus Verwendung, wie schön, auf Mutti machen zu können, ohne die Unbill des Gebärens. Über so viel Chuzpe seiner Lendenfrucht steht sogar Jens Claßens Peter der Mund offen, er wird dennoch den Wunsch Elisas zu erfüllen trachten.

Walter/Jason will Lebensabschnittsgattin Andrea abschieben: Julian Loidl und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Bürgermeister Peter und Tochter Elisa aka Kreon und Kreusa: Jens Claßen und Lisa Schrammel. Bild: Anna Stöcher

Messerattentäterin Andrea tötet Ehekonkurrentin Elisa: Michaela Kaspar und Lisa Schrammel. Bild: Anna Stöcher

Der weinende Walter, die triumphierend blutverschmierte Andrea: Julia Loidl mit Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Lisa Schrammel schlüpft in diese Rolle, der Charakter der Kreusa von Gernot Plass, wiewohl er die griechische Tragödie insgesamt auf ihre immer noch Gültigkeit abklopft und für gut befindet, der am meisten ins Heute gehievte, denn Elisa ist ein manipulatives, machthaberisches Upper-Class-Miststück fernab jeder Jungmädchen- haftigkeit, geschweige denn Mitmenschlichkeit. Es macht einen frösteln, wie Plass die Figuren zwischen TAG-typischem Geplänkel und aggressivster Kontroverse wechseln lässt. Seine „Medea“ ist ein entsetzliches Vergnügen, der irrwitzige Plot um Beziehungskisten angereichert um den Wahnsinn der Themen Rassismus und Xenophobie – ein Fazit zum Umgang der selbsternannten Ersten mit der sogenannten Dritten Welt.

Selbstverständlich wird auch diesmal das Schlachtfeld der sexuellen Untreue mit Blut begossen, im ewig währenden Kampf der Geschlechter schont die Inszenierung niemanden. Vor allem Kaspar und Schrammel gehen mit brutaler Gewalt in den Infight, die europäische Bildungsbürgerin und die zu entsorgende Ehefrau aus einer, wieder und wieder wird’s gesagt, rückständigeren „Kultur“. Kaspar kann grandios toben, im Wortsinn archaisch – und wie!, Schrammel so groß- wie unartig skrupellos sein, letztlich aber, eine so schlimme, wie die andere, überlappen die beiden Plass-Charaktere. Schauderhaft die Szene, in der Elisa endlich die Beherrschung verliert und kaltschnäuzig zugibt, sie hätte sich die Bastardsöhne zwecks „für uns die Drecksarbeit erledigen“ ins Haus geholt, grauenvoll die Reaktion Andreas, die zur Vermeidung der Ausweisung erst Peter anbaggert, bis –

Der Chor der attischen Tragödie: Julian Loidl, Jens Claßen, Lisa Schrammel und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

sie beginnt, die Leichen zu Bergen zu stapeln. Auf diese Bestialität hat sich die Aufführung hundert atemlose Minuten lang zugespitzt, der Abend ist von der ersten bis zur letzten von fiebrig vibrierender Spannung, alle beständig am Rande des Nervenzusammenbruchs, weil der Existenzbedrohung, auch Claßens gern mal laut werdender Lokalpolitiker, auch Loidls begriffsstutziger, Schwanz einziehender Anti-Held, der ja zumindest seit Grillparzer zum rückgratlosen Schwächling deklariert ist. Derart changiert „Medea – Ich, ich, ich, ich!“ im TAG von literarischen Bezügen zu deren Brüchen.

Die Sprache des Plass’schen Textes ist stark, seine Umsetzung auf der Bühne intensiv, zwischen Gut und Böse sind die Figuren hier jenseits von … und das Publikum mal bitter lachend, mal betreten Innenschau haltend. Medea/Andrea schießt sich ins Aus durch einen martialischen Spruch, den sie in ihrer Wut ausstößt. Bekannt kommt einem dieser Satz vor. „Was? ‚Ich bring sie um?‘ Mein Gott! Das wird man doch noch sagen dürfen!!!“

 

dastag.at

  1. 12. 2019

Theater Akzent: Frühere Verhältnisse

November 7, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramar befördert die Posse ins politische Jetzt

Adriana Zartl, Julian Loidl, Tania Golden und Hubsi Kramar rhythm ’n‘ bluesn sich durch Eva Schusters und Michael Reitingers akutpolitische Couplets. Bild: © Karl Satzinger

Eine Handvoll rotiert im Hintergrund, als wären sie ein einziges großes Schicksals-, während Hubsi Kramar an der Rampe Bert Brechts „Ballade vom Wasserrad“ rezitiert: „Freilich dreht das Rad sich immer weiter / dass, was oben ist, nicht oben bleibt. / Aber für das Wasser unten heißt das leider / nur: Dass es das Rad halt ewig treibt …“ Klar, wenn der längst mit dem Titel „Grandseigneur der freien Wiener Theaterszene“ geadelte Kramar nach einem Stück

seines Haus- und Hofautors greift, bleibt’s nicht bei der puren Nestroy’schen Posse. Dafür sind dem Bühnenmenschen die Kapriolen der aktuellen Innenpolitik denn doch zu gewaltig und der Possenreißer auf den diversen Politbühnen zu viele. Kramar ruft anfangs das Jahr 1848 als Zeitzeugen an, sein liebster Volksstückeschreiber, ist er überzeugt, hat Karl Marx‘ Kommunistisches Manifest garantiert gelesen, und also baut er seine Brücke zu Brecht und Proletariat. Schon ahnt man dessen Tschuchen das Theater Akzent erstürmen, die Arbeiterklasse im ewig antibourgeoisen Klassenkampfmodus, doch Regisseur Kramar twistet „Über die Unsicherheit menschlicher -“ und die von ihm angeklagten jetzigen zum Originaltext:

„Frühere Verhältnisse“, Einakter, entstanden 1861 als Nestroys vorletztes Werk, von Kramar auf stolze Fast-Zwei-Stunden gestreckt. Tania Golden als von der Tragödin zur Dienstbotin rückbeförderte Peppi Amsel, Adriana Zartl als Professorentöchterl Josephine und Julian Loidl als deren Gatte Herr von Scheitermann spielen mit Hubsi Kramar, der selbst die Figur des Hausknechts Anton Muffl übernimmt. Das heißt, vor allem auch singen sie, denn die Aufführung beginnt à la Chansonabend, und die großartigen neuen Couplets und Coupletstrophen von Liedtexterin Eva Schuster und Komponist wie Gitarrist Michael Reitinger erweisen sich bei der gestrigen Premiere bald als die Highlights der Produktion.

Musikalisch wird sich über Luftballon-Egos, diese zwar seelenlos, aber dafür mit Schmiss, über Arroganz und Süffisanz lustig gemacht, eine bizarre Mozartkugel-Politdebatte entspinnt sich, die Golden swingt, Loidl rockt, Kramar hat, weiß man seit seiner Leonard-Cohen-Hommage „Dance Me To The End Of Love“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28633) sowieso den Blues, und wenn Adriana Zartl beim Song „Nur a Einzelfall“ erklärt, dass die Rechnung für die eh immer gleichen aufgeht, dann sind die Sinne fürs Folgende satirisch-scharf gestellt. Rasch wird nun in Kostüme und Rollen geschlüpft, erstere karikaturistische Kreationen von Maddalena Hirschal, im Bühnenbild von Markus Liszt hebt die Handlung an, und siehe da:

Je altersloser, desto authentischer: Hubsi Kramar besingt die grundschlechten Leut‘. Bild: © Karl Satzinger

Da tanzen die Gefühle Twist: Tania Golden als Peppi Amsel und Hubsi Kramar als Hausknecht Muffl. Bild: © Karl Satzinger

Nestroy braucht keine Verjüngungskur, seine Pointen sitzen auch ohne Unwort-Nominee „zack, zack, zack“, die Charaktere sind durch die Komödie ohnedies schon zur Kenntlichkeit entstellt. Das Darstellerquartett präsentiert sich als formidable Nestroy-Spieler, Nestroy-Debütant Julian Loidl als ebenfalls mit dem entsprechenden Komödianten-Gen ausgestattet. Zwischen dem, was einer anrichtet, ein anderer ausrichtet, und wie sich’s einer richtet, taumeln Hochstapler, Emporkömmlinge und tief Gefallene, Intriganten fangen sich beim Intrigen spinnen im Netz irrwitziger Irrungen und Wirrungen, so verstrickt sind sie, dass Golden und Loidl kurz unfreiwillig lachen.

Loidl ist als Holzhändler Herr von Scheitermann ein Neureicher, der schwer an seinen Altlasten trägt, war der nunmehrige Hausherr doch vor gar nicht langer Zeit noch Hausdiener, was die holde Gattin niemals erfahren darf. Adriana Zartl setzt als diese Josephine ihr zartes Gemüt samt dazugehöriger Verstörtheit als ihre stärkste Waffe ein. In Wahrheit eine ziemliche Keifzange, degradiert sie ihren Angetrauten zum Pantoffelhelden, großartig ist das, wenn sie aufseufzend nach Luft schnappt und Scheitermann, den nächsten Nervenzusammenbruch befürchtend, schnell ein glitzerndes Geschmeide zur Hand hat, das ihr im Wortsinn in den Schoß fällt.

Unfrieden ins häusliche Unglück bringen die beiden frisch engagierten Angestellten: Tania Golden als theater- damische Köchin Peppi Amsel, die mit ihrem berühmten Auftrittscouplet „Theater, oh Theater du, der Kunst geweihter Tempel, raubst manch’ Geschöpfen Herzensruh, ich bin so ein Exempel …“ vom Zuschauersaal aus die Bühne erklimmt, die als gewesene Küchenchefin des Professors über die Kein-Kind-von-Traurigkeit-Vergangenheit von dessen „höherer Tochter“ nur allzu gut Bescheid weiß – und außerdem eine Verflossene von Anton Muffl ist.

Köchin und Dienstherrin sind einem Geheimnis auf der Spur: Golden und Adriana Zartl als Josephine Scheitermann. Bild: © Karl Satzinger

Herr von Scheitermann darf bei seiner Frau nicht scheitern: Nestroy-Debütant Julian Loidl und Adriana Zartl. Bild: © Karl Satzinger

Als dieser stellt sich Hubsi Kramar ein, mit dem legendären Liedzitat über die vielen guten Mensch’n, aber die grundschlechten Leut‘, das ehemals aktionistische Enfant terrible gereift zum Weltanschauungsphilosophen, zwar immer noch verärgert, aber nicht mehr wutschäumend über den diese regierenden Wahnsinn. Kramar wird, scheint’s, je altersloser, desto authentischer. Es ist schön, ihm dabei zuzusehen, wie er im Charakter aufgeht, sein Muffl erst ganz defätistisch-sarkastischer Diener, bis der bankrottgegangene Geschäftsmann im noblen Herrn seinen Ex-Knecht erkennt.

So wird er zum Erpresser, dessen scharfzüngiges Schweigen jenes Gold ist, das ihm der Parvenü nun reichlich in die Taschen füllen muss. Verursacht durch die allgemeine Geheimniskrämerei glauben die Frauen die Männer in einen Bankraub verwickelt, weshalb die Harfe von Anja Pichler nach kakophonischen Tönen schließlich Krimiklänge zur Suspense-Posse intoniert … Das alles schwappt wunderbar Wienerisch übers Publikum. Kramars Inszenierung von „Frühere Verhältnisse“ ist eine hochamüsante Hanswurstiade, dank Tania Golden auch hochtheatralisch, Nestroys schwarzhumorige Gesellschaftssatire ihm

gleichzeitig der perfekte Anknüpfungspunkt an akute Zustände und allgemeine Befindlichkeiten. Kramar demonstriert am Stück die gar nicht so sehr vormaligen Verwerfungen des Kapitalismus, heute: Neoliberalismus, von Menschen, denen Solidarität ein Fremdbegriff ist, den zu begreifen ihnen ihre Selbstbezogenheit verbietet. Er führt Narr-ziss wie Schandmaul vor, bevor er beide bloßstellt – das ist Unterhaltung bis in ihre Abgründe ausgelotet. Und nur noch fünf Mal zu sehen!

www.akzent.at           www.facebook.com/hubsi.kramar

  1. 11. 2019

Theater in der Josefstadt: Einen Jux will er sich machen

Oktober 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch kann herrlich süßholzheucheln

Der Lehrbub steht dem Kommis in nichts nach: Die Josefstadt-Debütanten Johannes Krisch und Julian Valerio Rehrl als Weinberl und Christopherl. Bild: Rita Newman

Das Ereignis der gestrigen Nestroy-Possen-Premiere „Einen Jux will er sich machen“ am Theater in der Josefstadt sind tatsächlich deren drei. Selbstredend das Hausdebüt von Johannes Krisch. Der nach dreißig Jahren Mitgliedschaft am Burgtheater aufgrund von „Altlasten“ und im Sinne der „Selbstachtung“, wie Krisch das Thema im Bühne-Interview kurz abfertigte, nicht länger auf dessen Ensembleliste steht. Und hierauf von Herbert Föttinger herzlichst bewillkommnet wurde.

Und nun an seine erste Rolle im achten Hieb, den Handlungsdiener Weinberl, mit einem verschmitztem Charme und derart viel Wiener Schmäh herangeht, mit einem vor Spielfreude hell brennenden Herzen, dass es die des Publikums im Handumdrehen entflammt. Der Charakterschauspieler ist ein Glück, das man hoffentlich verstehen wird, festzuhalten, nicht nur Vollblutkomödiant, sondern auch einer von der immer seltener werdenden Sorte der Volksschauspieler – wobei diesbezüglich en tout Vienne um die Josefstadt am wenigsten zu fürchten ist. Wie Krisch seinen Midlife-„Greißler“ zum „verfluchten Kerl“ avanciert, wie er dessen verrückte Sehnsucht nach einmal Exzess im Leben anlegt, wie dieser Weinberl bei den folgenden Verstrickungen in Sachen Hochstapelei zur Hochform aufläuft, der eben noch beflissene Kommis, der jetzt prahlt und in seiner Not, entlarvt zu werden, profimäßig improvisiert, wie er vor den Damen süßholzheuchelt, das ist große Kunst.

Um nichts weniger erfreulich, die anderen zwei Neuzugänge: Robert Joseph Bartl, Krimifans bekannt als München-„Tatort“-Gerichtsmediziner Dr. Mathias Steinbrecher, der als Gewürzkrämer Zangler sein ganzes Gewicht in die Figur legt, und als – dieweil ihn sein Hausstaat ohnedies nicht ernst nimmt – strenger Herr mit batzweichem Kern den Zuschauern einen Riesenspaß macht. Ebenso wie Julian Valerio Rehrl, nagelneu aus der Schauspielschule Ernst Busch, der als Lehrling Christopherl zwischen spitzbübisch und panisch schwankt, ersteres in Anwesenheit der Mesdames, zweiteres, wenn er angesichts der Ausweglosigkeit von Situationen am liebsten „o‘fohrn“ möchte.

Mit Rehrl hat Föttinger ein junges Talent entdeckt, das sich mit Verve in seine Aufgaben wirft, seien’s die von der Regie vorgesehenen grobmotorischen Slapstick-Momente, seien’s die choreografisch fein getänzelten Szenen mit Johannes Krisch. An dessen Seite Rehrl grandios besteht, die beiden per ihrer punkgestreiften Hosen als bühnenverwandte Seelen ausgewiesen, und als solche fürs Uptempo der Aufführung zuständig. Diese hat Stephan Müller zu verantworten, der Schweizer Theatermacher, den Krisch noch von seinen „Nothing Special“-Gigs im Burgtheater-Kasino kennt, und der mit dieser Arbeit seinen ersten Nestroy inszeniert.

Marie und ihr Herzensmann August Sonders auf der Flucht: Anna Laimanee und Tobias Reinthaller. Bild: Rita Newman

Das is klassisch! Martin Zauner als Melchior mit Josefstadt-Neuzugang Robert Joseph Bartl als Zangler. Bild: Rita Newman

Für den er gewissermaßen eine kokette Künstlichkeit zur Methode erhebt. Müllers Zugang zum „Jux“ heißt schräg, skurril, schrullig. Was bedeutet, dass er mit dem so leicht ins Lächerliche zu ziehenden Soziotop des städtischen Bürgertums weit mehr anfangen kann, denn mit Nestroys Gesellschaftskritik – die er umschifft, als hätte der „Jux“ in den Charakteren Weinberl und Christopherl kein „Zu ebener Erde“. Nur einmal darf der Kommis über die „Kapitalisierung des Verstandes“ sinnieren, und zweifellos ist die tumultöse Handlung perfekt getimt, werden die Pointen so treffsicher ge-, wie Müller auf punktgenaue Sprache setzt, aber der gfeanzte Subtext, der fiese Sarkasmus, mit dem der Volkstheaterdichter die nicht nur früheren Verhältnisse beschreibt, fehlen.

Müllers Synonym für Posse ist Schwank, nicht Farce, und auch die neuen Coupletstrophen von Autor Thomas Arzt sind ziemlich handzahm, höflicher gesagt: übersubtil, es geht um die Eh-schon-wissen-Themen von Klimakrise über #MeToo bis zum von Krisch im Wortsinn frisch aus dem Hut gezauberten Politstatement „Die rechte Hand in die Höh‘ – das is ganz a blöde Idee.“ Die Musiker, die Krisch begleiten, sind Matthias Jakisic mit der E-Geige und Thomas Hojsa mit dem Akkordeon, deren Interpretation von Alt-Wiener Melodien Protagonist wie Publikum von den diesjährigen Festspielen Gutenstein kennen, wo Krisch in Felix Mitterers „Brüderlein fein“ den Nestroy-Konkurrenten Ferdinand Raimund verkörperte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34049).

Alles trifft sich im Haus des Fräulein von Blumenblatt: Elfriede Schüsseleder (M.) mit Martina Stilp als Madame Knorr, Robert Joseph Bartl, Paul Matić als Wächter, Anna Laimanee und Alexandra Krismer als Frau von Fischer. Bild: Rita Newman

Für Müllers 130-minütiges kunterbuntes Treiben haben Sophie Lux und Birgit Hutter ein entsprechendes Bühnenbild und Kostüme entworfen, von der in sich geschlossenen Bretter-vorm-Kopf-Welt des Zangler’schen G‘wölbs bis zur grünabgesteppten Gummizelle, die die Wohnung des Fräulein von Blumenblatt markiert. Den Modesalon der Madame Knorr säumen orange-güldene Wolkenstores, in selbem Material und Farben glänzt die Toilette der Couturière und ihrer Busenfreundin Frau von Fischer.

Optische Gustostücke, und wie die gesamte Garderobe von gigantischen Zylindern bis zu Zanglers zu engem Schützenrock grotesk überzeichnete Biedermeierzitate, die mittels Zugband bis zum Juhu gerafft werden können. Was Martina Stilp und Alexandra Krismer, beide festgelegt auf den Typ flatterhafte Funsn, genüsslich wieder und wieder zur Schau stellen. Martin Zauner amüsiert als Hausknecht Melchior unfehlbar „klassisch“ mit seinen Kabinettstückchen, ein wichtigtuerischer Kommentator des Geschehens, der, wo noch keine Verwirrung herrscht, garantiert für diese sorgt. Anna Laimanee und Tobias Reinthaller wissen als Liebespaar Zangler-Mündel Marie und August Sonders, wie man, was sich nicht schickt, auf gewiefte Weise trotzdem durchführen kann.

Von den etlichen, die in mehreren Rollen zu sehen sind, passt Elfriede Schüsseleder als überspannt, überkandideltes Fräulein von Blumenblatt wohl am besten ins Müller’sche Konzept. Für ihre ins Absurde gesteigerte Gestaltung dieser – wie die Knorr gleich ihren Wänden gekleideten – Kunstfigur, davor gibt Schüsseleder Zanglers hantige Wirtschafterin Frau Gertrud, gab’s den gebührenden Applaus, wie Cast und Crew überhaupt mit viel Jubel bedankt wurden. Nach dieser Begeisterung beim Premierenabend scheint’s, als hätte die Josefstadt mit dem „Jux“ einen weiteren Publikumshit zu verbuchen.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=ZqYGG-Z2558           www.josefstadt.org

  1. 10. 2019

Wiener Festwochen: The Scarlet Letter

Mai 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Penis im Kampf mit dem Puritanismus

Bild: © Bruno Simao

„Mein Körper ist mein Protest gegen die Gesellschaft“, zitieren die Wiener Festwochen die spanische Theatermacherin Angélica Liddell. Die Meisterin der Extremkörperperformances macht nach 2013 erneut Station im MuseumsQuartier, wo sie ihre Interpretation von Nathaniel Hawthornes 1850er-Roman „The Scarlet Letter“ zeigt. Zur Erinnerung, das ist jener Buchstabe A, der im puritanischen Neuengland der Ehebrecherin Hester Prynn an die Brust genäht wird.

Weil sie den Vater ihres in Schande gezeugten Kindes nicht nennen will – es ist, weiß der Leser bald, der Dorfpfarrer Dimmesdale, zwischen dem und Hesters Ehemann sich ein Zweikampf mittels Psychofolter, Versündigungsgedanken und Selbstkasteiung entspinnt. Traditionelle, heißt: patriarchale Strukturen als Gefüge von Gefahr und Gewalt vorzuführen, Familienbande, aus denen es, da sozial determiniert, kein Entrinnen zu geben scheint, sind ein immer wiederkehrendes Motiv in Liddells Arbeit. Dass sie dabei auf Schockwirkung durch Selbstverletzung setzt, mal griff sie zu Rasierklingen, mal ließ sie sich die Füße einbetonieren, um gängige Konventionen als „Klotz am Bein“ zu enttarnen, ist ebenso Teil ihrer Aktionen.

Für ihre Begriffe beinah harmlos wirkt daher ihre nunmehrige Auseinandersetzung mit Scheinmoral, Spießbürgerlichkeit und der aus beidem entstehenden Beschränkung der sexuellen Freiheit. Denn auch, wenn der Programmzettel vor eventuell „unangenehmen Szenen“ warnt, so ist eine Bühne voll kleiderloser Männerkörper durchaus gut auszuhalten. Vor allem, da Liddell sie in hochästhetischen Bildern arrangiert hat. Unnötig zu sagen, dass darob der Premierenjubel groß war. Liddell hinterfragt in ihrer jüngsten Inszenierung nicht nur die femi- nistische Wagenburgmentalität und deren dauernde Correctness-Debatte – El País nannte sie deshalb eine „Scharfschützin gegen #MeToo“. Sie erweitert Hawthornes scharlachroten Buchstaben vom A für Adultery/Ehe- bruch zum Zeichen für Art. Es ist die Kunst selbst, die sich hier gegen Fesseln wehrt, die man ihr anlegen will.

Bild: © Bruno Simao

Inmitten blutglühender Tableaux tritt sie gegen die Zumutungen einer durchrationalisierten, sich selbst knebelnden Gegenwart an, der Abend ein Aufschrei des Gefühls gegen die Vernunft, der Emotion gegen die Ratio. Wobei, nicht ganz, bewaffnet sich Liddell doch mit den Aussprüchen eines Jean-Paul Sartre oder post- strukturalistischer Denker wie Jacques Derrida und Michel Foucault. Von denen ersterer übrigens einen Essay über die Scham verfasste, die er fühle, wenn seine Katze ihn nackt im Badezimmer beobachte, während zweiterer sich im de Sade’schen Sinn mit dem „Gebrauch der Lüste“ beschäftigte.

Ins Zentrum ihrer Passionsgeschichte stellt sich die Performerin selbst, als Schmerzensfrau, erst in sittlich-schwarzer Robe, später mit wund gepeitschtem Rücken, die sie umringenden Männer nur bedeckt mit Karfreitagskutten, dann völlig entblößt. Acht sind es, die in sportlichen Spontanausbrüchen schreiend Tische stemmen oder sich zu kryptischen Figuren formen. Leidet sie wütend, wüten sie leidend, mehr Lust sich zu erklären hat Liddell nicht, in ihre Freie Assoziation über Begierde und Aufbegehren lässt sich interpretieren, was der philosophische Überbau hergibt: Der Penis im Kampf mit dem Puritanismus.

Ein Glück, hat Liddell auch Humor. So lässt sie einmal ein entlarvend misogynes Lamento übers Altwerden als Frau los, nachdem dem liebestollen A die Befriedigung vom Oktett verwehrt wurde, lässt ein Kyrie eleison gegen den O-Zone-HitDragostea din tei“ erklingen oder zu Lullys Hofmusik die Herren eine phallische Parade für den Sonnenkönig abhalten. Mit ihrem A meint Liddell auch Arthur, so der Vorname des Kindsvaters Dimmesdale, er folgt ihr rot vermummt und stumm, bis er stirbt. Mit A meint sie Artaud, in die Nähe von dessen Theater der Grausamkeit das ihre immer wieder gerückt wird. Und schließlich meint sie „Amor als Sieger“. Caravaggios Gemälde vom dunkel geflügelten Jüngling ist Liddells Schlussbild. Auch er ist – nackt.

Video: www.youtube.com/watch?v=ynMNEJDuVuA           www.festwochen.at

  1. 5. 2019

Wiener Festwochen: Diamante

Mai 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als Voyeur in anderer Leute Lebenswelten

Bild: © Annette Hauschild, Ruhrtriennale 2018. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

Werksiedlungen gab’s auch hierzulande, in Wiedenbrunn von den Krupps für ihre Berndorf-Arbeiter aufgezogen, in Kaprun, in Altach, in Hard, die berühmteste, in Mannersdorf, hat kein geringerer als Roland Rainer konzipiert. Werksiedlungen sind Städte, die Unternehmen für ihre Untergebenen errichten. Google und Facebook schufen zum Beispiel idyllische Fleckchen für ihre Tüftler und Denker, die so selbst im Privaten greifbar sind, Tag und Nacht Tür an Tür mit den Chefs.

Um solcherart die Produktion und damit den Profit zu steigern. Und weil man nun alles teilt, von Gratisfahrrädern übers Gemeinschaftsschwimmbad bis zur Bio-Nahrung, besonders perfide war einst Krupp in Essen, wo die Wohnkolonie sowohl an die werkseigene Gas- als auch Wasserleitung angebunden war, und ein Teil des Lohns in Lebensmittelscheinen zur alleinigen Einlösung beim Krupp-Krämer ausbezahlt wurde, wird der Paradiesgarten schnell zum Sektenhort. Auf Absplitterung von folgt Angst vor der Außenwelt, folgt die Abschottung – there we are: Gated Communitys. Ein gerade aus den beiden Amerikas nach Europa kommender Trend (siehe dazu auch die Filmrezension zu Lukas Valenta Rinners „Die Liebhaberin“: www.mottingers-meinung.at/?p=25785).

In eine solche führen nun der argentinische Regisseur Mariano Pensotti und seine Kompanie Grupo Marea bei der ersten diesjährigen Festwochen-Produktion „Diamante“. In der riesigen Halle der Erste Bank Arena in der Donaustadt, der 22. Bezirk dies Jahr ja ein Festwochen-Schwerpunkt mit zahlreichen Projekten, hat sich Pensotti von Bühnen- und Kostümbildnerin Mariana Tirantte diese Dschungelstadt aufbauen lassen, zehn Häuschen und ein Auto, die Zuschauer bewegen sich dazwischen, von Spielort zu Spielort, beobachten durch Schaufenster, wie Darstellerinnen und Darsteller agieren, der oberste Teil der Glasfronten jeweils der Platz für Übertitel mittels derer erklärt wird, was zu sehen ist. Ein Erzähler geleitet das Publikum zusätzlich von Station zu Station.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

Drei Mal durchläuft man den Kreislauf der elf Geschichten à acht Minuten, in Sommer, Herbst und Winter wird man zum Voyeur in anderer Leute Lebenswelten, die Reihenfolge des theatralen Spaziergangs dabei beliebig. So fiktiv die einzelnen Geschichten, von denen Pensotti berichtet, so wahr die ganze Geschichte. Diamante wurde 1836 von der Bergbau- gesellschaft Goodwind im Norden Argentiniens gegründet, zählt heute etwa 20.000 Einwohner, und war zunächst ein kapitalistisches Utopia mit dem Ziel, durch Zivilisierung der Region einen strategischen Zugang zu den reichen Erdölvorkommen zu schaffen.

Der deutschstämmige Goodwind-Eigentümer Emil Hügel ließ die südschwedische Ferienpittoreske seiner Kindheit nachbauen, die ersten Siedler kamen wie er überwiegend aus Deutschland, doch schon bald gab der Gründer seiner Stadt strenge Regeln: Anstelle des örtlichen Spanisch wurden Deutsch und Englisch gesprochen, die Kirchen waren protestantisch, Alkohol wurde nur abends verkauft, alle mussten jeden Morgen gemeinsam Sport machen, jeder musste ein Musikinstrument beherrschen … In diese Tatsachen platziert Pensotti seine ans Fernsehformat Telenovela angelehnten Minidramen.

In ihren skandinavischen Holzhäuschen, eingebettet in ihre sozialen Privilegien, erspäht man die Menschen beim Tanzen und Lieben, sieht, wie Beziehungen entstehen, zerbrechen, wie betrogen, die Flucht gewagt und trotz allem gehofft wird. Eine leitende Angestellte des Konzerns kandidiert für das Gouverneursamt, der Betriebsrat wird ihr linker Gegenkandidat. In das Haus einer Rechtsanwaltsfamilie, die für das Unternehmen arbeitet, wird eingebrochen. Der Gewerkschafter wird beschuldigt, den Einbruch organisiert zu haben, in Wirklichkeit war es der Wahlkampfmanager seiner politischen Rivalin – und verhaftet. Die rechte Kandidatin gewinnt die Wahl, doch die Firma fusioniert plötzlich und ohne ihr Wissen, es gibt Entlassungen, später geht das Werk bankrott.

Diamante, die zukunftsträchtige Mustersiedlung, hat sich in ihr schlimmstes Gegenteil verkehrt, mit jedem Akt werden die Charaktere verunsicherter, steigt die Sorge um Sicherheit und Wohlstand, werden die Verhältnisse chaotischer, die Menschen verrohter und gewaltbereiter: Sekten, Gangs, Milizen bestimmen bald die Stadt – die schließlich, wie zynisch ist das denn!, zum Themenpark wird, in dem die verbliebenen Einwohner sich selbst nur noch spielen. Auch das reale Diamante hat sich in die Region, in der es errichtet wurde, nie integriert; im Gegenteil, man lebt in Furcht vor den Nachbarn, denn der Lebensstandard der Stadt steht in krassem Widerspruch zur Armut der umliegenden Dörfer.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

So überwältigend ausufernd die einzelnen Ebenen dieses Live-Epos, so klar die Grundaussage. Pensotti zeigt auf, wie sich ein Innen zum Außen verhält, heißt: wie Privates von Politik, diese von der Wirtschaft gegängelt wird. Er zeigt ein System, das das Individuum als kalkulierbar und sich ergo als ihm nicht mehr verpflichtet betrachtet, zeigt subtil die seelischen und zwischenmenschlichen Folgen von permanentem Erfolgsdruck zwecks Effizienzsteigerung und Gewinnmaximierung.

Er arbeitet sich an den Themen Kolonialismus und Neoliberalismus und dem Outsourcing von Arbeit in Billiglohnländer ebenso ab, wie an der Festungsmentalität derer, und hier trifft er den Nerv der europäischen Gegenwart, die um den Erhalt ihres Hab und Guts bangen. Dies bevorzugt verbrämt im Begriff der Erhaltung der eigenen Kultur. „Diamante“ ist ein fünfeinhalbstündiges Immersivspektakel, anstrengend, aber da dramaturgisch ausgetüftelt durchwegs spannend. Ergreifende Geschichten, perfekte Performance, tolles Setting, großartiges Theater. Die Wiener Festwochen 2019 beginnen mit einem Höhepunkt.

Video: www.youtube.com/watch?v=XoCE2Rvtt24           www.festwochen.at

  1. 5. 2019